Nr. 250 Erstes Blatt Mittwoch den 26. Oktober 1892 Vierteljähriger Kenerat-Anzeiger. Die Gießener ^««itienStälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchutstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Zlints- und Anzeigeblatt für den Areis Giehen. Anitli^ev Theil hinter jenen Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, Feuilleton Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. des gegenwärtigen Finanzjahres sind an birect en (Steuern üodi Bauernstände 28,591,000 Rudel eiugegangen, gleich 317/io ?6t. des 114,724,000 Rubel betragenden Jahres- Voranschlages. Die Eingänge von anderen Ständen be- 24. October. Der „Reichsanzeiger" erklärt zur Veröffentlichung der Militärvorlage durch die „Köln. Ztg.", dieselbe könne nur auf unrechtmäßige Weise Kenntniß von der Vorlage erhalten haben. Die „Nordd. Allg. Ztg." gibt die Mittheilung der „Köln. Ztg." wieder. Berlin, 24. October. Dem Bundesrath ging ein Gesetzentwurf über die Abzahlungsgeschäfte, sowie ein Entwurf betreffend eine Ergänzung der Bestimmungen über den Wucher zu. Der Bundesraths-Ausschuß für Handel und Verkehr berieth heute Vormittag unter Anderem die neuen Bestimmungen über die Statistik tfer Krankenkassen. Dieselben werben zur Annahme empfohlen. trugen in dem gleichen Zeiträume 7,516,000 Rubel, gleich 382/i0 pCt. des 19,664,000 Rubel betragenden Jahresvoranschlags. Verglichen mit den Eingängen der nämlichen Periode des Vorjahres sind die diesjährigen Eingänge wenig fu-x— i t zurückgeblieben. Deutsches Seich. .Berlin, 24. October. Bei der am Samstag im Neuen Palats stattgefundenen Taufe des Töchterchens des der Kaiserin hat dasselbe die Namen Victoria Luise Adelheid Mathilde Charlotte erhalten. Am Montag ist der Colonialrath zu einer neuen (Sitzungsperiode in Berlin zusammengetreten und es steht zu vermuthen, daß im Verlaufe der Session auch die heutige ^.age m Deutsch-Ostafrika zur eingehenden Erörterung gelangen wird. Es ist zweifellos, daß sich die Verhältnisse in dieser wichtigsten der deutschen Colonien keineswegs in der wünschens- werthesten Weise entwickelt haben, seitdem Herr v. Soden an der Spitze der Verwaltung der ostasrikanischen Colonie steht. Man braucht ihm die directe Verantwortung für all die mißlichen Vorgänge, die sich feit seinem Amtsantritte auf deutsch-ostafrikanischer Erde ereignet haben und von denen das unglückliche Gefecht von Kilossa der jüngste ist, keineswegs in jedem einzelnen Falle in die Schuhe zu schieben, aber offenbar lst fern ganzes System Schuld, wenn es mit der Entwickelung Heirathsantrag erhielt, einen Antrag, der ihr Stellung, Reichihum und Glanz verheißt und zu dem sie nur das Jawort zu geben hat. Vor ihrer Seele steigt die Heimath auf mit all ihren Lieben, dem Vater, der Mutter, Jack, ftreb Unb ~ ®E°r8' 3°' fie sieht ihn vor sich stehen wie damals am Ubfchiedstage. Noch einmal hallt die Wonne und der Schmerz jener Stunde in ihrem Herzen wider, noch einmal horte sie seine in Leidenschaft zitternden Wortei „Nellv, Dich vergessen?!" Sie fühlt seinen heißen Athem ihr Ge- P *Jm' der die Frauen keines tiefen Gefühls LUr s“»'9 ?er Sv Reicht verspotten und auslachen würde? Nem, das konnte sie nicht, darum erklärte sie denn mit kurzen Worten, es thäte ihr leid, Herrn Crawford, ihren Bewerber, durch abschlägige Antwort betrüben zu müssen, allein sic habe keine Neigung zu ihm und werde auch solche niemals für ihn hegen können. Hier begannen ihre Thränen von Neuem zu fließen, war es doch gerade so, wie sie gc- r“$t- • Jay^er3'9e °lte Mann zog cm bitterböses Gesicht, rieb sich ärgerlich die Hände und schnupfte stärker als je. Oft