»r. 195 Erstes Blatt Dienstag den 23. August 1892 Dcr Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Tie Gießener Aamikienktätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Henerat-Anzeiger. Bierteljähriger Abonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg. Redactton, Expedition und Druckerei: SchutKraheHrr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren. Annahme von Anzeigen zu dcr Nachmittags für den fplgcnb*!! Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Ubr. Gratisbeilage: Gießener Aamilienötättcr. Alle Ännoncen-Bur^aux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Bekanntmachung. Bei der infolge der außergewöhnlichen Hitze eingetretenen außerordentlichen Zunahme des Wasserverbrauchs, verbunden mit dem infolge der anhaltenden Trockenheit eingetretenen empfindlichen Rückgang des Quellenergusses, wird hiermit zur Vermeidung der damit verbundenen Unzuträglichkeiten und Amtlich«» EbeiL Gießen, am 20. August 1892. tetr: Die Invalidität- und Altersversicherung der sog. Kleinaccordanten von Gemeinde-Arbeiten. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreises. Auf mehrfache Anfragen eröffnen wir Ihnen, daß hin- chtlich der Kleinaccordanten, welche die unselbständige Aus- lhrung von Wegbau- und sonstigen Gemeinde-Arbeiten gegen ccord-(Stück-)Lohn übernehmen, sowie hinsichtlich derjenigen mlfspersonen, welche der Kleinaccordant zur Ausführung er Arbeiten annimmt, in der Regel die Gemeinde als Ar- eitgeber zu gelten hat. Es ist daher dafür zu sorgen, daß ie Heranziehung dieser Personen zur Versicherung unter ebernahme der Hälfte der Beiträge auf die Gemeinde erfolgt. Soweit es sich jedoch um Kleinaccordanten handelt, »eiche Richt-Berussarbeiter, z. B. solche Personen, die ihrem Zerus nach selbstständige kleine Landwirthe sind, werden in tanchen Fällen die Bestimmungen über Befreiung vorüber- ehender Beschäftigung von der Versicherung Platz greifen oergl. Reichs-Gesetzblatt Nr. 31 von 1891). Findet bei enjenigen Personen, welche keine Berussarbeiter sind, die Beschäftigung nur in wenigen Wochen des Jahres statt, so »ird daher regelmäßig Versicherungspflicht nicht vorliegen. v. Gagern. Bekanntmachung, c Ausführung des Gesetzes vom 28. September 1890, die BrandversicherungS-Anstalt für Gebäude betreffend. Nach der Bestimmung des Art. 52 des obigen Gesetzes oben die Versicherten, wenn ein Gebäude nach der Aufnahme i die Brandversicherungs-Anstalt eine feuergefährliche Be- inunung und Benutzung überhaupt oder höheren Grades rhält, hiervon der Gr. Bürgermeisterei binnen 14 Tagen om Beginn der Benutzung an Anzeige zu erstatten. Dieser Vorschrift ist, unerachtet der für ihre Nichtbesolgung an- edrohten Strafe, von den Gebäude-Eigenthümern nach den isherigen Erfahrungen vielfach und wohl meist aus Unkenntniß icht entsprochen worden. Zur Vermeidung derartiger Mißstände rachen wir die Gebäude-Eigenthümer auf die ihnen durch as Gesetz auferlegte Verpflichtung nochmals besonders aufmerksam und fordern dieselben zu deren pünktlichen Beachtung für die Folge hierdurch auf. Gießen, den 20. August 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Artikel 52. Erhält ein Gebäude nach der Ausnahme in die Anstalt eine feuergefährliche Bestimmung und Benutzung überhaupt oder höheren Grades, so hat der Versicherte hiervon Der Bürgermeisterei binnen 14 Tagen vom Beginne der Benutzung an Anzeige zu erstatten. Die Bürgermeisterei theilt die Anzeige dem Brandversicherungsinspector alsbald mit, welcher die Entscheidung der Brandversicherungskammer veranlaßt. Artikel 69. Wer die in Artikel 7 und 52 v^geschriebene Anzeige der