Nr. 12 Freita« den 15. Januar 1892 Amts- und Anzeigeblatt für» den Aveis Gieren. 1 Hratisöeikage: Hießener Iamikienötätter Ventim Stande sein, im Frühjahre ihre Felder zu bestellen. D,e Regierung steht vor einem fast unlösbaren Problem toe.nn..l'e all,diesen Ucbelständen und Mißbräuchen steuern und die Mittel für die nächste Aussaat beschaffen will, und d,e überall zu Tage tretende Nachlässigkeit, Trägheit und Unredlichkeit lassen befürchten, daß die Verwaltung sich dieser schwiengen Aufgabe nicht gewachsen zeigen wird. Wnrden doch Persönlichkeiten von hohem Range zur Controle in die P^vinjrn entsendet, denen es an jeder Erfahrung mangelt und di- sich von den unredlichen Localbehörden häufig hinters pietätvoll gepflegt und zierlich gehalten wurde — die Soldaten hatten einen förmlichen Garren geschaffen und ihn mit Lebensbaumen und mit Lilien bepflanzt - gewährt einen iDuiten, trostlosen Anblick. Eine Bekanntmachung vom 16. De- cember vor. Js. sagt: „Nachdem die Beseitigung der auf Privatgrundslücken gelegenen 69 Kriegergräber des Schlachtfeldes von Weißenburg beendet ist, werden die Eigenthllmer der betreffenden Ländereien davon benachrichtigt, daß diese Grundstücke wieder zu ihrer freien Verfügung 'stehen. Der Inhalt der Graber ,st in zwei großen Massengräbern auf von der Landesverwaltung angekauftem Terrain vereinigt worden. Das eine derselben liegt bei dem Armeedenkmal aus dem Gatsberge, das andere beim bayerischen Denkmal diesseits der Lauter.« Einzelne mit besonderen Denksteinen versehene Graber sind unberührt geblieben, so das des Ma,ors v. Gromfeld vom 58. Regiment. Aus dem Altenstadter Kirchhofe liegt Graf Waldersee, der tapfer- Com- mandeur der 5. Jäger, und Major v. Winterfeld vom *; -Regiment. Dort wurde auch General Douay zur Ruhe gebettet; im jetzigen Kreiscirectionsgebäude war es, wo er leinen letzten Athemzug that. Dort hatte auch noch immer die Bahre gestanden, aus welcher man den zum Tod- Verwundeten dahiugebracht; vor einiger Zeit erst ist sie dem hiesigen Spital überwiesen worden. — Rundschrift oder Eckenschrift? Eine seit L-ibnitz und namentlich seit Jacob Grimm oft behandelte Frage erörtert Mathias Linhoff in einer durch übersichtliche Surje ausgezeichnet- Schrift, die im Verlage der AschenBerlin, 12. Januar. Nach der „Nationalzeitung" bleibt m der Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetz die Freizügigkeit durchaus unangetastet. Aber es sind eingreifende Änderungen betreffs der Pflicht der Heimathsgemeinde zur Fürsorge für ihre anderwärts unterstützungsbedürftig gewordenen früheren Angehörigen beabsichtigt, wodurch begründeten Be- , -7-o--------,,™„, Ullu lvct ru||l|a)e Mpnoaenyett kennt schwerden namentlich der ländlichen Gemeinden abgeholfen I weiß, daß die Angelegenheit damit für alle Zeit bearaben ist' werden soll. Ob an Stelle des für die Berechnung des Aehnliche Mißbräuche ereigneten sich imZemstwoderProvim Unterstutzungswohnsitzes zur Zeit maßgebenden 24. Lebens- Samara. Zu diesen Unregelmäßigkeiten der Verwaltung iab! t!" ^benssahr oder noch ein jüngeres Lebens- gesellt sich nun noch in den Städten, wo es überdies an sahr gesetzt werden soll, ist noch nicht endgittig beschlossen Nahrung und Heizmaterial fehlt, eine neue Maae Vom öe"‘ ... . . . Lande strömt eine