Nr. 24 Freitag den 29. Januar 1892 Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger Anrts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren ] Hratisöeikage: Gießener IamitienötätLer Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für bni folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Sonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslande- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Redaction, Expedition und Druckerei: Zchutstrahe Ar.7. Fernsprecher 51. Vierteljähriger Avounemeuisprets: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg- Tie Gießener As«»itie«5tälter werden dem Anzeiger ^v-chentlich dreimal beigelegt. Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags. 2lmilid?cr Theil. Bekanntmachung. Nach Beschluß der Generalversammlung des landwirth- schastlichen Bezirksvereins Gießen soll in diesem Frühjahr der Bezug von Saatfrucht und Kartoffeln durch den landwirth- schaftlichen Bezirksverein vermittelt werden. Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kennt- Niß gebracht : 1) daß in dem Voranschläge des landwirthschastlichen Bezirksvereins pro 1891/92 600 Mark zur Deckung der Transportkosten vorgesehen sind und daß bei Bestellungen von Mitgliedern des landwirthschastlichen Bezirksvereins, welche den Betrag von 30 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Transports der Saatfrucht und Kartoffeln bis zur Äsenbahnstation Gießen auf die Bezirkövereinskasse übernommen werden, daß bei größeren Bestellungen dagegen die Vereinsmitglieder die Kosten des Transports der Saatfrucht insoweit zu überneh- men haben, als die Bestellung den Betrag von 30 Mk. über- steigt; 2) daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgesührt werden, dieselben haben aber, wenn sie nicht vorher noch Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins werden und sich zu diesem Behufs bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten; 3) daß Landwirthe, welche durch Vermittelung des land- wirthschaftlichen Bezirksvereins Saatfrucht oder Kartoffeln zu beziehen wünschen, ihre Anmeldungen bis zum 10. Februar I. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen haben; 4) daß die Zahlung bei Empfang der Saalfrucht oder Kartoffeln alsbald zu erfolgen hat; 5) daß angeboten sind an Kartoffeln loco Hamburg oder Görlitz Magnum bonum, Richters Imperator, Daber'sche, Champions Anderffen, sächsische Zwiebelkartoffel, Lata Rosa (späte Rosenkartoffel) zu 4 Mk. per Ctr., Kornblume (Paulsens Züchtung), Blauaugen, Hortensia, Weltwunder, Schneeflocken, frühe Rosa und gelbe Rosa zu 5 Mk. per Ctr., Bis- quit, frühe blau» Sechswochen, Juno und Simon von Paulsen und deutscher Reichskanzler von Richter zu 6 Mk. per Ctr., Bruce, englische Neuzüchtung aus Magnum bonum zu 9 Mk. per Ctr.; 6) daß Saatofferten bis jetzt noch nicht eingelaufen sind. Die Herren Bürgermeister werden ersucht, vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeinden veröffentlichen zu lassen, Anmeldungen entgegen zu nehmen und längstens bis zum 10. Februar l. I. einzusenden. Gießen, den 5. Januar 1892. Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost. Deutsches Reich. Berlin, 27. Januar. Im Beisein zahlreicher Fürstlich- ikeiten hat Kaiser Wilhelm am Mittwoch sein 33. Geburt s f e st begangen und wenn hierdurch die diesmalige Geburtstagsfeier des kaiserlichen Herrn eine besonders glänzende Umrahmung auszuweisen vermochte, so schließt die Anwesenheit so vieler deutscher Fürsten am Kaiserhofe anläßlich des Geburtssestes des Kaisers zugleich noch eine tiefere Bedeutung in sich ein. Denn indem die Könige von Sachsen und von Württemberg, die Großherzöge von Baden und von Hessen u. s. w. nach Berlin eilten und dem erhabenen Schirmherrn des Reiches zu dessen Ehrentage persönlich ihre Glückwünsche darbrachten, haben sie aufs Neue bewiesen, daß die deutschen Bundesfürsten treu und unerschütterlich