nach dieser Zeit sand sie seine Augen auf ihr ruhen, wahrend ein sonderbares Lächeln seinen Mund umspielte Im September besuchten sie Schottland, Herrn Davidsons innig geliebte Heimath. Hier wurde er gesprächiger und ve«r°usicher. Ost erzählte er Nelly von seinen verlebten ^ugendtagen, holte auch manches romantische Ritter- und Eine Herzensgkschichte. Nach bem Englischen von M. I. (3. Fortsetzung). $errn Davibson sagte sie nichts bavon, weiß sie boch, er wurde sie belachen und verspotten, so gütig er sonst auch gegen sie handelt. Ueber das schöne Geschlecht machte er stets seine Glossen unb bezweifelte höchlichst besten thätiaen, häuslichen Sinn. Oft zeigte er ihr in ben großen Hotels Damen, deren Lebenslauf aus Putz, Vergnügen unb Eitelkeit zusammengesetzt ist, wie er versichert. Nelly behielt baher alle ihre süßen, warmen Gefühle fest verschlossen, damit kein Hauch des Spottes sie entweihen möge. Am selben Tage ^me erste, vortreffliche Proberebe hielt, befindet sich Nelly in Ouchy und der Zufall will es, daß beide lebhaft an einander denken. Georg malt sich nach seinem Erfolge aus, wie hell und r- erglänzen würden, wenn sie bei ihm wäre: plötzlich faßte der Gedanke- in seiner Seele Raum: „Wenn sie Dir nun nicht angehören wollte, wenn Du ihr Dein Leben mcht weihen könntest, was würde dasselbe Dir dann noch werth sein?" Ein so scharfer Schmerz durchschnitt dabei sein ^erz, daß er fühlte, er könne ohne sie das Dasein nicht ^tragen. Wäre sie jetzt hier, gewiß, sie würde ja sagen, er fern, bewundert von vielleicht bedeutenderen Männern als er, würde sie standhaft bleiben? selben Zeit sitzt Nelly in ihrem Zimmer am geöff- n Fenster unb schaut firmend in die blauen, glänzenden Au'hcn des Genfer Sees, der sich weit, weit funkelnd im sonnenttcht vor ihren Blicken ausbreitet. Sie hat der groß- rrtigen Schönheit der sic umgebenden Natur heute nicht Acht, ®“nb ^aIt bebend einen Brief, durch den sic ihren ersten I der ostasrikauifchen Colonie nicht recht vorwärts gehen will. I Die schweren Vorwürfe, welche Rochus Schmid, früher Offizier in der osiafrikaniichcn Schutztruppe, in seinem kürzlich veröffentlichten Merkchen über Deutsch.Ostafrika dem „System Soden" macht, decken sich nur zu sehr mit den Urthcilcn, welche schon bisher auch andere erfahrene Afrikakenner hinsichtlich der Wirksamkeit des Herrn v. Soden in Deutschostafrika gefällt haben. Der Colonialrath wird sich daher schwerlich einer Erörterung der Frage entziehen können, ob es nicht endlich Zeit sei, einem Regime, welches die ganze I Zukunft Deutschostafrikas fraglich zu machen droht, ein Ende I zu bereiten. 2le«tcftc Hadert cBta*. Wolffs telegraphisches Eorresvondenz-Bureau. Berlin, 24. October. Die „Nordd. Allg. Ztg." bcstä- I tigt, daß der Botschafter v. Schweinitz mit Rücksicht auf I feine Gesunbheit ein Abschiebsgesuch eingereicht har. I fr Berlin, 24. October. In ber heutigen Sitzung bes Colonia trat he s würben bie Localetats für Kamerun, Togo uno Sübwestafrika berathen. Bei bem Etat für j Kamerun würbe ber neu eingeführte Zoll auf Gewebe unb ^e Hebung ber Rechtspflege eingehenb erörtert. Bei bem Erat für Sübwestafrika würbe bie neu erhaltene Concession ber „South West Asrikan Company" von verschiebenen Seiten angegriffen. Eingehenb soll bies im Ausschüsse erörtert werben, ^u besten Mitgliebern Fürst Hohenlohe, Hofmann, Scharlach, I lange unb Pallizeux ernannt sinb. Bei bem Etat für Kamerun | würbe festgestellt, baß bie Sickerung ber Grenze bes Hinter- I lanbes infolge einer Vereinbarung mit Frankreich zweifellos I sei. Die nächste Sitzung ftnbet Donnerstag statt. Berlin, 24. October. Den