Nr. 153. Zweites Blatt. Sonntag den 2. Juli 1893 Der chießener Anzeiser erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener ^-«ilienotStier werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Meßmer Anzeig er Kenerat-Mnzeiger. Bierteljähriger ASsnnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchulfir-SeHlr.7. Fernsprecher 61. Amts- und Anzeigeblutt für den Tkveis Gietzen. Annahme von Anzeigen zu der ^Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. chratisöeitage: chießener Kami lienbkälter. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Börse und Börsensteuer. Wenn man in der Jetztzeit irgend eine Zeitung in die Hand nimmt, wird man unter tausend Fällrn neunhundert Mal daS Wart „Börsensteuer" lesen. Es wird dieselbe hier meist mit den altbekannten Vorgängen im deutschen Reichstage in Verbindung gebracht. Das Publikum bekommt nun daS Wort Börsensteuer in allen möglichen und unmöglichen Variationen vorgesührt, und wird diese Kost, wenn man sich dieses Ausdrucks bedienen darf, von dieser Partei schmackhaft, von jener zwar noch genießbar, von der dritten und mehr Parteien total ungenießbar vorgesetzt. DaS nennt man „in Politik machen!" Wir sind weit entfernt, hier mit als „Koch" aufzutreten und wollen lediglich in das Wesen der Börse und der Börsensteuer, in die Entstehungsgeschichte rc. eindringen. Wie sind die Börsen entstanden? Unter Börse verstehen wir zunächst den Ort, an dem sich Kaufleute, Bankiers, Versicherungsunternehmer, Rheeder und Geschäststreibende oder deren Vertreter regelmäßig zu- sammenfinden, um miteinander direct oder durch Vermittelung von Maklern oder Commissionären Handelsgeschäfte in Maaren, Wechseln, Effecten rc. zu machen. Im übertragenen Sinne wird dann auch die Gesammt- heit der diese Geschäfte abschließenden Personen als Börse bezeichnet, indem man dieselbe gewissermaßen personifizirt und von ihrer Haltung, Stimmung, Tendenz rc. spricht. Die Nützlichkeit des persönlichen Zusammenkommens von Käufern und Verkäufern aller Art, die für den kleineren Verkehr die Märkte hervorrief, ist ohne Zweifel auch dem Großverkehr von jeher einleuchtend gewesen, und insofern reichen die ersten Anfänge der Börsen bis in das Alterthum hinauf. In der neueren Zeit aber wurde mehr und mehr aus den ursprünglich formlosen Zusammenkünften eine geregelte Institution, die theils durch directe staatliche Gesetz« gebung, theils durch Gewohnheitsrecht und Selbstverwaltung ihre festen Normen erhielt. Was den Namen Börse betrifft, so finden wir denselben zuerst im 16. Jahrhundert vor,- er stammt aus Brügge und wurde, wie es heißt, von dem Wahrzeichen des Gebäudes, in welchem die Versammlungen stattfanden, abgeleitet. In Frankreich waren die ersten gesetzlich organisirten Börsen die von Lyon und Toulouse (1549), denen 1566 Rouen, 1724 Paris folgte. In London entwickelte sich die Börse durchaus spontan und frei von allen staatlichen Eingriffen. In Deutschland war Hamburg jchon seit dem 16. Jahrhundert als Börsenplatz bedeutend, während im Binnenlande die Börse erst im Laufe des 18. Jahrhunderts auf größeren Plätzen — Frankfurt a. M., Leipzig, Berlin — zu erheblicher Entwickelung gelangte. Neben dem Waarengeschäst erlangte von Anfang an das Geschäft in Wechseln an der Börse eine hervorragende Bedeutung. Seit dem 17. Jahrhundert bildete sich an