1892 Nr. 22 Erstes Blatt. Mitlwoch den 27. Januar Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener IsimikienötLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger. Vierteljähriger ASonnemeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchvtstratze Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den fit <4>t<>GPYt^Y fl Ott ß Citt4»Y Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Au-lande- nehmen folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr. kyVv^vVkvV ^ruIHlll HVlUlltl. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Anrtlicher Theil. Bekanntmachung. Mit Bezugnahme auf die Bekanntmachung vom 5. d. M. (Anzeigeblatt Nr. 6) wird zur Kenntniß der Mitglieder des landwirthfchaftlichen Bezirksvereins und der Herren Land- wirthe gebracht, 1) daß von Herrn Konr. Schudt von Steinfurt eine .Probe von Imperial-Gerste und von Baselers Anderbecker Hafer übersandt und diese Früchte, solange der Vorrath reicht, zu 20 Mk. pro 100 Kilo angeboten worden sind; 2) daß Besteheres Ueberftußhafer ohne Zusendung von Proben von Herrn Gutsbesitzer Paulsen zu Nassen- grund zu 24 Mk. pro 100 Kilo angeboten worden ist; Z) daß Herr Fritz Arndt von Klostergut Oberwertha bei Cossebaude - Dresden eine Probe schwedischen Saathafer übersandt und 150 Gentner zu 9*/, Mk. pro Gentner und 19 Mk. pro 100 Kilo angeboten hat- 4) daß von Herrn Joh. Steffens aus Luxem, Kreis Mayen, Reg.-Bez. Goblenz, eine Probe Pertaton- Hafer übersandt und bei großer Abnahme zu 25 Mk. pro Gentner (50 Kilo) ab Bahnstation Mayen angeboten worden ift; 5) daß das Saatfrucht - Versandtgeschäft des landw. Bezirksvereins Obernburg in Bayern eine Probe Juvelgerste mitgetheilt und den Gentner zu 14 Mk. angeboten hat - ti) daß Herr Gditard Rödel von Weißenfels a. S. (In der Provinz Sachsen, Preußen) a) eine Probe verbesserten Petaton-Hasers, b) „ „ gelben tartanschen Riesenhafers, c) zwei Proben rothblühenden Kopfklees I. und II. Qualität und d) eine Probe Luzerne mitgetheilt und für den Petaton-Hafer 16 Mk. pro 50 Kilo (1 Gentner) und für den Riesenhafer 18 Mk. für 10 Kilo (20 Pfund) und für rothblühenden Kopftlee I. Qualität 55—70 Mk. pro 50 Kilogramm und für Luzerne 60—80 Mk. pro 50 Kilogramm gefordert hat- 7) daß Herr Rittergutsbesitzer A. Rahmann zu Wellersee bei Markoldendorf Proben von dänischem Saathafer, Noös Sommerweizen und von Pferdebohnen, jedoch ohne Preisangaben übersandt hat, die Preise später erst mittheilen wird; 8) daß Herr Ad. Meuser in Kirchharten am Rhein Riesenhafer zu 10.50 Mk. pro Gentner, Probsteier Hafer 9.50 Mk. pro Gentner, BaselerHafer 9.50 Mk. pro Gentner ohne Ueberfenbung von Proben angeboten hat- 9) daß W. Neumann in Leutersdorf i. S. (O.-L.) Probstei-Hafer zu 20 Mk., Finnland-Hafer zu 22 Mk., Riesenhafer zu 20 Mk.. Stormerschhafer zu 20 Mk., Probsteigerste (Originalsaat) zu 24 Mk., Probsteigerste (Nachbau) zu 22.50 Mk., Jmperialgerste zu 26 Mk., Sommerblumenweizen zu 28 Mk., Wechsel- weizen zu 28 Mk. pro 100 Kilo ohne Zusendung von Proben angeboten hat. Die übersandten Proben können auf Großh. Kreisamt eingesehen werden. Gießen, den 25. Januar 1892. Der Vorsitzende des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost. Zum Geburtstage des Kaisers. Am 27. Januar vollendet Kaiser Wilhem sein 33. Lebensjahr, und ganz Deuschland feiert wiederum des Kaisers Geburtstag als einen nationalen Ehren- und Freudentag, denn mit stolzer Genugthuung und herzlicher Dankbarkeit blicken alle Patrioten an diesem Tage nach dem deutschen Kaiser- und preußischen Königsthrone, auf welchem ein geliebter Herrscher sitzt, der mit Weisheit und Milde, Kraft und Würde seines hohen Amtes waltet. Getreu den ruhmreichen Traditionen seiner Vorfahren, ein mächtiger Schirmherr des Vaterlandes zu sein und niemals einem äußeren oder inneren Feinde zu gestatten, ungestraft die Hand gegen