Menge hungernder Leut- in die Städte lieber die socialistische Preffe gib! der hipfrhp hpmpMt* um or--... , . • ^Vorwärts" vierteljährlich eine Uebersicht. Aus der Ueber- sicht vom 9. Januar entnehmen wir, daß im Vergleich zu April des Vorjahres die Zahl der politischen Organe der Partei jetzt 71 beträgt statt damals 69. Die Zahl der täglich erscheinenden Blätter darunter beträgt unverändert 57. Neue socialdemokratische Organe erscheinen seitdem in Augsburg, Deff'au, Eisenach, Schmalkalden und Mannheim; dagegen haben socialdemokratische Organe zu erscheinen aufgehört in Köthen, 146. Plenarsitzung. Mittwoch den 13. Januar 1892, 2 Uhr. Etat^des Inner^ftÄtzt^ Reichshaushaltsetats wird beim ftcrefärUDrCne^f,H6;a.bC6 V“r^n B-Hr (Rv.) erwidert Staats- I •• n'lb a6cr 'n der Presse Stimmen über ju Taae «etretene Mihliandc laut geworben, worauf im Reickoarnt i!lC Satfee wieder in Angriff genommen worben fei. Es banble sich um b«ff ^ln £93u?f,anbIun8 »“ Münster i. W. erschienen ist „Rundschrift oder Eckenschrift?" lautet der Titel, der ein un ^rundetes Voruriheil schon gleich dadurch aus der Welt zu schaffen sucht, daß nicht die falsch gestellte Fraae latei. retner Zufall, daß Deutschland die eckige Schrift behalten hat, £ Frankreich und England in den letzten drei und zwei Jahrhunderten der d-utltcher-n runden Schrift gewichen ist- beide Schriftarten haben dieselbe Quelle der verschnörkelten Monchsschrist. Wie Linhoff die Frage richtig stellt, handelt der Streit sich nicht um deutsche und lateinische Schrift, son- dern um eckige lateinische Schrift und runde lateinische Schrift Es ist ein Wahn, daß ein nationales Interesse hier in Frage tomnie. Deutschlands Siegessäule auf dem Königsplatze -u SS D?NKBARE VATERLAND DEM SIEGREIGREN RELRLI und Niemand wird sein Nationalgefüyl durch die schönen schlanken, klaren Formen dieser Inschrift verletzt suhlen. Wohl aber würde es selbst den T-utschesten aller Deutschen verdrießen, wenn ihm zugemuthet würde, diesen Dank aus folgenden Schnörkeln zu enträtseln' DAS DANKBARE VATERLAND DEM SJEGREJESEN HEERE! (Zu deutschen Aufschriften ist weder die ckne noch die andere der hier angeführten Schriftarten nöthia. Wahr- schetnltch wü^e aber die Inschrift am Siegesdenkmal, roie Oberen Denkmal-rn lesbarer, wenn folgende, sich der Mönchschrtft mehr nähernde Schriftart gewählt worden wäre: Das oanhbare Vaterland dem stegreichen Heere! Red.) — Die Soldatengräber bei Weißenburg. Aus Weißenburg wird der „Voss. Ztg." berichtet: Im Laufe des vorigen Monats gelangte an die hiesige Kreisdirection der Befehl, überraschend für alle Betheiligten, die zahlreichen Soldatcngraber der Umgegend vott Weißenburg zu öffnen und die Ueberrefte zu sammeln. Die Rolhwendigkeit dieser Maßregel kann ich nicht beurteilen, ein peinliches, bitteres ^ksühl aber mußle Jeden überkommen, der Zeuge ihrer Aus- Mhrung war. Dorr wird das große Massengrab hinter dem Bahnhose, links von der Altenstadter Chaussee geöffnet — vermoderte Reste von Mänteln, Tornistern, verrostete Waffen aller Art kommen zum Vorschein- am oberen Ende des Grabes werden die Knochen von Freund und Feind, die friedlich länger als zwanzig Jahren nebeneinander geruht, auf einen Hausen geworfen und dann von roher Hand in dre Sacke und Kisten gepackt. Viele der