Abenbblättern zufolge ist I öte Hochzeit der Prinzessin Margarethe mit dem Prinzen Friedrich Carl von Hessen auf den 25. Januar 1893 I festgesetzt worden. , A'°"k°»burg. 24. Octobcr. Der Kaiser traf hier um 5 Uhr 25 Minuten, vom Prinzregenten aufs Herzlichste empfangen, ein und begab sich durch die festlich geschmückte und illumimrte Stadt nach dem Schloß, wo offizieller Empfang, dann Diner und Abends eine Vorstellung im Schloßtheater stattfand. Morgen früh 9 Uhr erfolgt der Ausbruch zur Jagd. Das Wetter ist prachtvoll. Nachmittags 3 Uhr sind der Herzog von Altenburg und der Erbgroßherzog von Weimar eingetroffen. r S 241 Octobcr. Von gestern bis heute Abend find 19 Personen an der Cholera erkrankt und fünf gestorben. 1 ' Liebesabenteuer aus dem Schatzkasten seines Wissens hervor, so daß sein Schützling nicht begriff, wie die Jahre ihn so buter, einsilbig und menschenfeindlich machen konnten. So verging in raschem Flug die Zeit und crwartunqs- voll begann Nelly die Wochen bis zum Christfest zu zählen, das sie mit ben Esdailes vereinigen sollte. Ob bie Mutter fte wohl verändert finben würbe? Freilich, sie war noch etwas gewachsen unb trug sich viel eleganter tn Haltung unb Kleibung. Unb wie wollte sie bieselbe burch manche Kunst, fertigfeit überraschen, welche sie währenb bes Jahres gelernt gatte. Einen Tag nach bem anbern hoffte sie von Herrn Davidson um ihren Entschluß befragt zu werben. Sie waren längst nach Cheltenham zurückgekehrt unb Weihnachten rückte tn wenigen Tagen heran. So faßte denn Nelly ben Ent- i^lu§, ihm ihre Entscheibung kunbzuthun. Zagenb ging sie tnjein Arbeitszimmer hinunter. Da saß er, eifrig lesend, während ein bunter Shawl seine hagere Figur einhüllte. Er schaute nicht auf. Ihr Herz schlug stärker. Endlich zum Fenster gehend, begann sie: „Em schöner Morgen heute, Herr Davidson?" Keine Antwort erfolgte. „Vielleicht hat er mich nich! gehört," entschuldigte ihn Nelly, „weiß ich doch, wie taub er manchmal ist." Dcßhalb wiederholte sie noch einmal: „Ein schöner Morgen heute." „Wirklich?" klang es zurück. Das schien ihr doch zu arg. Schnell verließ sie das Fenster unb stellte sich entschlossen zu ihm an ben Tisch. //Ach, Herr Davidson, nächsten Dienstag ist Heiliaabeod und da wollte ich Ihnen für all Ihre Güte danken und Sie bitten, mich nach Hause zu senden." Langsam hob er sein Antlitz hoch, sie fragend anschauend: . *3$ glaube nicht verstanden zu haben. Waö wünschen Sie?" , , "Daß ich zum Weihnachtsfeste zu ben Esbailes zurück- kehren will." 0 — Tagesordnung für die Sitzung der Stadverordneten Donnerstag ben 2 7. October 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Gesuch des Gabelsberger Stenographenvereins um Ueberlassung eines Saales im Realschulgebäube zur Abhaltung eines Unterrichtscurses. 2. Gesuch ber Juliane Miller um Erlaubniß zum Bauen am Schiffenbergerweg. Vetersbura 24 rvtnfipr I ^such &er Firma Phil. Lübeking um Erlaubniß zur g' $n ben ^sten acht Monaten I Wasserabführung. 4. Gesuch des H. Hettler um Concessions- «Hna^me von Anzeigen zu der Nachmittags für den I X* P ---- htgenbm Ta, ersch-m-nd-n Nummer bl, Norm. 10 Uhr. J Hratisoeilage: Die^ener Aamilienölüller. Bekanntmachung, betreffend Maul- und Klauenseuche zu Ettingshausen. Nachdem die in drei Gehöften zu Ettingshausen auSge- brochen gewesene Maul- uiro Klauenseuche wieder erloschen ist, haben wir die über dieselben verhängte Sperre aufgehoben. Zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine ist indeß die Großh. Bürgermeisterei Ettingshausen vorläufig noch nicht befugt. Sollen Thiere dieser Art ausgeführt werden, so ist vielmehr bis auf Weite- res em thierärztliches Gesundheitszeugniß erforderlich. Gießen, den 24. October 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __3- V.i Jost.