»t. 191 Donnerstag den 18. August 1892 Gießener Anzeiger Keneral-Mnzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den üreis Giefzen^ tc= >ev 'Webaction, Eppedtttsv mid Druckerei: -L«tßr«te Ur.». Fernsprecher 61. e», itt iet, tu k Liertelzöhriger ^donnementrprelO t 2 Mark 20 Pfg. mi» Br'ngerlohn. Durch bie Poft bezog er 2 Mark 50 Ply. lat: in int •er bat reg J reu; tg' Der erscheint täglich, «Ht LuSnadme bei Montags Vie Gießener We*ffin- t'L ne a[ r ft i1 j r a it S t .b, ir )t, m °S iti m ö- in J rt- in ft ifi ft iß 01 rt >ii 01 ui ;t= ui in 4 0 ft ich 5 tu1 ui )S iß bi ♦ it ö ß Imab m r von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ^»Lgenden log erscheinenden Nummer btl Vorn». 10 Uhr. Hratisöeikage: Hießener Kamikienßkätter. - ■■ ■ —■ II - J* Alle Annoncen-Vureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger^ entgegen. Aintlicheo Therl. Bekanntmachung, >etr. den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Griedel. Wegen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ist über ie Gemarkung Griedel, Kreis Friedberg, die Sperre verfängt worden. Gießen, den 16. August 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 16. August. Die seit Langem angekündigte eue deutsche Militärvorlage droht fast zu einem olitischen Sommerspuk zu werden, denn nach wie vor lauten ie Mittheilungen über den Inhalt der Vorlage ungemein widerspruchsvoll- namentlich streitet man sich darum, ob sie ls ihren Kernpunkt das Princip der zweijährigen Dienstzeit nthalten werde oder nicht. Auch hinsichtlich der Beschaffung er Mittel zur Bestreitung der Kosten der geplanten Armee- eorganisation schwirren die Gerüchte kraus durcheinander und chließlich gilt dies auch von dem Zeitpunkte des Erscheinens er neuen Militärvorlage. Die Einen wollen wissen, der rntwurs werde dem Reichstage bestimmt in seiner kommenden Session unterbreitet werden, die Anderen dagegen behaupten, o spruchreif sei die Sache noch lange nicht, die angekündigte Kilitärvorlage werde dem Reichstage vielmehr erst in seiner bernächsten Session zugehen. Unter solchen Umständen em- fiehlt es sich natürlich, den Lauf der Dinge abzuwarten. — Aus Deutsch-Ostafrika kommen immer wieder nangeneyme Nachrichten. Die neueste Meldung dieser Art t diejenige von einem Einfall der räuberischen Mafiti in as Gebiet um Kilwa, einem Hasen im südlichen Küstentheile er Colonie. Die Mafiti verwüsteten und verbrannten einige Ortschaften, tödteten etwa 20 Personen und zogen dann wieder ab. Heber eine ins Werk gesetzte nachdrückliche Ver- olgung der srechen Räuber ist seltsamer Weise noch nichts emeldet worden. Jedenfalls zeugt es gerade von einer roßen Sicherheit im südlichen Theile Deutsch - Ostasrikas, wenn die Mafiti ihre Plünderungszüge bis in die Gegend von kilwa ausdehnen können. Metz, 14. August. Hausmarschall Freiherr v. Lyncker, er am 11. und 12. d. M. hier weilte, hat die drei Gebäu- ichkeiten, in welchen der Kaiser während der bevorstehenden oerbstmanöver für kürzere oder längere Zeit Aufenthalt ehmen wird, nämlich Schloß Urville, das allgemeine Mili- ärcasino und das Bezirkspräsidium, besichtigt. Die innere Einrichtung von Urville har seinen vollen Beifall gefunden. steht jetzt fest, daß der Kaiser in seinem neuen loth- ingischen Besitzthum allein Wohnung nehmen wird, während ie kaiserlichen Gäste in der Stadt Quartiere beziehen werden. Ils solche werden genannt: der König von Sachsen, der Zrinzregent von Braunschweig, drei bayerische Prinzen, der fürst von Hohenzollern und der Fürst zu Wied. Der Groß- erzog von Baden wird in seiner Eigenschaft als General- inspecteur der 4. Armee-Jnspection anwesend sein und be- eits am 7. September in Metz eintreffen. Sein Absteige- uartier ist der „Europäische Hof". Im Gesolge des Kaisers 'erden sich die Kriegsminister von Preußen, Bayern und