Nr. 119 Erstes Blatt. Sonntag den 22. Mai 1892 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener InmitienötLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. ichmer Anzeiger Henerat-Anzeiger. vierteljähriger AöonnemevtspreiHr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchntstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- von». 10 Uhr. HratisKcilagk: Hi-ßener KamilienMtter. Anrtliehev Theil. Bekanntmachung, betreffend das Einwerfen rc. schädlicher Stoffe in die Fischerei- gewäffer. Nachdem in den letzten Tagen in einem Fischwaffer unseres Kreises die Fische plötzlich abgestorben sind und es nicht ausgeschlossen erscheint, daß diese Calamität auf das dort stattgehabte maffenhaste Einwerfen der aus den Wiesen entfernten giftigen Herbstzeitlosen in den betreffenden Bach zurückzuführen ist, — warnen wir hiermit vor dem massenhaften Einwerfen dieses Krautes in die Fischereigewäffer und weisen darauf hin, daß solches nach Art. 49 und 64 des Fischereigesetzes vom 27. April 1881 mit Geldstrafe bis zu 150 oder mit Hast bestraft werden kann. Gießen, den 20. Mai 1892. GroßherpglicheS Kreisamt Gießen. ___________________v. Gagern. Betr.: Wie oben. Gießen, am 20. Mai 1892. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen a* die Grotzh. Bürgermeistereien de» «reife». Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie publiciren und dafür Sorge tragen, daß das Kraut der nach unserem Ausschreiben vom 26. April I. I. — Anzeiger Nr. 98 — in den Wiesen zu vertilgenden Herbstzeitlose nicht in die Bäche geworfen, sondern auf Haufen gesammelt und demnächst verbrannt wird. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend Versicherung gegen Hagelschäden. Wir machen die Landwirthe unseres Kreises wiederholt aus die besonders den mittleren und kleineren Besitzern durch die Seitens einer Anzahl von Hagelversicherungsgesellschaften eingesührte Collectiv- oder Gemeinde-Versicherung gebotene Gelegenheit zur Versicherung ihrer Feldfrüchte gegen Hagelschaden aufmerksam. Die getroffene Einrichtung besteht darin, daß mehrere Landwirthe einer Gemeinde einen gemeinsamen Versicherungsantrag unterschreiben und daß für dieselben sodann Seitens der Gesellschaft eine gemeinsame Police ausgestellt wird. Hierdurch tritt eine Ersparniß an Police- und im Schadensfall an Taxationskosten ein. Gießen, den 19. Mai 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. . Gießen, den 20. Mai 1892. ' Betr.: Einsendung von Unfallanzeigen an die Fabrik- Jnspectoren. | Das Großherzogliche Kreisamt Gietzeu an die (Hrotzh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Nach Inhalt unseres Ausschreibens vom 22. Februar . 1886 (Anzeigeblatt Nr. 47) haben die Ortspolizeibehörden • von jeder ihnen auf Grund des § 51 des Unfallversicherungs- '! gesetzes zugehenden Unfallanzeige dem zuständigen Großh. I Fabrikinspector eine Abschrift einzusenden. Es erscheint unbedenklich, eine Einschränkung dieser Vor- schrift nach der Richtung eintreten zu lassen, daß die Ein- sendung derartiger Abschriften an die Fabrikinspectoren, ebenso j wie die vorgeschriebenen weiteren Mittheilungen ausschließlich j bei Unfällen in solchen Betrieben zu erfolgen hat, welche der - Beaufsichtigung der genannten Beamten unterliegen. GroßherzoglichcS Ministerium des Innern und der Justiz )' hat daher angeordnet, daß die Mittheilung der Unsall- l anzeigen rc. aus land- und forstwirthschaftlichen Betrieben, r sowie aus den zu den nachbenannten Berufsgenoffenschaften: Knappschafts-Berufsgenoflenschaft, i Schornsteinfeger-BerufSgenoffenschaft, Fuhrwerks- „ ! Binnenschifffahrts- „ | Privatbahn» „ i mit Ausnahme der Werk- Straßenbahn- „ j stättenbetriebe derselben gehörigen Betrieben an die Fabrikinspectoren künftig zu unterbleiben hat. j________________________v. G'ügern.