Nr. 50 Der Eichener JUtjdfttr erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS. Die Gießener Jawitienötülter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Zweites Blatt. Sonntag den 28, Februar _________ Gießener Anzeiger Henerat-Anzeiger. 1892 Vierteljähriger Avonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutftratze Ar.7. Fernsprecher 51. Clints- und Anzeigeblatt für den Ureis Gisste«. UKratisöeitage: ^eneT^aminenßfäffcr. «Qe «nnoncen-Bureaux der In. und «uriander nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme »an Anzeigen ,» der Nachmittag« für den folgenden Tag erfcheinenden Nummer bi« Barm. 10 Uhr. 6 em er tun gen der Oberrechnungstammer zur Rechnung des Gas- und Wasserwerks für 1889/90 findet die Versammlung nichts zu erinnern. Der Einführung der Wasserleitung in die verlängerte Licbigstraße, an welche zunächst in Folge vorliegenden Gesuchs das katholische Schwesternhaus sowie das katholische Pfarrhaus angeschlossen werden sollen, wird zugestimmt, desgleichen der gleichzeitigen Einführung der Gasleitung in Men Straßentheil. Die hierfür aufzuwendenden Kosten von Mk. 1220 bezw. Mk. 620 werden genehmigt. Da die unteren Klassen des Realgymnasiums und der Realschule theilweise überfüllt sind, wird aus Antrag der Direetion beschlossen, die 5. Klasse zu theilen und dafür noch eine pro». Lehrerstelle zu errichten. Regelung der Sonntagsruhe im Handels» 3 ewerbe. Nachdem von Seiten Großh. Kreisamts Gießen an die Bürgermeisterei das Ersuchen gerichtet worden, sich über verschiedene (in der Zuschrift näher bezeichnete) Fragen betreffs der Sonntagsruhe gutächtlich zu äußern, wurde in der Sitzung vom 4. Februar beschlossen, zunächst mit der Großh. Handelskammer und dem Loealgewerbverein ins Benehmen zu treten und ein Ausschreiben an die Interessenten behufs Stellungnahme zu der in der Gewerbegesetznovelle vorgeschriebenen Einhaltung der Arbeitszeit an Sonn- und Festtagen zu erlassen. Gleichzeitig wurde die Einsetzung einer besonderen Commission beschlossen. Diese Commission hielt am 17. Februar ihre erste Sitzung und sind die Beschlüsse derselben in Nr. 42 des Gießener Anzeigers bekannt gegeben. Entsprechend der in diesem Bericht enthaltenen Anregung ist Seitens Großh. Bürgermeisterei die Erlangung von Auskünften in Wetzlar, Marburg und Butzbach versucht worbender Stadtverordneten-Versammlung konnte über die Antwort der Städte Wetzlar und Butzbach Mittheilung gemacht werden. In Wetzlar ist man im Allgemeinen für Beschränkung der Arbeitszeit an Sonn- und Festtagen auf die Stunden von 10 bis 3 Uhr, die Metzger, Bäcker, Cigarrenhändler re. sind für echs bis acht Stunden und zwar die Metzger besonders für bie Zeit von 7 bis 9 Uhr Vormittags und 6 bis 9 Uhr Nachmittags, die Conditoren für 4 bis 8 Uhr Nachmittags. Aus Butzbach wird mitgetheilt, daß man dort die Zeit von 7 bis 9 Uhr Vormittags oder von 12 bis 3 Uhr, event. 2 Uhr, oder ununterbrochen von 10 bis 3 Uhr oder von 9 bis 2 Uhr für geeignet zum Offenhalten der Geschäfte bezeichnet habe. Wie Herr Oberbürgermeister Gnauth mit- theilte, wurden in einer Conferenz von Verwaltungsbeamten der Provinz Oberheffeii Mittheilungen über die in' der Pro- v>nz hervortretenden Ansichten gemacht. In Sich würde man von 10 bis 2 Uhr, in Grünberg von 9 bis 2 Uhr, in I Hungen von 1 bis 4 Uhr, int Kreise Büdingen von 7 bis 9 Uhr und von 11 bis 2 Uhr, im Kreise Alsscld Bon 7 bis 9 Uhr und von 2 bis S Uhr event. 