Nr. 306 Erstes Blatt. Samstag den 31. December 1892 Der Ok-e»er A»zeiger «scheint tögltd), ■Ü Ausnahme de- MomagS. Die Gießener Woiktea Stät^er Derben dem Anzeiger »öchenillch dreimal ^ctgdcgL Wchmer Anzeiger Henerat-Mnzeiger. vierteljähriger Atonnementsprrt» l 2 Mark 20 Pfg. Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pf-, Redaction, Enredittsn und Druckerei: Ach»t-r«tz-Mr.1. Fernsprecher 61. Amts- und Anzeigeblatt für den ^Lreis Gieren. Annahme von Anzeige« zu der Nachmittag- für den fOlgenden log -rscheinenden Nummer bi- vann. 10 Uhr. SRI _____ . 1 -......— — — — Hratisöeikage: chießener Kamitienbtätter. Alle Lnnoacm-Bureaux beS In» und Au-landc- nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger^ entgegen. Anrtlicher TheiL. Gießen, den 28. December 1892. Betr.: Ausführung des Jnvatidiläls- und Altersversicherungsgesetzes. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grostherzoglichcn Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Wir machen Sie daraus aufmerksam, daß zufolge der Neufestsetzung der ortsüblichen Taglöhne gewöhnlicher Tagarbeiter — Gießener Anzeiger Nr. 266 — keine Aenderung in der Höhe der zu verwendenden Beitragsmarken der JnvaliditätS- und Altersversicherung eingetreten ist. Es sind daher nach wie vor für land- und forstwirth- fchaftliche sowie solche Arbeiter, für die als Jahresarbeits- Verdienst der 300 fache Betrag des ortsüblichen Taglohns gewöhnlicher Tagarbeiter gilt: a) männlichen Geschlechts Marken II. Klasse zu 20 Pf., b) weiblichen Geschlechts Marken I. Klaffe zu 14 Pf. einzukleben, einerlei ob der thatsüchliche Arbeitsverdienst des betreffenden Arbeiters höher oder niederer ist als der in Anwendung kommende Pauschal - KlaffenjahresarbeilSverdienst. Letzteres gilt insbesondere auch für die versicherungspflichtigen Gemeindebediensteten, deren wirklicher Gehalt weniger als 350 Mark beträgt. (§ 22 des Jnvaliditätsgesetzes). Sie wollen Vorstehendes ortsüblich veröffentlichen und die Gemeinde-Einnehmer bezw. Inhaber der örtlichen Stelle hiernach bedeuten. v. (Sagern. Bekanntmachung, die Nachsuchurig der Berechtigung zum einjährig - freiwMgen Dienst aus Grund von Schulzeugnissen betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden. 1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs- pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat. 2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird. Der Nachweis der Berechtigung zum ein/ jährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebens« alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus- geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeden, daß das Schulzeugniß bis 1. April Nachfolgen werde 3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden Auch ist die nähere Adresse anzugeben. 4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen: a) Geburiszeugniß; d) Einwilligung- - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen actioen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen; c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real- Symnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien. Real- hulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Director der Anstalt, für .alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit ooer ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist; d) das Schulzeugniß. Sodann wird noch besonders bemerkt: Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein muß. Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach Schema 18 zur Wehr - Ordnung vom 22. November 1888 — Reg. - Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müssen. Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen. Großh. PrüfungS - Commission für Einjahrig-Freiwillige zu Darmstadt. Der Vorsitzende: Dr. 3eller. Bekanntmachung. Wir sehen uns veranlaßt, hierdurch zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, daß das Gratuliren zum neuen Jahr in der Absicht, dadurch Geschenke zu erhalten, als Vetteln bestraft wird und daß das Aufsichtspersonal angewiesen ist, solche Bettler vorzuführen bezw. zur Anzeige zu bringen. Gießen, den 29. December 1892. GrKßherzogliches Polizeiamt Gießen. _______Fresenius. Gießen, den 29. December 1892. Die Strafregister; hier die Nachweisungen der im / II- Halbjahr 1892 verstorbenen, seit dem 1. October 1882 bestraften Nersonen. Der Großh. Mste Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberheffen an sämmtliche Ortspolizeibehörden des Kreises Gießen. Ich ersuche Sie, die obenerwähnten Nachweisungen bezw. die Fehlanzeigen bis zum 1. Februar 1893 ohne nochmalige Erinnerung an mich einzusenden. Jöckel. Die Weltlage zum Jahreswechsel. Wenn man dem nun zur Rüste gehenden Jahre 1892 das begründende Zeugniß auestellen darf, daß es durch seinen Verlaus den Friedenshoffnungen entsprochen hat, mit denen es von den Völkern Europas bei feinem Beginn begrüßt wurde, so kann man hieran zugleich die Erwartung an- knüpsen, daß auch das neu anhebende Jahr unter einem friedlichen Stern wenigstens für unieren Welttheil stehen werde. Obwohl in der europäischen Politik die Gegensätze, welche schon seit länger als Jahr und Tag zu der jetzigen Gruppirung der maßgebenden Mächte des Continents geführt haben, in ihren Grundlinien noch immer unverändert fortbestehen, so haben sie doch jene bedrohliche Zuspitzung verloren, die noch vor ein paar Jahren wiederholt den Ausbruch eines Weltkrieges beinahe als unvermeidlich erscheinen ließ. Diese immerhin erfreuliche Wendung in der allgemeinen politischen Situation machte sich namentlich in der Behandlung des nach verschiedenen Selten hin jo empfindlichen und so vielverschlungenen orientalischen Problems seitens der Großmächte bemerklich. Allseitig unterließ man es, gleichsam als ob hierüber eine stillschweigende Uebereinhinft zwischen den Mächten stattgesunden hätte, an die mancherlei D'fferenzpunkte, welche die Balkanfragen für die europäische Politik ja noch immer barbieten, zu rühren. Zwar unternahm Rußland in den bulgarischen Angelegenheiten verschiedene diplomatische Vorstöße, dieselben sollten indessen lediglich die bekannte diplomatische Stellungnahme des Czaren- reiches gegenüber den bulgarischen Dingen erneut zum Ausdruck bringen, keineswegs aber eine ernstere Action Rußlands einleiten und in der That haben diese Schritie der russischen Diplomatie weitere Folgen nicht gezeitigt. So bietet denn heute das politische Gesammtbild der Balkanhalbinsel keinen Anlaß zu besonderen Befürchtungen für die nächste Zukunft dar und es ist nach menschlicher Voraussicht sogar wahr- cheinlich, daß die eingetretene verhältnißmäßige Festigung der Verhältnisse im Orient auch noch fernerhin andauern wird, womit bet dem hervorragenden Einflüsse der jeweiligen Ge- taltung der orientalischen Angelegenheiten aus die allgemeine Lage Europas bic Frnbenshoffnungen für daS Jahr 1893 nur eine Verstärkung erfahren können. Diese Hoffnungen gründen sich allerdings zum wesentlichen Theile noch immer auf den unerschütterlichen Fortbestand des Dreibundes, und Wahrnehmungen