Nr. 292 Erstes Blatt Mittwoch den 14. December 1892 Der Oßeße«er Xxy^tx erscheint täglich, ■it Ausnahme des Montags. Die Gießener »erden dem Anzeiger »Achentlich dreimal beigelegl. Hießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. Vierteljähriger AlaenemtttUyrttol 2 Mark 20 Pfg. mV Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 ficbodion, Lxpeditio» and Druckerei: Ach.tftraßeMr.sr Ferustzrecher 61, Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren, fwtgmbtn lag erfätinenbtn *tum»er bi* vor». i?u£ | HraLisöeitage: Hießener Jamitienötätter. | ™ ?, ArrrtLicher Theil. Bekanntmachung, betreffend Maul- und Klauenseuche zu Großen-Linden. Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauenseuche in Großen-Linden ein Monat verstrichen ist, ohne daß neue Seuchensälle sich gezeigt haben, haben wir der Großh. Bürgermeisterei Großen - Linden die Ermächtigung zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen in vollem Umfang wieder ertheilt. Gießen, den 12. December 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 12. December. Der angekündigte Antrag con- servativer und antisemitischer Reichslagsmitglieder aus Einstellung des Verfahrens gegen den Reichstagsabgeordneten Ahlwardt anläßlich des Judenflinten-Prozesses soll nächster Tage dem Hause zugehen. Es heißt, der Antrag würde vorläufig der Geschästsordnungscommission überwiesen werden, an der Genehmigung des Antrages selbst durch den Reichstag ist wohl nicht zu zweifeln. Das Parlament hat bis jetzt noch in allen Fällen, in denen es fich um Einstellung eines gegen ein Mitglied des Hauses schwebenden Strafverfahrens handelte, den betreffenden Anträgen stattgegeben und es ist nicht einzusehen, warum es gerade dem Abgeordneten Ahlwardt gegenüber eine Ausnahme von dieser Regel machen sollte. Die ganze Sache ist ja keine Personen-, sondern eine Prinzipienfrage und der Reichstag würde sich nur selbst im Lichte stehen, wollte er ein Loch in den bislang hochgehaltenen Grundsatz der parlamentarischen Unverletzlichkeit machen. Im Uebrigen könnte Herr Ahlwardt erst nach dem 21. Februar 1893 im Reichstage erscheinen, denn bis zu diesem Tage währt die rechtskräftige Strafe, die er gegenwärtig im Gefängnisse zu Plötzensee wegen Beleidigung des Berliner Magistrats verbüßt. Deutscher Reichstag. 13. Sitzung. Montag, 12. December 1892. Auf der Tagesordnung stehen zunächst Interpellationen. Abgg. Dr. Buhl und Dr. Ma, quardsen (not!) haben folgende Interpellation eingebracht: Die in dem soeben beendeten Proceß Ahlwardt vernommenen militärischen Sachverständigen haben sich zwar schon entschieden für die gute Qualität unserer neuen Infanterie-Bewaffnung ausgesprochen. Nichtsdestoweniger erscheint es wünschenswerth, wenn von höchster, autoritativer Stelle aus eine Bestätigung und Bekräftigung dieses Urtheils erfolgt. Die Unterzeichneten richten deshalb an den Herrn Reichskanzler die Anfrage, ob derselbe bereit ist, dem Reichstage in diesem Betreff eine Mittheilung zu machen? Abg. Dr. v. Marquardsen begründet die Interpellation unter Berufung auf die Auslassungen des Staatsanwalts indem Ahlwardt- Proceß und die Zeitungsmittheilung, wonach künftig die Anfertigung von Armeegewehren Privatinftituten nicht mehr übertragen werden solle. Das Vertrauen des Soldaten in die Güte seiner Waffe sei ebenso nothwendig^ wie die Zuversicht auf zuverlässige Führung. Deshalb