11 bis 1 Uhr und von 2 bis 5 Uhr als geeignetste Zeit für das Offenlassen her Geschäfte halte», während im Kreise Schotten Stimmung für Schließung nicht vor 4 Uhr im Sommer vorhanden fei. Was die Eingaben der hiesigen Interessenten betrifft, so wollen die Cigarrenhändler eine längere Verkaufszeit, vielleicht die zwischen 11 und 4 Uhr liegenden ftins Stunden, sich zugemeffen haben- sie begründen diese Forderung mit dem Vorhandensein des Bedürfnisses und der Coneurrenz der Wirthe. Die M e tz g e r - I n n u n g hat durch besondere Eingabe erklärt, daß sie sich betreffs der Verkaufszeit den übrigen Geschäften anschließen wolle, sofern alle Geschäfte zu gleicher Zeit geschloffen und keine Ausnahmen zugestanden würden. Dagegen möchte den Metzgern gestattet werden, Arbeiten im Hause, wie Ausschlachten von Kälbern u. s. »., wozu die Gehiilfen nöthig seien, außer den für den Verkauf freigegebenen Stunden vornehmen zu dürfen. Die Inhaber der Manusaetur-, Weiß- und Wollen- waarengeschäfte ersuchen in einer mit ca. 30 Unterschriften versehenen Petition um Bewilligung einer zwischen H und 3 Uhr liegenden Verkauftszeit. — Die in Nr. 45 b. Bl. mitgetheilte Petition der am 21. d. M. im Cafe Leib versammelt gewesenen Geschäftsinhaber weist ca. 200 Unter« schriften aus. — Die Großh. Handelskammer hat sich gutächtlich für die von den Interessenten der Manufaetur- waarenbranche verlangte Zeit (11 bis 3 Uhr) ausgesprochen. An weiteren Eingaben sind zu verzeichnen diejenige des Kaufmännischen Vereins, welche sich auf Schließung ber Verkaufsgeschäfte um 1 Uhr unb gänzliche Befreiung beS in Fabriken usw. beschäftigten Comptoirpersonals von der Sonntagsarbeit richtet, und diejenige derFrauMontannsWwe., welche für jede der in ihrem Geschäfte bereinigten Branchen (Specereiwaaren und Manufacturwaaren) die besonders festzusetzende Verkaufszeit verlangt. — Die Commission ist in ihrer Sitzung am 23. d. M. dahin schlüssig geworden, daß der Manufactnrwaarenbranche das Offenlaffen der Ge- chäfte bis 3 Uhr zu gestatten sei, daß dagegen bezüglich der übrigen Geschäfte (einschließlich der Comptoire) die Frage wegen der Verkaufs- bezw. Arbeitszeit an Sonn- und Festtagen erst beantwortet werden könne, wenn die den Manu- acturiften zu gewährenden Stunden festgesetzt und eine nochmalige Anhörung der Betheiligten erfolgt fei. Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärt sich gegen einen vielleicht in Frage kommenden Compromiß derart, daß eine Branche zu-, die andere abgibt, um eine einheitliche Geschäftszeit zu erreichen- dadurch würde ein Zwang.aus einzelne ausgeübt, der Aintlichev Theil. Bekanntmachung. D-.e Lahnbrücke bei Ruttershausen wird wegen Repara- Erarbeiten von Montag den 29. d. M. ab für den Verkehr bis auf Weiteres gesperrt. Gießen, den 26. Februar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. G a g e r n. Sitzung der Stadtverordneten am 25. Februar 1892. Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Grüneberg, von Seiten der Stadtverordneten die §Cyen' J^ami, Georgi, Heyligenstaedt, Hornberger, Jnqhardt, ^bber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Schopbach, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels. lieber die beiden ersten Punkte der Tagesordnung^ Vergebung der Lony'schcn und von Krug'schen Stlftungszinsen wird gemeinsam verhandelt und beschlossen, Ausschreiben um Bewerbungen zu erlassen. Die Zinsen Mer Stiftungen (erstere betragen jährlich 155 Mk. 15 Psg. legtere 240 Mk.) wurden bisher in Theilen von je 8 Mk^ bezw. 8 Mk. 62 Psg. vergeben. Es wird auf Antrag der Commission beschlossen, die Gaben der Zahl nach zu ver- mtndern, dem Betrage nach aber zu erhöhen, und zwar auf je 20 Mk. Die Commission hält dafür, daß der Effect der Gaben ein höherer sei, wenn sie größer als bisher verabfolgt werden. Herr Schopbach wünscht, daß in Zukunft bei Vergebung von Legaten u. s. w. mehr die seßhafte Bevölkerung, die geborenen Gießener berücksichtigt werden - so sei es kürzlich vorgekommen, daß ein erst