Nr. 13 Der $iefte«er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Aa mitten V kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. ______________________«-amsta« den 16. Januar______________________ Wchener A nzeiger Aenerat-Mnzeiger. 1882 Vierteljähriger Avonnemeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schntstraße Fr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr. ' Anrtliciiev Tbeil. Polizei-Reglement, die polizeiliche Beaufsichtigung der Lpinnstuben in der Gemeinde Wieseck betreffend. Mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. November 1890 zu Nr. M. I. 28379 wird hiermit nachstehendes Polizei-Reglement für die Gemeinde Wieseck erlassen: 1) Spinnstuben dürfen in Wirthshäusern überhaupt nicht und in Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus oder in einem Wrrthshause eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 JL bestraft. 2) Gegenwärtiges Polizei-Reglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft. Gießen, den 14. Januar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. _________________ v. Gagern.__ Bekanntmachung. Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzbuchs, Art 104 des Polizeistrafgesetzes und das Local- Reglement vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen Kenntlliß, daß das Befahren des von der Göthestraße nach dem Schiffenbergerweg führenden sogenannten Stephansweges für alle Nichtanlieger bei Meidung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen verboten ist. Gießen, den 13. Januar 1892. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. 147. Plenarsitzung. Donnerstag den 14. Januar 1892, 2 Uhr. ' Die zweite Berathung des ReichshaushaltSetats wird beim Reichsamt deS Innern fortgesetzt. Bei den Ausgaben zu gemeinnützigen Zwecken constattrt Abg. ,. Meyer-Arnswalde (cons.), daß für Kunst und Wissenschaft von Retchswegen unglaublich wenig gethan werde. Er habe im vorigen Jahre angeregt, daß dem Kaiser durch den Reichsetat ein Fonds zu Kunstzwecken zur Verfügung gestellt werde; man habe ihm eingeworfen, daß dadurch Bayern verletzt werden könnte, das sehr eifersüchtig auf seine Kunstpflege sei; aber gerade ein bayrischer Abgeordneter, Schenck * Stauffenberg, habe seinen Vorschlag sehr beachtlich gesunden! Redner kritisirt dann die Concurrenz für das Kaiser-Wilhelm- »ratisöeitage: Hießener Iamitienötätl National-Denkmal und das Ergebniß derselben. Die Katserbtlder stellten Kaiser Wilhelm I. in einer Pose dar, die dem schlichten Wesen dieses Monarchen sremd gewesen. Er begreife die Vorliebe der Künstler für den Mantel nicht, welcher die Gestalt verberge, ebensowenig die Vorliebe für Allegorien. Hoffentlich werde eine neue Concurrenz unter den Künstlern mehr zusagenden Bedingungen ausgeschrieben. Bet dem realistischen Streben der Künstler hoffe er, daß sie auch die Gangart der Pferde richtig darftellen werden; die Gangart der Pferde des großen Kurfürsten auf der langen Brücke und Friedrich des Großen unter den Linden komme nur im Circus Renz vor; bet solcher Gangart auf dem Pferde zu sitzen, set äunerst schwierig. Staatssecretär Dr. v. Boetticher Die Kunst set an sich nicht Sache des Reiches; allerdings set das Reich dazu übergegangen, eine Anzahl Ausgaben für Kunstzwecke zu machen und es weide auch künftig der Kunst gegenüber nicht ganz passiv bleiben können, namentlich wenn es sich darum handle, Gebäude für Reichszwecke künstlerisch auszustatten. Was das Katser-Wtlhelm-Denkmal anlange, so habe sich Se. Majestät noch die Entscheidung über die Gestaltung desselben vorbehalten. Auch eine dritte Concurrenz, wie sie der Vorredner wünsche, würde schwerlich einen Entwurf ergeben, der männigltch im Reiche befriedige. Die Ausgaben zu gemeinnützigen Zwecken (421OO0Mk.) werden genehmigt. c o Zur Unterhaltung deutscher Postdampserverbindungen werden 5,3 Millionen eingestellt. Abg. Dr. Bamberger (dfr.): Diese Ausgabe set gesetzlich