wachsen, sowie zehn fremdländische Offiziere befinden. Zur Begrüßung wird der kaiserliche Statthalter Fürst von Hohen- ohe in Metz erscheinen. Ausland. — Der „N a p o l e o n s t a g" in Frankreich, der 15. August, ediert gegenüber dem Anwachsen der republikanischen Ström- ing jenseits der Vogesen immer mehr seine politische Bedeu- ung. Dies kann auch von der jüngsten Wiederkehr dieses sesttageS der bonapartistischen Partei gelten, denn er ist ohne esondere Wirkungen nach außen verlausen. Am ehesten rwähnenswerth noch ist die am Montag in Paris statt- esundene Napoleonseier mit ihrem Mittelpunkte, einer von 00 Imperialisten besuchten Versammlung. Es wurde eine Resolution angenommen, welche die Erklärung enthält, die ^onapartisten würden bei den allgemeinen Wahlen nur solche andidaten unterstützen, welche für die Wahl des StaatS- derhauptes durch ein PlebiScit einträten. Glauben die An- änger des Kaiserthums in Frankreich wirklich, ihrer faulen bache durch das abgegriffene Mittel des Plebiscits wieder uf die Strümpfe Helsen zu können? „ Suleiman Paschaj, einer der Heerführer der urkei im letzten türkisch-russischen Kriege, ist in Bagdad im Exil gestorben. Suleiman Pascha ist namentlich dadurch bekannt geworden, daß er in mehrtägigen blutigen Kämpfen versuchte, den Russen den Schipkapaß wieder zu entreißen und sie hierdurch über den Balkan zurückzuwersen; ein tollkühnes Unternehmen, das bekanntlich nicht gelang und der Pforte nur den Kern ihrer Truppen kostete. Gegen Suleiman Pascha wurde dann ein Hochverrathsproceß eingeleitet, der mit Verurtheilung des Paschas zu 15jähriger Festungshaft und Enthebung von seinen militärischen Würden endigte. Der Sultan begnadigte später Suleiman zum Exil in Bagdad. Heweflc Tlacferfcbty*. Wolffs telegraphisches Correspondcnz-Bureau. Berlin, 16. August. Der „Kreuzztg." zufolge gedenkt der Kaiser nach den nunmehr endgültig getroffenen Bestimmungen seine Reise nach Gothenburg zur Rennthierjagd am 4. September anzutreten und sich von dort direct zu den Manövern nach Coblenz zu begeben. Berlin, 16. August. Ein Act treuer Pietät wurde am heutigen Gedenktage der Schlacht bei Mars la Tour aus dem Kasernenhose des ersten Garde-Dragoner-Regiments vollzogen. Der Vorsitzende des Berliner Kriegerverbandes, der Geh. Registrator Molkewitz, und eine aus 30 Mann bestehende Deputation des Vereins ehemaliger erster Garde-Dragoner erschienen, um an dem Denkmal, welches sich auf dem Kasernenhose des Regiments erhebt, einen Kranz mit der Inschrift: „Den gefallenen Kameraden im Feldzuge 1870/71" niederzulegen. Heute Nachmittag findet in der Unionsbrauerei ein vom Verein veranstaltetes Fest statt, dem auch das Offb ziercorps des Regiments beiwohnen wird. Berlin, 16. August. N mmebr werden die Entwürfe für die Schutzgebiete zum nächsten Reichshaushalte in Angriff genommen werden, wobei die Ausstellung des Eiuzel- etats voransteht. Wenn übrigens frühere Absichten zur Ausführung kommen, so könnte man verschiedenen neuen Vorlagen entgegensetzen, welche namentlich auf den persönlichen Wahrnehmungen des Dr. Kayser beruhen würden, z. B. Neu- Einrichtungen in Verwaltung und Verkehr. Heber die Etats für die Schutzgebiete, in welche jedoch der Bedarf für Ost- asrika nicht eingeschlossen ist, werden wir wohl bald Mit- theilungen erhalten, da der Colonialrath wieder, wie im vorigen Jahre, vor Feststellung des Reichshaushalts einberufen werden soll, um ihm u. a. die Etats für die Schutzgebiete zur Begutachtung vorzulegen. Berlin, 16. August. Die „Nationalzeitung" schreibt: Wie verlautet, sind über den Vormarsch der deutschen Schutzrruppe nach dem Kilimandjaro sehr günstige Nachrichten eingetroffen. Die Ansicht, daß die Schlappe in dem Gefecht mit den Moschi für die Gestaltung der Verhältnisse im Schutzgebiete ebensowenig Folgen haben würde wie s. Z. die