Wt. 64 Erstes Blatt Mittwoch Sen 16 März Amts- und Anzeig-blatt für den Ureis Gießen. Hratisöeikage: Hießener Jamitienökätter Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausland«» nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger^ entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr. Vierteljähriger AVonnementsprets r 2 Mark 20 Pfg. mb Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redactton. Expedition und Druckerei: Kchntstratze M.7. Fernsprecher 51. Ocffcntliche Sitzung der Stadtverordneten. Gießen, 15. März 1892. Zu einem erhebend- ^Zraueract gestaltete sich die heute Bormittag 11 Uhr unter Theilnahme sämmtlicher Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung abgehaltene außerordentliche Sitzung. In dem durch Verhängen der Fenster verdunkelten Sitzungssaale brannten die Gasflammen, die Leuchter waren umflort. Hinter dem am Kopfende des Sitzuirgs- tisches befindlichen, mit Lorbeerbäumen umgebenen Tische des Oberbürgermeisters und der beiden Beigeordneten war die Wand schwarz und in den umflorten hessischen Farben ausgeschlagen. Inmitten der Büsten der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. war die Büste des verewigten Großherzogs Ludwig IV., darüber eine Trauerschleife angebracht. Das Ganze bot einen feierlich-ernsten, der Bedeutung des Actes würdigen Anblick. Herr Oberbürgermeister Gnauth richtete an die Versammlung folgende, von derselben stehend angehörten, tief- empfnndenen Worte: Meine Herren! Ich habe Sie zu einer außerordentlichen Sitzung zu- sammenberusen, weil ich annahm, daß es Ihnen wie mir ein Bedürfniß ist, in feierlichem Zusammentritt der städtischen Vertretung dem gemeinsamen Gesühle tiefer Trauer Ausdruck zu geben bei dem schweren Verlust, welchen unser Grobherzogliches Haus und mit dem ganzen Hessenvolke unsere, in alter und neuer Zeit dem Fürstenhaus so mannigfach verknüpfte Stadt betroffen. Wenn in der bangen Sorge der letzten Woche, ungeachtet aller ärztlichen Berichte, doch immer wieder die Hoffnung aus eine Besserung in dem Befinden unseres Allergnädigsten Landesherrn wohl einen Jeden unter uns erfüllte, so war dies neben dem Unvermögen, in das so plötzlich eingetretene Unglück sich zu finden, ganz besonders noch veranlaßt durch den sehnlichen Wunsch, es möchte die milde, segensreiche Regierung dieses ritterlichen Fürsten noch recht lange unserem Lande erhalten bleiben, es möchte Sr. Königlichen Hoheit, unserem nunmehrigen Großherzog, vergönnt sein, nach frohen Jugendjahren durch den ehrsurchtvollst von ihm geliebten Vater selbst eingesührt zu werden in die schweren Geschäfte der Regierung. Meine Herren! Es ist anders gekommen! Seine Königliche Hoheit der Grobherzog Ludwig IV. ist den Seinen und seinem Volke entrissen! einer der Mit- begründer unseres deutschen Reiches, so aus der blutigen Wahl statt wie im Rathe der Fürsten, ist er nun auch im Tode wiederum den beiden Kaisern vereint, zu denen er im Leben getreulich gestanden; uns aber ist nur das Gedächtniß verblieben an sein Wirken. Daß solche Erinnerung eine dankbare, wer vermöchte es anders zu denken bei dem blühenden Zustande, in welchem der Dahingegangene unser Land zurückgelassen, bei der freien Bahn, die er dem Wirken aller Kräfte des öffentlichen Lebens erschlossen- gleiches Wohlwollen hat Ludwig IV. wie den materiellen Bedürfnissen, io den idealen Interessen seines Landes und Volkes zugewendet, seiner edlen Gattin gleich, war er ein treuer Freund jedes humanen Strebens, ein sicherer Hort der liberalen Anschauungen unseres Volkes. Unvergessen bleibt bei solcher Erinnerung unter uns, was der Verstorbene insbesondere der Stadt Gieben und der mit ihr so engverbundenen Landesuniversttät gewesen: vor zwei Jahren erst hat er durch seine Theilnahme an unseren Festen erneut uns den offenkundigen Beweis seiner landesväterlichen Huld gegeben, im Vorjahre mit der Landesuniversität durch ein besonderes Band als Rector