Ur. 215 Erstes Blatt Donnerstag den 15, September 1892 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Tic Gießener Jamitienbtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelegt. ietzener Anzeiger General-Anzeiger. Brertcljä^ig \ Abonnem^ntspreisr 2 Mark 20 Psg. mit Bringe! lohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg. Redaction, -Expedition und Druckerei: Schutstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt fnv den Aveis Gieszen. Annahme von Anzeigen zu der dkachmitlags für den solgend-n Tag erscheinenden Nummer bi5 Vorin. 10 Uhr. Gratisbeilage: Gießener Jamilienvlatter. Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Abonnements - Einladung! Zum Bezug des „Gießener Anzeiger" für >as 4. Vierteljahr 1892 laden wir hiermit ergebenst -in. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" ne Tagesereignisse in kurzer objectiver Uebersicht zur idcnntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Correspondenz- Vurcaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem uigeren und weiteren Vaterland halten den Leser tcts über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden, Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Ob er Hessen ansässige Berichterstatter, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Land wirt Hs chaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- «vcrthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirth schäft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltnngsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten. Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. October den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt. Hochachtend Verlag des „Gießener Anzeiger" Brüh lösche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch). Bekanntmachung, betr. die Abhaltung des Gallusmarktes zu Grünberg. Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß dcr Gallusmarkt zu Grürrberg nicht am 12. und 13. October l. I., sondern am 19. und 20. October L I. crbgehalten wird. Gießen, den 13. September 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. _____________ v. Gagern. Bekanntmachung, betr. Erweiterung des Gaswerks zu Gießen. ..Die Stadt Gießen beabsichtigt in ihrem Gas- und Wasserwerk zwei Anbauten zur Vermehrung der Kühl- und Waschapparate und zur Aufstellung eines Saugapparats zu errichten. Pläne und Beschreibung liegen 14 Tage lang vom Tage der Erscheinung gegenwärtiger Bekanntmachung in diesem Blatte an gerechnet, auf Großherzoglicher Bürgermeisterei l^ießen zur Einsicht offen. Einwendungen gegen diese Anlage sind innerhalb gleicher Frist bei Meidung des Ausschluffes bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Gießen vorzubringen. Gießen, den 10. September 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __________________ I. %■: Jost.______________________ Bekanntmachung, betr. Maul- und Klauenseuche zu Höckersdorf, Helpershain, und Groß-Eichen. Ueber die Gemarkungen Höckersdorf, Helpershain und Groß-Eichen, Kreis Schotten, ist wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche die Sperre verhängt morden. Gießen, den 10. September 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. ______________________I. Jost.______________________ 1) Lehrer-Conferenz des Conferenz-Bezirks Grünberg Montag den 19. September, Vormittags 10 Uhr in Grün berg. Lieder: 9, 33, 138, 190. lN Lehrer-Conferenz des Conferenz-Bezirks (Siefmt Mittwoch den 21. September, Vormittags 10 Mir in Gießen. Lieder: 65, 116, 142. 