feuergefährlichen Bestimmung und Benutzung des Gebäudes wissentlich unterläßt, oder wissentlich eine unrichtige Angabe macht, durch welche geringere, als die schuldigen Brandversicherungsbeiträge zur Erhebung gelangen, hat den zweifachen Betrag der hinterzogenen Beiträge als Strafe zu entrichten. Beruht die Unterlassung der Anzeige ober die unrichtige Angabe auf Fahrlässigkeit, so tritt an die Stelle der vorbemerkten Strafe eine Ordnungsstrafe bis zu fünfzig Mark. Die zu wenig gezahlten Beiträge sind vorbehältlich der Bestimmungen des Artikels 57 nachzuentrichten. Gießen, den 20. August 1892. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen sm die Grotzh. Vürgermeist^eiert des KretkeA. Unter Bezugnahme aus vorstehende Bekanntmachung weisen wir Sie hierdurch an, die bei Ihnen einlausenden Anzeigen über die einer erhöhten Feuers- oder Explosionsgefahr unterliegenden Gebäude alsbald dem Gr. Brandver- sicherungs-Jnspector Zimmer zu Gießen zuzusenden. v. Gagern. Gefahren die Entnahme von Wasser aus den öffentlichen Ventilbrunnen der Quellwasserleitung für gewerbliche und landwirthschaftliche Zwecke aus Grund des Art 56 pos. 2 der Städteordnung bei Meidung einer Polizeistrafe bis zu 90 Mark untersagt. Des weiteren wird davor gewarnt, durch Offenstehen- lassen der Brunnenventile, sowie unnöthiges Ausspülen von Gefäßen und ähnliche Handlungen, Waffer aus der Wasserleitung zu vergeuden. Vorstehende Anordnung bleibt in ihrem ganzen Umfange während der nächsten vier Wochen in Kraft. Gießen, den 19. August 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Den Gemeinden des Rabbinats theile ich zu gefälliger Beachtung mit, daß Großh. Provinzialdirection auf meinen Antrag den Herrn Lehrer und Cantor Marx hier ermächtigt hat, mich in Verhinderungsfällen bei Trauungen und Beerdigungen zu vertreten. Rabbiner D r. Levi. Detttfcher «eich. Berlin, 20. August. Der Reichskanzler General Graf Caprivi wird, einer Einladung des Kaisers folgend, an einem Theil der diesjährigen Kaisermanöver, insbesondere der badischen und württembergischen, theilnehmen. Berlin, 20. August. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bespricht die Erörterungen der Presie über die Stellung des Grafen Caprivi zur Frage des zweijäbrigen Heeresdienstes: Sie erinnert an des Reichskanzlers Reichstagsrede vom 16. Mai 1890, worin derselbe sich gegen die prinzipielle Verkürzung der Dienstzeit aussprach- das Blatt fügt hinzu, alle militärischerseits zur Prüfung der Organisationsfragen vorgenommenen Schritte hätten zu abschließenden Ergebnissen bisher nicht geführt und nicht führen können. Berlin, 20. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt zur Mittbeilung der „Nationalzeitung" über die Aeußerung des Kaisers betreffs der zweijährigen Dienstzeit, der Versuch, den Reichskanzler zum Parteigänger für die zweijährige Dienstzeit hinzustellen, sei verfehlt. Die einzige authentische Stellungnahme des Reichskanzlers sei in der Reichstagsrede vom 16. Mai 1890, die wörtlich von der Feuilleton. „Nr. 81691". Nooellette von B. Corony. (1. Fortsetzung.) Als die jungen Gatten sich beim Mittagessen wieder -äsen, konnten beide ihre Verstimmung nicht verbergen. „Papa hat mir meine Bitte rundweg abgeschlagen und inzugesügr, es müßte schon ein ganz besonderer Glücksfall ^treten, wenn er sich zu solch einer Ausgabe entschließen -llte. Er rieth mir, den Vertrag wieder rückgängig zu lachen," sagte Hermann endlich. „Warst Du glücklicher?