magnificentissimus sich verknüpft, und in den letzten Monaten noch mit Vorliebe den Plan verfolgt, das Schloß seiner Ahnen in unserer Stadt sich umzubauen- Von seiner Bahre aber wendet der schmerzumflorte Blick sich der Zukunft, dem Erben seines Thrones zu. Wem von uns Allen es vergönnt gewesen, vor einem Jahre noch dem damaligen Hörer unserer Hochschule näherzutreten, an der Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit seines Wesens, wie an dem offenen Sinn, dem warmen Interesse für unsere Angelegenheiten sich zu erfreuen, dem eröffnet angesichts des schweren Verlustes, der uns soeben getroffen, aber auch die Zuversicht sich, datz Se. Königliche Hoheit, unser Allergnädigster Großherzog Ernst Ludwig mit der Krone zugleich die schönsten und werthvollsten Gaben seines hochseligen1 Vaters ererbt. > Und so möge denn ein gütiges Geschick walten über Ihm, aus daß Er in langen Jahren wirke zur eigenen Befriedigung, zum Segen unseres Landes- die wohl-, wollende Gesinnung aber, womit der neue Landesherr I in schwerer Trauerstunde seiner Stadt Gießen gedacht,' die wollen wir vergelten mit doppelter Treue, jetzt und allezeit. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkte am Schluffe! seiner Ansprache, daß er im Sinne aller Anwesenden gehandelt zu haben glaube, wenn er ein Beileidstelegramm an ©eine, Königliche Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig ab- i gesandt habe - die Antwort darauf sei ja inzwischen bekannt geworden. Weiter habe er veranlaßt, daß am Sarge des verewigten Großherzogs als letzter äußerlicher Schmuck der j treuen Stadt Gießen ein Kranz niedergelegt werde. An den Beisetzungsfeierlichkeiten werde, soweit Vertretung städtischer | Körperschaften in Aussicht genommen sei, und die Zustimmung , der Stadtverordneten-Versammlung vorausgesetzt, der Bürgermeister nebst den Herren Beigeordneten Namens der Stadt Gießen theilnehmen. Die Sitzung wurde hierauf geschlossen. Deutsches Reich. Berlin, 13. März. Die Kaiserlichen Majestäten und die gesammte Kaiserliche Familie sind durch das in der vergangenen Nacht um V/4 Uhr erfolgte Ableben des Großherzogs von Hessen in die tiefste Trauer ver- etzt. Die Kaiserliche Familie brachte den heurigen Tag in stiller Zurückgezogenheit zu. Auf dem Palais der Kaiserin Friedrich, Unter den Linden, wurde sofort nach dem Bekanntwerden die Flagge aus Halbmast Herabgelaffen. Berlin, 14. März. Die so viel erörterte Frage des Welfe nsonds wird nach dem versöhnlichen Schreiben, welches der Herzog von Cumberland an Kaiser Wilhelm gerichtet hat, voraussichtlich sehr rasch ihre Lösung erfahren, i lieber die Art derselben wird das Weitere indessen noch abzuwarten sein, namentlich darüber, ob der Welsensonds, das inzwischen aus ca. 48 Millionen Mark angewachsene beschlagnahmte Privatvermögen des Königs Georg, selbst dem Herzog von Cumberland auszuzahlen ist, oder nur die Zinsen des selben. Völlig unberührt von der finanziellen Seite der An gelegenheit bleibt vorerst deren politische, speciell was die etwaige Thronfolge deS Sohnes des Herzogs von Cumberland in Braunschweig anbelangt. Diese Frage könnte erst nach der Volljährigkeit des jetzt elfjährigen Prinzen Georg Wilhelm actueller werden und jedenfalls wird sie nicht gegen den bestimmten Willen des braunschweigischen Volkes zur Ent- scheidung gelangen können. 