die Unantastbarkeit und den Frieden des Reiches zu erheben, hält der Kaiser Deutschlands Schwert stets kampfbereit, aber es ist auch zugleich -er größte Ruhm des Kaisers, daß daS starke deutsche Schwert «ur im Dienste friedlicher Culturarbeit steht, und am allerwenigsten unser Kaiser daran denkt, das Schwert wegen kriegerlscher Lorbeeren und ehrgeiziger Eroberungen zu ziehen. Diese herrliche Wahrheit ist während der ganzen Regierungszeit und zumal auch während des letzten Regierungsjahres des Kaisers wiederholt glänzend hervorgetreten, denn im verflossenen Jahre wurde nicht nur der große Friedensbund Deutschlands, Oesterreichs und Italiens erneuert, sondern diesem politischen und militärischen Bunde wurde durch die bekannten neuen Handelsverträge auch ein wirthschastliches Bündniß der drei Staaten beigefügt, und diese handelspolitische Annäherung der drei großen mitteleuropäischen Staaten muß in hohem Matze als ein Werk des Kaisers Wilhelm angesehen werden. Mit scharfem Auge wacht auch der Kaiser über die Entwickelung der Dinge im Innern, unablässig ist er mit seinen Rüthen und den Vertretern des Reiches und Preußens bemüht, nöthig gewordene Reformen mit Ernst und Eifer durchzusühren und ganz besonders ist sein Bemühen daraus gerichtet, die socialen Gebrechen unserer Zeit durch gesetzliche Reformen, sowie durch stärkere Mitwirkung der Schule und Kirche zu heilen. Für Kaiser Wilhelm, den guten und gerechten Herrscher, und sein ganzes erlauchtes Haus spenden daher am heutigen Tage alle Patrioten ihre aufrichtigsten Glück- und Segenswünsche und flehen zum Höchsten, daß seine Vorsehung den Kaiser und sein erhabenes Werk in ihren Schutz nehmen möge! Deutscher Reich. Berlin, 24. Januar. Das dem Bundesrathe zugegangene neue Eheckgesetz stellt u. A. die Beoingungen fest, denen ein Check entsprechen muß: Durch die in den Text auf- zunehmende Bezeichnung als Check, durch die Aufforderung des Ausstellers, aus seinem Guthaben eine bestimmte Geldsumme zu zahlen, durch die Bezeichnung des Empfängers, durch die Unterschrift des Ausstellers mit seinem Namen oder der Firma, endlich durch die Angabe des Ortes und des Datums der Ausstellung. Der Check dars nicht acceptirt werden, daraus gesetzte Annahmevermerke gelten als nicht geschrieben. Sogen. Platzchecks sind spätestens nach drei oder fünf Tagen zur Zahlung zu präsentiren. Welche Checks dem Platz gleich zu achten sind und welche Stellen als Abrechnungsstellen zu gelten haben, bestimmt der Bundesrath nach den örtlichen Verhältnissen. Ein Widerruf des Checks seitens des Ausstellers hat keine rechtliche Wirksamkeit. Im Weiteren werden die Rechte und Befugnisse des Checkinhabers, des Bezogenen und der Aussteller geregelt. Berlin, 24. Januar. Nach einer dem Bundesrathe zugegangenen Vorlage waren bis Ende December 1891 an die einzelnen Bundesstaaten im Ganzen Silber-, Nickel- und Kupfermünzen im Werthe von 510,892,523.41 Mk. überwiesen worden. Hiervon entfallen aus Silbermünzen 75,454,495 Mk. an Fünfmarkstücken- 106,637,656 Mk. an Zweimarkstücken- 179,701,334 Mk. an Einmarkstücken - 71,486,552 Mk. an Fünszigpsennigstücken und 20,710,922 Mk. 80 Pf. an Zwanzigpsenmgstücken. Ferner auf Nickelmünzen: 4,005,284 Mk. an Zwanzigpfennigstücken, 28,451,835.60 Mk. an Zehnpsennigstücken, 14,050,637.05 Mk. an Fünfpsennig- stücken. Auf Kupfermünzen: 5,088,697.44 M. an Zweipfennig- und 5,305,109.52 Mk. an Einpfennigstücken. DratHer Reichstag. 