4t, 218. Zweites Blatt. Sonntag den 18. September 1892 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, »tt Ausnahme deS - Montags. Die Gießener W>»ilie«StLlter »erden dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger General-Anzeiger. Rierteljöhriger AöonnementspreiHt 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: KchntßraßeAr.l. Fernsprecher 51. Anrts- und Anzeinedlutt für den Kveb <6ieficn. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» tolgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr. Gratisbeilage: Gießener Jamilienbkätter. Alle Lnnoncen-Vureaux de- In- und Lu-lande- nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen. Anrtlichev Lheil. Bekanntmachung, betr. die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen. ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, oaß Herr Landwirthschaftslehrer Leit Higer von Alsfeld nnen Vortrag über Anwendung des künstlichen Düngers Sonntag den 2. Cctobcr L I, Nachm. 2Va Uhr n der Wirthschaft des Kaspar Hildebrand III. Wwe. zu Alleudorf a. d. Lahn abhalten wird. Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder des andwirthschaftlichen Vereins und alle Freunde der Land- wirthschaft hierdurch ergebenst eingeladen. Die Herren Bürgermeister von Allendorf und der benach- darten Orte werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch Der Versammlung hinzuwirken. Gießen, den 14. September 1892. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins. ____________________________Jost._____________________, vermischtes. * Osnabrück, 14. September. Lebendig verbrannt ist gestern hier ein Dienstmädchen, und zwar in Folge des unvorsichtigen Umgehens mit Petroleum. Nach Der bekannten Methode, durch Aufgießen von Petroleum das erlöschende Feuer wieder anzufachen, goß das Mädchen aus einer drei Liter fassenden Petroleumkanne einen Theil des Inhalts auf die noch glimmenden Holzscheite, die Kanne ,'xplodirte und in wenigen Secunden stand das Opfer sträflichen Leichtsinns in Hellen Flammen. Ueber und über mir Brand- vunden bedeckt, wurde die Unglückliche noch lebend ins Krankenhaus geschafft, ist aber wenige Stunden daraus von hren entsetzlichen Oualen durch den Tod erlöst worden. Verkehr, Land« unö volksrvirth-chaft. Die Berwerthung de- Schweines. Wohl kein anderes Hausthier findet im Haushalt des Menschen -ine so allseitige Berwerthung und Ausnützung, wie das Schwein. Während beim Rindvieh der größte Theil der Eingeweide, das Blut :c. als nicht nutzbar oder zum Tbeil wertblose Massen beseitigt werden müssen, schreibt das „Hldsh. L." und „F. Bbl.", trifft dies beim Schwein nicht zu, indem auch die unscheinbarsten Körpertheile (Eingeweide, Blut, Borsten rc.) nebst dem Fleisch zur Berwerthung gezogen werden können. Zudem repräsenttrt das Schweinefleisch einen höheren Werth, als jedes andere in der Wtrthschast zur Verwendung gelangende F eisch. Da dasselbe zudem ohne großen Kostenaufwand producirt werden kann, hat es für die Volksernährung um so höhere Bedeutung Es ist der Familie des Kleinbauern nicht möglich, sich zum Schlachten im Winter zur Anlage eines Nahrungs- vorrathes ein Rind zu reserviren, geschweige denn eine Kuh; aber manch eine Haushaltung bringt es durch Fleiß und weises Zusammenhalten von Abfällen aus der Wirthschasl und Sammeln von werthlosen Gemüsen dahin, daß sie sich ein bis zwei Schweine im Jahre ausztehen und mästen kann, wovon ein Theil in die Borrathskammer wandert und der andere die Kasse zu speisen die Aufgabe hat, zur Bestreitung der Zinsen und sonstigen nötytgen^Aufgaben. Bet der namhaften Verwendung des L>chwetnefleisches muß leider constatirt weiden, daß demselben durch recht unrationelle Behandlung bet der Conservtrung ein großer Theil werthvoller