1 — Die bezüglich des Ministers der Landwirthschaft/ des Herrn v. H e y d e n, umlaufenden Rücktrittögerüchte^ sollen nicht ganz unbegründet sein, man bezeichnet sogar schon 1 den schlesischen Großgrundbesitzer Grafen Fred v. Frankenstein, als muthmaßlichen Nachfolger Herrn v. HeydenS. Welche^ Ursachen denselben zu dem signalisirten Rücktritt veranlassen sollten, erscheint noch immer nicht ausgeklärt und muß überhaupt das ganze Gerücht sehr vorsichtig ausgenommen werden. I Bewußtsein ist. Zu den Büchern, welche in den drei Palais, beim jetzigen Großherzog, bei der Prinzessin Victoria I von Battenberg (Prinzessin Ludwig), bei Ihrer Durchlaucht 1 der verwittweten Prinzessin von Battenberg ausliegen, drängen sich schon von den srühen Morgenstunden ab Tausende. Neben der seinen Handschrist der Dame aus der Aristokratie stehen die Züge, welche die schwielige Faust eines wackeren Arbeiters hingestellt hat. In allen Kreisen der Bevölkerung hat dieser plötzliche Uebergang vom Leben zum Tode tiefe Sympathien wach gerufen. Und unsere Residenz hat das vor der Großstadt voraus, daß die Grundstimmung, die ein solches Ereigniß zeitigt, nicht sofort von dem Marktgewühl der Alltäglichkeiten aufgelöst werden kann. An Lustbarkeiten, öffentliche Vergnügungen dachte man hier schon während, der Krankheit nicht mehr. Es bedurfte keiner osficiellen Aufforderung — das eigene Tactgesühl, das gerade im Bürgerstande mächtig zu Tage trat, lehnte alle geplanten Festivitäten ab. Die Trauerordnung ist ausgegeben worden für Hof und Land, mit der wahren und echten Trauer hat sich jedoch das Volk sofort von selbst eingestellt. In dem Audienzzimmer des „Neuen Palais", wohin man die Leiche des Hochseligen aus dem Bibliothekszimmer, wo das Krankheitslager gestanden, übergesührt hat, ruht der Entschlafene in der GeneralSunisorm, über die zum Theil der Militärmantel geschlagen ist. Von Stunde zu Stunde mehren sich die Kranz- und Blumenfpenden, die an der Bahre niedergelegt werden. (Fortsetzung folgt. Z« den Beisetzungsfeicrlichkciten. ■ Darmstadt, 14. März. Die Beisetzung der Leiche »Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Ludwig IV. I "ich*/ wie irrthümlich telegraphisch gemeldet wurde, »am Montag, sondern am Donnerstag den 17. März, I Vorm ittags 11 Uhr statt. Die ganze hiesige Garnison »wird an dem Leichenzuge Theil nehmen, von den übrigen »hessischen Regimentern Nr. 116, 117 und 118 je die Leib- I bezw. 1. Compagnie mit Fahne. — Das Präsidium des I Landeskriegerverbandes „Hassia" hat an sämmtliche Krieger- I vereine und Militärvereine des Verbandes ein Ausschreiben ■ erlassen, in welchem es u. A. heißt: Wir fordern alle unsere I Vereine und Kameraden auf, sich an der Beisetzung Allerhöchst I unseres Protektors, soweit angängig, zu beteiligen. Am I der Beisetzung wird in der Brauerei Heß, Saalbau- I straße Nr. 4, ein Auskunftsbureau bestellt fein. Dort ist I das Nähere über Aufstellung rc. zu erfragen. Ebenso wird I aus den Bahnhöfen bei Ankunft der letzten Züge vor der I Beisetzung für Auskunstsertheilung und Weisung gesorgt I werden. Die Ausstellung der Vereine :c. muß eine halbe I stunde vor der für die Uebersührung befohlenen Zeit voll- I .endet sein. Es soll Spalier gebildet werden und ist deshalb I frühes Antreten erforderlich. Nach der Beteiligung am I Leichenzug wird eine Trauerfeierlichkeit im städtischen Saalbau I siattfinden. Der Eintritt hierzu wird nur solchen gestattet I sein, welche unsere Hassia-Abzeichen tragen. Anzug'dunkel, I Fahnen umflort, Decorationen und Verbandsabzeichen sind I I anzulegen. Darmstadt, 14.März. Die sterbliche Hülle weiland Sr. Königl. Hoheit d es Großherzogs LudwigIV. ruhte bis heute noch auf dem Sterbelager im Bibliothekzimmer des Neuen Palais und ist nunmehr in dem Audienz- I saate aufgebahrt. Der hohr Entschlafene ist mit der Generals- uuifornt bekleidet, die zum Theil von dem Militärmantel I bedeckt wird. Prachtvolle Blumen- und Kranzspenden, so u. A. auch von den Infanterie-Regimentern Nr. 81 und Nr. 115, schmücken das fürstliche Sterbelager. Der Kranz des 81. Infanterie-Regiments wurde schon gestern früh durch Hauptmann Freiherrn Schenk zu Schweinsberg niedergelegt. I — Mittwoch den 16. d. Mts, Vormittags von 10 bis 1 Uhr, und Nachmittags von 4 bis 6 Uhr, ist der Zutritt zu der im Audienzsaale des Neuen Palais aufgebahrten Leiche Sr. Königl. Hoheit des verewigten Großherzogs Ludwig IV. peftattet. Der Eingang zum Neuen Palais ist durch das Thor am Marienplatz (links durch den Garten) und die