________________________ ■ Bekanntmachung, betreffend Schafräude zu Lauter. Nach erfolgter Abschlachtung der Schafe und Desinfec- tion der Stallungen haben wir die über die Schafherde zu Lauter unter dem 5. December v. I. verfügte Sperre heute wieder ausgehoben. Gießen, den 20. Mai 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachuua. Die Hebrolle über die Beiträge zur land- und sorstwirth- schaftlichen Berufsgenossenschaft für das Jahr 1891 liegt von heute an während vierzehn Tagen auf der unterzeichneten Bürgermeisterei zur Einsicht offen. Innerhalb einer weiteren Frist von zwei Wochen nach Ablauf der Offenlegungssrist kann der in der Hebrolle als beitragspflichtig in Anspruch Genommene gegen die Beitragsberechnung bei dem Vorstände der land- und forstwirthschaftlichen Berufsgenossenschaft Ein- spruch erheben (siehe § 21 der Verordnung vom 11. Juli 1888, Regierungsblatt Seite 33). Gießen, den 20. Mai 1892. Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. ________________________Gnauth.________________________ Bekanntmachung, 1 betreffend die land- und sorstwirthschaftliche Berufsgenoffenschaft für das Großherzogthum Hessen. Die von Grobherzoglichem Kreisamt Gießen in Nr. 116 des Gießener Anzeigers erlassene Bekanntmachung in rubri- cirtem Betreff bringen wir nachstehend zur öffentlichen Kennt- niß der Grundbesitzer in hiesiger Gemarkung. Gießen, den 20. Mai 1892. Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. G n a u t h. Bekanntmachung. Die Grundbesitzer, welche ihren Grundbesitz entweder ganz oder theilweise nicht selbst bewirthschaften, werden hierdurch aufgefordert, bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemeinde, in deren Gemarkung die Grundstücke liegen, bis zum 1. Juni l. I. schriftlich oder mündlich zu Protokoll den Antrag zu stellen, daß der auf die Steuercapitalien ihrer Grundstücke oder einzelner derselben entfallende Beitrag zur Berussgenoffenschaft von einem Anderen, als Betriebsunternehmer zur Zahlung Verpflichteten, erhoben werde. Die Anträge müssen auch die nöthigen Angaben über die Pacht- erträgniffe der einzelnen Loose enthalten. Sodann wird zur öffeutlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 der Verordnung vom 11. Juli 1888 von nachverzeichneten Objecten ein Beitrag zur Berussgenoffenschaft nicht erhoben wird: 1) von Grundstücken, welche zu einem land- oder forstwirthschaftlichen Betrieb überhaupt nicht gehören; 2) von allen Gebäuden nebst zugehörigen Hoftäumen, Haus- und Ziergärten; 3) von Grundstücken von Betrieben, deren Sitz außerhalb des Lackdes gelegen ist; 4) von steuerpflichtigen Grundstücken, deren land- und sorstwirthschaftliche Benutzung dauernd eingestellt ist, sei es, daß jede Nutzung aufgehört hat, sei es, daß an Stelle der land- und forstwirthschaftlichen eine gewerbliche Benutzung getreten ist (z. B. Verwandlung eines Ackers in einen Steinbruch)» Diejenigen Grundbesitzer, welche derartige Befreiungsgründe, die sich der amtlichen Kenntniß entziehen, geltend FerrMetsn. Alte Frauen. Der Franzose Tiffot hat einmal die Frage, warum es mehr alte Frauen als Männer gebe, in wenig galanter Weise mit der größeren Zungenfertigkeit des weiblichen Geschlechtes beantwortet und allen Ernstes behauptet, daß das viele Sprechen der Evastöchter als eine gesunde Leibesübung betrachtet werden müsse, welche die Circulation des Blutes befördere, ohne doch die Organe allzusehr anzustrengen oder zu ermüden. So scheinbar einleuchtend diese