festgelegt, aber es muffe doch nach den bisherigen Erfahrungen con- ftattrt werden, daß das Geld weggeworfen set; man habe nicht einmal den Trost, daß der Bremer Lloyd damit auf seine Kosten gekommen wäre. Mit der Dampsersubvenlton würde für die mit den subven- tiontrten Dampfern beförderten Waarm eine Ausfuhrprämie von 25 Procent gewährt, das Höchste, was auf diesem Gebiete geleistet werde. Staatssecretär Dr. v. Boetticher: So schlimm, wie der Vorredner die Sache darstelle, liege sie nicht. Auch das verflossene Jahr habe für die suboenttonirtm Linien eine Steigerung des Verkehrs ergeben. Man werde erst nach Ablauf der 15jährigen Periode, für welche die Subvention bewilligt ist, ein abschließendes Urthetl über deren Wirkung haben. Abg. Dr. Hammacher (natl.) schließt sich dem Staatssecretär darin an, daß der abgelaufene vterj^'-ige Zeitraum ein abschließendes Urthetl über den Werth der Subventionen nicht gestatte. Jedenfalls sei der Verkehr trotz ungünstiger Verhältnisse auf den subventtontrten Linien gestiegen. Die Samoa-Linie freilich fei unfruchtbar. Abg. Richter (dfr.): Herr Bamberger habe bei seiner Berechnung der Ausfuhrprämie die oftafrikanische Ltnie außer Betracht gelassen und ebenso bei der Berechnung des Verluftcontos des Norddeutschen Lloyd den Ausfall der Zinsen für die Schiffe. Wenn die Samoa-Linie aufgehoben werde, so dürfe das Geld nicht für eine andere Linie verwendet, damit das unglückliche Subventtonssystem fortgesetzt und das Geld buchstäblich ins Wasser geworfen werden. Abg. Samhammer (dfr.) führt aus, daß die suboentiontrten Dampfer vielfach in ihren Leistungen hinter den englischen zurückblieben. Abg. Richter (dfr.) ersucht den Abg. Hammacher, darauf zu wirken, daß die Kohlensubventionen, durch welche der Erfolg der Dampfersubventionen in Frage gestellt worden, aufhören. Die BiS- Alle Annoncen-Bureaux deS In- und AuSlande- nehmm Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. marck'sche SuboentionSpolttik lege sich so gegenseitig in ihren Wirkungen lahm. Die Position wird genehmigt. E1En^üL.2,Za6rC0eln Segen Rinderpest und ReblauS werden 515300 Mk. und als Reichszuschuß zur Jnvalidttäts- und Altersversicherung 9213838 Mk. bewilligt. Für Ueberwachung des Auswanderungswesens sind 18OO0Mk. eingestellt. Abg. Dr. Hammacher (natl.) legt die Nothwendigkeit eines Auswanderungsgesetzes dar, welches den Auswanderern Information und Schutz sichere. England und Belgien unterhielten Bureaus zur Information der Auswanderer, die sich in hohem Maße bewährten Er befürwortet ferner die Außerkraftsetzung des v. d. Hkudl'schen Rescripts, da sich der Süden von Brasilien zur Auswanderung sehr wohl eigne. Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Der Entwurf eines RetchS- AuswanderungsgeseheS bilde jetzt den Gegenstand commissarischer Berathungen. Wahrscheinlich werde der Entwurf dem Reichstage noch in dieser Session zugehen, ob derselbe hier noch zur Durch- berathung gelangen könne, stehe freilich dahin. Mit dem v. d. Heydt- schen Rescripte habe sich der Bundes! ath nicht zu beschäftigen gehabt. Abg. Dr. Lingens (Ctr.) sieht mit Vertrauen dem Entwürfe entgegen; bei der UebersüUe an Bevölkerung, die sich zeitweilig geltend mache, könne man nicht principiell gegen die Auswanderung sein. Die Position wird bewilligt. Zur Position Reichsschulcommission (9O0O Mk.) beantragt Abg. Richter (dfr.): die verbündeten Regierungen zu ersuchen, in Ausführung der Bestimmung des Reichsmilitärgefetzes dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen zur Regelung der Vorbedingungen welche zum einjährig-freiwilligen Dienst berechtigen. Mit dem Anträge soll ausgesprochen werden, daß auf dem Verordnungswege eine solche Erschwerung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst, wie sie in Preußen auf Grund der Beschlüsse der vorjährigen Schul- conserenz eingeführt werden soll, überhaupt unzulässig sei. Staatssecretär Dr. v. Boetticher bestreitet, daß mit der betreffenden Verordnung eine Erschwerung des einjährig-freiwilligen Dienstes beabsichtigt sei. Abg. Dr. Hartmann (cons.) befürwortet den Antrag Richter, da derselbe ja keinen Termin für den Erlaß des darin geforderten Gesetzes enthalte. Abg. Richter (dfr.): Thatsächlich werde die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst durch die fragliche Verfügung erschwert- fei dieselbe erst in Preußen eingeführt, so werde sie bald auch in anderen Bundesstaaten eingeführt werden. Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Die fragliche Bestimmung bezwecke lediglich, die höhere Bildung zu einem Abschluß zu führen. Abg. Alt Haus (dfr.) spricht sich gegen die oorgeschrtebene Prüfung aus, welche im Interesse der Schule nicht erforderlich fei und bittet um Annahme der Resolution Richter. Nachdem noch Abg. v. Bar (dfr.) für die Resolution Richter eingetreten, wird dieselbe mit großer Mehrheit angenommen. Weiterberathung morgen 1 Uhr. Netteste Nachrichten. Wolff- telegraphisches Korrefpoadenz-^ureau. Berlin, 14. Januar. Der preußische Landtag wurde heute Mittag im Weißen Saale des Schlosses er- u Feuilleton. Ein prscti scher Mensch. Novellette von Ed. Vogler. (Nachdruck verboten.) „Wie unbehaglich," brummte Herr Commerzienrath Wehner, sich nach einem flüchtigen Ausblicke von seiner Zeitung und einem grüßenden Verneigen nach einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses tiefer hinter die seidenen Vorhänge des Erkers zurückziehend, „ist man jetzt wohl einen Morgen unbehelligt von diesen fast zudringlichen Blicken unseres neuen vis-a-vis? Es fehlte bei Gott blos noch, daß dieser Doctor Röhn seiner Vertraulichkeit dadurch die Krone aussetzt, daß er uns laut einen „Guten Morgen!" über die Straße zuruft." Die rundliche Dame an der anderen Seite des Erkers, an welche sich der Sprechende mit seinen letzten Worten gewendet, ließ langsam die feine Handarbeit in den Schooß sinken, während ihre Augen flüchtig zu dem erwähnten Gegenüber hinüberstreiften, das dort mit einer fast zärtlich zu nennenden Emsigkeit zwischen den mit blühenden Fenstergewächsen bestandenen offenen Fenster hantirte. „Du bist ungerecht, Willibald," sagte sie dann, unauffällig den offenen Fensterflügel etwas zudrückend, „sein Gruß ist stets so respectvoll, daß Du die von Dir ihm angedichtete Ungeheuerlichkeit wohl nie zu befürchten hast. Ich schätze Doctor Röhn als einen sehr angenehmen Mann." „Ganz — frauenhaft," lachte der alte Herr belustigt aus, leicht die Achseln zuckend, „ein einigermaßen hübsches Aeußere, einige verbindliche Worte, das genügt, für Euch ist der Ausbund aller Liebenswürdigkeit fertig. Offen gestanden, mich stört diese säst zur Schau gestellte Blumencultur da drüben; es macht mir fast den Eindruck, als ob dieser Doctor sich weniger seiner Blumen halber dort aushält, als um überhaupt unauffällig stundenlang am Fenster zu sein." „Bis die Liebliche sich zeigte, bis das theure Bild sich ins Thal herunter neigte, ruhig, engelmild," recitirte Frau Wehner mit schelmischem Lächeln, dem betroffen zu ihr herüberschauenden Eheherrn voll ins Auge sehend. „Du kannst aber überzeugt sein, Willibald, daß ich jene „Liebliche" nicht bin und auch unserer alten Susanne dürste, meiner bescheidenen Meinung nach, dieses Prädikat nicht zuzuertheilrn sein, aber — nun, gelt, Alter," lachte sie, belustigt über das immer länger werdende Gesicht ihres Gegenüber, auf, „wüßtest Du Niemanden, der diese Bezeichnung verdient?" „Emma? Das wäre!" rief Herr Wehner, indem er aussprang und die Zeitung sortschleuderte. „Und das sagst Du so lachenden Mundes, Agnes, so, als ob es Dir die höchste Befriedigung gewährte, Deine Tochter ä la Toggen- burg angeschmachtet zu sehen? — Aber das ist ja Unsinn, Thorheit!" fuhr er dann fort, mit langen Schritten das Zimmer durchmessend; „Emma kennt meine Willensmeinung, daß nur ein tüchtiger Geschäftsmann dereinst