156. Plenarsitzung. Montag den 25. Zauuar 1892, 12 Uhr. Aus der Tagesordnung steht zunächst erste und event. zweite Berathung deS am 18. d. M. in Rom abgeschlossenen Uebereinkommens zwischen dem Reich und Italien über den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz. Abg. Schmidt-Elberseld (dsr.) vermißt in dem Vertrage eine Bestimmung analog $ 8 des Vertrags mit Oesterreich betr. die Ursprungsbezeichnung der Maaren. Abg. Dr. Hammacber (natl.) hält die Bedenken, die er in der PrtoritätSfrage bei der Berathung der Convention mit Oesterreich ausgesprochen, aufrecht und vermißt gleichfalls eine Bestimmung über die concurrence de loyale. Unterftaatssecretär Nieberding erwidert, daß eine solche Bestimmung Italien gegenüber nicht nöthig fei, da Italien bereits entsprechende Bestimmungen seinerseits getroffen habe. Wir würden uns nur einseitta festgelegt haben, wenn wir einen bezüglichen Paragraphen in die Convention gebracht hätten. XZ Die zweite Lesung der Convention wird von der Tagesordnung abgesetzt. CS folgt zweite Berathung des Handelsvertrags mit der Schweiz. Abg. Siegle (natl.) erörtert eingehend die wirthfchaftlichen und finanziellen Wirkungen der wichtigeren Positionen des Vertrags und befürwortet den Vertrag in der Hoffnung, daß damit die Grundlage für eine Wetterentwtckelung geschaffen sei. Bet den einzelnen Positionen sei soviel erreicht, als erreicht werden konnte. Abg. Ruhland (Els.) spricht mit Rücksicht auf die Schädigung, welche der Vertrag für Elsaß Lothringen bringe, gegen denselben. Abg. Samhammer (dfr.) weist auf die bedrückte Lage einer Anzahl mitteldeutscher Hausindustrien, als Spielwaaren- rc. Industrie hin, welche lediglich durch den 1879er Zolltarif verschuldet sei. Er könne nur wünschen, daß man der thüringischen Industrie bei wetteren Verhandlungen mehr Berücksichtigung zu Theil werden lasse. Abg. Adt (natl.) wünscht eine gleichmäßige Präctsirung der Begriffe grobes und feines Schuhwerk im deutschen und im schweizer Waarenoerzeichniß. Abg. Landes (Ctr.) bedauert die Zollherabsetzung für Käse, wodurch die Käsefabrikatton im Allgäu, welche erst durch den Zoll concurrenzfähig gemacht würde, geschädigt würde. Bundescommiffar Geh. Rath Huber: Wir hätten verbältntß- mäßtg wenig concedtrt. Mit dem Conventionaltarif mit der Schweiz belasteten wir die Einfuhr nur noch mit 13,5pCt. vom Werth, während die Schweiz, deren autonomer Tarif einen durchschnittlichen Belastung von 8,4 pCt. entspreche, dieselbe in dem Vertragstarife auf 5,4pCt. herabsetze. Durch den vielfach angegriffenen Veredelungsverkehr werde bedürftigen deutschen Gegenden Arbeitsgelegenheit gesichert. Abg. Dr. Brömel (dfr.) rügt die Haltung verschiedener Industrien den Verträgen gegenüber; sie verlangten Herabsetzung der Auslandszölle, wollten aber von einer Herabsetzung der deutschen Zölle nichts wissen. Die Art und Weife, in welcher die Elsässer Spinner ihre Interessen hier vertreten hätten, sei nicht geeignet, Sympathien für sie zu erwecken. (Oho!) Ein großer Theil des in Elsaß-Lothringen producirten Baumwollgarns werde dort weiter verarbeitet und etwa die Hälfte davon komme zur Ausfuhr nach Deutschland. Die Zollermäßigung sei viel zu unbedeutend, als daß sie für die Industrie besonders ins Gewicht fallen könnte. Der Zoll ver- theme die Waare für den deutschen Consumenten, um fie billiger an den ausländischen Consumenten ablaffen zu können. Die Zollerhöhungen von 1885 seien nicht aufrecht zu erhalten. Er hoffe, die Regierung werde auf dem betretenen Wege fortfahren. Abg. Dr. Petri (natl.) glaubt nicht, daß die Zollermäßigung für die Feinspinnerei deutscherseits bewilligt worden sei, weil die Schweiz dieselbe als conditio sine qua non gefordert hat, sondern weil man eine Vergünstigung für die Halbseiden-Industrie erreichen wollte. ES handle sich nicht blos um die Spinnereibesitzer, sondern auch um die in dieser Industrie beschäftigten Arbeiter. Preuß. Handelsmtnister v. Berlepsch: Die niederrheinische Halbseiden-Industrie sei gegen jede Herabsetzung der Zölle als einen Einbruch in das Schutzzollsystem; sie verlangte aber Rückvergütung deS Zolles und zwar ohne Identitätsnachweis. Auf die Petitionen aus diesen Kreisen könne man sich also nicht berufen. Die Erwartungen, die man im