Nr. 45. Dimstaq den 23. Februar 1892 Der -ie^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener InmitteuötLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. Bierteljähriger AöounemeutspreiSr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 60 Pfg. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schukstraße Ar.7. Fernsprecher 61. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen. Abschluß. Gesammtsumme der Einnahmen .... 284966.67 at „ „ Ausgaben . . . . 223 985.76 „ Verglichen bleibt Rest 60 980.91 je. welcher in baarem Vorrath besteht. Gießen, den 4. Februar 1891. Der Rechner der Provinzialkasse für Oberhessen. Grüneberg, Rendant. Revidirt, ohne daß sich für den vorstehenden Abschluß eine Aenderung ergeben hat. Darmstadt, den 3. Februar 1892. Großherzogliche Ober-Rechnungskammer. Lorbacher. Schenk. In Gemäßheit der Art. 93 bezw. 43 der Kreis- und Summe der Einnahmen 284 966.67 JL Ausgabe. 14. Besoldungen 2114.58 JL 15. Diäten und Gebühren 1 438.26 „ 16. Botenlohn und Verkündigungskosten . 114.25 „ 17. Für Bureaugegenstände und Geräth- schasten 992.88 „ 18. Unterhaltung von Kreisstraßen . . . 157 406.67 „ 19. Neubau von Kreisstraßen .... 31 361.31 „ 20. Einmaliger Beitrag der Provinz zu den Kosten der Recurrenzfieber-Epidemie in den Kreisen Gießen und Friedberg . 2 437.81 JL 21. Uneinbringliche Posten und Nachlässe . — 23. Auszuleihende Capitalien. . . . . 28120.— „ Summe der Ausgaben 223 985.76 Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter. Annahme von Anzeigen zu brr Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausland«» nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Amtlicher* Theil. Auszug -ÄUS der von Großh. Ober-Rechnungskammer revidirten Rechnung der Provinzialkasse der Provinz Oberhessen pro 1889/90. I^lunahme. Rubr.- S!r. 1. Kaflevorrath aus vorhergehenden Jahren 2. Ausstände „ „ „ 3. Beiträge der Kreise 4. Capitalzinsen 5. Prozeßkosten 6. Beitrag aus der Staatskasse . . . 8. Ersatzposten 12. Zurückempfangene Capitalien . . . Betrag 28 221.97 JL 210 000.— „ 2 342.95 „ 831.65 „ 28 120.- „ 450.10 „ 15 000.— „ । Provinzialordnung wird der vorstehende Auszug zur öffent- I lichen Kenntniß gebracht. Gießen, den 20. Februar 1892. Der Vorsitzende des Provinzial-Ausschusses der Provinz Oberhessen. v. Gagern._____ Bekanntmachung, betr. Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. In Steinfurth, Kreis Friedberg, ist in einem Gehöfte die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Großh. Kreisamt Friedberg hat Gehöftsperre angeordnet. Gießen, den 19. Februar 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern._______ Bekanntmachung. Wegen Ausführung des Canals bei der neuen Stadtknabenschule wird die Straßenstrecke der Nordaulage zwischen der Dammstraße und Steinstraße für Fuhrwerksverkehr, Reiten und Viehtreiben von heute an bis auf Weiteres abgesperrt. Gießen, den 22. Februar 1892. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Deutsches Reich. Berlin, 20. Februar. Im preußischen Abgeordnetenhause haben am vorigen Donnerstag und Freitag anläßlich der zweiten Lesung des Eisenbahnetats lange Debatten über die Frage *x Reform der Eisenbahntarise, specieN der Personentarise, stattgesunden. Nach den vom Eisenbahnminister Thielen hierbei wiederholt abgegebenen Erklärungen werden diese Verhandlungen zunächst keine practische Wirkungen haben. Allerdings hat Herr Thielen die Noch- Wendigkeit einer zeitgemäßen Umgestaltung der Personentarife, vorerst derjenigen aus den preußischen Staatsbahnen, im Princip anerkannt. Aber der Minister hob zugleich