Nahrungs- bestandtheile entzogen und überhaupt der Wirthschaft entfremdet wird. Die gewöhnliche Conservirungsart besteht darin, daß man das Schweinefleisch in einen Bottich legt zum Beizen, alle Fleischstücke, Speckseiten inbegriffen, stark mit Salz etnreibt und überdies in reichlichem Maß mit freigebiger Hand noch eine Menge Salz über das Ganze streut. Das Salz löst sich ziemlich rasch und bildet mit dem Saft, den es dem Fleisch entzieht, eine reichliche Lake (Brühe), mit welcher das Fleisch täglich zwei, drei und vier Mal übergossen wird, bis es dann herauSgenommen und in den Rauchfang zum Dörren gebracht wird. Durch dieses Verfahren wird das Fletsch allerdings zur Conservtrung gehörig vorbereitet, aber auch gehörig ausgelaugt, d. h. es werden demselben eine große Menge der werthvollsten Nabrungs- bestandthcile, namentlich Eiweiß, das sich im Fleischsaft reichlich vorfindet, entzogen und der Wirthschaft entfremdet, da die Lake ja nur weggegossen wird. In dem getrockneten Fleisch erhalten wir dann eine meist zähe, faserige Masse, der die schmackhaftesten, weichsten Substanzen fehlen, weil sie ihm durch das vorhergehende Auslaugen abgezapft worden sind. Selbstverständlich bietet das auf diese Weise conservirte Fleisch nur mehr einen beschränkten Nährwerth. Ein neueres Verfahren, das sich einsichtsvolle Landwirthe längst zu eigen gemacht, beseitigt die angeführten Uebelstände und liefert ein Product, das betreffend Nährwerth und Schmackhaftigkeit das vorbeschriebene weit hinter sich zurücklätzt und noch den Vorzug bittet, daß es, ohne mehr Kosten zu verursachen, bedeutend weniger Mühe erfordert. — Tas Vorgehen ist höchst einfach: Vorerst wird eine Lacke bereitet; zur Conservirung von 30 Kilo Fleisch verwendet man 12 5 Liter Wasser, 2 Kilo Kochsalz, 30 Gramm Salpeter und 300 Gramm Zucker, kocht dies bis zur Siedehitze und schäumt es ab. Die nun fertige Lake wird kalt gestellt und dann über das Fleisch gegossen, das in die üblichen Thetle zerschnitten, schichtenweise in ein Holzgefäß gebracht worden ist. Zwischen die Schichten Fleisch- ftüde legt man kleine Zwiebeln, Nägeliköpfli und andere beliebige Gewürze, wie solche die Geschmacksrichtung erheischt, sorgt dafür, daß zwischen den einzelnen Fleischstücken keine hohlen Räume entstehen und daß die Lake über dem Ganzen zusammenfließt — urd die Operation ist fertig. Nach 10 bis 12 Tagen erzielt man ein Fleisch von schöner, frischrother, angenehmer Farbe und seltener Güte, Schmackhaftigkeit und Nahrhaftigkeit, welches das nach gewöhnlicher Art behandelte in jeder Hinsicht weit übertrifft. — Wir haben dieses Verfahren schon seit Jahren überall empfohlen und dürfen uns der Hoffnung htngeben, daß dasselbe je länger je mehr sich einbürgere und Anliang finde. Landwirthe und Hausfrauen probiret es! Ihr werdet dadurch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Die Schweinemast auf Verkauf bringt Geld ins Haus, rentirt sich jedoch nur da, wo man die Producte eigener Wirthschaft, als Molken, Küchenab'älle rc., verwelthen kann. Zukauf von Mehl, Oelkuchen, Fleischmehl und anderen Hülfsmitteln lohnt sich bei den niedrigen Schlachtpreisen nicht gut. Oelkuchen sollten bei der Schweinemast überhaupt nicht zur Verwendung kommen, da bei der Fütterung derselben das Fleisch, namentlich der Speck, einen üblen, öligen Geschmack erhält. Noch auf eine wichtige Verwerthungsart des Schweinefleisches glauben wir hierorts aufmerksam machen zu sollen, nämlich auf die Bereitung von Charcuterieartikeln, vorab Wurstwaaren. Es ist landauf und landab bekannt, daß die Würste der Schlächtereien nicht immer über allen Tadel erhaben dastehen, ja daß oft Waare fabricirt wird, die, abgesehen von ihrem guten oder weniger guten Geschmack, die Gesundheit des