Gebeine sind zer- splittert — vielleicht von der feindlichen Kugel! Ein vorübergehender Soldat — die Aushebung der Gräber geschieht öurch Civilarbeiter, währenb bi- Pflege derselben bisher dem hier in Garnison stehenden 60. Infanterieregiment oblag — ammelt in einem Kästchen einige zahlreich umherliegenden üetneren Gegenstände „a-§ Andenken": Taschenkamm und »an -'ncmTurko stammend, ein Kreuzchen, wahr- djetnltd) als Amulett aus der Brust getragen, eine Feld- lafctte, fest verkorkt, tn welcher noch Kaffeesatz zu sehen ist verschiedene Knöpfe u. s. w. Der ganze Platz, der sonst so Id)rührige Fragen: Sollen die Versicherungsanstalten concefsionS- pfttchtig fein ober sollen sie angemelbet werben ? Sollen sie unter Reichs ober Landesaufsicht gestellt werben ? Er hoffe, batz bie be- stehenben Meinungsverschiedenheiten noch zum Ausgleich gebracht werben; im Nothfalle würbe bie Sache durch MajoittätSbeschluß ent- schieben werben müssen. Abg. Frohme (Soc.) verlangt eine Vermehrung der Fabrtk- infpectorcn, sowie daß diejenigen Arbeitgeber in Strafe genommen werben, welche bie Arbeiter in ber Lorbrtngung von Beschwerden hinderten. Die Arbeiter seien noch immer den Arbeitgebern schutzlos pretSgeaeben. Staattzsecretär Dr. v. Boetticher: Für eine gesetzliche Regelung haben ihm die Ausführungen des Vorredners wenig Material geliefert. Derselbe übersehe Die Vermehrung ber Fabrikinspectoren in Preußen. Nach biefer Vermehrung wirb Preußen mehr Fabiik- inspectoren haben als Großbritannien. Die Regierung beabsichtige außerbem die Einsetzung einer Commission für Arbeiterstatistik, woran auch ReichStagsmitglieder bethetttgt werben sollen. Rebner weist sobann bie Angriffe des Vorredners auf bie Arbeitgeber im Allgemeinen zurück. Gegenüber bem socialdemokiattschen Boycottsyftem könne man sich nicht wunbern, wenn bie Arbeitgeber sich biejenigen Arbeiter bezeichneten, welche gegen sie agtttrten. (Zuruf: Die Arbett- aeber haben angefangen!) Die Socialbemokraten möchten mit gutem Beispiel vorangehen, bann werbe er seinen ganzen Einfluß aus bie Arbeitgeber aufbitten, damit die schwarzen Liften schwinden. Abg. Dr. Hartmann (cons.) weift nach, daß der Vorwurf Frohmes, daß die Berichte der Fabrikinspectoren tendenziös gefaßt seien, ber Begrünbung entbehre und begrüßt bie vom StaatssecretLr des Innern angekündigte Maßnahme. Er halte es auch für wünschens- werth, baß die Fabrikinspectoien mit den Arbeiterorganisationen Fühlung suchen; aber wie soll sich der Fabrikinspcctor vertrauensvoll an die Arbeiter wenden, wenn diese den Fabrikinspectoren kein Vertrauen entgegenbringen. Abg. Dr. Lingens (Ctr.) wünscht nächtliche Visitationen der Fabriken, in denen Nachtarbeit, namentlich auch von Frauen statt- findet, sowie Erschwerung des Ueberstundenwesens. Abg. Dr. Htrsch (bfr.): Das Erfreulichste der heutigen Debatte war bie von bem Staatssecretär angekündigte Einrichtung einer Commission für Arbeiterstatistik, zu ber auch Reichstagsabgeordnete zugezogen werden sollen. Nur die ungeschminkte Wahrheit über bie Lage ber Arbeiterverhältnisse kann eine Förberung ber Gesetzgebung bewirken. Von ben Fabrikinspectoren wäre es wünschenswerth, wenn sie sich mit den Arbeitern in Verbindung setzten, anstatt, wie bisher, immer nur mit den Unternehmern. Die Arbeiter