Nr. 141 Dienstag den 21. Juni 1892 Der -teße«rr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener M<«rr»e«ßt»ttsr »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bei-elegt. Eichener Anzeiger Henerat-Mnzeiger. Vierteljähriger ArO«neme«t5preiF i 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Fernsprecher 61. 2(1«ts* «nd Anzeigeblatt süv den rlveis Gieren. ans Hratisöeitage: Hieß en er Iamitienötätter. in Alle Lnnoncen-vureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. SSMMW—————————— Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Abonnements - Einladung! Zum Bezug des „Gießener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1892 laden wir hiermit ergcbenst ein. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in knrzer objectivcr Uebersicht' zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Corrcspondenz- Burcans sowie zahlreiche Mittheilungcn aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser "stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b c r h e ff en ansässige Berichterstatter, istder „ Gießener Anzeiger ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kcnutniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhesscn betriebenen Land wirt Hs ch aft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Dheil werden lassen, daneben aber auch oie Beobachtungen nnd Erfahrungen in Haus- Wirth sch aft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten. Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaeben zu Nachdem begründete Klagen über die durch den Dachs der Gemarkung Bettenhausen angerichteten Beschädigungen bei uns vorgebracht morden sind, heben wir mit Ermächtigung Großh. Ministeriums des Innern und Justiz die Heegzeit dieses Wildes für die bezeichnete Gemarkung für die Monate Juni bis einschl. September l. I. hierdurch auf. Gießen, den 17. Juni 1892. Bekanntmachung, die Ausführung des Reichsgesetzes vom 1. Juni 1891 betr. Abänderung der Gewerbeordnung betreffend. Die nachstehende auf Grund d^s § 139a der Gewerbeordnung erlassene Bekanntmachung' des Bundesraths vom 29. April 1892 (R.-G.-Bl. Nr. 28) betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl. bringen wir hiermit unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß, daß die darin enthaltenen Bestimmungen mit dem 1. October d. I. in Kraft treten. Gießen, den 17. Juni 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl. Vom 29. April 1892. Auf Grund des § 139a der Gewerbeordnung in der Fassung des Gesetzes, betreffend Abänderung der Gewerbe- ordnung, vom 1. Juni 1891 (Reichs-Gesetzbl. S. 261) hat der Bundesrath die nachstehenden Bestimmungen, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Hechelräumen und dergl., erlassen: I. In Hechelräumen sowie in Räumen, in welchen Maschinen zum Oeffnen, Lockern, Zerkleinern, Entstäuben, Anfetten oder Mengen von ropen oder abgenutzten Faserstoffen, von Abfällen oder Lumpen im Betriebe sind, darf jugendlichen Arbeitern während des Betriebes eine Beschäftigung nicht gewährt und der Aufenthalt nicht gestattet werden. Die Karden (Krempel) für Wolle und Baumwolle fallen unter die vorstehende Bestimmung nicht. II. In Fabriken mit Räumen der unter Nr. I Absatz 1 fallenden Art muß in den Räumen, in welchen jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, neben der nach § 138 Absatz 2 der Gewerbeordnung auszuhängenden Tafel eine zweite Tafel ausgehängt werden, welche in deutlicher Schrift die Bestimmungen unter Nr. I wiedergiebt. III. Die vorstehenden Bestimmungen