__ Bekanntmachung, betreffend Markt zu Ruppertenrod. Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß wir die Abhaltung des auf den 27. l. M. anstehenden Viehmarktes zu Ruppertenrod mit Rücksicht auf die Verbreitung der Maul- rind Klauenseuche in den umliegenden Orten untersagt haben Alsfeld, den 18. October 1892. Großherzogliches Kreisamt Alsfeld. v. Grolmann. Hamburg, 24. October. Gestern wurden 2 Erkrankungen und 2 Todesfälle angemeldct. Karlsruhe, 25. October. Die pfälzischen Tabakbauern votinen eine Zollerhöhung von 30 Mark als annehmbar. Gothenburg, 24. October. Die Großheringsfischerei ist sehr reich. Samstag Nacht wurden bei Mar- strand 2000 Hectoliter gefangen. An Käufern ist großer Mangel. Ganze Wagenladungen werden über Dänemark nach Deutschland versandt. Petersburg, 23. October. Von Ende Juli bis Ende September wurden 3919350 Hectoliter Weizen sacacn 6 335 920 im Vorjahre), ferner 1 817 720 Hectoliter Hafer (gegen 2803140 im Vorjahre) exportirt. Locales and ^provinzielles. Gießen, 25. October 1892. Erweiterung seines WirthschastSbetriebs. 5. Gesuch verschiedener Einwohner um Beleuchtung des sogen. Lampengäßchens. — Am vorigen Sonntag war die Gruppe Grobherzog, thum HeffeuHeffeuNafsau des Verbandes der Haudelsgärtner Deutschlands in Steins Garten versammelt, um über die Stellungnahme zu dem Gesetz, bctr. die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, zu berathen. Die Versammlung war aus den umliegenden Städten, sowie aus Frankfurt, Darmstadt rc. besucht. Alle Redner waren darüber einig, daß die Handelsgärtner die Sonntagseinnahme nicht entbehren können, zumal diese vor Inkrafttreten des Gesetzes den Hauptverdienst ausmachte. Sonntags fänden fast alle Festlichkeiten des Mittelstandes statt, ebenso sei der mit Spenden von Blumen und Kränzen verbundene Besuch des Friedhofs von Seilen der Angehörigen Verstorbener gerade am Sonntag am stärksten. Man erachtete es als ein Bedürsniß des Publikums, Sonntags die Blumen rc. einkaufen zu können. Die Versammlung sprach sich schließlich für Unterstützung einer Petition aus, nach welcher der ganze Sonntag dem Blumenhandel, besonders dem Verkauf durch die Handelsgärtner, sreigegeben werden möchte. — lieber Naturheilkuude. Im hiesigen Sanitätsverein hielt gestern Abend Herr Naturarzt Dr. med. Schreiber aus Frankfurt a. M. einen Vortrag über die Heilsactoren der Naturheilkunde. Referent führte aus, daß die verschiedenen Heilsactoren des Naturheilverfahrens bereits im Alterthum bekannt gewesen seien. Die Inder und Chinesen kannten eine medicinische Gymnastik. Hippokrates, der berühmteste Arzt des Alterthums, wandte das Wasser zu Heilzwecken an und stellte bereits den Grundsatz aus: Die Natur heilt und Aufgabe des Arztes ist es, die Natur hierin zu unterstützen. Die Römer wandten das Wasser ebenfalls zu Heilzwecken an- Horaz stellte sich durch eine Wasserkur von einem Leiden der Verdauungsorgane und Nerven her. Cäsar ließ sich mit Erfolg wegen einer Neuralgie kneren. Später geriethen diese Heilsactoren in Vergessenheit, besonders durch den Einfluß von Paracelsus im 15. Jahrhundert, welcher als der Schöpfer der heutigen Receptmedicin anzusehen ist. Der erste Reformversuch wurde gemacht durch Hahnemann, den Schöpfer der Homöopathie, der gegen den Aderlaß und Arzneimißbrauch austrat. Die Doctoren Hahn Vater und Sohn übten in Schweidnitz im vorigen Jahrhundert die Wasserhellkunde aus, welche indeß erst populär wurde durch Prießnitz und Schroth. Schroth