Nr. 295 Erstes Blatt Samstag dm 17. December 1892 Amts- und Anzeigeblatt fuv den Aveis Gieszen. Hratisöeitage: Hießmn Stamifienfifätt«. «flt lBnoRcnu»uteonF des I«. und laitoM nehm« Abonnements - Einladung! und den Abonnementslassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt. Amtlicher Theil >«««h»e boh »«zeige« zu der Nachmittags für tat f»Lgende» Lag erscheinenden Nummer bis vor». IO Uhr. frage unter Umständen zu gewärtigende Auflösung des Parlaments schwerlich entkräften dürste, obwohl ein derartiger Schritt der Regierung ja noch immer unwahrscheinlich bleibt. Der letzte Verhandlungstag der Generaldebatte über die Militär-Vorlage bot ebenfalls verschiedene bemerkenswerthe Momente dar. Das eine derselben lag in der ziemlich oppositionell gefärbten Rede, welche der eonservative Abgeordnete v. Manteuffel gegen die Militärvorlage unter Ausfällen gegen die Regierung hielt. Aus der Erwiderung des Reichskanzlers hierauf klang deutlich die tiefe Verstimmung hervor, welche an leitender Stelle durch die unbedingte Parteinahme des jüngsten eonservativen Parteitages für Ahlwardt hervorgerufen worden ist. Bemerkenswerth war ferner das Auftreten des Centrumsmannes Dr. Lieber, welcher Namens seiner Fraetion unter Hinweis auf die schon vom Abg. v. Huene abgegebenen Erklärungen versicherte, dieselbe würde der jetzigen Militärvorlage nimmermehr zustimmen, das Centrum wolle lediglich die zweijährige Dienstzeit innerhalb der gegenwärtigen Friedenspräsenzstärke. Schließlich machte Dr. Lieber noch einen überraschenden Seitensprung, indem er erklärte, die deutschen Katholiken dächten nicht daran, die territoriale Unabhängigkeit des römischen Stuhles unter Gefährdung des Dreibundes zu verlangen, welchen der genannte Centrumsredner als einen sicheren Friedenshort feierte. Vor Dr. Lieber hatte Abg. v. Stauffenberg, der Führer der bayerischen Freisinnigen, gegen die Militärvorlage gesprochen, unter Betonung der Bereitwilligkeit seiner Partei, die zweijährige Dienstzeit mit den erforderlichen Consequenzen zu bewilligen. — Der Gesetzentwurf, betr. die Bestrafung des Verraths militärischer Geheimnisse, welcher in der vorigen Session nicht mehr zur Erörterung kam, ist dem Reichstage in nicht wesentlich veränderter Gestalt wieder zugegangen. Der Entwurf soll indessen wegen der von ihm gegebenen Definition, des militärischen Verraths keine besonderen Aussichten aus Genehmigung Seitens des Reichstages besitzen. — Die amtlichen Ermittelungen über die Urheber des Documenten-Diebstahles von Wesel haben noch immer kein greifbares Resultat ergeben. Vielfach glaubt man daher, daß die Untersuchung, obwohl sie mit größtmöglichstem Eifer betrieben wird, im Sande verlaufen werde. — Die Vorgänge aus dem Berliner Parteitage der Eonservativen scheinen die hiervon zu erwartende Spaltung in der eonservativen Partei sehr rasch nach sich ziehen zu wollen. Wenigstens verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß der Reichstagsabgeordnete v. Hell do r ff mit denjenigen seiner politischen Freunde, die sich gleich ihm noch zu dem alten eonservativen Programm von 1876 bekennen, eine besondere Fraetion im Reichstage bilden wolle. Die neue Hochachtend Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch). Deutscher Reich. Berlin, 15. Secember. Die bereits am 10. Deeember begonnene Genera ldebatte des Reichstages über die Militärvorlage hat am Mittwoch mit Verweisung des bedeutungsvollen Gesetzentwurfes an eine besondere Commission von 28 Mitgliedern ihren Abschluß gefunden. Wenn der Beginn dieser Verhandlungen vielsach nicht den