Nr. 75 Erstes Blatt Dienstag den 29. März 1892 Amts- und A>»zergeb!utt ffir den ICreb Gieszen. Hratisöeitage: Hietzener Jamikienötätter. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nu.iimer bi» vorm. 10 Uhr. werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Abg. Goldschmidt (dsr.) wünscht, daß der Catalog auch in panischer Sprache - mit Rücksicht aus Südamerika — hergestellt Staatssekretär vr. v. Boett icher sagt Erwägung dieses Wunsches zu. Die Anmeldungen aus landwirthschastlichen Kreisen seien ziemlich zahlreich eingegangen. Der Nachtragsetat wird nahezu einstimmig angenommen. Es folgt die dritte Berathung deS Reichshaushaltsetats ür 1892/93. Abg. Pflüger (Vp.) begründet den ablehnenden Standpunkt seiner Freunde gegenüber der Mllitärlaft. F Abg. Frhr. v. Münch (wilddem.) erklärt als ein außerhalb der politischen Parteien stehender Mann, daß sich Reichskanzler Gras Caprivi den aufrichtigen und herzlichen Dank des deutschen Volkes erworben habe. Er genieße für seine auswärtige Politik dasielbe hohe Maß von Vertrauen, das Fürst Bismarck besessen. In der inneren Politik habe Graf Caprivi eine dankenswerte Wendung gemacht. In der Aufrechterhaltung und Förderung des christlichen Geistes habe der Reichskanzler die große Mehrheit des Volkes hinter sich. Redner wendet sich dann gegen den Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Unsittllchkett, macht die Steuergesetzgebung für die herrschende Unzufriedenheit verantwortlich und verlangt eine schärfere Heranziehung der Börse. Das deutsche Volk hänge in Liebe und Treue am Vaterlande und bringe die erforderlichen Opfer.. Aber man möge auch dafür sorgen, daß der Reichstag die unverfälschte Meinung des Volkes zum Ausdruck bringe. Gewähren Sie Diäten. (Heiterkeit.) Abg. Liebknecht (Soc.): Er suche nicht aus der Höhe des Militär erats und der Zunahme der Reichsschuld Capital gegen das deutsche Reich zu schlagen, denn diese Erscheinungen fänden sich bei Aieneljahrlger Abonnenrentspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch Die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg. Nkdactton, Expedition und Druckerei: Kchrrtflratze Zlr.7. Fernsprecher 51. Gießener Anzeiger Aenerak-Anzeiger. Der Gießens Zaz-iger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS. Die Gießener Ausland. Prag. 26. März. Ein von czechischen Studenten dem Grasen Zedlitz zugesandtes Telegramm lautete: Die Verschiedenheit der Nationalität hinderte Sic nicht, die Größe Komenskys (Comenius) zu feiern, die Verschiedenheit der Nationalität hindert uns nicht, Ihnen dafür herzlichst zu danken. Paris, 27.März. Eine neue Dynamit-Explosion hat heute Morgen in der Rue Clichy Nr. 39 statrgesunden. glaubt, daß dieselbe gegen den dort wohnenden Substitut des Generalprocuralors gerichtet gewesen ist. Das Haus ist fünfstöckig und bildet die Ecke der Rue Clichy und der Rue Berlin. Die Hausbewohner sind: der Apotheker Fournier, die Frauen Alsfeldt und Konstantin, welche von ihren Renten leben, der Advocat Guillaume, der Rentier Locoq, der Bankier Lust, der Coulissier Reimoncng und der Staatsanwalt Buloz. Die Explosion fand um halb 9 Uhr statt. Die Haustreppe stürzte sosort ein und die Panik der Hausbewohner war entsetzlich. Dieselben wollten durch die Etagenthüren fliehen, allein da die Treppe eingestürzt war, eilten sie nach den Fenstern und riefen um Hilfe. Die Frauen und Kinder waren halb angeklcidet, schrieen und weinten. Die Löschmannschaft rettete die Bewohner mittelst Leitern. Sieben Verwundete sind bei den Nachbarn untergebracht. Frau Fournier, die heute Nacht entbunden worden war, ist ebenfalls verwundet und befindet sich in einem lebensgefährlichen Zustande; sie wurde zu einer Hebamme gebracht. Die Explosion richtete fürchterliche Verheerungen an. Die Mauern sind gespalten, die Fenster und Thüren sämmtlich ausgcrissen und zerschmetiert. Im zweiten Stock ist vor der Etagen- thür ein tiefes Loch zu sehen; hier muß die Bombe explodirt sein. Der Minister des Innern, Staatsanwalt und Polizeibeamte eilten sosort herbei. Die Polizei gewann die Ueber- zeugung, daß der Anarchist Ravachol der Urheber der Dynamitexplosion ist. Der Verdächtige soll von mehreren Leuten kurz vorher am Thatorte bemerkt worden sein. Sein Signalement ist genau bekannt. (Frks. Ztg.) Petersburg, 26. März. Mr. White, der Bevollmäch. tigte des Barons Hirsch, ist eingetroffen, um in einer Audienz beim Czaren eine Milderung der Ausweisungsmaßregeln gegen die Juden nachzusuchen. 