Nr. 196 Erstes Blatt Mittwoch den 24. August 1892 Der chickcncr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Tie Gießener JamitienVkatter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelegt. urinier 4t meiner | \j V l W Redaction, Expedition , , e und Druckerei: Heneral-Mnzerger. 3lmü* und Anzeige! l«tt für den Kreis Giefzen.1 Annahme von Anzeigen zu der dtachmittags für den folgenden Taz erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Gratisbeilage: chießener Kamil'ienblatter. Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. AinErhe* EbHL Bekanntmachung, betr. Maul- und Klauenseuche zu Wieseck. Nachdem die in einem Gehöft zu Wieseck ausgebrochene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die Sperre dieses Gehöfts aufgehoben. Die Anordnung, daß Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine aus der Gemarkung Wieseck durch Händler nur auf Grund eines thierärztlichen Zeugnisses ausgeführt werden dürfen, besteht bis auf Weiteres noch fort. Gießen, den 22. August 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern.___________________ Bekanntmachung, betreffend Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. Zu Büdingen und Vonhausen, Kreis Büdingen, und zu Bobenhausen, Kreis Schotten, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöft- wie Gemarkungssperre verfügt worden. Gießen, den 22. August 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gießen, 22. August 1892. Vetr.: Die Entscheidung von Gewerbestreitigkeiten; hier die Errichtung von Gewerbegerichten gemäß Reichsqesetz vom 29. Juli 1890. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien des Amtsgerichtsbezirks Gießen. In Nummer 84 des Gießener Anzeigers von 1891 werden Sie unter „Localem" einen Artikel finden, in welchem kurz dargelegt ist, daß und warum man im diesseitigen Kreise von der Errichtung besonderer Gewerbegerichte, die durch obiges Gesetz der statutarischen Regelung der Gemeinden oder weiterer Communalverbände überlassen ist, absehen zu sollen glaubte. Demgemäß sind — wie Ihnen dann in unserem Amtsblatt Nr. 3 vom 18. April 1891 mitgetheilt wurde — die Großh. Bürgermeistereien zuständig geblieben, zur vorläufigen Entscheidung von Streitigkeiten a. über den Antritt, die Fortsetzung oder die Auflösung des Arbeitsver- hältniffes, sowie über die Aushändigung oder den Inhalt des Arbeitsbuches oder Zeugnisses (§. 3 pos. 1 des Ges. vom 29. Juli 1890), b. über die Berechnung und Anrechnung der von den Arbeitern zu leistenden Krankenverfiche- rungsbeiträge (§. 3 pos. 2 des obigen Ges.). Trotz Ihrer vorläufigen Entscheidung kann aber von den Parteien noch Klage bei dem ordentlichen Gerichte erhoben werden, welches auch über die Leistungen und Entschädigungsansprüche aus dem ArbeitSverhältniffe, sowie über eine in Beziehung auf dasselbe bedungene Conventionalstrafe (§. 3 pos. 2 des obigen Ges.) zu befinden hat. Obgleich wir nun nach wie vor der Ansicht sind, daß die seither bestehenden Einrichtungen sich im Ganzen bewährt haben und ein Bedürfniß zur Errichtung besonderer Gewerbegerichte nach den Verhältnissen des hiesigen Bezirkes nicht vorliegt, so hat doch der Gießener Stadtvorstand geglaubt, einer mittlerweile aus Arbeiterkreisen kundgegebenen Bitte um Einführung eines besonderen Gewerbegerichts nicht entgegensein, vielmehr in der Weise Folge geben zu sollen, daß er bei uns die Errichtung eines gemeinsamen Gewerbegerichts für den Bezirk desAmtsgerichts Gießen beantragt hat. Maßgebend für diesen Antrag war die Erwägung, daß bei den