hierüber gehegten Erwartungen entsprach, so erklommen sie dafür in ihrem ferneren Verlause unstreitig eine nicht gewöhnliche Höhe. Dies kann namentlich von der Dienstagsdiscussion gelten, in welcher Abg. v. Bennigsen die Militärvorlage unter wirklich großen Gesichtspunkten betrachtete, wobei er zugleich aus die in Deutschland unleugbar vorhandene Mißstimmung zu sprechen kam. Wenn dann der nationalliberale Führer auch die jetzt vielfach ventilirte Frage einer eventuellen Auflösung des Reichstages in den Kreis seiner Betrachtungen zog und hierbei der Regierung die vorauszusehenden Folgen einer solchen zweischneidigen Maßregel zu bedenken gab, so war dies sicherlich kein überflüssiges Beginnen. In seiner Erwiderungsrede vermied es indessen der Kanzler sichtlich, aus die Auflösungsfrage näher einzugehen, welche ausweichende Haltung die umlaufenden Gerüchte über eine in der MilitärSrr erscheint täglich, »tt Ausnahme bei Montags. Die Gießener »erben dem »szei-er »Scherttlich dreimal deißelegt. Zum Bezug des „(Siebener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst ein. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer objektiver Uebersicht zur Kenntnis; seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Correspondenz- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau- senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen Wirtz den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten. Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaebcn zu wollen. Neuhinzutretendc erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, Bekanntmachung, betreffend die Maul, und Klauenseuche zu Muschenheim. Nachdem die zu Muschenheim ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die ver- hängte Gemarkungssperre wieder aufgehoben. Die Großh. Bürgermeisterei Muschenheim ist indeß vorläufig noch nicht befugt, für Vieh, welcher nicht zum Schlachten ausgeführt wird, Gesundheitsscheine auszustellen. Für den Transport solchen Viehes ist vielmehr der Besitz thierärztlicher Zeugnisse erforderlich. Gießen, den 15. December 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Meßmer Anzeiger W \ «ebortion, Lp>edM«s A A A e mrd Druckerei: Seneral Anzeiger. ‘ät Feuilleton. Im Boudoir einer Römerin. Wir laden den geneigten Leser ein, sich mit uns in das Boudoir einer vornehmen römischen Dame zu begeben — Hony soit qui mal y pense, fünfzehn Jahrhunderte sind verflossen und wir wollen nur die Geheimnisse eines antiken Boudoirs ergründen. Eine Reihe von Selavinnen steht erwartungsvoll vor dem Schlafgemach ihrer Herrin, denn die Zahl der Geschäfte, bis dieselbe als Meisterwerk der Toilettekunst erscheint, ist groß, und für jedes sorgt eine „Speeialselavin". Da steht das Schminkmädchen, die Malerin der Augenbrauen, die Zahn- putzerin und die anderen Cosmcten, welche wir sofort der Reihe nach kennen lernen werden. „Die eine bringt ein silbernes Waschbecken, die zweite eine Gießkanne, die dritte einen Spiegel und Büchsen, so viel nur immer in einer Apotheke in Reihe und Glied stehen können." Unsere „Domina", so hieß die Römerin von ihrem vierzehnten Jahre an, hat sich erhoben. Ihr Aussehen kann nicht gerade ein einladendes genannt werden, denn sie hatte sich Abends vor dem Schlafengehen das Gesicht mit Brodteig belegt oder sich mit Poppäasalbe gesalbt. Vielleicht hatte sie auch, um die Runzeln, die sich schon zeigen, zu vertreiben, Teig aus Bohnenmehl aufgelegt, um in Jugendfrische zu erscheinen. Zunächst tritt hervor eine Sclavin mit einem Becken, in dem sich frische Eselsmilch befindet. Sie muß das