mein Schwiegersohn werden kann und würde deßhalb den Annäherungsversuchen eines anderen auch nicht die geringsten Concessionen machen. — Hahaha!" lachte er auf, vor seiner Frau stehen bleibend, „Altchen, es ist also nichts mit dem Pfuscher da drüben." „Der Herr ist practischer Arzt!" wendete nicht ohne Ernst die alte Dame ein, aber ihr Gatte unterbrach sie polternd: „Ach was, practischer Arzt, ein unpractischer Mensch ist er! Setzt sich hier unserem halben Dutzend Aerzten, die selber nicht genug zu thun haben, noch aus die Nase, — oder meint der Monsieur, cs würde ihm zu Liebe die halbe Stadt krank werden? Freilich, wenn so ein Bruder Lustig merkt, daß seine Rechnung nicht stimmt, dann soll irgend ein reiches Kausmannstöchterlein daran glauben. Geh mir," setzte er wegwerfend hinzu, „mit alle den Gelehrten und Beamten, die ein halbes Leben daran setzen, den Rest desselben bei einem kümmerlichen Einkommen zu begehren; der schlichteste Kaufmann ist mir lieber; ihm steht die Welt offen; er kann Schätze sammeln, während jene im engbegrenzten Wirkungskreise sich mühen, unfähig, sich in außergewöhnlichen Lagen des Lebens zu Helsen, — es sind alles, alles unpractische Menschen, Leute, die . . . aber da geht ja unser Freund," unterbrach er plötzlich seinen vom kaufmännischen Bewußtsein geschwellten Sermon, an das Fenster tretend, „offen gestanden, daß erste Mal, daß ich ihn früh ausgehen sehe." „Du wirst nicht darauf geachtet haben; Doctor Röhn verläßt seit einiger Zeit regelmäßig punkt acht Uhr seine Wohnung; jedenfalls doch, um seine Patienten zu besuchen." „Seine Patienten!" lachte Herr Wehner spöttisch auf. „Doch laffen wir das gut sein," setzte er mit einem ernsten Blick auf die ruhig häkelnde Ehegenossin hinzu, „Emma sowohl wie Du, Ihr kennt meine vorhin schon ausgesprochene Meinung; für einen Mann, der darauf warten muß, ob irgend Jemand ihm feine Gebrechen klagen will, ist meine Tochter nicht; mag sich der Doctor deßhalb an eine andere Adresse wenden, meinetwegen an Kreisrichters Töchterlein, wo wir kürzlich den Herrn kennen lernten; wir mir schien, hatte er ja bei Clärchen einen gewaltigen Stein im Brett. — Appropos," setzte er dann nach einem Gange durch das Zimmer hinzu und ein leichter Seufzer hob seine Brust, „was ist mit Emma? Seit diesem Hausballe bei Kreisrichter Hahn scheint mir das Mädel zu kränkeln; ich wollte Dich nicht mit meinen Befürchtungen beunruhigen, bevor ich selbst klar gesehen, aber es scheint mir doch jetzt an der Zeit, zn sprechen; vielleicht hat sie zu viel getanzt." „Daß ich nicht wüßte," erwiderte seine Gattin, „aber so unrecht hast Du nicht, auch mir ist das veränderte Wesen Emmas ausgefallen, recht, recht ausgefallen," fügte sie mit eigenartiger Betonung hinzu. //Also auch — hm! Nun um so besser, daß ich gestern Abend ein Billet an unseren alten Medicinalrath schrieb; ich bat ihn, hier einmal mit vorzusprechen; er soll einmal sehen, was dem Kinde fehlt." (Fortsetzung folgt.) öffnet, nachdem für die evangelischen Mitglieder im Dom, für die Katholiken in der Hedwigskirche Gottesdienst gewesen war. Wegen der Erweiterungsbauten im Weißen Saale fand das Publikum zu demselben keinen Einlaß. Gegen 150 Mitglieder beider Landtagshäuser erschienen. Der Reichskanzler Graf von Caprivi verlas um 12 Uhr die Thronrede, woraus der Herzog von Ratibor das übliche dreimalige Hoch auf den Kaiser ausbrachte. Die Thronrede wurde schweigend angehört. Berli», 14. Januar. Abgeordnetenhaus. In Abwesenheit des erkrankten Präsidenten von Kötter eröffnet der Vicepräsident von Heeremann die Berathungen des Hauses mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Der Vorsitzende theilte hieraus mit, daß er auf die Tagesordnung der morgen stattfindenden Sitzung Präsidentenwahl gesetzt habe und hob hieraus die Sitzung auf. Berlin, 14. Januar. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin besichtigte heute Vormittags die im hiesigen Kunstgewerbe^Museum zu Gunsten der durch das Erdbeben in Japan Heimgesuchten eröffnete reichhaltige Leih-Ausstellung japanischer Kunstgegenstände. — Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich beabsichtigte, die Ausstellung am heutigen Nachmittage zu besichtigen. Berlin, 14. Januar. Der Vorsitzende des deutschen Fischerei - Vereins, Mitglied des Herrenhauses und früher des Reichstags, Behr-Schmoldow, ist gestorben. Berlin, 14. Januar. Der Bundesrath stimmte dem Ausschußberichte über die §§ 3—8 des Trunksucht s- gesetzes zu. Posen, 14. Januar. Der Erzbischof Stablewski traf heule Nachmittag hier ein. Er stattete dem com- mandirenden General und dem Oberpräsidenten Besuche ab, die alsbald erwidert wurden, und reiste Abends nach Dresden ab. Rom, 14. Januar. Die Kammer nahm ihre Arbeiten heute wieder auf. Rudini legte auf das Uebereinkommen mit Ras Tigre bezügliche Documente vor. Daraus wurde die Berathnng der Handelsverträge mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn begonnen. Gianturco und Rudini sprachen sich für die Verträge aus. Siampietro (äußerste Linke) erklärte, seine Freunde hätten sich als Redner gegen die Handelsverträge eintragen lassen, nicht um dieselben zu bekämpfen, sie billigten sie vielmehr, sondern um die wirth- schaftliche Politik der Regieruug zu tadeln. London, 14. Januar. Der Herzog von Clarence befand sich die letzte Nacht in den ersten Stunden wesentlich besser, gegen 2 Uhr schwanden plötzlich die Kräfte, es trat eine allmähliche Erschöpfung ein, die bis zum Tode andauerte. Die Königin Victoria ist durch den Todesfall aus das Tiefste erschüttert, ihre Gesundheit hat jedoch nicht gelitten. Sie sandte sofort eine Beileidsdepesche an die Eltern des Verstorbenen. Die Prinzessin-Braut ist ganz trostlos. Die Prinzessin von Wales ist vom Schmerze überwältigt. Aus allen Theilen des Reiches und den Colonien laufen Beileidstelegramme ein. Die Leichenfeier wird mit königlichem Pomp in der St. Georgscapelle des Schlosses zu Windsor stattfinden. Verschiedene Theater bleiben heute und am Tage der Beisetzung geschloffen. — Prinz Albert Victor, Herzog von Clarence und Avondale, Graf von Athlone, war der älteste Sohn des Prinzen von Wales und wurde daher als zukünftiger Thronfolger und König angesehen. Dieser Umstand hat hauptsächlich die allgemeine Theilnahme bedingt, mit welcher man in England den Verlaus der Krankheit des Prinzen verfolgt hat. Dazu kommt, daß derselbe im Begriff stand, sich mit einer Verwandten, der Prinzessin Victoria Mary von Teck zu vermählen. Die Hochzeit sollte im nächsten Monat stattfinden. Der Prinz Albert Victor war am 8. Januar 1864 zu Frogmore Lodge bei Windsor geboren, studirte in Oxford, ward Dr. jur. utr. ad. hon. und Rittmeister im 10. Husaren-Regiment. Er unternahm dann große Reisen und wurde, um seinen Vater von seinen vielen gesellschaftlichen Pflichten zu entlasten, 1890 gesellschaftlich selbstständig gemacht, indem ihn seine Großmutter, die Königin Victoria, am 23. Mai 1890 zum Herzog von Clarence und Mitgliede des Oberhauses ernannte. Er ist der fünfte Träger dieses Titels, der erste seit Wilhem IV. vor seiner Thronbesteigung. Depeschen deS „Bureau Herold". Berlin, 14. Januar. Preußisches Herrenhaus. Herzog v. Ratibor eröffnete die Sitzung mit einem dreifachen Hoch aus den Kaiser. Unter den wegen anderweitiger Geschäfte für die Sessionsdauer um Urlaub Nachsuchenden befindet sich auch Fürst v. Bismarck. Dem Anträge Kleist v. Retzow entsprechend, werden die Mitglieder des Präsidiums durch Zuruf wiedergewählt, nämlich Herzog v. Ratibor zum Präsidenten, v. Manteuffel Crossen zum ersten, Bötticher- Magdeburg zum zweiten Vicepräsidenten. Sodann wurden die Schriftführer gewählt. Nächste Sitzung Freitag. Geschäftliche Mittheilungen. Berlin, 14. Januar. Budget-Commission des Reichstags. Postetat. Die Ausgaben des Ordinariums wurden unverändert genehmigt. Bei den einmaligen