3) Lehrer-Conferenz des Conferenz-Bezirks Lich—Hungen Freitag den 23. September, Vormittags 91/2 Uhr in Lich. , Lieder: 63, 71, 98. Gießen, den 14. September 1892. Büchner, Sch'.«'>.ath Deutsches Reich. Berlin, 13. September. Das längst erwartete freudige Ereigniß in der kaiserlichen Familie ist nunmehr eingetreten. Am Dienstag früh 3!/2 Uhr ist die Kaiserin im Marmorpalais bei Potsdam von einer Prinzessin entbunden worden- die Kaiserin und die neugeborene Prinzessin befinden sich den Umständen angemessen wohl. Mit der Geburt eines Töchterchens ist dem kaiserlichen Ellernpaare ein Lieblings- wünsch in Erfüllung gegangen, und das ganze deutsche Volk nimmt an der Freude des erlauchten Paares berzlichsten Antheil, zumal ja die neugeborene Prinzessin die erste unter dem Purpur geborene deutsche Kaisertochter ist. Möge dem jüngsten Sprossen des deutschen Kaiserhauses nur immer ein sonniger Lebeuspsad beschieden sein! — Die erwarteten Entscheidungen in Sachen der vielbesprochenen Vorlagen, mit denen sich der Reichstag und der preußische Landtag in der kommenden Wintersession zu beschäftigen haben werden, sollen schon nächstens erfolgen. Man sieht in Berlin dieser Tage der Rückkehr des Finanzministers Dr. Miquel von seinem Harzburger Sommeraufenthalt entgegen und vermuthlich wird bald nach seinem Wiedereintreffen in der Reichshauptstadt die entscheidende Sitzung des preußischen Staatsministeriums statlfinden. — Die Zeitungsmeldungen, denen zufolge die Bestimmungen über die Sonntagsruhe in Industrie und Handwerk am 1. October d. I. in Kraft treten sollen, werden jetzt von officiöser Berliner Seite als unzutreffend bezeichnet. Es wird hierbei betont, die mit den Bestimmungen über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe bislang gemachten Erfahrungen mahnten zur Vorsicht und ließen es angezeigt erscheinen, zuvor genaue Erhebungen und Erwägungen hinsichtlich der Tragweite der zu erlassenden Bestimmungen anzustellen. — In der That kann man nur dringend wünschen, es möge in dieser wichtigen Frage nichts überstürzt, sondern jeder Schritt vorher sorgsam geprüft werden. Schon das „Sonntagsruhegesetz" für das Handelsgewerbe hat in seiner Ausführung bekanntlich zu zahlreichen Klagen Veranlassung gegeben, die eine Revision der am 1. Juli d. I. in Kraft getretenen Bestimmungen als unumgänglich nothwendig erscheinen lassen. Die Wirkungen der Sonntagsruhe in Industrie und Handwerk werden sich aber zweifellos noch stärker fühlbar machen und es empfiehlt sich darum eine peinliche Prüfung der einschlägigen Bestimmungen vor ihrer practischen Verwirklichung. — Mit den Aussichten für den geplanten deutschrussischen Handelsvertrag soll es nicht ungünstig stehen. Wie die „M. Z." hört, hat es sich nach dem Abschluß der in Berlin stattgefundenen Vorverhandlungen im Wesentlichen um eine Verständigung über einzelne untergeordnete Punkte gehandelt, wobei man ziemlich rasch zu einem Einverständnisse gelangte. Bei dieser Gelegenheit soll von Berlin aus nochmals auf diejenige Grenze des deutschen Entgegenkommens hingewiesen worden sein, über roe ehe hinaus keine weiteren Zugeständnisse gemacht werden könnten. Auch Rußland dürste schwerlich den Umsang seiner in den Vorbesprechungen sestgestellten Gegenconcessionen überschreiten. 2lc*i€$te 2Iad)rtd>ttin. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 13. September. Die „Nationalzeitung" erfährt von zuverlässiger Seite über die Unterredung des Kaisers mit dem Newyorker Pianosortefabrikanten Steinway Folgendes: Aus die Bemerkung Steinways, die Deutschen würden dem Kaiser den wärmsten Empfang bereiten, falls er die Ausstellung besuche, antwortete der Kaiser: „That is not at all impossible“ (daS ist durchaus nicht unmöglich). Im Fortgang der Unterredung wurde die Frage jedoch nicht weiter berührt, namentlich auch ein Besuch in Chicago nicht in Aussicht gestellt. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 13. September. Das „Berliner Tageblatt" schreibt, zur Wahl eines Berliner Oberbürgermeisters habe der Oberpräsident Achenbach einem Vorstandsrnitglicde der Stadtverordneten Versammlung wiederholt erklärt, an entscheidender Stelle fehle die Geneigtheit, einen Freisinnigen zu bestätigen. Genua, 13. September, Abends. Das von dem Admiral Rieunier gegebene Fest ist glänzend verlaufen. Die Schiffe „Admiral Courbet" und „Formidable" waren in Blumengärten verwandelt, überall waren die französische und die italienische Tricolore und das Wappen Jaliens mit den Initialen der französischen Republik verschlungen, sichtbar. Die königliche Familie betrat den „Formidable" um 4 Uhr,- der Königin wurde ein prächtiger Blumenstrauß überreicht, dieselbe tanzte bei dem nachfolgenden Balle die Quadrille mit dem Admiral Rieunier. Beim Abschiede drückte der König Rieunier die Hand und sagte, er wünsche, daß die französischen Osfiziere das Bewußtsein mitnehmen, daß Italien mit Frankreich im Frieden und in herzlicher Freundschaft leben wolle. Die Cholera. — Obwohl an ein baldiges Erlöschen der Hamburger Choleraepidemie noch immer nicht zu denken ist, wird doch für den 15. d. Mts. die Wiedereröffnung der beiden Hamburger Stadttheater angekündigt. Den betreffenden Theaterdirectoren mag aus finanziellen Gründen die Wiederaufnahme der Vorstellungen allerdings erwünscht sein, aber vom sanitären Standpunkte aus ist die Maßregel gewiß nicht zu billigen. Uebrigens steht unter den obwaltenden Umständen stark zu bezweifeln, daß die Hamburger Theaterdirectoren jetzt volle Häuser machen werden. — Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 12. bis 13. September, Mittags, gemeldete Cholera-Erkrankungs- und Todesfälle: Staat und Bezirk O r t 9. Datum 9. erkrankt — gestorben 5° 11/9. erkrankt jr gestorben P eifrai.ft gestorben nkrankt nftorbai Hamburg Preußen Schl swig Siade Lüneburg S^et'in Hamtrurg Altona Borstel Bützfleth WtldelmSburg Stettin 350 14 1 5 150 8 4 2 213 113 8 7 2 - - 2 - 1 390 12 3 2 5 175 5 1 3 IMIS g 1 1 1 1 01 tZ Vereinzelte Erkrankungen: Regierungsbezirk Schleswig: in einem Orte des Kreises Stormarn 1 Todesfall. Regierungsbezirk Stade: in zwei Orten des Kreises Kehdingen 2 Erkrankungen, 2 Todesfälle. Regierungsbezirk Lüneburg: in der Stadt Harburg 1 Erkrankung, 1 Todesfall. Regierungsbezirk Potsdam: in der Stadl Eberswalde 1 Todesfall. Regierungsbezirk Bromberg: in der Stadt Schneidemühl 1 Erkrankung. Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin: in Tessin und Alt-Krenzlin je 1 Todesfall. Berlin, 13. September. ES wird nunmehr hier die Polizei-Verordnung veröffentlicht, durch die alle auö dem Hamburgischen Staatsgebiet hier anlangenden, innerhalb Gebrauche zu spülen sind, zu verabreichen. Wo aus den Bahnstrecken keine Bahnhosswirthschasten sind, wird Trinkwasser auf Verlangen durch die Stationen verabfolgt. Holzheim, 13. September. Bei der am 12. September stattgehabten Gemeinderathswahl wurden wiedergewählt die Herren Wilh. Grieb II. mit 73 und Wilh. Klotz IV. mit 53 Stimmen. Neugewählt wurde Herr Joh. Gg. Ohly V. Da der Gewählte mit dem seitherigen Gemeinderath Herrn G. Hein. Reuhl V. gleiche Stimmenzahl (49) auf sich vereinigte, so mnßte das Loos entscheiden. *** Bellersheim, 11. September. Bei der heute dahier stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde der seitherige Bürgermeister Bopp wiedergewählt. Der Gegencandidat, Dreschmaschinenbesitzer Georg Bopp, blieb mit einer Stimme in der Minorität. Sicherem Vernehmen nach wurde gegen die Wahl reclamirt. ** Hungen, 10. September. Die hiesige Gemeinderathswahl, gegen welche reclamirt worden war, wurde seitens des Kreisausschusses bestätigt. ** Steinheim, 11. September. Das Bezirkssest des Kriegervereinßbezirks Hungen wird voraussichtlich nächstes Jahr, verbunden mit Fahnenweihe, dahier gefeiert werden. der letzten 6 Tage dort abgereisten Personen verpflichtet werden, sich spätestens binnen 12 Stunden bei dem Polizeirevier ihres Berliner Unterkunstsortes a n z u m e l d e n. Derselben Pflicht unterliegen alle Personen, die aus Orten, wo die Cholera epidemisch herrscht, zureisen. Hamburg, 13. September. Die gestrigen Cholera- todten sind hauptsächlich Frauen und Kinder. Der Zuzug von Beschäftigungslosen ist trotz der Epidemie groß. Hamburg, 13. September. Auch den ganzen Nachmittag nahmen die Krankentransporte nicht unerheblich zu und zwar erscheinen viele schwere Fälle. Die Arbeit im Hafen und den Quais und die Beförderung der Güter ruht fast gänzlich,- die Noth in den betreffenden Arbeiterkreisen nimmt zu- die Meldungen bei dem Nothstand Comite vermehren sich immer fort. — Fürst Bismarck sandte heute durch den Oberförster Lange aus Friedrichsruh dem Comite 1000 Mark. Bremen, 13. September. Die Passagiere des gestern in Newyork angekommenen Norddeutschen Lloyddampsers „Alle r" sind heute wohlbehalten dort gelandet. Flensburg, 13. September. Das „Freie Tageblatt" erläßt einen Ausruf, worin es an Hamburgs Hilfe während des Krieges gegen Dänemark erinnert und die gesammte Presse Schleswig-Holsteins auffordert, Sammlungen zu , veranstalten, um den alten Pflichten der Dankbarkeit zu i genügen. Posen, 14. September. Erzbischof von Slablewski hat wegen der Choleragefahr die Abhaltung aller Missionen in den Dörfern pro September verboten. Gleiwitz, 13. September. In Schön wal d wird der Ausbruch der asiatischen Cholera amtlich constatirt. München, 13. September. Geheimrath Pettenkoser I besucht demnächst Hamburg. Auf der.....au Glbts ket' Cholerau, Was ich berichten soll. Der Bürgermeister Stoll. Acht Tage darnach kam eine Verfügung der Verwaltungsbehörde, welche besagte: Im Dienste gilt kein Spaß, Der kost't zwei Thaler Knaß. Mainz, 12. September. Im Auftrage der hiesigen Mtlttarlazarethverwaltung hat sich ein Beamter des Militär- lazareths nach Hamburg begeben, um Studien in der Behandlung von an der Cholera erkrankten Personen zu machen. Es giebt bekanntlich eine Theorie betreffs der Gewalt des menschlichen Auges und wie man mit Hilfe desselben wilde Bestien in Schach halten kann. Ich versuchte dies gelegentlich, so erzählt ein Mitarbeiter der „Pr." Ich kreuzte ein Feld in der Nähe eines Bauernhauses, wo ich zu jener