Nr. 21 Der Hießt«" ^artiger rrWint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Aamitieu-tLiter »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Erstes Blatt.Dienstag den 26. Januar 18S2 Siebener A «zeig er Henerat-Anzeiger. vierteljähriger KVonnementsprei-: 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mart 50 Pfg. Redaktion, Expedition und Druckerei: KchutstraßeVr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren. Annahme von Anzeige« zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr. Hratisöeitage: Hießener Iamikienötätter. Alle Annoncen-Vureaux deS In- und Lu-landr- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Amtlicher* Cbsrl. Bekanntmachung. betreff cnb die Prüfung im Hufbeschlag. An Stelle des von hier verzogenen Lehrschmieds Kliemchen ist der Lehrschmied Georg Lamberth zu Gießen zum Mitglied der Prüsungü • Commission für die Prüfung der Schmiede in der Provinz Oberheffen und zwar zunächst für die Zeit bis zum 1. April l. I. ernannt worden. Gießen, den 23. Januar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Bekanntmachung, betr. Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. Die Maul- und Klauenseuche im Kreise Friedberg ist erloschen. Gießen, den 23. Januar 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Aus Anlaß des hohen Geburtsfestes Er. Majestät des Kaisers bleibt das Ortsgericht Mittwoch den 27. Januar 1892 geschloffen. Grobherzogliches Ortsgericht Gießen. ________________________ Gro s. '_______________________ Bekanntmachung, die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugniffen betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen, den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll- ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden. 1) Dar Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat. 2) Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet. Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen- (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebens- alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus- geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April nachfolgen werde. 3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbstgeschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actensormat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben. L) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen.' a) Geburtszeugniß; b) ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen; O ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Realschulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen mllitärberechtigten Lehranstalten) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit ober ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist; 4) das Schulzeugniß. Sodann wird noch besonders bemerkt: Z» pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein muß. 8* P0®- daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben Dlnchgesteüten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnafien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach dem Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 — Reg. - Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müssen. Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der SS 68, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen. Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige zu Darmstadt. Der Vorsitzende: Dr. Zeller. Deutscher Reich. Darmstadt, 23. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großh. Hoheit Prinz Heinrich werden am Montag Abend zur Theilnahme an der Feier des Allerhöchsten Geburtsfestes Seiner Majestät des Kaisers nach Berlin abreisen. Im Gesolge werden sich Generaiadjutant General Wernher und Flügeladjutant Major Frhr. v. Grancy befinden. Berlin, 23. Januar. Am Berliner Hose sieht man anläßlich des Geburtstages des Kaisers dem Besuche einer Anzahl deutscher Fürstlichkeiten entgegen, soweit dieselben inzwischen nicht schon in Berlin eingetroffen sind. So werden der König und die Königin von Württemberg, der König von Sachsen, das Großherzogliche Paar und der Erbgroß- herzog von Baden, Prinz und Prinzessin Friedrich August von Sachsen u. s. w. als Gäste beim diesmaligen Geburtsfeste des Kaisers anwesend sein und hierdurch diesem Freudentage einen erhöhten Glanz verleihen. — Der Bundesrath ließ am Freitag seiner am Tage zuvor statigesundenen regelmäßigen Wochenplenarsitzung eine abermalige Plenarsitzung nachfolgen. In derselben wurde das deutsch-italienische Uebereinkommen in Betreff des gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutzes genehmigt. Berlin, 23. Januar. In der Transitlager-Com- m'ission des Reichstages erklärte der Reichsschatzsecretär Maltzahn, die Regierungen würden den gestrigen Beschlüssen der Commission schwerlich zustimmen, insbesondere die Erweiterung des Betriebes über den 1. Februar hinaus, sowie die Einbeziehung der Mühlenläger und des Weines nicht annehmen und höchstens die Einbeziehung von Holz aeceptiren. Die Commission setzte eine Subcommission em behufs Verständigung mit der Regierung. Eine solche wurde indessen nicht erzielt, die Commission hielt daher ihre gestrigen Beschlüsse aufrecht und ließ.nur die Zollbegünstigung des Weines fallen. . Berlin, 23. Januar. Der „Reichsanzeiger" bementir t die Mittheilungen der hiesigen Zeitungen über bevorstehende neue Anleihen des Reiches und Preußens. Nach aus zuständiger Seite eingezogenen Erkundigungen beruhen die Veröffentlichungen, soweit sie nicht allgemein Selbstverständliches bringen, lediglich auf Vermuthungen. Ueber Termine, Art der Begebung, über den Typus und über den Subscriptions- preis sei an maßgebender Stelle noch kein Entschluß gefaßt. Berlin, 23. Januar. In dem Prozesse gegen den „Kladderadatsch" vor dem Landgericht wegen Verspottung der Gebräuche der katholischen Kirche (bezieht sich ans Bild und Verse über den heiligen Rock in Trier) wurden sämmtliche Angeklagten sreigesprochen. Berlin, 23. Januar. Das „Tageblatt" meldet aus Rom, tzer Leibarzt des Papstes, Ceccarelli, äußerte sich dahin, der Papst habe thatsüchlich fünf Tage an der Influenza gelitten, jetzt sei jedoch jede Gefahr ausgeschlossen. Arr-land. Wien, 23. Januar. Der Gewerkverein der Maurer, Steinmetzen und Bauhilfsarbeiter überreichte dem Bürger- meister eine Petition, worin sie um sofortige Inangriffnahme von Bauarbeiten wegen der Nothlage und um Nichtzulaffung auswärtiger Arbeiter bitten. Wien, 23. Januar. Den in Nordböhmen stark verbreiteten „Dresdener Nachrichten" wurde das Postdebit entzogen. Wien, 23. Januar. Die polnischen Blätter berichten von neuen Verfolgungen der katholischen Kirche in Podolien und Wolhynien, wo Mönchs- und Nonnenklöster aufgehoben wurden. Nom, 23. Januar. Heute Nacht wurde ein starkes, zehn Secunden anhaltendes Erdbeben in den hochgelegenen Quartieren verspürt. Einige Mauern sind geborsten, jedoch ist sonst kein Schaden entstanden. Die größte Panik herrschte in den Volksquartieren jenseits der Tiber. DaS Erdbeben hat in der Provinz großen Schaden angerichtet. In Civi- talvinia find Häuser eingestürzt und zwei Personen getödtet. In Frascati hat die Bevölkerung die Häuser verlassen. In anderen Städten wurde eine sehr starke Erschütterung verspürt, doch wurde kein Schaden angerichtet. Paris, 23. Januar. Develle beruft morgen den obersten Vieh seuch e nrath ein, um betreffs der Einfuhr von Häm mein einen Entschluß zu fassen. Die österreichisch- ungarischen Züchter verlangen, anch abgetrennte Stücke ein- sühren zu dürfen, während die französischen Schlächter fordern, daß nur ganze Thiere