machte eine Aussehen erregende Kur an einem Herzog von Württemberg, dem das Bein, welches in der Schlacht von Navarra verwundet war, aus den Rath von Wiener und Berliner Professoren amputirt werden sollte. Er stellte den Herzog so her, daß dieser binnen Kurzem sogar an Hosbällen mittanzen konnte. Ling erfand die schwedische Heilgymnastik, Rikli die Lust« und Sonnenbäder. Redner gibt eine Darlegung der verschiedenen Anwendungssormen der Wasseranwendung und begründet dieselben wissenschaftlich, indem er von der Thatsache ausgeht, daß die Haut als ein wesentlicher Heilsactor zu betrachten sei. Bezüglich der Kneipp'jchen Kur legt Redner dar, daß Vieles, was heutzutage unter dem Namen Kneipp angesehen werde, bereits von Naturärzten früherer Zeiten empfohlen worden sei, wie z. B. das Barsuß- lauftn. Referent unterscheidet erregende, beruhigende und entzündungswidrige Wirkungen des Waffers. Redner legt sonst noch die fieberherabsetzende Wirkung des Wassers dar, in Form von Halbbädern, Beinpackungen und Armpackungen, empfiehlt indeß, im Allgemeinen erst bei Temperaturen des Körpers von 38,5° mit den Anwendungen anzufangen und räth die Anschaffung von Thermometern zur Fiebermessung an, damit die Angehörigen des Patienten genauere Instructionen Seitens des Arztes bekommen könnten. Die Behandlung des Einzelsalles sei indeß Sache des Arztes. Redner bespricht noch die Massage, warnt indeß vor zu starker Anwendung und schließt seine D/zstündigen Ausführungen, welche den größten Beifall sanden, mit dem Ausspruch: „Die besten „Ah! Zwölf Monate die Welt bereist und noch nicht klug geworden! Sie sind wirklich eine Närrin, Fräulein Eleanor!" „Eine Närrin!" Ihr Gesicht färbte sich in dunkler Röthe. „Wie meinen Sie das, mein Herr?" „Nun denn," Hub er an, „Sie sind eine arme Waise. Kehren Sie in die Heimath zurück, wie Sie Ihren früheren Aufenthalt zu nennen belieben, so sind Sie von Menschen abhängig, welche selber um das tägliche Brod kämpfen müssen, während ich Ihnen, so lange ich lebe, eine glänzende Existenz biete und rach meinem Tode ein schönes Vermögen hinterlasse. Wollen Sie zu dieser arrmn Familie, in deren kleines, armseliges Haus zurück, um mit ihnen in Sorgen zu leben, wohlan, gehen Sie! Doch bauen Sie aus mich ferner in keiner Weise mehr, war es doch nur Ihr Wille, ganz allein Ihr Wille." „Ja, es ist mein Wille!" ries mit glänzenden Augen Nelly aus. „Ich brauche und will Ihr Geld nicht und nur, weil Herr Esdaile versicherte, ich dürfe Ihr Anerbieten nicht von der Hand weisen, bin ich Ihnen gefolgt. Von Anfang an habe ich es Ihnen klar gesagt, daß ich heimkehren will. Ja, mein Herr, mögen Sie spotten, dennoch gehe ich in meine Heimath zurück! Gott hat uns solche Liebe ins Herz gelegt, daß wir zueinander gehören müssen, daß ich mich nicht trennen kann. Glauben Sie, daß man dort die mir gebrachten Opser mich jemals hätte fühlen lassen? Niemals! Alles, waS man dort an mir that, geschah aus freier Liebe, und ebenso wurde es von mir angenommen. Ihnen, mein Herr, suhle ich mich dankbar, fast durch all Ihre Wohlthaten erdrückt und gedcmülhigt, dennoch treibt es mich dahin, wo tausend Liebesbande mich fesseln!" „Bei Gott!" ries hier der alte Mann aus, „sie hat wahrlich einen eigenen Willen, das schottische Blut habe ich wenigstens in thr wiedergesunden." (Fortsetzung folgt.) Aerzte auf der Welt, trotz aller Neider, aller Hasser, das sind, zu einem Bund gesellt, Diät, Bewegung, Lust und Wasser". — Verhaftet wurde gestern Abend ein als Herr verkleidetes hiesiges Mädchen, das sich in der Grünbergerstraße herumgetrieben hatte. — Von den Vorständen des hessischen