Rr. 298 Erftes Blatt. Mittwoch dm 21. December 1892 Aer»sprecher 61. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen. HraLisöeikage: Hießener Jamitienötätter Alle Annoncen-Bureaux M In- und luftanbH nehm« Nnaahme von Anzeige« zu der NachmittLgS für bat folgenden lag erscheinenden Nummer bi« Sam. 10 Uh«. ’ besonderem Glanze gefeiert werden und u. A. der historische ■ „Fackeltanz" der preußischen Minister hierbei wieder zu Ehren - kommen. — Von den größeren, dem Reichstage bis jetzt neben der Militärvorlage und den Steuergesetzen zugegangenen Gesetzentwürfen liegt derjenige über die Regelung des Auswanderungswesens dem Parlamente schon seitdem 22. November, also seit Eröffnung des Reichstages, vor. In der Zeit bis zum Beginne der Weihnachtspause wäre gewiß Gelegenheit gewesen, die Generaldebatte über die Auswanderungs-Vorlage vorzunehmen, statt dessen ist aber letztere noch gar nicht einmal auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt worden, was einer absichtlichen Zurückschiebung des in seiner Art doch wichtigen Gesetzentwurfes recht ähnlich sieht. Es sollen denn auch in Reichstagskreisen schwere Bedenken gegen das Auswanderungsgesetz herrschen, das ja auch schon virrieljähriger ASo»«eme»tspreiSr 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Lxpediti-« und Druckerei: ' in Berliner Hojkreisen die thatsächlich ergangene Einladung an den Kronprinzen und die Kronprinzessin von Griechenland zur Theilnahme an der bevorstehenden Vermählungsfeier der * Prinzessin Margarethe von Preußen in diesem Sinne, doch ist eine Antwort auf die Einladung noch nicht eingetroffen. Uebrigens soll das Hochzeitsfest der Prinzeß Margarethe nach : dem kundgegebenen Willen ihres kaiserlichen Bruders mit Seitens der öffentlichen Meinung überwiegend eine ungünstige Aufnahme erfahren hat, und mit dieser Stimmung hängt vermuthlich auch die auffällige Zurückstellung der Vorlage zusammen. Die Annahme gewinnt daher an Wahrscheinlichkeit, daß das Auswanderungsgesetz in einer Commission „begraben" werden wird, falls die Regierung es nicht vorziehen sollte, gleich einen anderen Entwurf ausarbeiten zu lassen, der den Wünschen des Reichstages und weiter Volkskreise in der Auswanderungsfrage besser entgegenkommt. — Das vom Reichstage noch in seinem ersten Sessionsabschnitte beschlossene Nothgesetz zum Reichskrankenkassengesetz ist vom „Reichsanzeiger" soeben veröffentlicht worden. — Das jetzt aufgedeckte Factum, daß von der Firma Löwe in Berlin dem französischen Kriegsminister Boulanger im Jahre 1886 Maschinen zur Herstellung der Lebel-Gewehre angeboten worden sind, hat zu dem Zeitungsgerücht Anlaß gegeben, daß unter diesem Gesichtspunkte auch die Firma Krupp nicht einwandsfrei sei. Dieselbe soll nämlich nach den Behauptungen verschiedener Blätter Kriegsmaterial an Frankreich geliefert haben. Dem gegenüber wissen die osficiösen „Berl. Pol. Nachr." auf das Bestimmteste zu versichern, daß es schon seit Jahrzehnten unwiderruflicher Grundsatz der Firma Krupp sei, an Frankreich nichts von ihren Erzeugnissen zu liefern. Berlin, 18. December. Die Vorarbeiten zu einem Reichs-Seuchengesetz sind nahezu beendet. Der Gesetzentwurf ist im Reichsamt des Innern bereits vollständig ausgearbeitet und soll vor seiner Einbringung beim Bundesrath nur noch einer Überprüfung nach der verwaltungstechnischen Seite durch eine Conserenz der juristischen Mitglieder. des kaiserlichen Gesundheitsamtes unterzogen werden. Es liegt in der bestimmten Absicht der Reichsregierung, die Vorlage noch in dieser Session dem Reichstage zugehen zu lassen. — Man hält den „Berliner Politischen Nachrichten" zufolge nach wie vor an der Absicht fest, die Ausführungsbestimmungen über die Sonntagsruhe für Industrie und Handwerk vor ihrem Erlasse Sachverständigen zur Prüfung vorzulegen. Es soll demnächst eine kleinere Commission zusammentreten, welche sich dieser Aufgabe zu unterziehen haben würde. — Der Director des Reichs-Gesundheitsamtes, £)r; Köhler, liegt schwer erkrankt darnieder. Sobald die Umstände es gestatten, wird er sich zu längerem Aufenthalt an die Riviera begeben. Die Vertretung des Seuchengesetzes im Reichstage zu übernehmen, dürste er für absehbare Zeit außer Stande sein. — Der Berliner Oberbürgermeister Zelle § 2. Mit Geldstrafe bis zu 30 Mark, welche im Falle der Uneinbringlichkeit in Hast umgewandelt wird, werden bestraft: 1) Besitzer und Verwalter von Wirthschaften, welche Kindern, von denen sie wiffen oder annehmen müssen, daß dieselben noch schulpflichtig sind, den Aufenthalt in ihren Wirthslocalitäten ohne Begleitung Erwachsener oder das Herumtragen und den Verkauf der in § 1 genannten Gegenstände gestatten und die schulpflichtigen Kinder nicht alsbald aus ihren Wirthslocalitäten entfernen. Deutsches Reich. Berlin, 19. December. Zwischen den Höfen von Berlin und Athen besteht bekanntlich seit dem Uebertritte der Kronprinzessin Sophie von Griechenland zur griechischen Kirche eine gewisse Verstimmung, da namentlich Kaiser Wilhelm durch diesen Schritt seiner Schwester peinlich berührt worden sein soll. Nunmehr scheinen aber Versuche zur Wiederherstellung der früheren Beziehungen zwischen den beiden verwandten Höfen im Gange zu sein. Wenigstens deutet man 2) Eltern, Vormünder, Pfleger oder sonstige mit der ' Beaufsichtigung von Kindern betraute Personen, welche Kinder zur Begehung der in § 1 bezeichneten strafbaren Handlung anleiten, ausschicken, oder es unterlassen, dieselben von deren Begehung abzuhalten. 3) Gewerbetreibende, welche den vorstehenden Bestimmungen zuwider Kinder mit dem Vertreiben ihrer Maaren beauftragen. § 3. Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung im Gießener Anzeiger in Kraft. Gießen, den 15. December 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Polizeiverordnrmg betr. die Verwendung von Kindern zum Feilbieten und Verkauf von Vackivaaren, Blumen und sonstigen Gegenständen, und das Verbot des Besuchs von Wirthshäusern und Tanzlocalen von selten schulpflichtiger Kinder. Auf Grund des Art. 56 der Städteordnung wird hiermit nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 9. December 1892 zu Nr. M. I. u. d. Justiz 30223 für die Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet: § 1. Es ist untersagt, daß Kinder, welche aus der Volks- Der f&Uieuet Z^eiger erscheint täglich, «it Ausnahme bei Montags. Die Gießener XMtbcn dem Anzeiger «sichentlich dreimal Lei^elegl Gießener Anzeiger Kenerat-Unzeiger. Amtlicher Theil. Gießen, den 20. December 1892. Betr.: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler in 1893. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen s» die Grotzh. vürgermetfttreierr M fttdUi» Wir sehen Ihrem Berichte binnen acht Tagen darüber entgegen, wie viele Scheine Sie im Jahr 1893 für zum Bedecken zu bringende Stuten bedürfen werden. v. Gag ern. schule noch nicht entlassen sind, Backwaaren, Blumen, mit Ausnahme selbstgepflückier Feld- und Waldblumen, Kurz- waaren zum Zwecke des Verkaufs, oder zur Erlangung von Geschenken auf Straßen, öffentlichen Plätzen, in Wirthshäusern oder Privatwohnungen umhertragen. Auch ist solchen jugendlichen Personen "ver Besuch von Wirthshäusern und öffentlichen Tanzlocalen