Kata- plasma abwischen, nämlich den Brodteig aus dem Gesicht. Hervor tritt die zweite Sclavin, welcher eines der wichtigsten Geschäfte, daS Schminken, obliegt. Es folgt die Verschönerung, resp. Herstellung der Augenbrauen. Dies bewirkt das wunderthätige Spießglanzerz, das gerieben und mit Wasser angeseuchtet, die schönsten Augenbrauen herstellt, so wie es die Mode verlangt. Und nun bringt eine andere Sclavin auf goldenem Tcllerchen ein weiß- gelbes Glas von Chios zum Zahnputzen, falls unsere Domina einige Zähne hat. Falsche Zähne waren nämlich bei den Römern schon seit uralten Zeiten in Gebrauch. Mit dem Zahnputzen, resp. Zahneinsetzen ist der erste Haupttheil der Toilette beendet. Der zweite besteht in der Frisur des Haares, gegen welche die ausgesuchteste Rasfinirt- heit unserer Friseure zum Kinderspott wird. _ „Doch die größte Kunst," so bemerkt ein Satiriker, „und die meiste Zeit wird auf den Haarschmuck verwendet." Einige, welche ihr natürlich schwarzes Haar in blondes und goldgelbes verwandeln wollen, färben es mit Salben, die sie in der Sonne eintrocknen und einbeizen lassen. Andere, die sich ihr schwarzes Haar noch gefallen lassen, verschwenden daran das ganze Vermögen ihrer Männer und lassen Einem das ganze glückliche Arabien entgegenbuften. Da werden Brenneisen bei einem glühenden Feuer warm gemacht, um damit krause Löckchen zu schaffen, welche die Natur verweigerte. Da müssen die Haare weit in die Stirn herab bis in die Augenbrauen gezogen werden. Rückwärts aber wallen in stolzen Ringeln die Locken über den Rücken herunter. Goldgelbe Haare waren seit uralten Zeiten in Rom Mode. Es gab zwei Wege, zu diesem Ideale zu gelangen, entweder die Beizung oder das Tragen von fremdem Haare. Die über den Schläfen und der Stirne befindlichen Haare wurden vermittelst des Brenneisens zu kleinen Locken gekräuselt, dann wurden die aufgelockerten Haare mit kost- barem Nardenöl und wohlriechenden Essenzen besprengt. Martial nennt die so eingesalbte Gallia eine wandernde Parsürneriedude. Die Salben kosteten oft ein ganzes Vermögen. Besorgt wurden dieselben durch babylonische und alexandrinische Händler, welche sich bemühten, immer etwas Neues in diesem Artikel zu bieten. Die Haare wurden nun, nachdem sie eingesalbt und durchgekämmt sind, in Flechten von hinten zusammengelegt und über dem Scheitel wie ein Wulst aufgethürmt. Dieses hieß der „Knoten" oder die „Schleife", in deren Variationen 'sich die ganze Kunst des Friseurs zeigte. Die Nadel, womit der Haarbau zuiammengehalten wurde, war zuweilen hohl und wurde sogar als geheimer Giftbehälter benutzt, zu dem Frauen in der Verzweiflung ihre letzte Zuflucht nahmen. Man konnte nun die Haare noch mit einem Diadem fassen, welches vorn um Stirn und Schläfen herumlief, wobei nur die vordersten Haare in kleinen Löckchen herabfielen, oder die vorderen Haare wurden über bte Stirne zusammengeschlungen und dann ineinandergeknüpst. Sehr wichtig für alle diese Manipulationen war natürlich der Toilettenspiegel. Aber man denke nicht, daß dieser ruhig an der Wand hing, sondern eine eigens dazu bestimmte Sclavin mußte denselben der Gebieterin so geschickt Vorhalten, daß ihr Blick immer auf die von ihr gewünschte und von der gewandten Sclavin schon errathene Stelle fiel. Der Spiegel war nicht von Glas, sondern von polirtem und geschliffenem Metall, ringsuck mit Edelsteinen besetzt und oft mit goldenem Griff- versehen. Aus beiden Seiten waren Schwämmchen angebracht, um den geringsten Dunst auf der Platte sofort wegzuwischen. Mit bitteren Worten sprechen die Satiriker von den