^ „Leider nein," erwiderte Grethchen kleinlaut. „Es ist bscheulich! Die Tante gab mir auf meine dringenden Vorstellungen zur Antwort: „Vermiether die drei Zimmer, :ir welche es euch an Möbeln fehlt. Einen Schemel und inen Kleiderständer könnte ich euch allenfalls noch ablassen, der weiter nichts." Und als ich ihr nun klar machte, was Dir eigentlich wollen, schlug sie die Hände über dem Kopf usammen und ries: „Wenn ich einmal eine unvermuthete rrbschast mache oder einen verborgenen Schatz finde, dann annst Du wieder Anfragen. Bis dahin müßt ihr euch chon so behelfen." Welch ein Fehlschlag! Es wird nichts oberes übrig bleiben als daß Du den Contract wieder ffest." Das versuchte der Doctor denn auch in der That, aber er Hauseigenthümer, froh, vermielhet zu haben, wollte von inem Rücktritt nichts wissen. So oft die junge Frau an em stattlichen Gebäude vorüberging, trieb thr bitterer Verruß die Thränen in die Augen bei dem Gedanken: „Die 'ante und der Schwiegervater könnten uns so leicht aus der Verlegenheit Helsen, wenn sie nur nicht so schrecklich hart- ackig wären." Fräulein Ludovika Koch und der Steuerratb Welker aren auch wirklich ein paar ganz merkwürdige und eigen- nnige Leute. Sollte man sie eigentlich befreundet oder verfeindet nennen ? — Es würde schwer gewesen sein, darüber ein bestimmtes Unheil abzugeben. Sie schienen sich nicht entbehren zu können, denn seit er verwittwet war, also seit länger als zwanzig Jahren, trank der Rath wöchentlich zweimal seinen Thee bei der alten Dame und spielte einige Partien Schach mit ihr. Sie ihrerseits nahm das als etwas ganz Selbstverständliches an, erlaubte nicht, daß sich Jemand in den Lehnstuhl setzte, welchen er zu benutzen pflegte, sorgte Dafür, daß im Zimmer stets die Temperatur herrschte, die ihm am zuträglichsten war, und blickte mit unverkennbarer Unruhe nach der Uhr, wenn er nicht pünktlich erschien. Das war die Macht der Gewohnheit. In ungestörter Eintracht verlebten aber die beiden diese Abendstunden keines' Wegs. Im Gegentheil! Kaum brannte das blaue Flämmchen unter dem Theekessel, so fingen sie auch schon an, sich zu widersprechen und oft recht scharfe Wortgefechte zu führen. Gewöhnlich gab das Schachspiel die erste Veranlassung dazu, doch dieser Einleitung hätte es eigentlich gar nicht bedurft. Es genügte vollkommen, daß Fräulein Ludovika eine Ansicht äußerte, um sie sofort energisch bekämpfen zu hören und gerade so erging es Welker. Jeder brachte daher seine Meinung mit einer gewissen herausfordernden Miene vor, gleichsam den Angriff des Gegners erwartend, wie zwei ge^ harnischte Ritter bei Beginn des Turniers auf den Moment harrend, wo sie mit eingelegten Lanzen auseinander lossprengen werden. Geschah es aber zufällig — was freilich höchst selten vorkam — daß ein Vorschlag sofort acceptin wurde oder einer Behauptung keine Einwendungen folgte, so wirkte das ernüchternd und geradezu wie eine Enttäuschung. Diese kleinen Zungenduelle machten einen Theil des geistigen Wohlbefindens der beiden aus, sie waren ihnen so unerläßlich wie das Salz an den Speisen. Nur in einem Punkt herrschte vollkommene Ueberein- stimmung zwischen Fräulein Koch und dem Steuerrath. Obschon wohlhabend, huldigten sie in gleichem Maße einer weisen Sparsamkeit und haßten alle Neuerungen, die Geld kosteten. Dehalb hatten sie sich bewogen gefühlt, den jungen Leuten abschlägigen Bescheid zu geben, konnten aber doch ein gewisses Bedauern darüber nicht unterdrücken. Dieses seelische Mißbehagen, diese innere Widerspruchsqual, äußerte sich in gesteigerter Reizbarkeit, und als bei der obligaten Schachpartie Welker nicht ohne boshafte Genugthuung die Hand ausstreckte, um die feindliche Königin zu anncctiren, rief das alte Fräulein ärgerlich: „Es gilt nichts! Sie haben unterlassen, „gardez“ zu