ohne Begleitung ihrer Eltern oder derjenigen, welche deren Stelle vertreten, wie Pflegeeltern, ; Vormünder, erwachsenen Verwandten und Bekannten, welchen i die Eltern ihre Kinder anvertraut haben, untersagt. Feuilleton. Die Wunschzettel. Weihnachtsoolle von Zo« o. Reuß. (Nachdruck verboten.) I. „Lebt wohl, Kinder! Es hat mir ganz famos bei Euch gefallen — zu Weihnachten komme ich bestimmt wieder," sagte Onkel Hoyer, indem er ausstehend das letzte Glas Nothwein austrank und sich den Pelz von dem harrenden Diener umhängen liefe. „So, der Eisbär wäre fertig!" schloß er, sich die riesige Pelzmütze auf den ergrauenden Kopf stülpend. „Der Abschied — nun so eilig, so überstürzend," klagte die junge Frau, indem sie sich an den väterlichen Freund schmiegte, um die letzten Augenblicke richtig auszukosten. „Ich bitte Dich, liebes Kind, halte den guten Onkel nicht auf," sagte der Gutsbesitzer von Wallhosen, „die Füchse stehen schlecht." Der Onkel war auch bereit. Väterlich küßte er die Nichte noch einmal aus die Stirn, dann folgte er dem Neffen aus der Thüre, um sich von demselben zu dem harrenden Gesährt geleiten zu lassen, das ihn nach der Eisenbahnstation bringen sollte. Plötzlich blieb er stehen und meinte: „Apropos, ich habe doch noch etwas vergessen!" „Was denn, Onkelchen?" frag Eva. „Gebt mir doch Euren Wunschzettel auf Weihnachten mit, damit sich unsereins nicht lange den Kops zerbrechen muß. Der Wagen mufe durchaus noch so lange warten." „Ach, Onkelchen, was Du lieb und gut bist!" „Ich ahne, daß Evchen eine lange Reihe Wünsche haben wird: ein paar neue Kleider und dergleichen. Natürlich auch wieder ein nxues Armband und Königsberger Marzipan, die größte Schachtel voll. Im vorigen Jahre war der Wunschzettel ellenlang." „Diesmal irrst Du Dich, Onkel," versicherte Eva felsenfest. „Wirklich? Ich zweifle daran," erwiderte Onkel Hoyer ungläubig. „Nun, Kinder, Ihr braucht Euch auch nicht gerade zu geniren. Es ist hoffentlich ein glückliches Weihnachtsfest, das wir miteinander feiern. Wer weiß, wie oft wir's noch zusammen erleben! Darum soll es mir diesmal auch nicht daraus ankommen, ein bischen tief in den Schubsack zu greifen." „Wirklich, Onkelchen?" „Heraus mit der Sprache?" „Ich habe dieses Jahr eigentlich nur einen einzigen Weihnachtswunsch, höchstens zwei," sagte die junge Frau überlegend und mit einem zärtlichen Blicke nach dem Gatten herüber. „Allerdings sind sie nicht klein!" „Ich warte darauf! Schieß los! . . . Und Du, Fritz?" wandte sich Onkel Hoyer von der Nichte an den Neffen. „Weiß der Kukuk, ich glaube, ich habe heute aus lauter Vergnügtsein die Spendirhosen an. Am besten, Ihr schreibt mir Eure Wünsche gleich aus einen Zettel, den ich mitnehmen kann. Mein Gedächtniß bekommt nämlich starke Löcher." Der junge Gutsherr von Wallhofen, eine kräftige, männliche Erscheinung, sah mit aller Zärtlichkeit des verliebten Ehemannes der reizenden Gattin nach, welche soeben aus dem Speisezimmer in das Wohnzimmer hinübertrat, um mit kurzem Entschluß das Eisen zu schmieden. Schon nach zwei Minuten kehrte sie mit einem verschlossenen Couvert zurück, welches sie dem harrenden Gatten übergab. Kühn gemacht, folgte nun auch Fritz von Wallhofen ihrem Beispiele, rife ein Blatt aus seinem Notizbuche, schrieb einige Worte, um sie gleichfalls Onkel Hoyer einzuhändigen, der sie in seiner Brieftasche barg. „So, nun ist alles in Ordnung, alles abgemacht! Nun kanns losgehen!" wandte sich der alte Herr zum Gehen. „Halt Dich tapfer bis auf Wiedersehen, Mädel! Du weinst doch nicht, Kleine?" Während der Eisbär unter Assistenz des Neffen glücklich