Begründung ist, liegen doch die Ursachen für die größere Widerstandsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes gegen das frühzeitige Sterben weit naher und greifbarer. Ganz abgesehen von den „männermordenden" Kriegen ist das Leben der Frauen viel weniger von all den Sorgen und Leidenschaften, den Arbeiten und Anstrengungen jeder Art, welche die Lebensdauer des männlichen Geschlechtes abkurzen, bewegt. Wie vielen Gefahren für Leib und Leben in den verschiedenen Berufsständen, wie vielen Anlässen zur Erwerbung von Krankheiten, zu Unfällen, Selbstmorden usw. ist der Mann unterworfen, welche das Weib nicht kennt. Auch der im Allgemeinen ruhigere Gemüthszustand der Frau, ihre größere Enthaltsamkeit von materiellen Genüssen, welche dem Leben des Mannes so oft schädlich werden, ihr stilles, gleichmäßiges Verweilen in der Familie machen sie offenbar zur Erreichung eines höheren Lebensalters mehr disponirt als Männer. Wie alt Frauen werden können, darüber gibt Professor Ludwig Büchner in seinem demnächst zur Ausgabe gelangenden neuen Werke über: „Die Dauer und Erhaltung LeS Lebens", wie das „Kleine Journal" dessen Aushängebogen entnimmt, einige hochinteressante Aufschlüsse. Als die berühmteste weibliche Makrobiotin aus älterer Zeit bezeichnet darin Professor Büchner jene oft genannte irische Gräfin Desmond, welche im 145. Lebensjahre unter der Regierung Jakob I. — angeblich an den Folgen einer erlittenen Verletzung — starb. Noch in ihrem 100. Lebensjahre soll sich diese „alte Frau" am Tanze betheiligt und im Alter von 140 Jahren eine Reise von Bristol nach London nicht gescheut haben, als eine Geldangelegenheit dies nöthig machte. Auch soll sie zwei oder dreimal neue Zähne bekommen haben. Noch weit älter als diese irische Gräfin wurde die im Juni 1838 in St. Colombe in Frankreich in einem Alter von 158 Jahren gestorbene Marie Prion. „Während der letzten zehn Jahre ihres Lebens nährte sie sich ausschließlich von Käse und Ziegenmilch. Sie bewahrte bis zum letzten Augenblicke ihre geistigen Fähigkeiten, obgleich ihr Körper so zusammengeschrumpst war, daß sie nur noch 42 Pfund wog. Die Haut lag wie Pergament auf den Knochen." Dieses soll nach Proseffor Büchner der äußerste, seit Jahrhunderten in Frankreich beobachtete Fall von Langlebigkeit sein. Eine Frau März Prescott aus der englischen Grafschaft Sussex, die nur 105 Jahre alt wurde, ist besonders dadurch merkwürdig, daß sie nicht weniger als siebenunddreißig Kindern das Leben gegeben hatte. Einen auffälligen Gegensatz hierzu bildet die französische Putzmacherin Marie Mall et, welche als alte Jungser in einem Alter von 115 Jahren starb. „Sie übte ihren Beruf bis zu ihrem 110. Lebensjahre und wurde von 45 Greisinnen, welche bei ihr als junge Mädchen in der Lehre gewesen waren, zu Grabe geleitet." Um einige Jahre älter wurde die in einem Alter von 119 Jahren in Prag verstorbene Frau Therese Fiedler von Hülsenstein, über deren Lebensgang Professor Büchner Folgendes mittheilt. Sie war 1757 zu Hamburg geboren und verbrachte ihre Jugendjahre bei der Gräfin Palffy, einer Hofdame der Kaiserin Maria Theresia. Später heirathete sie einen französischen Major und nach dessen Tode einen österreichischen Postbeamten, den sie ebenfalls bald durch Krankheit verlor. „Sie erfreute sich bis an ihr Lebensende einer ziemlichen Rüstigkeit und starb, ohne eigentlich krank gewesen zu sein. Ihre Stimme war wohlklingend und ihre Gesichtszüge sollen noch deutlich die Spuren ehemaliger Schönheit gezeigt haben." Bei diesem Anlaß erwähnt Professor Büchner, daß auch weibliche Schönheit in einzelnen Fällen sehr langlebig sein soll. Als