sagen." „Verzeihen Sie, aber das ist ein Jrrthum Ihrerseits. Ich brauche wohl nicht zu versichern, daß ich mit den Regeln des Spieles hinlänglich vertraut bin," wandte der Rath etwas pifirt war. „Ich kann nur wiederholen, daß ich nichts hörte, und keineswegs gesonnen bin, mir ohne vorherige vorschriftsmäßige Warnung diese wichtige Figur nehmen zu lassen." „Also Partie remis, da wir jeder bei unserer Behauptung bleiben," entschied Welker, das Schachbrett zurückschiebend. „Ganz nach Ihrem Belieben." Während er aufstand und ein wenig auf- und abging, griff Ludovika nach der Zeitung. Sie hatte eben etwas bemerkt, wodurch ihre Aufmerksamkeit gefesselt wurde. Da stand nämlich zu lesen: „Erste Ziehung der dritten Klaffe der Königlich Preußischen Lotterie." Ach, sie spielte nun schon seit undenklichen Zeiten ein Viertel und jetzt eigentlich nur mehr em Achtel, denn da ihr noch nie ein Gewinn zugefallen war, hatte sie sich aus Sparsamkeitsrücksichten mit dem Steuerrath dahin geeinigt, daß er die Hälfte der Kosten trug. Das Loos selbst wurde jedoch nach wie vor von ihr ausbewahrt. Ties über das Blatt gebeugt, las sie — fuhr sich mit der Hand über die Augen, las nochmals und rief endlich, halb von dem Stuhl emporfahrend: „Welker!" „Nun?" fragte er etwas mürrisch. „Unsere Nummer 81691 hat gewonnen." (Fortsetzung folgt.) „Nordd. Allg. Ztg." wiedcrgcgcben wird und enthält die Erklärung, daß der Reichskanzler der Meinung ist, von der principiellen Verkürzung der Dienstzeit könne keine Rede sein. Ucbrigens Härten alle Schritte, die militärischcrseits zur Prüfung der Organisationsfragen ins Werk gesetzt worden seien, zu abschließenden Ergebnissen bisher nicht geführt und nicht fuhren können. — Die Prinzen Ludwig und Leopold von Bayern und Herzog Max Emanuel werden aus kaiserliche Einladung dem Kaisermanöver bei Metz beiwohnen. Berlin, 20. August. Die „Nationalzeitung" schreibt, es sei nunmehr wahrscheinlich, daß in der bevorstehenden Reichs- tagssession überhaupt keine Militärvorlage erfolge. — Anläßlich der bevorstehenden Handelsvertrags- Verhandlungen Deutschlands mit Rußland sind die Handelskammern zur Erstattung von Gutachten aus- gesordert. — Wie zu einer Novelle zum Unsallversiche- rungsgesetze vom 6. Juli 1884, so werden auch ffchon längere Zeit zu einem Gesetzentwürfe über die Ausdehnung der Unfallversicherung aus das Handwerk, die Seefischerei usw. die Vorarbeiten betrieben, nach welcher Richtung hin Reformen erstrebt werden, darüber wird osficiös berichtet, daß in der Vorlage eine ganze Anzahl von Schwierigkeiten zu überwinden sind. # Zunächst müßten alle Betriebe, welche eine Unsall- gefahrenhöhe bieten, die nicht erheblich über diejenige des gewöhnlichen Lebens hinausgeht, aus dem Kreise der neuen Unfallversicherung ausgeschieden werden. Nun wird es allerdings sehr schwer sein, im Gesetze selbst die Kriterien anzu- gebcn, nach denen hierbei zu verfahren wäre. Man wird sich deshalb zur Erledigung dieser Frage des administrativen Weges bedienen und gut thun, sestzusetzen, daß im Allgemeinen zwar alle dem Handwerk usw. angehörenden Betriebe der Unsallversicherungspflicht unterliegen, daß aber der Bundesrath die Besugniß hat, für die im Handelsgewerbe beschäftigten Personen und Dienstboten z. B. Ausnahmen zuzulassen. Berlin, 20. August. Der „Consecrionär" theilt mit, in den verschiedenen Bezirken der Oberpostdirecnonen werde an den nächsten drei Sonntagen eine Statistik über den Sonnragsverkehr geführt werden. Die Anordnung wird in Verbindung gebracht mit den Anträgen mehrerer Handelskammern wegen der Verlegung der Postschalterstunden an Sonn- und