und in Viertel zerlegt mit anhängendem Geschlinge eingeführt werden dürfen. Ueber dieselbe Frage hatte der Handelsminister heute mit dem Präsidenten der österreichischen Kammer und Syndicatsmitgliedern der französischen, speziell Pariser Schlächter eine Berathung. Petersburg, 22. Januar. Bei der Regierung wurde die Frage angeregt, ob die allgemeine Krankenpflegerpflicht für Frauen im Kriege einzuführen sei. Zur Vorbereitung dazu soll ein Elementarcursuß für Derwundeten- psiege in allen Mädchenschulen gebildet werden. Petersburg, 22. Januar. Um den Transport, den Empfang, die Aufbewahrung und Vertheilung des Getreides zu leiten, das durch den vom Kaiser nach den östlichen Gouvernements entsandten Moskauer Stadthauptmann Alexejew angefauft wird, sind 25 Gardeoffiziere nach Ufa, Orenburg und anderen Orten commandirt worden. Petersburg, 22. Januar. Nach den neuesten, dem Finanzministerium zugegangenen, bis Mitte Januar reichenden Berichten der Stenerinspectoren soll sich der Saat en bestand bedeutend gebessert haben und ungleich günstiger als im vorigen Jahre sein. Jndianopolis, 22. Januar. Vergangene Nacht ist das Nationale Chirurgische Institut abgebrannt. Das Feuer brach in den Bureaux aus, über denen sich die Kinder- und Frauensäle befanden. Die Patienten wurden von den Wärtern geweckt und stürzten panikartig nach den Fenstern. Aus den oberen Stockwerken wurden viele mittelst Leitern gerettet. Bisher sind neun Leichen aus den Trümmern hervorgezogen worben; andere befinben sich noch barunter. Sechs Kinder sind umgekommen. 155. Plenarsitzung. Samstag den 23. Januar 1892, 12 Uhr. Eürgegangen: Der Patent- und Musterschutzvertrag mit Italien. Die erste Berathung des Handelsvertrags mit der Schweiz wird fortgesetzt. Abg Winterer (Elf.): Die Vortheile, welche der Vertrag für bringe, seien gering, die Nachtheile dagegen sehr groh. Für die Spinnerei-Industrie werbe der Vertrag geradezu verhängnisvoll. Die Feinspmnerei vor Allem bedürfe des mäßigen Schutzes, den ihr der Zolltarif von 1879 gewähre, aufs Nöthigste und jetzt wolle man ihr denselben entziehen. Durch diesen Schutz sei es ihr möglich gewesen, sich zu erhalten, wenn sie sich auch nicht in nennenswerther Weise zu entwickeln vermochte, denn sie arbeite unter ungünstigeren Bedingungen wie die schweizerische, welcher um ca- 20p($t. niedrigere Löhne zu Gute kämen. Der Vertrag werde Lothringen um seine Absatzgebiete bringen und die Auswanderung . . Unterstaatsfecretär v. Schraut: Die elsässische Industrie sei seit 1870 keineswegs zuruckgegangen, sondern sie habe sich weiter entwickelt. Die Baumwollspinnerei, die seit 1870 stationär geblieben sei, habe schon in der Zeit von 1860-70 einen Rückgang erfahren. Es handle sich nicht darum, daß eine umiangreiche und erhebliche Fein- spinnerei-Zndustrie in Elsaß Lothringen durch den Vertrag geschädigt werde; vielmehr wende sich die Industrie daselbst mehr und mehr den gröberen Gespinnften zu. Abg. Graf zu Stolberg-Wernigerode (conf.) spricht Namens eines Thetis der Conservattven für den Vertrag. Der Auffassung, daß wir die Schweiz zu günstigeren Bedingungen hätten zwingen können, vermöge er nicht zuzusttmmen; er halte die Schweiz für wirth'chaftlrch recht stark. Die Garnzölle seien 1879 nur unter einem gewissen Hochdruck zu Stande gekommen. Die gestrigen Ausführungen des Staatssicretärs v. Marschall hätten rhn hinsichtlich deS Schuhes unserer Production völlig beruhigt. Abg. Schippet (Soc): Die Schweiz sei,durch die umgebenden Länder, insbesondere durch Deutschland gezwungen worden, gleichfalls zum Schutzzoll überzugehen, und so fit der Generaltarif entstanden, der sonach auch als Grundlage für die Verhandlungen angenommen werden mußte. Redner wendet sich dann gegen die gestrigen Ausführungen Bennigsens. Er gebe zu, daß