Niederlage der Expedition Zelewski gegen die Wahehe, scheint sich danach zu bestätigen. Bremerhaven, 16. August. Das „Berliner Tageblatt" meldet: Mit dem hier eingetroffenen Lloyddampser „Weser" sind wieder 200 russisch-jüdische Auswanderer von Argentinien zurückgekehrt. Dieselben wurden mit der Bahn nach der russischen Grenze weiterbefördert. Prag, 16. August. Hm Mitternacht wurde der Tifchler- geselle Wenzel Bo fak verhaftet, als er vor ^dem deutschen Casino auf einen Passanten mit dem Revolver schoß. Ob er Jemanden verletzt hat, ist noch nicht festgestellt. Bei Bosak wurde ein Bries an die „Narodni Listh" vorgefunden. In feiner Wohnung wurden Patronen und Papiere beschlagnahmt. Lemberg, 16. August. Die Meldung der Blätter, daß die Reservisten aus der Umgegenb von Kolomea, die in Stanislau zu militärischen Hebungen eingetroffen sind, in ihre Heimathsbezirke zurückgeschickt seien, weil in Stanislau angeblich Dysenterie und Cholerine grassirten, wird von zuständiger Seite für unrichtig erklärt. Catania, 16. August. Die Eruption des Aetna ist im Abnehmen begriffen. Paris, 16. August. Der Ausstand der Fiakerkutscher dauert an; es striken heute 4000. — In Coer- maux kam es zu ernstlichen Arbeiter-Hnruhen. Die Arbeiter in den Kohlengruben, mit der Entlassung eines dem Syndikat angehörigen Arbeiters unzufrieden, drangen in das Haus des Direetors ein, richteten dort Verwüstungen an und zwangen den Director, um seine Entlastung anzusuchen. Gendarmen und Truppen sind jetzt in Carmaux anwesend. London, 16. August. Das Cabinet Gladstones ist definitiv folgendermaßen zusammengesetzt: Gladstone: Schatzlord und Großsiegelbewahrer; Herrschen : Lordkanzler - Kimberley: Staatssecretär von Indien und Präsident des Geheimen RathS - Rosebery: Auswärtige-- Ripon: Colonien - Asquith: Inneres- Campbell-Bannermann: Strieg; Spencer: erster Lord der Admiralität - Harcourt: Schatzkanzler - John Morley: Minister von Irland- Trevelyan: Minister von Schottland- Mundella: Handelsamt- Fowler: Gemeindeverwaltungsamt- Arnold Morley: Generalpostmeister- Acland: Erziehungswesen und Houghton: Vicekönig von Irland. Petersburg, 16. August. Die Cholera ist auch in Taurien ausgetreten. Im Berdjansker Kreise kamen am 15. August 16 Erkrankungen und 6 Todesfälle vor, in Charkow am 14. d. M. keine Erkrankungen, in Astrachan keine Todesfälle, in Moskau am 14. d. M. 15 Erkrankungen und 6 Todesfälle, in Nischnh Nowgorod am 15. August 28 Erkrankungen und 12 Todesfälle. Im Dongebiete ist keinerlei Abnahme der Epidemie wahrzunehmen. Petersburg, 16. August. Gestern sind hier neun CH oler a-Todesfälle vorgekommen. — Nach Baku, wo die Cholera fast gänzlich erloschen ist, kehrt die Bevölkerung solcher Zahl zurück, daß Maßnahmen gegen die Wiedereinschleppung der Seuche getroffen werden mußten. Petersburg, 15. August. Aus Nishny-Nowgorod wird heute amtlich gemeldet, die Cholera sei im Erlöschen begriffen; die Erkrankungen verringern sich tagtäglich und die Sterblichkeit sei unbedeutend. Die Sanitätscsmmission beschloß, die beiden schwimmenden Hospitäler als überflüssig zu schließen und daß Medicinal- und Sanitätspersonal theilweise wieder zu entlassen. Das neue städtische Choleraspital wurde ebenfalls für überflüssig befunden und soll zu anderen Zwecken benutzt werden. Depeschen deS Bureau „Herold". Berlin, 16. August. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Gesetze, betreffend die Besetzung der Subaltern- und Unterbeamten ft eUen in der Verwaltung der Cornrnunalverbände mit Militäranwärtern, vom 21. Juli 1892 und betreffend das Dien st einkommen der Lehrer an nichtstaatlichen und öffentlichen höheren Schulen, vom 25. Juli 1892. Berlin, 16. August. Dem „Berl. Tagebl." zufolge soll die Oberstaatsanwaltschaft in Hamm gegen das freisprechende Erkenntniß in dem Stempelsälschungsprocesse gegen die Angestellten des Bochumer Vereins Revision eingelegt haben. Berlin, 16. August. Die „Voss. Ztg." meldet aus Paris k Hiesige Blätter suchen Spanien zu überzeugen, daß düs Fehlen des deutschen Kriegsschiffes bei der Colu m b usseier auf den Aerger der Reichsregierung zurückzuführen fei, daß, Canovas trotz dringender Einladungen sich mit dem Dreibunde nicht eingelassen habe. Die ^Voss. Ztg." bemerkt dazu: Die Ansicht sei sicherlich falsch. Wäre die Reichsregierung auf Spanien ärgerlich, so würde sie um so höflicher sein. Aber Caprivi trifft der Vorwurf, daß 'durch diese Maßnahme und deren Begründung solche Auslegungen ermöglicht sind. Wtr können nicht beklagen, daß das Ausland die Erklärung, Deutschland habe kein Schiff frei, um feine Flagge m den spanischen Gewässern zu zeigen, für unglaublich ansieht. Es ist besser, man glaubt an einen Mißgriff des Reichskanzlers, als an die beschämende Hnzulänglichkeit der deutschen Seemacht. Berlin, 16. August. Das provisorische Comite, welches die vorbereitenden Schritte für die Weltausstellung thun sollte, hat beschlossen, im Herbst einen Congreß der Aus- stellungssreunde in Berlin einzuberufen. Zur Discutirung kommt die Frage einer nationalen Ausstellung in Berlin. Berlin, 17. August. Die Eröffnung des Reichstages ist nicht vor Mitte des Monat November zu erwarten. Die Militärvorlage wird jedenfalls in diesem Jahre noch eingebracht. Auch die Vorlagen über die Einheitszeit und das Auswanderungswesen gelangen zur Berathung. Das Trunksuchtsgesetz und das Gesetz wegen Spionage gelten als fallen gelassen. Siegen, 16. August. Die Zusammenkunft der Feinblech-Fabrikanten des Siegerlandes ergab, vorläufig von einer Preiserhöhung abzusehen, lieber die Preisfrage soll eine neue Versammlung beschließen, nachdem mit den Lenne- und Rheinisch-Westsälischen Werken Fühluiig genommen ist. Posen, 16. August. Die Regierung verfügte, daß vom 20. August an ausländische Flößer die Warthe nicht mehr befahren dürfen. Die Flöße müffen ab Pvgorzelice durch inländische ärztlich untersuchte Mannschaften weiterbesördert werden. Hamburg, 16. August. Heute Mittag haben die größten Hamburger Brauereien 1200Brauer und Küfer, welche dem Fachvereine angehören, entlassen, da der Boycott gegen die Barmbecker Brauerei nicht zurückgenommen worden war. Bremen, 17. August. An der Küste von Irland scheiterte der neue Stahldampser„Mendelssohn",2654 Tons, von Liverpool nach Baltimore unterwegs. Das Schiff ist voll Wasser, die Mannschaft wurde gerettet. Paris, 17. August. Die Regierung richtete an die Eisenbahngesellschast ein Rundschreiben bezüglich der Beaufsichtigung bei der Beförderung von Dynamit. Dies bestätigt die Nachricht, daß an einer Grenzstation wirklich Dynamit gestohlen worden ist. Paris, 17. August. Der Strike der Kutscher nimmt ab, die baldige Beilegung ist gesichert. Simla, 16. August. Aus Gilgit wird gemeldet, China habe das Pamirgebiet an Rußland verkauft. 4000 ausständige Uzbeos traten auf russisches Gebiet über. und begaben sich unter russischen Schutz. Der Emir von Afghanistan wird im October in Jellabad zum Empfange des Generals Roberts bestimmt erwartet. Buffalo, 16. August. Die Aufständigen verbrannten weitere 200 Eisenbahnwaggons der Might-Valley-Eifenbahn und 50 Bahnwaggons der Borstadt. Berlin, 17. August. Dem „Wiener Tageblatt" wird berichtet: Auf dem Braunkohlenwerk Heufeld-Hinkenbrunn brach das Wasser ein, während 1200 Arbeiter beschäftigt waren. Ein großer Theil des Werkes ist zerstört, die Ge- sammtsörderung eingestellt- ob Menschenverluste eingetreten, ist unbekannt. Tylau, 16. August. Deutsche Studenten und Turner wurden auf der Rückfahrt von einem Ausflug von Arbeitern der Morawetzischen Glasfabrik mit Eisenstangen und glühenden Glasröhren mißhandelt, einige schwerverletzt. Der Fabrikant nebst fünf