Kr. 305 Erftes Blatt Freitag den 30. December 1892 Der Weßexer An-ei-er erscheint täglich, oit Ausnahme de- MontagS. Die Gießener V«»rrie«ßttiß-r '»erden dem Anzeiger WSchentlich dreimal lergelegt. Kichener Anzeig er Kenerat-Anzeiger. vierteljähriger ASaxaementsPrei» i 2 Mark 20 Pfg. m2 Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Redaction, Erpeditüv und Druckerei: -chxtßr-teMr.,. Fernsprecher bl. 2lmts* und Anzeigeblatt für den Urei» Gieren. Kratisbeikage: Hießener Jamitienötätter. Alle Lnnoncen-Vureavx bH I«. und Auslandes nehm« Anzeigen für den ,Gi eßener Anzeiger^ entgegen. Annahme von Anzeige« zu der Nachmittags für den Klgenden leg -rscheinenden Nummer bis Vor». 10 Uh«. Anrtlichev Lheil. Nr. 48 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. d. M., enthält: (Nr. 2064.) Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes, betreffend die Prüfung der Läufe und Verschlüsse der Handfeuerwaffen. Vom 20. December 1892. (Nr. 2065.) Bekanntmachung, betreffend die Anwendung der vertragsmäßig bestehenden Zollsätze auf rumänische Erzeugnisse. Vom 22. December 1892. Gießen, den 28. December 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Politische Jahresrundscha«. (Schluß.) Gießen, 29. December 1892. Vom Dreibund zu dessen Gegengewicht, dem „Zweibund" Frankreichs und Rußlands, ist ein naheliegender Schritt. Die erstgenannte der Zweibundsmächte, die französische Republik, hatte auch im Jahre 1892 die üblichen Ministerkrisen und Cabinetsveränderungen zu verzeichnen, mit denen Frankreich fast in jedem Jahre aufzuwarten pflegt. Am 20. Februar fiel das Cabinet Freycinet Constans durch eine politische Jntrigue, deren einziger Zweck eben die Entfernung des wegen seiner Energie und seines Ehrgeizes von seinen eigenen Collegen gefürchteten Constans aus der Regierung war. Das nun folgende Cabinet Loubet zeigte nur zu sehr, wie nöthig ihm eine Persönlichkeit von der rücksichtslosen Energie Constans gewesen wäre, denn sowohl den wiederholten fürchterlichen Attentaten der Anarchisten in Paris, wie dem immer keckeren Auftreten der Socialistcn und Ultra- radicalen gegenüber zeigte das Ministerium Loubet eine wirklich erbärmliche Schwäche, die sich besonders in der Sinke-Affaire von Carmaux zeigte. Aber erst der Panama-Scandal brachte das Cabinet zu dem wohlverdienten Fall und an seine Stelle trat nach achttägiger Krisis das jetzige Cabinet Ribot. Der immer weiter fressende Panama-Scandal hat aber auch schon dessen Stellung teilweise untergraben, mußte doch der Finanzminister Rouvier wenige Tage, nachdem sich das Cabinet Ribot gebildet, aus demselben scheiden, weil ihm seine Verwickelung in die Panama-Schmutzgeschichte nachgewiesen wurde! Mit der schimpflichen Last dieses ungeheuerlichen Scandals auf dem Rücken schreitet nun die dritte Republik in Frankreich in das neue Jahr hinein und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie sich dann am längsten ihres Daseins gefreut haben wird! In den auswärtigen Beziehungen Frankreichs markirte sich daS Freundschastsverhältniß der Republik zum Czarenreiche weniger geräuschvoll als im Jahre 1891, selbst das wiederholt aufgetretene Gerücht vom angeblichen Abschlüsse des russisch- französischen Allianzvertrages hat sich bisher nicht bestätigt. In seiner Colonialpolitik hatte Frankreich mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, die in Westasrika zu einem regelrechten Feldzuge gegen den König Behanzin von Dahomey sühnen. Der Krieg gegen diesen kriegerischen Negerstaat war für die Franzosen sehr anstrengend und verlustreich, er hat aber doch die einstweilige Unterwerfung Dahomeys unter die Botmäßigkeit Frankreichs zur Folge gehabt. Rußland hatte auch im Jahre 1892 mit schweren wirtschaftlichen Verhältnissen zu kämpfen, die zum großen Theil in dem Nothstand beruhten, der infolge der Mißernte des