Feiertagen. Berlin, 20. August. Die an der Berliner Börse circn- lirenden Gerüchte von Cholerasällen in Hamburg sollen auf telephonische Anfrage in Hamburg bestätigt worden sein. — Am 28. August hält die nationalliberale Partei in Baden, Hessen und der Pfalz ein großes Partei fest in Neustadt (Pfalz) ab. Als Redner treten die Reichstagsabgeordneten Dr. Buhl und Dr. Bürklin auf. Potsdam, 20. August. Gestern Abend sand im Neuen Palais zu Ehren des bisherigen Commandanten des Kaiserlichen Hauptquartiers, jetzigen commandirenden Generals des 11. Armeecorps, Generallieutenants v. Wittich, ein festliches Abschiedsessen statt, zu welchem die General- adjutanfn und Flügeladjutanten Sr. Majestät des Kaisers geladen waren. Köln, 20. August. Nach dem Wochenbericht des „Köln. Volksztg." tft die Lage des rheinisch-westfälischen Eis en markt es günstig in der Voraussicht eines stetigen, langsam zu besserem Ertrage sich entwickelnden Geschäftes. Ausland. Wien, 20. August. Nach polnischen Blättern verschärfte die russische Regierung die Maßregeln zur vollständigen Verdrängung des polnischen Elementes aus den Schulen und den Gerichten. Wien, 20. August. Oesterreichs reichster Kirchensürst, der Olmützer Cardinal-Erzbischof, Landgraf Fürstenberg, starb am Schlaganfall im Alter von 80 Jahren. Basel, 20. August. Osfictell wird constatirt, daß bei der Feuersbrunst 40 Häuser und 50 Bauernhöfe vollständig eingeäschert wurden. Die linke Seite von Grindelwald ist eine Stunde weit auswärts abgebrannt, nur in der an den Abhängen in Windungen nach rückwärts liegenden ansteigenden Straße wurden einzelne Bauernhäuser gerettet. Vom Bernetladen bis zum Hotel „Grindelwald" im Cenrrum des Ortes ist Alles unversehrt, dagegen vom Hotel zum „Bären" bis zum Bahnhof Alles bis zum Erdboden zerstört. Die geretteten Gebäude sind alle überfüllt, Zimmer sind nicht zu erhalten. Engländer thaten sich durch heroische Hilfeleistungen hervor und retteten viele Häuser. Die Bauern verhinderten die Fremden am Löschen. Vielfach wurde behauptet, daß den Engländern allein die Rettung des unversehrten Theiles von Grindelwald zu verdanken sei. Die Fremden in den abgebrannten Hotels haben fast Alles verloren. Ein Hilfscomite hat sich gebildet. 200 Einwohner sind obdachlos. Brüssel, 20. August. Der Kriegsminister ordnete für die Militärjahrgänge 1885—1888 zwecks Einübung des neuen Repetirgewehrs deren Einberufung an. Paris, 20. August. Gestern wurden wiederum mehrere Todesfälle infolge Sonnenstichs constatirt. Gegen Abend fand ein furchtbares Gewitter statt. — Die in den letzten Tagen in England abgehaltenen Flottenmanöver haben die Seeuntüchtigkeit einer ganzen Anzahl von Schiffen ergeben und werden bereits im Marineministerium durchgreifende Neuerungen in Berathung gezogen, welche demnächst das Parlament beschäftigen werden. — Nachdem Lord Salisbury, der frühere englische Minifterpräsidert, bereits mehrfach die Herzogswürde abgelehnt, beabsichtigt die Königin, ihm nunmehr die Erlaubniß zum Tragen der sogenannten „Windsor-Uniform" zu verleihen, eine Auszeichnung, die bisher nur die Lords Melbourne, Palmerstone und Grey erhalten haben. — Nach in London eingetroffenen Nachrichten dürste der Ausstand in Marokko als beendigt angesehen werden, da einer der aufständischen Stämme sich bereits dem Sultan unterworfen hat und die übrigen Aufständischen nicht stark genug sein dürften, den Krieg allein fortzusühren. — Nachrichten aus Petersburg wollen wissen, daß die russische Regierung bei den Verhandlungen über den Abschluß eines Ha n d e l s v e r t r a g e s mit Deutschland außer aus Aushebung der Differentialzölle für