zu Kaiser und Reich stehen, daß zwischen dem Kaiser und den Bundes- sürsten das erfreulichste persönliche Verhältniß obwaltet. — Prinz Heinrich von Preußen, welcher in Kiel an der Influenza erkrankt war, ist von seiner Erkrankung erfreulicher Weise wieder hergestellt und konnte darum auch an den Ge- burtstagssestlichkeiten am Berliner Hofe theilnehmen. In Begleitung des Prinzen Heinrich sind auch dessen Gemahlin, Prinzessin Irene, und der kleine Prinz Waldemar in Berlin eingetroffen. — Die ausgetauchten sensationellen Gerüchte über die Einreichung eines Demissionsgesuches des preußischen Finanzministers Dr. Miquel und die vorläufige Ablehnung desselben seitens des Kaisers bestätigen sich. Herr Dr. Miquel ift zu seinem bedeutsamen Schritt durch seine Bedenken gegen das neue Volksschulgesetz veranlaßt worden und wenn er dieselben auch schließlich wieder zurückgedrängt hat, so scheint doch durch den ganzen Vorgang die Stellung Dr. Miquels im preußischen Gesammr-Ministerium eine unsichere geworden zu fein; Herr Miquel zog hieraus mit Einreichung seines Entlassungsgesuches die naheliegenden Consequenzen. Es heißt nun, der Kaiser habe den Minister gebeten, seinen definitiven Entschluß bezüglich seines Verbleibens oder aber Gehens mindestens so lange auszuschieben, bis sich die Ergebnisse der Berathungen der einzusetzenden Abgeordnetenhaus-Commission über das Bolksschulgesetz übersehen ließen, doch bedarf letztere Meldung noch der Bestätigung. Jedenfalls muß mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, daß im Falle einer Annahme des neuen Volksschulgesetzes Herr Dr. Miquel aus seiner Ministerstellung ausscheidet, falls dies nicht schon vorher geschieht, dann aber würden wir in der inneren Politik vor einer in ihrer Entwickelung noch keineswegs übersehbaren politischen Krisis stehen. Berlin, 26. Januar. Abgeordnetenhaus. Bei der Fortsetzung der Debatte über den Entwurf des Volksschulgesetzes findet der Abg. Dauzenberg (Ctr.) es bedenklich, daß bei der Erlaubniß zur Ertheilung des Religions-Unterrichts der Staat mitzureden habe und bestreitet, daß durch die Vorlage die Volksschule der Kirche ausgeliefert werde. Hierauf führt Richter aus, der Entwurf laufe entschieden der bisher geübten Verwaltungspraxis zuwider, er entspreche auch nicht der Verfassung, weil er nicht das gesammte Unterrichtsgebiet regle. Der Entwurf enthalte sechs im vorigen Jahre in der Commission verworfene Centrums-Anträge; er bedeute die Vernichtung jeder Thätigkeit der Selbstverwaltung auf dem Schulgebiete. Den Kamps gegen dieses Gesetz würden die Liberalen als Culturkampf im edlen Sinne gemeinsam führen und nicht eher ruhen, bis es beseitigt sei. Der Cultus- minister erwiderte, das Gesammtministerium habe Sr. Majestät den Entwurf vorgelegt. Derselbe sei von dem Gesammtministerium unterzeichnet worden, wenn auch über die eine oder andere Frage verschiedene Auffassungen bestünden. Auch seien diese Differenzen durch die Einreichung des Entwurfs erledigt worden. Was ihn selbst betreffe, so habe er sich nie mit der Verantwortlichkeit Anderer gedeckt. Bezüglich der obligatorischen Betheiligung der Kinder von Dissidenten an dem Religionsunterricht in der Volksschule bemerke er, daß er sich erst nach schweren Bedenken entschieden habe, diese Forderung aufzunehmen, da seiner Ansicht nach geistige Kämpfe besser auf freier Bahn als unter der staatlichen Bevormundung auszufechten seien. Was die städtischen Schuldeputationen betreffe, so würden diese nicht zertrümmert werden. Die Selbstverwaltungsbehörden seien durchaus befähigt, die ihnen zugemutheten Aufgaben zu erfüllen. Er erstrebe gleichfalls die Erziehung der Kinder zu selbständigem Denken und bestreite, daß der Entwurf dies verhindere. Abg. Stöcker erklärt in Anknüpfung an die Richter'sche Ankündigung des neuen Cnlturkampss, im Kampfe gegen die Kirche und diesen Entwurf seien die liberalen Parteien