hervor, daß die geplante Reform nach ihren verschiedenen Wirkungen, namentlich was die finanzielle Seite anbelangt, zuvor erst sorgfältig geprüft werden müsse, und diese Erörterungen seien noch lange nicht zum Abschlüsse gelangt. In die Freitags- discusfion griff auch Finanzminister Dr. Miquel ein, um hauptsächlich die Stellung der allgemeinen Finanzverwaltung zur Eisenbahnverwaltung zu characterisiren und zugleich mehrere falsche Anschauungen hierüber zu berichtigen. Die Tarisdebatte endete am Freitag mit Ablehnung des vom Abg. Brömel (dfr.) gestellten Antrages, die Regierung möge mit der Reform der Personentarise auf den preußischen Staatsbahnen nach dem 1891 ausgestellten Plane baldigst, aber unter Ausschluß von Tariferhöhungen, vorgehen, worauf Tit. 1 der Einnahmen genehmigt wurde. Am Sonnabend setzte das Haus die Einzelberathung des Eisenbahnerats fort. — Dem Bundesrathe find in letzterer Zeit zwei neue Gesetzentwürfe zugegangen, betr. die Bestrafung des Verraths milttärischer Geheimnisse und betr. die Regelung des Auswanderungswesens, lieber den Inhalt des „Spionage- Gesetzes" ist noch nichts Näheres bekannt, dagegen liegen über den anderen Gesetzentwurf schon osficiöse Mittheilungen vor. Derselbe bezweckt die reichsgesetzliche Regelung des Auswanderungswesens an Stelle der bislang geltenden landesgesetzlichen Bestimmungen, die Auswanderung selbst aber soll durch das neue Gesetz keineswegs beschränkt werden. Berlin, 20. Februar. Den „Berl. Pol. Nachr." zufolge ist der Plan der Reichscommission für Arbeiterstat i st i k so weit gediehen, daß eine bezügliche Vorlage demnächst den Bundesrath beschäftigen dürfte. Die Organisation ist ähnlich der preußischen Centralcommission und besteht aus dem vom Reichskanzler zu ernennenden Vorsitzenden und 12 Mitgliedern, deren 5 vom Bundesrath, 6 vom Reichstage und 1 vom Reichskanzler aus Mn Beamten des statistischen Amtes ernannt wird. Die Arbeitgeber und Arbeiter sollen in gleicher Zahl zu den Sitzungen mit berathender Stimme hinzugezogen werden. Die Commission ist nur für die statistischen Erhebungen ernannt. Berlin, 20. Februar. Der „Voss. Ztg." zufolge soll bezüglich der in der Bildung begriffenen Südwestafrikanischen Ansiedelungsgesellschasr, sobald der Reichskanzler sie genehmigt, mit der Besiedelung von Klein-Windhock begonnen werden. Berlin, 20. Februar. Der „Reichs-Corr." zufolge veranstaltete die Centrale der Deutschen Colonialgesellschaft eine Enquete über die Durchführung zur Sicherung der Karawanenstraßen in Ostasrika. Berlin, 20. Februar. Die Budgetcommission des Reichstags berieth das Extraordinarium des Militäretats und bewilligte die Bauraten zum Bau einer Kreuzercorvette, vier Panzerschiffen, vier Panzerfahrzeugen, eines Kreuzer und eines Aviso. Berlin, 20. Februar. Eine öffentliche Bildhauer- Versammlung beschloß, allen politischen Arbeitervereinen zu empfehlen, den aus 5 Jahre als „ehrlos" erklärten Peus zum Ehrenmitglied zu ernennen. Berlin, 20. Februar. Die „Germania" behauptet verbürgt, der Kaiser habe auf dem Diner bei Caprivi die Hoffnung geäußert, das Volksschulgesetz werde nachdem vorliegenden Entwurf perfect. Berlin, 20. Februar. Das Waarenlager des Kaiser- bazars wurde an den Commerzienrath Lissauer für 1 450000 Mk. verkauft- das Geschäft wird in den bisherigen Räumen fortgesetzt. Feuilleton. Pcmaskirt. Eine Carnevalsgeschichte von Erich |u Schirfeld. (Schluß.) Els Uhr. — Hoch gehen die Wogen der Freude, nur zwei Augen blicken traurig in das summende Gewühl. Armer Curt! An eine Säule gelehnt steht er und wartet, vergeblich leuchtet im