agrarische Umwälzungen empfindlicher seien als industrielle. Aber agrarische Zölle würde» unter allen Umständen in erster Reihe von der arbeitenden Bevölkerung getragen, während das bet industriellen nicht der Fall sei. Wollte man die Agrarzölle von den Arbeitern auf die industrielle» Unternehmer überwälzen durch entsprechende Erhöhung der Löhne ihrer Ardei'er, so würde unsere Industrie auf dem Weltmärkte nicht mehr concun tren können. Seine Partei werde unter allen Umstär den auf eine völlige Beseitigung der Getreidezölle hinarbeitm. Indem man die heute in der Landwirthschaft beschäftigten Arbeiter der Industrie zuführe, hebe man sie in jeder Beziehung. Abg. Frhr. v. Huene (Etr.) fragt, wer dann da« Land bebauen solle. Gegen diesen Vertrag sprächen auch, wie gegen die Ver- ttäge mit Oesterreich-Ungarn und Italien, vom Standpunkte mancher Industrien auS schwere Bedenken, die aber hier gegenüber höhere» Gesichtspunkten zurücktreten müßten. Wmn Herr v. Benntgsea Stabilität wünscht und daS Eintreten aller Liberalen dafür anreat so dürfte daS nicht sehr aussichtsooll sein für den Fall, daß btc' Stabilität auch für die Landwirthschaft gefordert wird. Für die idealen Güter etnzutreten, sollten sich alle conservattven Elemente zusammen- thun, zu denen er Alle rechne, außer Liberalen und Soctalbemo- kraten. Abg. Dr. Petri (natl.) bekämpft den Antrag, dessen Nachtheile durch die Vorthetle bet Weitem nicht ausgewogen würden. Abg. Dr.Bamberger (bfr.) stimmt den Ausführungen SchippelS |il Die Schweiz habe sich lange energisch gegen die schutzzöllnertschen Tendenzen gewehrt; wäre Deutschland nicht zum Schutzzoll überaegangen, so wäre die Schweiz auch heute noch sreihändlertsch. Auf dem gestern von Herrn v. Bennigsen angegebenen Boden könnten sich die Freisinnigen nicht mit ihm zusammenfinden; die Handelsverträge seien ein ganz hübscher Rahmen, aber noch lange kein Gemälde, und mit dem, was sie böten, könnten sich die Freisinnigen nun unmöglich für völlig befriedigend erklären. Er und seine Freunde hätten sich s. Z. von den Nattonalltberalen getrennt, weil sie die staatssoctalistische Politik de4 Fürsten Bismarck mit ihrer Spitze gegen den Liberalismus vorausgesehen hätten. Wenn Herr v. Bennigsen wünsche, daß wir den Kampf nicht mit mehr Schärfe führen, als die sachliche Behandlung unbedingt erfordere, daß wir uns achtungsvoll behandeln, daß wir unseren Patriotismus gegenseitig nicht anzweifeln, so könne er, Redner, Namens seiner ganzen Partei sein Etnverständniß damit erklären. Fürst Ferd. Radztwill (Pole) spricht für den Vertrag. Was die gestrigen Ausführungen Bennigsens anlange, so wünsche er einen gemäßigten Liberalismus, der die Autorität kräftige; leider seien früher die Polen nichts weniger als liberal behandelt worden. Abg. Frhr. o. Münch (Dem) stimmt gegen den Vertrag. Abg. Menzer (cons.): Von einer Brutaltsirung der Schweiz könne, wenn der Vertrag adgelebnt werde, keine Rede sein, denn die Schweiz sei in wirtschaftlicher Beziehung nichts weniger als klein. Die badische Industrie werde durch den Vertrag schwer betroffen. Abg. Richter (bfr.): Der Gegensatz zwischen Freihandel und Schutzzoll allein habe nicht die Trennung der liberalen Parteien verschuldet; es seien Gegensätze allgemein politischer Natur dazu gekommen. Fürst Bismarck habe diese Gegensätze verschärft, um die Trennung vollständig zu machen. Einen großen Antheil habe das Heidelberger Programm an der Entfremdung gehabt. Die Handelsverträge gewährten noch keinen gemeinsamen Boden, denn die Freisinnigen könnten Agrarzölle nicht acceptiren. Es gebe allerdings Gebiete, auf denen beide Parteien auf einander angewiesen seien, Namentlich das der Schule und das der communalen Angelegenheiten. Hoffentlich werde die Rede Bennigsens die Wirkung haben, daß beide Parteien