allerdings stets einig. Richter werde sicher die Billigung des ganzen internationalen Judenthums finden. Im Kampfe gegen die Socialdemokratie nütze die Vernunft wenig, da thue das Herz, die Religion Alles. Abg. v. Kardorff. betont, daß die Vorlage nicht der Verfassung entspreche, befürchtet von der Zulassung des Privatunterrichts, daß sich ein Netz socialdemokratischer Schulen über die großen Städte ziehen werde und bittet, mit den Gegnern des Gesetzes eine Verständigung zu suchen. Hierauf schließt die Debatte. Die nächste Sitzung ist aus Donnerstag 11 Uhr angesetzt. Tages-Ordnung: Fortsetzung der heutigen Be- rathung. Stuttgart, 27. Januar. Anläßlich deS Geburtstages des Kaisers betont der „Staatsanzeiger" das Band treuer Freundschaft, das Kaiser und Württembergs König verknüpft. Der Kaiser ernannte den König zum Chef des westpreußischen Kürassierregiments Nr. 5. Ausland. Paris, 27. Januar. Heute sand Empfangsabend bei dem deutschen Botschafter Grasen Münster zu Ehren des Geburtstages des Kaisers statt. Anwesend waren mehrere Minister, Vertreter der französischen Gesellschaft, das diplomatischen Corps und der deutschen Colonie. Dattf^er Reichstag. 158. Plenarsitzung. Dienstag den 26. Januar, 8V2 Uhr Abends. Etngegangen: Gesetzentwurf betr. die Anwendung der für die Einfuhr nach Deutschland vertragsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zollermäßigungen gegenüber den nicht meistbegünstigten Staaten. Die Patent-, Muster- und Markenschutzconventionen mit Oesterreich-Ungarn und Italien werden in dritter Lesung angenommen. Hinsichtlich der Verzollung der am 1. Februar in Deutschland vorhandenen Bestände an Getreide rc. haben die Abgg. Dr. Böttcher, Dr. Buhl (natl.), Fürst v. HatzfeldtDrachenderg (Rp.), v. Helldorfi, Frhr. v. Manteuffel (cons.), Rickert und Dr. Witte (bfr.) mit Rücksicht auf die heute vom Reichskanzler abgegebene Erklärung eine neue Fassung deS Entwurfs beantragt, wonach die Vergünstigung der Anwendung des niedrigeren Zollsatzes zwar auf die am 1. Februar vorhandenen Contobestänbe der Mühlen und auf die Holz- und Weinbestände in Transitlägern ausgedehnt werden soll, aber auf das Verlangen verzichtet wird, daß der niedrigere Zollsatz auch auf daS bis zum 30. April eingehende Getreide ohne Rücksicht auf den Ursprung Anwendung finden soll. Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz sührt nochmals die gegen die beantragten Erweiterungen sprechenden Bedenken vor. Durch die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Contobestände der Mühlen sehe man die kleineren Müller, die kein Zollconto haben, aber ausländisches Getreide vermahlen, gegenüber den großen Müllern zurück und schädige sie in dem an sich schweren Concurrenzkampse, den sie gegen die großen Mühlen zu bestehen haben. Abg. Frhr. v. Pfetten (Ctr.) bekämpft die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Contobestände der Mühlen und spricht sich gegen den neu eingegangenen Gesktzentwurs aus, welcher der Regierung plein pouvoir geben soll, sodaß der Reichstag keine Möglichkeit bade, zu prüfen, ob die Gegenleistungen, die uns ein Land für Gewährung der niedrigeren Zölle zugesteht, ausreichen. Abg. Dr. Barth (bfr.) beantragt, daß bis zum 30. April Getreide aus Ländern, mit denen wir keine Verträge haben, zu dem niedrigeren Zollsätze zugelassen werde, wenn nachgewiesen werde, daß die Kaufverträge vor dem 14 Januar abgeschlossen sind. Es handle sich um große Quantitäten Getreide, die aus Rumänien auf der Donau rc. und solche die auf holländischen Flüssen bereits nach Deutschland unterwegs seien. Staatssecretär Frhr. v. Malhahn-Gültz erklärt den Antrag Barth für unannehmbar; auch gegen diesen beständen die politischen Bedenken, welche der Reichskanzler gegen den fallen gelassenen Theil des Commtssionsantrags anführte. Abg. Dr. Buhl (natl.) spricht im Interesse deß Zustandekommens des Gesetzes gegen den Antrag