Knopfloch seiner Matrosenjacke das rothe Band. Er schilt sich einen Narren. Schon zwanzigmal beschloß er, nach Hause zu gehen, bleibt aber doch und trinkt ein Glas Wein nach dem andern, denn „als Narr bist du ja hier an deinem Platze," denkt er grimmig. — „Geduld, Curt," flüstert ihm eine Stimme plötzlich ins Ohr. Wer war das? Doch nicht etwa der rothe Domino, der soeben am Arme eines schwankenden Türken an ihm vorüberging? Das Paar entschwand im Gewühl, bevor er es noch recht gesehen hatte. In einem der eleganten Nebenräume sitzen die Vertreter und Vertreterinnen aller Zeiten und Völker und zechen. Dort läßt ein alter Türke, dem Koran zum Hohne, die Champagner- psropsen knallen und hastig stürzt er den perlenden Trank hinab. Im Arme hält er eine blonde, orientalisch gekleidete Maid, deren Gestalt ein rother Domino verhüllt, aber unter der Maske blitzen feurige Augen und im goldgelben Gelock leuchtet eine weiße Rose. „Weib," flüstert der Türke, „Rose von Schiras, bei den Freuden des Paradieses — sei mein!“ Seine Sinne sind umnebelt und fein Athem fliegt. „Laß mich," erwidert das Mädchen leise und macht sich los. „Meinst Du, ich wüßte nicht, daß Du bereits eine Andere liebst?" „Was kümmern mich andere?" ruft er lachend, „ich liebe Dich, Dich mehr als sie alle. Und hätte ich tausend Frauen — bin ich nicht ein Sohn Mohameds? — Du sollst die erste sein in meinem Hause und die Königin meines Herzens!" „Nun wohl, so fange Dir Deine Sclavin!" kichert die Schöne und ist ihm schnellen Fußes entflohen. — Anfangs ist er verblüfft, bald aber rafft er sich aus und eilt ihr nach. Der rothe Domino leuchtet ihm voran wie ein irrender Stern, dem er folgen muß. Tante Sophie vernimmt hastende Schritte sich der Thür nähern, jetzt pocht eS leise und eine Stimme ruft: „Oeffnet, schnell, schnell!" Es ist Hans. „Gott, meine Ahnung," entfährt es der erschreckten Tante, während sie ausspringt und den Riegel der Thür zurückzieht. Da stürmt Hans herein, reißt sich den Domino ab und wirst lhn der Tante um. „Bitte, stehen bleiben," raunte er der wie gelähmt Dastehenden hastig zu und verschwindet, sein erschrockenes Schwesterchen vor sich herdrängend, hinter den schützenden Blattgewächsen. Kaum sind beide geborgen, als auch der Türke schon die Loge betritt. „Ha ha ha!" lachte er heiser, „hier ist allo Dein Asyl, schöne Sclavin! Aber warte nur, Du wildes Vögelchen, jetzt habe ich Dich gefangen und werde Dich nicht wieder frei» geben !" Bei dem Klang dieser Stimme ist Tante Sophie kraftlos auf ihren Stuhl gesunken. Sie will sprechen, aber der Athem stockt in ihrer Brust und im Kopse wirbeln die Gedanken durcheinander. Der Türke hat sich vor ihr auf die Knie niedergelassen und ihre Hände in die (einigen genommen. „Höre mich," spricht er, „höre mich, Du schönstes aller Weiber! Noch habe ich Dein holdes Gesicht nicht ganz ent- ! hüllt gesehen, aber Deine Augen, Augen, wie sie nur Eine | hat, sagen es mir, und mit dem Jnstinct des Kenners fühle i ich, daß Du schön bist. Ja, Mädchen, ich liebe Dich? Komm mit mir, daß ich Dich zur Herrin meines Hauses mache!" Tante Sophie erbebte bis ins Mark. Es war wirklich der Baron v. Henkelwitz, der da vor ihr auf den Knieen lag und ihr Herz und Hand anbot. Ihr? . . . In den Schläfen pochte ihr jagendes Blut — doch Ruhe, Ruhe, Sophie! Sie überlegte. „Und wer bist Du, Sohn des Orients?" fragte sie endlich. Der Baron stutzte. Diese Stimme, — aber nein, das war ja Wahnsinn, war ja unmöglich! „Nun denn," sprach er unsicher, „wenn Du eS durchaus wissen willst, ich — ich bin — nun, meinetwegen, ich bin der Rentier Schmidt," stieß er hervor. „Ha ha! Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Baron, in der That eine sehr, sehr werthvolle Enthüllung. Ha ha ha!" Sie lachte, lachte immerzu, aber ihr Lachen klang furchtbar — sie hatte begriffen! . . Jetzt ertönte das Zeichen zur De- maSfirunq. Auch Tante Sophie riß ihre Maske herunter und warf den Domino ab. „Nun, Baron!" ries sie dem wie ein armer Sünder vor ihr stehenden Henkelwitz zu, „Sie haben freilich die Demaskirung nicht mehr nöthig, Sie sind entlarvt." Der Baron nahm mechanisch die Maske vom Gesicht und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. „Daö war allerdings ein schauderhaftes Pech," murmelt er. „Aber," fuhr er, sich ermannend, fort, „Sie sollen jede gewünschte Genugthuung haben, mein verehrtes Fräulein, jede! Zch fürchte, man hat uns beide diipirt. Geben Sie mir großmüthig Zeit, mich zu fassen, dies Erwachen — war zu entsetzlich!" Tante Sophie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, sie hätte ihn tobten mögen. War denn kein Rächer da? — Nein, keiner, selbst Hans war verschwunden und mit ihm sei« Königsberg i. Pr., 20. Februar. In der hiesigen Klinik wurde Ende December von Professor Braun eine Operation des Kehlkopfkrebses mit vollständigem Gelingen aus- gesührt. Der Patient spricht etwas heiser, ist aber sonst gesund und wird demnächst dem Oberpräsidenten vorgestellt werden^ Der Fall ist genau wie bei Kaiser Friedrich. Königsberg i. Pr., 20. Februar. Der Töpfergeselle Eichler, welcher wegen deS Verdachtes der Brandstiftung im königlichen Schlosse verhaftet war, ist aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Essen, 20. Februar. Die „Rhein. Westph. Ztg." meldet: In Folge wiederholter Aufforderung Baares, die Voruntersuchung gegen ihn zu eröffnen, wurde eine solche vom Ersten Staatsanwalt in Essen angeordnet. I man dem Geschmack des Gießener Publikums ausstellen kann, I tocn.n man erzählt, wie es vollzählig zur Aufführung der „Minna von Barnhelm" gekommen, wie es begeistert jedem Worte gelauscht und jede schöne Stelle mit lautem Beifall begrüßt, aber war das Spiel der Frankfurter Künstler nicht I bin überaus treffliches? Was wäre da zu kritisiren? I ~;Qn ^findet sich in der angenehmen Lage, nur loben zu I x1 C mr Fräulein Gündel hat aus der undankbaren Rolle I der „Minna" alles gemacht, was daraus zu machen war, I wozu allerdings der Glanz ihrer äußeren Erscheinung nicht I wenig beitrug; ebenso Herr Hofmann, ebenso Herr I Hermann. Herr Diegelmann war in der Auffassung I des urdeutschen Just ebenso meisterhaft wie in seinem Spiel I und Frau Ernst gab die kleine Rolle der Dame in Trauer mit großem Geschick. Zum ersten Male betraten Fräulein Drucker und die Herren Roll und Hamm diesmal die Bühne des Theater-Vereins und haben sich wohl gleich zu Anfang eine Anzahl Freunde erworben. Besonders Fräulein Drucker hat es als Franziska verstanden, sich in viele Herzen hineinzuschmeicheln, Herr Roll gab den prächtigen Paul Werner ebenso trefflich wie Herr Hamm den groben neugierigen Wirth. Alles in Allem war das wieder eine meisterhafte Vorstellung, nur daß die Couliffen, die ewig I dieselben bleiben, allmählich ansangen langweilig zu werden. Der Theater-Verein erwirbt sich nach und nach stets eine I größere Anzahl von Freunden, und daran sind nicht nur die I Bemühungen seines Vorstandes Schuld, sondern auch der I eines Mannes, der selbst überall mit Hand anlegt, selbst überall gegenwärtig ist und von dem das Publikum kaum mehr kennt als den Namen: Herr Intendant Claar. — Akadem. Coucertverem. Der Bericht über das gestrige Concert