treten mit dem 1. Oktober 1892 in Kraft und an Stelle der durch die Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 20. Mai 1879, betreffend die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Spinnereien (Centralbl. für das Deutsche Reich S. 362), verkündeten Bestimmungen. Dieselben haben für die Dauer von zehn Jahren Gültigkeit. Berlin, den 29. April 1892. Der Stellvertreter des Reichskanzlers. von Boetticher. Deutsches Reich. Berlin, 19. Juni. Der Bundesrath ist, während der Reichstag schon längst seine Geschäfte beendigt hat, noch immer bei der Arbeit. So hielt der Bundesrath am Freitag Nachmittag eine Plenarsitzung ab, in welcher verschiedene Ausschußberichte, ferner Petitionen und die vom Reichstage angenommene Novelle zur Gewerbeordnung, wonach der Be- I wollen. Nenhinzutretcndc erhalten vom Tape der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postftei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weiterscnden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht aus- drückliche Abbestellung erfolgt. Hochachtend Verlag des „Gießener Anzeiger" _____________Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch). Amtlicher Theil. Bekanntmachung, betreffend Aufhebung der Heegzeit des Dachses. Feuilleton. H kirne. Ein Bild aus dem Leben. (Schluß.) Als der junge Mann nach Beendigung der Tanzpromenade seine schöne Partnerin wieder Frau v. Wallenberg zusühne, erkundigte sich dieselbe besorgt bei ihrer Tochter, wie ihr diese erste Anstrengung bekommen sei. Aber lachend erwiderte Helene, daß sie sich noch nach viel mehr Bewegung sehne und die Mutter hatte auch gar feine Zelt, Einwendungen zu erheben, denn alsbald hatte sich ein Kreis von Herren um Helene versammelt, um sie für die nachfolgenden Tänze zu engagiren und im Nu sah das schöne Mädchen seine elegante Tanzkarte mit Namen bedeckt. Nur behielt sich Frau v. Wallenberg ihr „Veto" vor, die von Helene eingegangenen Engagements wieder rückgängig zu machen, sobald sie dies im Interesse von Helenens Gesundheit für nothwendig er- -achten würde. Felix, welcher sich natürlich auch für verschiedene Rundtänze aus Fräulein v. Wallenbergs Karte eingeschrieben hatte, tanzte gleich die nächste Tour, einen Walzer, mit der Geliebten und nicht nur die Augen der Frau v. Wallenberg folgten dem herrlichen, in der That to;e für einander geschaffenen Paare mit stolzem Entzücken und Bewunderung, sondern auch von anderen Seiten äußerte man offene Bewunderung über das herrliche Paar. Aber dennoch gab es auch Augen, welche neidisch auf Felix und Helene schauten,- unverwandt folgte Irma Blankenstein, welche es abgelehnt halte, sich an diesem Tanze zu betheiligen, von ihrem Platze aus mit eifersüchtigen Blicken jeder Bewegung ihrer Rivalin um die Liebe Felix v. Mertens und leise zischten die Lippen vor sich hin: „Wie strahlend sie ist — wie blendend! Die Krankheit hat ihre Schönheit nur erhöht, und er, er liegt ganz augenscheinlich auss Neue in ihren Fesseln, mdeß ich Thörin glaubte, ihn endlich für immer erobert zu haben. Aber nur Muth, ^uth, feiges Herz, vielleicht wird sich's doch noch zeigen, wer .Siegerin bleibt !" Und gewaltsam ihre innere Erregung niederkämpsend, erhob sich Irma Blankenstein und trat zu einer Gruppe befreundeter Damen, um unbefangen an deren Gespräch theilzuuehmen. Die Walzermusik war verrauscht und Helene hatte sich glückstrahlenden Blickes von Felix zu ihrem Platze zurückgeleiten lassen. Ihre Wangen zeigten ein lebhaftes Roth, die Augen blitzten vor Erregung, aber