Thüre in der Front nach dem Wilhelminenplatz, der Ausgang durch das Hauptportal und das Thor nach dem Wilhelminen- platz zu nehmen. Darmstadt, 14. März. Beide Kammern der! Land stände treten nächsten Donnerstag behufs Berathung einer Adresse an Se. Königl. Hoheit den Großherzog I zusammen. Das Präsidium der zweiten Kammer wurde I beute Vormittag vom Großherzog und den Grobherzoglichen Prinzen empfangen. Der frtegwr A»reig,r erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener ImktterrötLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Zur Landestrauer. Aus der Residenz. (Originalbertchl für dcn „Gießener Anzeiger".) Darmstadt, 14. März. E. M. Der Tod des Grobherzogs drückt dem ganzen Leben und Treiben unserer Residenz einen funcbralen Charakter aus. Eine geschäftige Trauerindustrie entfaltet sich an dem Katafalk. Da ist fast fein größerer Erker, der nicht für eine geschmackvolle Decoration gesorgt hat. Namentlich die Buch- und Kunsthandlungen, sowie die zahlreichen Blumengeschäfte thun sich in dieser Beziehung hervor. Frisches ®rün schlingt sich mit Crepe und Flor um eine Photographie oder eine Büste des Verewigten. Bilder des Großherzogs aus allen Jahrgängen tauchen auf. Neben der Darstellung des jungen Prinzen Ludwig, ber die ersten hohen militärischen Abzeichen trägt, erscheinen Bilber aus den Jahren der glücklichen Ehe mit der Großherzogin Alice, und solche, die aus der letzten Zeit stammen, Cwil- und Unisormbild nebeneinander, denn von Ludwig IV. hat in Wahrheit das Wort gegolten: ?'Wir ballen Dich lirb in Fiustenpracht Und schlichtem Bürgerkletde . . ." Auch das Portrait des neuen Regenten zeigt sich neben dem deS Verblichenen. Der Fremde, der in diesen Tagen nach Darmstadt kommt, kann sich durch Augenschein überzeugen, wie tief die Trauer im Hessenvolke sitzt und wie lebendig das monarchische (Wiener ZI nyiger Ameral-Anzeiger. cursirten Gerüchte über ein angebliches Attentat aus den i. Die Wiener russische Botschaft bezeichnet dieselben als unbegründet. hat bestimmt, daß in allen katholischen Kirchen der Diöcese Mainz bis zum 9. April alle Morgen in der Zeit von 11—12 Uhr Trauergeläute stattfindet. Ferner wird aus Anordnung des Bischoss kommenden Samstag im Dome hier für den verstorbenen Großherzog eine kirchliche Trauerfeier abgehalten, welcher der Bischof, das Domcapitel und der gesammte Clerus der Stadt beiwohnen. — Nach einem Ausschreiben des hiesigen Kreisamtes an die Bürgermeistereien haben 14 Tage lang alle öffentlichen Schaustellungen, Musik- aufsührungen u. s. w. zu unterbleiben. — Bei dem Bauen einer Feldbatterie an einem Außenfort der hiesigen Festung wurden heute Morgen 8 römische Särge, sowie verschiedene Geräthe, Gläser :c., alles noch in sehr gutem Zustand, ausgegraben. Bischofsheim, 12. März. Die infolge des hohen französischen Zolles hier niedergelegte Export-Hammelschlächterei ist in Paris wieder errichtet worden. Das lebende Vieh kommt aus Deutschland, doch beträgt hierfür der Zoll nur die Hälfte. ' Vermischtes. * Die Mutter des Trompeters von Vionville. Dieser Tage verstarb eine einfache Frau aus dem Volke, an welche sich durch ihren Sohn eine Erinnerung aus dem Kriege 1870/71 knüpft. Es ist dies die Arbeiterwittwe Friederike Zernicke, geb. König, in Kl. Schöneberg bei Friedrichshagen. Die Mutter des unter dem Namen „der Trompeter von Vionville" bekannt gewordenen brandenburgischen Soldaten, der bei Vionville, als die Truppe, bei Hannover, 14. März. Windthorsts Todestag wurde in den katholischen Kirchen durch Tranergottesdienst begangen und in der deeorirten Marienkirche durch ein feier- I liches Requiem. Die katholischen Vereine legten am Grabe I Kränze nieder. Abends wird im Coneerthause eine Gedächtniß- seier stattfinden und Abg. Lieber dabei die Rede halten. I Pest, 14. März. Gegenüber der Meldung der Blätter, I daß die russische Regierung das Haseraussuhr- v erbot ausheben wolle, erfährt das „Ungarische Corre- I spondenzbureau" von competenter Seite, daß die russische Regierung nicht daran denke, das bestehende Ausfuhrverbot I abzuändern. London, 14. März. Anläßlich des Ablebens des Groß- Herzogs von Hessen ordnete die Königin eine 14täaiae volle I Hoftrauer an. London, 14. März. Nur in drei Kohlengegenden, nämlich in Südwales, Schottland, mit Ausnahme von Stir- lingshire und in Northumberland wird gegenwärtig gearbeitet. Die von diesen geförderte Kohle ist für "den Industriebedarf "nd den Hausgebrauch unzugänglich. Viele Industriezweige I in Nord- und Mittel-England sind wegen Kohlenmangels gelähmt. Sollte der Strike über eine Woche andauern, so müßten die Töpfereien von Nordstoffordshire schließen und 50,000 Töpfer arbeitslos werden. Die Nordostbahn in Durham kündigt die Einstellung mehrerer planmäßigen Züge behufs Kohlenersparniß an. I London, 14. März. Die Verträge für Lieferung großer I Mengen Kohlen, sowohl für London, wie für die Tyne wurden mit London abgeschlossen. Ursprungsort wie Bestimmungsort der Kohlenladungen werden beim Verladen und Ausladen geheim gehalten, um Streitigkeiten mit den belgischen Kohlenarbeitern zu vermeiden. Vor den in Antwerpen beschäftigten Kohlenverladern wird die Bestimmung der Kohlenschiffe geheim gehalten. Die London and Northwesternbahn hat 30Ö Ar- beiter entlassen, in Crewe stellten die Maschinenfabriken infolge des Kohlenmangels ihre Thätigkeit ein. Auf den Zechen in Nottinghamshire ruhen die Arbeiten gänzlich, lieber 20 000 Kohlenarbeiter feiern. Auf den Zechen Schottlands fand keine Arbeitsunterbrechung statt. ' London, 14. März. Trotz des Kohlenstreiks ist der Londoner Kohlenmarkt träge und der Preis der zu Wasser nach London gebrachten Kohle heute um drei Schilling per Tonne gefallen. Aus der Nordosteisenbahn werden morgen über zweihundert Züge ihren Dienst einstellen, ebenso wird die Laneashire- und Yorkshire-Bahn sowie die große Nordbahn den Verkehr beschrätTken. Paris, 15. März. Heute Nacht 2 Uhr sand in der früheren Kaserne Lobau, die gegenwärtig von der Garde Republicaine eingenommen wird, eine Explosion statt, welche ein gewaltiges Getöse verursachte. Eine Büchse, die wahrscheinlich Dynamit und Projectile enthielt, war aus ein Fenster des Eßsaales der Kaserne gelegt worden. Die Mauer ist leicht beschädigt, zahlreiche Fenster in der Kaserne und der Nachbarschaft sind zersprungen. Verwundet ist Niemand, obgleich die Zimmer, welche über dem betreffenden Fenster liegen, von Soldaten der Garde Republicaine bewohnt sind. Die Behörden sind aus dem Platze. Zunder und Kupser- theile der Büchse sind aufgefunden worden. totales und ^provinzielles, Gießen, 15. März 1892. — Namens der Provinz Oberheffen wird heute ein Palmeukranz auf den Sarg des verewigten Großherroas Ludwig IV. niedergelegt. d H — Unfall. Einem aus dem Schiffenberg beschäftigten Knechte stieß am vorigen Sonntag beim Heuholen auf dem Boden ein Unfall zu: er brach in Folge eines Sturzes eine Rippe. — Zur gefl. Beachtung. Infolge eines Unfalles an der Maschine konnte die vorige Nummer des „Gießener Anzeiger" nicht zur gewohnten Zeit zur Ausgabe gelangen. Wir bitten hiermit unsere geschätzten Leser um Nachsicht. . △ Mainz, 14. März. Anläßlich des Ablebens des Großherzogs sand heute Mittag eine feierliche Sitzung der hiesigen Stadtverordneten statt. In derselben widmete Oberbürgermeister Dr. Oechsner dem Dahingeschiedenen einen sehr warmen Nachruf, worin er die hohen Vorzüge des Todten als deutscher Fürst, tapferer Held, gerechter Regent, edeldenkender Mensch und mustergültiger Gatte und Vater schilderte. Die ziemlich vollzählig erschienenen Mit^ glieder der Versammlung erhoben sich zu Ehren des Verstorbenen von den Sitzen. — Das bischöfliche Ordinariat Auch bezüglich des preußischen Kriegsministers, Generals Depeschen deS „Bureau Herold". Darmstadt, 14. März. Zur Beisetzung treffen ferner ein der Herzog von Conaught, Prinz Christian