Getreide, auf Ermäßigung des Zolles für russisches Naphla und für russische Forst- producte bestehe und Zollfreiheit für Flachs und Hans wünsche. Diese Wünsche Rußlands könnten natürlich nur dann aus Berücksichtigung von Seiten Deutschlands rechnen, wenn auch Rußland einen entsprechenden Theil seiner hohen Schutzzölle, zumal diejenigen auf Eisen, Stahl, Maschinen und Textil- waaren Deutschland gegenüber ermäßigt oder aufhebt. — lieber das Auftreten der Cholera in Rußland wird gemeldet, daß im südlichen Rußland, zumal im Don- gebiete, diese Seuche noch immer viel Opfer fordert und dort täglich circa 8000 Cholerafälle Vorkommen. Dagegen tritt die Seuche in Moskau und Petersburg glücklicherweise sehr mild auf und in Nischm-Nowgorod, sowie auch in Baku gilt dieselbe so gut wie erloschen. Malmö, 20. August. In der ersten Sitzung des socialistischen Arbeitercongresses wurden Berichte aus den scandinavischen Ländern erstattet. Jensen veranschlagt die Zahl der Socialisten in Dänemark auf 32,000, vertheilt auf 400 Fachvereine. Die letzten Strikes in Dänemark kosteten die Arbeiterkassen 600,000 Kronen. Eine Resolution wurde angenommen, das Ziel der socialistischen Bestrebungen müsse die Errichtung des socialistischen Staates sein. Nur der Däne Linderberg protestirte gegen die Resolution. Gothenburg, 20. August. Die Sommerhäringsfischerei hat begonnen. Bei Winga wurden 300 Wall gefangen, welche in die Räuchereien nach Deutschland kommen. — Aus dem Eongostaate in Brüssel eingegangene Meldungen vom Puni besagen, ein Araberhäuptling in Nyangwe habe sich empört, der Sohn Tippo Tips und andere Araberbäuptlinge hätten sich jedoch erboten, denselben wieder zur Unterwerfung zu bringen. Die Nachricht von der Vernichtung des von Hodister geleiteten Handelssyndicats bestätige sich- man hoffe indeß, dieser Feinde bald wieder Herr zu werden. Bet Lusambo hätten Sclavenjäger eine Niederlage erlitten- cs seien 10 Anführer derselben getödtet utkd 700 Mann ihrer Truppen gefangen genommen worden. — Die große Strikebewegung der Weichensteller, Eisenbahnarbeiter und Bergleute dauert in mehreren Staaten Nordamerikas noch immer fort und da- fcei ist es auch neuerdings zu blutigen Unruhen gekommen. Ein Telegramm aus Knoxville berichtet über einen Zusammenstoß zwischen Miliz und Bergarbeitern, wobei viele Bergarbeiter durch Schüsse aus den Gatlingkanonen der Miliz getödtet sein sollen. Weitere Meldungen aus Buffalo besagen, die Führer der Aufständigen erklärten, der Strike würde, wie bei der Erie-, der Lehiph Valley- und der Buffalo- Creek-Eisenbahn, so bei allen Unter der Controle Vanderbilts stehenden Eisenbahnen eintreten. Die Ausständigen würden, ehe sie nachgeben, die Strikebewegutig nach Westen bis Chicago und nach Osten bis Newyork ausdehnen. Ziciicftc Nachricht«»». Depeschen des Bureau „Herold". Konstantinopel, 22. August. Der ganz Hof des Schah von Persien, mit Ausnahme des Ministers des Innern und des Kriegsministers, haben Teheran verlassen und sich nach dem Elbroazgebirge geflüchtet. Hunderte von Familien wurden durch die Landleute nach der Hauptstadt zurück- gedrängt. Die letzte Nummer der offiziellen Zeitung bringt eine Beschreibung der Verwüstung, welche die Cholera angerichtet hat, besonders in den Landgegenden, wo kein Arzt und Medtcin zu haben ist. Caffel, 22. August. In Sontra hat in der Sonntagsnacht eine coloffale Feuersbrunst ein Drittel der Stadt, ca. 140 Gebäude, emgeäschert. Es herrscht Wassermangel. Paris, 22. August. Ein Eisenbahnzug entgleiste gestern auf der Brücke bei Orbefließ zwischen Ebeyiers und Cessenon. Vier Todte, viele Leichtverwundete. Die