Barth. Abg. Frhr. v. Manteuffel (cons.) erklärt, daß seine politischen Freunde gegen die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Mühlen- contos und cbenso gegen den Antrag Dr. Barth stimmen würden. Abg. Rickert (bfr.) stimmt für den Compromißantrag Dr. Böttcher u. Gen., nachbem die Zustimmung des Bundesraths dafür sicher sei. Er nähme gern mehr, begnüge sich aber mit dem Erreichbaren. Hoffentlich werde dieses Gesetz durch den heute ein- gebracbten Gesetzentwurf der Regierung Überflüssig. Abg. Fritzen (Ctr.): Es hätten nicht nur die Mühlen mit Zollconto, sondern alle Mühlen berücksichtigt werden sollen, die nachweisbar ausländisches Getreide verarbeiten. Abg. v. Kleist-Retzow (cons.) bekämpft die beantragten Erweiterungen, ebenso Abg. v. Schalscha (Ctr.). Seit einem Jahre sei von der Zollermäßigung die Rede; wenn nun in letzter Zeit noch Speculattonskäufe gemacht und die Lieferung durch Ueberschwemmung und Eisgang verzögert worden sei, so liege für den Reichstag kein Anlaß vor, das eingefrorene Geschäft wieder flott zu machen. Dec Entwurf wird nach dem Anträge Böttcher und Genossen angenommen. Nächste Sitzung Donnerstag 2 Uhr. Tages-Ordnung: Dritte Berathung des vorstehend angenommenen Gesetzes, erste bezw. zweite Berathung des obengenannten neu eingegangenen Gesetzentwurfs. Telegraphengesetz. Renette Hacbrid^ten« Wo.'ftz tettgrQpbüH,? lorrrftionben^Bureau. Berlin, 27. Januar. Des Kaisers Geburtstag wurde mit militärischem Wecken eingeleitet. Vormittags sanden Festacte in den Schulen und Hochschulen und Festgottesdienste statt. Um halb 11 Uhr war Gottesdienst in der Schloß- capelle, alsdann Gratulationscour irn Weißen Saale. Später wurden die am Sonntag geweihten Fahnen den betreffenden Truppentheilen im Lustgarten übergeben, wobei der Kaiser eine Ausprache hielt. Um 12^ Uhr war große Parole- ausgabe im Zeughause, welcher der Kaiser und die Prinzen Albrecht und Leopold beiwohnten. Aus Potsdam, Dresden, Weimar, Leipzig, Halle, Breslau, Lübeck, Aachen und Braunschweig sind Berichte über die Geburtstagsfeier eingegangen. Berlin, 27. Januar. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers sand ein Festmahl im Rittersaale des Schlosses statt. Es nahmen daran Theil: Kaiser und Kaiserin, die Könige von Sachsen und Württemberg, die Großherzoge von Baden und Hessen und andere Fürstlichketten. Abends 7 Uhr war Galavorstellung im Opernhause. Die Illumination der Stadt ist glanzvoll. Bis in die äußeren Stadttheile durchzieht eine dichte Menschenmenge die Straßen. Bern, 27. Januar. Der Ständerath bewilligte einstimmig einen außerordentlichen Credtt von 7,000,000 Fres. für die Kriegsbereitschaft. Turin, 27. Januar. Die Universitäts-Studenten setzten heute ihre Demonstrationen fort. Sie begaben sich nach der Ingenieurschule und verhinderten dort die Vorlesungen. Konstantinopel, 27. Januar. Anläßlich des GeburtS- tageS deS Deutschen Kaisers wurde Vormittags ein Gottesdienst in der Botschaftskirche abgehalten. Spater sand Empfang der Colonie durch den Botschafter statt. Der Sultan gratulirte durch Munir und Schakir Pascha, während ein türkisches Kriegsschiff 21 Salutschüsse abgab. Nachmittags beging der deutsche Handwerkerverein die Feier durch ein Fest« effen im Saale des deutschen Vereins Teutonia. Konstantinopel, 27. Januar. Bei den Festlichkeiten zu Ehren deö Prinzen Carl von Hohenzollern entging der Sultan einem ernsteren Unfall nur dadurch, daß der Prinz einen aus den Sultan stürzenden Wandschirm auffing. Der Sultan verlieh dem Prinzen die Rettungsmedaille und den Cordon des Oömanieordens. Der Prinz reiste gestern nach Athen ab. Zanzibar, 27. Januar. Der Sultan stattete anläßlich des Geburtstages des Kaisers dem deutschen Consul einen Gratulationsbesuch ab. Depeschen des „Bureau Herold". Berlin, 27. Januar. Nach dem ,.Staatsanzeiger^ verlieh der Könlg dem Cultusminister v. Zedlitz den