zahlreich im Amtsgerichtäbezirk gelegenen Filialen der hiesigen Tabakfabriken und bei der Ausdehnung auch einzelner anderer großen Betriebe in mehreren Gemarkungen'des Ge- Gerichtsbezirkes es vorzuziehen sei, das gewünschte Gewerbegericht nicht ausschließlich für die Stadt Gießen zu errichten. Wir fordern Sie daher auf, binnen 4 Wochen — nach Anhörung von Arbeitgebern und Arbeitern der hauptsächlichen Gewerbezweige und Fabrikbetriebe — den Gemeinderath darüber beschließen zu lassen, ob er nach den Verhältnissen Ihrer Gemeinde die Errichtung eines Gewerbegerichts für wünschenswerth hält. Bei Vorlage dieses Beschlusses wollen Sie auch berichten, wie oft Ihre Entscheidung in Gewerbestreitigkeiten seit Inkrafttreten des Gesetzes vom 29. Juli 1890 (1. April 1891) in Anspruch genommen worden ist. v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 22. August. Die Ansprache des Kaisers an die höheren Offiziere nach der letzten Parade wird jetzt authentisch bekannt und es ergibt sich, daß diese hochwichtigen Aeußerungen doch einen wesentlich anderen Sinn und daher auch eine ganz andere Bedeutung und Tragweite für die poli- tische Situation haben, als man nach den bisherigen unvollkommenen Berichten annehmen konnte. Der Kaiser hat zunächst im Anschluß an die Kritik über die Parade in sehr lebhaften, nicht mißzuverstehenden Worten sein Erstaunen aus- gedrückt, daß in letzter Zeit in steigendem Maße militärische Interna in die Tagespresse gelangten, darunter solche, die rein theoretischer Natur sind, wie über die Schießversuche mit Gewehren neuen Calibers. Besonders mißbilligte er die Preßerzeugnisse, die nur rein militärischen Federn entsprungen sein könnten, und welche die geplante Hceresvermehrung sehr verschiedensach beurtheilten, insbesondere aber weitgehende organisatorische Einschränkungen aus Ersparnißrücksichten bei einer etwaigen Einführung der zweijährigen Dienstzeit als möglich erörtern. Derartige Erörterungen über eine Militärvorlage, der er noch gar nicht zugestimmt habe, gehörten ins Gebiet der Phantasie. Die zweijährige Dienstzeit erscheine weiten Kreisen als eine zeitgemäße Einrichtung; sie fei aber ohne Gewährung ganz besonderer Gegenleistungen nicht denkbar. Sollte etwa die Mehrheit des Reichstags nicht patriotisch genug sein, mit einer Vorlage, die auf der zweijährigen Dienstzeit beruht, gleichzeitig die erwähnten nothwendigen Ergänzungen derselben zu bewilligen, dann erkläre er, daß ihm immer noch eine kleine, gut disciplinirte Armee lieber sei als ein großer Hause. (Frks. Ztg.) Berlin, 22. August. Die sensationelle Aeußeruug des Kaisers in Sachen der zweijährigen Dienstzeit beschäftigt die öffentliche Meinung Deutschlands noch immer. Nach einer jüngsten Lesart hätte der Monarch erklärt, daß er, so lange sich der Reichstag nicht zu großen militärischen Bewilligungen bereit zeige, an dem bewährten System seines Großvaters nicht rütteln lassen wolle. Die Aeußerung sei aber keine unbedingte Ablehnung jeder Aenderung der bestehenden Dienstzeit gewesen und habe lediglich bezweckt, die zum Theil sehr kühnen Erörterungen über eine noch nicht feststehende Militärvorlage abzuschneiden. Jedenfalls gestattet die Aeußerung des Kaisers, mag sie nun bloß bedingt oder aber schärfer ablehnend gegen die Einführung der zweijährigen Dienstzeit gerichtet gewesen fein, den Schluß, daß die ange- kündigte neue große Militärreform-Vorlage keineswegs schon fo fix und fertig ist, wie hier und da behauptet worden ist. Offenbar haben alle Schritte, welche militärischerseits zur