größeren Plätzen, wie London und Amsterdam, auch der Verkehr in zinsbringenden Werthpapieren — besonders in Staatsschuldverschreibungen und Actien großer Handelscompagnien — aus. Das betreffende Effectenmaterial aber stellte, abgesehen von der englischen Staatsschuld, durchweg einen bescheidenen Bestand dar. Erst als sich das Actienwesen in großartiger Weise ausbildete und die außerordentlich gestiegene Creditbedürftigkeit der Staaten immer mehr Effecten auf den Markt brachte, sind alle anderen Zweige überholt worden. Selbstverständlich bleiben die natürlichen Vortheile des Börsenverkehrs auch für alle übrigen Geschäftsgebiete bestehen, und in großen Städten finden wir daher selbstständig ausgebildete und von einander getrennte Börsen für die Haupthandelszweige. So hat London außer der für englische Werthpapiere bestimmten „Stock Exchange" eine Börse für fremde Fonds — Foreign Stock Exchange — ferner die königliche Börse — Royal Exchange — für den Maaren- und Wechselhandel im Allgemeinen, außerdem eine besondere Getreidebörse, eine Sreinkohlenbörse, eine Seeversicherungsbörse. Newyork hat eine Hauptbörse, Bergwerksbörse, Petroleumbörse, nationale Baumwollenbörse rc-, Berlin noch eine besondere Producten- börse und eine Hypolhekenbörse, Leipzig noch eine Buchhändler- und eine Garnbörse. Endlich möge roch der ziemlich ziellosen Versammlungen, „Winkelbörsen" genannt, beiläufig gedacht sein. Gesetzliche Normen bestehen für dieselben nicht. In aller Kürze nun noch einige Worte über daS Wesen der Börsensteuer. Die Besteuerung der Verkehrsacte, insbesondere der Uebertragung von Vermögensstücken, ist schon seit längerer Zeit für die Finanzen der modernen Staaten eine wichtige Hilfsquelle geworden. Sie hielt jedoch nicht Schritt mit der Entwickelung der Verkehrsformen selbst, und so blieb namentlich der Umsatz von börsengängigen Werthpapieren, die als Vermögensanlagen eine so hohe Bedeutung erlangt haben, vielfach günstiger gestellt als z. B. der Verkehr in Immobilien und Hypotheken. Lange konnte indeß ein solches Nutzverhältniß der Belastung nicht anbauern, da es sowohl von den Vertretern deS staatlichen Finanzinterefses bald bemerkt wurde, als auch zu Beschwerden von Seiten der ungünstiger gestellten Steuerzahler Anlaß gab. Allerdings kann man nun billigerweise nicht daran denken, von einem Börsengeschäft eine ähnliche, nach dem Werth bemeffene Abgabe zu verlangen, wie von dem Verkaufe eines Grundstücks. Immerhin hat aber wiederum die Besteuerung nicht Schritt gehalten mit der Ausdehnung des Börsengeschäfts und wird man unbedingt darauf kommen müssen, eine erhöhte Börsensteuer einzuführen Daß hierbei auch mit Vorsicht vorzugehen ist, steht wohl außer Zweifel. Wie überall, ist hier ebenfalls ein Zuviel vom Hebel. Es würde eine über die Grenze hinauSgehende Besteuerung überhaupt solche Geschäfte unmöglich machen, und wenn auch Manche in der Vernichtung der Börse einen Haupt- vortheil sehen mögen, so wird doch der practische VolkS- wirthschaftspolitiker anderer Ansicht über die Bedeutung eines vielseitigen, stets auch zur Uebernahme großer Operationen bereiten Effektenmarktes hegen. Völlig berechtigt dagegen ist die Forderung, daß der Verkehr in Werthpapieren unter Berücksichtigung seiner besonderen Natur hinsichtlich der Besteuerung den übrigen, durch Stempel, Einregistrirung