Interesse der Entwickelung der Feinspivneret an den Zoll geknüpft hat, haben sich nicht erfüllt. Nur ein großes Etablissement in Bielefeld und eine Fabrik in Sachsen bezögen nennenswerthe Quantitäten Daumwollengarn auS dem Elsaß. Die Elsässer Herren arbeiteten mehr für die Verarbeitung im Elsaß selbst, denn dort seien Spinnerei und Weberei buchstäblich verschwistert und verschwägert. Gegen die englische Concurrenz sei nicht aufzukommen. Nach alledem sei es nicht richtig, daß eine wichtige Industrie durch die Zollermäßigung betroffen würde, wohl aber liege diese Ermäßigung im Interesse der deutschen Fetnweberet und zahlreicher Industrien. Die Weiterberathung wird hierauf auf heute Abmd 81/, Uhr vertagt. Neueste Nachrichten. Wolffü telegraphisches Lorrespondenz-Drrreov. Berlin, 25. Januar. Auf dem heutigen Diner beim Kaiser zu Ehren des württembergischen Königspaares brachte der Kaiser den Toast aus, indem er eS herzlich willkommen hieß. Er dankte für den Besuch am hiesigen Hofe, der König sei kein Neuling in Berlin und seit lange mit der preußischen Armee eng verbunden, und daß er hier nicht vergessen sei, habe der gestrige Empfang bewiesen. Er heiße seine königlichen Gäste nochmals willkommen und trinke auf deren Wohl. Der König antwortete sofort: Er danke für den Toast auf sich und die Königin, er danke für den herrlichen und herzlichen Empfang durch den Kaiser und die Kaiserin, sowie durch die Bevölkerung. Der Kaiser habe richtig bemerkt, daß er kein Neuling in Berlin sei- die schönsten Jahre seines Lebens gehörten der Zeit, wo er eng mit der preußischen Armee verbunden war. Dieser Kitt mit der preußischen Armee sei zugleich ein festes Band zwischen dem württembergischen und dem preußischen Volke. Er trinke auf das Wohl des Kaisers und der Kaiserin. Depeschen deS „Bureau Herold". Berlin, 25. Januar. Der Cultusminister wurde am Samstag Nachmittag vom Kaiser zum Vortrag empfangen. Abends 9 Uhr erschien der Kaiser unangemeldet in der Wohnung des Ministers. Auf den Wunsch deS Kaisers wurden alsbald auch Finanzminister Dr. Miquel, Gras Douglas und v. Benda geladen. Der Kaiser verweilte in reger Unterhaltung bis nach 12 Uhr Nachts, obwohl die Equipage bereits vor 11 Uhr bestellt war. Berlin, 25. Januar. 6000 socialdemokratische Liederbücher wurden polizeilich beschlagnahmt. Frankfurt a. M., 25. Januar. Die alte Bankfirma M. St. Goar hat ihre Zahlungen eingestellt. Bethei» ligt sind hiesige Makler und Firmen, ferner Wien, Berlin und Paris. Der Verlust wird aus ca. 800,000 Mk. angegeben, welcher lediglich auf verfehlte Spekulationen zurück« zusühren ist. München, 26. Januar. In der heutigen Generaldebatte über Culrusangelegenheiten wird daS Centrum aus den Antrag, betr. Zurückberusung der Redemptoristen, zurückkommen. Kulmbach, 25. Januar. Das Reichsamt des Auswärtigen zahlt den Hinterbliebenen des in Witu erschossenen Küntzel 2000 Mk. Entschädigung. Wilhelmshaven, 26. Januar. Contreadmiral Hollen, Director des Marinedepartements im Reichömarineamt, wird pensionirt und ersetzt durch Contreadmiral Köster, den Chef des Uebungsgeschwaders. Wien, 26. Januar. Das Herrenhaus nahm einstimmig die Handelsverträge an. Rom, 25. Januar. Der durch das Erdbeben angerichtete Schaden in den Albaner Bergen ist größer als anfangs bekannt. Civita-Lavinia ist zerstört. Die Bevölkerung sckläst in Fässern. In Velletri kehrte sich die Wuth des Pöbels gegen die Leiter der geodynamischeu Warte, weil sie das Erdbeben nicht vorhergesagt hatten. Sofia, 25. Januar. Stambulow zog sich gestern eine, leichte Verwundung dadurch zu, daß ein Revolver, welchen er in der Tasche trug, sich entlud. Cocolcs NN- provinzielles, Gießen, 26. Januar 1892. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 2 8. Januar 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Gesuch des Heinrich Bellos II. zu Gießen um Concession zum Wirthschastsbetrieb im Möser'schen Hause, Alicestraße 21. 