Prüfung der Organisationssragen ins Werk gesetzt sind, bislang noch nicht zu abschließenden Ergebnissen geführt und darum ist schwerlich anzunehmen, daß eine hierauf bezügliche Vorlage den Reichstag schon in seiner nächsten Session beschäftigen wird. Ob indessen nunmehr in der kommenden Tagung des Reichsparlaments überhaupt keine neuen Militär- Feuilleton. „Nr. 81691". Nooellette von B. Corony. (2. Fortsetzung.) „Nicht möglich! Wie viel?" Fünfzehntausend Mark." „Ist es auch wahr? Irren Sie sich nicht?" „Sehen Sie doch selbst!" Dem kurzsichtigen Steuerrarh schwammen die Nummern förmlich vor den Augen. • „Ja — ja — wahrhaftig. Es ist so!" „Schade, daß wir nur den vierten Theil bekommen! Aber es bleibt doch noch eine anständige Summe." „Nach Abzug aller Kosten immerhin über dreitausend Mark." „Welker, wir wollen uns wieder versöhnen." „Ja." „Dieses Geld fällt uns so unvermuthet zu — was meinen Sie, wenn wir damit--" „Den Kindern heimlich die Wohnung ausmöbliren würden? Ich glaube, wir können es thun, ohne uns der Verschwendung anzuklagen." „Ich bin derselben Ansicht." Das ha^e sie lange nicht mehr gesagt. Fräulein Koch druckte auf die Klingel und befahl dem eintretenden Mädchen: „Katharina, laufe schnell zu dem Bankier Freitag, sage, das too§ 81691 wäre gezogen — oder sage lieber nichts, ich fchreibe es Dir auf. — So! — Frage nur, wann man den Gewinn in Empfang nehmen kann." Die Dienerin eilte fort und kehrte mit der Meldung toieber .* „Nächsten Sonnabend um vier Uhr." „Die Kinder dürfen nichts erfahren. Wir wollen sie überraschen," entschied Ludovika und Welker stimmte bei. „Kommen Sie Sonnabend um fünf Uhr. Da wird as Geld schon da fein und dann besprechen wir daS Weitere." „Ich werde mich pünktlich einfinden." So friedlich waren sie noch nie geschieden. Zur festgesetzten Stunde erschien der Steuerrath bei seiner alten Freundin und fein erstes Wort war: „Nun, haben Sie die Summe bereits in Empfang genommen?" „Noch nicht. Und ich werde es auch einstweilen nicht" thun," erwiderte sie. „Ja, weßhalb denn?" fragte er, unangenehm überrascht. „Mein Gott, begreifen Sie denn nicht? Es genirt mich jetzt, daß ich in meiner freudigen Aufregung gleich hmschickte. Damit es nun nicht aussieht, als ob wir so auf das Geld lauerten, will ich noch acht oder vierzehn Tage warten, ehe ich es einkassire." „Welcher Gedanke! Geschäft ist Geschäft! Man muß das Loos pünktlich bezahlen, also kann man auch den Gewinn erheben. Wenn es Ihnen übrigens lieber ist, so will ich die Sache besorgen." „O, nein, wir warten! Was sollte denn der Mann von uns denken? Das käme ja heraus, als ob wir keinen Bissen Brod im Hause hätten." „Aber ich bitte Sie —" „Dringen Sie nicht in mich! Es ist mir höchst unlieb, solche Hast gezeigt zu haben." „Wir wollten doch aber die Wohnung einrichten." „Daran hindert uns nichts." „Bevor wir das Geld haben?" „Es ist uns ja sicher. Was riskiren wir denn, wenn wir Vorauslagen machen'.?" „Ich fände es indeß viel besser, kürzer und einfacher, den Betrag erst zu erheben." „Vor acht Tagen nicht. Wenn Sie übrigens kein Geld flüssig machen wollen, so bin ich bereit, Ihnen die Summe vorzustrecken." „Ich danke, mein Fräulein, und verzichte daraus, Ihre Güte in Anspruch zu nehmen," lehnte Welker dieses Anerbieten sehr kühl ab. „Morgen werde ich einstweilen die Saloneinrichtung besorgen und alles in die leerstehende Woh- I nung bringen lassen." „Ich meinerseits werde ebenfalls morgen das Nölhige für das Wartezimmer auswählen. Hinsichtlich der anderen Räume können wir noch