oder auf andere Art belasteten TranSactionen möglichst gleichgestellt werde. Am meisten empfiehlt es sich wohl, die Börse aus zwei Elementen zusammenzusetzen, d. i. einer einmaligen Abgabe bei der ersten Ausgabe von ZinS ckder Dividende versprechenden Börsenpapieren, die nach dem Fe«illeton. Wochendriesk aus drr Residenz. (Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".) Darmstadt, 30. Juni 1893. Bau der Hofbibliothek. — Deukmalsfrage. — Vereiusseste. — Sommertheater. Eine außerordentlich interessante Mittheilung, die besonders die Einwohner der gelehrten Universitätsstadt Gießen interessiren dürfte, hat vor kurzer Zeit die Großh. Centralstelle für die Landesstatiftik veröffentlicht. Sie betrifft die Benutzung unserer Großh. Hofbiblwthek, die bekanntlich zu den größten und werthvollsten Büchersammlungen Deutschlands gehört, wir entnehmender genannten Veröffentlichung Folgendes : Im Jahre 1892 wurde der Lesesaal der Hofbibliothek im Ganzen von 7138 Personen besucht, die zusammen 48 593 Bände benutzten. Außerhalb der Bibliothek wurden 8839 Bände an 3648 Entleiher abgegeben. Die stärkste Benutzung fand in den Monaten März, October und November statt — also während der Universitätsferien — die schwächste im Juli. Die Summe der Benutzung an anderen Orten des Großherzogthums betrug an 78 Orten 763 Entleiher, 2475 Bände, diejenige an Orten außerhalb des Großherzogthums im Deutschen Reiche: an 29 Orten 114 Entleiher, 447 Bände und außerhalb des Deutschen Reiches: an 5 Orten 5 Entleiher, 8 Bände. Die Gesammtsumme der Benutzung von der Hofbibliothek angehörigen Werken außerhalb der Bibliothek betrug demnach: an 113 Orten 4530 Entleiher, 11 769 Bände,- die Gefammtsumme der gleichen Benutzung innerhalb und außerhalb der Bibliothek: 11 668 Benutzer und Entleiher, 69 362 Bände. Die angeführten Zahlen beweisen, daß die Hofbibliothek recht fleißig benutzt wird, bekanntlich sichen ihre reichen Bücherschätze Jedermann zur Verfügung. Schön wäre es freilich, wenn wir auch einmal einen besonderen großen Bibliotheksbau erhielten, wie ja auch für das gleichfalls in den Räumen des alten Schlosses untergebrachte Museum jetzt ein eigener Neubau errichtet werden soll, lieber den jetzigen Stand dieser letzteren Frage kann ich Ihnen allerdings nichts Neues mittheilen, die öffentliche Discussion über die seiner Zeit vielbesprochene Angelegenheit ist nunmehr fast gänzlich verstummt. Bekanntlich läßt die Regierung gegenwärtig von einem kundigen Fachrnanne einen Entwurf zu dem geplanten Neubau ausarbeiten, hoffentlich wird dieser rasch beendet und dann mit dem Bau selbst gleich begonnen, denn der kahle Bauplatz vor dem freundlichen Herrengarten macht einen keineswegs schönen Eindruck. Auch von der Platzwahl für das zu errichtende Landesdenkmal zum Ge- dächtniß unseres unvergeßlichen verstorbenen Großherzogs hört man jetzt wenig. Die Summe, die zur Errichtung des Monumentes gesammelt worden ist, hat eine ziemlich ansehnliche Höhe erreicht und dürste im Laufe ter nächsten Zeit noch durch einen stattlichen Betrag vergrößert werden. Die Militärcapellen fämmtlicher hier garnifonirenben Regimenter, im Ganzen vier gutgeschulte und leistungsfähige Orchester, planen nämlich auch in diesem Jahre die Veranstaltung eines großen Massenconcertes im städtischen Saalbau. Der Ertrag soll diesmal, abweichend vom