im gegenteiligen Sinne müßten zweifellos den Bestrebungen der vorhandenen Kriegsparteien bedenklich zu Gute kommen. Nun hat es * zwar auch im gegenwärtigen Jahre, wie schon früher, nicht \ an Ausstreuungen über Verstimmungen zwischen den Mächten der mitteleuropäischen Allianz gefehlt, aber wiederholt ist von den maßgebenden Kreisen der drei verbündeten Reiche durch eine Reihe von bemerkenswerten Kundgebungen aller Welt geoffenbart worden, daß Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien nach wie vor über die Richtung ihrer Politik in den schwebenden großen europäischen Fragen vollkommen einig 1 sind. Hierin liegt auch fernerhin die gewichtigste Friedens- ’ bürgschast für Europa und ihr gegenüber kommt die Frage nach der Gestaltung des russisch-französischen Freundschaftsverhältnisses und dessen Bedeutung für den europäischen Frieden erst in zweiter Linie. Auch über den „Zweibund" ist in dem verflossenen politischen Sommer mancherlei Sensationelle colportirt worden und es gingen bereits Gerüchte, wonach der Bündnißvertrag zwischen dem nordischen Coloß und der französischen Republik endlich zu Papier gebracht worden sein sollte. Trotzdem scheint dem Vertrag noch immer das bekannte „Tipserl auf dem i" zu fehlen, zum Mindesten hätte sonst das Auftreten der beiden Mächte^ in der europäischen Tagespolitik gewiß einen entschiedeneren, prononcirten Character getragen; offenbar befinden sich die französisch- russischen Beziehungen selbst jetzt lediglich im Stadium einer „flirt“, einer Liebelei, die von einer „Alliance", einem festen politischen Ehebündniffe, noch weit entfernt ist. Ja, die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß die durch die Panama Affaire ans Tageslicht gezogenen scandalösen Zustände in den parlamentarischen wie in den Regierungskreisen von Frankreich ihren Rückschlag auf das französisch- russische Verhältniß ausüben, denn in Petersburg soll man ungemein betreten über die Weiterentwickelung des Panama^ Scandals sein. Sollte jedoch derselbe in der That eine Abschwächung der bisher so dicken russisch-französischen Freundschaft nach sich ziehen, so könnte eine solche Wahrnehmung den Unmut und die Entrüstung weiter Volksklassen in Frankreich gegen die jetzigen Machthaber in Paris leicht zum gewaltigen Sturm entfachen, der das Regime der Carnot, Freycinet und Genossen über Nacht beseitigte, und eine derartige politische Katastrophe jenseits der Vogesen würde dann in ihren Einwirkungen auf den Gang der europäischen Tagespolitik freilich durchaus unberechenbar sein. Deutsches Reich. Berlin, 28. December. Von verschiedenen Seiten war gemeldet worden, die Reichsregierung beabsichtige behufs genügender Deckung der kommenden neuen Heeresbedürsnisse doch noch auf den Tabak als weiteres Steuerobject zurückzugreifen. Es hieß, es solle die Form einer Tadaksabrikats- steuec gewählt werden und habe die jüngste Anwesenheit des bayerischen Finanzministers Dr. v. Riedel in Berlin mit dem erwähnten Projecte zusammengehangen. Nunmehr erklärt indessen der „Reichsanzeiger" die ganze Meldung als völlig unbegründet, welches osffcielle Dementi man in den Kreisen der deutschen Tabaksindustrie gewiß mit großer Genugtuung begrüßen wird. — Der Generaladjutant des Sultans, Kamphoevener Pascha, ist mit einem eigenhändigen Neujahrsglückwnnschschreiben des Sultans an Kaiser Wilhelm, sowie mit mannigfachen Neujahrsgeschenken für die kaiserliche Familie 'in Berlin eingetroffen. Diese Sendung Kamphoevener Paschas zeugt sicherlich in besonders