Loco- motive und mehrere Waggons gingen in Trümmer. Der Eisenbahndienst ist unterbrochen. London, 22. August. Ein Personenzug stieß mit einer Locomotive in der Lemandstraße zusammen, wobei fünfzig Personen leicht verletzt wurden. totales unfc provinzielles. Gießen, 22. August 1892. — Gravelotleseier. Wie schon seit einer langen Reihe von Jahren, so hielt auch gestern der Veteranen-Berein seine Gravelotteseier ab. Den im Kriege 1870/71 gefallenen, auf dem hiesigen Friedhöfe ruhenden deutschen und französischen Soldaten war die Nachmittagfeier gewidmet. Um 4t/2 Uhr zog der Veteranen Verein mit Fahne nach dem Friedhöfe, woselbst nach der von Herrn Pfarrer Dr. Naumann gehaltenen Gedächtnißrcde die übliche Schmückung der Gräber erfolgte. Die Feier am Abend im Saale des (Safe Leib mar der Geselligkeit gewidmet und, wie alle Veranstaltungen des Veteranen-Vereins, zahlreich von den Veteranen, ihren Familien und Gästen besucht. Auch der neugegründete Marine-Verein wohnte vollzählig der Feier bei. Der Vorsitzende des Veteranen-Vereines, Herr L. Petri III., begrüßte die Festversammlung und brachte, nachdem er einen Rückblick auf die Ereignisse von 1870/71 geworfen und besonders der leider nicht mehr lebenden Heerführer, unter ihnen auch unseres Großherzogs Ludwig* IV., gedacht, ein mit Begeisterung aufgenommenes Hoch auf Kaiser Wilhelm II. ans. Herr Pfarrer Dr. Naumann widmete den Bestrebungen des Veteranen-Vereins, das im Jahre 1870/71 Errungene zu erhalten, anerkennende Worte- sie, die sagen könnten, wir waren auch dabei, seien vor Allem berufen, denen entgegenzutreten, die Alles besser wissen und das damals Errungene bekritteln wollten. Sein Hoch galt dem Veteranen-Verein. Herr Brnchhäuser dankte dem Herrn Vorredner für die die Veteranen in so hohem Maße ehrenden Worte und brachte ein Hoch auf Herrn Pfarrer Dr. Naumann aus. Herr Polizei-Secretär Bischoff, Präsident des Marine - Vereins, betonte die Gleichheit der Bestrebungen beider Vereine, dankte für die dem Marine-Verein gewordene Einladung und brachte ein Hoch auf den Veteranen-Verein aus. Die hierauf unter Mitwirkung von Angehörigen der Veteranen aufgeführten drei Einacter: „Reservist und Reservistin", „Frau Potiphar" und „Ein Stündchen im Pensionat" sanden ob ihrer guten Durchführung allgemeinen Beifall und ließen erkennen, daß sie unter sachkundiger Leitung eingeübt wurden. Besonderen Beifall fand auch der als Melodrama von Herrn Ias- ko wsky gebotene Vortrag: „Gloria, ober der erste Januar. Erinnerung an Kaiser Wilhelm I." Den Schluß der Festlichkeit bildete ein Tänzchen. -n. Indem wir die verehrlichen Leser unseres Blattes auf die heutige Bekanntmachung des Gas- un b Wasserwerks Hinweisen, nach welcher die Abgabe des Ouellwaffers um zwei wichtige Tagesstunden vermehrt wird, möchten wir, um nicht etwa einer unnötigen Besorgnis Raum zu geben, noch darauf aufmerksam machen, daß Vorkehrung getroffen ist, bei etwaiger Feuersgefahr für jede Tages- und Nachtzeit das benöthigte Leitungswaffer mit dem erforderlichen Druck sofort zur Verfügung zu haben. — Ein gräßlicher Unglücksfall ereignete sich heute Morgen im Saale des Caft Leib. Der im Gaswerk bedienstete Monteur Michel, ein fleißiger, nüchterner und braver Arbeiter, war mit Abmontirung eines an der Gallerie angebrachten Gaskörpers beschäftigt und benutzte dabei eine große Stellleiter, wie sie im Gaswerk üblich sind. Die Leiter rutschte auf dem glatten Boden aus, fiel um und zerbrach, den Monteur mit sich reißend. Dieser fiel so unglücklich, daß ihm ein Stück der Leiter von hinten durch den Körper drang. Dem Verunglückten wurde sofort durch Herrn Dr. P l och und einige Herren Militärärzte die erste Hilfe zu Theil, woraus er mittelst Lazareth Krankenwagens nach der Klinik verbracht wurde. Ein in den Körper tin- gedrungenes 23 Ctm. langes Holzstück konnte nur mit Mühe entfernt werden. Ob der Schwerverletzte mit dem Leben davon kommt, dürfte zu bezweifeln sein. — Verhaftet. Zwei in Marburg aus der Klinik durch- gebrannte Frauenzimmer wurden heute Morgen hier verhaftet. — Militärdienstnachrichlen. Die Portepe - Fähnrichs v. Schröter vom 1. Großh. Hess. Jns.