des Akademischen Concertvereins mußte wegen Raummangel für die nächste Nummer zurückgestellt werden. — Aus den Verhandlungen des hessischen Städtetages (am 16. ds. Mts. in Mainz) theilen wir nachstehend das Wesentlichste mit. Der Städtetag erklärte sich im Allgemeinen von der geplanten Revision der Kreis- und Provinzialordnung, sowie der Städteordnung befriedigt. Im Einzelnen wurden noch folgende Fragen erörtert: a) ob nicht auch den Städten über 50000 Einwohner die Wahl gelassen werden soll, ob sie einen eigenen Stadtkreis bilden oder in dem seitherigen Landkreis verbleiben wollen- b) ob diese Entschließung überhaupt an eine Frist gebunden, und wenn ja, ob diese nicht von den vorgesehenen sechs Monaten auf ein Jahr erstreckt werden solle- c) ob für Stadtkreise nicht an Stelle des dafür wegfallenden Kreisausschuffes insbesondere behufs Ertheilung von Gewerbeconcessionen ein von der Stadtverordnetenversammlung zu wählender Stadtausschuß gebildet werden solle- d) ob zur Entscheidung über Ansinnen des Provinzialdirectors an Stadtkreisstädte nicht eine zweite (Recurs-) Instanz, etwa ein Landesausschuß gebildet werden solle, weil ein Verwaltungsgerichtshof nur Revisionsinstanz und das | Ministerium als zweite Instanz ungeeignet sei. Vielleicht i würde in solchen Fällen der Ersatz des beim Erlaß des Ansinnens beteiligten Provinzialdirectors im Vorsitz desProvinzial- | Ausschusses, ohne Schaffung einer zweiten Instanz, schon ge- l nügen. e) Zur Städteordnung wurde von Darmstadt und Gießen die Erwartung ausgesprochen, daß auch ihnen zum ! Mindestens die sogen. Verwaltungspolizei müsse übertragen werden, unter Hinweis auf die entsprechende Erklärung des preußischen Mimsters des Innern und auf die Grundsätze des preußischen Polizeikostengesetzes, f) Von den Specialgesetzen betr. Kreisstraßen und Landarmen-Wesen wurde festgestellt, daß sie Verbesserungen enthielten, aber nicht weit genug gingen, daß ersteres im Allgemeinen die Städte mehr belaste, letzteres das Land in höherem Maße entlaste als die Städte. g) Zu dem Gesetz über die Bildung von Stadtschulcommissionen wurde Vereinigung der Functionen des städtischen Schulvorstandes mit denjenigen der städtischen Kreisschulcommission, nach Aanlogie der Curatorien für die höheren Mädchenschulen, als wünschenswerth bezeichnet. — Zur Frage der Sonvtagsrnhe. Auf Einladung von Interessenten versammelten sich gestern Nachmittag im Saale des Cafe Leib eine größere Anzahl Geschäftsinhaber und selbstständiger Gewerbetreibender, um die in der Novelle zur Gewerbeordnung vorgeschriebene Sonntagsruhe, sowie eine in Betreff einheitlicher Regelung derselben für die Stadt Gießen bezw. deren Umgebung an die Stadtverordneten- Versammlung zu richtende Petition zu besprechen. An den unter Vorsitz des Herrn Emil Fischbach stattgehabten Verhandlungen beteiligten sich die Herren Orbig jun., Ferd. Hoffmann, Käser, Wilh. Plank, Pirr, Stadtverordneten Löber und Schmall, Eugen Kauffmann, H. F. Nassauer, Conditor Hettler, Otto Schaaf, Jul. Buch und H. Zimmer. Die Versammlung war im großen Ganzen darüber einig, daß die gesetzlich vorgeschriebene Sonntagsruhe einheitlich, ohne Unterschied der Geschäftszweige, derart zu regeln sei, daß die Geschäfte um 1 Uhr Nachmittags geschlossen werden können. Den Namens der hiesigen Metzger von Herrn Pirr geltend gemachten Wünschen, die Metzger insoweit zu berücksichtigen, daß ihnen der Verkauf an einigen Abendstunden gestattet werden möge, weil sie erfahrungsmäßig gerade da am meisten zu thun hätten, wurde fast allgemein entgegengehalten, daß das Publikum sich auch