sei es nöthig, der erregten Beunruhigung ein Ende zu machen. Reichskanzler Graf Caprivi: Das Gewehr unserer Infanterie ist im Modell und der Ausführung ein fehr gutes und entspricht allen zu stellenden Anforderungen. Der Gedanke, eine Aenderung in der Herstellung eintreten zu lassen, ist der Militärverwaltung noch nie gekommen. DaS Zündnsdelgewehr wurde f. Z. noch schärfer und abfälliger kritisirt als daS neue. Das neue ist ungleich subtiler als das frühere, und wenn dasselbe, nachdem es in die Hände Ungeübter gekommen, leicht Schädigungen erleidet, so ist das natürlich. Die Entwendung der in dem Ahlwardt-Processe vorgebrachten Schrift- sisiIe ist ein kleiner gemeiner Diebstahl. Die Schriftstücke waren niGt geheim; sie lagen in einer offenen Muppe und wurden daraus entwendet. In dem vorliegenden Verzeichnis der Reparaturen können die Reparaturen an Kammern und Schlößchen und die Abzugsfeder auffallen, aber dieselben beweisen nichts gegen die Güte der Gewehre. Im Kriege wären diese als reparaturbedürftig erkannten Gewehre weiter benutzt worden. Die Anklagen gegen die Militärverwaltung sind gewissenlose Verleumdungen, die aufs Schärfste zu brandmarken sind. (Bravo!) König!, sächsischer Kriegsminister Edler v. d. Planitz: Es ist behauptet worden, daß bei den König!, sächsischen Armeecorps schlechte Erfahrungen mit den Löwe'schen Gewehren gemacht worden sind. 2Bir stehen der Sache ganz objcctiv gegenüber. Wir haben mit der Firma Löwe bind nichts zu thun. Wir haben die Gewehre bei der preußischen Militärverwaltung bestellt und haben einen Theil Löwe'scher Gewehre mitbekommen. Als die Anklagen gegen die letzteren auftauchten, haben wir ein Vergleichsschießen mit je 200 Gewehren aus Staatsanftalten angestellt. Jedes Gewehr wurde mit 50 Schuß versehen, 25 für gewöhnliches Schießen und 25 für Schnellfeuer. Das Ergebniß war, daß die Löwe'schen Gewehre mit denen der Staatsfabriken vollständig gleich leistungsfähig waren. Bei den Hebungen waren von sechs Reservebataillonen fünf mit Löwe'schen Gewehren versehen und es sind nie Klagen vorgekommen. Die Behauptung der „N. Dtsch. Ztg." in Leipzig, daß nach zwei Schießtagen 150 Gewehre defect geworden, reducirte sich bei der Untersuchung darauf, daß an 15 Gewehren kleine Reparaturen nothwendig geworden waren. Eine Untersuchung sämmtlicher 2000 Gewehre ergab nur 187 meist ganz unerhebliche Reparaturen. Das deutsche Infanterie- Gewehr ist vollständig dienstbrauchbar und die Löwe'schen Gewehre stehen denen der Staatsfabriken nicht nach; die Ration kann sich also aller Sorgen entschlagen. (Bravo!) Eine Discussion der Interpellation wird nicht beantragt. Abg. Graf Mirbach begründet folgende Interpellation: Billigen eS die verbündeten Regierungen, daß die deutschen Delegirten bei der Münzconferenz in Brüssel sich den auf die Bekämpfung der Silberentwerthung gerichteten nahezu einmüthigen Bestrebungen aller auf der Conferenz vertretenen Staaten gegenüber ablehnend verhalten? Das einzige Mittel, das wir bisher zur Begegnung des Preisdrucks hatten, die Zölle, haben wir durch die Verträge aufgegeben; nun bleibt nur die Regelung der Währungsfrage. Reichskanzler Graf Caprivi: Aus der Interpellation ist zu ersehen, wie man im Lande bestrebt ist, den Antisemitismus und den Bimetallismus vor einen Wagen zu spannen. (Beifall und lebhafter Widerspruch.) Die verbündeten Regierungen