vorhergegangenen Jahres in weiten Gebieten des Czaren- reicheS eingetreten war. Hierzu gesellte sich dann die Cholera, welche in zahlreichen Gouvernements geradezu furchtbar wüthete. Mehr als hunderttausend Menschenleben sind ihr in Rußland zum Opfer gefallen und noch grassirt sie zur Stunde ziemlich stark in mehreren westlichen Gouvernements, während die schädlichen Einwirkungen der Seuche auf Handel und Wandel fast unberechenbar sind. Auch die russischen Finanzen ließen immer wieder viel zu wünschen übrig, eine abermalige Anleihe konnte aber noch nicht bewerkstelligt werden. Mit Deutschland schweben noch Handelsvertragsunterhandlungen, deren Ausgang sich vorläufig nicht beurteilen läßt. Im Petersburger Cabinet sanden verschiedene Veränderungen statt, von denen die be- merkenswertheste die Ersetzung des Finanzministers Wyschne- gradski durch den Verkehrsmiyister Mtte war. In seiner auswärtigen Politik befleißigte sich Rußland einer unverkennbaren Reserve - die mancherlei Protestnoten in den orientalischen Dingen und der neue russische Vorstoß im Pamirgebiet waren ohne Belang. In England sand nach mehreren Jahren wiederum ein Regierungswechsel statt, da durch den Wahlsieg der verbündeten Liberalen und der irischen Nationalisten das seit 1886 amtirenbe konservative Cabinet Salisbury zurücktreten mußte, um einem liberalen Regime, dem vierten Cabinet Gladstone, Platz zu machen. Dasselbe wird aber erst noch zu zeigen haben, innreroeit es Willens und fähig sein wird, die von Gladstone vor den Wahlen gegebenen Versprechungen, namentlich was die Lösung der irischen Frage anbelangt, roabr zu machen. Tiefe Theilnahme rief in allen Bevölker- ungskreisen Englands das plötzliche Hinscheiden des ältesten • Sohnes des Prinzen von Wales, des Herzogs von Clarence, hervor, welcher dereinst zur Besteigung des englischen Thrones berufen gewesen wäre. Mancherlei Schwierigkeiten erwuchsen der englischen Politik in Centralasien durch die zweideutige Haltung des Emirs von Afghanistan und durch die Ausstände einiger nordindischer Grenzstämme. Ueber die europäischen «Staaten zweiten und dritten Ranges ist folgendes Wesentliche zu berichten: In der Schweiz beschäftigte man sich wiederum viel mit handelspolitischen Verhandlungen. Dieselben führten Italien gegenüber zum Abschlüsse eines definitiven Handelsvertrages, gegenüber Frankreich aber zu einem bloßen provisorischen Abkommen, das dazu französischerseits anscheinend noch immer nicht rati* ficirt worden ist. In Dänemark wurden Neuwahlen zum Folkething vorgenommen, die eine Niederlage der rabicalen Partei ergaben; mit allgemeiner Begeisterung feierte man bie golbene Hochzeit des Königspaares. Aus Holland ist nichts Erwähnenswertheres zu berichten, dagegen brachte im benachbarten Belgien die weitere Entwickelung der Versassungs- revisionssrage eine neue unruhige politische Bewegung mit sich, die noch manche Krisen in sich birgt. In dem skandinavischen Doppelreiche Schweden-Norwegen wirbelte die Frage der Errichtung selbstständiger norwegischer Consulate vielen Staub auf, doch ist sie einstweilen wieder vertagt. In Spanien mußte das konservative Cabinet Canovas del Castillo einem liberalen Cabinet Sagasta weichen; anarchistische, soktalistische und republikanische Umtriebe machten sich im Lande wiederholt geltend. In Portugal traten wiederholte Cabinetsveränderungen ein. Im Januar de- mtssionirte das Cabinet Souza zu Gunsten eines Ministeriums Ferreira, doch auch letzteres mußte sich wenigstens einer Umbildung unterziehen. Von den Staaten der Balkanhalbinsel sind als bemerkenswerthe Ereignisse zu verzeichnen: die Ermordung des bulgarischen Agenten Vulkowitsch in Konstantinopel, die Ersetzung des radicalen Cabinets Pasitsch in Serbien durch ein liberales Cabinet Avakumowitsch, der Rücklritt des Ministeriums Delyannis in Griechenland