seien heute un- jufriebener denn je; sie sind mit dem Laufe ber Dinge nicht einver- fianden. Noch sei es nicht zu spät für bie Gesetzgebung, zu Maßnahmen zu greifen, bie ben Frieden wiederherstellen. Abg. Möller (natl.): Der Kampf zwischen Arbeiter und Unternehmer werde in den meisten Fällen von den Arbeitern begonnen. Auch sei es nicht richtig, daß bie Fabrikinspectoren sich nur einseitig an bie Unternehmer wendeten, um Informationen zu erhalten. Es ist sogar vorgekommen, daß ein Fabrikinspector alle Anschuldigungen eines socialdemokratischen Blattes den betreffenden Firmen zusandte und von ihnen Rechtfertigung verlangte, ja sogar von einer Fabrik verlangte, daß sie ihm und dem socialdemokrati'chen Verfasser einer derartigen Beschuldigung den Eintritt in die Fabrik gewähre. Die betreffende Fabrik hat dies Verlangen für ungerechtfertigt gehalten. Abg. Wurm (Soc.): Es sei nicht richtig, daß der Kamps zwischen Arbeitern und Arbeitgebern einseitig von den Arbeitern ausgehe; auch das Boycottiren sei nicht von den Arbeitern, sondern von den Militärbehörden begonnen worden. Die schwarzen Liften der Unternehmer gehen von Fabrik zu Fabrik und die in den Listen Verzeichneten erhalten nirgends Arbeit. Daß ein Fabrikinsptctor Ausschluß von einer Firma verlangt, ist doch nickt verwerflich, wie soll er denn in der Lage sein, sich über diese Dinge zu unterrichten ? Wenn Unternehmer einen Küchenzettel für Arbeiter herausgeben, wonach ein Mittagbrod, zu dem Knochen verwendet werden, deren Fleisch die Unternehmer gegessen haben, für lO Pfg. hergeftellt werden kann, so darf man sich doch nicht wundern, wenn die Arbeiter darin keine große Arbeiterfreundlichkett erblicken. Redner gibt bann eine Reihe von Schilderungen ber Fabrik-Inspectoren über das Verfahren der Unternehmer gegen Schwangere und Mütter, die Arbeit suchen ober in Fabriken, Ziegeleien u. dgl. bcichäftigt sind. Die Schilderungen, welche die Berichte der Fabrikinspectoren über das häusliche und Familienleben mancher Arbeiter bringen, seien so entsetzlich, daß man sich nicht wundern könne, wenn diese Arbeiter lieber in die Schnapskneipen laufen, als zu Haufe bleiben. Die Auszüge aus den Berichten der Jnspectoren seien übrigens mangelhaft; es wäre besser, die Originalberichte mitzutheilen, die Mehrkosten können dabei nicht in Betracht kommen; es scheine fast, als ob die Auszüge sich mit den Originalen in wichtigen Punkten nicht decken. Das Vertrauen der wenigen Arbeiter, welche noch auf die Regierung ihre Hoffnung setzten, sei durch das Vorgehen der preußischen Regierung gegen die Schriftsetzer zerstört worden. Nur durch ein Erstarken der Socialdemokratte werde eine größere Unabhängigkeit der Arbeiter von den Unternehmern zu erreichen sein. Abg. Röficke (wilblib.): Die Sccialdemokraten benutzen den Boycott nicht dlos zur Erreichung von Handlungen, bie ber Boycottirte leisten kann, sonbern auch um Handlungen zu erreichen die bem Boycottirten nicht möglich finb. Dies beweist der Bier- boycott in Halle, wo man nicht dlos bestimmte Locale, deren Räume zu Verfammlungen nicht hergegeben werben, fonbern auch bie Bierlieferanten, die für biefe Locale lieferten, boycottirte. Dieses Verfahren sei ungerecht, doppelt ungerecht in bem Momente, wo man sich über bie Koalition