die Freitreppe hinabkugelte und endlich wohl eingepackt im Wagen saß, stand Eva noch immer taschentuchwinkend oben am Fenster und empfing das letzte freundliche Nicken des alten^Herrn, der höchst befriedigt von seiner Besuchsreise nach der Stadt zurückkehrte. Ja, es war ganz charmant in Wallhofen, obgleich er auf der Jagd nur Löcher in die Luft geschossen hatte. Dank dem besseren Jägerglück des Neffen hatten die Fasanen aus der Mittagstafel aber doch nicht gefehlt, auch der Rorhwein hatte die vorschriftsmäßigen fünfzehn Grad gehabt. Sein liebes Bruderkind hatte es wirklich gut mit der Heirath getroffen. In solch behaglicher Stimmung holte Onkel Hoyer später im Coupe die beiden Wunschzettel der „Kinder" aus der Briestasche hervor, um sie zu studiren. „An meinen lieben Onkel Weihnachtsmann" stand auf dem von der Nichte empfangenen Briese zu lesen. Das Couvert öffnend, las er zu seiner Ueberraschung: „Lieber Onkel Weihnachtsmann, ich wünschte mir dieses Jahr nur einen hübschen Jagdwagen, in dem ich umherkutschiren kann, und eine Büchsflinte. Deine Dich zärtlich liebende Nichte Eva von Wallhosen." „Hm, hm, sonderbar!" machte der alte Herr, „höchst sonderbar, was fällt dem Mädel ein? Ihre Pensionssreundin, die eine Emancipirte ist, hat sie angesteckt!" — Dann den Wunschzettel des neuen Neffen auseinanderhaltend, las er zu abermaliger Ueberraschung: „Als Weihnachtsgeschenk erbitte ich mir von Deiner Güte ein Pianino und das „Gänsetiescl". . . „Donnerwetter, sind die Zettel verwechselt? Keineswegs, behüte!" Beide trugen vollgiltige Unterschrift und waren außerdem mit einem das bezügliche Monogramm zeigenden Couvert verschlossen. „Die neuen Moden sind doch ganz curios," knurrte der alte Herr, die Wunschzettel wieder in die Brieftasche schiebend. ist aus Lebenszeit als Mitglied des preußischen Herrenhauses berufen. — Der zum zweiten Bürgermeister von Berlin gewählte Rechtsanwalt Kirschner in Breslau hat die Wahl angenommen. — Der Abgeordnete Rechtsanwalt M u n ck e l ist zum I u st i z r a t h ernannt worden. — Dem Reichstag ist ein Bericht über die Thätig- fett der Reichs-Limes-Commission zugegangen. Die Erforschung und Aufdeckung des römischen Grenzwalles, welche gleich nach der Bewilligung der Mittel durch den Reichstag energisch in die Hand genommen wurde, hat darnach erfreuliche Fortschritte gemacht und werthvolle Ergebnisse geliefert. Der Schluß des Berichts lautet: „Die Erfolge der diesjährigen Herbstcampagne werden ein untrügliches Zeugniß für die Ersprießlichkeit des Unternehmens ablegen. Ueber die Bauart des Limes, seinen Uebergang über die Thäler und Lage der Thürme wurden neue Gesichtspunkte gewonnen. Die Erweiterungsbauten der Castelle, die doppelten Castelle an demselben Orte gewähren einen ungeahnten Einblick in die Geschichte der römischen Grenzbefestigung. Für die Er- kenntniß der Jnnenbauten der Castelle ist ein erhebliches Material gewonnen. Inschriften und Militärdiplome sind zum Vorschein gekommen, die uns die alten Namen der Ortschaften lehren. Ikucftc llacfcricbfcit. Wolffs telegraphisches Correspoudenz-Bureau. Hamburg, 19. December. Die Cholera-Commission des Senats theilt mit, bei der am 16. December ins Krankenhaus gebrachten Person sei gestern, bei der in vergangener Nacht erkrankten Person heute die Cholera durch die bacteriologische Untersuchung sestgestellt worden. Wie die „Börsenhalle" erfährt, handelt es sich um anscheinend leichte Fälle in der Stadt und in einem Vororte. Allen entgegenstehenden Gerüchten gegenüber kann die „Börsenhalle" constatiren, daß seit dem 13. December im Hasen kein einziger Cholerasall vorgekommen ist. Würzburg, 19. December. Die im September verschobene achtzehnte Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege findet im Mai n. I. hier statt. Depeschen deS Bureau „Herold". Berlin, 19. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Blättermcldung, wonach die Kosten des Denkmals für Kaiser Wilhelm I. 16 Millionen Mark betragen, als eine ungerechtfertigte Uebertreibung,- nach der vorliegenden Scizze seien es nicht einmal 8 Millionen. Berlin, 19. December. Die Samstagsnummer des „Socialist", des Organs der Unabhängigen, wurde beschlagnahmt. Berlin, 20. December. Auf eine diesbezügliche Anregung hin beschloß die Reichtztagssraction der socialdemokratischen Partei, einen Antrag vorzulegen, wonach der Dictatur- Paragraph in Elsaß-Lothring en aufgehoben werden fo11?. Berlin, 20. December. Die „Nat.-Ztg." veröffentlicht einen Brief aus Zanzibar vom 20. November, wonach Emin Pascha nicht tobt sei, sondern, nachdem er auf dem Wege zum Congo mit Rurnelize Blutsfreundschast geschlossen, m dessen Dienste zu treten beabsichtige. Breslau, 19. December. Die Deutsch-Socialen stellen für die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreis Liegnitz- Goldberg-Haynau den bekannten Rechtsanwalt Hertwig auf. Köln, 19. December. Der „Köln. Volksztg." zufolge nahmen die schottischen Stahlarbeiter eine zehn- procentige Lohnreduction an, 5pCt. ab heute, 5pCt. ab 19. Januar. Hamburg, 19. December. Das Gesundheitsamt meldet vom gestrigen Tage zwei Cholerasälle. München, 20. December. Prinz Ludwig hat das II. Junges Eheglück ist wie ein blühender Rosengarten, in welchem sich die Honig suchenden Bienen ein Stelldichein geben. Von nah und fern kamen Freunde und Verwandte zugereist, um das heitere junge Paar zu sehen, das durch Neigung und Verhältnisse zu vollem irdischem Glück berufen schien. Der gegenwärtige Gast war ein Referendar Rudolf Föllmer, der ein paar Tage vor dem Weihnachtsfeste in Wallhofen eintraf, um die Festtage daselbst zu verleben und die junge Frau feines Vetters kennen zu lernen. Der Gast war ein liebenswürdiger, feingebildeter, junger Mann, musikalisch und in der neuen Literatur äußerst belesen. Eine gewisse Melancholie, deren Grund nicht ersichtlich war, machte ihn besonders interessant. Auch stand der Vetter bald aus bestem Fuße mit der Cousine. Eva srug sich manchmal, was den lebensfrohen jungen Mann wohl drücken möge, und suchte in discretester Weise sein Vertrauen zu gewinnen, halb aus weiblicher Neugier, halb aus wirklicher Theilnahrne. Allmählich schien sich der Vetter auch eines Besseren zu besinnen und ward in Gesellschaft Evchens sichtlich heiterer. Man las, musicirte und plauderte immer eifriger zusammen, bis der Weihnachtstag herankam. Eoa hatte im Salon ihre junge Hausfrauenthätigkeit mit vielem Eifer und Geschick entfaltet und die hübscheste Bescheerung für ihre Hausgenoffen, die Armen und Dors- kinder aufgebaut. Am Nachmittag saß sie in ihrem Zimmer, um den Schreibtischteppich für den Gatten zu vollenden. Wenigstens die Stickerei sollte fertiggestellt werden, um den vollen Eindruck zu machen . . . Jetzt stach sie sich ein wenig in den Finger, ein Tröpfchen Blut drang hervor. Nach dem alten Mädchenglauben bedeutete das einen herzhaften Kuß! . . . Ja, der Gatte würde sich über das Geschenk freuen und der Kuß nicht ausbleiben. (Fortsetzung folgt.) Pro tectorat über den im nächsten Jahre stattfindenden Congreß der Journalisten und Schriftsteller übernommen. München, 20. December. Das „Fr e m d e n b lat t" wurde von einem katholischen Consortium, an dessen Spitze