verhältnißmäßig kurze Zeit in Gießen wohnhafter Mann in Genuß einer Stiftung gekommen {et, den Niemand in der Stadtverordnten-Versammlung kenne- es müsse etwas mehr Localpatriotismus gepflegt und vermieden werden, daß durch Zuwendung derartiger Unterstützungen ein Zuzug nach Gießen stattfinde, der der Stadt nur lästig »erbe. — Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt, daß thm davon nichts bekannt sei, Herr Schopbach möge deshalb den Betreffenden bezeichnen. Das Gesuch des Herrn Peter Gibb um Entbindung Bon den Bestjtziungen des § 18 des Ortsbaustatuts wird befürwortet. Gegen die Richtigkeit einiger, die Ausrüstung der sog. Cholerabaracke betreffenden Kostenrechnungen, sowie die Anträge der Finanzcommission in Betreff einiger Revisions- Feuilleton. Der Künstler ans der 0-Kaitr. Wie der dämonische, sagenumwobene Paganini zum gewaltigen Geigenkünstler wurde, darüber ist schon manches erzählt worden. Eine der heurigen Generation wohl nicht mehr bekannte Variante, die nach dem Eingeständniß des Erzählers selbst seine Erfindung ist, liegt jetzt aus dem Jahre 1841 in Form eines Briefes vor. „In Italien," so heißt es dort, „lebte vor sechzig Jahren ein Mann, der schon als Jüngling von auffallender Häßlichkeit war. Das lange, rabenschwarze Haar hing wild und starr um sein gelblich bleiches Gesicht. Sein Antlitz glich dem ausgebrannten Krater eines Vulkans und die Züge waren regungslos, bis die Leidenschaft sie bewegte. Dann verzerrten sie sich bis zur Wildheit und das Sprühen der dunklen Augen verrieth die Gluih seines Innern, wie das Feuer des Aetna unter der Decke von Schnee lodert. Ein solches Gemüth war nicht gemacht, um der Welt zu gefallen. Die Männer haßten, die Frauen verschmähten ihn, und er war allein — aanz allein in der Welt. „Wie jeder Mensch irgend eine Fähigkeit besitzt, die ihn für die Abwesenheit der übrigen entschädigt, so hatte Pietro die Gabe der Musik. In seinem Häuschen zu Ravenna wanderte er die Nachte auf und ab und geigte schmerzliche Melodien. ^Einst öffnete er um Mitternacht die m't Oelpapier verklebten Zensier und schaute hinaus in den klaren Himmel voll Sterne, von denen, so viel ihrer waren, noch nicht einer ihm gelächelt hatte. Da hörte er ganz nahe Beifallklatschen von zarten Händen. Es war die schöne Aneella, seine Nachbarin. Dasselbe wiederholte sich in heu folgenden Nächten, unb balb entflammte Pietro in heißer Liebe für das junge, welche, schöne Mädchen, und nicht bloß seine Geige, sondern seine melodische Stimme wurde der Dolmetscher seiner Gefühle. Es entwickelte sich bald ein Verhältniß zwischen beiden, aber Aneella hatte ihn nur gehört, und er zitterte vor dem Augenblicke, wo sie ihn sehen würde. „Jemand hat sehr richtig bemerkt, daß die Männer das Herz durch die Augen, die Frauen durch die Ohren verlieren. Aneella liebte ihn und hätte ihn doch geliebt, wäre er zehn« mal garstiger gewesen. Aber der Italiener konnte das nicht glauben, und mit einer stürmischen Neigung wuchs eine wüthende Leidenschaft in seinem Herzen aus. Er mißtraute allen, sicy selbst und seiner Geliebten und quälte sie m dem Maße, wie er sie vergötterte. Ihre Thränen, ihre Betheuerungen, ihre Klagen und Vorwürfe waren ihm nur Beweise ihrer Schuld, und wenn er ihre Untreue für erwiesen hielt, fühlte er sich so grenzenlos unglücklich, daß er sich zwang, ihren Betheuerungen zu glauben, um nicht zu verzweifeln. Ich weiß nicht, welcher hämische Zufall in einer unglücklichen Stunde den Schein wirklicher Untreue auf sie warf. Nur so viel ist bekannt geworden, daß Ancello von einem Stilett durchbohrt gesunden wurde und Pietro sich den Gerichten übergab, um ein Leben zu enden, das er nicht mehr ertragen konnte. „Aber so gut sollte es ihm nicht