daran gewöhnen würde, seine Einkäufe bei den Metzgern tn den Stunden zu machen, in denen die übrigen Geschäfte offen hielten. Die Wünsche der Versammlung sind in der nachstehenden, an die Stadtverordneten-Versammlung zu richtenden Petition zu- sammengesaßt: Schon im vorigen Jahre hat der weitaus überwiegende Theil der hier ansässigen Kaufleute und Gewerbetreibenden sich bereit erklärt, bet Einführung der gesetzlichen Sonntagsruhe für die im Handels- und Gewerbestande beschäftigten Gehülfen, Lehrlinge und Arbeiter ihre Läden um 2 Uhr in schließen. Die heute hier Versammelten sehen sich veranlaßt, nochmals öffentlich gegen die von einer kleinen Minorität bean- Ausland. Vern, 20. Februar. In Chiaffo ist die Güt erhalle des Bahnhofs niedergebrannt. Der Schaden beträgt eine halbe Million. Bem, 20. Februar. In den Uhrenfabrikationsbezirken herrscht großerNothstand. Der Gemeinderath von Chaup de-Fonds setzte eine Nothstandscommission ein und überroied sofort 12000 Francs. Brussel, 20. Februar. Der morgige Socialisten- congreß wird Vormittags und Nachmittags tagen. Die vom Comite erwarteten Delegirten der deutschen Bergleute werden officiell den allgemeinen Strike bekämpfen. Paris, 20. Februar. In Parlamentskreisen herrscht gegenwärtig die Ansicht vor, daß die Bildung eines Ministeriums Ri bot oder Bourgeois (bisher Unterrichtsminister) mit Frey ein et, der den Krieg behalten würde, die wahrscheinlichste sei. Paris, 20. Februar. Der Papst richtete an die Bischöfe und Katholiken Frankreichs eine Encyclica, worin er sagt, die Republik sei eine gesetzmäßige Regierung, alle Franzosen schuldeten ihr Gehorsam. Die Schriftstücke haben die monarchischen Parteien sehr erregt, da sie in den Pfarrkirchen und Capellen verlesen werden. Newyork, 20. Februar. Auf Anordnung der Behörden wurden von 13 Wohlthätigkeitsanstalten hierhergesandte europäische mittellose und arbeitsunfähige Auswanderer nach Europa zurückgesandt. Rio be Janeiro, 20. Februar. Infolge eines in der Provinz Matto-Grosso entstandenen Aufruhrs ist der Gouverneur derselben abgesetzt worden. leuchtender Mantel. Der Baron verbeugte sich und wandte sich der Thüre zu. Doch was war das? Dort stand wieder der rothe Domino und neben ihm stand der verhaßte Affesior der dem Baron höhnisch ins Gesicht lachte. Dieser sah bald aus Tante Sophie, bald aus Curt und seine Begleiterin. Wer von diesen hatte ihm nun den grandiosen Possen gespielt? — Plötzlich sprang er aus seine immer noch maskirte Zcchgenossin zu und ergriff sie beim Handgelenk. „Hexe," schrie er, „Du warst die Sirene! Enthülle Dich und zeige, wer Du bist'" — Der rothe Mantel sank und der Baron sowohl wie Curt weichen überrascht zurück. Beide kannten ja die« Gewand, diese perlenübersäete Türkin nur zu gut, war es doch daffelbe Costüm, das Grethe aus dem vorjährigen Costümfeste des Casino getragen hatte. Curl wendete sich schmerzbewcgt ab. Zu solchem Mummenschanz also hatte sich seine angebetete Grethe hcrgegeben! So ties konnte sie sich erniedrigen. O, er hatte ja selbst gesehen, wie dieser Wüstling sie im Arme gehalten! — Wenn der Zweck aber auch solche Mittel heiligen sollte, dann aber ade ihr Träume von Glück, ade, du schöner Glaube au die Weiblichkeit! Der Baron ermannte sich schnell. Mit chnischem Lächeln zog er die leise Widerstrebende an sich und sagte: „Nun, reizender Flüchtling, holde Rose, bist Du auch jetzt noch spröde? Weigerst Du Dich noch, mir den schuldigen Tribut zu zahlen?" „Durchaus nicht," erwiderte eine Stimme mit sonorem «lang, und der Mann, der soeben seiner Holden die Maske gewaltsam vom Gesicht