204. Plenarsitzung. Samstag den 26. März, 12 Uhr. „ ,®er dr»»tr°gzetat (zwei Millionen zu den Kosten der Beiheiligung des Reiches an der Chicagoer Ausstellung) wird von der Budgetcommission (Ref. Abg. Scipio) zur unveränderten Annahme empfohlen. Abg. Dr. Witte (dfr.) findet, daß der der deutschen Abtheilung zugewiesme Raum aus der Chicagoer Ausstellung nicht ausreiche um ein vollständiges Bild von der deutschen Industrie zu ermöglichen' Staalssecretar vr. v. Boetticher kann dieses Bedenken nicht 'bk"-n Der der deutschen Industrie in Chicago zur Verfügung stehende Raum sei großer als auf irgend einer Ausstellung vorher. Allerdings seien von einzelnen deutschen Industrien Wünsche nach größerem Raum geäußert worden; aber schließlich komm- es nicht sowohl auf die Quantität als aus die Qualität an. Es sei vor Allem ersorderlich, daß das, was ausgestellt werde, untadelhast sei Uebrigens schwebten Verhandlungen, um noch etwas mehr Raum iu erlangen. 6 „ d'- Zustimmung seiner Freunde. Nachdem sich das Reich einmal zur Beschickung der Ausstellung ent- chlossen, müsse es auch würdig repräsentirt sein. Auch die Land- wirlhschaft werde durch die Chicagoer Ausstellung hoffentlich Förderung Deutsches Reich. Berlin, 26. März. Mit den bekannten Veränderungen im preußischen Ministerium hat die Ministerkrisis in Berlin ihren Abschluß erfahren, aber allgemein herrscht die Empfindung vor, daß die getroffene Lösung nur eine vorläufige ist. Die Abgabe des Vorsitzes im preußischen Eabinet seitens des Reichskanzlers Grafen Caprivi an Gra Botho Eulenburg wird fast überall nur als ein Nothbehel betrachtet, um aus der verworrenen Situation herauszukommen, welche durch das Scheitern des neuen Volksschulgesetzes und die hierdurch bedingt gewesene ministerielle Krisis geschaffen worden ist. Die Abtrennung des Reichskanzlerpvstens vom preußischen Ministerpräsidium entzieht dem Inhaber des ersteren die feste Grundlage für die Ausübung seiner Amtspflicht als Reichskanzler, mögen auch die Functionen des leitenden Staatsmannes und diejenigen des preußischen Ministerpräsidenten nach manchen Richtungen noch so weit auseinanderliegen. Vorläufig allerdings hat man die in der Trennung beider Aemter liegenden Schwierigkeiten dadurch zu umgehen gesucht, daß der neue Ministerpräsident kein Portefeuille bekommen hat, womit ja etwaige Reibungen mit dem Reichskanzler fürs Erste vermieden werden dürften- ob sich solche aber auch für die Dauer vermeiden lassen werden, muß denn doch noch sehr dahingestellt bleiben. Sicher ist, daß Gras Caprivi nur aus den ganz bestimmten Wunsch des Kaisers hin seine Thätigkeit als Reichskanzler fernerhin ausübt, hiermit ist aber von selbst eine gezwungene unnatürliche Situation gegeben, die über kurz oder lang zu einer neuen Kanzlerkrisis führen muß. — Ueber die Stellung, welche der neue preußische Cultusminister, Dr. Bosse, zu den schwebenden Fragen seines Ressorts einzunehmen gedenkt, herrscht noch Ungewißheit, da Herr Dr. Bosse in politischer Beziehung bislang so gut wie gar nicht hervorgetreten ist. Nur das Eine wird man wohl als sicher annehmen können, daß der neue Ches der preußischen Schulverwaltung den Zedlitz'schen Entwurf eines Volksschulgesetzes alsbald wieder zurückzieht und daß er seinerseits es unterlassen wird, dem Landtage mit einem dritten Entwurf eines Volksschulgesetzes zu kommen. Es hat sich eben auch diesmal wieder gezeigt, wie überaus heikel die Frage des Volksschulgesetzes auch nach der politischen Seite hin ist und vermuthlich wird der Cultus- minister Dr. Bosse kein besonderes Verlangen hegen, sich die Finger hieran zu verbrennen, wie seine beiden Vorgänger.' — Die Ernennung des Grafen Botho Eulenburg zum preußischen Ministerpräsidenten macht die Einbringung eines Nachtragsetats im Landtage nöthig. Dies deß- halb, weil im preußischen Staatshaushaltsetat kein Gehalt für den Ministerpräsidenten ausgeworsen ist, was sich nunmehr infolge der Trennung des Ministerpräsidiums vom Reichskanzlerposten als eine nothwendige Forderung herausstellt. Außerdem wird auch eine zweite Forderung noch in den Nachtragsetat auszunehmen sein betreffs Beschaffung einer Dienstwohnung für den Ministerpräsidenten. — In Betreff des Welfensondsgesetzes wird gemeldet, daß die Regierung bereit sei, auf die im Abgeordnetenhause geäußerten Wünsche behufs Abänderung der Vor- läge einzugehen. Die Aushebung der Beschlagnahme des Welsensonds wird also durch ein besonderes