Nr. 192 Freitag de» 19. August 1892 KichcuerÄiMiger Kenerat-Anzeiger. V-3 Amts- und Anzeigeblatt für den Avers Greben. Hratisöeikage: Hießmer Jamikienökatter. Alle Lvnoncen-Vureoux bei In- und LuZlanbrS nehm« Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger^ entgegen. Innnhm« Bon Anzeigen zu der Nachmittags für bat folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Bona. 10 Uhr. Redactton, Expedition und Druckerei: KchRtstratze Ar.J. FrrBsprecher 51. vierteljähriger AdoRnemeBtsPreisr 2 Mark 20 Psg. mir Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Die Gießener »erden dem Anzeiger »dchentlich dreimal beigelegt. Der Oießener Anzeiger erscheint täglich, *it Ausnahme deS Montags. Anrtlicher Therl. Gießen, den 16. August 1892. Betreffend: Maßnahmen gegen die asiatische Cholera. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen arr die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreise-. Da nach dem Uriheil Sachverständiger die in und bei Paris herrschende Epidemie unzweifelhaft als asiatische Cholera zu betrachten ist, und bei dem lebhaften Verkehr, der von oort her über die deutsche Grenze stattfindet, die Möglichkeit besteht, daß eine Verschleppung der Seuche eintritt und plötzlich im Inland Fälle von Cholera vorkommen, so hat es Großh. Minlsterium des Innern und der Justiz für räthlich erachtet, zunächst diejenigen Maßnahmen zu treffen, welche für die Verbefferungen der öffentlichen Gesundheitsverhältniffe allgemein förderlich sind und welche in geeigneter Weise und rechtzeitig zur Ausführung gebracht, als Schutzmaßregeln gegen den Ausbruch und die Verbreitung der in einem Nachbarlande in Besorgniß erregendem Maße aufgetretenen Seuche in Anwendung zu kommen haben. Hiernach sehen wir uns zu folgenden Anordnungen veranlaßt: Da allgemein durch die Erfahrung feststeht, daß diejenigen Orte und solcheOrtstheile von epidemischen Krankheiten bestimmter Art zumeist betroffen werden, deren Untergrund theils durch die natürliche Lage und Bodenbeschaffenheit, theils durch sonstige Mißstände und fehlerhafte Einrichtungen von den Abfällen oeS menschlichen Haushalts, namentlich durch Abtritts- und Senkgruben, oder durch Ansammlung anderweiter zur Fäulniß geneigter Stoffe sehr verunreinigt ist und welche ferner ugleich der genügenden Entwässerung entbehren, so weisen vir Sie vor Allem an, insoweit als es die lokalen Ver- zältnisse der einzelnen Orte oder Ortstheile angezeigt er- cheinen lassen, alsbald eine Revision sämmtlicher daselbst )elegenen Hofraithen vorzunehmen. Diese Revision, bei oelcher Sie sich von Mitgliedern des Gemeinderaths oder ?on einer besonders zu bestellenden Commission, sowie von >em Ortsdiener wollen begleiten lassen, hat sich auf die in )en einzelnen Hofraithen und deren nächsten Umgebung herrschende Reinlichkeit zu erstrecken und insbesondere dem Zustande der Aborte, der Art des Abflusses der flüssigen Abgänge aus den Haushaltungen und aus Gewerbebetrieben, owie der Ansammlung festerer der Fäulniß unterliegender Rückstände aus diesen die Aufmerksamkeit zuzuwenden. Richt ninder Beachtung verdient die Reinlichkeit beim Betriebe der äandwirthschaft und Viehzucht und empfiehlt es sich, die Dunggruben und Abflüsse aus diesen einer Besichtigung zu rnterziehen, auch die Stallungen, insbesondere die Schweine- tälle, namentlich solche, welche in enggebauten Orten und nchrbewohnten Ortstheilen sich befinden, auf ihre Reinhaltung u prüfen. Je nach Befund werden Sie alsbald die Hausbesitzer zur sofortigen Entleerung der Aborte, Dung- und Senkgruben unter Anwendung von Desinfectionsmitteln, zur 'lbfuhr der Ablagerungen fester Art aus dem Haushalt, der ^andwirthschaft oder dem Gewerbebetrieb und zur Reinigung er Hofraithen überhaupt anhalten und bei deren Säurnig- eit alles Nothwendige auf Kosten