Sommerzeit wohnte. Gerade als ich die Mitte erreicht hatte und etwa dreihundert Schritte von der nächsten Umzäunung entfernt war, bemerkte ich, daß ich mit wachsender Aufmerksamkeit von einer ebenso lebhaften, wie intelligent dreinblickenden Kuh beobachtet wurde. Ich nahm dies vorerst als ein Compliment und dachte, ich gefiele der Kuh- doch als sie ihren Kopf in der Weise drehte, um die Spitze ihres linken Hornes gerade in die Richtung der Mitte meines Bauches zu bringen, da muthmaßte ich, daß es sich um etwas mehr, als um eine vorübergehende Neigung für mich handeln müsse. Und nun fiel es mir plötzlich ein, daß man mich gerade wegen dieser Kuh gewarnt hatte, gerade diesem Felde 'in die Nähe zu kommen. Die arme Kuh hatte erst letzthin einen harten Schicksalsschlag erfahren, indem sie von ihrem Spröß- ling getrennt worden war, und sie war augenscheinlich entschlossen ihren tiefen Haß gegen die Menschheit an dem ersten besten Narren, der ihr in die Nähe kam, auszulassen. Nun I da war ich, und was war jetzt zu thun? Zuerst dachte ich, daß es gut wäre, sich nieder zu legen und tobt zu stellen. Ich hatte irgend etwas darüber gelesen, daß Denjenigen, der 'sich niederlegt und todt stellt, selbst das wildeste Tier nicht berührt. Doch als ich mich anfchickte, mich niederzuwerfen, kam mir der Gedanke: Sind es alle Thiere, die in diesem Sinne fühlen, wenn sie einen Mann sehen, der sich todt stellt, . oder sind es nur Löwen und Tiger? Ich konnte mich an keinen einzigen Fall erinnern, in welchem ein Reisender sich durch diese List vor einer Kuh errettet hatte- und sich in Front vor das Thier hinzulegen, wenn dieses vielleicht eben dieses Thun dazu benützt, in bequemer Weise auf Einem herumzutreten, erschien mir unweise. Nein, ich wollte es lieber mit der Macht des menschlichen Auges versuchen. Kein Thier kann den festen Blick des menschlichen Auges längere Zeit vertragen- unter seinem Einflüsse bemächtigt sich des Thieres ein unaufhaltsamer Schrecken und nach einer Weile unnützen Kampfes gegen die unwiderstehliche Kraft ergreift das Thier unfehlbar die Flucht. So öffnete ich denn mein rechtes Auge zu seiner vollsten Ausdehnung und richtete es fest auf diese unglückliche Kuh. „Ich will das arme Dinq nicht unnöthiger Weise peinigen", sagte ich zu mir selbst': „Ich will sie nur ein wenig erschrecken". Was mir aber ganz sonderbar schien, das war der Umstand, daß die Kuh kein wie immer geartetes Zeichen der Beruhigung zeigte. Sicher war es, daß allmählich, ich kann sogar sagen, sehr ' beschleunigt, sich Eines von uns Beiden „ein unaufhaltsamer Schrecken bemächtigte"- aber dieser Eine war nicht die Kuh! >zch erwarte kaum, daß man mir es glaubt- und doch ist es Thatsache, das mit einem intensiv bösartigen Ausdruck auf mich gerichtete Auge der Kuh verursachte mir mehr Unsicher- belt, als mein Auge der Kuh! Ich starrte sie mit der ganzen Kraft meiner Sehnerven an. Alle meine Gefühle von freundlicher Rücksicht gegenüber der Bestie waren verschwunden. Ich hätte mir garnichts daraus gemacht, wenn sie unter meinen Blicken wahnsinnig geworden wäre. Aber sie ertrug es: sie that sogar mehr. Sie senkte ihren Kopf, richtete den Schweif kerzengerade empor und stürzte brüllend auf mich zu. Nunmehr verlor ich alles Vertrauen in die Kraft des menschlichen Auges- ich versuchte die Kraft der menschlichen Beine und erreichte die andere Seite der Umzäunung mit einer Agenten