Gesetz und nicht auf dem Wege königlicher Verordnung erfolgen. Berlin, 26. März. Der Kaiser empfing heute in Hubertusstock den neuen Cultusminister Bosse. Berlin, 26. März. Der Kaiser ist um 5V2 Uhr von Hubermsstock emgetroffen. Er sah sehr wohl aus und war von Prinz Heinrich begleitet und fuhr mit der Kaiserin, die ihn am Bahnhose erwartet hatte, im offenen Wagen nach dem Schlosse. Das Publikum brachte stürmische Ovationen. Berlin, 26. März. Die „Allgemeine Fleischerzeitung" theilt mit, daß die Schweinesperre aus dem hiesigen städtischen Centralviehhofe heute ausgehoben worden ist. | 1 allen übrigen Staaten. Sie seien die nothwendige Folge des Mili- tansmuS. wie auch die Soldatenmißhandlungen. Diese letzteren ließen sich nicht durch Verordnungen und Erlasse beseitigen, denn ste Men von dem System des Militarismus »nicht zu trennen. Der MUitartsmus sei unchrtstlich und inhuman, denn er sei die Kunst der Menschenschlächterei. Die Socialdemokraten wollten Deutschland nicht wehrlos machen; sie wollten nur den Uebergang zum Miliz- hätte Frankreich, anstatt Elsaß-Lothringen zu nehmen, Nk„Verpflichtung.-uferlegen sollen, zum Milizsyftem überzugehen; ein Milizheer lasse sich nicht zu Eroberungskriegen gebrauchen. Er habe nie ein Hehl daraus gemacht, daß er die Annexion von Elsaß-Loth- ringen nicht nur für ein Verbrechen, sondern auch für einen politischen Fehler halte. Eine Losung der elsaß-lothringischen Frage werde erst möglich, wenn die Regierungen das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten; dann werde es nicht beißen: Elsaß-Lothrmgen gehört dem oder lenem, sondern: Elsaß-Lothringen gehört sich selbst. Bismarck habe die Kriege von 1864 und 1866 herbeigeführt, um inneren Verlegenheiten ein Ende zu machen; ohne die Kriege von 1864 und 1866 .?er von 1870/71 nicht gekommen. Der letztere sei von beiden Seiten, Huben wie drüben, verschuldet. (Widerspruch.) Die Social- demokratte habe mit Den Berliner Tumulten nichts zu thun- sie kampse mit den Waffen, in denen sie den herrschenden Klassen, nicht mit denen, in denen die herrschenden Klassen ihnen überlegen seien; sie exponire sich nicht. Wenn die Tumulte keinen größeren Umfang genommen, so sei das nur der Discipltn der Massen zu danken. Unser CurS ist der alte und eine 25jährige Erfahrung des Kampfes hat uns gelehrt, daß es der richtige ist! Präsident v. Levetzow ruft den Redner nachträglich wegen der Aeußerung: er halte die Annexion Elsaß-Lothringens für ein Verbrechen, zur Ordnung. (Lebhafter Beifall.) m Richter (dfr.) erklärt es für sehr angebracht, hier im Reichstage auf die Kriege von 1864 und 1866 und ihre Ursachen zuruckzukommen. Mit dem Kriege von 1870/71 haben sie nichts zu thun,, dieser sei von Napoleon III. provoctrt worden. Bebel habe dies selbst mit aller Schärfe ausgesprochen. Das Gefährlichste sei, immer von einer elsaß lothringischen Frage zu sprechen; dadurch wurden dann alle möglichen Fragen angeregt. Es gebe keine elfaß- lothnngische Frage. Redner weist sodann auf den Widerspruch hin, D« zwischen der heutigen Rede Liebknechts und der bekannten Münchener Rede seines Fracttonsgenossen v. Vollmar bestehe und wendet sich schließlich zum Mtntsterwechfel. Der Herr Reichskanzler sei ja noch hier, aber gewissermaßen balbtrt. Er werde wohl gefunden haben, daß es nicht so leicht fei, gegen den Strom zu schwimmen. hu"e die Trennung des Reichskanzleramts vom preußischen Minifterprasidium für die Dauer nicht haltbar; auch Bismarck fei davon überzeugt worden. Die Freisinnigen könnten ja mit der Trennung einverstanden sein, denn sie erschwere die do ut des:®olitir. Die unliebsamen Ereignisse der letzten Zeit seien die Folge der Cabtn^sregterung, eine Erbschaft Bismarcks; auch die unverantwortlichen Rathgeber gehörten zu den Erscheinungen der Cabinetsregierung Hatten wir das parlamentarische Regierungssystem, so würde die Autorität bei Weitem nicht so gelitten haben, wie dies geschehen Reichskanzler Graf Caprivi: Durch die Trennung der beiden Jemttt sei keine Schädigung der Interessen des Reichs verursacht. Als Präsident habe der Reichskanzler im preußischen Ministerium nicht mehr Einfluß denn als Minister des Auswärtigen; er könne so wie so nur durch das Gewicht seiner Gründe wirken. Graf Roon sei s. Z. mit Rücksicht auf seine leidende Gesundheit zurückgetreten- nicht weil die Trennung von Reichskanzleramt und Ministerpräsidium nicht haltbar sei. Was die Politik der Gegenleistungen anlange, so wurde er