und dessen Ersetzung durch das Cabinet Trikupis, der Empfang des bulgarischen Cabinetschess Stambuloff in Konstantinopel und die Verlobung des Kronprinzen Ferdinand von Rumänien mit Prinzeß Marie von Edinburg. In Nordamerika hatte die Präsidentenwahl den Sieg des Demokraten Cleveland über den bisherigen Präsidenten Harrison zur Folge. Die Staaten Südamerikas wurden erneut durch innere Unruhen und selbst blutige Bürgerkriege, wie Venezuela, heimgesucht. In Asien zog die Pamirstage die Aufmerksamkeit auf sich. In Egypten bestieg Abbas II. als Nachfolger seines Vaters Tewfik Pascha den Thron. Deutscher Reich. Berlin, 28. December. Ein Besuch des Großsürsten- Thronfolgers Nicolaus von Rußland am Berliner Hose soll in den kommenden Wochen bevorstehen. Man nimmt in Berliner unterrichteten Kreisen an, daß der Besuch anläßlich der Vermählungsfeier der Prinzessin Margarethe von Preußen erfolgen und daß dann der erlauchte russische Gast vielleicht auch noch das Geburtsfest Kaiser Wilhelms mitfeiern werde. Sollte sich die angefünbigte Berliner Reise des russischen Thronerben in der That verwirklichen, so könnte sie wohl als ein erfreuliches Anzeichen einer in den deutsch- russischen Beziehungen eintretenden Besserung begrüßt werden. — Kaum sind die weihnachtlichen Festtage vorübergezogen, so beginnen auch schon wieder die Preß er örter ungen in Sachen der Militärvorlage. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen anscheinend osficiösen Artikel in dieser Frage, welcher erneut der Verteidigung der Haltung der Reichsregierung in der schwebenden hochwichtigen Angelegenheit gewidmet ist. Namentlich bemüht sich der Artikel darzuthun, daß der Zeitpunkt der Einbringung der Militärvorlage ein durchaus geeigneter gewesen sei, es wird sogar behauptet, daß die verbündeten Regierungen eine schwere Verantwortung auf sich geladen haben würden, hätten sie mit Eindringung der Vorlage noch weiter gezögert. Gewinnen die verbündeten Regierungen — hnßt es dann weiter — wie dies thatsäch- lich der Fall sei, die Ueberzeugung, daß die Existenz des deutschen Reiches auf dem Spiele stehe, dann würden sie gewissenlos gehandelt haben, wenn sie sich durch irgendeine Rücksicht hätten abhalten lassen, diejenigen Maßnahmen beim Reichstage zu beantragen, welche die Sicherheit des Vaterlandes forderte. — Das ist allerdings schweres Geschütz, welches die osficiösen Vertheidiger der Militärvorlage mit der Behauptung ausfahren, es komme hierbei die Existenz des Reiches in Frage. Man fragt sich vergeblich, wo denn in der gegenwärtigen allgemein-politischen Lage eine derartige tiefgreifende Befürchtung begründet sei, und fast könnte man zu der Vermuthuug gelangen, es handelte sich nur darum, Parlament und Volk zu Gunsten der Militärvorlage „gruselig" zu machen. Nun, die Militärcommission des Reichstages, in welcher ja die nächste Entscheidung in dem schwebenden bedeutsamen Problem ruht, wird sich durch solche Beunruhigungsartikel gewiß nicht beeinflussen lassen, sondern die ganze Frage vielmehr an der Hand des ihr regierungßfeittg zur Verfügung gestellten geheimen Materials unbefangen prüfen. — Am 10. Januar nehmen der Reichstag wie das preußische Abgeordnetenhaus ihre Arbeiten wieder auf, womit dann erneut die alte Unzuträglichkeit des gleichzeitigen Tagens der beiden Parlamente beginnt. Jedenfalls wird dann entweder das Interesse an den Verhandlungen des Reichsparlaments oder dasjenige an den Verhandlungen der preußischen Volksvertretung unter dieser leidigen parlamentarischen Concurrenz mehr oder weniger zurücktreten müssen, obgleich ja das kommende Jahr dort wie hier wichtige Debatten bringen wird. Dem Reichstage sind jetzt von neuem Arbeitsmaterial die Vorlage über die Reform der Abzahlungsgeschäfte, die Novelle zum Wuchergesetze und der Gesetzentwurf, betr. die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten zugegangen. Den nächsten Gegenstand der Reichstagsverhandlungen nach Ablauf der Weihnachtß- ferien bildet bekanntlich die Vorlage über die Erhöhung der Brausteuer. — In Elsaß-Lothringen regen sich schon seit einiger Zeit neue parteipolitische Bestrebungen nach verschiedenen Richtungen hin. So ist neuerdings eine scharfe Agitation hervorgetreten, welche die katholischen Volkskreise der Reichslande der Centrumspartei gewinnen will, und diese Bewegung kann nichts weniger als aussichtslos genannt werden. Nunmehr tauchen wieder Bestrebungen zur Gründung einer liberalen elsaß-lothringischen Bürgerpartei auf, in welcher sich einheimische wie altdeutsche Elemente zur freiheitlichen Entwickelung der Reichslande zusammenfinden sollen. Nach dem veröffentlichten vorläufigen Programm scheint es sich um die Bildung einer freisinnig - demokratisch angehauchten Landespartei in Elsaß-Lothringen zu handeln, und es steht stark zu vermuthen, daß dies^namentlich auf Kosten des national- liberalen Ablegers in Elsaß Lothringen geschehen soll. —- Trotz der eingetretenen Kälte dauern die sporadischen Cholerafälle in Hamburg fort. In der Zeit vom 24. bis 26. December sind in Hamburg vier abermalige Choleraerkrankungen amtlich festgestellt worden, darunter eine mit tödtlichem Ausgange. Aber auch in Galizien macht sich die Cholera in vereinzelten Fällen erneut bemerklich; so werden aus vier Ortschaften Galiziens insgesammt 12 Erkrankungen und 5 Todesfälle infolge Cholera feit dem 22. d. M. gemeldet. Neueste Nacheichton. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 28. December. Die Nachricht der Blätter, daß man auf die Tabakfabrikatssteuer zurückzugreifen beabsichtige, wird von unterrichteter Seite als unbegründet bezeichnet. Cassel, 28. December. Der Reichsgerichtsrath v. M e i b o m ist gestorben. Saarlouis, 28. December. Dem „Saari. Journ." wird aus Bildstock von heute gemeldet: In zwei von Bergleuten des Saarreviers zahlreich besuchten Versammlungen wurde allgemeiner Aus st and für morgen beschlossen. Brüssel, 28. December. Die Minister traten zu einer Erörterung darüber zusammen, welchen Einfluß die Ablehnung des schweizerisch-französischen Handels-Vertrages für Belgien haben würde. Rom, 28. December. Der Senat genehmigte mit 92 gegen 33 Stimmen die Umwandlung der Decrete des Königs betreffend die Abänderung der Zollbestimmungen für Zucker und Reis in ein Gesetz. Glauchau, 28. December. Gestern fand Hierselbst ein D elegirtentag der sächsischen Textilarbeiter . totales und ^provinzielles, • Gießen, 29. December 1892. — Neues Theater. Freitag, den 30. December, nehmen nach einer achttägigen Weihnachtspause die Vorstellungen im Neuen Theater mit dem überaus amüsanten Lustspiel von Roderich Benndix „Die Banditen" wieder ihren Anfang. Herr Director R e i n e r s hat in diesen geschäftsschlechten Zeiten besonders schwer zu kämpfen und wäre es demnach sehr im Interesse unserer Theaterverhältnisse, wenn das Publikum etwas mehr wie bisher Theil an den Vorstellungen nehmen wollte. Wir sind in der Lage, mittheilen zu können, daß seit dem Klinckhammer'schen Gastspiele die Einnahmen ganz bedeutend hinter den Ausgaben zurückgeblieben sind, und daß Rom, 28. December. Das Institut für römisches Recht ernannte Bekker (Heidelberg), Fitting (Halle), Goldschmidt (Berlin), Leist (Jena), Lenel (Straßburg), Voigt (Leipzig) zu Ehrenmitgliedern. Paris, 28. December. Der schweizerische Gesandte Lardy theilte Ribot die Beschlüsse des BundeSratheö mit bezüglich der für französische Waaren vom 1. Januar in Anwendung kommenden Tarife. Infolge dessen wird der französische Generaltaris gegen die Schweiz angewandt. Newyork, 28. December. Heute Morgen acht Uhr sand eine heftige Dynamitexplosion in den in Long Island City gelegenen Werkstätten der Tunnel-Company Newyork