der hierzu Verpflichteten vornehmen lassen. Einer fortgesetzten leberwachung Ihrerseits wird insbesondere die Reinhaltung er innerhalb der Hofraithen und auf den Straßen befind- :chen Gossen, Schlammfänge und Abzugsgräben empfohlen, eren gründliche Ausspielung unter Anwendung reichlicher Laffermengen an jedem Morgen und Abend stattfinden soll, ^ie müssen es als ihre Aufgabe betrachten, durch regelmäßige md fortgesetzte Visitationen von der Reinhaltung der Hof- aithen Einsicht zu nehmen und die Wiederansammlung von Ibsallstoffen irgend welcher Art, welche durch ihre Aus- ünstung Lust und Boden zu verunreinigen geeignet sind, urch Ihr Einschreiten zu verhüten. Bei den einschlägigen lntersuchungen und Maßnahmen verdienen namentlich die- enigen Oertlichkeiten Beachtung, welche sich seither bei Aus- ruch epidemischer Krankheiten in vorwiegendem Maße unsauber nd disponirt erwiesen haben. In allen öffentlichen Anstalten und in Localitäten, welche on vielen Menschen besucht zu werden pflegen, ist von ,bnen die Desinfection der Aborte und Pissoirs, namentlich uch eine mehrmals im Tage wiederholte reichliche Wasier- mlung der letzteren anzuordnen, also insbesondere auf allen ^lsenbahnstationen, in Kranken- und Armen- ausern. Schulen, Haftlocalen, in Gasthäusern, virthfchaften, Herbergen und Logirhäusern, sowie 1 etlmugen für Arbeite, errichteten Cantinen und dergleichen. Eme wettere aufmerksamere Fürsorge haben Sie der Be- -affung reinen, und ausreichenden Trinkwassers, sowie eines reichlichen für Reinigung-- und Spülungszwecke erforderlichen Brauchwassers zuzuwenden. Brunnen, Quellen und Wasserleitungen sind sorgfältig reinzuhalten und solche öffentliche oder Privatbrunnen, welche nach der Erfahrung ein unreines oder an sich verdächtiges Wasser haben, zu schließen oder doch nicht zum menschlichen Genuß zuzulassen. Den Victualien und zwar nicht nur den in dem Marktverkehr, sondern auch den in den übrigen Betriebsstätten zum Verkauf kommenden, sowie den autzgeschänkten Getränken ist von Ihnen eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Eine verschärfte Aufsicht haben Sie ferner auf die Reinlichkeit bei der Ausübung derjenigen Gewerbe zu richten, welche die Anwohner durch übele Ausdünstung belästigen und werden Ihrer polizeilichen Ueberwackung insbesondere empfohlen. Schlachthäuser und Hausfchlächtereien, Seifensiedereien, die Lager von Knochen, Häuten und Lumpen bei Sammlern und Händlern. Indem wir Sie im Uebrigen auf die bezüglich der Reinhaltung der Ortsstraßen bestehenden Reglements und Vorschriften, auf Art. 112 des Polizeistrafgesetzes, welcher mit Srr.ffe bedroht, wenn Jemand verunreinigte, Ekel erregende odec üblen Geruch verbreitende Gegenstände auf Ortsstraßen oder öffentliche Plätze wirst, schüttet oder abfließen läßt, auf Art. 309 des Polizeistrafgesetzes, wonach crepirte oder getödtete Hunde und Katzen, sowie crepirte neugeborene Schweine und anderes dergleichen kleines Vieh von deren Besitzern oder in deren Auftrag von dem Wasenmeister oder dessen Stellvertreter entweder auf dem Wasenplatze oder an einem anderen, dem Eigenthümer zur Verfügung stehenden Orte binnen 24 Stunden bei Vermeidung von Strafe verscharrt werden müssen und bei Strafe verboten ist, dergleichen kleines Vieh in das Wasser zu werfen, auf die Bestimmungen des Art. 322 des Polizeistrafgesetzes über die Verunreinigung von Brunnen, Quellen und Cisternen, sowie auf diejenigen des Art. 325 des Polizeistrafgesetzes über Reinlichkeit in Schlachthäusern, oder in Werkstätten, in welchen Lebensmittel zubereitet oder verkauft werden, verweisen, empfehlen wir Ihnen die vorstehend erörterten Maßnahmen alsbald zur Ausführung zu bringen und die Durchführung der für nothwendig erkannten Schutzvorkehrungen bei deren Wichtigkeit für das Gemeindewohl sich thunlichst