Landes-Lehrervereins und der Ludwig- und Alicestistung ist dieser Tage eine Petition an die Regierung und Ständekammern um Erhöhung der Pensionen bet Lehrerwiltwen und um Gewährung von Waisen- geldern für minderjährige Lehrerhalbwaisen gerichtet worden. Nach eingehender Begründung stellt das Gesuch die Bitte: 1) daß die Pension der hessischen Lehrerwittwen eine den gegenwärtigen Preisen der Lebensbedürfnisse entsprechende Erhöhung erfahre- 2) daß in das Gesetz vom 28. October 1874, die Wittwen- und Waisenkasse der Volksschullehrer betreffend, die Bestimmung ausgenommen werde, daß denjenigen Lehrerwittwen, welche noch minderjährige Kinder haben, in derselben Weise, wie den Wittwen von Staatsebamten, für jedes Kind ein Fünftel des Betrags der Wittwenpension als Waisengeld gewährt werde. — Nachweis bet Befähigung zur Uebernahme eines Kirchenamtes, lieber den Besitz der nach Art. 1 und 4 des Gesetzes vom 5. Juli 1887, die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen betr., zur Uebernahme eines Kirchenamtes notbwcndigen Eigenschaften ist der Nachweis erbracht worden bezüglich der Candidaten der evangelischen Theologie: Georg Hamm aus Eich, Philipp Heußel aus Langstadt, Friedrich Psannmüller aus Darmstadt, Karl Gerhard aus Steinbach, Karl Neurath aus Bürstadt, Heinrich Schnellbächer aus Eberstadt, Gustav Bi e d en kop s aus Altenburg, Ludwig Gußmann aus Hirzenhain, Karl Han st ein aus Holzheim, Wilhelm Heyl aus Gundernhausen, Karl Jäger aus Lich, Friedrich Sch u st e r aus Glauberg, Adolf Vogel aus Nieder- Ramstadt und Albert Waldeck aus Lauterbach. — lieber den Antrag des Abgeordneten Erk bei der Zweiten Kammer der Stände aus Einrichtung einer Güter- Einlabevorrichtung in bet Station Ober Widdersheim der Oberhessischen Eisenbahn erstattete den Bericht des Ersten Ausschusses der genannten Kammer der Abgeordnete Dr. Schröder. Großh. Ministerium der Finanzen hat aus Anfrage mit Schreiben vom 11. Juli d. Js. zu dieser Angelegenheit erwidert, „daß es nicht möglich sei, diesen Haltepunkt an seiner jetzigen Stelle zu einer Güterstation auszubauen, weil hier die Bahn in starker Steigung liege. Die Einrichtung einer Güterverladestelle in Ober-Widdersheim bedinge daher die Verlegung der Station um mehrere hundert Meter und damit einen erheblichen Kostenaufwand, der aus versügbaren Mitteln nicht gedeckt werden könne. Nachdem aber eben erst beträchtliche Summen für die.Verbesserung der Oberhessischen Eisenbahnen bewilligt worden seien, erscheine es vorerst nicht rathsam, dasür noch weitere außergewöhnliche Aufwendungen zu machen, zumal das Baupersonal der Bahn durch die Ausführung der bereits genehmigten Bauten vollauf in Anspruch genommen sei. Es werde jedoch bei Aufstellung des Etats für die nächste Finanzperiode in Erwägung ziehen, ob die Summe, welche für die Errichtung einer Güterstation Ober- Widdersheim erforderlich sei, in denselben ausgenommen werden könne. Bis dahin würde sich auch übersehen lassen, inwieweit bei dem Bau der Nebenbahn Friedberg-Nidda die Interessen der Gemeinde Ober-Widdersheim Berücksichtigung finden könnten. Diese Bahn würde nämlich zwar mcht in Ober-Widdersheim einmünden, voraussichtlich aber doch so nahe am Dorfe vorbeiführen, daß unter Umständen eine für dieses bequem gelegene Station an der Nebenbahn angelegt werden könne. Hiermit würde den Wünschen der Gemeinde, welchen es eine gewisse Berechtigung nicht absprechen wolle, wohl ebenfalls Genüge geleistet werden." Der Ausschuß beantragt danach, die Kammer wolle aus den in dem abgedruckten Antwortschreiben Großherzogl. Ministeriums der Finanzen dargelegten Gründen den Antrag des