Ausgaben wird die Forderung für ein neues Dienstgebäude in Colmar von 100,000 Mk. um 20,000 Mk. gekürzt. Die Forderung von 80,000 Mk. für einen Neubau in Elberfeld wird ganz gestrichen. Anläßlich der Petitionen um Erhöhung des Briefgewichts von 15 aus 20 Gramm erklärt sich Gene- ral.Postsecretär v. Stephan dagegen, weil dieselbe einen jährlichen Ausfall von 5 Millionen ergebe. Berlin, 14. Januar. Das Volksschulgesetz aina bereits dem Abgeordnetenhause zu. Berlin, 15. Januar. Der „Vossischen Zeitung" wird aus Stockholm gemeldet, daß der Kronprinz bestimmt am 22. Januar über Berlin nach Petersburg reist. Berlin, 15.Januar. Der Bundesrath hat das Trunk- suchtsgesetz im Wesentlichen in der von den Ausschüssen vorgeschlagenen Fassung angenommen. Berlin, 15. Januar. Das „Tageblatt" meldet aus Wien: Nach der Ratification der neuen Handelsverträge gedenkt die Regierung mit Italien abermalige Verhandlungen einzuleiten, um einen fixen Weinzoll zu vereinbaren. Leipzig, 14. Januar. Der in Haft befindliche srühore Director der Dlsconlo-Gesellschaft, Winkel mann, ist im Gefängniß gestorben. Gelsenkirchen, 14. Januar. Der Bergmann August Siegel, Mitglied der Kaiser-Deputation, entzog sich der Verbüßung einer achtmonatlichen Gefängnißstrafe durch die Flucht ins Ausland. Derselbe ist vermutlich nach England geflohen. Lemberg, 15. Januar. Die polnischen Blätter melden aus Warschau, daß eine neue Verfügung, wonach an Hosgalatagen die katholische Schuljugend dem orthodoxen Gottesdienste beiwohnen soll, aus heftigen Widerstand bei der katholischen Geistlichkeit stößt. Gurko kündigt strenge Maßregeln an. Rom, 15. Januar. Im Franziskanerkloster von Sante Verino wurde der Guardian von dem Triester Pater Ferdinand ermordet. Der Grund ist noch unbekannt. Paris, 14. Januar. Der „Eclair" meldet aus Sofia, gestern wurden fünfzig Offiziere verhaftet wegen einer Verschwörung zur Ermordung des Fürsten Ferdinand und Stambulows. London, 14. Januar. Nach dem „Standard" besitze Stambulow Berichte über neue Verschwörungen gegen das Leben des Fürsten Ferdinand von Bulgarien. London, 14. Januar. Nach den „Times" wurde vorige Woche ein C o m p l o t t entdeckt, beide egyptischePrinzen aus der Reise nach Alexandrien in Triest von türkischen Beamten zu ergreifen, an Bord eines türkischen Schiffes zu bringen und irgendwo interuiren zu lassen. Infolge dessen wurden die Prinzen von österreichischen Osfizieren nach Egypten begleitet. Loealer und provinzielles. Gießen, 15. Januar 1892. — Ans der nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung wird uns Folgendes mitgetheilt: 1) Wahl eines Beigeordneten. Die in letzter Sitzung eingesetzte Vorschlags-Commission hatte, wie folgt, reserirt: Die Commission hält zwar einstimmig die Anregung, daß ein besoldeter Beigeordneter gemäß Art. 31 Abs. 1 Satz 2 der Städte-Ordnung erwählt werden möge, angesichts der Entwickelung unserer städtischen Verhältnisse und Aufgaben für sehr beachtenswerth, empfiehlt jedoch, Vorschläge und Beschlußfassung in dieser Richtung bis zur Beendigung der schwebenden Revision der Städte-Ordnung auszusetzen, well diese Revision voraussichtlich eine neue Begrenzung und ansehnliche Vermehrung der städtischen Aufgaben mit sich führen wird. Demgemäß empfiehlt die Commission die Wahl eines unbesoldeten Beigeordneten und schlägt als solchen einstimmig Herrn Stadtverordneten Rendanten Grüne- berg vor. Dieser Vorschlag hat durch einstimmige Wahl der Stadtverordneten-Versammlung Annahme gefunden. 2) Verbindung der Bahnhöfe mit dem südlichen Stadttheil auf dem Seltersberg. Unter den zur Lieferung des eisernen Brückensteges herangezogenen vier Firmen soll eine wiederholte Concurrenz veranstaltet werden mit Zugrundelegung einer lichten Breite des Brückensteges von 2,5 m, Annahme abgeschnittener Parallelträger für die beiden Hauptträger und auf Beton asphaltirter Construction des Belages. 