Gras Preysing steht, angekauft. Wien, 19. December. Die „Sonntagszeitung" erklärt, die österreichische Kriegsverwaltung beabsichtige nicht, das Stahlbronce-Material bei der Feldartillerie durch Krupps Nickelstahl zu ersetzen. Helfingborg, 19. December. Der bekannte Schriftsteller Santeson hat sich erschossen. Malta, 19. December. Infolge einer antisemitischen Broschüre ist die Bevölkerung von Malta in furchtbarer Aufregung. Es drohen Manifestationen gegen Eigenthum und Leben der Juden. Die israelitische Gemeinde richtete eine Petition an die Regierung, in welcher sie um Schutz fleht und erbat die Intervention ihrer englischen Glaubensgenossen. Der Gouverneur von Malta ergriff umfassende Maßregeln. Das Militär patrouillirt hauptsächlich in dem von Juden bewohnten Viertel. Localer unfc provinzieller. Gießen, 20. December 1892. — Ruhestands-Versetzung. Herr Regierungsrath Jost ist aus sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. Januar 1893 in den Ruhestand versetzt worden. Zum Nachsolger des Herrn Jost ist Herr Amtmann Melior in Darmstadt ernannt worden. — Von der Universität. Die Privatdocenten Dr. Gross und Dr. Günther sind zu außerordentlichen Professoren der Landes-Universität ernannt worden. — Verhaftet wurden gestern zwei junge Burschen wegen Betrugs, sie hatten bei einem hiesigen Kaufmann einen Anzug ausgeschwindelt. — In den Ruhestand verseht wurde: am 10. December l. Js. der Locomotivsührer bei den Oberhessischen Eisenbahnen, Philipp Babel zu Gießen, wegen geschwächter Gesundheit, mit Wirkung vorn 1. Januar 1893 an. — Ernennungen. Seine Königliche Hoheit der Groß- h erzog haben Allergnädigst geruht: am 10. December die provisorischen Lehrer: Nikolaus Koob an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen, Ludwig Freund an dem Gymnasium zu Mainz, Michael Dietrich an der Realschule zu Groß-Umstadt, Joseph Collin an dem Realgymnasium und der Realschule zu. Gießen, Dr. Jakob Kraus an der Realschule zu Darmstadt, Dr. Jakob Keil an dem Gymnasium und der Realschule zu Worms und Dr. Wilhelm Weißgerber am Gymnasium zu Bensheim zu Lehrern an diesen Anstalten zu ernennen. — In Amerika verstorbene Hessen. Buffalo: August Rössel, 65 Jahre alt, aus Oberhessen. Newark: Wilhelm Glatthar,39 Jahre alt, aus Saasen. Elizabeth: P. R eu t e r, 58 Jahre alt, aus Dolgesheim. — Jagd und Fischerei. Vom 15. December ab darf weibliches Rehwild nicht mehr geschossen werden. Die Heegezeit dauert bis 15. October. Mit dem 15. December ist die Winterschonzeit für Fische, welche am 15. October ihren Anfang nahm, zu Ende gegangen. — Der Getreidemarkt. Immer wieder macht sich auf dem deutschen Getreidemarkt eine Verstauung der Tendenz nach anfänglichen Anläufen zum Besseren bemerklich. Diese Erscheinung trat in der laufenden Berichtswochenamentlich am Berliner Platze hervor. Hier hatte der Getreidcmarkt zuerst eine ziemlich feste Haltung gezeigt, welche speciell im Roggengeschäft Platz griff und sich als die Folge eines Compromiffes zwischen den Hauptvertretern der Hausse und Baisse in Roggen auf den laufenden Monat erwies. Trotzdem gelangte aber alsbald eine erneute Verstauung zum Durchbruch, so daß im weiteren Verlause der Berichtswoche sowohl Roggen sich wieder billiger stellte, als auch Weizen einen abermaligen Preisdruck erlitt. Hafer verkehrte ruhig bei wenig veränderten Preisen. Eine auffallende Verschlechterung auf dem Productenmarkt hat Spiritus erfahren, was mit vorgenommenen starken Abgaben seitens der Spiri- tusfabrikanten und Sprithändler Zusammenhängen dürste. Es notirten an der Berliner Börse: Weizen pro 1000 