halten nach wie vor die bestehende Währung für eine sehr gute und ste beabsichtigen nicht, die Initiative zu einer Aenderung zu ergreifen. Dementsprechend lautet auch die Instruction der deutschen Delegirten auf der Brüsseler Conferenz. Der bisherige Verlauf der Conferenz hat diese Instruction gerechtfertigt. Ich lege Werth darauf, zu conftatiren, daß ein gewisser Dr. Arendt, der sich bei der Conferenz durch ein Empfehlungsschreiben des Grafen Mirbach-Sorquitten eingeführt hat, in keinerlei Beziehung zur Regierung steht. Auf Antrag des Abgeordneten v. Schalscha (Ctr.) wird in die Besprechung der Interpellation eingetreten. Abg. Frhr. v. Pfetten (Ctr.) vermag den Werth der Doppelwährung für die Preisbildung nicht zu erkennen. Abg. v. Kardorff (iRp.): Der Reichskanzler sprach von „einem" Dr. Arendt; dieser Dr. Arendt sei preußischer Abgeordneter und eine Autorität auf dem Gebiet der Währungsfrage. Derselbe denke nicht daran, als Vertreter der deutschen Reichsregierung in Brüssel aufzutreten. Es sei die höchste Aufgabe jedes deutschen Staatsmannes, dafür zu sorgen, daß die deutsche Landwtrthschast wieder zu ihrem Rechte kommt und dazu gehöre das Aufgeben der Goldwährung. An der Aufrechterhaltung dieser hätten nur die Socialdemokraten ein Interesse, weil sie der Unzufriedenheit bedürften, um mit Erfolg agitiren zu können. Es giebt auch kein besseres Mittel, der antisemitischen Bewegung ihr Gift zu nehmen als der Uebergang zur Doppelwährung. Tritt Deutschland an die Lösung der Währungsfrage ernstlich heran, so ist sie gelöst. Wenn England nicht will, nun so lasse man es; es ist doch früher auch gegangen. Die Haltung Deutschlands in Brüssel wird Amerika zu Repressiomaßregeln veranlassen. Gehen wir zur Doppelwährung über, dann wird die Landwirthschaft ausreichend gekräftigt, und nicht nur die 60 Millionen, welche die neue Militärvorloge fordert, sondern noch viel höhere Summen aufbringen. (Bravo!!) Abg. Dr. Bamberger (frs.): Die ganze Debatte sei völlig werthlos. Aber wie stelle sich das Verfahren der Interpellanten dar? Welcher Sturm der Entrüstung hätte es hervorgerufen, wenn die Linke denVersuch gemacht hätte, die eigeneRegierung inmitten internationaler Verhandlungen so zu blamiren! (Beifall. Widerspruch.) Eine Interpellation, wie diese, sollte sich nicht auf Zeitungsberichte, sondern auf authentische Mitthellungen stutzen. Wäre das hier der Fall, so würde Feuilleton. Die Geschichte von Schillers „Kabale und Liebe". Schillers „Räuber" waren unter der Leitung des trefflichen Mannheimer Theaterintendanten, Freiherrn von Dalbergs, am 13. Januar 1782 zum ersten, und am 29. zum zweiten Male gegeben worden, und der blutjunge Dichter hatte sich zu beiden Ausführungen ohne das Vorwissen des Herzogs Karl von Württemberg, in dessen Diensten er als Regimentsmedicus eine wenig beneidenswerthe Stellung einnahm, von Stuttgart nach Mannheim begeben. Seine mütterliche Freundin, Frau von Wolzogen und eine Hauptmannssrau Namens Vischer begleiteten ihn und waren Zeugen seines großen Triumphes, wurden aber durch ihre Schwatzhaftigkeit die Ursache, daß der Herzog, der kurz vorher dem Regimentsmedicus die Veröffentlichung litterarischer Schriften aufs Strengste untersagt hatte, Wind von der Sache bekam, und das Ende war, daß Schiller auf vierzehn Tage in Arrest wandern mußte. In diesen trüben vierzehn Tagen lernte er spielen, machte