werden. Man schickte ihn auf die Galeere- da er aber zu schwach für die schweren Arbeiten war, so sperrte man ihn in einen einsamen Kerker. Die Nacht sank herab und schreckliche Gestalten senkten sich von dem Gewölbe nieder, sie drängten sich drohend um sein Strohlager, sie streckten blutige Krallen nach ihm aus- er that einen Schrei, Niemand hörte ihn. Die Gesellschaft des elendesten Verbrechers, die eines Hundes wäre Wohlthat für ihn gewesen, aber er war allein — ganz allein. Doch nein! Seme Geige war ihm geblieben, er ergreift sie krampfhaft, und kaum berührt er mit dem Bogen die Saiten, so erklingen sie wunderbar lieblich, klagend, vorwurfsvoll, begütigend, verzeihend. Es war die Stimme Ancellas, ganz wie sie ihn so • oft beruhigt und ermahnt, wie sie ihm geschmeichelt und wie sie geweint hatte. Es war ihm klar, daß Ancellas Seele tn seine Geige gefahren war. Es schien ihm, daß ein Theil seiner Schuld schon durch sein maßloses Elend gesühnt sei, daß die Hingeschiedene, welche jetzt bei ihm war, die zu ihm sprach und die er, verkörpert in seinem Instrument, umfaßte, lhm Vergebung verheiße. Da riß eine Saite, eine zweite, eine dritte, ein Jammerton hallte von dem kalten Gewölbe nieder, es war der Todesseuszer der Gemordeten. — Erschöpft sinkt der Unglückliche auf seine Streu zurück, Betäubung, nicht Schlaf, umfängt seine Sinne und hält ihn in Bewußtlosigkeit, dem letzten Trost des tiefsten Leides. Am folgenden Tage fleht der Gefangene mit seltsamem Ungestüm den Schließer an, ihm drei Violinsaiten zu verschaffen. Sein ganzes Wohl und Wehe hängt an ihrem Besitz, aber er hat kein Geld, um das Mitgefühl des harten Mannes zu erkaufen, keine Worte, um ihn zu gewinnen. Trauernd betrachtet er sein liebes Instrument. Nur die 0-Saite ist ihm geblieben. Aber gerade diese zaubert ihm die tiefe Altstimme seiner Geliebten hervor. Den ganzen Tag sitzt er, regungslos vor sich hinstarrend, da, aber wenn die Nacht ihre Schatten herabsenkt, dann greift er zu der einzigen Trösterin seines Elends und geigt, von Niemand gehört, die wundervollsten Melodien. Damals componirte er die schauerliche Melodie des Liedes: „Das Glück, das einst mich hegte, Ist meiner Brust ein Dorn, Die Liebe, die mich pflegte, Ist meinem Schmerz ein Sporn. O, wende deinen Spiegel Ertnnrung jmer Zett, Und drücke, Nacht', dein Siegel Aus die Vergangenheit. Die heiße Tbiäne zittert Auf meine Brust herab, Mein Leben ist verbittert, Ich wünsche mir da« Grab." vermieden werden möge. — Herr Schwall spricht sich gegen eine Ausdehnung der Verkaufszeit, wie sie die Manusactu- risten wünschen, aus- ginge man daraus ein, so nehme man Len Arbeitern, für die das Gesetz doch geschaffen sei, den besten Theil der Sonntagsruhe weg. Den Manusacturisten entstünde kein Nachtheil, wenn sie gleich den übrigen Geschäften schlöffen, mit dem gleichen Recht könnten auch andere Branchen die von den Manusacturisten geltend gemachten Gründe anführen. Das Publikum würde dem neuen Zustande Rechnung tragen. Er begrüße die gänzliche Schließung der Geschäfte am Charfreitag und Palmsonntag und freue sich, daß auch die Pflege der idealen Güter noch nicht erloschen sei- er müfle sich gegen die Bevorzugung einzelner Branchen erklären. — Herr Scheel versteht nicht, wie Herr Schmoll, dessen Kenntnisse in der Branche er bestreite, der Forderung der Manusacturisten so entgegentreten könne. Er bestreite ferner, daß die Käufer, besonders vom Lande, sich anders einrichten würden und könnten. Die Käufer feien meistens Leute, die in der Woche arbeiteten und am Sonntag kauften. Für die Manusacturisten bedeute der Berkaus an einem Sonntag mehr als an drei Wochentagen. Wenn sich wirklich etwas von der geforderten Verkaufszeit entbehren lasse, so