rorhen Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe, dem Minister v. Heyden den rothen Adlerorden 1. Kl. mit Eichenlaub, dem Eisenbahnminister v. Thielen den Stern zum rothen Adlerorden 2. Kl. mit Eichenlaub, dem Staatssecretär v. Stephan das Kreuz und den Stern der Comthure des Hausordens und ernannte den Reichstags- Präsidenten d. Levetzow zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Titel Excellenz. Berlin, 27. Januar. Verschiedene Jndustrievereine übersandten dem Reichskanzler eine Petition, in welcher eine Tarisermäßigun g für Musterkoffer deutscher Handlungsreisender auf den deutschen Bahnen befürwortet wird. Berlin, 27. Januar. Dem Reichstage ging ein. Gesetzentwurf zu, betreffend die Gewährung von vertragsmäßigen Zollbefreiungen, Ermäßigungen auch an Nichtvertrags- staaren bis zum 1. December 1892 ganz oder theilweise gegen Einräumung angemessener Vortheile. Berlin, 27. Januar. Den „Bert. Pol. Nachr." zufolge traf bie Regierung Anordnungen, daß die Gefängniß- arbeit derart vermindert wird, daß sie das freie Gewerbe nicht beeinträchtigt. — Demselben Blatte zufolge ist ein Gesetzentwurf, betreffend die Verlegung des Bußtages, noch nicht eingebracht, da die Verhandlungen noch int Gange find. Wien, 27. Januar. Der Kaiser ordnete trotz der Hof- , trauer an, daß die Bälle im Interesse der Geschäftswelt stattfinden sollen. Wien, 28. Januar. Der „Reichswehr" zufolge finden im Herbste die Manöver zweier Armeecorps in Südwest- Ungarn und Ostgalizien statt, dann folgen größere Cavallerie- manöver in Ostgalizien. Wien, 27. Januar. Das Herrenhaus nahm das Gesetz, betreffend Entschädigung unschuldig Verur- theilter, an. Rom, 28. Januar. Der „Moniteur de Rome" schreibt, die Zulassung der Redemptoristen in Bayern sei ein Act der Gerechtigkeit, welcher von anderen deutschen Staaten nachgeahmt werden wird. Den Redemptoristen müssen aber die Jesuiten aus dem Fuße folgen. Petersburg, 27. Januar. Von 14000 nach Sibirien ausgewanderten Bauern sind bereits Hunderte gestorben, die Ueberlebenden sind obdachlos. Locale» unö provinzielles. Gießen, 28. Januar 1892. — Bestätigung. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 23. Januar der am 14. l. M. durch die Stadtverordneten-Versammlung zu Gießen erfolgten Wahl des Rendanten und Kreiskasserechners Karl Grüneberg zu Gießen zum Bürgermeisterei-Beigeordneten der genannten Provinzial-Hauptstadt die Bestätigung zu ertheilen. — Kaiser Wilhelms II. Geburtstagsfeier. In die in einen prächtig decorirten Festsaal verwandelte Turnhalle des Realgymnasiums und der Realschule begaben sich gestern morgen sämmtliche Schüler der Anstalt, um den Geburtstag Sr. Majestät des deutschen Kaisers festlich zu begehen. Nach dem mit großer Sorgfalt einstudirten und auch präcise vorgetragenen Gesänge „Für's Vaterland", Dichtung von Franz Treller, für Soli, Chor, mit verbindender Declamation und Begleitung des Pianosorte von Carl Amand Mangold, bestieg Herr Realgymnasiallehrer Geiger die Rednerbühne, nm in längerem Vortrage die vorzüglichen Eigenschaften des jetzigen Kaisers zu beleuchten, der es verstanden hat, mit allen Völkern Frieden zu halten und das geeinte Deutsche Reich zum Besten desselben zu regieren, wobei er auch der Männer gedachte, die die Einigung herbeigesührt, Sr. Maj. Kaiser Wilhelms L, des Grasen Moltke, sowie des eisernen Fürsten Bismarck, und die Jugend ermahnte, dieses Kleinod zu beschützen und zu erhalten. Mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät Kaiser Wilhelm II., sowie dem daraus folgenden Schlußgesang „Gebet für den Kaiser" endigte kurz nach 12 Uhr die würdige Feier. — Herr Pros. Dr. Gottschick hat zu Ostern einen Rus für practische Theologie nach Tübingen, erhalten und angenommen. — Neues Theater. Wir wollen nicht unterlassen, nochmals auf das Freitag den 29. Januar stattfindende Gastspiel der Großh. hessischen Hofschauspielerin Fräulein Amalie Cramer aufmerksam zu machen. Fräulein Cramer spielt die Josephine von Pöchlaar in dem Lustspiel „Goldfische" von Schönthan und Kadelburg. — Vortrag. In den oberen Räumen des Cafe Ebel wird heute Donnerstag Abend 9 Uhr ein Vorstandsmitglied der Ruder-Gesellschast über seine vierjährigen Erlebnisse aus der Südsee sprechen. Das am 27. d. M. ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 6 enthält: Instruction für das Ver- - waltungs - Strafverfahren und den Erlaß des Verwaltungs- \ Strafbescheids im Geschästskreis des Großh. Ministeriums des i Innern und der Justiz. — Zur Lage des Getreidemarktes. Die Tendenz des Getreidemarktes ist nach wie vor von den enormen Getreide- Ablieferungen aus den westlichen Farmerdistricten Nordamerikas und der immer mehr klar zu Tage tretenden That- fache beeinflußt, daß die Weizenernte des Jahres 1891 quantitativ eine vortheilhastere gewesen ist, als man gemeinhin anzunehmen pflegte. Die Zufuhren von den Vereinigten Staaten, Kalifornien, Indien und aus der Walachei finden nur schwer und langsam Unterkommen, die Vorräthe sind eben größer als je zuvor und betrugen am 1. dss. Mts. 21 Millionen Quarters gegen 16 Millionen im Vorjahre. Die Bestände aus dem Weltmärkte haben seither beträchtlich zugenommen und stellte sich der Vorrath der controlirbaren Plätze Nordamerikas Mitte dss. Mts. aus 45,/a Millionen BushelS gegen 25^ Millionen zu gleicher Zeit im Vorjahre. Die Weizenverschiffungen der Vereinigten Staaten betrugen in den letzten Tagen 386,000 Bushels, d. i. um 160,000 Bushels mehr als in der Vorwoche, davon gingen nach Groß- britannien 190,000 Bushels, das Uebrige nach dem Kontinente. Wiederholt wurde auch daraus hingewiesen, daß auch an den italienischen Plätzen die Getreidevorräthe bedeutend sind und daß ein weiteres Sinken der bisherigen hohen Preise wahrscheinlich ist. D Vom Vogelsberg, 26. Januar. Die erst kürzlich ausgetretene große Kälte hat rasch wiedereiner gelinderen Witterung Platz gemacht. Die Arbeiten im Freien, wie Steinzerschlagen und Holzmacherarbeiten, haben noch keine Unterbrechung erlitten und können ihren Fortgang nehmen. Auch sür die Fütterung des Viehes ist ein milder Winter von nicht zu unterschätzender Bedeutung, indem er einen geringeren Bedarf an Futtermitteln erfordert. Ebenso bedarf es bis dato nicht solcher Mengen von Brennmaterial wie \ während des vorjährigen Winters. Das beweisen-auch die auf einem normalen Stand befindlichen Preise für Brenn- ! Holz bei den jetzigen ersten Holzversteigerungen. Die Winter- j saat zeigt nach dem Verschwinden der letzten Schneedecke ein j recht frisches, üppiges Aussehen. Die Aussichten für dieses i Jahr sind mithin erheblich günstiger als im vorigen Jahre. Möge sie ein guter Nachwinter erhalten! — So günstig der Winter bisher verlaufen, so ungünstig scheint er auf die Gesundheit von Menschen und Thieren zu wirken. Doch muß betont werden, daß die gegenwärtig epidemischen Krankheiten nicht vom Winter gebracht, sondern von demselben aus Sommer und Herbst mit hinüber genommen und allerdings in ihrer Verbreitung begünstigt wurden. So tritt in den meisten Orten, stärker oder geringer, die schreckliche Krankheit der Kinder, die Dip hth eritis, aus und fordert ihre Opfer. Erst kürzlich meldete man auch (von Ober-Ohmen) das Auftreten von Typhus bei Kindern und Erwachsenen. Endlich beginnt auch der leidige Gast berüchtigten Andenkens vom oongen Jahre, die Jnslue nza, wieder auszutreten und erst in diesen Tagen mehren sich die Fälle von Influenza- kranken. Doch zeigt diese Epidemie bei Weitem nicht ein solch allgemeines Auftreten, wie im vorigen Jahre. Auch ist der Krankheitsverlauf bei den Patienten milder und ungefähr^ licher, wie uns ein Arzt mittheilte, als im vorigen Winter, j — Beim Vieh ist es die Maul- und Klauenseuche, * welche immer wieder von Neuem auftritt trotz aller ange- | brachten Vorsichtsmaßregeln. Die wöchentlichen Mittheilungen : der