nahm, um sich die lange ersehnten Küsse zu rauben, prallte entsetzt zurück, denn nicht Grethens blühende Lippen lachten ihm entgegen, sondern die glänzenden Zähne ihres Bruders, unter dcffen Rase bereits der erste Bern, 22. Februar. Die Delegirtenversammlung des schweizerischen Thterschuhvereins beschloß, daß die Seetion Bern für da« Jahr 1894 einen Thierschutz-Congreß berufe. Ferner wird das schweizerische Centraleomits beauftragt, für den Antrag, daß die vorherige Betäubung für alle Schlachtarien, auch für das Schächten, obligatorisch vor- gcschrieben werde, 50,000 Unterschriften zu sammeln. Neueste Nachrichten. kSolfig tdegrapbMdfeS Lorrespondmz-Bureau. Paris, 21. Februar. Nach einer Mittheilung der hiesigen Gesandtschaft von Guatemala ist die Erhebung, deren Haupt der General Henriquez war, unterdrückt und General Henriquez todt. Im ganzen Lande herrscht Ruhe. Petersburg, 21. Februar. Die schon wiederholt angekündigte Aushebung des Verbots der Haseraus- fuhr darf nunmehr als unmittelbar bevorstehend bezeichnet werden. Die Aufhebung wird sich aber nur auf die in den Ostseehäfen lagernden 10 Millionen Pud erstrecken. Depeschen btö „Bureau jperolb*. Stuttgart, 22. Februar. In der gestrigen Landesversammlung der deutschen Partei, welche von 300 Personen besucht war, sprachen Dr. Schall und Rechtsanwalt Stockmaher über den Programmentwurs. Es wurden Stimmen laut, die Anordnung des Programms sei unzeitgemäß. Die Kammersraction widerspricht der Behandlung der Versaffungs- revision. Die Versammlung tritt in die Berathung ein. Die deutsche Partei verlangt: Diäten für den Reichstag, die zweijährige Dienstzeit, proteftirt gegen die Zulassung der Männerordnung in Württemberg - die Landwirthschast müsse seft- haltcn an dem Schutzzoll- bezüglich der Versassungsrevision die Entfernung der privilegirten zweiten Kammer und Lebens- länglichkeit der Ortsvorsteher. Die Versammlung wird mit einem Hoch auf den Kaiser geschloffen. stark entwickelte Ansatz eines dunkelschattigen Schnurrbartes prangte. „Ein Bubenstreich, ein elender Bubenstreich, den ich Euch gedenken werde!" Bebend in ohnmächtiger Wuth rief es der Baron und stürmte zur Thür hinaus, verfolgt von dem schallenden Gelächter des übermüthigen Hans und seines nun wieder fröhlichen Freundes Curt. Jetzt endlich konnte die in ihrem Versteck am ganzen Leibe zitternde wahre Grethe wieder hervorgezogen werden. Auch Tante Sophie hatte sich von ihrer Erregung noch nicht erholt. Schalkhaft lächelnd trat Hans zu ihr. „Verzeihung, liebe Tante, sprach er, „es war wohl ein etwas toller Streich, aber er schien mir notwendig. Ich denke, nach dieser De- maskirung des . . „Sinder," unterbrach ihn die Tante, „nennt mir den Namen nicht mehr. Ja," fuhr sie mit einem leisen Anflug von Rührung fort, „es war freilich ein tolles Stück, aber dennoch, mein lieber Hans, danke ich Dir. Curt — Grethe — nehmt Euch und werdet ein glückliches Paar, das fei meine Rache!" Curt und Grethe sind jetzt ein glückliches Paar und bewohnen die Villa Henkelwitzhausen, die bald unter den Hammer fam unb vom Onkel Vormund für Grethe erstanden wurde. Auch der Traum der Tante ging in Erfüllung: sie schaltet “nrb /-«er Herrin gleich, in dem herrschaftlichen Hause , . ®aron ‘f* verschollen- man sagt, er habe sich vor seinen Gläubigern nach Brasilien geflüchtet. Hans aber freut sich nocy heute der tollen Nacht, in der er so wacker über den Strang geschlagen". n totales ttttö provinzielles. Gießen, 22. Februar 1892. I /ti 7" der Universität. Seine Königliche Hoheit der I Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 