könne man jeder Zeit heruntergehen, aber hinaufgehen könne man nicht, wenn das Geschäft verdorben, die Branche zu Grunde gerichtet sei. Er bitte um Annahme des Commissionsantrags. — Herr Wallenfels ersucht dahin zu streben, daß weder Kreisamr noch Polizei Veranlassung hatten, die Geschäftszeit festzusetzen, er erkenne die Forderung der Manusacturisten als vollkommen berechtigt an- die Zeit von 11 bis 3 Uhr sei knapp bemessen, persönlich sei es ihm sympathischer, wenn vollständige Sonntagsruhe eintrete. Hinsichtlich des Comptoirpersonals wünsche er, daß diese Leute bei Zeiten nach Hause kämen, hier genüge eine Arbeitszeit von 11 bis 721 Uhr. — Herr Hornberger bezeichnet in Rücksicht darauf, daß gesetzlich fünf Stunden Geschäftszeit gegeben feien, die Forderung der Manufacturisten recht bescheiden, die Vormittagsstunden seien für diese Branche ungeeignet, er bitte deshalb, den Wünschen derselben nachzugeben. — Herr Georgi erkennt die Berechtigung der Arbeiter auf Schutz des Gesetzes an. Man habe aber auch thunlichst Sorge getragen, daß die Unternehmer nicht zu sehr geschädigt wurden und darauf habe die Commission gefußt. Man möge den Manusacturisten gestatten, von 11 bis 3 Uhr offen zu halten und die anderen Interessenten fragen, welche Stunden sie dann einsühren wollen. Unter den im Cafe Leib Versammelten seien sicher welche gewesen, die auch mit Ausdehnung der Arbeitszeit auf 2 Uhr einverstanden seien. Die hiesigen Manufacturisten müßten mit Wetzlar und Butzbach concurriren können- er sähe es auch gern, wenn z. B. am Charfreitag etwas mehr Ruhe herrsche als bisher. — Herr Vogt bemerkt, daß mit Annahme der Zeit bis 3 Uhr den Gehülfen der Sonntag verloren ginge, er würde höchstens bis 2 Uhr stimmen, am liebsten sei ihm die Zeit bis 1 Uhr - die Leute könnten ihre Geschäfte wohl früher abwickeln, in zwei bis drei Sonntagen würde man sich an die Neuordnung gewöhnen. Man hätte in die Commission auch ein Mitglied des Gewerbevereins und ein Mitglied des Kirchenvorstandes berufen sollen, auch die Vertretung der Gehülfen vermisse er. — Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt, daß der Gewerbeverein aus Tactgesühl nicht mit berathen würde über Angelegenheiten des Handelsstandes, er betrachte es als dankenswerth, daß die Mitglieder der Handelskammer an den Berathungen der Commission theilgenommen. Was die von Herrn Vogt gewünschte Vertretung der Gehülsen betreffe, so habe er die Ueberzeugung, daß die Herren Fischbach und Orbig sich der Gehülfen in einer Weife angenommen hätten, wie diese selbst es nicht besser hätten thun können. — Herr Schopbach spricht für ausnahmslose Schließung der Geschäfte um 1 Uhr, es werde höchstens eine Verschiebung des Verkaufs, aber keine Verminderung eintreten. — Herr Dr. Ploch: Es sei für die Arbeitnehmer wichtig, den größten Theil des Sonntags frei zu haben. Die Befürchtungen der Manusacturisten, daß ihnen die Landkundschaft untreu würde, seien nicht gerechtfertigt, die Landleute, die er ja „So geigte er viele lange Nächte. Durch lange Hebung besiegte er jede Schwierigkeit seines unvollkommenen Instruments. Was andere auf vier Saiten nie geleistet, das brachte er mit Leichtigkeit aus einer hervor. Er geigte zehn Jahre lang, ohne daß ein Mensch ihn gehört, und als vollendeter Meister trat er aus der dumpfen Gesängnißzelle in die weite, sonnige Welt zurück. „Dort nahm er einen fremden Namen an und reiste in ferne Länder- eine tiefe Scheu hielt ihn lange ab, den Menschen seine Gefühle zu offenbaren, denn die Töne seiner Geige sprachen deutlicher als Worte von dem Zustande seiner Seele. Aber die Noth zwang ihn, sein Talent in die Münze zu schlagen. Bald erfüllte der Name Paganini die Welt. Tausende strömten in die