wiederum wies sie die von der Mutter geäußerten Besorgnisse scherzend zurück und bald flog Helene aufs Neue, diesmal mit einem anderen Tänzer, dahin und auch den nächsten Tanz konnte sie sich nicht versagen, wenngleich ihre Wangen glühten, die Augen fieberisch zu glänzen begannen und die Pulse stürmisch klopften. Aber von allen Seiten sagte man Helene Schmeicheleien, theils fade, theilS geistreiche, über ihre Schönheit, ihr blühendes Aussehen, ihre Tanzkunst, von allen Seiten drängte sich die Schaar ihrer Bewunderer und längst dachte sie nicht mehr daran, wie Dr. Werner der Mutter möglichste Schonung für Helene anempfohlen hatte und die eitle Mutter selbst schien die Warnungen des alten Arztes über den Triumphen, welche ihre Tochter feierte, vergessen zu haben, denn sie sand kein Wort ernsten Widerspruchs mehr, wenn Helene immer wieder in das wogende Meer der Tanzenden entführt wurde. Der letzte Tanz vor der allgemeinen Pause wurde jetzt vom Orchester eingeleitet und Felix war für denselben abermals in Helenens Karte eingezeichnet. Mit dem Ausdrucke zärtlicher Besorgniß ruhten indessen seine Blicke auf dem Antlitze des jungen Mädchens, denn die fieberhafte Röthe, welche aus den Wangen Helenens brannte, schien in der That dasür zu sprccheu, daß sich die kaum Genesene allmälig doch zu viel zugemuthet habe und lebhaft drang der junge Mann in Helene, den bevorstehenden Tanz wenigstens auszufetzen. Mit einem reizenden Schmollen bestand Helene jedoch daraus, noch einmal vor der großen Pause zu tanzen, und versprach sie, sich für den übrigen Theil des Balles einer um so größeren Zurückhaltung zu befleißigen und, da sie ihre Erhitzung auf die allerdings sehr schwül und drückend gewordene Temperatur im Saale zurückführte,- so ließ sich Felix in seinen liebenden Bedenken nur leicht beschwichtigen und bald glitten beide in den Wogen des Tanzes dahin. .Mein Himmel," sagte einer der zuschauenden Herren zu einem neben ihm Stehenden, „ist denn das nicht Helene von Wallenberg, die dort mit mit dem jungen Mertens dahinfliegt? Mein Onkel hat ihr ja noch heute früh feinen ärzt- lidjen Besuch abgestattet und sich nachher mir gegenüber geäußert , wenn Fräulein von Wallenberg wirklich auf den heutigen Ball ginge, könne er für nichts stehen . . . und nun ist sie doch erschienen — welch ein Wahnsinn!" //Und doch," erwiderte der Angeredete, „würde dem Balle die Krone fehlen, wenn Fräulein von Wallenberg nicht anwesend wäre, sie ist, unter uns gesagt, die Schönste der Schönen, nur —“ Ein Schrei ans der Mitte der Tanzenden unterbrach den Sprecher und alles drängte erschrocken der betreffenden Stelle zu, während die Musik mit einer grellen Dissonanz ubbrach — Helene v. Wallenberg lag leblos in den Armen des Geliebten, der noch immer wie erstarrt auf die theuere Last blickte. Mitten im Tanzen hatte Helene mit einem Aufschrei nach ihrer Brust gegriffen, um dann wortlos in die Arme ihres Tänzers zurückzusinken, der wie betäubt unter der Wucht des entsetzlichen Unglücks dastand. Da ertönte ein neuer Schrei — Frau v. Wallenberg hatte die Gruppe erblickt und wollte sich verzweifelnd auf den regungslosen Körper der geliebten Tochter stürzen, aber ohnmächtig brach sie selbst zusammen. Die furchtbarste Verwirrung und Bestürzung herrschte im Saale, doch rasch entschlossen trugen einige Herren Frau v. Wallenberg nach einem Nebenzimmer, um sie hier der Fürsorge der anwesenden Damen zu überlassen, mäbrenb- man die Tochter nach einem anderen Zimmer brachte. Ein Arzt war hier rasch