Kreisblätter besagen, daß wenn in einem Orte die Sperr- j Vorschriften wegen der Seuche aufqehoben, sie über einen andern wieder verhängt werden müssen. Butzbach, 26. Januar. Wie gefährlich es ist, den Eisenbahndamm zu begehen, zeigt folgender Vorfall. Ein dahier in Arbeit stehender Schornsteinfegergehülfe hatte am Samstag Mittag im Bahnwärterhäuschen am Griedeler Wald feinem Berufe obgelegen, nach geschehener Arbeit benutzte derselbe den Bahndamm zum Heimweg. Einem ihm entgegenkommenden Güterzuge ausweichend, beachtete er nicht den heranbrausenden Blitzzug, dieser erfaßte die am Arme des jungen Mannes hängende Arbeitsleiter und zerschmetterte, wahrscheinlich durch die Wucht des Anpralles, demselben den Arm. Der Bedaueruswerthe wurde in das Johanniter- HoSpital zu Niederweisel verbracht. Darmstadt, 27. Januar. Am Sonntag Abend sand im kath. Gesellenhospitium eine Begrüßungsfeier zu Ehren des neuen Stadtpfarrers Herrn Dr. Elz statt. Die Betheiligung an derselben war so zahlreich, daß der geräumige Saal die Menge nicht zu fassen vermochte und Viele genöthigt waren, umzukehren. Als der Herr Pfarrer um */29 Uhr eintraf, wurde er zunächst von den Vorstandsmitgliedern herzlich empfangen und brachte der Vorsitzende ein Hoch aus den Gefeierten aus, in das alle Anwesenden freudig einstimmten. Nun folgten Gesangsvorträge und weitere Ansprachen. Herr Straub rief ein herzliches „Willkommen" dem Herrn Pfarrer zu, worauf Letzterer allen Anwesenden innigst dankte. Er fühle für die Gesellen wie für feine Kinder und bitte er sie, daß sie ihm hier, wie es in seiner früheren Stellung in Mainz der Fall gewesen, ebenso wie ihrem Präses aufrichtiges Vertrauen und Treue entgegenbringen möchten. Herr Caplan Schütz sprach in feiner Antwort sowohl dem Herrn Pfarrer wie den Anwesenden Dank aus. Auch der Vorsitzende des kath. kaufmännischen Vereins, Herr Litzendorf, hielt eine schöne Ansprache. Nun trat die Unterhaltung in ihr Recht, indem zunächst das Theaterstückchen „Er muß tanzen" sehr gelungen zur Darstellung gebracht wurde. Es folgten darauf noch eine Reihe von Vorträgen ernsten und heiteren Inhalts. Gewiß alle Theilnehmer an dem schönen Feste werden sich desselben noch lange mit Freuden erinnern. (N. H. D.) vermischtes. * Berlin, 25. Januar. Die „Hochzeit" des verhafteten Bankiers Hugo Loewy mit dem Fräulein Helene Goldstein hat heute Vormittag stattgefunden. DaS Freudenfest ging, den Umständen entsprechend, ohne allen Pomp vor sich und beschränkte sich auf den vorgeschriebenen standesamtlichen Act im Standesamt XII. Hier sprach der Standesbeamte in Gegenwart mehrerer Zeugen und zweier Gerlchtsdiener, welche den Untersuchungsgefangenen geleitet hatten, das Paar zusammen. Nach Erledigung der gesetzlich vorgeschriebenen Formalitäten wurde Herr Loewy in das Untersuchungsgesängniß zurückgebracht, und bald daraus ließ ftd) die junge Ehefrau bei dem Untersuchungsrichter vor- melden, um eine kurze Zwiesprache mit ihrem Ehemanne zu halten. * Frankfurt a. M., 23. Januar. Ein Kuriosum aus der Praxis des neuen Einkommensteuergesetzes wird der „Freis. Ztg." von hier gemeldet: Ein hiesiger Bankier besitzt notorisch ein Vermögen von ca. 40 Millionen Mark. Nach dem Einkommensteuergesetz har er den Durchschnitt des Reinertrages seines Bankgeschäftes, in welchem sein Vermögen thätig ist, aus den beiden Jahren 1890 und 1891 zu dcclariren. Im Jahre 1890 harte er 1,200,000 Mark Reingewinn, 1891 dagegen hatte er mit einem Verlustsaldo von 2 Millionen abgeschlossen. Der Verlust ist wesentlich nur entstanden durch den Coursrückgang der im Besitz des Bankiers gebliebenen Effecten. Hiernach hat der betreffende Bankier im Durchschnitt der maßgebenden beiden Jahre keine Einnahmen gehabt, sondern einen Vermögensverlust von 2,000,000 minus 1,200,000 gleich 800 000 getheilt durch 2, gleich 400,000 Mark. In Folge dessen' hat der betreffende Bankier in seiner Steuererklärung