telegraphisch, ihm in einem hiesigen Hotel eine I Wohnung von 7 bis 8 Zimmern zu miechen. Der Agent i s^och *n säst allen Hotels vor, wurde aber, da es sich um eine Wohnung für eine Hamburger Familie handelte, überall abgewiesen. Er benachrichtigte hierauf den Hamburger Herrn, der daraus telegraphirte, er möge in einem Privathause die verlangte Wohnung miethen. Auch dies gelang dem Agenten nicht, woraus er gestern ein drittes Telegramm erhielt mit der lakonischen Weisung: „Kausen Sie eine Villa." Bei der großen Panik, welche allzu „vorsichtige" Ge- müther ergriffen und eine wahre Völkerwanderung aus den einem Choleraherde benachbarten Gegenden verursacht hat, wetst die „Münchener Aerztliche Rundschau" aus einige „cholera-immune" (für die Cholera nicht empfängliche) Orte und Gegenden hin. In Bayern sind dies Nürnberg, Würzburg, Traunstein, sowie die meisten Orte des oberbayerifchen Gebirges, soweit sie nicht auf Flußgebieten liegen. In Württemberg, Baden, Hessen sind die meisten One unempfänglich gegen Cholera. Es sind wohl bei früheren Epidemien vereinzelte Fälle eingeschleppt worden, aber die Seuche hat keinen Boden unter den Einheimischen gefunden. In Sachscn ift Freiberg, die hochgelegene Bergstadt, ganz und gar immun, Dresden nur in geringem Grade empfänglich, das ganze sächsische Bergland bisher fast gänzlich verschont geblieben. * Nürnberg, 12. September. In den Stallungen des Cheveauxleger - Regiments tras gestern ein reiterloses ^3 f e r b ein. Es war ein Pferd der ersten Schwadron, das sich in Herzogenaurach, wo das Regiment gegenwärtig im Manöver steht, sreigemacht und den etwa 30 Kilometer langen Weg in seine heimathliche Stallung zu finden gewußt hatte. 9 ^Beuthen (Oberschlesien), 13. September. Auf der Königin Lomsen-Grube bei Osterfeld wurden 40 Mann durch schlagende Wetter betäubt. Ob es Todte gab, ist noch nicht bekannt. * Mailand, 13. September. Bankier Mörling wurde wegen betrügerischen Bankerotts verhaftet. Die Passiva betragen 300 000 Lire. KA * Qlttbec, 13. September. Ein Grobfeuer zerstörte 50 Villen in der Villenvorstadt Hedley Die Mannschaften der französischen und englischen Panzerschiffe retteten den übrigen ^heil der Vorstadt durch heldenmüthige Intervention. Der Verlust beläuft sich auf li/2 Mill. Dollars. 120 Familien sind obdachlos. £ocole$ unö provinzielles, Gießen, 14. September 1892. — Die Münzen, Maaße und Gewichte, deren wir uns täglich bedienen, vollendeten in diesem Jahre da§ zweite Jahrzehnt seit ihrer Einführung. Wenn wir heute nach diesen 20 Jahren auf die ungezählte Verschiedenheit der deutschen Münzen-, Maaß- und Gewichtssystemc zurückblicken, so begreifen wir erst den ungeheuren Fortschritt, den das Jahr 1872 in dieser Hinsicht brachte. Welcher Umstand war es allein, wenn man mit seinen Gulden und Kreuzern in der Tasche die Grenze überschritt und nun in Thalern, Silber- groschen, Pfennigen, Kopfstücken, Stückelchen, Kastcnmänn- chen, Sechsbätznern/ Hellern und anderen Stücken bezahlen mußte. Dann gings los bei Käufer und Verkäufer: 1 Thaler gleich 1 Gulden 45 Kreuzer gute oder 1 Gulden 48 Kreuzer schlechte Währung,- 2 Thaler gleich 3 Gulden 30 bezw. 36 Kreuzer u. s. w. Wie mühelos kann man sein Geld dagegen heute im ganzen deutschen Reiche los werden. Freilich sagen die Aelteren unter uns, seit dieser Umgestaltung wäre gar kein Segen mehr im Gelde. Ob sie wohl recht haben? Das ganze System der Münzen, Maaße