zur Stelle, aber er konnte nur noch den eingetretenen Tod des noch vor wenigen Minuten so übermütig und heiter sich gebenden schönen Mädchens con- ftatiren und vergebens fnieetc Felix in heller Verzweiflung neben dem leblosen Körper nieder, um das weiche Haar von den blaugeränderten Schläfen zurückzustreichen, den pulölosen Arm zu drücken, nach dem Klopsen deS Herzens zu horchen. — Helene war tobt. sähigungsnachweiS für daö Baugewerbe einzusühren ist, be- rathen wurden. Der Tag des Schlusses der lausenden BundeSrathS'Session ist noch nicht bekannt. Berlin, 18. Juni. DaS Abgeordnetenhaus nahm in seiner heutigen Sitzung daS Militäranwärter-Gesetz in der vom Herrenhause abgeänderten Fassung an. Der Gesetz- entwurs betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Schulen wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Das HauS verweigerte auch die Ermächtigung zur strafrechtlichen Bersolgung des „Vorwärts" wegen Beleidigung des Hauses. Es folgte die Berathung von Petitionen. Die nächste Sitzung ist aus Montag um 11 Uhr angesetzt. In derselben kommt die Interpellation des Abgeordneten Dr. Sattler betreffend die Entziehung des Zuschuffes für die Königlichen Theater in Hannover, Caffel und Wiesbaden zur Verlesung. Hieraus wird die dritte Berathung des Gesetzes betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Schulen begonnen werden. Berlin, 18. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ein dem Bundesrathe vorgelegtes Abkommen zwischen Deutschland und der Schweiz betreffend den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz nebst der beigefügten Denkschrift. Berlin, 18. Juni. Fürst BiSmarck ist um 4 Uhr 50 Min. am Lehrter Bahnhof eingetroffen und wurde per Bahn nach dem Anhalter Bahnhof übergesührt. Der Bahnhof war polizeilich abgesperrt. Die Abfahrt nach Dresden erfolgte 51/2 Uhr. — Fürst BiSmarck ist gelegentlich seiner Rette von Friedrichsruh nach Wien zur Theilnahme an der Hochzeitsfeier seines Sohnes Herbert aus sächschem Boden ganz besonders ausgezeichnet worden. Er traf um Samstag Abend in Dresden ein und nahm im Hotel Bellevue Absteigequartier- aus dem großen Platze vor genanntem Hotel wurde dann dem Altreichskanzler, dem Ehrenbürger der sächsischen Hauptstadt, ein großartiger Fackel- und Lampionzug, verbunden mit Liedervorträgen, dargebracht. Bei der am Sonntag Vormittag 11 Uhr vom Böhmischen Bahnhose aus erfolgten Weiterreise des Fürsten Bismarck nach Wien war er nochmals Gegenstand gewaltiger Ovationen seitens der angesammelten vieltausendköpfigen Menge. Auch in Pirna wurden dem Altreichskanzler, obwohl der Zug daselbst nur ganz kurzen Aufenthalt hatte, begeisterte Huldigungen dargebracht. — Die kleine Schweiz macht fortgesetzt bemerkens- werthe Anstrengungen, um ihre Wehrkraft möglichst zu stärken. Der neueste Schritt, der nach dieser Richtung hin bevorsteht, ist die Bewaffnung und militärische Ausrüstung des schweizerischen Landsturms bereits im Frieden. Der Bundesrath hat soeben der Bundesversammlung eine bezügliche Denkschrift zugehen laffen, welche die Nothwendigkeit der vorgeschlagenen Maßregel mit dem Hinweis aus die fortschreitenden Rüstungen der Nachbarländer der Schweiz und überhaupt auf die politische Lage Europas begründet. Freilich sind angesichts der bedeutenden Ausgaben, welche die Bewaffnung und Ausrüstung des schweizerischen Landsturmes schon im Frieden erfordern würde, sehr lebhafte Auseinandersetzungen hierüber in der schweizerischen Volksvertretung zu erwarten. Neiffe, 18. Juni. Der „Neiffer Zeitung" zufolge sind von Emin Pascha Briefe in Neisse eingegangen, welche vom März bis December 1891 bahrten und die unsäglichen Mühsale, den Hunger und den Derrath der mitgegangenen Aequatorialleute schildern. München, 18. Juni. Der hiesige preußische Gesandte Gras Eulenburg erhielt eine Einladung vom Kaiser zur Theilnahme an der Nord land fahrt. München, 18. Juni. Nach einer Meldung aus Passau ist der dortige Donauquai überschwemmt/ weiteres Steigen des Wassers wird befürchtet. Hierselbst waren die Dämme der Isar heute noch ungefährdet, jedoch wird Steigen der Gebirgszuflüffe gemeldet. 2lu»lanö. Wien, 18. Juni. Die Bahnpolizei und die polittschen Behörden der tschechischen Städte, besonders Kolin, welche Bismarck morgen auf seiner Fahrt hierher passirt, erhielten die Weisung, Demonstrationen gegen Bismarck energisch zu verhindern. Kalnoky begibt sich heute nach Schönburnn, um den etwaigen Besuch Bismarcks außerhalb Wiens entgegenzunehmen. Pest, 18. Juni. Infolge häufig vorgekommener Pfändungen von Abgeordnetendiäten wurde heute ein Antrag eingebracht, nach dem die Diäten nicht mehr Gegenstand einer Pfändung bilden können. Die Verhandlung des Antrags erfolgt nächsten Freitag. Rom, 18. Juni. Der Kassirer der Bank Viterbo wurde vom Sohne seines Dieners erdolcht. Als dieser entdeckt wurde, erhängte er sich. Durch einen in seiner Tasche gefundenen Zettel entdeckte die Polizei ein weit verzweigtes Anarchistencomplot, dem durchweg junge Burschen an* gehören. Paris, 18. Juni. Heute Vormittag wurden mehrere Anarchisten, darunter ein Italiener Namens Mascara, verhaftet, welche verdächtigt sind, an dem Attentate im Restaurant Very theilgenommen zu haben. Neueste Nachrichten. Wolsss telegraphisches Correspondenz-Bureau. Königsberg, 19. Juni. Das gestern Abend zu Ehren der deutschen Landwirthschasts-Gesellschast in der Börse veranstaltete Concert nahm einen glänzenden Verlaus. Justizrath Reich-Meyken brachte einen Toast aus aus das gastfteundliche Königsberg, der Oberbürgermeister einen solchen aus die Frauen und Hosrath Eydt aus die deutschen Sänger. Mittags hatte unter dem Vorsitze des Obermarschalls im Königreich Preußen, Gras zu Eulenburg - Praffen, die Hauptversammlung stattgesunden, die ein Ergebenheitstelegramm an den Kaiser absandte. Die nächste Wanderausstellung soll im Jahre 1894 in München und sodann eine solche im Jahre 1895 in Köln stattfinden. Zum Präsidenten der Gesellschaft für die Jahre 1892—94 wurde Prinz Ludwig von Bayern gewählt, der die Annahme des Vorsitzes in Aussicht gestellt hatte. Dresden, 19. Juni. Der Fürst und die Fürstin Bismarck sind heute Vormittag um 11 Uhr 20 Min. nach Wien weitergereist. Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges erschien der Fürst auf dem böhmischen Bahnhofe und wurde im königlichen Wartesalon von dem Grafen und der Gräfin Rantzau begrüßt, die von Prag eingetroffen waren. General v. Kufferow hielt eine kurze Ansprache an den Fürsten, nach der das zahlreich anwesende Publikum das Lied „Deutschland, Deutschland über Alles!" anstimmte. Der Zug verließ unter Zurufen des Publikums die Halle. Dresden, 19. Juni. Aus die Ansprache des HosrathS Dr. Osterloh bei der gestrigen Ovation erwiderte Fürst Bismarck, er danke für die ehrenvolle Begrüßung. Er vertrete eine abgeschlossene Vergangenheit und werde nie wieder eine öffentliche Stellung einnehmen. DaS Band, welches das deutsche Volk umschlinge, sei von höchstem Werthe, Deutschland stehe Frankreich, England und Rußland nicht nach; im Frieden