Schulden und ließ sich mit' der Korporalin Fricke ein, aber er empfing in seinem bitteren Ingrimm gegen den Herzog auch den ersten Anstoß zu seinen von glühendem Haß gegen die Despotenwillkür getragenen Dramen „Fiesko" und „Kabale und Liebe". Anderthalb Jahre, die zu den bewegtesten und schwersten seines Lebens gehörten, hatte der Dichter nöthig gehabt, letzteres zu vollenden, und gerade deßhalb scheint die prachtvolle Geschlossenheit des scenischen Gefüges doppelt be- wundernswerth. Schiller fühlte sich in Stuttgart unter dem strengen Regiment seines Landesherrn so unglücklich, daß er, als es ihm nicht gelungen war, Dalbergs Unterstützung und Vermittlung zu erhalten, Ende September heimlich seine Heimat verließ. Aus der Flucht, die er gemeinsam mit seinem Freunde Streicher machte, und die über Mannheim, Darmstadt und Frankfurt ging, schritt er meist schweigend und in sich gekehrt seines Weges, einzig mit dem Gedanken an sein neues Drama, die „Luise Millerin", beschäftigt. Und es war wohl in der Vaterstadt Goethes, wo er die ersten Zeilen der Dichtung niederschrieb, in der die arme Musikantentochter den Fürsten tagen will, was das Elend ist. Er war selbst dem Verhungern nahe, er, der zur selben Zeit in einem Frankfurter Buchladen erfahren mußte, daß seine „Räuber" vollständig vergriffen seien. Er setzte bald seine Reise, die er unter dem Namen „Doctor Ritter" und „Doctor Schmidt" machte, fort, kam mit seinem treuen Freunde nach Worms, rastete ein paar Tage in Oggersheim, wo er beständig an feinem „bürgerlichen Trauerspie!".weiterarbeitete, und langte endlich nach mancherlei weiteren Hin- und Herfahrten am 7. December bei tiefem Schnee spät Abends in dem unter dürsteren Fichtenwäldern an der Grenze zwischen Franken und Thüringen gelegenen Dorfe Bauerbach an. Der armselige, kaum aus dreißig Häusern bestehende Ort war ein Gut der Frau von Wolzogen, die dem Dichter schon in Stuttgait das Versprechen abgenommen hatte, sich so lange aus ihrem in der Nähe von Meiningen gelegenen Besitzthum zu verbergen, bis keine Verfolgung mehr vom Herzog zu befürchten sei. In dem von den dürftigen Bauernhütten des Dorfes kaum unterscheidbaren Herrschaftshause, in trostloser Einsamkeit wegen des strengen Winters aus sein einfaches Zimmer gebannt, sand der lange genug ruhelos draußen Umhergehetzte nun endlich Zeit zur Einkehr in sich selbst, hier störte kein Lärm der Außenwelt seine idealischen Täuschungen und dichterischen Träume, hier schrieb er seine „Luise Millerin", die bald alle Köpse und Herzen mit sich reißen sollte. Doch scheint Schiller den Plan und auch wohl einen ansehnlichen Theil des Entwurfes fertig mit nach Bauerbach gebracht zu haben, da er schon nach wenigen Tagen an seinen neuen Freund Reinwald, der ihm von Meiningen aus alle nothwendigen Bücher besorgte, schreibt: „Nach Verfluß von 12 oder 14 Tagen bringe ich ein neues Trauerspiel zu Stande, davon ich Sie zum geheimen Richter ernennen will." Aber die Sache ging doch nicht ganz so schnell, und erst am 14. Februar 1783 bittet er denselben Freund um „ein Buch recht gutes Schreibpapier, meine Luise Millerin darauf abzuschreiben." Ende des Monats unterhandelte er dann mit dem Leipziger Buchhändler Weigand, dem Verleger des „Werther", bricht aber selbst wieder ab. Dalberg, der sich seither etwas sehr reservirt gehalten, knüpft zur selben Zeit Plötzlich mit