Rücksprache nehmen. Der Gewinn wird gerade dafür reichen." „Ich beabsichtige nicht einen'Groschen davon zu ersparen." „Ich ebensowenig." Da Ludovika strenge Theilung der Kosten forderte, so rechnete der Steuerrath mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bis auf den Pfennig aus, auf wie viel sich die gewonnene Summe nach allen Abzügen belaufe und der Verabredung getreu verwendete man den Betrag, um den jungen Leuten ein ebenso elegantes als gemüthliches Heim zurecht zu machen. Als die Gardinen an den Fenstern prangten und der Tapezierer den letzten Nagel eingeschlagen hatte, waren gerade acht Tage vorbeigezogen. „Jetzt sind noch zwei Mark über," erklärte Welker, den Kassenbestand prüfend. „Für diese wollen wir einen Wagen nehmen, bei den Kindern vorfahren, sie abholen und hierher bringen," schlug Fräulein Ludovika vor. „Von dem Gewinn brauchen sie nichts zu wissen, das bleibt unter uns." „Ja, die ganze Sache sieht großartiger aus, wenn wir darüber schweigen." Hermann und Grethchen glaubten in einem Traume befangen zu fein, als sie die Pracht erblickten, die ihrer harrte. „Alles hochmodern!" jubelte die junge Fran, von einem Zimmer ins andere hüpfend und bald die türkischen Portieren, bald die Möbelbezüge streichelnd. „Nein, Papa,--Tante---daß Ihr uns eine solche Freude bereitet habt nach der energischen Abweisung'" staunte der Doctor, „Ihr sagtet doch beide so ent» schieden „Nein!"" „DaS geschah nur der Ueberraschung wegen." (Schluß folgt.) vermischtes. tt Sontra (Kurhessen), 22. August. Großes Brandung tück. Unser kleines Ackerstädtchen, welches kaum 2000 Seelen zählt, ist in der vergangenen Sonntagsnacht abermals von einem furchtbaren, verheerenden Brandunglück heimgesucht worden. Es ist dieses ein schwerer Schicksalsschlag, der unserer in mittleren Verhältnissen lebenden Bevölkerung um so tiefere Wunden schlägt, als erst vor wenigen Wochen die Brandfackel einen erheblichen Theil der Stadt zerstört hat. Doch mehr als dreimal so schlimm hat diesmal das entfesselte Element in unseren Straßen gehaust, denn waren es damals vielleicht 20 Gebäude, so sind diesmal 140 Gebäude in Schutt und Asche verwandelt worden, darunter 40 große Wohnhäuser. Etwa 550 Personen, die sich auf 80 Familien vertheilen, sind obdachlos geworden. Die zum größten Theil bereits eingebrachten Erntevorräthe, Roggen, Weizen re. sind mitverbrannt. Ebenso ist viel Vieh in den Flammen umgekommen. Ein Feuerwehrmann hat bei dem Rettungswerk so schwere Verletzungen erlitten, daß er vom Platze getragen werden mußte. Eine entsetzliche Verwüstung hat das Feuer angerichtet, Straßen und Plätze bieten einen geradezu schauerlichen Anblick, überall sieht man Gruppen jammernder Menschen, die am Grabe ihrer Habe stehen, denn da das Feuer mit beispielloser Schnelligkeit um sich griff, so konnte nur wenig oder nicht- gerettet werden. Dies ist um so schlimmer, als eine große Anzahl der Abgebrannten ganz geringe Leute sind, welche sorderungen und Steuerpläne zu erwarten sind, wie man in liberalen Blättern lesen kann, möchte doch noch dahingestellt bleiben, eine derartige Hoffnung wäre zum Mindesten verfrüht. — In den nächsten Wochen stehen verschiedene Reichstagsersatzwahlen bevor, deren Ausgang man allseitig mit Interesse entgegensieht. Es sind dies die Wahlen in Herford Halle, Sagan-Sprottau und Löwenberg- ersteren Wahlkreis haben die Conservativen zu vertheidigen, während die beiden letzteren bis jetzt im Besitze der Freisinnigen waren. Da in den genannten schlesischen Wahlkreisen die conservativen