statt. Die Häuser der Nachbarschaft wurden stark erschüttert, einige sind eingestürzt, andere in Brand gerathen. In einem nahen Postbüreau ist das Mobiliar umgestürzt, die Briefkästen in Stücke gerissen, die Beamten zu Boden geschleudert. Zwei Einwohner wurden durch Venenzerreißung getödtet und entsetzlich verunstaltet, sechs schwer, davon drei tödtlich, verletzt. Viele leichter. Andere verloren einen Arm, Andere erlitten schwere Augenverletzungen. Im Umkreise einer englischen Meile ist Alles mit Glastrümmern bedeckt. Die Katastrophe wird der Unvorsichtigkeit eines italienischen Arbeiters zugeschrieben, der, um drei Barrels Dynamit aus- zuthauen, sie auf den Hof schaffte, wo er dicht dabei ein großes Feuer angezündet hatte- der Italiener wurde in Stücke zerrissen. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 28. December. Der „Reichs- und Staats- Anzeiger" schreibt: Die wegen angeblicher Waffenlieferung an den König von Dahomey in Untersuchung gezogenen Deutschen und Schweizer wurden wieder freigelassen- die Untersuchung wird aber fortgesetzt. Berlin, 28. December. Das „Bert. Tagebl." schreibt, der zwischen der Akademie und dem Künstlerverein bestehende Zwist betreffs der Ausstellung sei durch ein Machtwort des Kaisers entschieden worden. Nach einem Vorschlag der Commission soll die Ausstellung vom Verein und der Akademie gemeinschaftlich veranstaltet und der Ueberschuß dem Künstlerverein überwiesen werden. \ Berlin, 28. December. Außer deö Holz- und Tabakarbeitern werden nunmehr auch die Metallarbeiter zum Glas- arbeitercongreß nach Zürich gleichzeitig mit dem internationalen Socialistencongreß einberusen. I Punkten stehen, nach wie vor im Besitze von scharfen Patronen I bleiben. * Berlin, 28. December. Uebungsplatz sür das Gardecorps. Ein ganzes Dorf muß dem Erdboden gleich gemacht werden, wenn das Project der Militärverwaltung, zwischen Spandau und Potsdam einen Truppenübungsplatz nebst Barackenlager für das Gardecorps anzulegen, zur Ausführung kommt. Es handelt sich um das zum Osthavelländischen Kreise gehörige Bauerndorf Döberitz nebst einem benachbarten größeren Gutsgehöst. Sämmtliche Gebäude nebst Kirche und Schule sind bereits aus ihren Werth von einer Commission abgeschätzt worden- auch über den Gemeindeforst, der gleichfalls behufs Abholzung angekauft werden soll, ist eine Taxe ausgenommen worden. * Dresden, 27. December. Unter dem Verdachte, sein eigenes, ein Jphr altes Söhnchen erdrosselt zu haben, wurde, dem „Leipz. Tagebl." zufolge, am ersten Feiertage ein hiesiger Tapezierer verhaftet. Derselbe hatte am heiligen Abend in der Wohnung seiner Geliebten, welche in der Pirnaischen Vorstadt eine Privatwohnung inne hat, verkehrt, und noch während der Nacht wurde die Leiche des kleinen Knaben entdeckt und der Fall der zuständigen Behörde gemeldet. Die Nachforschungen ergaben so viele belastende Momente gegen den Vater des Kindes, daß derselbe inhastirt werden mußte. * Hamburg, 28. December. Auf dem SchiffWilmot" wurde durch eine Petroleumexplosion das Deck gesprengt. Die Flammen gingen mehrere hundert Fuß hoch. * Eoblenz, 26. December. Einen Aussehen erregenden Selbstmordversuch machte heute Mittag ein 16jähriges Mädchen. Es sprang von der ca. 20 Meter über der Wasserfläche sich hinziehenden steinernen Moselbrücke in den mit Eis treibenden Fluß. Ein Unterossizier sprang von dem Werste aus nach und rettete die Lebensmüde. * Mannheim, 28. December. In dem Orte Graben wurde nach vorherigem Streite der 20jährige Landwirt h Phil. Blau von dem 20jährigen Taglöhner Gamer erstochen. * Würzburg, 22. December. Ein „Jäger mit dem Hut", der Oeconom Georg Hufnagel von Frickenhausen, hatte sich, nach dem „Würzb. QL", hier wegen Jagdfrevels zu verantworten. Er hatte nämlich, als vor ihm eine Kette Feldhühner aufflog, den Hut danach geworfen, wobei es ihm