von Schleswig- Holstein und Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg- Schwerin. Darmstadt, 14. März. Heute Nachmittag 2 Uhr begab sich das gesammte O ssiziereorp s des hiesigen Leibgarderegiments in corpore nach dem neuen Palais, um dort am Sarge seines verewigten Chefs einen Kranz niederzulegen. — Nach einem Telegramm deS Kaisers hat derselbe seine ursprüngliche Absicht, persönlich an der Leichenfeier theil- zunehmen, seines noch nicht völlig gehobenen Unwohlseins wegen ausgegeben. Der Kaiser meldet, daß Prinz Heinrich ihn vertreten und er noch zwei Flügel-Adjutanten senden werde. Darmstadt, 14. März. Bei der Ueberführung zum Mausoleum werden sämmtliche hessischen Kriegervereine Spalier bilden. An dem Trauerzuge nehmen sämmtliche Truppen der hiesigen Garnison, sowie je eine Compagnie der sämmtlichen auswärtigen hessischen Truppen theil. Die Vereidigung der Truppen findet nächsten Freitag statt. Darmstadt, 14. März. Die Königin von England läßt sich bei der Beisetzung des Großherzogs durch den Herzog von Edinburg vertreten, da der Prinz von Wales an der Reise nach Darmstadt verhindert ist. Berlin, 14. März. Der Kaiser ist wieder wohl und nahm heute Berichte entgegen. Die Aerzte haben von der Theilnahme an den Beisetzungsseierlichkeiten in Darmstadt abgerathen. Berlin, 15. März. Der „Boss. Ztg." zufolge wird der Reichstag noch über das Gesetz, betr. den Wein verkehr, berathen, da die Regierung Werth daraus lege. Berlin, 14. März. Die „Kreuzzeitung" erfährt aus Rußland, man beginne eifrig, die hart an die deutsch- österreichische Grenze vorgeschobenen Ausstellungen zu einer dauernden Einrichtung zu machen und die sehr ungenügend untergebrachten Truppen zu kaserniren. Die Militär-Ver- waltung habe jüngst in der nächsten Umgebung von Warschau größere Gelände käuflich erworben zum Zwecke umfangreicher Kasernenbauten. Leipzig, 14. März. Der Gynäkologe Professor Crede ist gestorben. Halberstadt, 14. März. Der Gewerkschasts-Con- greß begann im Odeum heute Vormittag. Gegen 300 Dele- girten der am stärksten vertretenen Gewerkschaften, der Hutmacher, Papierindustrie, Tapezirer, Buchdrucker, Tabakarbeiter, Bildhauer, auch mehrere Reichstagsabgeordnete, Schwarz, Metzger, Molkenbuhr, und eine Anzahl weiblicher Delegine waren anwesend. Aus der Tagesordnung stand der Benetzt über die Thätigkeit der Hamburger Generaleommission und die Organisationssrage. Die provisorischen Vorsitzenden, Legien Hamburg, Kloß Stuttgart, Feder-Berlin (unabhängige) protestiren gegen den Congreß, welcher die Vertretung der gesammten Arbeiterschaft nicht anerkenne, da die EinladunA zur Gmeraleommission zum Congreß die Localorganisation ausschloß. Nach längerer Debatte wurde die Zulassung der Vertreter der Loealorganisationen beschloffen. Es folgt Erledigung der Formalitäten. Gestern Abend sand ein zahlreich besuchter Commers statt. ®en' 14. März. Megrelli, Oberst des in Linz, liegenden Infanterieregiments „Großherzog von Hessen", reist mit einer Abordnung von vier Offizieren nach Darmstadt ab. Graf Hartenau eondolirte telegraphisch. London, 14. März. Der Kohlenstrike von Durham, Yorkshire, Lomashire ist ein allgemeiner- außer 400,000 ausständigen Kohlenarbeitern ist eine große Zahl bei den Eisenbahnen und deren Werkstätten beschäftigungslos, sowie bei ""deren industriellen Unternehmungen Angestellter brodlos- geworden. Das Einvernehmen zwischen den Arbeitern und Grubenbesitzern ist fortgesetzt ein gutes. Die schottischen Arbeiter werden ihre Thätigkeit nicht einstellen. Das Endt des Ausstandes wird vor Ablauf der Woche erwartet. Brussel, 14. März. Die offizielle V e r l u stzi ff er von Ander! ues beträgt 152 Todte, 20 Verwundete und 63 Gerettete. Kopenhagen, 14. März. Der Betrieb fast aller Eisenbahnen des Landes ist infolge des seit Freitag anhaltenden Schneesturmes gestört. Durchgehende Züge aus Korsver und Gjedser konnten nur mit Hilfe von Schneepflüqen