in der Ablehnung des neuen Schulgesetzes zusammenstehen werben. Abg. Dr. Hartmann (cons.): Vorredner habe eine interne Angelegenheit behandelt, auf die er hier nicht näher etngehe. Einige Punkte deS schweizerischen Vertrags hätten auch in seiner sächsischen Heimath ernste Bedenken hervorgerufen, so die Behandlung der Wollindustrie, die Maschinenfttckerei, der Veredelunpsverkehr. lieber die Bedeutung des letzteren seien die Meinungen überhaupt getheilt. Eine Erhebung darüver sei wünsckenswcrth. Er stimme indeß für den Vertrag, da uns die Meistbegünstigungsklausel alle die Vortheile sichere, welche die Schweiz etwa.anderen Staaten gewähre. Abg. v. Bennigsen: Er sei wett entfernt davon gewesen, Herrn Dr. Bamberger und seinen Freunden zuzumulhen, sich mit den Handelsverträgen nun für vollständig befriedigt zu erklären; er habe nur gesagt, daß die nun etntretenbe Stabilität von selbst dazu führen müsse, daß die Gegensätze von Schutzzöllner und Freihändler weniger schroff sich bethätigen werden. Daß der Schutzzoll die politische Trennung veranlaßt, habe er nicht behauptet. Dr.Bamberger und Richter hätten zugegeben, daß es gemeinsame Arbeitsgebiete für beide Parteien gebe. Seine Partei würde bereit sein, in dieser Hinsicht die Hand zu reichen. Damit ist dte erste Lesung des Vertrags mit der Schweiz geschlossen. Montag: Patent- und Musterschutzconvention mit Italien. 2. Berathung des Schweizer Handelsvertrags. Ne«efte Had?rid>teii. Depeschen deS „Bureau Herold". Berlin, 25. Januar. Das württembergische Königspaar rst gestern Abend hier angekommen. Der Kaiser stieg in den Salonwagen, umarmte und küßte den König dreimal und geleitete alsdann die Königin in das Fürstenzimmer, wo die Gäste von der Prinzessin Friedrich Karl begrüßt wurden. Der Kaiser und der König schritten sodann die Front der Ehrenwache ab und fuhren durch Unter den Linden auf dem breiten Mittelwege nach dem Schlosse. Das zahlreiche Publikum begrüßte den Kaiser und seine Gäste durch laute Hurrahruse. Um 9 Uhr fand Familientafel statt. Newyork, 25. Januar. Man nimmt hier zuversichtlich an, daß der gegenwärtige Conflict nicht zu einem Krieg mit Chile führen werde. Den letzten Berichten zufolge hat Chile sich bei der Union entschuldigt. Petersburg, 25. Januar. Der Großfürst Constantin Nikolajewitsch ist um Mitternacht gestorben. Aus -em VerwaUungsbrricht der Stadt Gießen im Jahre 1890/91. Dem Verwaltunflsbericht der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen für das Etatsjahr 1890/91, welcher der Stadtverordnetensitzung vom 12. De- cember v. I. vorgelegen, entnehmen wir Folgendes' Die Stadt Gießen konnte in dem Berichtsjahre, im Gegensatz zu den vorausgegangenen Jahren, zurückschauen aus eine in Bezug aus schwere Verluste für Reich und Stadl ungetrübt gebliebene Zeit. Als besonders erfreuliches Er- eigniß konnte die Stadt die am 28. Juli 1890 erfolgte Einweihung der neuen Kliniken und die Enthüllung des Liebig-Denkmals bezeichnen. Ueber die Feierlichkeiten selbst haben wir theils durch eine Festnummer, theils durch den Gießener Anzeiger möglichst eingehend berichtet. Eine weitere Auszeichnung und Freude erwuchs im Berichtsjahre der Laudesuniversität und der Stadt dadurch daß Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog seine Studien hier fortsetzte, am 29. October 1890 die Mitglieder der Stadtverordneten Versammlung empfing und eine Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen am 12. Februar 1891 annahm. Die städtische Vertretung machte sich im abgelaufenen Jahre zum Träger einer Sammlung für die Errichtung eines Kaiser . Friedrich - Denkmals auf dem Schlachtfelde von Wörth- statt des erbetenen Bettrags aus städtischen Mitteln wurde es ermöglicht, den Betrag von 1191 Mk. dem schönen Zwecke au« Beisteuern der Mitbürger