sonstigen Brauche, nicht dem „Jnvalidendank", sondern dem Grundfonds für das Ludwigs- denkmal zu Gute kommen. In Anbetracht des Zweckes der geplanten Veranstaltung ist auf einen außerordentlich starken Besuch von Seiten der Bevölkerung mit Bestimmtheit zu rechnen, also auch auf einen stattlichen Reingewinn, denn der ist noch sehr nöthig, da die vorhandene Summe trotz ihrer Größe zur Bestreitung der Denkmalskosten doch noch nicht ausreicht. Von zwei sehr gelungenen Vereinsfesten aus der vergangenen Woche kann ich Ihren Lesern auch diesmal berichten. Der rührige Gesangverein „Humanitas" hat seinen Mitgliedern und Freunden am letzten Samstag, dem Johannistage, wieder ein eigenartiges und schön verlaufenes Fest bescheert. Der Bedeutung des Tages entsprechend war die Veranstaltung „Johannisfest" benannt worden. Der Saalbaugarten war mit Lampions u. s. w. festlich geschmückt und bot dem Besucher ein recht freundliches Bild. Das Concertprogramm war sehr reichhaltig und voll Abwechselung. Es bestand aus Vortrag mehrerer Chorgesänge, die Herr Musikdirector Steifer wieder ganz vorzüglich einstudirt hatte und aus instrumentalen Darbietungen der trefflichen Capelle Hilge, hier gefiel namentlich die von dem Capellmeister, Herrn Musidirector Hilge selbst übernommene Solonummer für Piston. Dem Concerte folgte ein schönes Brillantfeuerwerk, hübsch zujammengestellt und in allen Theilen wohlgelungen. Zum Schlüsse folgte bann natürlich noch eine anmitte Tanzunterhauung, bie erst am Hellen Morgen endete. Der junge Verein weiß feine geselligen Vergnügungen ganz prächtig zu infeeniren unb hat sich baburch schon viele neue Freunbe erworben. Ebenso gelungen war bann ben Preßberichtcn zufolge auch ber große gemeinschaftliche Ausflug, ben am letzten Sonntag ber Ge- fammtüerein bcs Obenwaldclubs unternahm. Als Ziel war Heppenheim an ber freunblichen Bergstraße ausersehen, bort fanben sich zahlreiche Milglieber ber Sectionen Darmstabt, Mannheim unb Heidelberg zusammen, um ein paar frolje Stunden zu verleben. Ein großes Verdienst hatte sich die Section Heppenheim um den Verlauf der kleinen festlichen Veranstaltung erworben, die zur bunten Ausschmückung deS Städtchens angeregt hatte und deren Mitglieder in liebenswürdiger Weise die Honneurs machten. Nach einem Ausflug zur Starkenburg und ins Kirschhäuser-Thol gings über bie Erbacher Höhe zum Festort zurück, bort wurde um 3 Uhr im altberühmten „Halben Mond" das Festmahl begonnen. Besonders freudig begrüßt wurde die Anwesenheit des Vorsitzenden des befreundeten Schwarzwaldvereins, Herrn Geh. Hosrath Behaghel, der eigens von Heidelberg herübergekommen war, um an der kleinen Feier theilzunehmen. Launige Trinksprüche würzten das Mahl, bann begann auch hier ein kleines Tanzvergnügen zur Freube ber tanzlustigen Jugenb. Im Sommertheater gaftirt gegenwärtig Frl. Theffa Klinkhammer mit schönem Erfolg, ihr gewandtes unb liebenswürdiges Spiel, das freilich dem von Frau Kläger, dem früheren Mitgliede unserer Hofbühne nicht in jeder Beziehung gleichkommt, hat ihr die Gunst des Publikums rasch gewonnen. Wir werden durch die Direction des Sommertheaters übrigen- mit einer ganzen Anzahl hier noch unbekannter, weil nicht „hostheaterfähiger" Stücke bekannt gemacht, die recht viel Interesse erregen. Freilich ist darunter auch manches recht werthlose, das auf den