colossalen Summen, welche solche Spiegel kosteten. Aus dem Orient stammte die Sitte, die Haare mit Perlen zu durchflechten, ungeheure Federaufsätze, Lotosblumen, wie überhaupt Sinnbilder der personifizirten Natur zu tragen. Von besonderen Folgen war jedoch die Bekanntschaft mit den Fraction soll die Bezeichnung „altconservativ" tragen und im Allgemeinen einen regierungsfreundlichen Character erhalten. Berlin, 14. December. Einem Potsdamer Berichterstatter zufolge werden gegenwärtig bei dem Zieten-Hnsaren- Regiment in Rathenow auf höheren Befehl Versuche mit einer neuen Cavallerie-Ausrüstung, die von dem Commandeur deS Regiments, Oberstlieutenant von Vollard- Bockelsberg, erfunden wurde, angestellt. Eine combinirte Schwadron in Kriegsstärke wurde mit der Ausrüstung versehen- in der nächsten Zeit sollen 20 Husaren dem Kaiser vorgestellt werden. Die Verbesserungen bestehen darin, daß der Carabiner fortan von dem Reiter aus dem Rücken getragen werden soll. DaS Bandelier und die Schärpe soll durch ein Koppel, ähnlich dem der Infanterie, an welchem Patronentaschen mit 60 Patronen (bisher nur 30), befestigt werden. Falls sich die Einrichtung bewährt, soll die ge- sammte Cavallerie damit ausgerüstet werden. Deutscher Reichstag. 16. Sitzung. Donnerstag, 15. December 1892. Auf der Tagesordnung steht zunächst erste Berathung deS Gesetzentwurfs betr. die Ersatzoertbeilung. Abg. Richter (sts.): Dte vorliegende kleine Militärvorlage lasse sich ganz unabhängig von der großen Militärvorlage, die in den letzten Tagen den Reichstag beschäftigte, erledigen. Er billige das Prtncip dieser kleinen Vorlage vollständig und verlange dessen conse- quente Durchführung und lehne deshalb alle Abweichungen, welche die Vorlage zulassen wolle, ab. Ganz unglücklich sei dte redacttoneüe Fassung deS Entwurfs. Er beantrage Verweisung der Vorlage an die gestern beschlossene 28er-Commtssion. Abg. v. d. Schulenburg (cons.) theilt die redactionellen Bedenken Richters nicht. Die von Richter gewünschte Ersatzvertheilung über das ganze Reich werde mit Rücksicht auf dte bestehenden Conventionen nicht durchführbar fein. Auch er meint, daß diese Vorlage von der großen Militärvorlage unabhängig sei. Seine Freunde stimmen dem vorliegenden Entwürfe zu. Kgl. bayr. Militär-Bevollmächtigter Generalmajor v. Haag erklärt Richter gegenüber, daß auf Grund deS BündnißvertrageS der König von Bayern den Bedarf an Rekruten für die bayerischen Armeecorps feftsetze. Abg. Möller (nt) befürwortet die Vorlage und stimmt deren Verweisung an die Commission zu. Abg. Richter: Der Bündnißvertrag könne doch abgeändert werden, wie dies hinsichtlich der Branntweinbesteuerung gleichfalls geschehen sei. Die Vorlage wild der Militärcommission überwiesen. Die Berathung der Strafgesetznovelle (lex Heintze) wird fortgesetzt. Abg. Dr. Horwitz (frs.): Die Rechtsprechung sei sehr bereit, dm Bedürfnissen, wie sie vom Volke empfunden werden, zu entsprechen, aber sie sei dazu nicht in der Lage, infolge der Ueberlaftung der Strafrichter, die täglich 20, 30, ja 40 Sachen zu erledigen hätten und damit zu Taglöhnern herabgedrückt würden. Hier sei eine der Hauptwurzeln des Nebels. Redner wendet sich des Wettern eingehend gegen dte einzelnen Punkte derjVorlage. Die Caserntrung der Prostt- lutton würde das größere Nebel fein. Dem Strafrichter dürfe man nicht die Entscheidung über künstlerische und literarische Richtungen einräumen. Die Correctur des Strafvollzugs habe Zeit bis zu einer allgemeinen Regelung des Strafoollzugwesens. Geh Rath Lucas weist die Behauptung zurück, daß die Strafrichter