gelang, ein Huhn zu fangen. Er behauptete, das Huhn sei eine Goldammer gewesen, wurde jedoch „wegen ungenügender zoologischer Kenntnisse" zu 6 Mark Geldstrafe verurtheilt. * Düsseldorf, 25. December. Folgender Eu lenspiegel- streich wird der „Düsseld. Bürgerztg." aus einem Nachbarorte berichtet: Vorgestern Nacht weckte die Frau eines Landbewohners ihren Michel mit den Worten: „Ich glaube, es ist Jemand im Hause!" Michel iheilte diesen Glauben aus naheliegenden Gründen nicht, mußte sich aber auf wiederholtes Drängen seiner Eheliebsten doch zum Aufstehen bequemen. Er öffnete dann die Thüre und rief in den dunkeln Hausflur: „Ist Jemand hier?" „Nein," antwortete eine Stimme, worauf der brave, „furchtlose" Michel sammt seiner lieben Frau ruhig weiter schlief. Leider stellte sich aber am folgenden Morgen heraus, daß doch Jemand dagewesen war, denn Frau Michel constatirte die Abwesenheit eines erheblichen Theils ihrer Fleisch- und Eiervorräthe. Der so schmählich belogene Michel soll seitdem den Glauben an die Wahrheitsliebe der Spitzbuben verloren haben. * Metz, 27. December. Nach der „Lothr. Ztg." wurde ein Wagen, auf dem sich drei Unteroffiziere befanden, auf dem Wege vom Fort Manteuffel zur Stadt durch die scheu gewordenen Pferde umgeworfen. Dabei wurde Sergeant Scheel von der ersten Escadron des Dragoner-Regiments Nr. 13 getödtet- Sergeant Vollmer vom 4. bayerischen Infanterie-Regiment, gegenwärtig bei der Halbinvaliden-Ab- theilung, erlitt einen Beinbruch- der dritte Insasse kam mit dem bloßen Schrecken davon. — Kirchliche Dienstnachrichteu. Am 30. November wurde dem Pfarrverwalter Berthold Schwabe zu Stumpertenrod, Decanat Alsfeld, die evangel. Pfarrstelle daselbst übertragen. — Durch Entschließung Großh. Ministeriums d.s Innern und der Justiz vom 18. November ist die Erhebung der kathol. Kirchengemeinde zu Butzbach zu einer selbstständigen Pfarrkuratie genehmigt worden. — Die Heizung der Persouenzüge mit Dampf, der durch Schläuche von der Locomotive aus in die Coupees geleitet wird, bedeutete, wie jeder Reisende an sich erfahren haben wird, einen wesentlichen Fortschritt gegen die frühere Heizung mit Preßkohlen. Ein Uebelstand war nur, daß bei stärkerer Kälte und langen Zügen der Dampf unterwegs zu sehr abgekühlt wurde und schließlich nicht mehr ausreichte, die mittleren und letzten Wagen genügend zu erwärmen Um diesem Mangel zu begegnen, hat die preußische Staatseisenbahnverwaltung versuchsweise besondere Dampskesselwagen eingerichtet, die an den Schluß des Zuges gestellt werden, so daß im letzteren der erstere Theil von der Locomotive aus, der letzte Theil vom Dampfkesselwagen aus geheizt wird. Die Einstellung der Dampskesselwagen erfolgt, wenn die Außentemperatur aus Minus 10 Grad Celsius gesunken ist. Das Publikum hat das Regulieren der Wärme in den Coupees selbst in der Hand. Die in den letzteren angebrachten Vorrichtungen zum Abstellen und zur Zuführung der Wärme wirken vortrefflich und fast unmittelbar, wenigstens ist man damit im Stande, sich vor zu großer Wärme un- bedingt zu schützen. Die aus dei Eingangs gedachten Gründen bisher oft mangelhafte und nicht ausreichende Zuführung von Wärme wird voraussichtlich durch die neue Ein- । richtung der Dampskesselwagen zu beseitigen sein. Lauterbach, 27. December. Vorigen Donnerstag kam ein Reh in mächtigen Sätzen an der Cent zur Stadt herein. Es gerieth daselbst in solche Angst, daß es mehreremals so heftig widerrante, daß es zusammenstürzte. Allmählich sammelten sich auch viele Menschen, welche die Verfolgung des ge- ängstigten Thieres ausnahmen. Nach mehreren vergeblichen I Versuchen es festzuhalten, wobei sogar eine Vertreterin des schönen Geschlechts einen unfreiwilligen Ritt aus demselben I mitmachen mußte, stürmte es in das offenstehende Haus des j Färbermeisters Pistorius. Jedenfalls hatte es das