bemerkenswerter Weise für das bestehende intime Verhältniß zwischen dem deutschen Ka serhofc und dein Sultan. — Die Untersuchung in Sachen des Diebstahls militärischer geheimer Actenstücke in Wesel ist beendigt der Schuldige konnte nicht ermittelt werden. — Bei der bevorstehenden Reichstagsnachwahl in Liegnitz candidiren die Antisemiten den bekannten Ingenieur Earl Paasch. Eine ganze Anzahl hervorragender antisemitischer Wortführer werden sich in den Wahlkreis begeben, nm die Candidatnr Paasch' mit allem Nachdruck zu betreiben, was der Wählerschaft dieses Wahlkreises die Aussicht auf recht bewegte Wochen eröffnet. Ausland. Die französische Republik nimmt die Last des Panama- Sc an dal s unvermindert mit in daS Jahr 1893 hinüber. Die Lösung des ganzen tragischen Conflic s wird und muß das neue Jahr zwar bringen, aber in welchem Sinne dies geschehen wird, dies ist noch völlig ungewiß. Zu verwundern ist es indessen nicht, daß sich in Paris schon die Sturmvögel der Revolution zeigen. Die Socialisten kündigen wegen des Berlin, 29. December. Die Conferenz der bethei- auszubringen ist. * Panama-Scandals große Volksdcmonstrationen für den in der zweiten Januarwoche erfolgenden Wiederzusammentritt des Parlaments an und daß es bei dieser Gelegenheit leicht zu einem revolutionären Putsch kommen könnte, bedarf gewiß keiner speciellen Versicherung. — Das neue Sensationsgerücht, eS fei ein für zahlreiche Senatoren und Deputirte hoch- compromittirendes Copirbuch der Panama Gesellschaft aufgefunden worden, wird amtlicherseits für unbegründet erklärt. — Die Petersburger „Nowoje Wremja" sagt, Frankreich habe durch den Panama-Scandal erheblich an feiner Bündniß- kraft eingebüßt und könne darum für Rußland keine verläßliche Stutze mehr bilden. Das ist 'mal eine bittere Pille für die Franzosen! Erhöhung der Börsen steuer, ist auf den 5. Januar hierher zusammenberusen. ligten Handelskammern und Börsen, betreffend die geplante | theilungen an bedeutenden Summen direct an Chefredacteure und Directoren von Zeitungen erfolgt sind, im Ganzen dürfen Das Gesuch des Herrn Emil Kalbfleisch um laubntß zurBergrößerung etnes Gartenhauses am Schiffenberger- weg soll beanstandet werden. Gesuchsteller hat, nachdem ihm Er- laubniß zur Errichtung eines Kamins am bezeichneten Gebäude enheilt worden, mit Ausführung dieser Arbeit eine Vergrößerung des Gartenhauses vorgenommen, ohne hierzu die Erlaubniß zu besitzen. Die Vergebung der Arbeiten zur Ummauerung eines Dampfkessels im Schlachthause, welche zu 450 Mk. veranschlagt waren, hat Aufgebote bezüglich der Maurer- und Schlosserarbeiten ergeben, wogegen die Gußeisenlieserung zum Voranschlagspreise erfolgen kann. Es wird beschlossen, den vorgesehenen Credit auf Mk. 510, entsprechend den geschehenen Aufgeboten, zu erweitern. Der Ausbau des zwischen Ludwigsstraße und Stefan- straße gelegenen Theils der Liebig st raße ist im laufenden Voranschlagsjahr, nachdem Mk. 9600 in den Voranschlag eingestellt gewesen, nicht zur Ausführung gekommen. In vorgenannter Summe war die Anlage erhöhter Trottoirs, sowie die Pflanzung von Bäumen nicht vorgesehen. Es wird beschlossen, unter Bewilligung der für die bezeichneten Anlagen entstehenden Kosten im künftigen Voranschlag an Stelle des Credits von Mk. 9800 einen solchen von Mk. 12000 zu fetzen. Das Gesuch des Herrn Leopold Schütz um Concession zum Wirthschastsbetrieb für das Haus Wetzsteingasse 8 wird nicht beanstandet. Neueste Nachvichtei». Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 29. December. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen heute Vormittag von dem Garnisonspfarrer Frommel das Abendmahl. Der Kaiser conserirte darauf mit dem Kriegsminister, dem Chef des Militärcabinets und Mittags mit dem Reichskanzler Caprivi. Berlin, 29. December. Die Stadtverordneten über« wiesen den socialdemokratischen Antrag, betreffend Vornahme städtischer Arbeiten zur Linderung der Roth, einer sünfzehngliederigen Commission. strikt 'ganz, Camphausen theilweise,- auch soll Heinitz ganz striken. Paris, 29. December. In der Polizeipräfeotur fand heute Nacht um 1/21 Uhr eine Explosion oberhalb des Gemeindelaboratoriums statt. Das Bureau des Polizeipersonals ist vollständig zertrümmert. Es wurde Niemand verwundet. Der Urheber wurde nicht entdeckt- Dynamit wurde bei dem Attentat nicht verwandt. Man vermuthet den persönlichen Racheact eines entlassenen Polizisten. Paris, 29. December. Der Sachverständige Girard glaubt, die Explosion in der Polizeip räf ectur sei durch eine 200 Gramm Pulver und Eisenstücke enthaltende Sturzbombe verursacht, welche der Attentäter in die auf der Haupttreppe befindliche Holzkiste bereits gestern Nachmittag niedergelegt habe. Die Explosion hätte, Tags erfolgt, voraussichtlich Menschenverluste herbeigeführt. Von mehreren anderen Seiten wird das Attentat den Anarchisten zugeschrieben. Paris, 30. December. Der Ministerrath ist stürmisch verlaufen. In Folge von Differenzen betreffs der Strafverfolgung von weiteren Abgeordneten, sowie über die Maßregeln gegen die Action der socialistischen Comites kam es zu einer offenen Spaltung. — Unter dem Vorsitze Cluse- rets constituirten die socialistischen Abgeordneten in verschiedenen Richtungen socialisttsche Actionsgruppen. Einige gemäßigte sozialistische Abgeordnete protestirten dagegen. Die Ilnrersuchungscommission stellte fest, daß zahlreiche Ver- es etwa sieben Millionen gewesen fein. Viele Blätter erhielten überdies Betheiligungen an Garantiesyndicaten, besonders der „Figaro", der „Matin" und „le petit Journal". Selbst für nicht stattgehabte Emissionen wurden Vorschüsse gezahlt. ______________ Saarbrücken, 30. December. Bei der heutigen Frühschicht standen von neun Berginspectionen 8557 Mann aus, es sind also nur zwei Jnspectionen ganz angefahren. Sitzung -er Stadtverordneten am 29. December 1892. Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Bei- I geordneten Georgi und Grüneberg, von Seiten der Stadt- I verordneten die Herren Adami, Habenicht, Heyligenstaedt, I Jughardt, Keller, Löber, Petri, Schiele, Simon, Dr. Thaer, I Vogt und Wallenfels. Der nach der Städteordnung vor endgültiger Genehmigung I einer Vorprüfung durch die Finanzdeputation zu unterziehende I Verwaltungsbericht der Großherzoglichen Bürgermeisterei I nebst Rechnung der Stadt Gießen für 1891/92 ist I den Mitgliedern der Stadtverordneten-Versammlung im Druck unterbreitet worden. Es wird befchlossen, den Vorsitz in der I Commission während dieser Vorprüfung wie in früheren Jahren I Herrn Homber'ge r, für welch^ im Falle der Verhinderung, I Herr Scheel als Stellvertreter eintritt, zu übertragen. (Wir I theilen, soweit dies nicht bereits in unseren Sitzungsberichten I im Lause des Jahres 1891/92 geschehen, das Wesent- I lichste aus dem Verwaltungsbericht weiter unten mit. Red.) Der Voranschlag über die sachlichen Bedürfnisse der höheren und erweiterten Mädchenschule, welcher sich insgesammt auf Mk. 1920 beläuft, wird genehmigt. Unter dieser Summe sind 300 Mk. außerordentliche Ausgaben einbegriffen, und