unter großen Verspätungen hierher gelangen. Darmstadt, 15. März. Zu den Beisetzungsseier- ltchkenen treffen weiter ein: Prinz Ludwig von Bayern, Prinz Johann Georg von Sachsen, der Erbprinz von Waldeck, der Prinz von Hohenzollern und Herzog Alfred von Edinburg. Berlin, 15. März. Dem Abgeordnetenhaufe ging ein Gesetzentwurf zu, wodurch die Wiederaufhebung der Beschlagnahme des Vermögens des Königs Georg königlicher Verordnung Vorbehalten bleibt. In der Begründung heißt es, die Zustände Hannovers seien derart beruhigt, daß besondere Mittel zur Abwehr von Agitationen nicht mehr nöthig seien. Der Kaiser habe beabsichtigt, der Bevölkerung der Provinz den Beweis des Vertrauens zu geben und zu weiterer Beruhigung beizutragen- die Staatsregierung werde nach erfolgter Zustimmung des Landtags die erforderlichen Vorbereitungen und Schritte zur Aufhebung der Beschlagnahme thun. v. Kal len b o r n St ach a u, heißt es, derselbe sei gesonnen, Czar e n seine Entlassung zu nehmen, aber lediglich aus Gesundheitsrücksichten- die mehrwöchige Cur, welche der Kriegsminister soeben in Wiesbaden durchgemacht hat, soll nicht so besonders erfolgreich gewesen sein. Reichstag. 193. Plenarsitzung. Montag den 14. März, 1 Uhr. Präsident v. Levetzow gedenkt des Htnschetdens deS Groß- berzogs von Hessen, der dem Kaiser ein treuer Bundesgenosse gewesen und der seine Liebe zum gemeinsamen deutschen Vaterlande als Mitkämpfer in dem Kriege 1870/71 bewiesen bade. Seinen Heilen sei er immer ein treuer Landesoater gewesen; sie betrauerten ietn Abschetden tief und das deutsche Volk theile dieses Gefühl. Das Haus hat sich während der Worte des Präsidenten von den Plätzen erhoben. Das Uebereinkommen zwischen dem Reich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika über den gegenseitigen Schuh der Urheberrechte wird in dritter Lesung angenommen. Die allgemeine Rechnung über den ReichshauShalt für 1888/89 wird der Rechnungscommtssion überwiesen. Es folgt dritte Beratung der Novelle zum Krankenver- ficherungsgesetz. Abg. Dr. Wendt ((Str.): Nach der eingehenden Berathung, welche die Vorlage gefunden, könne man sagen, daß die Grundlagen des Krankenoersicherungsgesetzes als bewährt sich ergeben haben. Überhaupt hätten die Versicherungsgesehe im Allgemeinen segensreich gewirkt; doch solle damit keineswegs gesagt sein, daß damit Alles das erschöpft sei, was auf socialem Gebiet von Staatswegen zu leisten sei. Insbesondere bedürfe das Handwerk kräftiger Förderung. Auch sei batür zu sorgen, daß dem gesunden Arbeiter die wirthschaflliche Existenz gesichert werde; dazu bedürfe es einer gesunden Zollpolitik. Abg. BruhnS (Soc.): Die Uebelsiände, welche im Kranken- ver,icherungswesen hervorgetretcn seien, hätten sich vermeiden lassen, wenn man bei Schaffung des Gesetzes mehr an die bestehenden freien , Kassen angeknüpft hätte. Durch die Novelle würden einige Mißstände beseitigt, aber sie lasse die mangelhaften Grundlagen des Gesetzes ganz unberührt und sie strebe daneben auf die Vernichtung der freien Kassen hin. Seine Freunde würden deshalb daoegen stimmen, umsomehr als deren Verbesserungsanträge keine Berücksichtigung gefunden. Abg. Dr. Gutfleisch (dfr.) verwahrt seine Freunde gegen den in der zweiten Lesung dieser Vorlage erhobenen Vorwurf, daß sie vrincrpielle Gegner der Socialgesitzgebung seien. Die Freisinnigen hatten sich hinsichtlich der Krankenversicherung für Zwangsoerficherung ausgesprochen. Sie seien auch nicht prtncipiell gegen den Staatszwang gewesen, nur hätten sie gefordert, daß der Zwang auf diejenigen Kategorien beschränkt werde, welche desselben bedürften und daß die bestehenden freien Kassen erhalten und geschont werden. Redner wendet sich namentlich dagegen, daß es den freien Kassen nicht ferner zustehen solle, an Stelle freier ärztlicher Behandlung, Arznei und Heilmittel ein entsprechend höheres Krankengeld zu gewähren. Damit werde über die Gebühr schablonisirt. Eine