Rädelsführern wurden verhaftet. London, 17. August. In Nashville griffen 150 Bergleute das Gesängniß an, um die Gefangenen zu befreien. Der Angriff wurde Seitens der Wärter zurückgeschlagen. Sechs Bergleute und drei Wärter sind verwundet, Militär wurde aus Harrison requirirt. Paris, 17. August. Bei dem Brande eines Restaurants wurden vierzehn Feuerwehrleute durch Qualm betäubt- der Zustand dreier ist besorgnißerregend.. In den Viehhöfen Chicagos. Die von der Kaiserlichen Reichsregierung so warm unterstützte Beschickung der Chicagoer Weltausstellung hat in Deutschland das Interesse für den Westen Amerikas und ganz besonders für die Ausstellungsstadt Chicago auss Neue geweckt. In dem Programm der Weltausstellung ist der Landwirthschaft und den ihr verwandten Jndustrieen ein der Bedeutung dieses Erwerbszweiges entsprechender Platz gesichert worden. Auch großartig angelegte temporäre Ausstellungen für Vieh und landwirtschaftliche Produkte während der Dauer d-r Weltausstellung sind in voller Organisation. In nachstehendem Artikel beabsichtigen wir unsere Leser mit dem allgemeinen landwirthschaftlichen Handel tn Chicago bekannt zu machen, einem Handel, der allerdings Dimensionen erreicht hat, von denen man sich bei uns zu Lande eine richtige Vorstellung nicht zu machen vermag. Die Stadt Chicago, im Westen der Vereinigten Staaten Amerikas, am Ufer des Michigan-Sees gelegen, zählt heute 1,250,000 Einwohner, und darunter 390,000 Deutsche. Chicago besteht heute schon 60 Jahre und wurde, wie bekannt, im Jahre 1871 von einer Feuersbrunst ohne Gleichen heimgesucht, welche fast die ganze Stadt in Asche legte. Diese kurzen Angaben mögen genügen, um darzuthun, was an Arbeit, Geld und Energie hat eingesetzt werden müssen, um in einer sehr kurzen Spanne Zeit das heutige Chicago zu schaffen. Eine oder wohl besser gesagt die Haupt-Industrie Chicagos spielt sich in seinen Viehhöfen ab. An die Stelle des einzigen Fleischerladens, der vor circa 60 Jahren hier bestand, sind heute Schlachthäuser getreten, in welchen jährlich mehr als 10,000,000 Thiere geschlachtet werden. So wurden im Jahre 1890 in diesem hier zu Lande Stock-Yards benannten Etablissements 3,484,280 Stück Rindvieh, 175,025 „ Kälber, 7,663,828 „ Schweine, 2,182,667 „ Schase, 101,566 „ Pferde________ 13,607,366 Stück Vieh * geschlachtet und erreichte der Fleischhandel die Höhe einer Summe von 231,344,879 Dollar oder 925,379,516 Mk. Wer Chicago besucht, dem empfehlen wir einen Besuch der Viehhöse und Schlachthäuser, wenn er sonst Interesse nimmt an einem der wichtigsten Geschäftszweige dieses Landes. Cincinnati, dem man den Beinamen Porkopolis (Schweinestadt) gegeben hat, ist von Chicago längst um seinen Ruf als bedeutendster Fleischmarkt gebracht worden. Von der van Buren Sheet Station fahren täglich um 6 Uhr, 72<*z 940, 220, 4 Uhr und 52o Eisenbahnzüge nach den Stock Yards und um 650, H5z 130, 3 430 und'5-5 „ach der Stadt zurück. Außerdem hat man die Straßenkabelbahn von Randolph- Straße bis zur 39. Straße und von hier Pferdebahn bis zu den Viehhöseu zur Verfügung, für Verbindung ist also bestens gesorgt. In der Nähe dieser großartigen Anlagen angelangt, braucht man nur der Nase nachzugehen, um endlich das weite Eingangsthor zu erreichen, in dessen unmittelbarer Nähe übrigens die Illinois Humane Society ein Bureau eingerichtet hat, welches die Pflicht hat, alle gemeldeten Fälle von Grau- samkeit gegen das Vieh zur Anzeige und Bestrafung zu bringen. Tritt man durch das Thor, so gelangt man zu den langgestreckten Ställen und Hürden-Abtheilungen, in welchen das zur Schlachtung bestimmte Vieh untergebrachr ist. Da grunzt, brüllt, quieckt und mähert es an allen Orten. In den Straßen der Viehhöse herrscht lebhaftes Treiben. Im scharfen Trabe jagen die berittenen Viehtreiber, an die texanischen Cowboys erinnernd, an