angegeben, daß er ein Einkommen nicht bezieht und bleibt also einkommensteuerfrei. — Nach dem Einkommensteuergesetz kann hiergegen auch nichts eingewendet werden. Privatleute aber, welche nicht Bankiers sind und keine Speculationsgeschäste in Effecten betreiben, dürfen bekanntlich den Coursverlust ihres Effecten- besitzes von dem sonstigen Einkommen nicht in Abzug bringen. * Gute Auskunft. Einem Wirthe wurde eine silberne Taschenuhr aus seinem Nebenzimmer gestohlen. Troy aller Nachspürungen blieb der Thäter unemdcckt und die Uhr verschwunden. Da kam einmal ein luftiger Gast zu dem Wirrh und fragte: „Wissen Sie, was aus Ihrer Uhr geworden ist?" — „Nun?" fragte der Wirth hastig und glaubte sich schon wieder in ihrem Besitze. — „Ein Waisenkind ist daraus geworden," antwortete unter allgemeinem Gelächter der witzige Gast, „sie wird von fremden Leuten ausgezogen." Literatur und Aunst. — Vom Eissport, lieber die interessanten Darbietungen des herzerftischenden Eissports bringt das neueste Heft (X) der »Moderne« Kunst* (Berlin W., Verlag von Rich. Bong) einen fesselnd geschriebenen, mit reizvollen Bildern geschmückten Aufsatz von Paul Dobert. Allen Freunden des Sports seien diese Erörterungen über Wesen und Ziele dcs. Kunstlaufes zur ßcctüre empfohlen. Die in Farbendruck reproducirten Illustrationen führen amüsante ©eenen vom Eisläufe vor; die Unbeholfenheit des Anfängers und die Meisterschaft des Künstlers werden in gleich fesselnder und eleganter Weise dargestellt. Die Erfolge der „Modernen Kunst", deren Auflage bereits 81000 Exemplare umfaßt, haben gezeigt, daß das Interesse des deutschen Leserkreises dem Blatte gehört, das in rastloser Weise bestrebt ist, seinen Abonnenten stets das Beste auf allen Gebieten zu bringen. Die Leistungen sind um so anerkennenswerther, als der Preis pro Vierzehntagsheft nur 60 Pfg. beträgt. — „Und der Herr läßt Gras wachsen auf dürren Bergen!" So predigt der Pfarrer eines Sonntags von der Kanzel herab. „ES ist auch danach", brummte der alte Gemeindeschäfer in feiner Ecke. Dieses geht mir durch den Sinn, da ich im Begriff stehe, das Wenige auf den Markt zu fahren, was auf meinem poetischen Berg gewachsen ist. Seien mir die Schäfer gnädig. — Mit diesem „Vorwort" leitet der vortrefflich bekannte und beliebte Schriftsteller, unser Landsmann Gg. AsmuS sein soeben im Verlage von Eduard Heinrich Mayer in Leipzig erschienenes Gedichtbüchelchen ein. Georg Asmus ist der Verfaffer des „Amerikanischen Scizzebüchelche", und wer dasselbe schon gelesen, wird ungefähr ermessen können, welchen Schatz dichterischer Ergüsse, wenn auch in ernsterer, aber doch überaus ansprechender Form, das Gedicht- düchelchen enthält. Angefügt sind dem sich über alle möglichen Vorkommnisse und Lagen verbreitenden, unsere vaterländischen Verhältnisse in Sinn und Dialect besondere berücksichtigenden „G e dicht- bücheichen" zwei Lustspiele, „Der Blumenstrauß" und „Der Hypochonder", die allein schon der Anschaffung des elegant gebundenen und im Druck hübsch auegestatteten Buches das Wort reden. Der Anschaffungspreis kann in Anbetracht der durch das Buch ermöglichten vortheilhasten Bereicherung jeder Privatbibliothek als ein mäßiger bezeichnet werden; möge das Werk deshalb viele Käufer finden. Derfebr, Land- unb volkswirtt-schaft. Limburg, 27. Januar. Fruchtmarkt. Rother Weizen X 19.25, weißer Weizen X —, Korn X 16.50, Gerste X 10.30, Hafer, X 7.05, Erbsen —, Kartoffeln —. — Preisausschreiben. Vierhundert Mark find von der Redaction der „Geflügel-Börse" in Leipzig ausgesetzt für literarische Arbeiten auf dem Gebiete der Geflügel-, Singvögel-, Kaninchenzucht rc. Die „Geflügel-Börse" veranstaltete bereits im Vorjahre ein ähnliches Preisausschreiben, um Anregung zur Hebung insbesondere der GrflügUzucht zu geben. Ihr bez. Vorgehen verdient in Ansehung des Umstandes, daß noch jährlich für 86 Millionen Mark Geflügel und besonders E