glauben, sich am deutschen Volke zu versündigen, wenn er als Reichskanzler Concessionen machte, um für Preußen Gegenleistungen zu erlangen. Er habe das Präsidium im preußischen Mrnisterium stets zu den schwersten Theilen seines Amtes betrachtet. Gerade die Trennung werde eine größere Stabilität zur Folge haben. Es haben ihn bei keiner der Vorlagen Meinungsverschiedenheiten von seinen Collegen getrennt. (Beifall.) Aber die Stellung des Reichskanzlers sei besser unabhängig von der des preußischen Ministerpräsidenten. Er hoffe, daß die Trennung der Aemter dem Reiche nicht zum Schaden, sondern zum Nutzen gereichen werde. (Beifall.) Abg. v. Kardorff (Rp.) erklärt gegenüber gewissen falschen Vorstellungen im Auslande, daß die ganze deutsche Nation festhalte an dem Dreibunde. Er glaube nicht, daß die Trennung des Reichs- kanzleramtes und des preußischen Ministerpräsidiums auf die Dauer angängig sein werde, nachdem ein bezüglicher Versuch schon früher gescheitert fei. Amtlicher» Tbeil. m A _ Gießen, den 25. März 1892. Betr.: Das Behüten der Wiesen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß das Behüten Wiesen nach der Wiesenpolizeiordnung für den Kreis Gießen vom 1. April an untersagt ist. Sie wollen die Schäfer hierauf aufmerksam machen und die Feldschützen strengstens anweisen, etwaige Uebertretungen zur Anzeige zu bringen. Die Gendarmerie ist gleichfalls angewiesen, bei Zuwiderhandlungen gegen dieses Gebot Anzeige zu erheben. v. Gagern. Abg. Graf Ballest rem (Ctr.) beklagt den Rücktritt des Grafen Caprivi vom preußischen Ministerpräsidium, spricht aber seine Freude darüber aus, daß kein Anlaß vorgelegen, auch auf das Amt als Reichskanzler zu verzichten. Er hoffe, daß Graf Caprivi noch lange tm Amte sein werde, und er hoffe auch, daß er bald, wie Fürst Bismarck seiner Zeit, an die Spitze des preußischen Staatsmmiftertums zurückkehren möge. Eine do ut des-Polittk würde auch das Centrum aufs schärfste verurtheilen. Was die Bemerkungen Richters über parlamentarische Regierung anlange, so stehe das Centtum auf dem Boden der Reichsverfassung. Abg. v. Bennigsen (nl.) weist darauf hin, daß früher der Gedanke an einen verantwortlichen Reichs-Finanzrninister von allen Seiten ventilirt worden sei und daß auch der Reichskanzler verantwortlicher Minister des Reiches fei. Der gegenwärtige Zeitpunkt wäre allerdings wenig geeignet, die Forderung nach einem ReichS- mtnifterium geltend zu machen. Er wünsche auch nicht, daß die Trennung der Aemter von Bestand sei, um so weniger, als der Partikularitzmus stark im Anwachsen sei. Da dürfe nicht noch ein preußischer Partikularismus hinzukommen. Am besten sei es, Personen- wechsel zu vermeiden. Der Versuch mit der Trennung werde jetzt gemacht werden und man unterstütze ihn durch Vertrauen Abg. Frhr. v. Manteuffel (conf.) constatirt, daß von seinen Feunden dtt Forderung eines Reichs-Finanzministers nicht gestellt oder unterstützt worden sei. Ernennungen, die Se. Maj. der Kaiser vollzogen, glaube er nicht discutiren zu sollen. . ,dlbg. ^tebknecht (Soc.) sucht nochmals seinen Standpunkt in ' ^r elsaß-lothringischen Angelegenheit zu rechtfertigen. Seine Freunde | batten nur erklärt, daß, wenn Deutschland von Rußland und Frankreich angegriffen werde, sie für die Vertheidigung des Vaterlandes eintreten würden. Abg. Frhr. Stumm (Rp.) constatirt einen Zusammenhang der Berliner Tumulte mit den Agitationen der Socialdemokcaten. Sie hätten sich angeknüpft an den Vortrag des Socialdemokraten Keßler und das Nichtauslegen des „Vorwärts" in einer Wirthschaft bildete den Anlaß zur Zerstörung derselben. Abg. Richter: Der Vorredner lasse unerwähnt, daß auch die von den Herren Stöcker und Liebermann von Sonnenberg erregten Antisemiten die Hand im Spiele gehabt. Es sei nicht Alles so, wie es sein solle, das sei daS allgemeine Gefühl und er vermöge die Lösung der Mintsterfrage nur für ein Provisorium anzusehen. Abg. Graf Kanttz (cons.) wendet sich gegen v. Bennigsen und spricht sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß ein activer Staatsbeamter Arm in Arm mit Richter als Führer der Opposition ausgetreten sei. Wenn der Parlamentarismus im Zunehmen sei, so sei die Forderung nach einem Retchsmtnisterium das allerungeeignetste Mittel dagegen. Abg. v. Bennigsen findet es begreiflich, daß sich der Aerger der Herren Graf Kanttz u. Gen. Luft mache. Männer aller Parteien hätten in dem Volksschulgesetz eine schwere Schädigung unserer ganzen Inneren