und im Kriege habe es viel Arbeit gegeben, viel habe König Albert gethan. Der Fürst schloß mit einem Hoch auf den König. Depeschen deS Bureau „Herold". Bochum, 20. Juni. Das Polizeiverbot, betreffend die Volksversammlung für Fusangel, wurde vom Regierungspräsidenten aufgehoben. Die Versammlung kann daher stattfinden. Wie«, 20. Juni. Fürst und Fürstin Bismarck sind gestern Abend 10 Uhr 10 Min. zur Hochzeitsfeier des Grasen Herbert Bismarck hier eingetroffen. Am Bahnhofe wurden sie von den Familiengliedern und Reichsdeutschen begrüßt. Vor dem Bahnhofe waren viele Studentenverbindungen, welche Bismarck begrüßten. Der Fürst nebst Gemahlin fuhren durch die Wallnerstraße nach dem Palais Pallfiy. Später zogen Studenten unter den Rufen „Hoch Schönerer", „Hoch Bismarck", „Juden nieder", nach der ab- gesperrten Wallnerstraße. Aus die Weigerung, auseinanderzugehen, hieb die Sicherheitswache mit flacher Klinge ein und verhaftete dreizehn Personen. CocaXe# tmt provinzieller. Silben, 20. Juni 1892. — Wie wir vernehmen, wird unser berühmter Landsmann Carl Vogt, ein geborener Gießener und in den vierziger Jahren Professor der Zoologie an unserer Universität, jetzt Professor in Genf, morgen mit einem Theil seiner Familie hier eintreffen, um noch einmal einige Tage in seiner Vaterstadt zu verleben. — Oberhesfischer Geschichtsverein. Der Verein unternahm am 12. Juni seinen ersten Sommer-Ausflug nach Laub ach. Die Betheiligung der Mitglieder war erfreulich, das Wetter vorzüglich, der Weg von Grünberg über die Bingmühle nach Laubach schön, aber durch Jrregehen über Gebühr lang. Nach einem gemeinsamen Frühstück versammelten sich bann im Saale ber Casino-Gesellschaft bie Mitglieber bes Vereins; auch eine größere Anzahl von Herren aus Laubach hatten sich einge- funben. Herr Dr. Röschen, ber z. Zt. mit ber Verwaltung bes gräflichen Archivs betraut ist, hatte 11 Ansichten von Laubach ausgestellt - bie älteste Aufnahme batiert von 1610. Besonbers werthvoll ist ein großes SDelgemälbe aus ber Mitte bes vorigen Jahrhunberts. Auch eine Ansicht bes Klosters Arnsberg in seiner alten Pracht unb Herrlichkeit aus den ersten Jahren unseres Jahrhunberts kurz vor bem Abbruche erregte bie Aufmerksamkeit ber Versammlung. Außerbem war eine Urfunbe 1340 (Vollmacht-Ertheilung an Ulrich von Münzenberg) ausgestellt, worin ber frühere Bestand des Amtes Laubach zum erftenmale verzeichnet ist. Um 11 Uhr erschienen Se. Erl. Friedrich, Graf zu Solms-Laubach, Otto, Gras zu Solms-Laubach, Max, Gras zu Solms-Rödelheim. Hierauf ergriff Herr Dr. Röschen das Wort zu seinem Vortrage über die Geschichte von Laubach. Der Vortrag gründete sich vornehmlich aus das in bem Archiv für hessische Geschichte vorhanbene Material, auf bas Hanauische Urkunben- buch unb auf bie vom Grasen Rubolph verfaßte Geschichte bes Hauses Solms, sowie insbesonbere auf bie im Gräflichen Archive vorhandenen Urkunden und Acten. Auf 11 Jahrhunderte erstreckt sich bie Geschichte von Laubach. Zum ersten- male wirb Laubach urkunblich genannt in karolingischer Zeit, unb zwar in bem Breviarium bes (786 verstorbenen) Heiligen Lullus, bem „liberi homines“ 10 Huben unb 3 Mansus zu Laubach für bas Kloster Hersfelb übergaben. Sobann erscheint Laubach in den Summarien bes sulbischen Mönches Eberharb. Die Kirche zu Laubach als bem Kloster Hersfelb gehörig wirb schon 1057 genannt. Von Hersfelb erfolgte auch insbesonbere ber Anbau ber Gegenb. Dies zeigt vornehmlich eine IXrfunbe von 1183, aus welcher außerbem hervorgeht, baß bie Herren von Münzenberg bie Vogtei über bie Gegenb inne hatten. Daß bas Kloster Hersfelb bas „officium villicationis“ zu Laubach besaß, zeigen verschiebene Urkunben bes 13. Jahrhunberts. In der Folge finden wir Laubach als hersseldisches Lehen an bie Herren von Hanau. Dieselben erscheinen zu Laubach zuerst im Jahre 1278. Nach einer IXrfunbe von 1288 verpflichtet sich Ulrich von Hanau feine Befestigungen in Laubach ohne Einwilligung bes Lanb- grasen von Hessen anzulegen. 