das eclatanteste Beispiel dieser Art führt Proseffor Büchner jene berühmte Paula de Viquier aus Toulouse, eine Zeitgenossin Petrarcas an, welche eine der schönsten Frauen gewesen sein soll, die jemals existirt haben. „Wenn sie sich aus der Straße zeigte, war sie stets von einem Schwarm Neugieriger umringt, was so große Störung veranlaßte, daß ihr das Toulouser Parlament auserlegte, sie dürfe sich nur mehr verschleiert aus die Straße begeben. Aber diese Bestimmung erregte das Mißfallen der Bevölkerung in so hohem Grade, daß ihr ausgetragen werden mußte, sich zweimal in der Woche unverschleiert am Fenster zu zeigen. Auch soll sie ihre Schönheit und grazienhafte Gestalt bis in ihr achtzigstes Lebensjahr behalten haben." Noch weit merkwürdiger als die lange Erhaltung weiblicher Schönheit erscheint der wunderbare Vorgang der Regeneration oder Verjüngung, welcher bei nicht wenigen alten Frauen unzweifelhaft beobachtet worden ist, indem bei ihnen zu einer Zeit, wo andere Menschen zu leben aufhören, neue Zähne und neue Haare hervorkommen, die Runzeln aus dem Gesichte verschwinden, Gesicht und Gehör wieder schärfer werden usw. Professor Büchner citirt die Beispiele einer Marquise von Mirabeau, welche im 86. Lebensjahre starb, wachen können, werden aufgesordert, bie Befreiung bei der Bürgermeisterei derjenigen Gemarkung, in welcher das Grundstück gelegen ist, bis zum 1. Juli l. I. zu beantragen. Gießen, den 17. Mai 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. (3agern. Gefunden: 2 Jacken, 1 Hemd, 1 Hut, 1 Wagennagel, 1 Ohrring, 1 Offizier-Säbelkoppel, 1 Taschentuch, 1 Schraubenzieher, 1 Conservebüchse, 1 Halstuch, 1 Wagenkapsel, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Taschenspiegel und 1 Verdienstorden Ludwig IV. Zugelaufen: 1 Gans. Gießen, den 21. Mai 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Netteste Nachrichten. GoMS telegraphisches Lorre-poukenz-Vureav. Berlin, 20. Mai. DaS „Berliner Tageblatt" erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß die Meldungen von Blättern, daß in allernächster Zeit von Seiten der Regierung Schritte bevorständen, welche alle Zweifel hinsichtlich des Zustandekommens derBerliner Weltausstellung zerstreuen, nicht vollständig den Thatsachen entsprechen. Die Regierung verhalte sich einstweilen neutral. Sollten die Bemühungen, einen größeren Garannesonds zu begründen, erfolgreich sein und hervorragende Industrielle sich dieser Sache annehmen, so würde sich die Regierung unzweifelhaft für das Zustandekommen der Ausstellung inreressiren. Depeschen M »Bureau Herold". Berlin, 20. Mai. Das „Berl. Tagebl." berichtet aus Hamburg: Zehn Matrosen vom Vollschiff „Fritz Reuter" wurden gestern auf Requisition des Capitäns Sanghinrichs wegen-Meuterei verhaftet. Berlin, 20. Mai. Nach der „National-Zeitung" findet die Sitzung der Walzwerkverbände am 25. Mai in Berlin statt. Es liegt ein Antrag seitens der westlichen Gruppen aus Preiserhöhung um fünf Mark vor. Der oberschlesische Verband dürste wahrscheinlich Stellung gegen diesen Antrag nehmen. Berlin, 20. Mai. Der ersteinternationaleWein- markt, verbunden mit einerProducten- und Nahrungsmittel- Ausstellung, wurde heute Vormittag 11 Uhr eröffnet. Etwa 350 Aussteller des In- und Auslandes sind vertreten. Berlin, 20. Mai. v. Kleist-Retzow, Mitglied des Reichstages und Herrenhauses, ist heute Morgen auf seinem Gute Kiekow bei Groß-Tychow (Pommern) gestorben. Berlin, 21. Mai. Die „Berliner Politischen Nachrichten" melden, Oberst Meckel wurde zum Chef der Ab- rheilung des Großen Generalstabes für Kriegsgeschichte ernannt. Wien, 21. Mai. Im Abgeordnetenhaufe circulirte das