consumirenden Publikums in hohem Grade gefährdet. Hier sollte ein geschickter, gewissenhafter Landwirth mit den Wurstfabrikanten wenn nicht gerade in Concurrenz treten, so doch die Arbeit theilen und danach streben, das Schweinefleisch bei den niedrigen Preisen durch Bereitung von Rauchwürsten aus purem L>chweinefleifch, die er im Rauchfang langsam räuchert, besser zu verwerthen suchen. Bekanntlich fragt der Consument in den meisten Fällen weniger nach dem Preise als nach der Qualität der Wurst und wir glauben bestimmt, daß das Schweinefleisch auf diesem Wege zu schönem Preis verwerthet werden könnte. Als erste und Hauptbedingung muß aber bei einem solchen Vorgehen aufgestellt werden: Verarbeitet nur gesundes Fleisch und beobachtet dabei die größte Reinlichkeit und der Absatz der Waare wird nicht fehlen. Scbiffsnach richten. Der Postdampfer „Rhynland" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 14. September wohlbehalten in New- york angekommen. — Wer Dampfbetrieb einzurichten oder seine bestehende Anlage zu verändern wünscht, wende sich an R. Wolf, Magdeburg- Buckau. Diese Firma, die bedeutendste Locomobil-Fabrik Deutschlands, baut auf Grund 30rühriger Erfahrungen Locomobilen mit ausziehbaren Röhrenkesseln, fahrbar und feststehend, welche in der Landwirthichaft und jeglichen Betrieben der Klein- und Großindustrie zu Tausenden Verwendung gefunden und sich als sparsamste und dauerhafteste Betriebsmaschinen vorzüglich bewährt haben. Wölfische Locomobilen gingen aus allen deutschen Locomobil-Prüfungen wegen ihres äußerst geringen Brennmaterial-Verbrauchs als Sieger hervor. 2547 LMM direkt aus der Fabrtk also au? erster Hand v von Elten & Keussen, Crefeld, in jedem Maaß au beziehen. Man verlange Muster mit Angabe des Gewünschten. Feuilleton. Verwechselt. Von Alexander von Degen. (Nachdruck verboten.) An einem herrlichen Cctobcr Nachmittag sa'ß im Casö Bauer unmittelbar am Eingänge ein stattlicher Herr, rauchte behaglich seine Cigarre und betrachtete die zahlreichen Passanten, die das schöne Wetter unter die Linden gelockt hatte. Er gewahrte es nicht, wie ein Csfizier, der aus dem Lesezimmer herabkam, bei seinem Anblick einen Moment stutzte und dann auf ihn zuschritt. Erst als er dessen Hand aus seiner Achsel fühlte, wandte er sich um. „Ach, charmant, Hans, daß ich Dich treffe!" rief er, sich erhebend. „Was führt Dich denn nach Berlin, Arno?" fragte Hauptmann v. Wolf. „Ich bin feit vorgestern aus Urlaub; habe noch feinen Bekannten getroffen, es scheinen alle auf Urlaub zu sein. Ich habe mich eigentlich bis jetzt sürchterltch gelangweilt." Hauptmann von Wolf lachte: „Ja, mein lieber Königsdorf, man wird von Jahr zu Jahr älter, ich goutiere unsere frühere Vergnügungen auch nicht mehr!" Er nahm neben dem Freunde Platz und bestellte eine Taffe Kaffee. „Ich war gestern und vorgestern Abend," begann Königsdorf, „in verschiedenen Vergnüguttzslocalen, ober immer dasselbe, wie seit vielen Jahren- dieselben alten Couplet- langer mit denselben faden Witzen, dieselben Chansonetten, überall alte bekannte Gesichter unter Schminke und Puder! Entsetzlich!" „Das glaube ich. Mir erging es in den letzten Jahren auch so, eine öde Langeweile überkam kvich, die gewohnten Vergnügungen ekelten mich an, da lernte ich gerade zur rechten Zett in einer Gesellschaft eine junge Dame kennen - kurz und gut, ich heirathete und bin glücklich, fühle mich wieder jung und lebenslustig. Mache es wie ich, heirathe!" „Na, da möchte ich auch schon zu alt fein’" brummte Königsdorf. i „Du und zu alt zutü Heirathen! Arno, laß Dich nicht auslachen. Siebenunddreißig Jahre alt, die paar Silber- säden auf dem Kopse sieht man fast nicht, besitzest eine unverwüstliche Gesundheit, bist ein stattlicher Mann von eleganten