1341, 19. October, berfaufte Ulrich von Hanau Burg unb Dorf Laubach mit allem Zubehör an seinen Eibam Philipp von Falfenstein. 1404 quittiert Abt unb Convent zu Hersfelb, baß sie an Philipp von Falfenstein bie Rechte bes Klosters zu Laubach abgetreten haben. In ber Bestätigungsurfunbe des Papstes Jnnocenz von 1405 wirb Laubach zum erftenmale als Stabt (oppidum) bezeichnet. Redner verwies auf bie im nächsten Banbe bes Hessischen Archivs in Regesten erscheinenben stäbtischen Urfunben. Nach dem Aussterben ber Falfensteiner (1418) kam Laubach an bas Haus Solms, unb zwar an bie Johannes-Linie. Sobann ging Rebner genauer aus ben Bestaub unb bie Rechtsverhält- nisse ber Grasschast Solms-Laubach ein. Ebenso würben die Kriegsereignisse ber letzten Jahrhunderte genauer dargestellt. Insbesondere wurde hierbei auf die vom Grafen Friedrich und W. Matthäi herauSgegebene Wetterselder Chronif verwiesen. Auch die Ereignisse des siebenjährigen Krieges wurden ausführlicher behandelt. Vier Gefechte fanden während dieses Krieges bei Laubach statt (vgl. 5. Jahresbericht und Bd. III der Mittheilungen des oberbeff. Geschichtsvereins). Auf Grund der im Gräfl. Archiv vorhandenen beschworenen Angaben der Gemeindevorsteher beliefen sich die gefammten Kriegsschäden von 1758—62 auf die Total - Summe von 354,323 fl., 22 albus. Ebenso waren die französischen Revolutionsfriege für Laubach verhängnißvoll. Hierbei machte Redner interessante Mittheilungen aus ber Corresponbenz bes Grasen Friebrich Lubwig Christian (bes letzten souveränen Grafen). Die Wunben sinb jetzt vernarbt- zum Schluffe behanbelte Rebner Pie alte Lateinschule in Laubach, bereu Schul-Protofolle noch vorhanben. 1597 erreichte sie eine Schülerzahl von 104. Rebner fnüpste hieran bie burch bie Opserwilligfeit beö Grasen Friebrich 1875 erfolgte Grünbung bes Gymnasiums, von welcher Zeit an ein sichtliches Aufblühen von Laubach batiert. Rebner schloß mit bem Wunsche, baß bas freuubliche Stäbtchen in gleicher Weise weiter blühen unb gebeihen möge. Im Anschluß baran sprach Herr cand. C. Ebel von Gießen über bas Herrengeschlecht berMüuzenberger, bas nicht in ber Wetterau, sonbern in ber Dreieich wurzelt. Eberharb von Hagen, beffen Familie bie Reichsvogtei über biefen Forst besaß, heirathete Gertrub, bie Erbtochter Konrabs von Arnsburg unb beffen Gattin Mathilbe v. Bilstein. Konrab war ber letzte seines Stammes - sein Eufel, ber Sohn Eberharbs unb Gertruds, nannte sich Konrab von Hagen unb ArnSburg. Er war es, ber ben Berg Müuzenberg vom Kloster Fulba eintauschte unb sehr wahrscheinlich ben Bau ber Burg begann. Die Vollenbuug bes Münzenberger Schlosses fällt jebeusalls vor 1166, ba von ba an sich Konrabs Sohn, Cuno, Herr von Müuzenberg nennt. Dieser hebt bas von seinem Vater gestiftete Kloster Altenburg auf unb grünbet bie Cistercienser- abtei Arnsburg. Er war Reichserbfämmerer, wirb in ben Urfunben vir potens genannt unb besaß bie Vogtei in ber Gegenb von Laubach unb ber von Nierstein. Seine Gattin, eine Geborene v. Nüringen, gebar ihm zwei Söhne, Cuno II. unb Ulrich. Der