angelegen sein lassen, auch Ihre Polizeidiener zur strengen Ueberwachung der von Ihnen getroffenen Anordnungen anzuhalten. Wir sind überzeugt, daß die Ortseinwohner bei sachgemäßer Belehrung aus freiem Antriebe Ihnen Ihre Aufgabe werden erleichtern helfen. Sollte es Ihnen in einem einzelnen Falle bei dem Mangel zutreffender besonderer polizeilicher Vorschriften nicht möglich sein, gesundheitsschädigenden Mißständen in Häusern und Hofraithen entgegenzutreten und die bezüglichen von Ihnen zunächst zu versuchenden gütlichen Aufforderungen zur Beseitigung dieser Mißstände unbeachtet bleiben, so wollen Sie uns hiervon Anzeige machen, ingleichen wenn Sie in bestimmten Fällen bezw. für bestimmte Localitäten ganz besondere Maßnahmen für nothwendig erachten sollten. lieber das von Ihnen Veranlaßte, sowie über das Er- gebniß der von Ihnen vorgenommenen Revisionen sehen wir Ihrem Berichte unfehlbar spätestens innerhalb vierzehn Tagen entgegen. Binnen gleicher Frist wollen Sie sich darüber äußern, ob im Falle des Bedürfnisses in Ihren Gemeinden besondere Locale, in welchen eine hinlängliche Jsolirung von Cholerakranken ermöglicht ist, alsbald bereit gestellt werden könnten. Diese rechtzeitige Fürsorge erscheint namentlich deshalb von großer Wichtigkeit und darum thunlichst zu erstreben, weil eine Weiterverbreitung der Cholera in der Regel nur dann verhütet werden kann, wenn es möglich ist, den oder die ersten Erkrankten aus ihren Wohnungen und dem Verkehr mit anderen Personen zu entfernen. Andererseits finden erfahrungsgemäß viele Kranken in ihren Wohnungen in der Familie nicht die genügende Pflege und kann die Jsolirung innerhalb der Wohnungen in der Regel nicht so ausreichend statthaben, daß eine weitere Uebertragung dieser Krankheit verhütet werden könnte. ___________v. Gagern. Gießen, den 16. August 1892. Betr.: Ausführung der Feuerlöschordnung, hier Ausrüstung der Feuerwehren mit Beilen, Signalhörnern und Pfeifen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen M di« «rotzt). Bürgermeisterei«,, »ts At«tf«i. Unter Bezugnahme auf die wegen Anschaffung der für die Feuerwehren erforderlichen Ausrüstungsgegenstände er- laffenen früheren Verfügungen benachrichtigen wir Sie, daß die Lieferung der Be'le, Signalhörner und Signalpfeifen Sei. tens der hiermit betrauten Firmen nunmehr erfolgt ist. Es wird einer jeden von Ihnen dieser Tage eine besondere Mittheilung über die Zahl der für die einzelnen Gemeinden bestimmten Gegenstände und über die hierfür zu leistenden Zahlungen zugehen. Für jetzt geben wir Ihnen folgende Weisungen: Zur Ersparung von Portokosten sind die Gegenstände hier in Gießen gelegentlich abzuholen. Die Beile sind bei uns in Empfang zu nehmen. Als Tag, an welchem mit dem Abholen begonnen werden kann, bestimmen wir Samstag den 20. August l. I. Es ist uns, damit die Auslieferung der Beile sich möglichst rasch vollzieht, erwünscht, daß Sie, wenn möglich, Alle an diesem einen Tag dieselben in Empfang nehmen lassen, wir wollen indeß, falls Sie diesen Samstag keine Gelegenheit haben, die Beile noch eine Woche länger aufbewahren, müssen aber bestimmt erwarten, daß sie im Laufe der nächsten Woche dann abgeholt werden. Den mit der Abholung der Beile von Ihnen beauftragten Personen wollen Sie eine schriftliche Legitimation mitgeben, damit wir ihnen die Beile ohne Bedenken aushändigen kmnen. Die Pfeifen und Signalhörner sind direct bei der Musikalien- und Jnstrumenten-Handlung von Ernst Challier, Gießen, Neuenweg 9, gegen baare Zahlung des aus der Ihnen zukommenden besonderen Verfügung ersichtlichen Preises abzuholen. Die Empfangnahme kann beginnen Samstag den 20. August l. I. und muß ebenfalls spätestens am folgenden Samstag beendet sein. Die bis dahin noch nicht abgeholten Instrumente werden den betreffenden Bürgermeistereien auf deren Kosten unter Postnachnahme zugesendet werden. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend die Heegzeit der Feldhühner. Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat mit Rücksicht auf den Stand der Ernte und der Weinberge bestimmt, daß mit dem 22. August d. I. die Jagd auf Feldhühner im ganzen Großherzogthum, mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten, in welchen die Heegzeit mit dem 31. d. M. endigt, eröffnet sei. Gießen, den 17. August 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 17. August. Von den Entscheidungen des Kaisers in verschiedenen schwebenden Fragen, welche alsbald nach der Rückkehr des Monarchen aus England erwartet wurden, sind bis jetzr zwei gefallen. Sie betreffen bekanntlich einerseits die Herrfurth-Crisis, anderseits das Berliner Weltausstellungsproject. In beiden Angelegenheiten haben die Kaiserlichen Entschließungen nichts Ueberraschendes gezeitigt. Denn wie es längst feststand, daß der Kaiser das Entlassungsgesuch des Ministers Herrfurth genehmigen und den Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg zum Nachfolger Herrsurths ernennen würde, so galt es auch allseitig als gewiß, daß die Kaiserliche Entscheidung in Sachen der Berliner Weltausstellung in ablehnendem Sinne ausfallen würde, und so ist es ja auch geschehen. Von verschiedenen Seiten wird nun noch eine dritte Entscheidung des Kaisers als unmittelbar bevorstehend angekündigt, diejenige über die signalisirle neue Militärvorlage. Indessen kann dies noch nicht als so unbedingt sicher gelten, denn gerade in dieser Angelegenheit lauten die Meldungen sehr widerspruchsvoll und man wird demnach die weitere Entwickelung der schon vielerörterten Militärfrage einfach abwarten müssen. — Das Comite für die Berliner Welt allste l l u n g will ungeachtet der gegen das Unternehmen ausgefallenen Entscheidung des Kaisers, wonach also ein Eintreten der Reichsregierung für das Project definitiv ausgeschlossen st, seine Sache noch nicht aufgeben. Das Comitv hat zunächst beschlossen, den von 147 Vertretern der Großindustrie und onstigen angesehenen Persönlichkeiten unterzeichneten Aufruf zu Gunsten der Weltausstellung zu veröffenilichen, toomtt der Beweis erbracht werden soll, daß zahlreiche maßgebende Factoren die Bestrebungen des genannten Ausschusses billigen. Auch noch andere Schritte plant das Comite, um den Welt- ausstellungsgedanken wenigstens lebendig zu erhalten, außerdem beabsichtigt es, für eine deutschnationale Ausstellung einzutreten. Wie indessen die Dinge einmal liegen, kann von der ferneren Thätigkeit dieses Comites vorerst schwerlich irgend ein praktischer Erfolg erwartet werden. — Von der Frage der angekündigten deutsch-russischen Handelsvertragsunterhandlungen ist es in letzter Zelt wieder recht still geworden. Dies liegt indessen wohl nur daran, daß diejenigen Vertreter der Reichsregierung und dxr preußischen Regierung, zwischen denen kürzlich die mehrtägigen Vorerörterungen in dieser Angelegenheit stattgesunden haben, gegenwärtig zum Theil beurlaubt sind. Es steht zu vermuthen, daß nach der Rückkehr der betreffenden Herren nach Berlin die direkten Verhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung auf Grund der gepflogenen Vorerörterungen zur Eröffnung gelangen werden. — Der Stellvertreter des Frhrn. v. Soden, des Gouverneurs von Deutsch Ostafrika, Corvetten- capitain Rüdiger, ist in Berlin eingetroffen und sollte er dieser Tage in Potsdam vom Kaiser empfangen werden. Herr Rüdiger gilt bekanntlich als zum Nachfolger des Herrn v. Soden designirt und könnte sein Empfang durch den Kaiser diese Vermuthung nur verstärken. Ob unter der Verwaltung Rüdigers die Dinge in unserer ostafrikanischen Colonie eine erfreulichere Wendung nehmen würden, müßte freilich noch sehr