Kilogramm von 145—157 Mark, Roggen von 128—136 Mark, Hafer von 135—154 Mark, Gerste von 115—160 Mark. Schotten, 19. December. Heute Morgen hatte unser Mitbürger Herr Hch. Wenzel wieder, wie schon einigemale, das Glück, durch seinen persönlichen Muth vielleicht größeres Unglück abzuwenden. Er warf sich nämlich vier durchgehenden Pferden mit Todesverachtung entgegen und brachte sie zum Stehen. Darmstadt, 18. December. Die hiesige Technische Hochschule ist im Wintersemester von 394 Studirenden und 89 Hospitanten besucht. Die Zahl der Hörer hat gegen das vorige Wintersemester nm 68 zugenommen. Mainz, 17. December. Eine Psründnerin des Jnva- lidenhauses hat sich gestern auf eigene Art das Leben genommen; sie gerieth durch Zufall in den Besitz einer gefüllten Petroleumkanne und trank den Inhalt voll' ständig aus. Die Frau wurde in das Hospital verbracht, es gelang aber nicht, sie am Leben zu erhalten. Westhofen, 16. December. Ein seltenes Unglück meldet der „Mainzer Anzeiger" von hier: Ein Schornsteinfeger- Lehrling wollte einen Kamin reinigen und begab sich zu diesem Zwecke auf dessen Innenseite empor. Kaum war er eine Strecke aufgeftiegen, so löste sich das Mauerwerk, der Kamin brach zusammen, die Trümmer und der Junge stürzten in den Hof. Bewußtlos wurde der Lehrling nach dem Wormser Krankenhause verbracht. Vermischter. * Frankfurt a. M., 19. December. Verhaftet wurde hier dieser Tage ein Schweizer Namens Chaile11 aus Zürich, der in Kaiserslautern in der Wirthschast „Zur grünen Laterne" mit einer Kaiserbüste, die er von einem herum - ziehenden Italiener erstanden, allerlei Unfug angestellt und dadurch, wie die „Psäl. Ztg." meldet, andere Gäste tief in ihren patriotischen Gefühlen verletzt hat. * Eisleben, 16. December. Aus dem gewerkschaftlichen „Glückhils-Schachte" bei Neststadt stürzten zwei Bergleute aus Gerbstädt ca. 100 Meter tief in den Schacht und waren auf der Stelle tobt. Beim Heben einer Haspel brach ein Brett, auf dem die Männer standen, was den furchtbaren Sturz zur Folge hatte. * Erfurt, 17. December. Der Oeconom Kästner aus Ober Heldrungen wurde in vergangener Nacht im Gasthofzimmer von dem Fuhrmann Schmidt durch Messerstiche ermordet. ♦ Osthauseu (Reichslande), 14. December. Den Eltern des am 17. September bei dem Eisenbahnunglück in Köln ums Leben gekommenen Kürassiers Schneider von hier ist von der Betriebs-Direction der Rheinischen Eisenbahn (Köln- Düren) eine Entschädigung von 20 000 M. ausgezahlt worden. * Mülhausen, 17. December. Eine sehr schlecht beleumundete, vorbestrafte Dirne ist mit ihrem Zuhälter wegen dringenden Verdachts der Entführung und der Betheiligung an dem Morde der Blanche Kahn verhaftet worden. Die Begleiterin der Kahn am Abende des Verschwindens derselben und noch zwei andere Kindere, die an jenem Abend von einer Frau unter den gleichen Vorspiegelungen von der Straße weggelockt wurden, aber den Lockungen kein Gehör gaben, wollen die verhaftete Frau als die Verbrecherin mit Bestimmtheit wiedererkannt haben. Weiterem Vernehmen nach ist auch ein Canalschiffer, dessen Schiff am 3 December, dem Tage des Verschwindens der Kahn, noch im Bassin hier lag und der gleich nachher mit seinem Schiffe das Bassin verließ, sestgenommen worden. * Es war keine Kleinigkeit für den Gerichtsvollzieher Petschick in Halle, einer im „Walhallatheater" auftretenden Künstlerin deren dressirten Löwen, ein Pferd und einen Hund abzupfänden und nach dem Verkaufslocale schaffen zu lassen. Am 15. d. M. steht im Gasthof „zur Stadt Berlin" Termin zum Verkaufe der gepfändeten Gegenstände an; eine Thatsache, wie sie