zwar 200 Mk. zur Vervollständigung der Sammlungen für den Anschauungsunterricht in der Heimathkunde, Geographie und Naturgeschichte und 100 Mk. I für Anschaffung zweier Schultafeln. Nach der am 1. December d. I. stattgehabten Vieh- I zählung waren in der Gemarkung Gießen vorhanden ' 439 Stück Rindvieh gegen 445 im Jahre 1882, 544 Pferde | gegen 388 in 1882, 499 Schweine gegen 401 in 1882, 18 Schafe gegen 455 in 1882, 273 Ziegen gegen 263 in 1882, 153 Bienenstöcke gegen 129 in 1882. Es wird beschlossen, jedem der in den 4 Bezirken bei der Zählung behilflich gewesenen Schutzmänner eine Vergütung von 10 Mk. zu bewilligen. 1 2 3 4 Die Versteigerung des Düngers aus dem städtischen | Schlachthause hat ein befriedigendes Resultat nicht er- | geben - es wurde geboten für eine 15 Cbm. haltende Grube 1 23 Mk., für eine dgl. vor 14 Cbm. 20 Mk. 50 Pf. Dem nach der Versteigerung erfolgten freihändigen Verkaufe dieses Düngers, durch welchen 30 Mk. für jede Grube erlöst wurde, wird nachträgliche Genehmigung ertheilt. Desgleichen erfolgt nachträgliche Genehmigung freihändig erfolgten Ankaufs von Stroh für das Schlachthaus. Durch das Auftreten der Cholera waren behufs Ver- I Hütung der Einschleppung behörderlicher Seits besondere Maß- I nahmen, u. A. die Ueberwachung der Eisenbahnzüge auf I Station Gießen durch Sanitätspersonal, angeordnet worden. I Die hierdurch entstandenen Kosten bezifferen sich, ausschließlich I der Vergütung für die ärztliche Ueberwachung auf Mk. 517. I Aus erstatteten Bericht Großherzogl. Bürgermeisterei an | Großherzogl. KreiSamt Gießen und das Ersuchen, einen Theil I der Kosten auf die Staatskasse zu übernehmen, weil die ge- I troffenen Anordnungen landespolizeilicher Natur waren, hat I Großherzogl. Ministerium angeordnet, daß neben den 255 Mk. I betragenden Kosten für die Aerzte die Hälfte der 517 Mk. I betragenden Kosten für das übrige Personal aus der Staats- I kaffe zu ersetzen sind. Demnach betragen die noch von der I Stadt aufzubringenden Kosten Mk. 258.80, zu deren lieber- I ,-nähme auf die Stadtkaffe Genehmigung ertheilt wird. I Dem Gesuch der Firma Gebr. Röhr le um Erlaubniß I zur Abdämmung eines städtischen Grabens behuss Eisgewinnung I wird unter den bereits vor Jahresfrist festgesetzten Bedingungen I stattgegeben. ' Bezüglich des Gesuches des Herrn Georg Hilgen wegen Errichtung einer Einfriedigung und Erbauung eines I Gartenhäuschens am Schiffenbergerweg wird Befürwortung I auf Widerruf beschlossen. I Dem Verwaltungsberichtc der Großh. Bürgermeisterei Gießen I für das Etatsjahr 1891/92 entnehmen wir Folgendes: ! I. Allgemeiner Bericht. In demselben wi--d u. A. des am 13. März erfolgten I Ablebens Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs Ludwig IV. I gedacht- über die aus diesem Anlaß betätigten Trauerkund- I gelungen sind unsere Leser entsprechend unterrichtet worden, | desgleichen von dem Wortlaut der Adresse an Se. Kgl. Hoheit | den Großherzog Ernst Ludwig, laut welcher die Stadt | eine Stipendienstiftung für besonders begabte Studirende der I Landesuniversität errichtete. Anlaß zu einer weiteren Trauer- | kundgebung gab das Ableben des Generalfeldmarschalls I Grafen von Moltke. Ehrend gedacht wird schließlich I' des am 17. November 1891 verstorbenen Stadtbaumeisters 1 ©tief. I Von größeren, die ganze Gemeindevertretung umfassenden I Arbeiten ist hervorzuheben die satzungsmäßige Regelung der I Dienstverhältnisse der Ge.meindebeamten, desgl. I die Regelung der Gehaltsverhältnisse der Volksschullehrer I und