-(Leibgarde-)Regiment Nr. 115, Kr ü g er vom Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh: Hess.) Nr. 116, Henrici, Stamm vom 3. Großh. Hess. । Inf. Regt. (Leib-Regt.) Nr. 117, Hoffmann vom 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prinz Carl) Nr. 118 zu Second Lieute-^ nants, der Unteroffizier Simpson vom 4. Großh. Hess.. Jnf.-Regt. (Prinz Carl) Nr. 118 zum Port.-Fähnr. befördert. — Die größte Hitze des ganzen Jahrhunderts hatte, fo- schreibt man aus München, der letzte Mittwoch (17. Augi st^ aufzuweisen. Die meteorologische Centralstation theilt mit, daß nach genauen Messungen das Thermometer im Schatten 35 Grad C. zeigte, eine Temperatur, die in diesem Jahrhundert noch nicht erreicht wurde. — Verfälschungen der Futtermittel. Da der in vielem Gegenden herrschende Futtermangel manchen Landwirth dazw nöthigen wird, Kraftfutter zu kaufen, so ist darauf aufmerksam gemacht, daß die Fälschungen der Futtermittel aus dem Nebenproducten der Mahlmühlen wieder recht sehr überhand nehmen, namentlich wird mit Vorliebe zum Stemnußmehl gegriffen und das Gemisch dann als Milch- und Kraftfutter für das Rindvieh zum Preise von 33/4— 4*/2 Mark per Centner angeboten. Das Steinnußmehl ist in der Kleie und- den sogenannten Futtergriesen und Futtermehl mit bloßem- Auge nicht zu erkennen, und so ist es möglich, die nach benr billigen Futter greifenden Landwirthe mit dem billigen Schund- hineinzulegen, mit dem nur das Vieh verseucht wird. Weuw I erst die Landwirthe den Untersuchungen der landwirthschast- I ltchen Versuchsstationen den gebührenden Werth beilegen und- I die von den Zeitungen veröffentlichten Resultate über das | Futterschundzeug mit dem Werth guter Kleie vergleichen wollten, dann dürften weniger Viehkrankheiten zu verzeichnen' | ftin. Nach den Angaben des landwirthschaftlichen Kreis- I Vereins zu Bautzen kommen ganze Wagenladungen Steinnuß- absälle aus Böhmen nach Sachsen, die zur Verfälschung von Futter- und Düngemitteln in erster Linie dienen. In beiden Fällen wird der Landwirth, der stets nach dem Billigen gebt, gehörig übers Ohr gehauen, wenn er sich nicht bei dem Ein- kaufe von Futtermitteln vorsieht. *1. Allendors a. d. Lda., 20. August. Am 17. d. Mrs. feierten wir hier ein erhebendes Mtssionssest, an dem sich die ganze Gemeinde trotz der dringenden Erntkarbeiten betheiligte. Alles stimmte trefflich zusammen: die klüftigen Glaubenszeugnisse von Pfarrer Walz aus Langgöns, Pfarrer- , Löhr aus Hohensolms und Pfarrer Schlosser aus Gießer> ferner der ungeheure Zudrang der Andächtigen von hier und aus der Umgegend, besonders aus dem Ebsdorfer Grund, die herrlichen Vorträge des gut geschulten Kirchengesangvcreins, dec Vormittags die große Doxologie, „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren", und „Nun freut Euch, liebe Christen gemein", Nachmittags „Ran preiset Alle", „Schönster Herr Jesu" und „Da droben, da droben" fang, endlich auch die große Collecte, die 238 Mark betrug, in Worten zwei- hundertachtunddreißig Mark. Das Fest hat gezeigt, daß mir hier ein die Kirche und die Mission liebendes und pflegendes. Volk haben.