nicht alle Tage zu verzeichnen ist. * In einer Höhle des Stadtwaldes von G lei Witz ist es, laut Mittheilung der „Voss. Ztg.", gelungen, eine sechs- köpfige Räuberbande dingfest zu machen. Bei der Entdeckung spielte der Zufall eine hervorragende Rolle. Es war einem Mann ausgefallen, daß eine Frau regelmäßig in der Mittagsstunde einen großen schweren Korb von der Lindenstraße nach dem Stadtwalde trug. Er schlich der Frau nach und sah, daß sie in dem Dickicht in eine Höhlenwohnung kroch. Auf die Anzeige dieser Wahrnehmung beschloß die Polizeibehörde, das Nest auszuheben. Der Gendarm Rabe aus Petersdorf warf sich in die Kleider einer Arbeiterfrau und der Geheimpolizist Glombitzer aus Gleiwitz verkleidete sich als Strolch. Aus diese Weise gewannen sie Einlaß in die Höhlenwohnung und sanden hier die Räubergesellschafk, deren Hauptmann ein heruntergekommener und vertrunkener Tischler Namens Przybylok aus Petersdorf-Ellguth war, vollzählig- und gerade beim Mittagsbrod vor. Särnmtliche Räuber wurden gefesselt und ins Gesängniß geführt. * Wien, 17. December. Mehrere steiermärkische Bezirkshauptmannschaften beschlagnahmten 270 000 Sensen in den Erzeugungsstätten der St. Egydyer Gesellschaft, weil entgegen dem Markenschutzgesetze die Marken vor der Fertigstellung der Sensen nicht angebracht waren. Die Grazer Statthalterei wies den Recurs ab; die Sensen werden als verfallen erklärt, zusammengeschlagen und als Rohmaterial veräußert. Der Erlös fließt dem Gemeinde-Armenfonds zu. * Auch eine Unfallversicherung. In London hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche die Familien gegen Zwillinge und Drillinge versichert! Bet der Geburt von Zwillingen zahlt sie 50 Lst., sind Drillinge gekommen, 75 Lst. * Amerikanische Schildbürger. Die Behörden der Stadt (Santon im Staat Missisippi haben unlängst folgende Beschlüsse gefaßt: 1) Der Bau eines neuen Gefängnisses wird hierdurch genehmigt; 2) das neue Gefängniß soll aus dem Material des alten gebaut werden; 3) bis zur Vollendung des neuen Gefängnisses wird das alte in seiner bisherigen Eigenschaft im Gebrauch bleiben. * Englische Rationalbelohnungen für Tapferkeit haben sich stets durch ihre Größe ausgezeichnet. Hiervon erhielt der Admiral Nelson mehrmals unzweideutige Beweise. Beim Angriff von Calvi verlor er ein Auge, bei dem von Santa Cruz wurde er am Arme verwundet und mußte diesen amputiren lassen; er erhielt dafür eine Pension von 1000 Psd. Der Sieg von Abukir brachte ihm eine zweite von 2000 Psd. ein, die auch aus seine beiden nächsten Erben überging. Die ostindische Compagnie schenkte ihm 10 000 Psd. Die Bourbonen in Neapel belohnten Nelson für ihre Einsetzung in Sicilien mit einem Herzogthurn und einer Dotation von 3000 Psd. Der Sieg bei Trafalgar würde ihn mit neuen Belohnungen überschüttet haben, wenn ihn nicht eine französische Kugel getöbtet hätte. Das Parlament übertrug seine Freigebigkeit auf die Familie des berühmten Todten; jede seiner beiden Schwestern erhielt ein Geschenk von 10 000 Psd. und sein ältester Bruder den Grafentitel und eine Rente von 6000 Psd. und 10 000 Psd. zum Ankauf von Grundstücken. — Am freigebigsten wurde der Herzog von Wellington belohnt. Nach der Schlacht von Talavera erhielt er eine Pension von 2000 Psd. und die Pairswürde mit dem Titel eines Baron Duro von Wellesley und Viscount Wellington os Talavera. Die Einnahme von Ciudad Rodrigo verschaffte ihm den Grafentitel und das Parlament vermehrte feine Pension um 2000 Psd. Nach der Schlacht bei Salamanca und der augenblicklichen Besetzung von Madrid erhielt er den Titel eines Marquis und ein»