2. Gesuch des Heinrich Koch in Gießen um Concession zum Betrieb einer Gastwirthschaft im Junker'schen Hause am Asterweg. 3. Gesuch des Wilhelm Leyerer um Concession zum Wirthschastsbetrieb in der „Stadt Marburg" auf der Marburgerstraße. 4. Gesuch des Wilhelm Friedel zu Gießen um Concession zur Aufstellung eines Dampfkessels. 5. Gesuch der Firma Heyligenstaedt L Comp. um Erlaubniß zur Vergrößerung der Eisengießerei. 6. Anlage eines Obstbaumstückes. 7. Versetzung der städtischen Triebviertel mit Gewann- und Nummersteinen. 8. Gebührenrechnung der Feldgeschworenen. 9. Instandhaltung der Erbbegräbnisse. 10. Gesuch des Octroi-Erhebers Rühl um Einführung der Wasserleitung in das Thorhaus am Seltersthor. 11. Errichtung einer Privatstraße von der Nordanlage bis zur Wetzsteingaffe. 12. Revisionsbemerkungen zur Rechnung pro 1889/90. 13. Der Voranschlag des städtischen Wasserwerks pro 1892/93. — Von der Universität. Vom 1. October bis Ende December 1891 erhielten an der Großh. Landes-Universität Gießen die theologische Licentiatenwürde: Dr. phil, Friedrich Schwallh aus Butzbachs die medicinische Doctorwürde: der approbirte Arzt Emil Schreiber aus Gießen und der approbirte Arzt Wilh. Zinßer von da,- die philosophische Doctorwürde: der Lehramtsaccessist Hans Reis aus Mainz, der Gymnasiallehrer Karl Denig daselbst, der Reallehrer Christoph Vogel in Groß-Umstadt, der Lehrer an der höheren Töchterschule in Gießen Karl Zimmer aus Lich, der Reallehrer in Friedberg Karl Uhrig aus Beffungen, der Lehramtsaccessist Franz Faust aus Bürstadt, der Lehramtscandidat Heinrich Schnell aus Mommenheim. — Die Abonnenten des Gießener Theater-Bereius werden aus den Zusatz im heutigen Inserat besonders aufmerksam gemacht. Der Vorstand erfüllt mit dem darin gemachten Zugeständniß einen berechtigten Wunsch sehr vieler Mitglieder, von der lästigen Formalität, sich jedes Jahr zum neuen Abonnement zu melden, enthoben zu werden. Wer Mitglied ist, hat auch die Zahl seiner Abonnements bezeichnet, wer darin keine Aenderung wünscht, sagt eben durch fein Stillschweigen, daß er auch für weiter auf dieselbe Zahl reflectirt. — Neues Theater. Aus unserer Bühne folgt gegenwärtig ein berühmter Gast nach dem anderen- Fräulein Klinkhammer hat uns kaum verlaffen und gestern dursten wir uns an der Kunst der Hosschauspielerin Fräulein Cramer aus Darmstadt erfreuen, die in Ohnets „Hüttenbejitzer" die weibliche Hauptrolle spielte. Frl. Cramer wurde ihrer überaus schwierigen Ausgabe in ganz vollendeter Weise gerecht und errang sich schon in der ersten Scene den jubelnden Beifall des Publikums, der ihr denn auch bis zum letzten Fallen des Vorhanges gesichert war. Wir wollen nur hoffen, daß der gefeierte Gast noch öfter bei uns Einkehr hält, er wird unserm Publikum stets willkommen sein. Das einheimische Personal hielt sich sehr wacker, besonders zu loben sind die Herren Ernst (Philipp Derblay), der uns wieder einmal die Mannigsaltigkeit seiners Talents bewies, und Herr Director Reiners (Moulinet). In der Besetzung der Damenrollen war noch in letzter Stunde eine Aenderung vorgenommen worden, indem Frau Reiners die Rolle der „Susanne" von Frl. Hüner übernahm, welche an Stelle von Frl. Lebrun die „Baronin Presont" spielte. Eine ganz vorzügliche Leistung bot ferner noch Frl. Plog (Athenais). Leider endete der 5. Act in Folge Versagens der Duell- pistolen unter starker Heiterkeit des Publikums. Das Theater war, wie immer bei Gastvorstellungen, völlig ausverkauft. — Neues Theater. Der Direction ist es nach vieler Mühe gelungen, die Großh. Hess. Hosschauspielerin Fräulein Amalie Cramer zu einem zweiten Gastspiel am Freitag den 29. Januar zu gewinnen. Die Künstlerin hat sich zu diesem Gastspiel eine der vornehmsten Rollen ihres Repertoirs, die Josephine von Pechlar