abzuwarten sein, denn Herr Rüdiger war bis zu seiner vor kaum Jahresfrist erfolgten Ernennung zum Stellvertreter des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika ein vollständiger Neuling in afrikanischen Angelegenheiten. Ausland. — Während die Choleraepidemie in Rußland in manchen Gegenden Plötzlich nachläßt, grassirt sie in anderen Districten um so heftiger- auch ergreift sie immer wieder bislang seuchenfrei gewesene Gouvernements. So ist die Cholera jetzt auch in Taurien, also am unteren Dnjepr, aufgetreten und im Dongebiet fordert sie noch viele Opfer. Dagegen scheint sie in Astrachan, Baku und einigen anderen, von der Cholera ursprünglich heimgesuchten Orten endlich erloschen zu sein. — Aus der Insel Sicilien blüht die Räuberromantik noch immer, wie einige in letzter Zeit daselbst vorgekommene freche Banditenstreiche beweisen. Der weitaus schlimmste von ihnen aber ist der Fall des reichen Gutsbesitzers Bilotti aus Caltanisetta. Bilotti wurde von Briganten überfallen und fortgeschleppt, aber dann ermordet, als sich die Herbeischaffung des verlangten ungeheueren Lösegeldes von 500000 Francs um einige Stunden über die festgesetzte Frist hinaus verzögerte- nachher versuchten die Unholde den Leichnam zu verbrennen. Der Vorgang ries in der ganzen Umgegend von Caltanisetta ungeheuere Erbitterung gegen die Mordbuben hervor und die Bevölkerung leistete dem Militär so that- kräftigen Beistand in der Verfolgung dieser Räuberbande, daß dieselbe jetzt bis aus ein Mitglied gefangen genommen worden ist. Hoffentlich wird die italienische Regierung endlich mit außerordentlichen Maßregeln zur Unterdrückung des sicilia- nischen Banditenthums vorgehen, selbst ein Dictator müßte nöthigensalls eingesetzt werden. Nach anderen Mittheilungen wäre der unglückliche Billoti von den Räubern sogar lebendigen Leibes verbrannt worden, welcher Umstand hauptsächlich die furchtbare Erbitterung der Bevölkerung hervorgerusen haben — Aus Deutsch'Ostafrika kommt eine sehr erfreuliche Kunde. Sie besagt, daß der Compagnieführer Johann mit der von chm befehligten deutschen Expeditionstruppe die völlig unversehrte Kilimandscharo st ation kampflos wieder besetzt hat. Wie erinnerlich, war diese wichtige deutsche Station im Hinterlande der ostafrikanischen Colonie von den Ueberresten des Bülow'schen Corps schließlich geräumt worden, da die Station gegen einen ernstlichen Angriff der feindlichen Schwarzen doch nicht zu halten gewesen wäre. Wenn sie nun jetzt von den Deutschen ohne Kampf wieder besetzt werden konnte, so beweist dies hinlänglich, wie sehr die Wirkungen der Niederlage der Bülow'schen Truppe überschätzt worden sind. Neueste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 17. August. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Der Minister der öffentlichen Arbeiten bestimmte anläßlich wiederholter Beschwerden des Publikums über unzureichende Einstellung von Nichtrauchercoupes, daß in allen der Personenbeförderung dienenden fahrplanmäßigen Zügen die Hälfte der Coupes zweiter Klasse ohne Einrechnung der Frauencoupes und die Hälfte der Coupes dritter Klasse einschließlich der Frauencoupes als Nichtraucher- coupes zu bezeichnen sind. Berlin, 17. August. Im Rittersaale des Schlosses sand heute die Nagelung der neuen Fahne des Füsilierbataillons des 3. Gardercgiments statt. Der Nagelung folgte die Weihe im Capitelsaale durch den Oberpfarrer Frommel im Beisein des katholischen Feldpropstes Assmann. Die Ueber- gabe erfolgte im Lustgarten mit einer Ansprache des Kaisers, worin er aus den 18. August 1870 als einen Ehrentag des Regiments hinwies und die Erwartung aussprach, daß Bataillon werde auch unter der neuen Fahne seine Schuldigkeit thun und falls sie einmal vor dem Feinde entrollt werde, mit ihr siegreich und mit Ehren bedeckt