und Gewichte, das gegenseitig in eine wirklich kunstvoll einfache Ueberemstimmung gebracht ift und in allen seinen Theilen dem Zehnersystem der Zahlen angepaßt ist, hat sich mit großer Leichtigkeit ein- geführt. Leider macht die Gewichtsbezeichnung, sofern Theile des Kilogramms in Frage kommen, eine Ausnahme. Noch fordert man ganze, halbe, viertel, in mancher Gegend merkwürdiger Weise auch halbe viertel, das sind achtel Pfund. Bei der Bezeichnung Loth sollte man nie aus dem Auge ■ lassen, daß das Pfund jetzt deren nicht mehr 32, sondern i 50 hat, von denen also auf jedes 10 Gramm kommen, während das alte Loth nahezu 16 Gramm wiegt. — Das am Oswalds Garten aufgestellte Hypodrom erfreut sich allabendlich eines zahlreichen Besuchs Das Pserdematerial ist ein gut dressirtes, die Aufsicht eine zuverlässige, und zur Bequemlichkeit der Besucher eine Restauration eingerichtet. Ganz besonderen Reiz aber üben diese von Jung und Alt unternommenen equilibristischen Hebungen auf die Lachmuskeln der Zuschauer aus. Von heute ab finden (s. Inserat) allabendlich verschiedene Reiten statt von denen das heute Abend stattfindende „Hahnenreiten^ viel Genuß für Theilnehmer wie Zuschauer verspricht. — Von vielen Seiten lausen, so schreibt die „Post" Klagen über die unmäßige Desinficirung der Eisenbahnwagen mit Karbolsäure ein, und wir versehlen nicht, auf diesen sehr begründeten Mißstand aufmerksam zu machen. Die ersten wissenschaftlichen Autoritäten sprachen sich sehr entschieden gegen übertriebene Anwendung von Desinfectionsmitteln aus leider aber wird seitens der Bahnverwaltungen in einer unglaublich verschwenderischen Weise damit umgegangen Der Geruch des in allen Abtheilungen der Wagen ausqestreuten Karbols ist für sehr viele Menschen ein widerlicher, ja unerträglicher, und die Klage ist vollberechtigt, daß es entsetzlich rst, stundenlang in einen engen Raum eingesperrt zu werden der mit Karboldünsten übersättigt ist. Viele Reisende klage/ daß ihnen durch diese Desinficirung Übel werde, und daß sie in beständiger Angst reisen, unwohl zu werden, weil ihnen der Karbolgeruch widerlich ist. Stundenlang nach Verlassen des Bahnzugcs hastet der abscheuliche Geruch den Reisenden noch an. Es wäre darum dringend zu wünschen, daß die Bahnverwaltungen weises Maß walten ließen und auch hier die äußerste Sparsamkeit einführten, welche ja sonst in dem ganzen Betriebe streng anbesohlen ist. Auf Veranlassung des Eisenbabn-Betricbsamtes sind letzt zur Vermeidung der Ansteckungsgefahr durch Trinkgesaße alle Trinkbecher von den Pumpen, Wasserbehältern und Wasicreitungskrahnen, sowie auch die Wasserflaschen und Trinkglaier aus den Warlesälen der Bahnhöfe für die Dauer der Choleragefahr entfernt werden. Die Bahnhosswirlhe sind angewie en, den Reisenden aus Verlangen unentgeltlich frisches Trinkwasser in Glasern, welche nach jedesmaligem • Friedberg, 13. September. Bei der gestrigen Ge- I meinderathswahl wurden Apotheker Görtz, Schuhmacher I Waas, Kaufmann W. Fertsch jun., Metzger G. E. Hanstein I und Schreiner August Valentin gewählt. § Aus dem Kreise Alsfeld, 13. September. Die Preise ■ des Rindfleisches sind in dieser Woche abermals zurück- I gegangen, sodaß das Pfund Rindfleisch jetzt im Durchschnitt I 45 Pfennige kostet. Israelitische Schlächter liefern es sogar I für 40 Pfennig. Der Preisrückgang beträgt jetzt im Ganzen gegen voriges Jahr, in dem das Pfund Rindfleisch