in dem allerliebsten Lustspiel „Goldfische", gewählt. Wir kommen noch näher darauf zurück. — Berufsgenoffenschaftliches. Zum stellvertretenden Vorsitzenden des Schiedsgerichts für die Section VI. der Heffen- Nassauischen Baugewerks-Berufsgenoffenschast ist der Großh. Amtmann Dr. Wüst in Gießen ernannt worden. — Vor einiger Zeit brachten wir die Notiz, daß der Concert Verein am kommenden Sonntag den 31. dss. Mts. Pia Sicherer und Dr. Neitzel gewonnen habe. Schon damals wiesen wir auf den großen musikalischen Genuß, der uns bevorsteht, hin und freuen uns hinzusügen zu können, daß in allen betheiligten Kreisen dem Concertabende mit Spannung entgegengesehen wird, lieber die künstlerischen Leistungen und Erfolge der berühmten Coneertsängerin Frl. Pia von Sicherer haben wir unS schon früher ausgesprochen, wir hätten uns also noch durch einige Ausführungen über den trefflichen Pianisten Dr. Neitzel zu ergänzen. Es ist dieses bei einem so bekannten Künstler zwar nicht durchaus nöthig, aber immerhin interessant, die Zeitungsstimmen anderer Städte zu hören. So schreiben z. B. die „Kölner Nachrichten" über ein Gürzenich-Volksconcert. „Großen Erfolges hatte sich Dr. Neitzel zu erfreuen: Das C-moll-Goncert von Beethoven, wohl ersaßt bis in feine kleinsten Einzelheiten und mit großem Geschmack gespielt, zeigte den feinen Beethovenkenner. Wunderbar zart klang daS Andante, was wir uns kaum duftiger vorgetragen denken können. Ebenso technisch bedeutend, wie fein ausgearbeitet war das rondomäßig behandelte, von reichster Fantasie und sprudelnder Erfindung getragene Finale." — Aus Hameln berichtet der „A l l g e m e i n e Anzeiger": „Fern von schwächlicher Sentimentalität, von verschwommener Weichheit brachte er die herrlichen Werke des Programms mit großem, männlichen Empfinden, mit hinreißendem Schwünge zum Vortrag. Der Grundzug der Neitzel'schen Künstlerschaft ist sieghafte, männliche Kraft in der Auffassung und dem Ausdruck- und aus dieser vollendeten Kraft blickt bei ihm die Anmuth in seltener Frische und gesunden Farben hervor. Eine so durchsichtige Klarheit, so herrschende Führung des Themas, so klare graziöse Behandlung des arabeskenhaften Schmuckes haben wir selten gehört. Geradezu orchestrale Tonmaffen wußte er dem Flügel zu entlocken- technische Schwierigkeiten schienen für den unermüdlichen Künstler nicht vorhanden zu fein." — Die „Zweibrücker Zeitung" rühmt mit nachfolgenden Worten den Künstler: „Als Solist am Pianoforte überraschte uns Herr Dr. Neitzel u. a. in der duftigen, durchgeistigten Wiedergabe des Impromptu in As-dur von Schubert, in welchem der ungemein weiche, zarte Ton, den er anzuschlagen versteht, bestens zur Geltung kam- ferner mit der tiefsinnigen seelenvollen Wiedergabe des Nocturno von Chopin, der schneidigen Durchführung des Schumann- schen „Carneval" und in dem Meyerbeer-Liszt'schen Bravourstück „Die Schlittschuhläufer", welches ihm Gelegenheit gab, seine Meisterschaft in der Technik zur Geltung zu bringen." — Wir würden unsere Leser ermüden, wollten wir alle uns vorliegenden, für den Künstler schmeichelhaften Kundgebungen hier wiedergeben, aber rathen wollen wir allen Musikfreunden, sich den seltenen Genuß, ein solches echtes Künstlerpaar zu hören, nicht entgehen zu lassen. — Wie aus dem Jnseratentheil unseres heutigen Blattes ersichtlich, findet Freitag den 29. ds. Mts. im Saalbau zu Marburg die Aufführung des Oratoriums „Messias" von Georg Friedrich Händel statt. Im Interesse unserer funftüebenhen Leser machen wir hieraus auch an dieser Stelle ganz besonders aufmerksam, und entnehmen über das großartige Kunstwerk, sowie über den Componisten derselben der „Oberheff. Ztg." nachstehende Notizen: Georg Friedrich Händel, geb. den 23. Februar 1685 in Halle, war schon als Knabe ausgezeichneter Orgelspieler, dann Schüler Attilio Arioftis in Berlin, ging