Entwicklung erblickt und man habe ihm Dank dafür gewußt. Auch an höherer Stelle werde man es für kein Unglück halten, wenn es auch in hervorragenden Be^mtenstellen Leute gibt, die rechtzeitig auf sich entwickelnde Gefahren Hinweisen und falsche Schritte zu verhüten suchen. (Beifall.) Abg. Stöcker (cons.) verwahrt sich und die Antisemiten dagegen, in die Tumulte hineingezogen zu werden. Wenn der Ruf fiel: „Juden raus!" so beweise dies nur, daß die Erkenntntß von der Gemetnschädltchkeit des Judenthums eben in alle Kreise dringe. Leider mache sich jetzt eine Verrohung und Verthierung im Volke bemerkbar, die eine Folge der socialdemokratischen Hetze und des Hasses gegen die Religion sei. Wenn sich das liberale Bürgerthum des Herrn v. Bennigsen nicht mehr um die moralische Verseuchung kümmere als bisher, so sei es um das deutsche Volk schlecht bestellt. Wenn Liebknecht die Annexion Elsaß-Lothringens als Frevel htnftelle, so könne allerdings nichts Schlimmeres geschehen, um die Franzosen in ihren Ansprüchen zu ermuthigen. Die Bewegung gegen das Volksschulgesetz sei eine Mißachtung gegen die Regierungs-Autorität und die Autorität der Parlamentsmehrheit gewesen. Im großen liberalen Bürgerthum seien allerdings die materiellen Interessen erheblich gefördert worden, aber es habe auch den Mammonismus gefördert, während es in religiöser und moralischer Beziehung nichts gethan habe, um die Volksseele zu heben. Die „Köln. Ztg." sei ebenso unmonarchisch als unchristltch ausgetreten. Wenn von einer Moral- Religion gesprochen werde, so sollte das liberale Bürgerthum wissen, daß Religion und Moral zwei verschiedene^Dtnge seien. Den Schaden von dem vermeintlichen (Liege hätte der (Staat, das Reich und die Autorität der Krone. (Beifall rechts, Widerspruch links.) Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antisemit) verwahrt die Antisemit, n gegen den Vorwurf, an den Berliner Tumulten be- thetligt gewesen zu sein; wohl aber hätte die Börse dahinter gesteckt, wie bet allen Revolutionen die Juden eine Rolle gespielt. Abg. Prinz Earolath (fractionslos) wendet sich zunächst gegen den Antisemitismus; der Thron würde ihm leid thun, der sich darauf stützen müßte. Graf Kanitz habe seiner Partei keinen Dienst gethan. Preußen dürfe stolz darauf sein, Beamten wie Bennigsen zu besitzen. Wie solle man in Zukunft Beamte wählen können, wenn sie nicht das Recht haben sollen, ihre Meinung frei zu äußern. Abg. Singer polemisirt gegen Abg. Stöcker. Abg. Richter: Bei den Berliner Tumulten seien die Antisemiten der That im Gegensatz zu den Antisemiten der Phrase ausgetreten. Wenn den Conseroativen die etngetretene Wendung nicht passe, sollten sie doch die Regierung zur Auflösung des Parlaments veranlassen; das ließen sie fein sein, sie fürchteten die Neuwahlen. Abg. v. Kardorff (Rp.) constattrt den Angriffen Stöckers auf das liberale Bürgerthum gegenüber, daß seine Partei im Abgeordnetenhause einstimmig gegen das Volksschulgesetz gestimmt habe. Die Generaldebatte wird geschlossen. Montag 12 Uhr: Etat. Neueste 27acbrichten. fSoifrS MegraphilLtS tl'rrespoudmz-Bureau. Berlin, 27. Mürz. Der Kaiser und die Kaiserin nahmen Vormittags am Gottesdienste im Dome Theil und später empfing der Kaiser im Schloß den früheren Cultus- minister Zedlitz. London, 27. März. Gestern haben fünf Schleppdampfer den Versuch gemacht, den Schnelldampfer „Eider" abzubringen, jedoch vergeblich. Die Bemühungen sollen morgen Vormittag IO1/» Uhr bei der Hochfluth wiederholt werden, wenn der Wind günstig ist. Die Taucher haben den Hauptleck verstopft. Darmstadt, 28. März. Der Kaiser ernannte den Großherzog Ernst Ludwig zum Obersten ä la suite des 1. Garderegiments z. F. Berlin, 28. März. Im Abgeordnetenhaufe erklärte der neue Ministerpräsident Eulenburg, daß sich gegen das Volksschulgesetz im ganzen Lande unvereinbare Gegensätze geltend gemacht hätten. Ebenso fei in der Commission keine Verständigung erzielt worden. (Lebhafter Widerspruch bei dem Centrum und rechts). Da unter diesen Umständen ein befriedigendes Ergebniß der Verhandlungen nicht zu erwarten, verzichte die Staatsregierung auf die Fortsetzung der Berathung des Gesetzentwurfs. (Lebhaftes Bravo links, Zischen rechts und im Centrum). Die Regierung behalte sich vor, wann und wie gelegentlich auf die Angelegenheit zurückzukommen sei. (Lebhafte Unruhe im Hause)._____________________________________________________ totales unö ^provinzielles, Gießen, 28. März 1892. — Von der