Gerücht, Caprivi werde nach Beendigung feiner Kur mit Kalnoky in Teschen Zusammentreffen. Pest, 20. Mai. Die Beerdigung des Generals Klapka fand unter großem Pomp statt. Anwesend waren der Ministerpräsident, Finanzminister, Justizminister, Mitglieder des Abgeordnetenhauses mit dem Präsidenten an der Spitze, viele Mitglieder des Oberhauses, Zöglinge der Ludo- vica. Dem Zuge folgten Honvedveteranen von 1848 und eine ungeheure Menschenmenge. London, 20. Mai. Im Unterhause verlas der Par- lamentssecretär des Colonialamts, Baron Worms, eine heute eingelaufene Depesche des Gouverneurs von Mauritius, daß ein Wirbelsturm am 29. April ein 'Drittel von Port Louis verwüstete. Er zerstörte das Royal College, 24 Kirchen und Capellen und viele Zuckerfabriken vollständig. Man zählt über 600 Todte in Port Louis, über 300 Todte im Lande und über 1000 Todte in Port Louis. 50 pCt. der Ernte sind beschädigt. Tausende wurden obdachlos. Der Wirbelsturm soll einer der stärksten gewesen sein, dessen man sich überhaupt erinnern könne. Der Staatssecretär ersuchte nachdem die jugendliche Fülle und Frische wiedergekehrt waren; ferner eine Nonne, Namens Margarethe Verdur, bei welcher im 65. Lebensjahre die Runzeln verschwanden, die fehlende Sehkraft wiederkehrte, neue Zähne hervorbrachen und welche zehn Jahre später, wie ein junges Mädchen aussehend, starb. Die Pariser Zeitung „La Justice" berichtet am 14. März 1880 Folgendes: Soeben starb in Tils an Schlagfluß eine Frau von 103 Jahren, elf Monaten und zwölf Tagen Namens Margarethe Laulhe. Sie hat bis zum letzten Augenblick ihre vollen geistigen Fähigkeiten behalten und Niemand konnte ihr ihr hohes Alter ansehen. Das Gesicht hatte keine Runzeln und sie las ohne Brille. Vor 6 Jahren bekam sie einen neuen, prachtvollen Backenzahn." Ein weiteres Beispiel weiblicher Langlebigkeit liefert die Soldatenwittwe Irene R u d a k o s s, welche Zeitungsnachrichten zufolge in Odessa in einem Alter von 148 Jahren gestorben fein soll. Sicherer beglaubigt, als dieses Alter, ist das der Wienerin Frau Anna Suda, welche im October 1878 in Wien in einem Alter von 111 Jahren 6 Monaten und 5 Tagen starb. Als die Kaiserin der Matrone, die in den Jahren 1873 und 1874 zur Fußwaschung zugelassen wurde, nach beendigter Feierlichkeit das weiße Lederbeutelchen mit den dreißig Silberstücken um den Hals hängte, rief die Greisin mit lauter Stimme: „Ich danke, gnädige Frau Kaiserin!" Im Jahre 1873 besuchte die „alte Frau" die Weltausstellung im Prater und wurde nicht müde, die ausgestellten Gegenstände zu besichtigen. Sie befand sich bis zu ihrem Todestage körperlich ganz wohl. Immerhin war diese ehrwürdige Matrone eine Jungfrau im Vergleich zu der alten Frau Eulalia Pe rr ez von Los Angelos in Kalifornien, welche ein Alter von 140 Jahren erreichte und noch in ihrem 118. Lebensjahre die feinste Stickerei ausführen konnte. * den Lordmahor, daö Sammeln eines UnterstützungSsonds zu veranlassen. Paris, 21. Mai. Dem „Matin" zufolge traf die belgische Kongo-Expedition eine Elfenbein-Kor o- wane von 1800 Arabern. Die Belgier tödteten alle Araber und nahmen ihnen das Elfenbein ab. Antwerpen, 20. Mai. Der Stadtausschuß genehmigte einstimmig den Antrag der Gesellschaft des Jndustriepalastes, im Jahre 1894 eine Weltausstellung in Antwerpen zu veranstalten. Amsterdam, 21. Mai. Der Dom in Roermond brennt infolge Blitzschlages. Die Nachbarhäuser sind bedroht. Bilbao, 21. Mai. Bei einer Explosion in der Dynamitsabrik zu Gadaliano wurden sechs Männer und drei Frauen getöbtet. Die Explosion ist auf die Anstiftung zweier entlaßener Arbeiter zurückzuführen. Der FabrikSdirector wurde