erstere staub in bem Kamps zwischen Friedrich II. unb Otto IV. auf feiten Ottos, währenb Ulrich zu Friebrichs Partei trat. Cuno II. starb kinberlos, Ulrich ba- gegen, ber zweimal vermählt war, hinterließ acht Kinber, von denen ber eine Sohn, Cuno III., bei Lebzeiten bes Vaters mit biefem in ©üterftreitigfeiten gerieth. Cuno III. unb sein Bruber Ulrich II., bie letzten männlichen Sprossen bes Hauses Hagen Arnsburg, starben beibe kinberlos, so baß mit ihrem Tobe bie Münzenbergische Erbschaft eröffnet wurde (1256). An ber Discussion über bie beiben nahe verwanbten Vorträge beteiligten sich S. E. Gras Friebrich, Oberbibliothefar Dr. Haupt, Dr. Röschen unb cand. Ebel. Herr Dr. Haupt legte noch bas Stubeuteualbum bes Joh. Schräg, Solmensis, vom 16. unb bem Anfang bes 17. Jahrhunberts vor, in welchem auch zahlreiche Einträge ber Mitglieber bes Solms- 'schen Hauses vertreten sinb. Schräg machte große Reisen, hielt sich in Gießen, Marburg, Straßburg, Paris, ben Nieber- lanben, Prag unb in Italien auf. S. E. Graf Friebrich bemerkte barauf, baß ein ähnliches Album in ber gräflichen Bibliothek zu Laubach sich befinde. Daraus wurde mit Dank für das Erscheinen ber Gäste bie Versammlung geschlossen. Nach bem gemeinsamen Mittagsmahl in ber „Traube" begab sich bie Gesellschaft in das gräfliche Schloß, um unter gütiger Führung bes erlauchten Besitzers bie Schätze ber Bibliothek unb bes Archivs zu besichtigen. In ersterer waren es be- sonbers kostbare Pergamente mit wunbervollen Silbern unb Initialen, sowie neuere Bilbwerke, in letzterem bie Hanauer unb Falfensteiner Urfunben, sowie bie Solmsischen von 1420 | bis 1627. Auch werthvolle Kaiserurfunben, sowie verschiedene ältere Karten, Kricgspläne unb Abbilbungen würben gezeigt. Besonbers banfenswerth war auch, baß bie Biiberschätze in ben gräflichen Familienzimmern betrachtet werben fonnten. Mit allerverbindlichstem Danf verabschiedete sich daraus ber Gießener Verein von seinen Laubacher Mitgliedern, um rechtzeitig über Hungen zurückzufehren. D. Ztg. — Die Nr. 12 bes im Auftrage bes Evang. Pfarrvereins im Großherzogthum Hessen von Herrn Pfarrer Dr. Naumann hier herausgegebenen „Hessischen KircheublatteS" hat folgenbett Inhalt: 1. Wahr unb wahrhaftig allerwege! 2. Die Pfarrvereine. 3. Zur Katechismusfrage. 4. Die vierte orbentliche evangelische Lanbessynobe: 12. bis 15. Sitzung, 10. bis 13. November 1891. IV. 5. Pfarrwittwenpensionen. 6. Das erste Halbjahr bes Hessischen Kirchenblattes für 1892. 7. Mitglieber bes Evang. Pfarrvereins im Großherzogthum Hessen. 8. Psarrverein unb Kirchenblatt. 9. Die Vertrauensmänner. 10. Zusammenfünste ber Pfarrvereinsmitglieber. 11. Anzeigen. -h Wieberum hat bie hiesige Rudergesellschaft einen hervorragenden Sieg auf der gestrigen Franfsurter Regatta errungen, indem dieselbe um den vom Ministerium gestifteten „Staatspreis" (ein silberner vergoldeter Pofal) ruderte und mit Ueberlegenheit gegen die Vereine von Franfsurt a. M., Offenbach a. M. unb Mainz als erste burchs Ziel ging. — Im zweiten Rennen fuhren bie Gießener Junioren gegen bie Senioren von Mainz, Hanau, Mannheim, Höchst und liefen bei vorzüglichem Styl aus ben zweiten Platz. Das Rennen würbe zweifellos auch von Gießen gewonnen worden sein, wenn nicht unb zwar im letzten Augenblick vor bem Start angesichts ber Leistungen unserer Junioren bie Mainzer zwei ihrer bewährtesten Senior-Ruberer inS Boot gesetzt hätten. Die errungenen Preise unb Ehrenzeichen Isinb in ben Schau- , fenstern bes Herrn Wilhelm Reiber ausgestellt.