uns vorüber- gleich berittenen Ordonnanzen, eilen sie von Stallung zu Stallung, um sich ihrer Aufträge zu entledigen. Sie wissen geschickt durch die Viehheerden hindurchzukommen, die die Treiber mit gewaltigen, schweren Peitschen vor sich hertreiben. Mit lautem Zurufe wird das Vieh vorwärts getrieben und zwar eine jede Art — Rinder, Schweine, Schase — mit besonderen gurgelnden bellenden Lauten, welche Ermunterungsruse man den Thteren abgelauscht zu haben scheint. Immerhin will das Viehtreiben verstanden sein und in den Schlachthösen Chicagos versteht man sich darauf. Krankes ober gefallenes Vieh wird prompt bei Seite geschafft. Nimmt man zu diesem Treiben das Gedränge der Viehhändler und der ab- und zueilenden Arbeiter, so kann man sich ein Bild von dem eigenartigen Leben machen, welches in den Straßen dieser Viehstadt herrscht. Bis zu den Stock Yards gelangt das Vieh aus allen Gegenden der Vereinigten Staaten in langen Eisenbahnzügen und zwar müssen täglich ungefähr 1500 Eisenbahnwagen frei gestellt werden. An einem Wintertage werden durchschnittlich 9000 Rindvieh, 200 Kälber, 30,000 Schweine und 5000 Schafe in die Stock Yards befördert. Nach der Ankunst wird das Vieh, abtheilungenweise je nach der Herkunft, in großen Umzäumungen untergebracht und sorgfältig gepflegt, bis es sich von den Strapazen der Reife erholt hat. Von dem Waffenhurme aus, der eigens für die Schlachthäuser erbaut ist, hat man eine Gesammtübersicht über die ganzen Anlagen. Es ist ein großartiges Bild, welches uns mit einemmal die Ausdehnung und Bedeutung des amerikanischen Fleischhandels und der in ihren Einfachheiten staunens- werthen Combinationen zeigt, vermittelst denen es möglich ist, ohne jeden Aufenthalt zu tobten, zu reinigen, zuzurichten und nach den Etsräumen zu bringen. Das amerikanische Fleisch ist ein Welthandelsartikel geworden- in vielen Armeen wird es gebraucht und die Schiffe aller Nationen führen es als Proviant. Cocales uttö ^provinzielles, Gießen, 17. August 1892. — Concert Sophie Mühlhausen. Wir hatten angenommen, daß die großartigen Musikaufführungen des 20. und 21. Juli den Abschluß der diesjährigen musikalischen Unternehmungen bilden sollten- wir müssen hiermit zugestehen, daß wir uns in dieser Annahme geirrt und sind heute in der angenehmen Lage, aus einen weiteren vorliegenden Genuß Hinweisen zu können. Eine junge Dame, eine geborene (Siefen er in, die bisher ganz ihren Musikstudien gelebt hat, will ihr erstes größeres Dcbut in ihrer Vaterstadt abfolviren, um von hier aus in die Welt einzutreten. Die junge Künstlerin, Fräulein Sophie Mühlhausen, die Tochter eines hiesigen Kaufmannes, will sich der Bühne widmen - wie man uns mittheilt, verfügt sie über eine umfangreiche, hohe Sopranstimme. Fräulein Mühlhausen machte ihre ersten Studien am Raff- Conservatorium in Frankfurt unter Professor Fleisch und empfing die höhere Ausbildung, speciell für die Bühne be rechnet, in Würzburg bei Frau Dr. Reimann. Wir haben von der jungen Debütantin viel Rühmliches gehört und glauben berechtigt zu fein, das musikliebende Publikum auf das Concert, welches am kommenden Samstag laut Jnseraten- theil stattfindet, empfehlend aufmerksam zu machen. Die Wahl des Programms, welches Namen wie Wagner, Lassen, Brahms und andere birgt, verräth einen geläuterten Geschmack. Musikalische Unterstützung findet die junge Künstlerin durch den König!. Kammermusiker Herrn Kruse aus Cassel, welcher als Cellist von Bedeutung genannt zu werden verdient, und durch den jugendlichen Geiger Willy Kruse, der aus dem besten Wege ist, ein Meister auf seinem Instrument zu werden. So dürste denn das Concert gewiß Interesse erregen und wünschen wir den Künstlern die Theilnahme des Publikums und nach jeder Richtung hin einen schönen Erfolg. — Schon wieder ein Einbruch. Am vorigen Sonntag