gutmüthige I Gesicht dieses Thierfreundes hinter den Scheiben erblickt I und suchte nun vertrauensvollen Schutz bei ihm. Es war I auch an die richtige Adresse gekommen, denn daselbst wurde I es eingefangen und ans Forstamt geliefert, woselbst es nun | die kalten Tage in geschützter Behausung verlebt. Reichelsheim i. b. W-, 26. December. Der Bau unserer I Molkerei ist so weit vorgeschritten, daß mit dem Auf- I stellen der Maschinen begonnen werden konnte. Bis zum ] 15. Januar n. I. hofft man den Betrieb derselben eröffnen I zu können. — Int benachbarten Staden wurden durch den { dortigen Geistlichen am heiligen Abend nach der Christmette | an die dortigen Wittwen aus einer alten Stiftung G e-- I schenke im Werthe von je über 5 Mark vertheilt, jeden- j salls den Betreffenden eine willkommene Gabe für die I Feiertage. D. Ztg. I * Gifhorn, 26. December. Der Handarbeiter Lange von hier begab sich heute mit seiner Ehefrau, zwei Söhnen I und einem Enkelkmde nach Triangel, um dort bei einer daselbst verheiratheten Tochter das Weihnachtsfest zu verleben. Da der Bahnzug nach Triangel bereits abgegangen war, so gingen die fünf Familienglieder dem Bahndamme entlang. | Bei der Allerbrücke, welche von der Bahn überschritten wird, i schnallte der 19jährige Wilhelm Lange Schlittschuhe an, nahm das sünsjährige Kind seiner Schwester auf den Rücken und lies Schlittschuhe. Er brach auf dem breiten und tiefen Allerflusse ein und versank mit dem Kinde. Sein 16jähriger Bruder Gustav eilte zur Hilfe herbei, brach aber ebenfalls ein, ebenso die Mutter, welche nachlief, und auch der Vater. Die Insassen des in diesem Augenblicke von Triangel nach Gifhorn fahrenden Personenzuges waren, wie der „Hann. Cour." berichtet, Augenzeuge des entsetzlichen Vorfalles. * Zum Verständniß des Eides! Große Heiterkeit, der sich trotz allen Ernstes selbst die Richter nicht entziehen konnten, rief in München eine vor dem Königl. Landgericht München II. als Zeugin vernommene Bäuerin aus dem Bezirke Ebersberg hervor. Dieselbe machte nämlich nach der Belehrung über die Heiligkeit des Eides ein Kreuz und begann dann: „Im Namen Gottes des Vaters" rc. Als der Vorsitzende bemerkte: „Nicht bekreuzigen sollen Sie sich, sondern die Hand erheben und den Eid nachsprechen," fuhr die Zeugin weiter: „Die Hand sollst Du erheben und den Eid nachsprechen." Mit Mühe konnte der Frau die Eidesformel beigebracht werden, und auch darauf schien sie noch nicht zu wissen, was mit ihr vorgegangen war. * Das feinste LogirhauS der Welt dürste dasjenige sein, welches der Londoner Grasschaftsrath demnächst für die Londoner Armen eröffnen wird. Das Schlasgeld für die Nacht beträgt 39 Pfennig nach deutschem Gelde. Das Haus ist electrisch beleuchtet, besitzt warme und kalte Bäder, eine Dampfwaschanstalt, Speise- und Conversationszimmer und eine vortreffliche Bibliothek. Außerdem ist eine billige Restauration da für Diejenigen, welche sich ihre Mahlzeiten wir es nur der Ehrenhaftigkeit des Herrn Director Reiners verdanken, wenn wir hier in Gießen von einem Theaterkrach verschont bleiben. — Sonntag, den 1., Dienstag, den 3. und Freitag, den 6. Januar, setzt Herr Hacker von Darmstadt in „Anna Liese", „Goldfische" und „Zopf und Schwert" sein Gastspiel fort, während uns vom 15. Januar ab abermals ein bedeutender Kunstgenuß bevorsteht, indem es Herrn Director Reiners nach vieler Mühe gelungen ist, den von seinen Gastspielen vor drei Jahren beim hiesigen Publikum noch in sehr hoher Erinnerung stehenden Königl. Württembergischen Hofschauspieler und Regisseur Herrn Wilhelm von Hoxar auf vier Abende zu verpflichten. Gewählt hat derselbe nachstehende intereffante und hier sehr beliebte^Mücke, wie: „Krieg im Frieden", „Durch die Intendanz", „Der Königslieutenant", „Der russische Kriegsplan". — Man sieht, Herr Director Reiners macht möglich, was