Candidaten aus die Stimmen der CentrumSwähler rechnen können, so erscheint es zweifelhaft, ob der freisinnigen Partei die Behauptung dieser Mandate gelingen wird, zumal von nationolliberaler wie socialdemokratischer Seite Sondercandi- daturen aufgestellt worden sind. Völlig ungewiß ist aber der Stand der Dinge in Halle-Herford. In diesem früheren Wahlkreise Kleist-Retzows stehen sich ein conservativer, ein ultramontaner, ein freisinniger, ein nationalliberaler, ein socialdemokratischer und ein antisemitischer Candidat entgegen, sodaß eine Stichwahl seststeht- zwischen welchen der aufgestellten Candidaten sie aber stattzufinden haben wird, das läßt sich heute noch nicht im Entferntesten Voraussagen. Ausland. Wien, 22. August. Die empörenden Ausschreitungen mährisch-czechischer Fanatiker gegen Mitglieder deutscher Vereine aus Jglau sind, wie bestimmt versichert wird, in der jüngsten Sitzung des österreichischen Mnisterrathes eingehend zur Erörterung gelangt. Der Ministerrath soll beschlossen haben, eine exemplarische Bestrafung der Schuldigen zu veranlassen und die strafrechtliche Verfolgung der Sache möglichst zu beschleunigen. Man kann nur wünschen, daß die zu erwartende strenge Bestrafung der Urheber wie der Aussührenden bei jenem schändlichen Ueber- fall die Wirkung haben wird, welche man in den österreichischen Regierungskreisen augenscheinlich im Auge har, nämlich den von scrupellosen Agitatoren gegen die Deutschen verhetzten breiten Schichten des Czechenvolkes eine ernste Warnung zu ertheilen. Eine solche thut auch wahrlich Roth, wenn anders die Deutschen in Mähren und Böhmen gegenüber ihren czechischen Landsleuten nicht förmlich vogelfrei sein sollen. - lleeicftc Wolffs telegraphisches Corrtspondcnz-Bureau. Berlin, 22. August. Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." vernimmt, ist Seitens der Unterrichtsverwaltung angeregt worden, in den nächstjährigen Etat eine größere Summe zur Aufbesserung der Lage der Volksschullehrer ein- zustellen. — Der „Post" zufolge wird dem Buudesrathe bei Beginn seiner Sitzungen der Entwurf von Ausnahmebestimmungen, betreffend die Sonntagsruhe der Arbeiter in gewerblichen Anlagen, zugehen. München, 22. August. Das gestrige Sommersest der Socialdemokraten im nahen Holzapselkreuz verlief bei gutem Wetter und reger Betheiligung ohne Störung. Rothe Zeichen waren weniger zahlreich als bei der Maiseier zu bemerken. Der Arbeitersängerbund trug Lieder vor auf einer Tribüne, deren Hintergrund eine Malerei bildete, einen Deutschen und einen Franzosen darstellend, welche sich die Hände reichten. Um 5 Uhr sangen die Massen die Arbeitermarseillaise unter Schwenken rother Fahnen und Ovationen für den anwesenden Abgeordneten v. Vollmar. Den Zug mit Lampions Abends zur Stadt vereitelte ein heftiges Gewitter mit Hagelschlag und grellen Blitzen. Budapest, 22. August. Gegenüber den neuerltchen Angriffen des „Magyar Hirlap" wird nochmals authentisch ber- vorgehoben, das rauchlose Pulver loffe weder bezüglich der Haltbarkeit, noch seiner ballistischen Eigenschaften etwas zu wünschen übrig. Zwar trat vor einigen Monaten in der Preßburger Fabrik eine Unterbrechung der Fabrikation ein, weil eine Reihe von Präparaten nicht die gleichen Vorzüge besaß, wie das bei den Truppen erprobte Musterpulver, daher von der Uebernahme ausgeschlossen wurde. Jetzt ist der Großbetrieb in allen Etablissements wieder in vollem Zuge. Es ist unwahr, daß tausend Gewehrläuse bereits umgesta'.tet würden, um sie durch für das rauchlose Pulver geeignete zu