von hier nach Hamburg, wo er neben Matheson die Oper leitete und seine erste Oper „Almira" componirte, 1707 begab er sich nach Italien, ward 1710 Hoscapellmeister in Hannover - siedelte 1712 nach England über, wo er bis gegen 1740 als Opernunternehmer (Haymarket) und Dirigent wirkte, um sich dann dem Oratorium ausschließlich zuzuwenden- erblindete 1751 und starb unverheirathet am 14. April 1759- seine Gruft mit Denkmal befindet sich in London in der West- minsterabtei. Er schrieb ca. 45 Opern und 26 große Oratorien. Seine Vaterstadt Halle errichtete ihm 1859 ein ehernes Denkmal, lieber das Oratorium selbst bemerkt ein hervorragender Kunstkritiker, daß es ein Stück ethischer wie künstlerischer Bildung ist für Alle, deren Herz den hehrsten Wirkungen der Tonkunst offen steht, es ist das Urchristenthum, das hier zur Erscheinung kommt. Seiner Form nach zerfällt der „Messias" in drei Theile. Der erste behandelt die Verheißung der Ankunft des Herrn, seine Geburt und fein Wirken aus Erden. Der zweite schildert fein Leiden, feine Auferstehung und die Ausbreitung feiner Lehre. Der dritte endlich redet von den letzten Dingen. Die wunderherrlichen Arien und Chöre, die innerhalb dieses weiten Rahmens Platz finden — denn die epische Breite versteht sich bei Händel von selbst — haben uns dies Werk des Meisters vor anderen lieb gemacht. Es ist wohl auch das verbreitetste von allen. Am berühmtesten unter feinen einzelnen Sätzen ist das den zweiten Theil abschließende „Halleluja" geworden. Händel selber bekannte später vertrauten Freunden, er habe sich während der Composition desselben in einem Zustand befunden, den er in diesem Grade niemals, weder vor- noch nachher erfahren, von dem er jedoch keine Rechenschaft zu geben vermöge. Er hatte wohl recht, fein „Halleluja" für ein Erzeugniß ganz besonderer prophetischer Begeisterung zu halten. Hallt es nicht frommen Klanges durch die Jahrhunderte? Daß die Aus- sührung in unserer Stadt eine würdige wird, bedarf kaum erwähnt zu werden. Hervorragende Solisten, sowie ein gut eingeschulter Chor und ein ebensolches Orchester verbürgen uns dieses unter der bewährten Leitung unseres Vereinsdirigenten, des Herrn Professor Richard Barth. Mögen die Mühen, die das Einstudiren eines so großartigen Stückes erfordert, auch von einem recht zahlreichen Publikum gewürdigt werden. Bemerkt sei noch, daß im Interesse auswärtiger Besucher die am Donnerstag den 28. d. Mts. stattfindende Generalprobe Abends 7 Uhr im Saalbau beginnt. In derselben gelangt das Oratorium zur vollständigen Ausführung. Auch ist der Beginn des ConcerteS am Freitag den 29. auf präcis 7 Uhr Abends angesetzt. — Verhaftet. Wegen verschiedener in einer hiesigen Wirtschaft, wie in einem dazu gehörigen Kneipzimmer verübter Diebstähle wurde gestern ein Kellner verhaftet. — Eine für den Reiseverkehr sehr wichtige Anordnung ist vom preußischen Eisenbahnminister getroffen worden. Die Umschreibung von Fahrkarten aus eine andere, dieselben Stationen verbindende, jedoch kürzere Strecke, welche bis jetzt nur bei den Rundreiseheften zugelassen war, ist auf Fahrkarten aller Art ausgedehnt. Aus dem Kreise Friedberg, 23. Januar. Ein sehr unliebsamer Gast ist bei uns eingekehrt: die Influenza, und hat hier und da schon ein Opfer gefordert. Bingen, 20. Januar. Aus der Faßsabrik von Fritz Frech hier ist ein großartiges Meisterwerk der Faßbinderei und Holzbildhauerei hervorgegangen. Das Faß hält 16150 Liter und ist für die Schaumweinfabrik O. u. H. Graeger in Hochheim angefertigt worden. Der Boden, in künstlerischer Ausführung geschnitzt von Herrn Ed. Cämmerer hier, hat als Hintergrund eine alte Eiche, deren Wurzeln den Namen und Daten des jetzigen Inhabers der Firma Graeger umschlingen, während in den oberen frischen Zweigen die lebenden Mitglieder des Hauses verzeichnet sind. In der Baumkrone befindet