Folge dieser schablonen- haftm Behandlung sei die Menge der vorliegenden AbänderungS- antrage; zu einer dritten Lesung hätten deren noch nie so viel vor- I Siegen. Wenn die Vorlage Gesetz werde, werde sich deren Abänderungsbedürftigkeit schon in wenigen Jahren Herausstellen Man dürfe die Versicherungsgesehe nicht überschätzen; die sociale Frage werde damit nicht gelöst, diese werde durch ein Gesetz über- I Haupt nicht gelöst. Von dem Maße, in dem die freien Kassen geschuht werden, hänge die Zustimmung seiner Freunde zu dem Gesetze ab. | Abg. v.d. Schulenburg (cons.) erklärt die Zustimmung seiner Freunde zu der Vorlage und vertheidtgt insbesondere die Bestimmung welche auch die freien Kassen zur Leistung ärztlicher Behandlung Arznei rc. verpflichtet. Damit werde für die Heilung doch zweifellos eine größere Garantie geschaffen. Abg. Ullrich (Soc.) wiederholt, daß die Socialdemokraten gegen den Entwurf stimmen, weil er die freien Hilfskaffen untergrabe I Die Zwangsversicherten der Gemeindeversicherung seien der Willkür ausgesetzt. So habe man einem Arbeiter, dem der Arm gebrochen I war, einen Abzug an Krankengeld gemacht, weil er nicht Versuchs- I °bject ärztlicher Experimente sein mochte. Den freien Kaffen würden alle möglichen Schwierigkeiten bereitet. Wenn man glaube, damit den Socialdemokraten betzukommen, irre man; die Socialdemokraten wurden bann aber in ben Zwangskaffen ihre Rechte wahren Unterftaatssecretär v. Rottenburg bemerkt, baß ein Abzug von Orbnungsstrafe von ben Krankengelbern unzulässig sei. Abg. Möller (natl) ist im Gegensatz zu ben meisten seiner Freunde der Meinung, baß bie freien Hilfskassen überhaupt in bieses Versicherungssystcm nicht hineingehören. Nachbem bteselben aber bestehen geblieben, war es unbebingt nöthig, auch ihnen bie Ver- I Pflichtung zur Naturalleistung von Arznei unb Heilmitteln, sowie freier ärztlicher Behanblung aufzuerlegen. Diese Verpflichtung sei I nicht aus Aversion gegen bie freien Kassen, fonbern lediglich im Interesse ber Versicherten selbst aufgenommen. Sehr wünschenswerth I wäre eine Heranziehung ber Dienstboten zur Dersicherungspflicht. Hoffentlich komme bas Gesetz zu Stanbe. I Abg. Eberly (bfr.): ES könne nicht sehr muthvoll stimmen, I wenn man sich bet Verabschiedung eines großen Socialgesetzes sagen daß sich bie AbanberungSbebürstigkeit sehr balb ergeben werbe. Die Abänberungsbeburftigkeit trete baburch in Erscheinung, baß jetzt in dritter Lesung nicht weniger als 105 Abänberungsanträae vorliegen. ö I Damit schließt bie GeneralbiScussion, worauf bie Weiterberathung I auf morgen Dienstag Mittag 12 Uhr vertagt wirb. Neueste Nachrichten. DolffS telegraphisches Lorrespondenz.Bureau. Berlin, 14. März. Der Kaiser ordnete für den verstorbenen Grobherzog von Hessen eine dreitägige Armeetrauer an. Das 1. Hessische Infanterieregiment, dessen Ches der Großherzog war, das 1. Garde-Regiment zu Fuß, bei dem der Großherzog in der Suite ftanb, legen eine achttägige Trauer an. Berlin, 14. März. Für den Großherzog von Hessen ist eine dreiwöchige Hoftrauer angeordnet. — Der Kaiser hörte Vormittags den Vortrag des Chefs des Civilcabinets. - Der, „Reich San zeig er" schreibt anläßlich des Todes des Großherzogs von Hessen: Mit der Trauer I nm den Dahingeschiedenen verbindet das deutsche Volk den Wunsch, es möge dem nunmehrigen Großherzog beschieden sein, sein Land in Glück und Frieden zum Segen seines wie des deutschen Volkes lange Jahre hindurch zu regieren. Berlin, 15. März. Die Vorlage betreffend die Aufhebung des Welfensonds geht voraussichtlich noch heute dem Abgeordnetenhause zu. In der Volksschulcommission erklärte gestern der Cultusminister die Schulaussicht für ein staatliches Recht, der Staat müsse, wie die Verfassung bestimmt, auf dem Gebiete der Schule Herr bleiben. — Die „Vossische Ztg." . meldet, Staatssecretär v. Bo etlicher sei an einem Hals- leiden (angina) erkrankt. — In Wiener Finanzkreisen :