ersetzen. Paris, 22. August. Der in der gestrigen Sitzung des GesundbenSra'hs erstattete Bericht über den gegenwärtigen Gesundheitszustand in Paris besagt, daß die Cholera- Erkrankungen in der Stadt und deren Weickbilde fortdauernd a b n e h m e n. Der Gesundheitszustand sei so zufriedenstellend wie möglich. Paris, 22. August. Nach Meldungen aus Rouen sind im dortigen Gefängniß zwei Personen an Cholera gestorben. Catania, 22. August. Der Ausbruch des Aetna dauert fort. Zwischen dem ersten und dem zweiten Krater hat sich eine Neuöffnung gebildet, aus welcher maffenhast schwarzer Rauch hervorquillt. Petersburg, 22. August. Laut amtlicher Feststellung sind im Kreise Lublin (Polen) bis 19. August 34 Personen an der Cholera erkrankt, 13 gestorben. Petersburg, 22. August. In Petersburg erkrankten vom 20. bis 21. August ander Cholera 87, es starben 32 und genaien 53 Personei-. — Gestern machten die Mitglieder des internationalen Eisenbahn-Congresses einen Ausflug nach Kronstadt- Abends fand zu ihren Ehren ein Rout im Rathhause statt. Moskau, 22. August. Der internationale Gons grejj für prähi st arische Archäologie und Anthropologie ist gestern geschlossen worden. Der nächste Con- greß soll in Konstantinopel oder Athen stattfinden. Depeschen deS Bureau „Herold". Berlin, 22. August. Die „Voss. Ztg." meldet aus Breslau, daß ein Arbeiter in Auerbach unter choleraverdächtigen Symptomen gestorben ist. Die Leiche wurde in carbolfeuchte Tücher gehüllt und in das Cholera- lazareth übergesührt. Berlin, 22. August. Die „Post" meldet: Dem Bundesrath geht bei der Wiederaufnahme seiner Thätigkeit am Ende des nächsten Monats ein Entwurf zu für die Ausnahmebestimmungen betr. der S o n n ta g sr u h e derArbeiter in den gewerblichen Anlagen. Berlin, 22. August. Das „Berl. Tgbt." meldet aus Triest: Der „Mattino" theilt aus Adelsberg mit, bei den am Karst manövrirenden Truppen feien in den letzten Tagen gegen 2 00 Sonnen stichsälle vorgekommen. Vorgestern seien fünf, gestern sechs Personen daran gestorben. Köln, 23. August. Bei dem heutigen Hochradsahren gewann August Lehr vom Frankfurter Bicycle Club den Kaife rpr ets. Hamburg, 22. August. Der Strike der Brauer ist durch eine Vereinbarung der Directoren mit der Lohn- commifsion beendet. Die Brauerknechte werden wieder aufgenommen. Hamburg, 22. August. Gestern und heute sind 2 6 Erkrankungen an Cholera noatraa vorgekommen, 12 davon waren tödtlich. Hamburg, 23. August. Die Zahl der Cholera noatraa-Fälle betragt über 40. Sechszehn Fälle nahmen einen tödtlichen Verlaus. Amtlicherseits wird ein Fall von asiatischer Cholera auf das Entschiedenste bestritten. Bremen, 23. August. Im nächsten Monat wird der „Weserzeitung" zufolge eine neue regelmäßige Dampfer- linie Bremen-Triest-Fiume eröffnet. Vorläufig werden drei Schiffe eingestellt. Die Unternehmer sind Klingenberg & Cie. Leipzig, 22. August. Der durch sein scandalöses Benehmen in einem Leipziger Cafe bekannt gewordene französische Generalconsul Jacquet hierselbst wurde nunmehr abberufen und nach Amsterdam versetzt. Wien, 22. August. Die czechischen Studenten hielten gestern in Boskowitz (Mähren) einen Congreß ab und beschlossen die Einleitung einer energischen Agitation zur Beseitigung des Einflusses der Deutschen in Mähren. Die clericalen czechischen Studenten erklärten sich mit den liberalen Commüitonen solidarisch und verlangten die Ausdehnung der Agitation auf die flavischen Bezirke Ungarns. Rom, 22. August. Der gestrige Namenstag des Papstes im Vatican hatte, abgesehen vom Empfange der • Diplomaten, den intimsten Character. Der Papst hielt weder eine politische noch sonst bedeutsame Rede. Das Gerücht von einem Ohnmachtsanfalle des Papstes ist erfunden. An Arme wurden 12000 Lire Almosen ausgetheilt, während sonst gewöhnlich 30 000 Lire venheilt wurden. Rom, 23. August. Bei Paterno (Sicilien) sind der reiche Cognacbrenner Baron Spitaleri, sowie Baronin Cian- ciola Räubern in die Hände gefallen, wurden jedoch nach der Herbeischaffung eines Lösegeldes von 160000 Lire unversehrt entlasten. Die Bevölkerung ist in großer Aufregung. Paris, 22. August. Der Unterrichtsminister beabsichtigt, auf den Mittelschulen den russischen Sprachunterricht einzusühren. Paris, 22. August. In Südsrankreich haben starke Gewitter stattgefunden, wodurch ungeheurer Schaden entstanden ist. In Rochefort wurden zwei Personen durch Blitzschlag getödtet, sowie fünf Häuser in Brand gesetzt. Madrid, 22. August. Meldungen verschiedener Blätter zufolge wird die Regierung über alle über Havre gehenden Maaren eine Ouarantäne verhängen. Lissabon, 22. August. Die portugiesische Regierung beabsichtigt mit ihren auswärtigen Gläubigern durch die Zwischen- kunft der respectiven Regierungen in Unterhandlungen zu treten zum Zwecke eines Arrangements aus einer Basis, welche den Cortes im Anfänge des nächsten Jahres zur Billigung zugehen wird. Die Regierung beabsichtigt, um das Gleichgewicht im Budget herzustellen, nicht die Steuern zu erhöhen, sondern die Ausgaben zu verringern. Malmo, 22. August. Der socialistische Arbeiter- congreß beschloß, die Errichtung von skandinavischen Fachvereinigungen und die Ausnahme aller Hilfsarbeiter in dieselben zu empfehlen. Derselbe sprach sich für eine Agitation unter den Landarbeitern und die Veranstaltung einer Demonstration am 1. Mai 1893 aus. Bezüglich der Strikesrage wurde theils die größte Vorsicht bei den zu veranstaltenden Strikes, theils anstatt der Strikes ein Boycott empfohlen. Ein engerer Zusammenschluß der skandinavischen Arbeiterorganisationen zur gegenseitigen Unterstützung wurde für nöthig erklärt. Locales unö ^provinzielles. Gießen, 23. August 1892. — Decauat Gießen Es wird noch mitgetheilt, daß von Pohl-Göns aus Wagen nach Lang Göns geschickt werden, um Besucker des M i s s i o n s f e st e s, die mit dem Zuge 6 Uhr 53 Min. ankommen, in Empfang zu nehmen. — Patent Ertheilung. Herr H. Hansel hier erhielt aus eine Stiefelputzmaschtne ein Patent. — Körperverletzung. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde ein Gendarm von hier auf der Chaustee von Wiefeck hierher von einem Menschen angefallen und wurden ihm mehrere Messerstiche versetzt. Der Messerheld wurde verhaftet. — Verhaftet wurde gestern ein Dienstmädchen, das seiner Dienstherrschaft einen goldenen Ring entwendet hatte. — Ernannt wurden zu Steueraufsehern am 12. d. M. die Militäranwärter August Dechen aus Frischborn und Heinrich Schneider aus Einartshausen, sowie der Fuß- gendarm Heinrich Wilhelm Fischer aus Lich — sämmtlich auf Widerruf mit Wirkung vom 1. Septembe d. I. an. — Namenstag des Großherzogs. Ein Ausschreibe Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz setzt di unterstehenden Behörden davon in Kenntniß, daß in Gemäß heit Allerhöchster Entschließung der 25. August auch ferner hin als der Namenstag Seiner Königlichen Hoheit de, Großherzogs erachtet und in der seither üblichen Weis begangen werde. — Anerkennung. Der Groß Herzog hat anläßlicl seines Erscheinens während des Brückenbaues der Pio niere bei Okriftel am Main als Zeichen seiner Erkenntliche