durch- I fchnittlich 64 Pfennige kostete, 19 bezw. 24 Pfennige, mithin eine Preisreducirung von ca. 30 bezw. 37 Procent. Das Schweinefleisch steht dagegen noch auf seiner Höhe und kostet hier so viel wie in Frankfurt a. M., nämlich 60—64 Psg. das Pfund. Es steht aber zu erwarten, daß dieser Preis durch die niedrigen Preislagen des Rindfleisches gedrückt ! werden dürste. — Auch die Bro dpreise sind wieder etwas I ^m richtigen Verhältniß zu den Getreidepreisen näher gerückt. ! Der vierpsündige Laib Brod kostet jetzt 44—45 Pfennige. *** Aus Oberhessen, 13. September. Vor einiger Zeit wurde in dieser Zeitung mitgetheilt, in wie gelungener Weise ein Polizeidiener ausschellte, daß sich die Leute mit Leibweh behaftet, rechtzeitig beim Bürgermeister melden sollten, damit dieser sein „Schreiwes" wegen der Cholera machen könne. Den Einsender erinnert dieser Fall an eine Cholerazeit vor mehreren Jahrzehnten. Damals sollten die Bürgermeister auch über die Cholera berichten. Der Bürgermeister in X. war aber ein abgesagter Feind von Berichten. Schon zweimal war er erinnert worden- doch die Gedanken über die Cholera zusammenzubringen, war ihm effectiv unmöglich. In der höchsten Noth erschienen ein paar Gymnasiasten- sie wollten in die Ferien reisen und eine Fußtour durch den Vogelsberg machen. Diesen klagte der Bürgermeister, welcher auch Wirthschast halte, sein Leid und schimpfte über die miserable Federsuchserei. „Wir Helsen Ihnen rasch aus der Verlegenheit, Herr Bürgermeister!" rief der Oberprimaner U- „Bitte, geben Sie Tinte, Feder und Berichtsformular her, Sie brauchen nur Ihren Namen darunter zu setzen, wenn der Bericht fertig ist." — „Sell will aich gern gedauhe," antwortete der erfreute Bürgermeister, „un e Butell vum Beste welle mr aach hinne druff gedrinke." — Der Bericht toar fertig - doch erfreut unterschrieb der Vater des Dorfes das Actenstück, welches sogleich gesiegelt und abgesandt wurde. Es lautete: vermischtes * Frankfurt a. M, 13. September. Der hiesige Kürass en.-Verein rüstet sich mit aller Macht zur Feier und Lchmückung des Denkmals vor dem Friedberger Thor Am 2. December sind es hundert Jahre, daß die braven Hesten Frankfurt stürmten und die Franzosen daraus v-r- trieben. 36 auswärtige Vereine haben ihre Theilnahme an der Seiet bereits zugesagt. Das Denkmal wurde den tapferen Hessen vom König Wilhelm I. von Preußen gestiftet. *7 Gladenbach, 13. (September. Gestern Abend wurde uns ent seltener musikalischer Genuß zu Theil. Mehrere Dilettanten aus Gießen hatten im Zimmermann'schen Saale dahier zum Besten der hiesigen Ortsarmen ein e°nc = rt veranstaltet. Dasselbe erfreute sich eines sehr zahlreichen. Besuchs. Das reichhaltige Programm wurde unter der gewandten, sachkundigen Leitung des Herrn Carl Sames, ältesten Sohnes von Herrn Apotheker Sames dahier, mit der größten Präcision ausgesührt und ernteten die streb- Ostler für ihre gediegenen Leistungen reichlichen Beifall. Wir sprechen ihnen aber auch noch einmal hier öffentlich unsern allerwarmsten Dank aus, besonders au» noch im Namen unterer hiesigen Ortsarmen. Mochten uns die ver- ^rten Herren nur recht bald mit einer gleichen musikalischen Aufführung wieder erfreuen! In dieser Hoffnung rufen wir 1^160 ZU tret ihrem Scheiden von hier: Auf baldiges, frohes Wiedersehen hier in Gladenbach! , * Wiesbaden, 13. September. Der „Rhein. Courier" berichtet: Ein Hamburger beauftragte einen hiesigen