wurde, während sich die Dorfbewohner auf der Kirchweihe amüfirten, in die Wohnung eines Wirthes in Alten Buscck eingebrochen und aus einer verschlossenen Tischschublade circa 60 Mk. gestohlen. Vom Thäter fehlt bis jetzt noch jede Spur. — Znvaliditäts- und Altersverficherung. Da noch vielfach der Versuch gemacht wird, auf Grund unrichtiger Arbeitsbescheinigungen in den Genuß einer Alters- ober Invalidenrente zu kommen, dürfte nachstehendes Unheil der Strafkammer zu Darmstadt von allgemeinem Interesse sein. Wie wir hören, werden Seitens des Vorstandes der Alters- und Jnvaliditätsversicherungsanstalt zu Darmstadt alle zur Kenntniß kommenden Fälle, in denen die Bescheinigungen der Wahrheit nicht entsprechen, der Staatsanwaltschaft zur Einleitung der Untersuchung übergeben werden. Jacob Rauck und Adam Gerlach II., beide von Ober-Roden/ batten sich wegen Betrugs zum Nachtheil des Vermögens der Juvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt Großherzogthum Hessen zu verantworten. Rauck, der schon seit längerer Zeit einen Hausirhandel betreibt, fam öfters mit Gerlach zusammen, der ebenfalls hausirte und zwar mit Wichse und Wagenschmiere. Rauck wies dem Gerlach Kunden zu und war ihm in seinem Geschäfte behilflich. Dieser bezahlte ihm hierfür manchmal einen Schnaps und ein Käsebrod, einen fixen Lohn erhielt Rauck nicht. Als mit dem Jahre 1891 das Altersversicherungsgesetz in Kraft trat, strebte Rauck, der das 70. Lebensjahr schon vollendet hatte, darnach, in den Genuß der Altersrente zu gelangen. Hierzu bedurfte er einer Bescheinigung, daß er in den letzten drei Jahren gegen Lohn beschäftigt gewesen fei. Er ging deshalb den Gerlach um eine solche an und dieser erklärte sich zur Ausstellung bereit. Die Bescheinigung, in welcher em Monatslohn von 15 Mk. angegeben ist, unterschrieb Gerlach, und Rauck hat auf Grund derselben die Altersrente vom 13. Februar 1891 in Anspruch genommen. Nachdem der fraglichen Bescheinigung noch beigefügt war, daß dem Lohn auch die Kost von dem Arbeitgeber geleistet t fei, wurde in Unterstellung der Richtigkeit der Arbeitsbescheinigung durch Bescheid vom 9. März 1891 von dem Vorstande der Versicherungsanstalt die Altersrente des Rauck aus jährlich 135 Mk. festgesetzt, während in Wahrheit dem Rauck ein Anspruch nicht zustand. Diese Handlungsweise der Angeklagten qualifizirt sich auf Seiten des Rauck als Betrug und auf Seiten des Gerlach als Beihilfe hierzu. Das Unheil lautete auf 1 Jahr Gesängniß bezüglich des ersteren und ein halbes Jahr Gesängniß bezüglich des letzteren- auch wurden beiden Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte aus die Dauer von 2 Jahren aberkannt. Straferschwerenb wurde in Betracht gezogen, daß der Betrug zum Nachtheil einer Kasse ausgeführt wurde, welche lediglich Gelder einer unbemittelten Klasse enthält und der Schaden, im Falle des Gelingens des Betrugs, ein sehr beträchtlicher gewesen wäre. Langsdorf, 12. August. Bei der heutigen Gemeinderathswahl wurden gewählt die Herren Ph. Roth VI. mit 82, Johs. Pauli III. mit 76, Hch. Hofmann IX. mit 75 und Ph. Bausch mit 68 Stimmen. Staden, 14. August. Das dreijährige Töchterchen eines hiesigen Bäckers wollte in einem unbewachten Augenblicke zusammen mit einem anderen gleichalterigen Kinde mit dem an einer Kette liegenden Hofhunde spielen. Dieser packte jedoch das erstere und brachte ihm mehrere bis auf die Knochen gehende Bißwunden im Gesichte bei. Weiteres Unglück konnten die rasch herbeigeeilten Eltern verhüten. Der Arzt hofft, das Kind am Leben erhalten zu können. Altenstadt, 15. August. Die hiesige Gemeinde kaufte für circa 220 000 Mk. das hiesige Tielmann'sche Gut. Die etwa 35 Morgen großen Wiesen werden im Besitz beJ Gemeinde verbleiben, während die Aeckcr durch öffentliche Versteigerung losgeschlagen werden sollen. Das eine der beiden