3) Der Voranschlag Großh. Polizeiamts für 1892/93 wird genehmigt, jedoch unter Abstrich der vorgesehenen Erhöhung um 7800 Mk. für die Anstellung von weiteren fünf Schutzleuten und zwei Hülssschutzleuten. — Neues Theater. Sardous „Cyprienne", ein überaus geistreiches, aber recht ausgelassenes Stückchen echt französischen Geistes, ging gestern mit Frl. Klinkhammer in der Hauptrolle in Scene. Das lustige Stück ist dem hiesigen Publikum von früher noch bekannt, wir können uns also ein näheres Eingehen auf dasselbe ersparen. Frl. Klinkhammer war gestern Abend unübertrefflich- diese Cyprienne, die in ihrem kleinen Trotzköpfchen taufend Teufeleien hat, stets aufgelegt ist zu den tollsten und gewagtesten Streichen, diese unverfälschte leichtlebige Pariserin wird ihr sobald Niemand nachspielen, sie bot wirklich die vollendete Verkörperung des lustigen kleinen Kobolds. An dem Beifall, der Frl. Klinkhammer in reichstem Maße gespendet wurde, durfte auch Herr Ernst unbedingt participiren, der als „Prunelles" eine treffliche Leistung bot. Auch die übrigen Rollen wurden durchweg gut gegeben- das Zusammenspiel war vortrefflich. — Es fei uns gestattet, an dieser Stelle auf die Sonntags- Vorstellung aufmerksam zu machen, in welcher Frl. Klinkhammer in „Die beiden Leonoren" auftreten wird. In diesem Stück bietet die Künstlerin wohl das Beste, was sie leisten kann, und erntete infolgedessen überall, wo sie noch auftrat, den größten Beifall. Wir hoffen, in nächster Nummer noch eingehender hierauf zurückkommen zu können. Feuer. Ein auf dem Boden der Zeughauskaserne gestern Mittag entstandener Brand wurde noch rechtzeitig entdeckt und gelöscht. Postuuterbeamte im Postpackereidieust haben sich wiederholt an den Händen dadurch schwer verletzt, daß die zum Verschluß von Kisten verwendeten Nägel an letzteren seitlich hervorragten und bei eiliger Handhabung des Verladungsdienstes von den betreffenden Unterbeamten nicht wahrgenommen worden waren. Den Absendern von Kisten empfehlen wir daher dringend, dieselben vor ihrer Einlieferung zur Post noch einer genauen Prüfung zu unterziehen, ob etwa an irgend einer Stelle Nägelspitzen hervorstehen, und wenn dies der Fall sein sollte, entsprechend Abhülfe zu schaffen. — Ob ein Auge kurzsichtig sei, läßt sich durch eine sehr einfache Prüfung leicht ermitteln: Man klebe auf ein Stückchen Wer ein Zehnpfennigstück und einen Fünfer. Ein gutes 4ugc muß noch auf 10—12 Meter unterscheiden können, welches das große ober das kleine Geldstück sei. Ein Auge, das auf 6 Meter Entfernung den Unterschied nicht mehr wahrmmmt, bedarf ärztlicher Behandlung. Das gefährlichste Heilmittel wird leider allein oft von jungen Leuten unter 20 Jahren versucht, die aus eigene Hand eine Brille kaufen. Das noch jugendliche Auge gewöhnt sich auch an eine falsche Brille, wird aber dadurch unheilbar verdorben. Erwachsenen schadet sie nicht so sehr, denn da sie durch das unrichtige Glas nicht sehen können, werden sie es bald verwerfen. Also, die erste Brille niemals ohne Vorschrift des Arztes kaufen! O Nch, 14. Januar. Gestern Abend versammelten sich im „Holl. Hof" eine größere Anzahl von Herren aller Stände und Parteien, sowie die Spitzen sämmrlicher Vereine hiesiger Stadt und beschloffen, auch in diesem Jahre wieder das Geburtsfest unseres Kaisers gemeinsam zu begehen. d?ach dem festgesetzten Programm für diese Feier, welche am 27. d. M. im Heiland'schen Saale stattfinden und Abends 8 Uhr ihren Anfang nehmen soll, werden Musik- und Lieder- vorträqe (letztere durch den hiesigen Cäcilienverein) mit der Festrede und weiteren Ansprachen, sowie der Stellung von lebenden Bildern abwechseln. Darmstadt, 14. Januar. Wie verlautet, empfiehlt die zur Vorbeicitung der Wahl eines neuen Bürgermeisters gewählte Commission der Stadtverordnetenversammlung, die Stelle öffentlich zur Bewerbung auszuschreiben und zwar solle der 15. Februar als Schlußtermin für die Bewerbung festgesetzt werden. In Betracht sollen