ber Unternehmer beklagt. Abg. Bebel (Soc): Den Anfang mit der Boycottirung hat die Regierung gemacht, und bie Unternehmer, namentlich in Berlin sind ihr gefolgt. Es geschah dies zuerst 1878 nach ben Attentaten' Roch heute besteht für bie Staatswerkstätten die Vorschrift, keine socialbemokratifchen Arbeiter zu beschäftigen. Das läßt sich keine Partei ohne Widerstand gefallen. Wir haben als Parteileitung einige Boycotts gemißbilligt, so auch die Trinkgelderbewegung. Was den Boycott in Halle anbetrifft, so ist derselbe gerechtfertigt. Die Hergabe der Säle ist ben Localbesitzern möglich, verweigern sie dies so muffen sie sich gefallen lassen, baß die Arbeiter ihr Local meiden! Die Erbitterung der Arbeiter ist aber gesteigert durch die Entscheidung der sächsischen Gerichte, wonach bie bloße Aussen berung zum Boycott als grober Unfug bestraft wirb. Das geht soweit, daß die Aufforderung eines Arbeiters, das neugegründete Arbeiterblatt und nickt mehr die conferoatioen Blätter zu lesen, mit 14 Tagen Gefängnik bestraft wurde. (Ruf: Unerhört!) Es ist begreiflich, daß dadurch die Erbitterung der Arbeiter auf das Höckstt gesteigert wird, und zwar umsomehr, als in Preußen diese Aufforderungen als nicht stratbar erachtet sind. Außerdem enthalten die Berichte der Jnspectoren auch Mittheilungeu über gewisse Unternehmungen und über deren Betrieb, bie leicbt kredttschädigend wirken können unb dre auch nicht immer richtig sind . t Dr. v Boetticher: Dem Unternehmer steht ledensalls das Recht zu, sich feine Arbeiter auszuwählen; stellt er fein boycott" °lbCrUn0Cn dieselben, so ist das fein Recht und Abg. Möller (natl.) stimmt dem bei; mögen die Social- demokraten dafür forgen daß Der Krieg der Arbeiter gegen Die Unternehmer zu Ende geht, bann werben sich auch die Unternehmer gern entschließen, ihre Kampfmaßnahwn zu unterlassen. Abg. Dreesbach (Soc.): Tie Darstellung des Abg. Möller über die Forderunq eines F-brtttn,p-cl°rs, dem foclaltemotrattfdjen R-dacleur eines bcsttmmttn Blattes Eintritt in die Stabrif iu at- ftattrn, ist nicht richt«;. Nicht R-daeleur, sondern ein befannter Stadtverordneter des bett. Ortes war bet'jenlge, des n “n der Jnfpector wünschte. " 10 H B Abg. Schrader (dir.) mihbilligt den Halleschen Bier,Boycott und das sur die Staatswerfstatten bestehende Perbot (octat- demolratisch- Arbeiter zu deschLstigen. Mögen die Socialdemokraten nun ben unter bem Socialistengefetz begonnenen Kampf nicht fort- setzen, sondern ebenfalls Frieden machen. Abg. Bebel (Soc.) bleibt dabei, daß e8 nicht zulässig sei, ben Socialbemokraten alle Pflichten bes Staatsbürgers aufzuerlegen und ihre staatsbürgerlichen Rechte zu kürzen. DaS Eapitel 7 ber Ausgaben wirb bewilligt. Hierauf vertagt sich baS Haus. Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr. Tages-Ordnung: Etat- berathung. — Schluß 6 Uhr. Neueste Nachrichten. WolffS telegraphisches Lorrefpondenz-Vureau. Berliu, 13. Januar. Der Kaiser ist Nachmittags in einem Sonderzuge über Stendal und Hannover nach Bückeburg abgereist. Berlin, 13. Januar, v. Köller, der Präsieent des Abgeordnetenhauses, ist an der Influenza erkrankt. Er wird voraussichtlich an der Eröffnung des Landtages nicht theilnehmen. Wien, 13. Januar. Der Generalinspector der Eavallerie, Gemmingen, erkrankte an