dem Dichter wieder an, schlägt Schiller eine Umarbeitung vor — seine Gründe können wir nur vermuthen — aus die dieser eingeht, die er aber erst zu Ende des nächsten Jahres beendet. Er hatte Bauerbach inzwischen verlassen und war am Mannheimer Theater auf ein Jahr als Theaterdichter angestellt worden und damals wenigstens von der drückenden Sorge um Geld und Brot befreit, die ihm auch in Bauerbach schließlich das Leben verbitterten. In Mannheim war es denn auch, wo Jffland dem Stück einen neuen Namen gab: „Luise Millerin" hieß nun „Kabale und Liebe". Vorher war schon „Fiesko" über die Bühne gegangen, mit weniger Beifall allerdings als „Die Räuber". Zur Oster- messe erschien bas neue Drama im Druck: „Kabale und Liebe, ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen von Friedrich Schiller" war der Titel, und es scheint, daß das Buch noch vor der ersten Aufführung herauskam. Die Ehre dieser ersten Ausführung gebührt der Stadt Frankfurt, der erst zwei Tage später, am 15. April 1784, Mannheim folgte. Schiller wohnte mit Streicher der Premiere in geschlossener Loge bei, anfangs heiter und ruhig, wie dieser erzählt, aber sofort nach Beginn des Stückes durch lebhaftestes Geberdenspiel seine Spannung verrathend und am Schluß des ersten Actes in die Worte ausbrechend: „Es geht gut!" Der Beifall des Publikums war ein großer, und nach dem Finale des zweiten Actes geschah, was zuvor noch nie geschehen war: sämmtliche Zuschauer erhoben sich unter den stürmischsten Beifallsrufen von ihren Sitzen, so daß Schiller, tief ergriffen von der Wirkung seiner Schöpfung, in seiner Loge vortrat und sich dankend verneigte. Trotzdem aber wurde „Kabale und Liebe" im selben Jahre nur noch siebenmal gegeben, was indessen leicht seine Erklärung in dem Interesse findet, das die schon am nächsten Abend folgende Opernnovität Mozarts, „Die Entführung aus dem Serail" hervorrief, und außerdem begann kurz darauf eine Gastspielreise der Mannheimer Schauspieler. Es ist fast überflüssig, zu erwähnen, daß daS Drama seinen Triumphzug über alle größeren deutschen Bühnen hielt. In England erwarb es sich sofort das Bürgerrecht, während es in Paris im Theatre fran^ais ausgepfiffen wurde, um erst fünfundzwanzig Jahre später dort zu Ehren zu kommen, und schließlich fast in alle europäischen Sprachen übersetzt zu werden. (Schluß folgt.) auch von nicht zu einmüthigen Bestrebungen aller auf der Conserenz vertretenen Staaten zur Bekämpfung der Stlberentwerthung keine Rede fein können. Mit jeder Münzconferenz sinke die Sache deS Btmetallismus mehr und mehr und heute stehe sie tteser als je. Selbst wenn Graf Mirbach Reichskanzler würde, würde die deutsche Regierung die Goldwährung nicht ausgeben, weil das einfach unmöglich ist. Der weitgehendste Vorschlag in silberfreundlichem etnne aus der Brüsseler Conferenz war der Rothschtld'sche, der den amerikanischen Stlberminenbesitzern eine jährlicheLiebesgabevon 10 Millionen zuwenden wollte, v. Rothschild zog selbst seinen Antrag zurück. Wenn schon Liebesgaben gewährt werden sollen, so seien dieselben noch lieber den heimischen Branntweinbrennern als den amerikanischen Minenbesitzern zu gönnen. (Heiterkeit). Die erstrebte Münzconvention würde bei einem Kriege beim ersten Flintenschuß hinfällig werden. Die jetzige Münzconferenz unterscheide sich von den früheren Con- ferenzen nur dadurch, daß die früheren