Manieren, besitzest Vermögen, dabei Hauptmann erster Klasse, Du bekommst auf jeden Fall eine Fran!" „In meinem traurigen Neste da oben an der Grenze sicher nicht!" lachte Königsdorf bitter, „und da ich dort niemals Gelegenheit hatte, mit schönen Frauen zu verkehren, so j ist es wohl gekommen, daß ich, je mehr ich über die Ehe nachdenke, je weniger Lust zu einer solchen verspüre. Ich } bin, wie gesagt, zu sehr an die Bequemlichkeiten des Jung- \ gesellenlebens gewöhnt. Fehlt es bei der Leibwäsche auch manchmal hier und dort, nun, daran hat man sich mit der Zeit gewöhnt, das nimmt man so als ein kleines nothwendiges Nebel mit in den Kauf. Und so eine junge Frau die weiß absolut von nichts Bescheid!" „Du urtheilst sehr hart," meinte Hauptmann Wolf. „In der Ehe ist es vielmehr gcmüihlich und angenehm. Was die , junge Frau anfangs nicht weiß, lernt sie gar bald. Darüber kannst Du Dich beruhigen. Man nimmt a deux die ge- müthlichen, wohlzuberetteten Mahlzeiten ein, bann setzt man sich an das flackernde Kaminfeuer und unterhält sich beim Kaffee und der Cigarre, man schäkert im traulichen Geplauder. Man hat sein Weibchen neben sich, das sich ganz eins weiß mit dem Gatten, seine Freuden und Leiden theilt. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie glücklich ich mit meiner jungen Frau bin!" „Ja, das erste Jahr mag es noch gehen, aber bedenke, wenn die Kinder anfangen, Zähne zu bekommen und den ganzen Tag schreien, das ist doch entsetzlich! Ferner muß die junge Frau ausgesührt werben in Coneerte, Theater, auf Bälle, in Gesellschaften, wo man sich nur langweilt. Ferner die Besuche, bie man empfangen und erwidern muß! Nein, lieber Freund, die Schattenseiten sind doch zu groß, daö will reiflich überlegt fein. Sieh mal, was stehe ich andererseits als Junggeselle aus? Ich kann mich amüsiren, wie ich will, < i das Jahr durch habe ich meinen regelmäßigen Dienst in dem kleinen Nest, spiele Abends meinen Scat, gehe auf Jagd, nehme dann jeden Herbst sechs Wochen Urlaub und amüsire mich in Berlin ober fahre zu meinem Freund, dem Major a. D. von Senden auf dessen schönes Gut- er hat mich auch jetzt eingeladen." „Seine Schwester soll ihm die Wirthschaft führen." „Allerdings. Ich kenne sie nicht, es soll schon eine ältere Dame sein. Ich wäre schon längst hingefahren, aber da ist hier meine Erbtante, die alte Exzellenz von Globen, die Dir ja auch bekannt ist, die hat mich für morgen zum Diner eingeladen. Ich kann nicht gut absagen, sie hat Protectionen in den höchsten Kreisen und ich hoffe durch ihre Fürsprache als Major hier nach Berlin zu kommen. Das einzige Unangenehme an ihr ist, sie hat immer Heirathsprojecte für mich in petto." „Da greif nur mit beiden Händen zu, alter Freund!" „Ganz schön, aber ich meine, nächstes Jahr ist auch • noch Zeit. Ich kann auch nicht gut die Einladung zu Senden abschlagen, dort bleibe ich auch mindestens vier Wochen, da bleibt dann von dem Urlaub nicht viel, zumal ich noch vielleicht in ein Seebad gehe. Ich will Dir einen Vorschlag machen, laß uns jetzt irgendwo soupiren." „Thüle ich nicht mehr wie gern, alter Freund, aber Du vergißt, daß ich verheirathet bin und pünktlich zum Abcnd- brob von meinem Frauchen erwartet werde. Habe mich schon etwas verspätet- nun, hoffentlich treffe ich die Pferdebahn, dann komme ich zur rechten Zeit. Ich muß eilen. Adieu, lieber Königsdorf, wenn eS Deine Zeit erlaubt, besuche mich einmal!" Wolf verließ den Freund. „Auch ein Ehesclave," murmelte dieser, „lächerlich, pünktlich bei der Ehefrau zum Abendbrod eintreffen zu müssen!" Mißmuthig sah er auf die Uhr. „Sieben! Werde jetzt zum Concert in den AuSstellungs- park gehen und dort etwas soupiren." (Fortsetzung folgt.) 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