Influenza in Verbindung mit Lungenentzündung. Der Kaiser, die Kaiserin und die Erzherzöge erkundigten sich nach seinem Befinden. Bern, 13. Januar. Im großen Rathe forderte Scherz die Regierung auf, zu prüfen, ob nicht in criminal- polizeilichem Interesse eine Verschärfung der Eontrole über die imEanton vorübergehend sich aushaltenden Ausländer geboten und ausländische Arbeiter derselben Besteuerung zu unterwerfen seien wie die inländischen. Loudon, 13. Januar. Die in Tool-ey-Street am Themsequai belegenen großen Korn müh len von Seth Taylor sind gänzlich abgebrannt. 280,000 Sack Mehl sollen vernichtet fein. London, 13. Januar. Im Zusammenhänge mit dem jüngsten A narchistencomplott verhaftete heute die Polizei in Walsall den Arbeiter Harne, in London den russischen Anarchisten Droganaviow. London, 13. Januar. Nach einer Depesche des Lloyd aus Hongkong vom 12. Januar ist der englische Dampfer „Namchow" in den chinesischen Gewäffern bei den Eupchi- Spitzen untergegangen. 414 Menschen sind umgekommen, darunter die ganze europäische Mannschaft. Ursache des Unfalles war der Bruch des Schraubenschastes. Rom, 13. Januar. „Esercitio" bestätigt, daß die Anwesenheit des Kriegs Ministers in ©teilte« mit der Errichtung eines großen befestigten Lagers im Centrum der Insel bei Castro Giovanni zusammenhing. Petersburg, 13. Januar. In den Voranschlag für 1892 sind für Unterstützung der von der Mißernte betroffenen Provinzen keine Summen ausgeworsen. Die hierzu nöthigen Summen werden den Reichskassenbeständen entnommen. Letztere betrugen nach der „Nordischen Telegraphenagentur" am 20. Januar 111 Millionen Rubel Gold, ö1/^ Millionen Silber, 35 Millionen Creditrubel, 9f/2 Millionen Rubel Metalliques und 111/< Millionen Werthpapiere, lautend aus Creditrubel. Depeschen be5 „Bureau Herold". Berlin, 13. Januar. Dem „Reichsanzeiger" zufolge ging denjenigen Bundesstaaten, in denen sich Börsen befinden, von Reichswegen ein Umschreiben behufs Entsendung von Vertretern zur Feststellung der Grundzüge für die Prüfung der Börsenreformfrage zu. Leipzig, 14. Januar. Das Urtheil des Reichsgerichts gegen die Berliner Rechtsanwälte Coßmann und Ballien, die Vertheidiger des Ehepaares Heinze, lautet gegen Coßmann auf Verweis und 1000 Mark Geldstrafe, gegen Ballien auf 500 Mark und verschärften Verweis. Die Frage der Ertheilung von Rathschlägen an Klienten wurde nicht principiell entschieden. Bückeburg, 14. Januar. Der Kaiser ist um 6 Uhr mittels Sonderzuges mit dem Prinzen Adolph von Schaum- burg-Lippe und der Prinzessin Victoria, welche ihm bis Hannover entgegengefahren waren, hier eingetroffen. Die Herrschaften fuhren zum Schlosse, woselbst sie von der Fürstin begrüßt wurden, da der Fürst Rudolph Georg durch Krankheit verhindert war, den Kaiser am Bahnhose zu empfangen und auch an dem um 7 Uhr stattfindenden Diner nicht theilnehmen konnte. Die Straßen waren illuminirt. Das Spalier wurde von den Einwohnern und Kriegervereinen gebildet. Lebhafte Hochrufe ertönten bei der Durchfahrt des Kaisers. Kattowitz, 13. Januar. Seit heute dürfen die in Kurland wohnenden Deutschen nur noch mit Jahrespässen die Grenze überschreiten. Pest, 14. Januar. Der „Nemzet" erfährt aus Sofia, die bulgarische Regierung habe sich entschlossen, zur Unabhängigkeitserklärung zu