möglich zu machen ist, es liegt nun an dem verehrten Publikum, ehrliches Streben zu belohnen. Hirschhorn, 27. December. Aus einem zu Berg fahrenden Kettenschlepper wurde einem Matrosen zwischen hier und Eberbach von dem Drahtseile eines anhänqenden Schiffes ein Fuß abgeschlagen. Kirch-Brombach, 27. December. Gestern Mittag wurde der 50 Jahre alte Landwirth und Sattler Johann Georg Rippert von seinen Angehörigen todt in der Scheuertenne aufgefunden. Der Schädel war zertrümmert und ist Rippert, der Heu für das Vieh holen wollte, jedenfalls aus den oberen Scheuerräumen abgestürzt und hat in dieser bedauerlichen Weise den raschen Tod gesunden. Mainz, 27. December. Auf der Ludwigsba hn wurde während der Weihnachtsseiertage zum erstenmal die Sonntagsfeier im öffentlichen Verkehr eingeführt, indem eine Anzahl fahrplanmäßiger Güterzüge eingestellt wurden. Worms, 28. December. Bei der heute stattgehabten Ergänzungswahl zur Handelskammer wurden die ^Crmnfe^rC^err bon Hehl / W. Koelsch, Commerzienrath D. Valkenberg und K. Werger mit großer Stimmenmehrheit gewählt. Von 351 Wahlberechtigten machten 186 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. statt. Aus den Berichten ging hervor, daß die Lage der Textilarbeiter bezüglich Lohn und Arbeitszeit nicht günstig ist. Es wurde beschlossen, Agitation und Organisation eifrig zu betreiben und sich an den Deutschen Textilarbeiterverband einzeln als Mitglieder anzuschlieIen. Hamburg, 28. December. Heute erfolgten zwei Neuerkrankungen und ein Todesfall an derCholera. Altona, 29. December. Den Soldaten der hiesigen Garnison wurde das Betreten Hamburgs wegen der Cholera- gefahr untersagt. Bremen, 29. December. Hier starb der bekannte volks- wirthschaftNche Schriftsteller August Lammers im Alter von 61 Jahren. Stuttgart, 28. December. Der König bestätigte die Wahl Rümelins zum Oberbürgermeister trotz der scharfen Proteste. Budapest, 28. December. Das G e t r e i d e g e s ch ä f t ist sehr schleppend. Die Preise sind so niedrig, daß Kaufleute trotz des großen Angebotes der Producenten keine Käufe entriren. Bisher wurden 5 940 000 hl Weizen, 1 240000 hl Gerste, 4 500 000 hl Mais, zumeist nach England, theilweise auch nach Deutschland,' Belgien, Holland, Italien und Schweiz exportirt. Paris, 28. December. Das Cop ir buch der P an am a- gesellschast wurde ausgesunden- es enthält die Corre- spondenzen der Panamagesellschaft mit Cornelius Herz und Arton, betreffend die Unterhandlungen mit zahlreichen Senatoren und Abgeordneten, welche direct Geld gefordert haben und die Angabe über die gezahlten Summen. Die Einleitung einer Untersuchung gegen die compromittirten Personen vor dem Zusammentritt der Kammer wurde angekündigt. Dublin, 28. December. Der als attentatsverdächtig verhaftete Kevans behauptet, unschuldig zu sein und will sein Alibi nachweisen. Die Belastungsmomente sind schwach, zumal Kevans keiner bekannten anarchistischen Organi- sation der Fenier angehört. Dublin, 29. December. Das Begräbniß der bei dem Dynamitattentat verunglückten Polizisten ist unter ungeheuerem Volksandrange und in Gegenwart aller Behörden großartig verlaufen. Bis jetzt hat man keine Spur des Attentäters entdeckt. Warschau, 28. December. Wegen Betheiligung an revolutionären Umtrieben wurde hier eine große Anzahl junger Leute verhaftet. Newyork, 28. December. Seit Weihnachten herrscht hier anhaltende furchtbare Kälte. Einzelne Personen sind erfroren. vermischtes. * Berkin, 27. December. Die Militär post en ziehen letzt auch in Berlin ohne scharfe Patronen auf. Gutem Ver- ?*’’ 6at man in militärischen Kreisen längst eine solche Bestimmung für Berlin erwartet, nachdem in anderen Städten bereits eine derartige Einrichtung getroffen worden tsi. Freilich werden diejenigen Wachtposten, die vor und in Gesangenenhäusern und an anderen besonders wichtigen