keit für die exacte und practische Durchführung der gestellter Ausgaben als Remuneration für die bei den Üebunger beschäftigten Mannschaften 1000 Mark aus feiner Privatkasst überwiesen. ** Hungen, 21. August. Von der dieser Tage bagiei stattgefundenen Wahl von vier Gemeinderathsmitl gliedern sei erwähnt, daß bei dieser Wahl auf nicht wenige, als 71 Candidaten Stimmen abgegeben wurden - gegen di« Wahl ist bereits reclamirt worden. S. Echzell, 21. August. Ein gräßlicher Unglücksfall ereignete sich dieser Tage bei einer hier in Thätigkeit befindlichen Dreschmaschine. Ein dabei beschäftigter Mann trat aus Versehen in die Trommel des Dreschwagens und verlor dabei beide Beine. Durch den entstandenen Ruck war zufällig der Treibriemen heruntergefallen, wodurch der Dresch- wagen stehen blieb, andernfalls wäre der ganze Körper in die Maschine gekommen. Der Verunglückte wurde nach Gießen zur Klinik ve>bracht. K.Schwickertshausen, 21. August. Heute Mittag brannten dahier zwei Wohnhäuser und zwei gefüllte Scheuern nieder. F. Ranstadt, 21. August. Bei der gestern stattgefundenen Gemeinderathswahl wurden die ausgeschiedenen August Carl, Ludwig Karl Knöpp und Johannes Greuling wiedergewählt. K. Nidda, 21. August. Heute sand dahier eine Ver^ sammlung von Mitgliedern des Oberhesslschen Obstbauvereins' statt. Dieselbe beschloß, eine Obstausstellung für die Vereinsbezirke Kreis Büdingen und Kreis Schotten zu Nidda vom 6. bis 9. October abzuhalten. □ Vom Vogelsberg, 22. August. Noch immer dauert die tropische Hitze fort, ja setzt heute wieder von Neuem ein, nachdem auf den gewaltigen Sturm in der Freitagnacht etwas Abkühlung der afrikanischen Temperatur erfolgt war. Den ersten Nebel — ein Zeichen des nahenden Herbstes — bemerkten wir am gestrigen Morgen. In der verflossenen Nacht wetterleuchtete es am südlichen und südwestlichen Horizont fast ununterbrochen und heute Morgen gegen 6 Uhr fanden Gewitter statt, welche aber, vorbeiziehend, den meisten Gemarkungen keinen Regen brachten. Die Dürre dauert ununterbrochen fort und ihre verderbliche Wirkung tritt immer mehr in die Erscheinung. Die Ernte neigt sich, durch das heiße, trockene Wetter ungemein beschleunigt, bereits ihrem Ende zu. Weizen und Gerste sind nicht nur geschnitten, sondern auch meist in die Scheune gefahren worden. Die glühende Sonne zeitigte eine solche Reise beim Weizen, daß man ihn direct vom Schneiden binden und heirnsahren konnte. Erbsen und Linsen sind gleichfalls schon eingeerntet- erstere haben eine prächtige hellgelbe Farbe, werden aber sehr stark von dem Erbsenbohrer, einem Jnsect, das die Samenkörner anbohrt, heimgesucht. Nur der Hafer steht noch theilweise auf dem Felde, fein Einernten geht ebenfalls mit dieser Woche zu Ende. Die ungemein heißen Sonnenstrahlen haben manchen Fruchtacker zu etwas gezwungener Reise gebracht, dessenungeachtet aber sind die Körner hierdurch doch wenig eingetrocknet. Der Futtermangel wird immer drückender, da der Graswuchs stetig zurückgeht. Der Hcuvorrath ist von den Landwinhen meist über die Hälfte verfüttert worden. Unserer ausgesprochenen Erwartung gemäß sind die Heupreise schon jetzt bedeutend in die Höhe gegangen. Vor einiger Zeit noch bezahlten die Heuhändler 2,20—2,50 Mk. für den Gentner, jetzt schon 3 Mk. Der Preis steigt um zweifelhaft noch weiter. Die Fruchtpreise aber zeigen ein fortwährendes Sinken- auf dem Fruchtmarkt zu Grünberg I kostete am verflossenen Samstag der T oppelcentner Roggen! nur 14 Mk., also beinahe die Hälfte des vorjährigen Preises I um diese Zeit.