Universität. Se. Kgl. Hoheit der Groß- herzog haben Allergnädigst geruht, am 23. März den Professor am Karls-Gymnasium zu Stuttgart Lic. theol. Max Reischle zum ordentlichen Professor in der theologischen FacuÜät mit Wirkung vom 1. April d. I. an zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen. — An der am Samsrag Mittag Vs 12 Uhr in der großen Aula der Universität veranstalteten akademischen Trauerfeier zum Gedächtniß an Se. Königl. Hoheit den Großherzog Ludwig IV. nahmen der gesammte Lehrkörper der Uni' versität, die Spitzen der Civtlbehörden, des Militärs, die Geistlichkeit, Vertreter der Studentenschaft und besonders geladene Gäste, worunter viele Damen, Tbeil. Die Aula war der Feier entsprechend decorirt, die Büste des verewigten Großherzogs von Pflanzengruppen und Trauerschmuck umgeben, die aufgestellten Fahnen der studentischen Verbindungen mit schwarzen Schleifen behangen. Während der die Feier em- leiienden Trauermusik betraten unter Vorantragen der Uni- versitätsscepter die Herren Professoren die Aula. Nach dem vom Akademischen Gesangverein vorgetragenen Trauerchor von Reichard hielt Herr Geh. Hosrath Pros. Dr. Oncken iic Gedächtnißrede. Der Herr Redner bemerkte einleitend, daß er keine Lebensbeschreibung des verewigten Grobherzogs bieten könne, sondern nur eine Trauerbetrachtung, nicht das, was stirbt, sondern das, was von dem Großherzog Ludwig fortlebt in unseren Herzen, sei der Betrachtung geweiht. Die Theilnahme des verewigten Großherzogs an der Verwirklichung des deutschen Einheitsgedankens in Krieg und Frieden lasse ihn als Patrioten der That erscheinen, Hessen war die Brücke über den Main, welche den Süden mit dem Norden verband, so daß das deutsche Volk einig sich erheben konnte, als es galt, im Jahre 1870 den von einem über- müthigen Nachbar heraufbeschworenen Kampf aufzunehmen, welcher bewiesen, daß das deutsche Volk nicht nur ein tapferes, sondern auch ein Volk der Treue ist. Der Schilderung der Heldenthaten des damaligen Prinzen Ludwig, der Fürsorge für die Verwundeten durch seine Gemahlin, die unvergeßliche Prinzessin Alice, schloß sich eine Betrachtung über die nach 1870 folgende Thätigkeit des Prinzen Ludwig besonders auf militärischem Gebiete und über die im Jahre 1877 erfolgte Thronbesteigung des Großherzogs Ludwig IV. an. Einer der ersten Regierungsacte fei es gewesen, in einem besonderen Schreiben der Landesuniversität sein Wohlwollen und die Pflege des bisherigen Verhältnisses zwischen Regierung und Universität zuzusichern. Wer Zeuge davon gewesen, welche Sparsamkeit in früherer Zeit der Universität gegenüber geübt und nun vergleiche den sich besonders in den Neubauten zeigenden Aufwand reicher Mittel, dem offenbare sich die landesherrliche und staatliche Fürsorge für die Hochschule. Gleichbedeutend mit den Universitätsbauten seien aber auch die Reformen zum Wohle der Universität, deren eine, der Erlaß einer neuen Promotionsordnung, besonders hervorzuheben sei und die dankbare Anerkennung seitens der Universität darin gefunden, daß die philosophische Facultät die Herren Staatsminister Starck und Staatsrath von Knorr zu Ehrendoctoren ernannte. Als Zeugniß seines Vertrauens zur Wissenschaft fei es zu betrachten, daß der verewigte Groß- Herzog seinen Sohn, den Erbgroßherzog und nunmehrigen Großherzog, der Universität Gießen anvertraute- die Anwesenheit Sr. Kgl. Hoheit stehe noch in frischer Erinnerung, er habe Alle begeistert, die mit ihm verkehren konnten. Nachdem Herr Geh. Hosrath Prof. Dr. Oncken noch hervorgehoben, daß die deutschen Universitätslehrer dankbar anerkennen den Geist der deutschen Studenten, die sich fern hielten von bei anderen Nationen hervortretenden anarchistischen und nihilistischen Bestrebungen, schloß er seine eindrucksvolle Ge- dächtnißrede mit der Aufforderung, das Andenken an den verstorbenen Großherzog zu ehren durch Festhalten an dem Spruche: „In Wissen und Waffen getreu bis in den Tod". — Der derzeitige Rector der Universität, Herr Prof. Dr. Siebeck, bemerkte in seiner Ansprache, daß, wenn irgend- wo im Lande eine Gemeinschaft verpflichtet fei, dem Danke für die landesväterliche Huld und Fürsorge Ausdruck zu geben, dies die Alma mater Ludoviciana sei. Der Herr Rector hob ferner besonders hervor das zwischen Universität und dem Landesherrn bestehende gesunde Verhältniß, der Hoffnung Ausdruck gebend, daß es auch fernerhin Bestand haben möge; es werde Aufgabe der Universität fein, dasselbe zu erhalten - mit der frohen Gewißheit auf das Fortbestehen der landesväterlicken Huld und im Hinblick auf den neuen Rector magnificentissimus gehe die Universität wieder an die Arbeit; eine lange, gesegnete Regierung wünsche sie Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog Ernst Ludwig. — Chorgesang (aus der „Matthäuspasfion" von Bach) und Musik (von der Capelle des Regiments Kaiser Wilhelm) schlossen die Feier. — Die Coudoleuz. Adresse, welche von der Landes- Universität an Se. Königl. Hoheit den Großherzog abgesandt wurde, lautet: Allerdurchlauchtigfter Großherzog, Allergnädigfter Fürst und Herr! Ew. Königliche Hoheit wollen allergnädigst geruhen, seitens der Großh. Landesuntversität dm ehrfurchtvollsten und tiefgefühlten Ausdruck des Schmerzes über die schwere Heimsuchung entgegen zu nehmen, die soeben Ew. Königl. Hohett, Höchstderen Familie, fowte das ganze Land betroffen hat. Sie thut dies im Andenken an alle die unvergeßlichen Beweise landesväterlichen Wohlwollens, deren sie sich von jeher von Seiten des Höchstseligen Großherzogs zu erfreuen hatte, insbesondtre in dem dankbaren Gefühle der nahen Beziehung, welche der verewigte Fürst durch die Annahme der Würde eines Rector magnificentissimus zu der Ludoviciana herzustellen geruht hatte. Und die Trauer, welche ste empfindet, ist um so größer, als es ihr noch in froher und dankbarer Erinnerung ist, wie es ihr noch vor einem Jahre vergönnt war, Ew. Königl. Hohett in gnädiger und freudiger Theilnahme an ihrer Arbeit und ihrem Ergehen in ihrer Mitte zu sehen. In dem wehmüthtgen und doch zugleich stolzen Gefühle, in dem gütigen Herrscher zugleich ihr eigenes Haupt betrauern zu dürfen, naht sie sich beute dem neuen Landesherrn in gehorsamster Huldigung und mit der unterthäntgsten Bitte, daß e8 Ew. Königl. Hoheit gefallen möge, sie des beglückenden Bandes, welches von jeher und neuerdings in verstärktem Maße zwischen der Universität und ihrem Schirmherrn bestanden hat, auch ferner sich erfreuen zu lassen. Es wird unser stetiges Bestreben sein, unS dieses hohen Wohlwollens und Vertrauens durch treuen Gehorsam, sowie durch angelegentliche und gewissenhafte Förderung aller uns obliegenden, zum Wohle des Vaterlandes dienenden Interessen allezeit würdig zu erweisen. Wir schließen mit dem innigsten Wunsche, daß unserm neuen Landesherrn durch Gottes gnädige Fürsorge eine lange, ihn selbst beglückende und für sein treues Hessenland segensreiche Regierung beschicden sein möge. Ew. Königl. Hoheit verharren u. s. w. Hierauf ist unter dem 21. d. M. folgende Allerhöchste Kundgebung ergangen : Mein lieber Rector! Für die von Meiner Landes-Universität bei Meinem schweren Verlust gezeigte warme Theilnahme sage Ich Ihnen als dem Haupt und Vertreter derselben herzlichen Dank. Es gereicht Mir in Meinem Schmerz zur Genugthuung, daß Sie das Hinscheiden Ihres der Landes-Universität mit so warmem Wohlwollen und väterlicher Fürsorge zugethanen Rector magnificentissimus, Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, als einen eigenen Verlust empfinden. Indem ich Sie versichere, daß Ich alle Bonde, welche Meinen Hochs-ligen Vater mit der Landes-Universität so innig verknüpften, gerne aufnehme und daß Ich Schutz und Förderung dieser Mir lieb gkwordenen Pflanz und Pflegstätte Deutscher Wissenschaft wie der Hohe Entschlafene als eine heilige Pflicht betrachten werde, verbleibe Ich Ihr allezeit wohlgeneigter , c t Ernst Ludwig. Darmstadt, den 21 März 1892 — Turnerisches. Vor 14 Tagen sand unter großer Betheiligung der auswärtigen Vereine in Steins Garten der 5 9. Turntag des GauesHessen statt, aus dessen Verhandlungen wir nachträglich berichten wollen, daß zum Gauvertreter Herr Fritz Helm (Männerturnverein Gießen) und zum zweiten Schriftführer Herr Karl Stohr (Turnverein Gießen) gewählt worden sind. Die diesjährige Gauturnfahrt soll am 22. Mai nach Usingen stattfinden und zwar ist ein gemeinschaftlicher Gang aller Vereine des Gaues von Bahnhof Butzbach bis Usingen geplant, woselbst dann das übliche Turnen abgehalten werden wird. Als Zeitpunkt für das Gaufest in Grünberg ist der 3. Juli bestimmt worden, der wohl gerade aus Gießen nach dem schönen Grünberg, das alles anstrengt, um ein herrliches Fest vorzubereiten, viele Gäste bringen wird. Von allgemeinem Interesse gerade für Gießen dürste wohl fein, daß die Vorstände der beiden hiesigen Turnvereine in gemeinsamer Sitzung beschlossen haben, bei dem am 10. April in Mainz abzuhaltenden 53. Turntage des Mittelrheinkreises zu beantragen, daß das im nächsten Jahre abzuhaltende 20. Mittelrheinische Turnfest in Gießen stattfinden soll. Außer Gießen hat sich noch Darmstadt als Festort gemeldet. — Stenographisches. Dem „Journal für Stenographie" entnehmen wir nach dem Mertens'schen Stenographenkalender folgende Zusammenstellung über die Verbreitung der bekanntesten deutschen Stenographiesysteme. Darnach zählte: Gabelsberger . . 