goldenen Opernsäle, um den wunderbaren Fremdling zu hören. — Da stand er leichenblaß, abgespannt, bis der erste Bogenstrich ihn und die Menge beseelte. — Ihr stürmischer Beifall ließ ihn kalt. Zerstreut nur blickte er auf die tausendköpfige Hydra des Publikums, seine Seele war anderswo und versenkte sich in ihn selbst, sobald der letzte Klang seiner Saiten verhallt war. Der von allen gefeiert war, eilte schüchtern und menschenfeindlich in seine Einsamkeit zurück. Dort überzählte er die Goldhaufen, die seine Schatulle füllten, aber sie gewährten ihm keine Genugthuung. — Vielleicht war es ihm noch zu wenig. Er eilt an die Spielbank, setzt alles auf eine Karte und gewinnt und verliert das Zehnfache, ohne daß selbst die Leidenschaft des Spieles bte schreckliche Leere seines Gemüthes zu erfüllen vermag. Nur seine Geige bleibt sein Trost. „Jetzt find seine Melodien verklungen. Seine Brust hat ausgeseufzt und seine Gebeine ruhen in einem unbekannten Winkel. Denn als der müde Pilger, der die Qual eines hohen Alters erleben mußte, aus den Ländern, deren rauhe auch in Folge seines Berufs beurtheilen könne, feien besonders in Bezug auf die Plätze conservativ, an denen sie ihre Waaren kauften. Er sei für Schluß aller Geschäfte um 2 Uhr. — Herr Scheel bemerkt, daß es besser sei, an die Gehilfen der Bäcker und Metzger zu denken als an die jungen Leute in Handelsgeschäften - er weise besonders auch auf die Consumvereine in den Landorten, sowie aus die Concurrenz der großen Versandtgeschäfte hin - diese beschränkten sich nicht nur auf den Versandt, sondern ließen sich noch durch Andere, z. B. Schneider, vertreten, denen gegenüber die zu treffenden Bestimmungen über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe nicht angewendet werden könnten. Man möge den Manufacturisten doch die 4 Stunden gönnen, wo man z. B. in Berlin die vollen 5 Stunden einhalte- die Consumvereine auf dem Lande versprächen sich ein bedeutendes Geschäft, wenn »die Läden in der Stadt um 1 Uhr geschloffen würden. Noch besonders müsse er bemerken, daß er lediglich die Interessen der Branche, nicht persönliche, wie ihm vielleicht untergeschoben werde, vertrete, es sei ihm nicht angenehm, daß er als alleiniger Vertreter dieser Branche hier sei, er habe die Ueberzeugung, daß weitere Vertreter gerade so handeln würden. — Herr Petri hält es auch für wünschenswerth, daß allgemein um 1 Uhr geschlossen werde- es sei bedauerlich, wenn in Butzbach und Wetzlar bis 3 Uhr offen gehalten würde. — Es wird, nachdem Herr Homberger nochmals ersucht, den Manufacturisten entgegenzukommen und Herr Sch mall mitgetheilt hatte, daß am Freitag eine Berathung des Kirchenvorstandes in Angelegenheit der Sonntagsruhe stattfinden würde, von Herrn Georgi vorgeschlagen, die Beschlußfassung auszusetzen, bis der in Aussicht stehende Beschluß des Kirchenvorstandes bekannt sei. — Herr Scheel bemerkte darauf, daß ein früherer Beginn des Gottesdienstes keinen Werth für die Manusacturisten habe, da die hier in Frage kommende Landbevölkerung die Kirche ihrer Heimaths- orte besuchte, wo man keine Rücksicht auf Geschäfte zu nehmen brauche. — Herr Oberbürgermeister Gnauth hält Aussetzung des Beschlusses aus den von Herrn Georgi angegebenen Gründen für geboten. — Herr Löb er hat die Ueberzeugung, daß auch den Bäckern mehr Zeit zur Erledigung ihrer Geschäfte gestattet wird, auf den Charfreitag als Verkaufstag verzichteten sie, aber sie hätten ihn nöthig zum Backen der Kuchen für die Osterseiertage. — Herr Dr. Thaer freut sich, daß hier auch auf christliche Bedürfnisse die Rede gekommen sei, denn hier berührten sich sociale, kirchliche und christliche Interessen, wenn die kirchlichen auch erst in zweiter Linie kämen- er verweist