10. geb' I ruar den ordentlichen Professor in der evangelisch-theologischen I Facultät der Landes-Universität Dr. Johannes Gottschick I auf fein Nachfuchen, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an I aus dem Dienste zu entlassen. — Neues Theater. Wie schon auf dem Theaterzettel I angezeigt, wird am nächsten Donnerstag zum Benefiz unseres beliebten Regisseurs, Herrn Paul Ernst, Mosers lustiger Schwank „Der Veilchenfreffer" gegeben. Herr Georg Hacker mirb darin in einer Hauptrolle gaftiren, wir brauchen also den Besuch der Vorstellung nicht erst besonders zu empfehlen. -8. Die achte Vorstellung des Theater Vereins, die vorletzte dieser Saison, sand am verflossenen Donnerstag in Steins Garten statt. Nachdem der Vorstand, an dessen Spitze nun schon drei klassisch gebildete Universitätsprofessoren stehen, seine Absicht, das moderne Lustspiel „Der Probepfeil" | aufzuführen, aus einigen hier nicht näher zu erörternden Gründen aufgegeben hatte, brachte er das klassische Lustspiel „Minna von Barnhelm." Das Publikum war wie gewöhnlich ungehalten, als schon wieder ein klassisches Stück in Aussicht stand ober es kam- trotz Kälte und Schnee, sturm kam es vollzählig und nie war seine Begeisterung, nie sein Beifallsjubel wahrer und aufrichtiger, als in dieser Aufführung. ES ist ein großer Abstand zwischen Blumenthals „Probepfeil" und Lessings „Minna von Barnhelm" — hier das tiefe, ruhige Lustspiel, daS momentan nicht viel mehr erregt als stille Freude und leises Lächeln, gepaart mit tiefster Rührung, dessen Nachwirkung aber eine segenSvolle, innige ist, dort ein Jntriguenstück, voll von Zufällen, Verwechselungen und Zweideutigkeiten, das lautes Gelächter und lustige Heiterkeit wachruft, dessen Genuß sich aber nur nach Stunden bemißt. Es ist auch einmal modern gewesen, das herrliche Lustspiel Lessings- so modern wie nur eins von den unzähligen Stücken, die heute auf diesen Ehrennamen Anspruch erheben. Mitten aus seiner Zeit heraus hat der Dichter die Gestalten gegriffen, und es ist reines deutsches Blut, das in । ihren Herzen pocht, deutsches Fühlen, deutsches Denken, das I ihr Thun und Lassen lenkt und leitet. Zwar, das ist nicht das Deutschland unserer Tage, nicht das Zeitalter socialpolitischer Fragen und unklarer Reformideen — der ruhigernste Glanz, der die Gestalt des großen Friedrich umstrahlt, webt über Lessings Dichtung, die Erinnerung an den kaum beendeten siebenjährigen Krieg mit all' feinen Siegen und all' seinem Elend steht in ihrem Hintergrund und das innere Wesen der Hauptfiguren verklärt eine edle Gediegenheit und Schlichtheit. Wo sind denn diese Menschen hiugekommen, wo die Dichter, deren Werke jene Zeiten wiederspiegeln und unvergänglich machen? Wir sind anders geworden, wir verstehen diesen Offizier nicht mehr, dem seine Ehre über alles gilt, wir begreifen nicht mehr dieses junge liebenswürdige Mädchen, das seinen Stolz, sein Glück in seiner Liebe zu Tellheim findet, das fröhlich-heiter im gewissen Gefühl seiner Reinheit nicht zurückschreckt, selbst um den Mann zu werben, an den es glaubt wie an nichts in der Welt. Wie sind wir krank geworden bis ins innerste Wesen, feig, verweichlicht, ohne Glauben an uns selbst, und unsere neueste Literatur ist trotz all' ihren Monstrositäten und Unwahrheiten das Spiegelbild unserer Zeit. Auch unsere Kunst steckt mitten in jener Krisis, die stets eine neue Weltanschauung mit sich bringt — wenn aber nicht alles täuscht, wird diese Krisis bald überwunden sein — schon Giacosa könnte als kleiner Beweis | dafür angesehen werden. Es ist das beste Zeugniß, welches