schreiten, falls die Pforte einen Schritt im Interesse Frankreichs unternehme. Die Affaire Chadourue könne verhängnißvoll werden. London, 14. Januar. Ein heftiges Feuer brach in der Watson'schen Seifenfabrik in Leeds aus. Die Flammen ergriffen die benachbarten Bahnhöfe der London- und Nordwestbahn, sowie der Widlandbahn. Der Schaden wird aus 300000 Psd. Sterl. geschätzt. Petersburg, 13. Januar. Bei der Station Seilks auf ber Strecke Suczrane-Wiasme stieß ein Güterzug mit einem Omnibuszug zusammen, 8 Wagen des letzteren wurden zertrümmert- 13 Personen blieben sofort tobt, über 50 finb schwer verwunbet. London, 14. Januar. Der Herzog von Clarence ist geftorben. Locales ttttfc provinzielles. Gießen, 14. Januar 1892. — Ruhestands«Versetzung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnäbigst geruht: Am 6. Januar den Director der Victoriaschule unb bes Lehrerinnenseminars zu Darmstadt, Dr. Richard Wulckow, auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vom 1. April ds. Js. an, bis zur Wiederherstellung feiner Gesundheit in den Ruhestand zu versetzen.) Ersatzansprüche bei verlorenen Geldbriesen. Bei einem im November in der Nähe von Apolda vorgekommenen Eisenbahnunglück war ein von einem Geraer Geschästsmanne ab* gesandter Geldbries mit über 600 Mk. in Papieren vernichtet worden. Die Sache gewinnt insofern ein öffentliches In- tereffe, als bet den zwischen dem Absender und ber Post- befyörbe wegen Ersatzes stattgesunbenen Verhanblungen bie letztere nicht allein bie Angabe der Geldforten, sondern auch die Nummern der einzelnen Kassenscheine verlangte, eine Forderung, welcher der betreffende Geschäftsmann nicht entsprechen konnte. △ Mainz, 13. Januar. Hier bildet ein Verbot das Tagesgespräch, welches Oberst Meckel vom 88. Regiment bei der gestrigen Parole erlassen hat. Derselbe theilte bem Musikdirector des Regiments mit, daß seine Capelle bei ben carnevalistischen Veranstaltungen ber „Mainzer Carnevals- Gesellschast" nicht mehr spielen dürfe. DaS Verbot soll, daraus zurückzusiihren fein, daß in der ersten Carnevalssitzung der genannten Gesellschaft eine Anspielung auf den Fall Heyl- Leydhecker gefallen sei. Infolge des Verbots begab sich heute Vormittag eine Deputation der Carnevals-Gesellschaft zu dem Oberst und erwirkte eine Rückgängigmachung desselben, indem man die Zusicherung gab, daß für die Folge spitze persönliche Bemerkungen gegen Angehörige des Militärstandes unterbleiben sollen. Viel böses Blut hat bei der earnevalistisch gesinnten Mainzer Bevölkerung ein ähnliches Verbot in früheren Jahren gemacht. Es war dies im Jahre 1865, wo gleichfalls wegen einer carnevalistischen Anspielung durch Gouvernementsbesehl sämmtlichen hiesigen Militarcapellen die Mitwirkung bei dem Carneval untersagt und auch die Ueberlassung von Militärpserden für den Rosenmontag nicht gestattet wurde. In feiner Verlegenheit wandte sich damals das Carnevalscomits an das Hofmarschallamt nach Darmstadt und an das Marschallamt nach Biebrich, worauf nicht allein die Musikchöre von dorten genehmigt, sondern auch aus den Marställen Pferde in beliebiger Zahl zur Verfügung gestellt wurden. Aus der damaligen Zeit batirt noch ein hier sehr bekanntes Carnevalslieb mit bem Refrain: „Kön Musik unb kön Geil!" Höchst, 12. Januar. Einem