sich das Familienwappen, zu beiden Seiten medaillonartig die lebensgroßen Bildnisse des Herrn Carl Graeger und Gemahlin. Um das Thürchen sind drei Kinder des Herrn Graeger gruppirt. Den übrigen Raum füllt der ganze Stammbaum der Familie Graeger, beginnend mit dem Jahre 1668, aus. Vom Main, 24. Januar. Durch gemeinsamen Beschluß der Gemeindevorstände einer Reihe kleinerer Gemeinden des Mainthals wurde der sog. Leichentrunk, der dorten noch bestand, abgeschafft. Zuwiderhandelnde sollen in eine Geldstrafe von 5—25 Mk., die zu Gunsten der Ortsarmen verwandt werden, verfallen. , vermischtes. * Berlin, 24. Januar. Einer Mittheilung der „Nordd. Zkg." zufolge haben die Berliner Civil-Berufs- mufiter beschlossen, sich auf den socialdemokratischen Standpunkt zu stellen- sie wollen eine Agitation einleiten, um die Arbeiter zu bestimmen, fernerhin nur bei solchen Wirthen ihre Vergnügungen abzuhalten, welche die Musik von den Mitgliedern der Vereinigung aussühren lasten, und die sich verpflichten, Beamtenmusiker fernerhin nicht mehr zu engagiren. * Berlin, 25. Januar. Aus Lodz wird gemeldet: In der Wohnung der Privathebamme Josefa Bednarski, welche sich mir der Pflege kleiner Kinder befaßte, wurden von der Polizei gestern fünfzehn Kinderleichen, zum Theil ganz verwest, aufgefunden. Die Engelmacherin wurde verhaftet. Die Behörde entwickelt eine energische Thätigkeit, um etwaige Helfershelferinnen und weitere Kindesleichen zu entdecken. verkehr, £anb« und volkswirthschaft. Äießen, 26. Januar. Marktbericht. Auf Dem heutigen -zochenmarkt kostete: Butter pr. Pfd. X 0,85—0,95, Hühnereier 1 St. -, 2 St- 13—15H, Enteneier 1 St.--H, 2 St. - A. Käse pr. St. 7—9 A, Käse matte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 20 A. Linsen pr. Liter 30 A, Tauben pr- Paar X 0,60—0,00, Hühner pr. Stück X 0,85—1 00, Hahnen pr. St- X 0,70—1,20, Enten pr> Stück X 1,50—1,70, Ochsenfleisch pr. Vsd 70—76 A, Kuh- und Rindfleisch 62—66 A, Schweinefleisch 60-70 A, Hammelfleisch 50—70 4, Kalbfleisch 54-60 A, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 8,00-0,00, Weißkraut ; pr. St- 4—10 4, Zwiebeln per Centner X 7,00—8.00, Miüh per ‘ ßtter 12-18 A AlSfeld, 23. Januar. Auf dem heutigen Fruchtmarkt wurden verkauft: 100 Kilo Korn zu 24 X, Hafer zu 13.50 X — Gegenüber den vielfachen, überttiebenen Gerüchten über den Umfang des Brandunglücks, welches die BensdictiNtr Destillerie z« Fecamp in der Nacht vom 11. zum 12. d. Mts. betroffen hat, sind wir auf Grund der uns aus ganz besonders glaubwürdiger Quelle zugegangenen Mittheilungen in der Lage, den Actionären und der zahlreichen Kundschaft dieses berühmten Liqueures die beruhigende Zusicherung erthetlen zu können, daß nur die mechanische Holz- schneidcrei und die VerPackungsräume ein Raub der Flammen geworden sind. Das prachtvolle Museum mit den kostbaren Kunft- schähen der Abtei zu Fecamp, sowie das große Laboratorium mit den Destillations-Apparaten, die beträchtlichen Vorräthe an altem Eau- de-Vie und die neun Keller mit dem Lager von B6nedictiner-Licmeur sind unversehrt geblieben, so daß die Fabrikation keine Unterbrechung erleiden wird und die Versendungen in drei Tagen wieder ausgenommen werden können: übrigens haben auch die Niederlagen und Agenturen in Paris, Bordeaux, Marseille, London, Hamburg, New- Aork 2C. Lager genug, um sofortigen Bestellungen genügen zu können. Es mag auch erwähnt werden, daß zahlreiche Versicherungs-Gesellschaften — und zwar die besten — die Gebäulichkeiten, das Material, die Maaren decken und daß sich somit Alles auf leicht wieder aus- zubessernde Schäd-n beschränkt. 2eideN-BeNgalitre (schwarze, weißeu. farbige) Mk. 1.85 bis 11.65 — glatt, gestreift und gemustert — (ca. 32 versch. Qual.) versendet roben- und stückweise porto- und zollfrei das Fabrik-DöpSt , G. 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