verhaftet. Locales und provinzielles. Sieben, 21. Mai 1892. — Zur Feier der Gruudsteiulegung für die neue evange- lifche Kirche. Aus dem heute erschienenen Programm ersehen wir, daß bei der Grundsteinlegungsseier Gesänge der ganzen Gemeinde und des Kirchengesangvereins miteinander abwechseln. Die drei hiesigen evangelischen Pfarrer werden mitwirken. Pfarrer Br. Naumann hält die Weiherede, Pfarrer Schlosser und Dingeldey sprechen die Gebete. Außerdem wird der Superintendent der Superintendentur Gießen Prälat Br. Habicht aus Darmstadt eine Ansprache halten, und am Schluß der Feier wird der Dekan des Dekanats Gießen Dekan Wahl aus Wieseck der Gemeinde den Segen ertheilen. Des Letzteren Name konnte leider auf dem Programm nicht mehr verzeichnet werden, weil die zusagende Antwort desselben erst nach Fertigstellung des Druckes eintraf. — Betreffs Ausstellung der Festtheilnehmer sei bemerkt, daß für die besonders geladenen Gäste, Behörden, Beamten u. A. vor dem Platz der Grundsteinlegung ein Podium errichtet worden ist. Neben demselben nach dem Seltersweg hin ist ein besonderer Raum Vorbehalten für die Schüler des Gymnasiums, des Realgymnasiums, der Realschule und der Stadtknabenschule, auf der anderen Seite nach der Südanlage hin ebenso für die Schülerinnen der höheren, der erweiterten und der Stadt-Mädchenschule und für die Konfirmandinnen. Da weitere Vereine und Korporationen als solche nicht eingeladen werden konnten, so ist der ganze übrige ausgedehnte Raum vor der Kirche und über die neue Göthestraße hin — auch im Inneren der Kirche — allen anderen Theil- nehmern nach Belieben überlassen. — Zur Ausführung der Hammerschläge sollen außer Prälat, Dekan, Pfarrer und Kirchenvorstehern, Baumetster u. A. auch die Chefs der geladenen Behörden gebeten werden. — Die Programme, welche auch ein Bild der neuen Kirche bringen, werden an alle Festtheilnehmer, alt und jung, bei der Feier auSgetheilt. Die Texte der zu singenden Lieder sind auf den Programmen verzeichnet,- darum ist es nicht nöthig, Gesangbücher rnitzu- bringen. — Nach Schluß der Feier sind die Festtheilnehmer eingeladen, sich durch einen Rundgang die Kirche im Aeußeren und Inneren anzusehen. Besonders im Inneren ist die ganze Einrichtung derselben bereits zu erkennen. — Kunstvereiu. Wie aus dem Jnseratentheil zu ersehen, bleibt die Kunstausstellung im alten Hofgerichtsgebäude von Montag den 23. d. Mts. ab auf einige Tage geschloffen wegen Ausstellung neuer Bilder. — Der Wiedereröffnung darf mit um so größerer Spannung entgegengesehen werden, als neben einigen dreißig neu angemeldeten Oelgemälden zur Ausstellung gelangen soll: „Die silberne Hochzeit" in 44 Bildern von C. W. Alters, demselben Zünftler, dessen vorausgegangener Bildercyclus „Klub Eintracht, eine Sommerfahrt in 43 Bildern" von der Berliner Nationalgalerie alsbald erworben wurde. Einem Aussatz der „Deutschen Lesehalle" über C. W. Allers und seine Werke entnehmen Bekannt ist der Fall der „ältesten Frau von Wien", der am 20. Februar 1889 in einem Alter von 115 Jahren in Wien verstorbenen Magdalena Ponza, über welche die Wiener Zeitungen der letzten Jahre regelmäßige Berichte brachten. Fünf Jahre vor dem Tode Maria Theresias geboren, hatte diese „alte Frau" eine Reihe großer, politischer Ereignisse an sich vorübergehen gesehen und ist Zeugin von nicht weniger als sechs österreichischen Herrschern gewesen. Im Jahre 1886 berichteten die Zeitungen, daß die 111jährige Greisin in einer merkwürdig guten Weise erhalten sei, daß sie noch ausrecht stehen und gehen könne, daß sie auch noch leidlich zu sehen und zu hören im Stande sei. „In den wie versteinert aussehenden