Titel Kunstwerk nicht sowohl Anspruch machen darf, als auf den eines „Sensationsstückes",- gerade in letzterer Zett wurde über das Repertoire des Sommertheaters auch öfters recht lebhaft discutirt. Jedenfalls bietet Herr Reiners alles auf, um den Wünschen des Publikums gerecht zu werden und bis jetzt ist ihm das auch ganz gut gelungen, namentlich da die Leistungen seines Ensembles nach dem Urtheile der Tagesblätter immer als ganz annehmbar bezeichnet werden können. Uebrigens wird, wie verlautet, im Spätsommer noch ein zweites Ensemble hier gaftiren, eine Operettentruppe, bie uns gleichfalls einige hier noch unbekannte Novitäten bringen soll. An theatralischer Unterhaltung ist in der Residenz also nunmehr auch im Sommer kein Mangel. Z. Nominalwerth zu bemessen ist, und einer mäßigen, festen oder in verschiedenen Sätzen abgeftusten Gebühr von jedem weiteren an der Börse abgeschloffeven Geschäft. In der ersten Zeit wird die practische Entscheidung über einige zweifelhafte Fälle, namentlich in Bezug auf den Be- steuerungSmoduS, mancherlei Schwierigkeiten bereiten; kluge, mit dem Börsengeschäft völlig vertraute Finanzpolitiker werden aber auch hier bald den reckten Weg finden. Die Börse wird und muß sich an die neue Steuer gewöhnen, besonders da an eine erhebliche Schädigung berechtigter Interessen schlechterdings nicht zu denken ist. Sollten sich aber trotz alledem hier und da einige Härten etnslellen, wird man wohl auch hier, wie bei aller Gesetzgebung, Mittel und Wege finden, eine Beseitigung derselben eintreten zu lassen. Egon W. Vermischte» ♦ Trrtmuad, 24. Juni. Ein trauriges Geschick ereilte auf der Zeche „Zollern" die Kohlenhauer Anton Blacks und Carl Schamschat. Als dieselben ruhig bei der Arbeit waren, brachen plötzlich große Mengen Gestein herein, so daß die beiden Männer verschüttet wurden. Nach angestrengter Aztfr-UmungSarbeit gelangte man zu den beiden Männern. Blocks war jedoch schon eine Leiche, dem andern war eine Hand zerquetscht. * Siu eigenartiger UagluckSfall ereignete sich an einem der jüngsten Abende auf der Schloßstation der Heidelberger Bergbahn. Kurz bevor die Wagen die Schloßstation erreicht hatten, blieben sie stehen. Der Schaffner des aufwärts fahrenden Wagens, ein aus dem Amtsbezirk Weinheim stammender 24jähriger junger Mann, Namens Stein, sprang ab, um nachzusehen, ob ein Hinderniß vorhanden sei und brachte auch irgend eine Kleinigkeit wieder in Ordnung. Als sich die Wagen weiter bewegten, suchte er die obere Plattform seine- Wagen» wieder zu erreichen, waS aber nicht gelang. Er wurde mit dem rechten Beine zwischen die Perrontreppe und den Wagen gequetscht und litt furchtbare Schmerzen. ES hielt ungemein schwer, den BedauernSwerthen aus seiner entsetzlich qualvollen Lage zu befreien, was überhaupt erst, nachdem an dem Wagen eine Thür abgeschraubt worden war, nach Verlauf von etwa 10 Minuten gelang. Der Verunglückte wurde sofort nach dem academischen Krankenhause verbracht, woselbst er während der Amputation in Folge des vorherge gangencn großen Blutverlustes verschied. * Pest, 29. Juni. In Herkulesbad zu Mehadia haben gestern Nacht 14 rumänische Räuber daS Gasthaus aus der Szechenyi-Wiese überfallen. Der Oberkellner wurde ermordet, der Wirth mißhandelt und zur Herausgabe von Baargeld und Juwelen gezwungen. Der flüchtenden Dienerschaft wurde