Ersuchen bes Kreisausschuffes entsprechend, hat Großh. Kreisamt Erbach, vom 1. Februar 1892 an, die Polizeistunde festgesetzt wie folgt: 1) für Höchst, Neustadt, König, Michelstadt, Erbach, Beerfelden und Reichelsheim auf 11 Uhr während des ganzen Jahres, 2) für alle anderen Gemeinden des Kreises auf 11 Uhr während ber Monate April bis einschließlich September unb auf 10 Uhr währenb ber übrigen Monate. Worms, 13. Januar. Gestern Abenb würbe in ber Hagenstraße, die soeben canalisirt wird, ein elfjähriges Mädchen von der Rolle eines hiesigen Ledersabrikanten überfahren. Das Kind gerieth unter die Hufe der Pferde, wurde getreten und dann von den beiden Rädern der Rolle überfahren- es war sofort tobt. vermischtes. * Paris, 10. Januar. Pariser Bettler unb Lumpensammler. Der durch seine Streifzüge unb Forschungen auf bem Gebiete bes Pariser Straßenlebens bekannte Kammerschriftsührer Paulian hielt gestern einen Vortrag über die Lumpensammler und Bettler in Paris. Das Betteln, meinte er, bringe hier mehr ein, als das Arbeiten. Paulian hat es selbst erprobt und auf alle Art betteln erlernt- im schwarzen Frack von Haus zu Haus, als der „Lehrer in bedrängten Umständen", als Wagenschlag-Oeffner an der Zufahrt besuchter Vergnügungsorte, in schwarzen Handschuhen bei vornehmen Leichenbegängnissen. Auch in „Gebrechen" hat er fleißig gearbeitet und zeigte seinen Zuhörern, wie man durch einfaches Zurückdrehen der Hand eine Lähmung erheuchelt. Durch Hebung vermag man diese Lage sehr lange beizubehalten. Mit dem Lumpensammeln sind zahllose kleine Nebengewerbe verbunden. Alles, was man findet, wird verwertet. Sardinenbüchsen dienen zum Bau von Spielzeug- aus schwarzen Filzdeckeln schneidet man falsche Trüffeln - Cigarrenstummel werden Schnupftabak- Frauenhaare, von denen jede Nacht 300 Kg. gesammelt werden, gehen zum Preise von 4 Frcs. das Kilogramm an die Haarkräusler - billiger sind Männerhaare, aus denen Siebe für die Zuckerbäckerei gemacht werden. Der Arbeitsanzug des Lumpensammlers ist auf jede Woche für eine Kleinigkeit gemiethet- feine Wäsche entnimmt er den Fundstücken seines Korbes, legt er sie ab, so verkauft er sie mit den übrigen von ihm gesammelten Lumpen. * Wie das „Münch. Fcmdenbl." erfährt, hat der heilkundige Pfarrer Kneipp in Wörishosen eine große Zahl werthvoller Weihnachtsgeschenke zugeschickt erhalten. Namentlich aus England, Amerika und Frankreich haben dankbare Ver chrer kostbare Geschenke mit Dankschreiben dem Pfarrer übersendet- sogar von China liefen solche Geschenke em. * In Berlin starb der Braumeister von Patzenhoser, Adolf Enders, ein richtiger Braumeister der alten Art, der in Pantoffeln über die Straße ging. Sein Gehalt betrug 60,000 Mk., von jeder Tonne hatte er 50 Psg. Im Ganzen berechnete man feine jährliche Einnahme auf 150000 Mk. Verkehr, £anö# un6 Volkswirthschaft. Hriedberg, 12. Januar. Fruchtpreise. Weiren JL 22.50 bis 24.00, Korn JL 23.00—23.50, Gerste JL 16.50—00.00, Hafer JL 14 00- 00 00. Alle Preise verstehen sich auf 100 Kilo, gleich 200 Zollpfund. Friedberg, 13. Januar. Buttermarkt. Butter kostete per Pfd. X 0.80- 0.90, Eier 1 St. 8 2 St. - 4 P üimtmrg, 13. Januar. Fruchtmarkt. Rotber Weizen X 19 b5, weißer Weizen X —, Korn X 17 00, Gerffr X 10.35, Hafer, X 7.00, Erbsen Kartoffeln-