Zügen und in den tiefgegrabenen Runzeln erkennt man," wie ein Berichterstatter bemerkt, nicht ohne Schauern die Spuren des Jahrhunderts." Diese paar Beispiele „alter Frauen" illustriren recht deutlich die durch eine überaus große Menge statistischer Nachweise festgestellte Thatsache, daß das weibliche Geschlecht im Allgemeinen viel älter wird, als das männliche. Dieses gilt nach den Ausführungen Professor Büchners namentlich für die Altersklassen von achtzig bis zu hundert Jahren und etwas darüber, während in noch höheren Altersklassen die Zahl der „alten Männer" diejenige der alten Frauen etwas übertrifft. In den Tabellen der Volkszählungscommissionen haben die alten Frauen ein bedeutendes Uebergewicht und macht nur die Altersstufe vom 25. bis zum 40. Lebensjahre von dieser Regel eine Ausnahme, indem auf dieser Stufe die Sterblichkeit der Frauen sogar größer ist, als diejenige der Männer, während vom 40. bis zum 45. Lebensjahre ein annäherndes Gleichgewicht eintritt und von da an erst die Ueber- zahl der alten Frauen beginnt. wir zur vorläufigen Orientirung unserer Leser die nachstehendc Schilderung des beliebten, jetzt 35 Jahre zählenden Künstlers und seiner Eigenart: „In der Kunst hatte der deutsche Humor nach dem Rheinländer Adolf Schrödter und seinem Düsseldorfer Genossen hauptsächlich in München durch die Zeichner der „Fliegenden Blätter", vorzugsweise in Oberländer seine Vertretung gefunden- erst in den letzten Jahren ist auf diesem Gebiete der Jsarstadt die Alleinherrschaft durch unseren Hamburger Künstler streitig gemacht worden. In beiden Künstlern wird uns der Gegensatz zwischen norddeutschem und süddeutschem Humor zum vollen Bewußtsein gebracht. Der alle Schranken überspringenden Karnevalslaune, deren lustiges Schellengeklingel im Süden ertönt, stellt sich die launige Lebensbeobachtung gegenüber, welche mit frohem Behagen die kleinen scherzhaften Züge der Gesellschaft oder bestimmter Berussgruppen bespiegelt. Man hat bei der künstlerischen Individualität unseres Hamburger Humoristen einen Seitenblick auf Chodowiecki geworfen- in der That erscheinen diese Künstlernaturen insofern mit einander verwandt, als Beide die kleinen Züge des gesellschaftlichen Lebens in den Bürger- kreisen mit großer Intimität erfassen- in ihrem innersten Wesen aber bleiben sie einander vollständig fremd- dem Volks- schilderer der sridericianischen Zeit fehlt der Humor, der unserem Zeichner aus allen Poren quillt. Will man letzteren durchaus in ein Verwandtschaftsverhältniß bringen, so kann es nur auf literarischem Gebiet gesunden werden- in Fritz Reuter findet er einen rechten Vetter- bei Beiden bewegt sich der Humor nicht in der Zwangsjacke und nicht auf Stelzfüßen, gefällt sich also nicht in geschraubten lieber- treibungen, sondern hält sich am realen Leben - bei Beiden tritt Erschautes und Erlebtes in den Vordergrund. Und unter den Gestalten aus dem engen vertrauten Kreise haben Beide ihre Modelle gesucht und sie in warmblütigem Pulsschlage vor uns hingestellt, mit ihrer derben Eigenart und allem schlichten Humor, der nicht erst künstlich aus ihnen heraus destillirt zu werden brauchte, sondern aus ihrem Wesen hervorquoll. — Mit den Mappenwerken „Klub Eintracht" und „Silber-Hochzeit" erreicht Allers durchschlagende Erfolge, sie erweitern seinen Freundeskreis ungemein. Aus dem Volksleben seiner ersten Schöpfungen (wie „Unsere Marine", „Eircus Renz", „Die Meininger", „Hamburger Bilder" und „Die Spreeathener") geht er zum Familienleben über, aus । der typischen Characterschllderung zur echten Individualität, die er uns in anheimelnder Vertrautheit vor Augen stellt. Das