Abg. Erk vorerst für erledigt erklären. — Erdichtete Verlobungsanzeigen, welche veröffentlicht werden, um Jemanden bloszustellen und lächerlich zu machen, enthalten nicht nur den Thatbestand der öffentlichen Beleidigung, sondern auch der schweren Urkundenfälschung. Diese von einer Straskammer jüngst ausgesprochene Rechtsanschauung ist vom Reichsgericht bestätigt worden. — Frankfurter Obstmärkte. Auch der zweite kürzlich stattgesundene Obst markt hat einen in jeder Beziehung befriedigenden Verlaus genommen. Die Menge des angemeldeten Tafelobstes war größer als aus dem ersten Markte und überstieg das Angebot der vorjährigen Märkte sehr beträchtlich. Auch die Steigerung der Verkäuserzahl gegen das Vorjahr beweist, daß die Obstproducenten die Vortheile richtig erkannt Haden, welche ihnen durch die Beschickung der Frankfurter Obstmärkte erwachsen. Besonders erfreulich ist die Thatsache, daß nicht nur aus der engeren und weiteren Umgebung Frankfurts Verkäufer erschienen waren, sondern auch aus entfernteren Gegenden Badens, der Pfalz u. s. w. Dem Cornitv find ferner eine große Zahl von Zuschriften zugegangen, in denen die Nichtbeschickung der Märkte mit der frühen Reise des Obstes und früheren Abschlüssen rnotivtrt und die Betheiligung im nächsten Jahre zugesagt wird. Von den verschiedensten Seiten wird anerkannt, daß die Obstmärkte nützliche Veranstaltungen sind und einem Bedürfnisse ent» (proeben haben. Es ist daher zu erwarten, daß auf den nächstjährigen Märkten eine noch weit größere Zusuhr stattfinden wird. Die Käufer waren nicht allein Frankfurter. Aus den benachbarten Städten Hanau, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt u. s. w. waren zahlreiche Käufer erschienen und verschiedene weiter entfernt wohnende Norddeutsche und Süddeutsche hatten schriftlich Antrag zu recht namhaften Ankäufen gegeben. Hoffen wir, daß die Vortheile der hiesigen Obstmärkte in immer weiteren Kreisen erkannt werden, so daß das Endziel, Vereinigung des gefammten Obstverkaufs für Mitteldeutschland aus den Frankfurter Märkten, bald erreicht wird. t Lich, 25. October. Gestern sand im Schlosse dahier unter dem Vorsitz Sr. Durchlaucht des hiesigen Fürsten eine Versammlung des Ortsausschusses für die Stadt Lich, die Errichtung eines Denkmals für weiland Großherzog Ludwig IV. betreffend, statt. In derselben wurde beschlossen, eine Sammlung für diesen Zweck in hiesiger Stadt durch die Mitglieder des Ortsausschusses in den nächsten Tagen vorzunxhmen. Romrod, 21. October. Der Großh. Forstwart Kalbfleisch Hierselbst fing mittelst Tellereisen im Göriugerdach eine Fischotter im Gewicht von 23 Pfund. Sellnrod, 21. October. Der Großherzogl. Bürgermeister Müller ist gestern einstimmig wiedergewählt worden. Götzen, 22. October. Bei der heute stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde Herr Johannes Fritzges XIII. gewählt. Helpershain, 20. October. B?i der heutigen Bürger- meisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister Herr Heinr. Hohmann L, welcher schon 22 Jahre in unserer Gemeinde als solcher fungirt, mit 65 Stimmen wiedergewählt. Merkeusrih, 22. Oclober. Bei der heute stattgehabten Bürgermeisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister Rüb mit 52 Stimmen einstimmig wiedergewählt. □ Vom Vogelsberg, 24. October. Unsere in einem früheren Artikel dieser Zeitung ausgesprochene Erwartung bezüglich der diesjährigen Jagdergebnisse, die man bei Eröffnung der Jagd als sehr ungünstig bezeichnete, haben sich vollinhaltlich bestätigt. Obgleich die großen Treibjagden erst jetzt beginnen, ist der Preis für die Hasen I. Qualität von 3 Mk. auf 2,50 