hierbei auf England, wo in der Woche in unvergleichlich rastloser Weise gearbeitet, aber ein Sonntag gehalten werde, den man als wirklichen Ruhetag bezeichnen könne- er zweifele nicht daran, daß auch hier eine geregeltere Sonntagsruhe ohne Schädigung der dabei in Frage kommenden Geschäfte herbeigeführt und weiter Erreichbares zum Wohle der arbeitenden Klassen erreicht werden könne - er sei für Schluß der Geschäfte um 1 Uhr, jede weitere zugegebene Stunde thue ihm leid. — Herr Beigeordneter Grüne berg ist für Festsetzung einer bestimmten Stunde für alle Geschäfte, sonst nähmen die Anträge von Seiten einzelner Jntereffentengruppen auf Abänderung kein Ende - die Befürchtungen der Manufacturisten halte er für übertrieben und glaube nicht, daß die Landleute sich nach auswärts wenden, wenn hier um 1 Uhr geschloffen wird - er wünsche aber dann, daß die Fabriken an Samstagen früher (vielleicht um 4 Uhr) geschlossen würden. — Herr Ing Hardt bestätigt die von Herrn Scheel zur Begründung seines Eintretens für die Petition der Manusacturisten erwähnte Erfahrung, daß die Landleute dann lieber in Wetzlar kauften, schon deshalb, weil dort ihre Erzeugnisse an Butter, Eiern u. s. w. besser bezahlt würden. Er hält die Forderung der Manusacturisten für berechtigt. — Herr Heyligenstaedt: Der Sonntag sei ein Tag der Ruhe, es solle deshalb die Arbeit auf das nicht zu umgehende beschränkt werden- auch er bezweifele, daß die Einschränkung der Verkaufszeit so verlustbringend sei, wie sie geschildert wird, es komme viel auf die Einrichtung an - er empfehle als Verkaufszeit die Stunden von 11—1 Uhr, auch für die Manufacturwaarengeschäfte. — Es wird, da Schluß Sprache ihm fremd war, zu den Citronenhainen feines Heimath- landes zurückwanderte, verweigerte man ihm zu Rom die letzte Wohlthat einer geweihten Ruhestätte. Nur feine Geige ist übrig geblieben und in derselben wohnt noch heute die Seele der armen Ancella gebannt." Und wer hat diese Geschichte Paganinis so einfach und doch so rührend erzählt? Wer war der Schreiber jenes Brieses? Es war kein anderer als Gras Moltke. Am Abend des 1. December 1841 war er im Opernhause bei einem Concert gewesen, das ein gewisser Sivori, Schüler Paganinis und Erde seiner Geige, gab. Und nach Hause gekommen, setzte sich der damalige Hauptmann an den Schreibtisch, um seiner lieben Braut und späteren treuen Lebensgefährtin etwas vorzuplaudern. Der ganze, so oft bewunderte Zauber Moltke'scher Darstellungskunst ruht auf diesem Briese*), der uns den ernsten, kaltberechnenden Denker nun auch im Lichte der Romantik zeigt und als selbstschöpserischen, phantasiereichen Dichter. Das letztere geht aus dem weiteren Zusatz hervor .... „wenn die Geschichte nicht wahr ist, so könnte sie doch wahr sein, und wenn man die Geige hört, so muß man es glauben, und ich wenigstens denke mir die Sache so, wie ich sie Dir erzählt." Freilich verspürte der correcte Briefschreiber für die Freiheit seiner Erfindung bald etwas wie Gewissensbisse. Den am 5. December fügt er dem Schreiben mit guter Caune hinzu: „Die Geschichte von Paganini bitte ich aber doch nicht als von mir verbürgt mitzu- theilen, seine Erben könnten mich wegen Verbalinjurie, wegen angeschuldigten Mordes, belangen." *) Sb he Generalseidmarschall Graf Moltkes Briefe an seine Braut und Frau in „lieber Land und Meer" 1892 Nr. 15, das wir unseren verehrlichen Lesern wegen s-.ines reichen und gediegenen Inhalts s hr empfehlen können. der Debatte beantragt und angenommen worden ist, der Antrag aus Aussetzung der Beschlußfassung angenommen. Localer un& provinzielle». Gieße«, 27. Februar 1892. 