zuzuwenden. Der gemeinsamen Huldigung der deutschen Städte an den Generalfeldmarschall Grafen Moltke zu desien 90. Geburtstage hat die Stadt Gießen sich angeschloffen. Im Rahmen des engeren Vaterlandes hat die Stadt Gießen zugestimmt den auf Gründung eines hessischen Städtetages und Vertretung gemeinsamer Interessen der hessischen Städte gerichteten Bestrebungen. Einer auf dem hessischen Städtetag zu Offenbach getroffenen Verabredung gemäß hatte der Stadtvorstand beschlossen, um die Ermächtigung einzukommen, von der Communal- steuererh ebun g für eine oder mehrere der Steuerklassen A., B., C. der Einkommensteuer abzusehen. Wenn diesem Beschlüsse bisher noch keine Folge gegeben werden konnte, so haben die inzwischen gemachten Erfahrungen, wie die gegenwärtigen Lebensverhältnisse eine Willfahrung dieser Anregung und eine möglichst weitgehende Steuerbefreiung der untersten Klassen erwünscht erscheinen laffen. Die Stadtverordneten - Versammlung hat hinsichtlich ihrer Zusammensetzung durch das am 20. November 1890 erfolgte Ableben des Stadtverordneten Julius Hoch, welcher der Körperschaft seit Inkrafttreten der Städteordnung angehörte, einen schmerzlichen Verlust erlitten. In Gemäßheit des Ortsstatuts sind in der im Jahre 1892 stattfindenden Ergänzungswahl zu wählen 10 Mitglieder auf neun, 1 Mitglied auf sechs Jahre.*) Die Stadtverordneten-Ver- sammlung hat in 34 Sitzungen über 702 Gegenstände verhandelt. Was die Thätigkeit der einzelnen Commissionen betrifft, so waren beschäftigt die Baudeputation, Commission für das Feuerlöschwesen und Friedhosseommission in 38 Sitzungen mit 576 Gegenständen,- die Finanzeommission in 16 Sitzungen mit 44 Gegenständen - die Deputation für das städtische Gas- und Wasserwerk in 11 Sitzungen mit 102 Gegenständen, die Schlachthaus-Commission in 2 Sitzungen mit 12 Gegenständen,' die juristische Commission in 2 Sitzungen mit 6 Gegenständen- die Landwirthschaftliche Commission in 8 Sitzungen mit 25 Gegenständen; die Deputation für das Einquartierungswesen in 6 Sitzungen mit 6 Gegenständen; die Schuldeputativn in 4 Sitzungen mit 6 Gegenständen; die Commission zur Prüfung von Gesuchen um Erlaubniß zum Ausschank und Kleinhandel mit Branntwein in 8 Sitzungen mit 29 Gegenständen- die Deputation für Märkte in 3 Sitzungen mit 3 Gegenständen, die Armendeputation in 32 Sitzungen mit 1201 Gegenständen. Der Schulvorstand erledigte in 8 Sitzungen 54 Gegenstände, das Kuratorium der höheren und erweiterten Mädchenschule in 2 Sitzungen 10 Gegenstände. — Das Gesch ästsjournal für die Eingänge bei der Bürgermeisterei, dem Standesamt und der Armendeputation wies 9361 Nummern (gegen 8901 im Vorjahre) auf. — Der Personenverkehr betrug nach einer Durchschnittsberechnung im Kalenderjahr 1890 auf der Bürgermeisterei 19 339 Personen, auf dem Standesamt 6600 Personen, auf dem Armenamt 6750 Personen. — An Gewerbe st reitigkeiten wurden anhängig und durch Herrn Beigeordneten Langsdorfs behandelt 29 Fälle, davon wurden 14 durch förmliches Urtheil erledigt, in 10 Fällen kam ein Vergleich zu Stande, in 5 Fällen blieb die Sache aus Antrag der Kläger beruhen, bezw. erfolgte Zurückziehung der Klage. In Rücksicht auf diese geringe Zahl von Streitigkeiten hat die Stadtverordneten-Versammlung bisher von Errichtung eines Gewerbegerichts absehen zu sollen geglaubt. In 93 Beleidigungssachen wurden Sühneversuche abgehalten- in 27 Fällen gelang es, die Parteien zu vereinigen, während in 63 Fällen diese Bemühungen erfolglos blieben- in 3 Fällen wurde der Antrag zurückgezogen bezw. Beruhen- lassen der Sache beantragt. — Zum Eintrag in die Wählerliste für die Stadtverordneten - Versammlung haben sich 28 Nichtortsbürger gemeldet. — Neben der bei Enthüllung des Liebig-Denkmals erfolgten Verleihung des Ehrenbürgerrechts an den Geheimen