heimkchren. Der Oberst dankte und brachte ein dreimaliges Hurrah auf den Kaiser aus. Nach dem Parademarsch ritt der Kaiser an der Spitze des Regiments nach der Kaserne. Berlin, 17.August. Die Deputation aus Helgoland wird heute Abend 81/4 Uhr aus der Lehrter Bahn aus Helgoland hier eintreffen und wird dieselbe während der Dauer ihrer Anwesenheit in Berlin als Gäste Sr. Majestät des Kaisers und Königs im „Hotel Continentale" Wohnung nehmen. Breslau, 17. August. Der „Schlesis-ten Volkszeitung" wird aus Ostrowv gemeldet, vom russischen Ministerium sei einem Consortium in Kalisch die Conzession zum Bau einer Tcrtiärbahn von Kalisch nach der preußischen Grenze er- theilt worden. Wien, 17. August. Gestern Vormittag fand in Mauer bei Atzgersdors die Exhumirung der Leichenreste der im Jahre 1866 dort gefallenen sächsischen und österreichischen Krieger, sowie die feierliche Beisetzung derselben in einem neuen gemeinsamen Grabe aus dem Friedhöfe des Ortes statt. Die zehn Särge, in denen sich die Leichenreste befanden, waren reich geschmückt. Der Feier, zu welcher zwei Compagnien mit der Musik ai-,sgerückt waren, wohnten der deutsche Botschafter Prinz Reuß, der sächsische Brigade-Commandeur Generalmajor Zeschau, Feldzeugmeister Scudier, Feldmarschall- Lieutenant Schmidt, Generalmajor Schmedes und der Oberst Müller vom 46. Infanterie-Regiment mit dem Osfizierscorps, sowie Vertreter der Behörden bei. Die Einsegnung wurde von dem Militärpsarrer Koffer und dem Superintendenten Severini vollzogen, welche Trauerreden hielten. Wien, 17. August. Der „Neuen Freien Presse" wird aus Salonichi gemeldet: Im dortigen Zollamte wurde eine für Belgrad bestimmte Kiste mit 5 Kilogramm Dynamit aufgefunden. Der Aufgeber der Kiste sei ein von Frankreich mit einem französischen Passe kommender Russe. Er sei verhaftet und nach Konstantinopel gebracht worden. Paris, 17. August. Nach einer Meldung aus Havre von heute wurden dort mehrere Fälle eines cholera- artigen Durchfalles constatirt- man schreibt dieselben der herrschenden tropischen Hitze zu. Petersburg, 17. August. Dem Vernehmen nach beschloß die Getreidecommission in ihrer am Montag abgehaltenen Sitzung die Aufhebung aller noch bestehenden Getreide- aussuhrverbote. Die hierauf bezügliche Publikation ist in den nächsten Tagen zu erwarten. Petersburg, 17. August. Amtlich. Gestern erkrankten an Cholera in Petersburg 70 Personen- fünf genasen und fünf starben. Rewyork, 17. August. Die Weichen st eller der Newyork Centralbahn, der Buffalo Rochester und der Buffalo- Pittsburg-Eijenbahn sind in den Strike getreten. Die Miliz von Rochester und Elmira hat Befehl erhalten, nach Buffalo abzugehen. Die Bergleute der Gegend von Oliver- spring legten Dynamit unter die Schienen, nm die Miliz am Passiren durch die vom Strike berührten Strecken zu verhindern. Die Miliz wird deßhalb den Marsch über die Berge nehmen. Der Personenzug wurde von den Bergleuten am Coalcreek angehalten. Man glaubt, alle in Buffalo mündenden Eisenbahnen werden den Betrieb einstellen. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 17. August. Auf den hiesigen Fernsprechämtern wurden am 15. d. M. 40 Telephonarbeitern per 1. October gekündigt. Dieselben sollen durch Arbeiterinnen ersetzt werden. Für October stehen weitere zahlreiche Kün- d gungen bevor. Berlin, 17. August. Nach dem „Confectionär" wird in Stadtverordnetenkreisen die Candidatur des Reichstagsabgeordneten Schrader für den Posten des Berliner Oberbürgermeisters in Erwägung gezogen. Berlin, 17. August. Hier herrscht eine Hitze von 35 Grad, ebenso wird aus den östlichen Provinzen eine ungewöhnliche Hitze gemeldet. Köln, 17. August. Laut der „Köln. Volksztg." hält der Rheinisch-Westfälische Roheisenverband am Samstag eine Sitzung ab, wobei eine Preiserhöhung von einer Mark für