in Preußen hinsichtlich der Belastung zu Tagelöhnern herab- gedrückt würden. Die Vorlage greife bervorgetretene Mißstände heraus und treffe Bestimmungen zu ihrer Unterdrückung. Die Auslegung bedenklicher Bilder — um es milde auszudrücken — in öffentlichen Bilder- und Buchläden diene der niedi igen Reclame, nicht aber künstlerischer Interessen und wirke demoralistrend. Gegen das Zuhälterwesen würde eine Ausdehnung des Rahmens der Strafhandlungen ohne gleichzeitige Strafverschärfungen wenig wirksam sein. Es handle sich hier um Leute, welche die Ehre längst aufgegeben. Der Begriff, Fälle besonderer Rohheit, in denen Strafverschärfung eintreten soll, sei genügend fest umgrenzt, um die Besorgniß von Mißbräuchen auszuschließen. Mit der Annahme des Gesetzentwurfs werde man dem öffentlichen Rechtsgefühl einen Dienst erweisen. Abg. Rintelen (Ctr.) wünscht, daß der Kirche mehr Freiheit gegeben werde, um die Unsittlichkeit zu bekämpfen, insbesondere durch die Thätigkeit der Orden. Im Gegmsatz zu den Socialdemokratm richte die Kirche die Gefallenen wieder auf. Er befürwortet Strafverschärfungen bei besonders rohen Handlungen; für gewisse Kategorien derselben wäre Prügelstrafe ganz am Platze. Abg. Hahn (cons.): Seine Freunde halten es für geboten, den Auswüchsen entgegenzutreten, welche die Vorlage treffen wolle, und sie stimmen der Vorlage im Wesentlichen zu. In Bezug auf die Cafernirung der Prostitution weiche er mit einem Theil feiner Freunde von dem Standpunkte ab, den Hr. v. Holleufer vertreten. Er erblicke in einer folchen Cafernirung eine Maßregel, die zur Ver- Galliern und Germanen. Die Haarwülste derselben und die wie Hörner hervorragenden Flechten wurden nicht minder wie die goldgelbe Farbe zur herrschenden Mode. Keine germanische Jungsrnu war vor den Agenten der römischen Galanteriehändler ihres stolzen Haarschmuckes sicher und gar manche Sigambrerin mußte mir Wehmuth daran denken, daß die stolze Zierde ihres Hauptes auf dem Kopse einer römischen Weltdame prangte. Nach Beendigung des Haarputzes folgt, ebenfalls von einer eigens dazu bestimmten Sclavin ausgeführt, das Schneiden der Nägel. Dieses besorgte überhaupt selten Jemand selbst, sondern man ging in Ermangelung eines Sclaven in den Laden eines Banscheerers. Hinsichtlich der abgeschnittenen Theile der Nägel hatte sich ein seltsamer Aberglaube verbreitet. Es sollten nämlich dieselben, mit Wachs vermischt und an einen fremden Thürpsosten befestigt, körperliche Uebel aller Art auf einen Fremden übertragen können. Die Frage, welches Kleid die vornehme Römerin zum Ausgehen anziehen solle, birgt der möglichen Abwechselungen so viele, daß wir hier nicht -des Näheren daraus eingehen können. Nur so viel wollen wir verrathen, daß es eine eigene Klasse von Sclavinnen gab, Kleiderfalterinnen genannt, welchen die Pflicht oblag, den Kleidern in dem Prelum, der Kleiderpreffe, Glanz und Glätte, sowie modische Falten zu verleihen. Es erübrigt, noch von dem Schmuck zu sprechen, mit welchem sich die vornehme Römerin belud. Beladen ist nämlich das einzige Wort, welches hier paßt. „Perlen," so sagt em etwas grober Schriftsteller, „kamen mir vor Augen, nicht etwa eine für jedes Ohr, nein, heutzutage sind die Damen im Lasttragen geübt; paarweise reiht man sie zusammen und darüber setzt man noch andere. Zwei Perlen nebeneinander wtrrung der öffentlichen Meinung beitragen werde. Man würde eS im Volke nicht verstehen, wenn ein Verhalten, daS mit schweren Strafen bedroht werde, straflos bleiben solle, wenn es unter polizeilichem Schutze geübt werde. Abg. Dr. Pieschel (nl.) tritt auf Grund seiner amtlichen Erfahrungen für die Vorlage ein. Abg. Stadthagen (Soc.): Die Zuhälter seien die naturgemäße Folge der bestehenden Reglements, welche den Besuch gewisser Locale weiblichen Personen ohne männliche Begleitung verbieten. Daß sich Leute zu diesem Gewerbe finden, sei durch die bestehende Wirthschaftsform begründet. Man möge freies Coalitionsrecht, auch den Frauen, geben, damit bessere Existenzbedingungen angestrebt werden können. Redner wendet sich dann gegen die vorgeschlagenen Strafverschärfungen, die umfo gefährlicher feien als der Parteikampf schon in den GerichtSsaal eingeführt fei. Wenn man wirksam ab* schrecken wolle, müsse man zum Mittelalter zurückkehren und die Leute, die in die Interessen Anderer eingreifen, köpfen. Der vorliegende Gesetzentwurf sei die Bankerotterklärung der bürgerlichen Gesellschaft. Geh. Rath v. L e n the bestreitet die Stadthagen'fche Behauptung, daß es in Hamburg concefsionirte Toleranzhäufer gebe und weist die Schmähungen der Gerichte durch den Vorredner zurück. Abg. Bebel (Soc.) verlangt, daß in diesem Gesetze gleiche Gerechtigkeit für Männer und für Frauen geübt werde. Strafe man die Postitution, fo bestrafe man auch die beteiligten Männer, und zwar um fo härter, je vornehmeren Kreifen sie angehörten. Die Mitglieder des früher in Leipzig bestandenen sogen. Tugendbundes würden hier zuerst in Frage kommen. Nächste Sitzung 10. Januar: erste Berathung der Brausteuervorlage. llacBrtcbtc»». Wolffs telegraphische« Correspondenz-Bureau. Rom, 15. December. Moleschott, dessen 70. Geburtstag morgen nachträglich gefeiert wird, erhielt den savoi- schen Verdienstorden, nächst dem Anunziatenorden die höchste italienische Auszeichnung. Depeschen de« Bureau „Herold". Berlin, 15. December. Die Stadtverordnetenversammlung hat heute Rechtsanwalt Kirschner-Breslau mit 90 Stimmen zum zweiten Bürgermeister gewählt. Berlin, 15. December. Seit Montag finden in der Medicinalabtheilung des Cultusministeriums Berathungen der Sachverständigen über die Frage der Abänderung der Apothekenordnung statt. Berlin, 15. December. Die socialdemokratische Reichstagssraction beabsichtigt die N o t h st a n d s s r a g e zum Gegenstand einer Interpellation zu machen. Berlin, 16. December. Der Centrums-Abgeordnete Rintelen hat mit Unterstützung aller Parteien, die Freisinnigen und Socialdemokraten ausgenommen, im Reichstage einen Gesetzentwurf eingebracht, wonach die Verjährung ruht, wenn der Beginn oder die Fortsetzung der Strafverfolgung unmöglich ist. Berlin, 16. December. Die Pferdebahn-Angestellten beabsichtigen unter Benutzung der mit Neujahr eintretenden Erhöhung der Fahrpreise die Hinwirkung auf Boycottirung der Pferdebahn durch die Arbeiter, weil die gestellten Forderungen nicht bewilligt wurden. Mannheim, 15. December. Die hiesigen Fabrikanten machten die Zusage, von weiteren Arbeiterentlassnngen Ab stand zu nehmen, falls nicht die wirtschaftliche Lage eine ganz bedeutende Verschlechterung erfahre. München, 15. December. Eine Anordnung des Justizministers fordert zu größter Vorsicht bezüglich der Verwendung von Rechtspractikanten zu Officialver- theidigern beim Schwurgericht aus. München, 15. December. Das „Fremdenblatt" plädirt für die Errichtung einer bayerischen Klassenlotterie unter Beseitigung aller übrigen Lotterien. München, 15. December. Das „Fremdenblatt" erfährt von gutunterrichteter Seite, die Bundesregierungen hätten alle Vorbereitungen zur Vornahme von Reichstags-Neuwahlen bereits getroffen. Budapest, 15. December. Der Zuckerexport blieb trotz der Hebung