Rath Prof. Dr. A. W. v. Hofmann zu Berlin sand nur eine Ortsbürgeraufnahme statt. Was die Bevölkerungsstatistik betrifft, so hat die Stadt Gießen am 1. December 1890 20612 Einwohner neben 192 vorübergehend Abwesenden gezählt. Nach den beim Standesamte erfolgten Meldungen wurden in 1890 geboren: 661 Kinder (212 eheliche und 115 uneheliche Knaben und 228 eheliche und 106 uneheliche Mädchen). Von den zum größten Theile in der Entbindungsanstalt geborenen unehelichen Kindern waren 176 Mütter derselben von auswärts, 45 von Gießen. Die Zahl der Todtgeborenen belief sich auf 18. — Ehen wurden 143 geschlossen. — Sterbefälle kamen im Ganzen 537 (gegen 477 in 1889) vor- von den gestorbenen Personen waren in Gießen wohn- hast 388. (Fortsetzung folgt.) *) Die Zahl ber zu wählenden Stadtverordneten hat sich infolge der durch Amtsniederlegung deS Herrn Beigeordneten !K e l l e r erfolgten Wahl beS Herrn Stadtverordneten Grüneberg zum Beigeordneten inzwischen um 1 vermehrt. Red. Loyaler und provinzieller. Gießen, 25. Januar 1892. — Einbruch. In einer Wirtschaft ber Rodheimer-Straße wurde vergangene Nacht mittelst Eindrücken einer Fensterscheibe eingeftiegen und mehrere Kistchen Cigarren entwendet. Der Dieb hatte es offenbar auf die Kasse abgesehen und muß Localkenntniß gehabt haben, denn er erbrach einen in ber Wirthsstube befinblichen Uhrenkasten, in welchem der Wirth Tags über seine Einnahmen aufbewahrt, des Abends jedoch an einen sicheren Ort verbringt. — Das Verordnungsblatt für die evangelische Kirche des Großherzogthums Hessen Nr. 1 enthält: 1) Ausschreiben Nr. 1 vom 15. December 1891 , betreffend die kirchliche Statistik. 2) Ausschreiben Nr. 2 vom 30. December 1891, betreffend Verhandlungen deS zehnten deutsch-evangelischen Kirchengesang - Vereinstags zu Darmstadt. 3) Dienstnach richten. 4) Coneurrenzeröffnunq. — DaS Amtsblatt Großherzoglichen Ministeriums deS Innern und ber Justiz, Section für Justizverwaltung, Nr. 1 enthält Ausschreiben vom 15. Januar an die Grobherzoglichen Amtsgerichte, die Bildung der Schöffengerichte betreffend. — Neue Briefmarken. Blättermeldungen zufolge werden demnächst von dem Reichspostamt neue Briefmarken ausgegebeu werden. Die neuen Postwerthzetchen, an deren Herstellung bereits in ber Reichsdruckerei gearbeitet wirb, werben sich in Form unb Zeichnung wesentlich von ben jetzt im Gebrauch befindlichen Marken unterscheiden. Sie werden sechseckig sein und bas Bildniß ber Germania aufweisen, bas nach ber Statue ber Germania auf bem Niederwalb ausgezeichnet ist. Dir Farben für bie versch ebenen Werthe ber Marken werden internationaler Abmachung zufolge dieselben bleiben. Die neuen Marken bürsten etwa im April in ben Verkehr gebracht werben. Veranlassung zu ber Neuausgabe ber Postwerthzeichen unb ben in Aussicht genommenen Abänberungen in ihrer Ge- ftalt unb in ber Zeichnung hat bie Thatsache ergeben, baß bie jetzt in Gebrauch befindlichen Briefmarken wiederholt nachgemacht worden sind. Die Fälschungen sind allerdings stets ohne Mühe von den Behörden entdeckt worden, aber man hält es für wünschenswerth, ihnen vorzubeugen- man hat bei der Herstellung ber neuen Marken zu Mitteln gegriffen, welche ben Fälschern die Ausübung ihres Handwerks sehr erschweren werden. Alsfeld, 21. Januar. In ber gestrigen Generalversammlung bes Ortsgewerbvereins würbe auf Vorschlag des stellvertretenden Vorsitzenden Herrn Sondermann Herr Kreisbaumeister Cellarius zum Vorsitzenden gewählt. Heusenstamm, 22. Januar. Der unlängst von S. am Main hierher verzogene Landwirth I. St. ging vor einiger Zeit mit einem Handelsmann ben seltsamen Vertrag ein, dessen etwas mageres Kühlein umsonst zu füttern- bagegen sollte bie Kuh, wenn sie genügend gemästet sei, geschlachtet und das Fleisch unter bie Contrahenten getheilt werben. Das