Mk. herabgegangen. Auf dieser Preisstufe haben die Hasen in den letzten drei Jahren nicht gestanden. Wohl sind die billigen Rindfleischpreise hierbei nicht ohne Einwirkung, dessenungeachtet ist aber der niedrige Preis immerhin ein Beweis des guten Resultats der Hasenjagd im allgemeinen. Die Feldhühner sind dagegen gestiegen, von 90 Pfg. auf 1 Mk., was eben an ihrem seltener werdenden Vorkommen gelegen ist. Der Preis für das Rehfleisch, der vor Eröffnung der Jagd auf weibliches Rehwild hier auf 80 Pfg. per Pfund stand, ist wie immer nach dieser Eröffnung bemerkenswerth gesunken und dürste auch in diesem Jahre wieder auf den niedrigen Stand von 50 Pfg. per Pfund sinken. 8 Vom höheren Vogelsberg, 23. October. Die in Nr. 248 des „Gießener Anzeigers" angeführte Vogelsberger Wetterregel: „Wenn das Rhöngebirge Schnee ausweist, dann haben wir innerhalb drei Tagen ebenfalls Schnee", hat sich diesmal vollständig bewahrheitet, denn hier ist feit gestern Schneefall. V. Die allgemeine Conserenz der deutschen Sittlichkeits. vereine hat, wie schon erwähnt, am 19. und 20. d. Mts. in Darmstadt stattgefunden. Einiges für weite Kreise Wichtiges aus den an Verhandlungen, Vorträgen u. s. w. reichen Versammlungstagen wollen wir hier noch nachtragen. Im Ganzen bestehen jetzt in Deutschland 15 Sittlichkeitsvereine, neu gegründet wurden im Jahre 1891 die Vereine in Braunschweig, Schleswig, Darmstadt, Frankfurt a. M. und Leipzig. Einige deutsche Regierungen unterstützten diese wichtige Sache durch Beiträge. In bevorstehenden Winter wird der neue Generalsecretär des Vereines auch Hessen besuchen und die Frage, womit sich der Sittlichkeitsverein beschäftigt, neu an- regen. Beschlossen wurde u. A., daß die Conserenz auf christlich-evangelischer Grundlage stehen, aber sich jeder Propaganda gegen Katholiken und Israeliten enthalten solle. In ihrem Programme fordert sie die grundsätzliche Bestrafung der gewerbsmäßigen Unsittlichkeit und die Unterbringung der Betreffenden in Besserungsanstalten; damit verwirft sie sowohl die Bordelle als Controlle, und macht dadurch Ernst mit den Grundsätzen des christlichen Sittengesetzes. Sehr gut besucht war die öffentliche Versammlung, welche die Conferenz am 19. d. Mts. im städtischen Saalbau hielt, Offiziere, Beamte, Studenten, Kaufleute, Arbeiter lauschten den Vorträgen des Herrn Lic. Pfarrer Weber aus München- Gladbach und Pastor Philipps aus Berlin. (Wir haben in No. 247 bereits über die beiden Vorträge berichtet. Red.) Vermißtes* * Marburg, 24. October. Eine Anzahl Gießener Juristen weilten am Samstag Abend zum Besuch der hiesigen Juristen hier im Museum. Die Juristen beider Städte veranlassen alljährlich gegenseitige Besuche. * Frankfurt a. M., 24. October. Den Mannschaften der hiesigen Garnison ist am Samstag aus Anlaß der hier und in Maxau vorgekommenen Cholerasälle von dem Commando eine Warnung vor dem Besuche derjenigen hiesigen Wirthschaften zugegangen, in denen Schiffer verkehren. * Heidelberg, 24. October. Der hiesige Main-Neckar- Bahnhof ist heute Nacht seit 1 Uhr total nieder- gebrannt. * Berlin, 24. October. Ein Angestellter der Deutschen Bank desraudirte 100000 Mark. Derselbe ist flüchtig. * Berlin, 24. October. Die städtische Parkdeputation har beschlossen, das projectirtc Schulze-Delitzsch-Denk- mal an Stelle des jetzt auf dem Hausvogteiplatze stehenden Springbrunnens auszustellen. * Wilhelmshaven, 24. October. Seit heute früh striken die hiesigen Schuhmachergesellen. Dieselben verlangen 25 pCt. Lohnerhöhung. * Zwickau, 24. October. Das Landgericht v erurth eilte den Director der Maschinenfabrik-Actiengesellschaft Crimitschau,