Thomasschienen zu erwarten ist. Beuthen, 17. August. In Koßtow bei Myslowitz wurden gestern drei französische Offiziere und eine Dame als Spione verhaftet und in das Myslowitzer Gefängniß eingeliefert. In derselben Nacht wurde ein Luftballon über dem Grenzfluß Pozemsa in der Richtung von Sosnowice mit -Wei Insassen gesehen. München, 17. August. Der Magistrat der Stadt beabsichtigt eine Eingabe an die Kreisregierung und den Reichstag behufs Genehmigung der Erhebung eines Localweinaufschlags durch die Gemeinden. Paris, 17. August. Gestern herrschte hier eine Hitze von 37 Grad. Paris, 18. August. Der „Tempö" meldet aus Rom, der Besuch Stambulosss beim Sultan habe den Eintritt der Türkei in den Dreibund zum Zwecke gehabt. Charleroi, 18. August. Das Feuer in der Grube 3 in Anderlues nimmt stetig zu. Es wird die Weiterverbreitung aus die anderen Gruben befürchtet. . Locales unö jArovinzrclles. Gießen, 18. August 1892. — Ansmarsch ins Manöver. Heute Vormittag 9 Uhr ist das Regiment „Kaiser Wilhelm" zu den Manövern ausgerückt. Das Regiment fuhr in zwei Extrazügen zunächst nach Darmstadt, in dessen Umgebung Brigade Hebungen stattfinden. Die Schlußmanöver finden in dem durch gute Quartiere bei unseren Soldaten beliebten Rheinhessen statt. — Abermals Feuer in Heuchelheim. Heute Vormittag 2/46 Uhr brach daselbst wieder ein Brand aus, der eine Scheune und einen Stall einäscherte. Die Brandstelle ist in der Nähe derjenigen von der vorigen Samstag-Nacht. — Das am 16. d. M. ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 22) enthält u. A.: Verzeichnis; der Vorlesungen auf der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität zu Gießen im Winterhalbjahr 1892—93. — Erledigte Lehrerftellen. Erledigt sind: Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemcindeschule zu Semd, Kr. Dieburg, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist ein Theil des Organistendienstes verbunden. Zwei mit evangel. Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Dudenhofen, Kr. Offenbach, mit einem jährlichen Gehalte von je 900 Mk. — Von hessischen Ausstellern wurden bei der diesjährigen Geflügel- und Vogel-Ausstellung der Gesellschaft der Vogelfreunde in Frankfurt a. M. prämiirt: für die beste Gesammtleistung in Tauben und Brieftauben B. Schwan jun. in Gießen mit einer silbernen Staatsmedaille- für die beste Nummer Fasanen oder Zierenteu derselbe mit einer broncenen Medaille des Clubs deutscher und österr.-ungar. Geflügelzüchter- A. Lust in Offenbach a. M. mit einer broncenen Medaille des Leipziger Geflügelzüchtervereins. Die beiden Genannten befinden sich auch unter den Ausstellern, die noch Ehrenpreise im Werthe von 10 bis 60 Mark erhielten. — Heber den gesteigerten Sountagsverkehr seit Einführung der Sonntagsruhe berichten Frankfurter Blätter: Der Sonntagsverkehr ist, wie ein Berichterstatte'r zu melden weiß, um 42 pCt. stärker als im Vorjahre. Die letzten Züge führen meist zahlreich Güterwagen mit sdch, in welche man Bänke gestellt hat. Die Restaurateure 'der Taunusortschaften sind in diesem Jahre zufriedener und z.inige erzählen, daß sie seit zwanzig Jahren so gute Geschäfte nicht gemacht hätten. Ein Wirth in Eppstein z. B. schätzt seinen Umsatz auf das Fünffache wie im Vorjahre. Am letzten Sonntag wurden gelöst nach Eppstein 2800 Karten, nach Cronderg 1900, nach Homburg 3100, nach Mainz 1300, nach der Bergstraße 1800, nach Wilhelmsbad 600, nach Wiesbaden 900 und nach den Stadtwaldstationen etwas über 2000. Die Züge in den Odenwald und Taunus waren schon frühzeitig dicht besetzt, die Hessische Ludwigsbahn mußte eine große Anzahl Güterwagen heranziehen und mit Bänken ausstatten. Der Abendzug um 9 Uhr von Soden war so stark besetzt, daß die Bahn alles verfügbare Material in Dienst stellen mußte. Aehnlich war es in Cronberg und Homburg