kluge Bäuerchen fütterte bie Kuh zwei Tage lang, schlachtete sie bann unb überbrachte bie Hälfte derselben bem höchlichst überraschten Hanbelsmann mit ben lakonischen Worten: „So, meine Hälfte ist mir fett genug - wenn Dir bie Deinige noch nicht behagt, schmiere sie mit Oel ein/' Wer bei ber, absolut auf Wahrheit beruhenden Geschichte ben Spott erntete, bebarf wohl kaum einer näheren Erörterung. Heppenheim a. d. B., 20. Januar. Das hochgeachtete Ehepaar Georg und Barbara Vock dahier ist nach viertägigem Krankenlager im Alter von je 72 Jahren gemeinsam aus dem Leben geschieden. Auch im Tode sollten die würdigen Gatten vereint bleiben. Ein gemeinschaftliches Grab umschloß die sterblichen Hüllen der braven Eheleute. A Mainz, 24. Januar. Wie man ber „Deutschen Weinzeitung" aus parlamentarischen Kreisen berichtet, will bie Reichsregierung von ber Vorlage eines Weingesetzes in gegenwärtiger Reichstagssession absehen unb zwar hauptsächlich um beßwillen, weil eine Reihe abweichenber Meinungen unb Schwierigkeiten noch ber Ausgleichung harren unb außerdem bie Absicht bestehe, bie Session vor Ostern noch zu schließen, bis wohin bem Reichstag sonstig reichlicher Stoff zur Bewilligung vorliege. — Seitens ber interessirten Kreise sind neuerbings bei ber Staatsregierung in Darmstabt wegen Errichtung einer Schiffsschule hier wieber Schritte geschehen. Die Hanbelskammer wie auch ber Gewerbeverein haben für eine solche Schule, zu welcher Mannheim als Vor- bilb bienen soll, bereits ein großes Interesse betätigt unb wirb von ber Regierung nur eine finanzielle Unterstützung verlangt. — Wegen vorgekommener arger Excesse ist es ben Solbaten ber hiesigen Garnison seit bem Jahre 1877 nicht gestattet gewesen, auf Kaisers Geburtstag außerhalb ber Kaserne zu sein. Für ben fommenben Kaisers Geburtstag ist bieses Verbot aufgehoben, jeboch ist angeorbnet, baß bet Feierlichkeiten, welche in Wirtschaften gemeinsam stattfinden, bie Solbaten die Seitengewehre nicht mitnehmen dürfen. Kostheim, 22. Januar. Beim Waschen gerieth einer Frau plötzlich eine Nähnadel in das Fleisch der einen Hand. Bald schwoll der ganze Arm an, so daß sie endlich zum Arzte ging, der auch so glücklich war, die Nadel aus- zufinden und zu entfernen. Der Vorfall mahnt unsere Frauen wieder einmal, ehe sie Wäsche reinigen, diese erst von den öfters eingesteckten Nadeln zu befreien. Vermifcbtcs- * Frankfurt a. M., 23. Januar. Bei der Betriebs- direction der Frankfurter Trambahn-Gesellschaft sind 562 Mk. als Neujahrsgeschenke für die Bediensteten eingegangen unb unter entsprechender Bekanntmachung der Spender an dieselben vertheilt worden. * Laasphe, 19. Januar. Als Millionär entpuppte sich bei der Selbsteinschätzung in dem benachbarten Feudingen ein einfacher Geschäftsmann. * Berlin, 23. Januar. Bei ber am 22. Januar fortgesetzten Ziehung ber Deutschen Anti-Sclaverei- Lotterie (2. Klaffe) fielen 1 Gewinn von Mk. 300 000 auf Nr. 31301, 1 Gewinn von 25 000 Mk. aus Nr. 88128, 1 Gewinn von 20000 Mk. auf Nr. 29580. * Thorn, 22. Januar. Heute früh würbe an ber im October v. I. vom hiesigen Schwurgericht zum Tobe ver- urtheilten Ehefrau bes Pferbeknechtes Bubniewski aus Gier- cowno burch ben Scharfrichter Reinbel bas Urtheil mittelst bes Beiles vollstreckt. Die Bubniewski hatte ihren erkrankten Ehemann mit Anwenbung von Phosphor vergiftet. * Kempten, 22. Januar. Gestern Nachmittag erstick- t e n bezw. verbrannten in einer Wohnung auf ber inneren Rottach bie brei Kinber beS Maurers Zimmermann, während bie Mutter berselben bem Vater das Mittagessen zur Arbeitsstelle trug. Verkehr, £anb» rind DolfswirtbfcbafL Gründers, 23 Januar. Frachtpreise. Weizen X 23.00, Korn X —, Gerste X 17.(0, Hafer X 14.00, Erbsen X 21.50, Linsen X — •—. Wicken X — —, Lein X ——, Kartoffeln X —__, Samen X ——.