mitgekauften Wohnhäuser wird zum Schulhause ein-, gerichtet werden, da das jetzige, ein einstöckiger Bau, für die Oberklasse nicht Raum genug bietet und außerdem seine Lage an einem kleinen fließenden Wasser wenig günstig ist. Glauberg (Kreis Büdingen), 14. August. Gestern ereignete sich hier um die Mittagszeit ein entsetzlicher Unglücksfall. Während eine Frau ihrem auf einem nahe gelegenen Hofe beschäftigten Manne das Mittageffen brachte, ließ sie ihr jüngstes, etwa zwei Jahre altes Kind unter Aufsicht ihres acht Jahre alten Töchterchens im Hause zurück. Letzteres stürzte plötzlich unter heftigem Schreien mit brennenden Kleidern auf die Straße. Sofort eilten Leute herbei, denen es auch nach vielen Bemühungen gelang, das Feuer zu dämpfen. Das Kind war indessen fürchterlich zugerichtet und wurde, obgleich ärztliche Hilfe bald zur Stelle war, heute Nacht von feinen gräßlichen Schmerzen durch den Tod erlöst. Heber die Entstehungsursache vernimmt man folgendes: Die Mutter hatte auf dem Herde einen Topf stehen, in welchem Aepfel kochten. Wahrscheinlich stieg nun das Kind vorn vom Herd in die Höhe, um sich einen Apfel aus dem Topfe zu" holen, wobei seine Kleider Feuer fingen. „D. Ztg." I A Mainz, 16. August. In der Pionierkaserne in Kastel kam es in vorvergangener Nacht zwischen mehreren Soldaten und einem Hauptmann zu einem ärgerlichen Auftritt. Vier Soldaten verweigerten dem Offizier den Gehorsam und griffen den Hauptmann auf dessen Vorstellung hin thätlich an und zwar derart, daß sich derselbe genötigt sah, zu seinem Schutze den Degen zu ziehen und mit der blanken Waffe vorzugehen. Die Excedenten, deren Militärzeit in wenigen Wochen vorüber, verließen nach dem Austritt schleunigst die Kaserne, wurden aber noch in der Nacht fest- genommen und in das hiesige Militärgefängniß eingeliefert. A Mainz, 16. August. Tie den nächsten Samstag hier zur Eröffnung kommende Ausstellung für christliche Kunst dürste die reichhaltigste derartige Ausstellung fein, die bis jetzt in hiesiger Gegend stattgefunden. Der im Drucke befindliche Catalog weist etwa 200 Nummern von circa 200 Ausstellern auf. Am meisten sind neben werthvollen Gemälden und Zeichnungen die Schnitz^werke vertreten, worunter welche, die zu den seltensten Kunstwerken zählen. So besonders mehrere Altäre, die aus dem Nachlaß des verstorbenen Geistlichen Rath Münzenberger in Frankfurt ' stammen. Hauptnummern der Ausstellung bieten auch die Cartonß von Ornbeck „die sieben Sacramente" und die Zeichnungen der Beuvoner (Benedictinerkloster im Schwarzwald) Kunstschule. A Mainz, 16. August. An der Mainmündung ist es gestern Abend nach 9 Uhr zu einem Zusammen stoß« zwischen zwei Kostheimer Localbooten gekommen, durch welchen, unter den nach Hunderten zählenden Passagieren beider Boote? eine schreckliche Panik hervorgerufen wurde, die glückliches Weise ohne schlimmere Folgen gMi^ben ist. Als die beiden Boote in der Dunkelheit wider einander fuhren, stürzten die Menschenmassen der zwei Schiffe auf die Seite, woher der Stoß gekommen, was zu einem fürchterlichen Gewirr führte, welches durch das Geschrei der zahlreichen Frauen und Kinder zu einer sehr beängstigenden Situation führte. Ein junges Mädchen, das von dem einen Boot auf das andere springen wollte, sprang seht und geriet!) zwischen die Radkästen, wobei es erhebliche Quetschungen erlitt. Außer diesem Vorfall ist von einem ernsteren Vorkommnis; bis jetzt nichts bekannt geworden. Einige besonnene Männer beruhigten schließlich die Menschenmassen, deren Ausschiffung dann ohne schlimmere Folgen betätigt werden konnte. Fürfeld, 14. August. Eine feine Familie. Nach- dem letzten Freitag einer der Eschbach's hier und ein weiterer in Feil verhaftet worden sind, befinden sich nunmehr sämmt- liche vier Söhne des in Mainz Hingerichteten Vaters hinter Schloß und Riegel.