v. d. H. Am Nachmittag war Bornheim, wo Kirchweih stattfand, das Ziel eines ununterbrochenen, dorthin wallfahrenden Menschenstromes, welcher dafür sorgte, daß den Wirthen von den vorräthigen Eß- und Trinkwaaren nichts übrig blieb. Wo in der Nachbarschaft ein Fest gefeiert wurde, so in Bonames Kirchweihe, Homburg Velocipedwettsahren, Heppenheim Gesangsfest, Cronberg usw., fand man Frankfurter, und zwar überall in sehr starker Vertretung. — Hoffentlich trägt dieser gesteigerte Verkehr nicht zu einer Verteuerung der Restaurationspreise bei, sondern die Wirthe sollten billigerweise eher das Gegentheil im Auge haben, da ihnen der größere Verdienst sozusagen in den Schooß gefallen ist. — Die Communalsteuer-Ausschläge für die Gemeinden des Großherzogthums für das Jahre 1892/93 sind nun nahezu vollständig veröffentlicht. Die communale Besteuerung derjenigen sechs Städte unseres Landes, in welchen die Städteordnung gilt, gestaltete sich für genanntes Jahr l. „D. Tgdl." folgendermaßen, wobei zur Vergleichung die betreffenden Ziffern des vorhergegangenen Jahres 1891/92 in Klammern beigefügt sind: Steuersumme Ausschlags- 1892/93 coesficient 1891/92 Mk. Pfg. Mk. Pfg. Alzey 75 600 mit 22,613 ( 73 600 mit 22,923 ) Darmstadt 1040000 // 25,0 ( 994 596 // 25,0 ) Gießen 342 997 // 26,4 ( 317 584 // 25,5 ) Mainz 1 665 090 // 29,4 (1 411212 1# 25,8 ) Offenbach 585 739 // 25,74 ( 510000 // 23,37828) Worms 412 500 Kl ■ // 25,101 ( 350000 // 22,603 ) Daraus ergibt sich, daß mit Ausnahme von Alzey, das eine ganz geringe Ermäßigung des Ausschlagscoesficienten aufweist, und von Darmstadt, welches seinen vorjährigen Coefficienten von 25 Psg. beibehalten konnte, alle Städte zu Steuererhöhungen schreiten mußten, die bet Mainz am stärksten hervortritt, indem dort die Erhöhung 3,6 Psg. aus die Mark Communalsteuercapital beträgt, während sie sich bei Offenbach und Worms auf etwa 2,5 Psg., bei Gießen nur auf 0,9 Psg. beläuft. Durch diese Erhöhungen steht nun Alzey als die Stadt da, welche die niedrigste Commnnalsteuer erhebt, dann folgt Darmstadt, das im vorigen Jahre erst an vierter Stelle gestanden. Büdingen, 16. August. Heute wurden aus dem Weinberg des Herrn Briefträger Gut hier reife Trauben vorgezeigt. Darmstadt, 17. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 17. August dem Präsidenten des Oberconsistoriums Wirklichen Geheimerath Dr. Theodor Goldmann aus Anlaß feines an diesem Tage stattfindenden 50jährigen Dienstjubiläums das Großkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen. Mainz, 13. August. Schnell gefreit. Der „Neue Mainzer Anzeiger" schreibt unter vorstehender Spitzmarke: Kam da dieser Tage zu einem Weinwirth, der zwar eine gut* gebende Wirthschast, aber noch kein Weibchen hat, ein Ladenmädchen aus der Nachbarschaft/ um ein Fläschchen Selterswasser zu holen. Das Mädchen machte auf den Wirth einen so guten Eindruck, daß er dasselbe fragte, ob es Spaß an einer Wirthschast habe. „Warum nicht!" lautete die Antwort, woraus die Gegenfrage: „Wollen Sie mich heirathen?" — //Das geht doch nicht so schnell." — „Warum nicht? Wollen Sie?" — „Nun, es käme daraus an." — „Wo wohnen Ihre Eltern? Ich spreche sofort vor. Meine Schwester zieht nämlich fort von mir, und kurz und gut, ich brauche eine Frau!"--Jetzt sind beide nach eingeholter Erlaubniß der Eltern des Mädchens ein Brautpaar und ganz bald ist Hochzeit. Wir könnten auch Namen und Straße nennen, aber wozu? Wir geben die Versicherung, daß das Paar, das sich auf so seltsame Art gefunden, in Wirklichkeit hier existirt." Aus dem Kreise Bingen, 16. August. Die Roggenernte übt in vielen Orten unseres Kreises einen sehr günstigen Einfluß auf die Brv.dpreise aus- so tft der Preis des sechspfündigen Laib Brodes, welcher seither 75 bi- 70 Psg. kostete, bereits auf 60 Pfg. herabgegangen.