der Zuckerprämien dem Vorjahre gegenüber stark zurück. Heuer wurden in den ersten zehn Monaten 2,980,489 Metercentner (3,749,657 im Vorjahre) exportirt. Die Ursache davon ist, daß Deutschland zufolge der Zuckerund eine dritte oben darüber machen jetzt ein einziges Ohrgehänge aus. Die rasenden Thörinnen glauben vermuthlich, ihre Männer wären noch nicht geplagt genug, wenn sie nicht in jedem Ohre zwei, ja drei Erbtheile hängen hätten." Zu dem Schmucke gehörte auch nothwendig ein doppeltes Perlengehänge um den Hals. Das eine war etwas enger, das andere senkte sich tief herunter. Zwischen jeder Perle befand sich ein Edelstein von grüner, goldener ober Perlenfarbe, so daß die Ketten eine große Abwechselung auch in der Farbe zeigten. Der Werth dieser Perlen und Edelsteine erhöhte sich mit ihrem Alter und mit dem Rang und der geschichtlichen Stellung ihrer früheren Besitzer, die Summen, welche für eine Perle der Dido oder des Aeneas gezahlt wurden, übersteigen relativ und absolut angenommen bei Weitem das, was selbst der reichste und leichtgläubigste Antiquitäten suchende Lord etwa für den Helm des Hannibal zahlen würde. Es folgen die Armspangen und die Ringe, oder bester Ringgarnituren, denn unsere Römerin trägt an jedem Finger der Ringe zwei, nur der Mittelfinger bleibt frei. Und zwar hat sie leichtere Garnituren für den Sommer und schwerere für den Winter, die einen so kostbar wie die anderen. Der Werth derselben ging nämlich ins Unermeßliche durch die geschnittenen Steine, welche sich an den Ringen befanden und oft Meisterwerke der Kunst waren. Der Putztisch der Römerin hatte eine geschichtliche Bedeutung, denn an diesem lernt man den Grund für den Niedergang und den Verfall des römischen Weltreiches bester kennen als durch die fortlaufende Geschichte einzelner Begebenheiten, Regierungshandlungen, Ernennungen und Abdankungen von Kaisern und was an solchen historischen Momenten in unseren Geschichtsbüchern erzählt wird. expedition nicht mehr denselben Bedarf hat. Uebrigens hatte auch Deutschland dem Auslande gegenüber geringeren Export. Rom, 15. December. Es wurden heute zwei päpstliche Sendschreiben an die italienischen Bischöfe veröffentlicht, welche von der Freimaurerei und den Mitteln zu deren Bekämpfung, ferner von der religiösen Lage des Landes und der zweckbewußten Action, dieselbe zu heben, handeln. Sitzung öcr Stadtverordneten am 15. December 1892. Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Beigeordneten Georgi und Grüneberg, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Habenicht, Jughardt, Keller, Köber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels. Nach einigen von Herrn Oberbürgermeister Gnauth gemachten Mittheilungen, u. A. über den Eingang einer von Herrn Lehrer Curschmann an die Stadtverordnetenversammlung gerichteten Einladung zu der von Herrn Curschmann am Sonntag den 18. December zu veranstaltenden Ehristbescheerung für arme Schulkinder in der Turnhalle des Schulhanses in der Schillerstraße, kommt der Voranschlag des Großherzoal. Gymnasiums und der Realschule für 1893/94 zur Berathung. Der gegen den vorjährigen Voranschlag nur in drei Punkten abweichende diesjährige weist aus an Besoldungen 80161 Mk. (wegen Anstellung eines definitiven Lehrers gegen das Vorjahr mehr 1700 Mk.), an sonstigen Ausgaben 450 Mk., an Heizung und Beleuchtung 1800 Mk., für Schulgeräthe 850 Mk., für Lehrmittel 500 Mk., für Unterhaltung des Schulgartens 650 Mk., an Aufwand für das physikalische Cabinet 800 Mk., für das chemische Laboratorium 300 Mk., für Feierlichkeiten 400 Mk., für