777 Vereine mit 20767 Mitgliedern Neustolze . . . 451 u ft 11352 n Arends . . . . . 139 3781 Roller . . . . . 177 H 3064 Schrey . . . . 137 ft ft 2935 tt Stenotachygraphie . 111 n // 2147 H Merkes. . . . 34 n // 488 Velten . . . . . 26 H // 636 tf Faulmann . . . . 20 // ft 1776 tt Brauns . . . 4 n n 114 Daraus ergiebt sich, daß die Gabelsberger'sche Stenographie die weitaus verbreitetste ist, daß sie in ihren Vereinen fast soviel Mitglieder hat, als alle anderen Systeme zusammen- genommen, ganz abgesehen von der coloffalen Menge Gabels- bergianern, die bis jetzt keinem Vereine beigetreten sind. Welches System soll sich ein angehender Stenograph da wählen? Angesichts dieser Zahlen hat er doch nur von demjenigen den größten Nutzen, das am weitesten verbreitet ist, sonst sitzt er da mit seiner Stenographie und kaum Jemand kann sie lesen. — Wie bereits in diesem Blatte (im amtlichen Theile) mitgetheilt worden, tritt die Polizei-Verordnung, betr. die $e- Zeichnung der Fuhrwerke, am 1. April in Kraft. Da ein Außerachtlassen der Verordnung für die Fuhrwerksbesitzer Strafe nach sich zieht, theilen wir, um den Betreffenden Unannehmlichkeiten zu ersparen, an dieser Stelle nochmals den Wortlaut mit: S 1. Jedes Fuhrwerk, welches seiner Natur nach nicht ausschließlich zur Beförderung von Personen bestimmt ist, muß an beständig sichtbarer Stelle, wenn thun- lich auf der linken oder Hinteren Seite, mit dem Namen (Firma) und Wohnort des Eigenthümers und wenn Letzterer mehrere derartige Fuhrwerke besitzt, auch mit fortlaufenden Nummern versehen fein. Diese Bezeichnung muß in durchaus deutlicher Schrift mit Buchstaben von nicht unter 3 cm Höhe ausgeführt fein. S 2. Ausgenommen von dieser Verpflichtung sind die Kaiserlichen Posten und die städtischen Sprengfäffer. S 3. Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Anordnungen werden mit Geldstrafen bis zu 30 Mark oder mit entsprechender Hast bestraft. S 4. Diese Polizeiverordnung tritt mit dem 1. April 1892 in Kraft. — Verhaftet wurde am Samstag ein Metzgerbursche, der seinem Meister zwei Schinken gestohlen und an einen hiesigen Wirth verkauft hatte. — Zu dem am 26. l. Mts. gemeldeten Einbruch können wir mittheilen, daß man den Thätern aus der Spur ist. Es scheinen dieselben Gauner zu sein, die in der Nacht vom 18. zum 19. l. Mts. in Stuttgart ebenfalls einen Uhrenladen ausräumten. — Amnestie. Wie verlautet, sei in der nächsten Zeit ein Amnestie-Erlaß des Großherzogs zu erwarten. Jedoch soll sich die Begnadigung nur auf solche Personen erstrecken, die rechtskräftig zur Strafe verurtheilt sind oder solche zur Zeit verbüßen. Der Oberstaatsanwalt hat die ihm unterstellten Behörden angewiesen, diejenigen Personen zu bezeichnen, die der Wohlthat des Gnaden-Erlasses würdig erscheinen. — Ein erfahrener Gartenfreund schreibt: Unter all den befiederten Sängern muß auf ein kleines bescheidenes Vögelchen aufmerksam gemacht werden, das besonders den Obstgärten ein Freund und Beschützer ist: es ist die Meise. Kohlmeise sowohl wie Blaumeise sind die eifrigsten Jnsecten- vertilger, die bei uns heimisch sind- kein Gartenbesitzer sollte es versäumen, durch Aufhängen von Nistkästen sich diese unermüdlichen Jäger nach schädlichem Gewürm entgehen zu lassen. Die kleine Ausgabe für Beschaffung der Kästen wird durch Mehrertrag der Obstbäme reichen Nutzen bringen. -r. Lollar, 27. März. Die Aachen-Münchener Feuerversicherungs-Gesellschaft, welche bekanntlich jederzeit für die Feuerwehren der Orte, in welchen sie mit Ver sicherungen beteiligt ist, eine offene Hand hat, unterstützte auch in diesen Tagen wieder die freiwillige Feuerwehr Lollar behufs Anschaffung einer mechanischen Sch ebeleiter mit der ansehnlichen Summe von 150 Mk. — Es ist dieses um so mehr anzuerkenuen, als die Lollarer freiwillige Feuerwehr schon zweimal mit Beträgen von der genannten Gesellschaft bedacht wurde: im Jahre 1877 mit 100 Mk. und im Jahre 1882 mit 200 Mk. An dieser Stelle mag seitens der freiwilligen Feuerwehr Lollar der Direction der Aachen-