nachgeschossen, sie verwundet und mit Gewehrkolben' niedergeschlagen. DaS Badepnblikum ist in höchster Aufregung. * Krankheitskeime in der Margarine. Nach neueren Untersuchungen der Doctoren Scala und Alesi in Rom birgt die Verwendung deS Fettes infectionskranker Thiere große Gefahren für die menschliche Gesundheit in sich. Wenn auch die meiste Kunstbutter bei der Zubereitung, resp. Verwendung hohen Temperaturen ausgesetzt wird, welche die Bazillen u. s. w. unfehlbar vernichten, so trifft letzteres doch bei der Verwendung von Margarine in kaltem Zustande nicht | . zu. Gewissenhafte Margarinefabrikantev sollten daher nur einwandfreies Fett verarbeiten. _ * Don der Trüffel,acht. Die Trüffelzucht ".Frankreich liefert bekanntlich ganz außerordentliche Ertragnisse, Alljährlich werden aus Frankreich durchschnittlich 1*/r Million rrtlogramm Trüffeln im Werthe von beinahe 16 Millionen Francs ausgesuhrr; doch auch der Trüffelconsum im Lande selbst ist sehr beträchtlich. Der Reingewinn für einen Hectar Trüffelboden stellt sich jährlich aus etwa 14000 Mk., was gewiß em sehr hoher finanzieller Ertrag ist. Eine einzige Firma in PL, igneux Mert im Jahre für 400000 Mk. Trüffeln nach Deuiichland. Das Kilogramm französischer Trüffeln wird in guten ^.rüffeljahren mit 10 bis 12 Mk., bei schlechten Ernten aber sogar mit 20 Mk. bezahlt. Die Trüffel liebt Buchen- und Eichenwaldungen und bevorzugt einen kalkigen Boden, sie gedeiht aber auch in lockerem Humusboden, der mit Sand gemischt ist und Kalk- und Thonunterlage besitzt. Bedauerlicher Weise wird die Trüffelzucht in Deutschland fast gar nicht betrieben, obwohl eS daselbst an den erwähnten Vorbe- dingungen zum Gedeihen der Trüffel keineswegs fehlt. • Wer war die erste Weltumseglerin? Der Director und Professor der Zoologie am Pariser Museum, Alfons Milni-Edwards, hat kürzlich an diesem Institut einen CursuS der Naturwissenschaften für Forschungsreisende eröffnet. In seiner ersten Vorlesung widmete Milni Edwards dem Reisenden Philibert Commerson, welcher auf der Fregatte „La Bondeuse" die berühmte Weltumsegelung Bougainvilles mitmachte, eine längere Ausführung. Er schilderte die Mühsale und Beschwerden, welche dieser Gelehrte in den Jahren 1766 bis 1773 erduldete und die seinen Tod herbeisührten. Bei diesem Anlässe war auch die Rede von einer außergewöhnlich muthigen und hingebungsvollen Frau, deren Name verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. Als Commerson auf Jsle-de-France starb, wurde die ungeheure Menge seiner Schriften und werthvollen botanischen und zoologischen Sammlungen, in 32 Kisten verpackt, nach Paris geschickt. Das Verdienst, daß dieses kostbare Material erhalten, daß es in einem außergewöhnlich geordneten und wohlpräparirten Zustande nach Frankreich kam, gebührt einem Diener, welcher Commerson vom Tage der Einschiffung an begleitete. Jean Baret — unter diesem Namen wurde der Begleiter Commersons in den Passagierlisten der „Boudeuse" geführt — war ein Muster von Genauigkeit, von gutem Willen, von Widerstandsfähigkeit gegen alle Strapazen. Er hielt das große Herbarium, das Commerson auf der Reise anlegte, in Ordnung, präparirte Pflanzen und Thiere, kurz, ein Gelehrter konnte sich keinen besseren Handlanger wünschen. Als die „Boudeuse" die Insel Tahiti anlief, ging Baret zuerst ans Land. Er wurde von den Wilden