gewinnt ihm die allgemeine Gunst. Dieser Wendepunkt in feiner Laufbahn erinnert uns abermals an Fritz Reuter. Auch dieser war mit seinen „Läuschen und Riemeis", mit seiner „Reise nach Belligen" nicht über den Beifall feiner Landsleute, nicht über die Grenzen des Obotritenlandes hinaus gekommen, weil er speciell nur mecklenburgische Typen geboten hatte - als er aber zu Anfang der sechziger Jahre mit seiner Erzählung „Ut de Franzosentid" und später mir dem Roman „Ut mine Stromtid" zur künstlerischen Gestaltung überging, Eharactere von größter Individualität in intimster Wahrheitsfassung dem rein menschlichen Interesse näher führte, da eroberte er sich im Fluge die höchste Dichterkrone, die Volksthümlichkeit. So auch Allers. Was sind das auch für warmblütige, characteristifche Gestalten von specifisch Hamburger Eigenart, was für mit liebenswürdigem Humor aus dem bürgerlichen Alltags- und Festtagsleben keck und frisch herausgegriffene Familienscenen! Zunächst im „Klub Eintracht". Da passiren sie an uns Revue, die Matadore des Kegelclubs, derbe, oft sogar vierschrötige Hamburger Gestalten, denen die Nahrung mit Aalsuppe, Roastbeaf und Rauchfleisch auf den Gesichtern geschrieben steht, dazu die derben Hausfrauen, altjüngferliche Tanten, frische Mädchen, niedliche Backfische und kecke Jöhren - alle strotzen sie von Gesundheit unb Lebenslust. Und nun werden uns die im Familienkreise getroffenen Vorbereitungen zu der Landpartie geschildert, welche der Kegelclub statutenmäßig bei einer gewissen Höhe des auS Strafgeldern angewachsenen Kassen-Ueberschusses zu veranstalten hat. Dann kommt der große Tag, da die Mitglieder mit Kind und Kegel auf dem Elbdampser in die Umgebung ziehen. Frische Genrestücke werden da erlebt bei den Gesangsvorträgen der Mitglieder, bei den Toasten ber Matadore, dem Kegelschub, den ländlichen Vergnügungen der Kinder zu Wasser und zu Lande und den ärgerlichen Zwischenfällen, welche den Hausherrn am Ende zu dem Stoßseufzer führen: „Zu Hause ist es doch am besten." — So wie hier in aller Schärfe und mit harmlosem, aus der Lebensbeobachtung geschöpftem Humor ein bestimmter Kreis des Hamburger Volksstammes geschildert wird, so auch in dem Mappenwerke: „Die Silber-Hochzeit". Vorzugsweise hat dieser Eyclus von Zeichnungen unserem Künstler die größte Beliebtheit eingetragen, vielleicht, weil die Vorkommnisse vor, bei und nach dieser Familienfeier wohl auch zu verallgemeinern sind. So ging es auch damals bei uns zu! mag wohl mancher Beschauer zu sich sagen, wenn er die kleinen Frictionen bei den Proben des hier zur Aufführung gelangenden Festspiels an sich vorüberziehen läßt. Wie der junge Handlungsgehilfe seinen Pegasus zur Abfassung des Stückes sattelt, wie die jungen Damen und Herren unter Vernachlässigung ihrer Berufspflichten im Comptoir und zu Hause ihre Rollen studiren, wie sie bei der Probe mit dem bühnenkundigen, daher regiesührenden Onkel in der wichtigen Frage, von welcher Seite ihr Auftreten stattfinden müsse, in Konflict gerathen- dies und der spätere Festverlauf mit ber Gratulation und der Festtafel wird uns mit großer Intimität geschildert. Dazu wieder eine prächtige Characteristik der Festtheilnehmer, in welcher sich der Typus der Hamburger Bürgersamilie mit scharf geprägter Individualität glücklich verschmilzt. Es gehört diese Bilderreihe zu dem Besten, was ein gesunder künstlerischer Realismus in der Gegenwart geschossen hat. — Die Nr. 10 des im Auftrage des Evang. Psarr- Vereins im Großherzogthum Hessen von Herrn Pfarrer Br. Naumann hier herausgegebenen „Hesfischen KirchenblatteS" hat folgenden Inhalt: 1. Kraft und Segen der Fürbitte-