nur solche Bewerber kommen, welche nach den im Großherzogthum gültigen Bestimmungen die Qualifikation für den höheren staatlichen Verwaltungsdienst besitzen. Zweifellos werden die Stadtverordneten heute in diesem Sinne beschließen. Alle Namen, welche bis jetzt hier und in auswärtigen Sphingen als Candidaten genannt worden sind, beruhen selbstverständlich nur aus Ber- muthungen der Urheber dieser Gerüchte. So weit wir die Stimmung in Stadtverordnetenkreisen kennen, wird man nur einen Darmstädter oder mindestens einen eingeborenen Hessen berücksichtigen. — Mit dem geplanten und so überaus nc.y- wendigen Neubau eines Museums ist man wieder um einen Schritt vorwärts gekommen, denn die „Darmst. Ztg." veröffentlicht an der Spitze ihres heutigen Vormittagsblattes den Wortlaut eines Ausschreibens des Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, betr. den Neubau des Großh. Museums zu Darmstadt. Nach dem Bauprogramm soll der Museumsbau an der Stelle des abzubrechenden Zeughauses errichtet werden, wozu noch ein Stück des Großh. Schloß- gartens (Herrngarten) hinzugezogen werden soll, um vor dem Gebäude nach dem Paradeplatz zu einen Fahrweg anlegen zu können. Offenbach, 11. Januar. Ein Weißbindergehilfe ist beschuldigt, an dem Gerüste eines Hauses aus Rache gegen seinen Meister und dessen Arbeiter die Seile, mit denen die Gerüststangen zusammcngebunden sind, durchschnitten zu haben, damit die Genannten beim Besteigen des Gerüstes herabstürzen sollten, was denn auch seitens eines Arbeiters geschah. Nach den an die Zeugen ausgegebenen Vorladungen handelt es sich um nichts Geringeres, als um einen Mordversuch. Der Thäter befindet sich in Untersuchungshaft. Osthofen, 7. Januar. Ein wirklich fürstliches Geschenk erhielt gestern ein Bahnarbeiter von einem Weinhändler H. aus Mainz. Der Arbeiter fand nämlich eine Brieftasche mit über 2300 Mark Inhalt und gab sie dem Verlierer, nachdem er ihn ausfindig gemacht, wieder zurück. Groß- müthig griff derselbe ins Portemonnaie und reichte l. „O. Z." dem ehrlichen Finder 2 Pfennige. Lengfeld, 13. Januar. Heute früh vor 5 Uhr gewahrte der Eisenbahnwärter Reinheimer beim Begehen seiner Strecke, daß nahe am Ende des großen Einschnitts nach Station Wiebelsbach zu auf einem Geleise ein Stück Rindvieh stand, das sich, als er herankam, entfernte. Er rief feinem Nachbar zu und verständigte auch die Station Wiebelsbach von dem Vorfall telegraphisch. Das Thier, ein fettes schweres Stück, war aber inzwischen wieder auf dieselbe Stelle, im Geleise, zurückgekommen, wurde daselbst vom Zuge erfaßt, etwa 400 Meter weit geschleift und getödtet. Offenbar war das Thier seinem Führer entsprungen, da ein Strick bei demselben gefunden wurde. Der Eigentümer ist bis jetzt noch nicht bekannt. Bischofsheim, 14. Januar. Der Cöln-Franksurter Abend- schncllzug ist heute Abend gegen 3/410 Uhr oberhalb hiesiger Station entgleist. Der vordere directe Wagen Paris- Frankfurt fiel um. Von den sechs Insassen des Wagens wurden zwei Herren und eine Dame verletzt. Als Ursache des Unfalles wird Schienenbruch angegeben. Die Passagiere wurden mittelst Extrazuges gegen Uhr nach Frankfurt weiterbefördert. (F. Z.) 11 »-1 - JJJR ' vermischtes. * Magdeburg, 12. Januar. Am 21. Mai v. I. verschwand plötzlich die ledige Emma Kasten aus Neuhaldens- leben, ohne daß man wußte, wo dieselbe verblieb- man vermuthete einen Selbstmord und die eifrigsten Bemühungen verliefen resultatlos, bis in diesen Tagen Licht in diese geheimnißvolle Geschichte kam. Am 21. November, genau nach einem halben Jahre, legte der Hund eines Jägers den Kopf eines weiblichen Leichnams blos und wurde an demselben die Leiche als die der verschwundenen Emma Kasten erkannt, auch wurde sofort festgestellt, daß dieselbe ermordet und beraubt war. Zu der Zeit als die Leiche gefunden wurde, verschwand die Schneiderin Dorothea Buntrock, bie in Magdeburg Zuschneideunterricht für Mädchen erteilte,