umringt, welche sofort in den Ruf ausbrachen: „Das ist eine Frau!" Sie irrten sich auch nicht. Mit großer Mühe kam die merkwürdige Frau wieder an Bord und gestand nun dem Commandanten Bougainville, »aß der brennende Wunsch, zu reisen, und ihre Zuneigung ür Commerson sie veranlaßt habe, Männerkleidung anzulegen und ihrem Gebieter zu folgen. In Amerika, in der rolynesischen Inselwelt, im indischen Archipel, auf Madagaskar begleitete sie ihn unzertrennlich. Jeanne Baret, welche die erste Weltumseglerin war, stammte aus einem Dorfe in der Bourgogne. Sie war im Jahre 1747 geboren. Nach dem Tode Commersons blieb sie auf Jsle-de-France, wo sie einen französischen Soldaten heirathete. Schiffrnachrichten. (Milgethelll durch den Agenten deS Norddeutschen Lloydes, Herr» Carl Loos in Gießen.) Bremen, 29. Juni. [Per transatlantischen Telegraph.! Der Schnelldampfer Havel, Capt. Th. Jüngst, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher rm 20. Juni von Bremen und am 21. Juni von Southampton abgegangen war, ist gestern 8 Uhr Vormittags wohlbehalten in Newyork angekommen. Bremen, 29. Juni. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Poftdampier Darmstadt, Capt. v. Schuckmann vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 15. Juni von Bremen abgegangen war, ist vorgestern 3 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Baltimore angekommen. Perfebr, Land- und DolfswirtbfcbafL — Centralstelle für Lbyverwerthung. DaS Comitv, welches die Frankfurter Obstmärkte ins Leben gerufen und bereit» zu erfreulicher Entwickelung gebracht hat, steht im Begriff, seine Fürsorge für den Obstmarkt, d. h. für den Cbftbanbel, durch eine neue Einrichtung zu bethätigen, welche in vollem Maße die Beachtung aller am Obsthandel Beiberligien verdtmt. Der Frankfurter Obst- markt, der sich bis dahin auf gewisse kurze Zeiten beschränkte, soll damit gewissermaßen ein dauernder werden. ES ist natürlich, daß Obstmarkte nicht zu allen Zeiten, wenn irgend eine Obstsorte reis wird, abgehalten werden können: abgesehen von manchen anderen Gründen spricht schon der Umstand dagegen, daß verschiedene Obstsorten ein längeres Lagern, wie cS bei dem noch Mustern erfolgenden Verkauf auf Lbstmärkten geschehen müßte, überhaupt nicht gestatten, sondern daß für möglichst raschen Absatz Sorge getragen werden muß. Um nun den An- und Verkauf von Obst auch zu anderen Zetten, alS denen, zu welchen Obstmärkte stattfinden, zu ermöglichen oder zu erleichtern, hat das Frankfurter Comtl6 beschlossen, neben der Veranstaltung von Obstmärkten die Vermittlung deS Obstoerkauf» überhaupt zu übernehmen, wenn demselben die dazu nöthtgen Mittel zur Verfügung gestellt werden. DaS Obstmarkt-Comitc wird also eine Centralstelle bilden, die alle Anmeldungen von Producenten und alle Anfragen von Consumenten entgegennimmt und weiter vermittelt. Die Producenten sollen nicht nölhig haben, mit den Angeboten zu warten, bis daS Obst reif ist, sondern sie können schon vorher der Centralstelle ungefähre Mtttheilungen über den erwarteten Ertrag machen, sodaß wenn das Obst reis ist, sofort mit der Versendung an die von der Centralstelle benachrichtigten Consumenten vorgegangen werden kann. Jeder Producent wird also in der Lage sein, das zur Reise kommende Obst immer sofort zu verwerthen. Und welche wetteren Vorthetle erwachsen ihm, wenn