Handarbeitslehrerinnen und endlich bie Er- | Höhung des Stundenlohnes der zahlreichen städtischen I Taglöhner. Die gemeinsamen Angelegenheiten der hessischen | und deutschen Städte haben die nöthige Theilnahme erfahren, I u. A. dadurch, daß Gießen durch feinen Oberbürgermeister ver- I treten war auf den hessischen Städtetagen m Worms I und Mainz, auf dem deutschen Städtet'ag gelegentlich I der elektrotechnischen Ausstellung zu Frankfurt a. M. und auf den Versammlungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege zu Leipzig, wie desjenigen für Armenpflege und W o hl th ätig keit in Hamburg. Auf dem Städtetag zu Worms wurde insbesondere verhandelt und beschlossen: i 1 Betr. Canalbenützungsgebühren bei Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz die Aenderung des Art. 21 der Bauordnung in der Art zu beantragen, daß | a) im Falle die Canalkosten von den Anliegern im Capital I zurückerhoben werden sollen, die Kosten für den laufenden Meter Canal im Durchschnitt für, das ganze Canalnetz er- ! mittelt und eingehoben werden können, b) für die Benützung j der Canäle die statutarische Einführung einer Canalbenützungs- gebütjr zugelaffen wird, welche nach Maßgabe der durch die Capitalaufwendungen für Canalisirung entstehenden Zinsenlast auf die Grundsteuercapitalien der entwässerten Gebiete auS- zuschlagen ist. 2. Betr. Dienstverhältnisse der Handarbeitslehrerinnen an den städtischen Schulen bei Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz dahin zu wirken, daß die Handarbeitslehrerinnen im Sinne des Art. 35 des Volksschulgesetzes den Fachlehrern bezüglich ihrer Anstellungsverhält- niffe 2C. gleichgestellt werden. 3. Betr. die Erhöhung der Gehalte der städtischen Beamten mit Rücksicht auf das Gesetz vom 11. April 1891, betr. die Ausbesserung der Gehalte der Civildeamten zu erklären, daß eine Erhöhung der Gehalte der städtischen Beamten nothwendig sei, insoweit diese Gehalte nicht bereits in den letzten zwei Jahren regulirt worden sind. Die Art und das Maß der Erhöhung soll den einzelnen Städten überlassen bleiben, da hier locale Verhältnisse und bestehende Organisationen maßgebend sind. Soweit möglich soll die städtische Gehaltsfeststellung sich der staatlichen anschließen. 4. Betr. die Gehaltsverhältniffe der Lehrer, Lehrerinnen, Schulverwalter und Schulverwalterinnen an den städtischen Volksschulen a) zu erklären, daß den an die Stadtverwaltungen von Seiten der Lehrer ic. gerichteten Gesten um anderweite Regulirung ihrer Gehaltsverhältniffe n -j der Art entsprochen werden könne, daß die für die LehMMalte sestzufetzenden Gehaltsscalen nach dem Dienstalter bestimmt werden, zählend von der ersten dienstlichen Verwendung nach bestandener Schlußprüfung, ohne jede Rücksicht auf den Zeitpunkt der definitiven Anstellung', b) bei Großh. Staatsregierung zu beantragen, eine gesetzliche Bestimmung des Inhaltes herbeizuführen, daß die Städte in gleicher Weise wie die Landgemeinden fernerhin nur einen Durchschnittsgehalt für die Lehrerstellen der Stadtschule aufzubringen haben und daß der fehlende Betrag alö Allerszulage aus Staatsmitteln Berlin, 29. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." Prüft den Einfluß einer Ablehnung der Militär Vorlage auf die Stimmung bei einem zukünftigen Kriege. Sie sagt, die Stimmung der zur Rettung ihrer Ehre oder ihres Daseins aufgerufenen deutschen Nation werde niemals vom Cours- zettel abhängen. Die Ablehnung der Vorlage würde den künftigen Führern und den Truppen ihre Aufgabe sehr erschweren. „Sind wir nicht stark genug zur Offensive und wird der deutsche Boden zum Kriegsschauplatz, dann stehen andere Dinge auf dem Spiel, als Verstimmungen." Es sei daher eine ernste Frage, ob es nicht gerathener sei, jetzt den Unmuth zu überwinden, als die Leistungsfähigkeit des Heeres und des Volkes bei dem Ausbruch eines Krieges auch moralisch herabzudrücken. Berlin, 29. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Landgrafen von Hessen, den Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein und den Prinzen Friedrich Carl von Hessen. Hamburg, 29. December. Zur Abhilfe der Mißstände kleinerer Wohnungen constituirte sich eine gemeinnützige Baugesellfchast, deren Actiencapital, drei Millionen, Vereinsbank und Commerz- und DiScontobauk, gemeinschaftlich übernommen haben, während die hanseatische Versicherungs- Anstalt der Jnvaliditäts- und Altersversicherung 3 Millionen Hypothek bewilligte. Die Gesellschaft petitionirt beim Senat um Ueberlaffung dazu bestimmter StaatsierrainS, sowie um Uebernahme staatlicher Zinsgarantie von 4 pCt. und um Terrains behuss Anlage eines Hilssbahnhoss der Lübecker Bahn, wogegen nach Amortisation des Capitals die ganze Anlage ins Staatseigenthum übergehen soll. Angesehene Bürger aller Kreise stehen an der Spitze des betreffenden Comites. Rom, 29. December. Der preußische Gesandte Bülow brachte dem Papste Neujahrsglückwünsche dar. Newyork, 29. December. Der hier eingetroffene Dampfer „Galileo" berichtet, er habe am 25. December unter dem I 42. Breitengrade und 58. Längengrade den überfälligen Dampfer „Umbrio" passirt, der drei rothe Signale, jedoch keine Nothsignale gezeigt habe. Newyork, 29. December. Der „Newyork Herald" meldet aus San Francisco: Der durch verheerende Ueber- schwemmungen in den Thälern des Sacramento und des San Joaquin durch Hochwasser angerichtete Schaden wird aus eine Million geschätzt. Durch einen unterhalb Colusa eingetretenen Dammbruch sind 50000 Acres des fruchtbarsten Bodens überschwemmt. Die Einwohner Colusas sind gerettet. Bueuos AyreS, 29. December. Reutermeldung. In der Provinz Corrientes griffen 1500 Aufständische die von 500 Regierungssoldaten besetzte Stadt Cafe ros an, wurden aber mit großem Verlust zurückgeschlagen. — Marco Avallaneda ist von der Bundesregierung zum Schiedsrichter ernannt und mit der Wiederherstellung der Ordnung I in der Provinz Corrientes betraut worden. Depeschen des Buresu „Herold". Berlin, 29. December. Dem „Staatsanzeiger" zufolge haben wegen der erneuten Choleragefahr der Minister des Innern und der Cultusminister die bacteriologische Untersuchung verdächtiger Fälle durch das Berliner Universitäts- Institut versügt. Berlin, 30. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." bespricht die Gründung einer Nationalpartei, wobei sie erklärt, die Gründung verrathe fein Verständniß für das Werden der Parteien. Eine mechanische Gründung an Stelle des organischen Wachsens bereite für die Gründer nur Spott. Königsberg, 29. December. Cholera. In Mlawa kamen in letzter Woche fünf Todesfälle an der Cholera vor. Flensburg, 29. December. Der zweite Director der Flensburger Volksbank Petersen ist flüchtig und wird wegen Wechselfälschung steckbrieflich verfolgt. Hamburg, 29. December. Heute kamen sieben Cho- lerafälle vor. Der Hafen ist noch seuchenfrei. St. Johann, 29. December. Seit heute früh striken aus den umliegenden Gruben 3123 Bergleute, zehn Procent der gefammten Arbeiterschaft. Die Aussichten für morgen sind trübe. Saarbrücken, 29. December. Die Grube in Dudweiler