Prüfungen und Prämien 695 Mk., Geschäftsführung 300 Mk., Reservefond 320 Mk. Gesammtausgabe 86 258.94 Mk. (einschließlich Lehrerbesoldungen). Der Zuschuß der Stadt beträgt (einschließlich 5970 Mk. sachlicher Ausgaben) 27 702 Mk., der Staatszuschuß 21731 Mk. An Schulgeld sind vorgesehen 36 700 Mk. — Der Voranschlag wird auf Antrag der Schuldeputation gutgeheißen. Die Punkte 2 und 5 werden von der Tagesordnung' abgesetzt. Den Gesuchen der Gesellschaft für deutsche Er- ziehungs- und Schulgeschichte sowie der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung wird unter der Erklärung des Beitritts der Stadt zu den genannten Gesellschaften stattgegeben, der Jahresbeitrag auf 5 bezw. 10 Mk. festgesetzt. — Nach Mittheilung des Königl. Eisenbahnbetriebsamtes Kassel wird die bisher im inneren Dienst geführte Zeit" berechnung nach mitteleuropäischer Zeit vom' 1. April 1893 an auf den Bahnverkehr selbst ausgedehnt unb demnach die Fahrpläne geändert. Das Betriebsamt fragt daher an, ob von diesem Tage an, ohne Rücksicht darauf, ob von der Reichsregierung die neue Zeitberechnung vorgeschrieben wird ober nicht, die Ortszeit der mitteleuropäischen Zeit angepaßt würde bezw. ob der Beginn des Schulunterrichts, der Arbeitszeit in den Fabriken, der Märkte u. s. w. auf die mitteleuropäische Zeit verlegt würde. Da es fast zweifellos erscheint, daß von der Regierung die mitteleuropäische Zeit am 1. April eingesührt wird, so liegt nach Annahme der VorschlagS- Commission kein Grund vor, an der bisherigen Ortszeit fest- zuhalten. Es wird demnach vom 1. April n. I. ab die Zeit um 25 Minuten vorgerückt, d. h. es wird der Beginn deS Unterrichts in den Schulen, der Arbeiten in Bureaus und Werkstätten, Fabriken rc. nominell um 25 Minuten später erfolgen. Der Einfachheit wegen werden diese 25 Minuten wohl allenthalben auf eine halbe Stunde abgerundet werden, so daß z. B. die Schulen anstatt wie bisher um 7 bezw. 8 Uhr um 71/2 bezw. 8^ Uhr ihren Anfang nehmen würden, was gegenüber der durch den Stand der Sonne gegebenen gegenwärtig gültigen Ortszeit eine tatsächliche Späterlegung um 5 Minuten bedeutet. Die Versammlung erklärt sich mit diesen von der Schuldeputation gemachten Vorschlägen einverstanden. Cocalc» ttnfc provinzielles. Gießen, 16. December 1892. — Die Hochschule zu Padua hat an die LandeS- unive rsit ät Gießen eine Einladung zu d?r in diesen Tagen stattfindenden 400jährigen Gedenkfeier des Amtsantrittes Galileo Galilei erlassen. — Die Packetschalter der Kaiserlichen Postämter werden am Sonntag den 18. December wie an den Wochentagen offengehalten. — Seitens der Großherzoglich Hessischen Regierung sind für die Weltausstellung in Chicago die Pläne der Rheinbrücke bei Mainz, des Bades Nauheim, der Kliniken in Gießen und der neuen Technischen Hochschule in Darmstadt, — seitens der Stadt Darmstadt die Pläne, bezw. Photographien vom städtischen Wasserwerk, — seitens der Stadt Worms die Pläne vom Wasserthurm und dem Lagerhause am Rheine daselbst — hergerichtet und theilweise neu ausgezeichnet worden. Be- ' vor genannte Zeichnungen nach Chicago abgehen, sollen dieselben vom 18. bis einschließlich den 20. dss. Mts. in der Kunstha 11 e am Rheinthor in Darmstadt öffentlich ausgestellt werden. — Verhaftet wurde gestern ein Kaufmannslehrling, der seinen Prinzipal bestohlen haben soll, ein Spenglergeselle,, ebenfalls wegen Diebstahls, und vier Personen wegen Landstreicherei. — Reue Eisenbahn Frachtbriefe. Wir machen wiederhole daraus aufmerksam, daß mit dem Inkrafttreten der neuen Verkehrsordnung auf den deutschen Eisenbahnen, als»