er sich der Vermittelung der Centralstelle bedient. Er hat nicht mehr nöthtg, sich persönlich um den Verkauf seines Beeren-, Stein- und Kernobstes zu bemühen, sondern er hat nur nöthtg, der Centralstelle von dm erwarteten Erträgen oder von feinen Vorräthen Kenntniß zu geben, um von dieser mit dcn Consumenten in Verbindung gesetzt zu werden. Denn daß die Consumenten sich in großer Zahl der auch für sie sehr vortheilhasten Einrichtung bedienen werden, steht außer allem Zweifel. Dabei will da« Comit.', wilches, vorerst wenigstens, auch diese Vermittelung, ebenso wie die Odstmärkte, ohne jede Kosten für Producentm und Consumenten besorgen wird, nicht etwa in die Geschäftsgeheimnisse der einzelnen Firmm eindringen, es will durchaus nicht wissen, welche Preise gefordert und welche Preise gezahlt roerben, sondern es sind lediglich die Sorten und das Quantum anzugeben und e» bleibt den Interessenten überlassen, Vereinbarung wegen des Preises rc. zu treffen. Verlangt wirb von bem (Somit» nur, baß es von allen Verkäufen unb Käufen unterrichtet wirb, um banach beurteilen zu können, ob eine Fortsetzung ber Sache für bie nächsten Jahre sich empfiehlt. Das Comitv wirb in Frankfurt ein Bureau errickten, wo jeberzeit auch mündlich Auskunft zu erhalten sein wirb. Es ist auch beabsichtigt, von Zeit zu Zeit den TageSblättern Mittheilungen über Angebot unb Nachfrage zugehen zu lassen. Es ist zu erwarten, baß bie Centralstelle in Anbetracht ber großen Vortheile, welche dieselbe Probucenten sowohl als Consumenten bietet, gern unb viel benutzt werben unb badurch bem Obsthanbel in günstigster Weise Vorschub geleistet werden wirb. Bekanntmachung. Die Lieferung von 4200 (Str. Nußkohlen Nr. 2 und 1000 „ Braunkohlen 1. Sorte vom Hessenbrücker Hammer für die städtischen Anstalten für da« Etatsjahr 1893/94 soll unter den auf unserem Bureau offen liegenden Be- dingungen vergeben werden. Offerten, in welchen der Preis pr. Doppelwaggon franco Bahnhof Gießen anzugeben ist, sind bis zum S. Juli d. I., Vormittag« 12 Uhr, mit der Aufschrift „Kohlenlieferung" versehen, in unserem Bureau abzugeben. Gießen, den 30. Juni 1893. Großh. Bürgermeisterei Gießen. ________Gnauth. [5791 Aeilgevoteiles. Karlstadter Portland-Cement empfiehlt in frischer Waare [2270 __________J- Happel. *»«•' große Dtüdlgasse Hofraum, Scheuer unb vtauung, ist j« verkaufen oder auch ganz, sowie aetrennt zu vermtetben. Hu er- fragen bet BMIIelmint »riiling, protze ?',obet Kreiling, Aus der Bach 4.__ Gartenlnicher in reicher Auswahl bei C. Trenckmann (Bietzen Sonnenstrabe 5 am Kanzleiberg. ^ &7b4] Ein gut erhaltenes «ichärtzäu». A»«irad mit ZndehSr wegzugshalder |u verkaufen. Zu erfragen in der Exped. d vl. L8we8n«rÄe H. Hansel LSwe3n<)ga88e empfiehlt sich im Anlegen von Haus-Telegraphen, 6rkphoii=Stfltiontn für Haus-u. Ferabetried rc. Durch Vertretung einer bedeutenden Telegraphenbauanstalt bin ich in der Lage, bei billigster Berechnung und raschester Bedienung stet« da« Neueste aus diesem Gebiet zu bieten. [5406 Kostenvoranschläge gratis! Garantie für jede Anlage! Mittheilung. Wir beehren uns, hiermit anzuzeigen, dass wir eine Niederlage unserer bekannten Frühstücks- u. 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Der Vorstand. «cfcttti**: ’K, Ä4«tzda — Druck und Verlag be: ^r4tzs'sch« Srudcrti «.Fr. «hr. Pietsch) o» Slrßen,