7~ Don der Universität. Der „D. Z." wird von hier geschrieben: Die Studentenschaft der Universität Bonn hat den Studirenden der hiesigen Hochschule durch einen Anschlag am schwarzen Brett bekannt gemacht, daß sie gegen die in Preußen geplante Abänderung der Ferienordnung, dezw. deren Beschränkung, protestirt habe. Auch die akademischen Bürger unserer Hochschule sind mit der (für Preußen) geplanten Neuerung nicht einverstanden, da sie in derselben eine wesentliche Einschränkung einer fortgesetzten selbständigen Arbeit erblicken, wie sie im Semester nicht möglich sei. Bad-Nauheim, 24. Februar. Auf den nächsten Freitag ist zu einer Versammlung eingeladen, um einen Reclame- b er ein ins Leben zu rufen. Derselbe beabsichtigt, einen Gratis-Fremdensührer von Bad-Nauheim im eigenen Verlage erscheinen zu lassen und die aus den Annoncen sich ergebenden Ueberschüffe für das Bad empfehlende Inserate in ausländische Zeitungen zu verwenden. Auch der hier bestehende Cur- und Verschönerungsverein verwendet seine Jahreseinnahmen, gegenwärtig etwa 600 Mark, fast ausschließlich zu Reclame- zwecken. D. Z. Darmstadt, 25. Februar. Die Mühlenbauanstalt Darmstadt (vormals Gebr. Seck) hat kürzlich wegen Arbeitsmangels ca. 200 Arbeiter entlassen- für die übrigen Arbeiter wurde bis auf Weiteres eine verkürzte Arbeitszeit eingeführt. Worms, 25. Februar. In der Angelegenheit eines Antrages auf Maßregeln gegen das börsenmäßige Termingeschäft in Waaren hat die hiesige Handelskammer eine Resolution beschlossen, der Folgendes zu entnehmen ist: „So sehr es wünschenswerth wäre, dem Börsenspiel in Waaren, als dem legitimen Handel in hohem Grade schädlich, durch gesetzliche Maßregeln ein Ende zu machen, so scheint es doch nicht möglich, dahin zielende Maßregeln derart zu treffen, daß nur die Spielgeschäfte davon betroffen werden, dagegen der legitime Handel nicht, welcher überhaupt Zeitgeschäfte nicht entbehren kann." Aus dem Ried, 24. Februar. Nachdem der 1891er Tabak mehrere Stadien der Fermentation durchgemacht hat, zeigt es sich, daß das vorjährige Product noch viel beffer wird, als angenommen wurde. Manche unserer guten Ried- tabafe zeigen so edle Eigenschaften, daß sie diesmal mit vielen ausländischen Producten wohl concurriren können. Die Käufer zeigen darum recht zufriedene Gesichter- es kann mit Sicherheit vorausgesagt werden, daß ein schönes Stück Geld an dem 1891er Tabak verdient wird. Brodpreisc vom 28. Februar bis 13. März 1892. Bei den ®&»enu A 1 Kgr. (2 Md.) Xafelbrob.............33 2 , (4 „ ) Tafelbrod..............66 1 , (2 „ ) Weißbrod..............31 2 „ 14 „ ) Weißbrod........ 62 1 , (2 „ ) Schwarzbrod.............29 2 , (4 „ ) Schwarzbrod.............58 3 „ (6 „ ) Schwarzbrod.............— bei K. Haas, L. Seil. I. Lein 87 Bei den Brodverkäufern. A 1 Kgr. (2 Md.) Tafelbrod..............33 2 , (4 , ) ...............66 1 „ (2 „ ) Weißbrod........^. .... 31 2 , (4 „ ) „ ..............62 3 N (6 „ ) ...............- 1 „ (2 „ ) Schwarzbrod.............29 bei K Heuser, I- Thomas 87 Gieße«, den 27. Februar 1892. Grohh. Polizeiamt Gießea. Fresenius. Erfolg doch Amimcn erzielt man nur, wenn die Annoncen zweckmäßig abgefaßt und typographisch ange- meffen ausgestattet sind, ferner die richtige Wahl der geeigneten Zeitungen getroffen wird. Um dies zu erreichen, wende man sich an die Annoncen-Expedition Rudolf Messe, Frankfurt a. M., von dieser Firma werden die zur Erzielung eines Erfolges erforderlichen Auskünfte kostenfrei ertheilt. sowie Jnseraten-Entwürfe zur Ansicht geliefert. Berechnet werden lediglich die Original-Zeilenpreise der Zeitungen unter Bewilligung höchster Rabatte bei größeren Aufträgen, so daß durch Benutzung dieses In stitutes neben den sonstigen großen Vortheilen eine Ersparniß an In- serationskosten erreicht wird. 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