ausgtngen, wie das Hornberger Schießen, während diese gleich so anfängt. (Heiterkeit.) Abg. Leuschner-Eisleben (Rp.): Die Goldwährung wirke bei uns wie eine Exportprämie, die aus deutscher Kasse an fremde Silberwahrungsländer gezahlt werde. In erster Linie leide darunter die Landwirthschaft, im Verfolg davon aber auch die Industrie. Die Stlberentwerthung sei nicht die Folge der Ueberproduction, sondern sie sei durch die Gesetzgebung veranlaßt, die dem Silber die Consumtionssähigkeit nehme. DieBehauptung, daß dieGoldproductton unerschöpflich sei, entbehre jedes Nachweises. Die Wtssenschast erkenne das Gegentheil als richtig an. Wenn noch andere Staaten zur Goldwährung übergehen, werde es an Edelmetall schien. Der Uebergang Deutschlands zur Goldwährung sei ein Fehler gewesen, der möglichst schnell verbessert werden müsse. Das erfordere auch daS Interesse des heimischen Stlberbergbaues, der sonst immer weiter zurückgehe. (Beifall rechts.) Abg. Graf Mirbach (cont) bedauert die Antwort des Reichskanzlers, insbesondere auch die Aeußerung über BtmetallismuS und Antisemitismus. Der Reichskanzler hätte wissen können, daß die ostpreußtschen Conservattven gegen jede Aufnahme der Judenfrage in das neue Programm gewesen seien. Reichskanzler Graf Caprivi: Er habe von der bimetallistischen und antisemitischen Agitation im Lande gesprochen. Gerade der Btmetallismus sei ein geeignetes Agttationsmtttel, weil so wenig Leute etwas davon verstehen. Er halte dieses Agitattonsmtttel auch für gefährlich, da es doch sehr fraglich sei, ob der Btmetallismus die auf ihn gestellten Erwartungen erfüllen könne. Er habe erfahren, daß mehrere Mitglieder des Hauses thre Zustimmung zur Mtlttärvor- lage von der Antwort auf die heutige Interpellation abhängig machen wollen. Er lasse sich nicht etnschüchtern. Er vertrete die Mtlttär- vorlage, weil nach seiner Ueberzeugung die Existenz Deutschlands davon abhängig sein könne. Abg. v. Schalscha (Ctr.) hat sich durch das Zusammenwersen von Antisemitismus und Btmetallismus durch den Reichskanzler beleidigt gesühlt. Der Antisemitismus datire seit Einführung der Gewerbefreiheit, der Btmetallismus sei viel jüngeren Datums. Beide hätten miteinander nichts zu thun. Abg. Büsing (natl.) begrüßt die Erklärung deS Reichskanzlers und hofft, daß der bimetallistischen Demagogie durch dieselbe ein Ende gemacht werden möge. Unsere Währung sei sehr gut, eine Aenderung derselben würde ganz unabsehbare Folgen haben. Zu erwägen wäre, ob es nicht richtiger wäre, zur reinen Goldwährung überzugehen. Gleichzeitig könnte aber eine größere Stlberausprägung stattfinden, um den Bedarf an kleineren Münzsorten zu decken. Durch den Uebergang zur Goldwährung ist uns erst der Weltmarkt erschlossen worden. Wäre die Schlußfolgerung der Bimetalltsten richtig, so müßten wir zur schlechtesten Währung übergehen, die es giebt: zur Papierwährung mit Zwangscours. Abg. Graf Ballestrem erklärt, daß v. Schalscha nurin seinem eigenen Namen, nicht im Namen des Centrums gesprochen habe. Abg. Bebel (Soc.) erklärt, daß dieSoctaldemokraten auf dem Boden der Goldwährung stehen. Nur der verstorbene Abgeordnete Käufer sei Bimetallist gewesen, und zwar mit Rücksicht auf die eigenartigen Verhältnisse seines Wahlkreises (Freiberg). Es sei ganz unmöglich, eine dauernde Relation zwischen dem Werth von Gold und Silber herzustellen. In dieser Frage hätten ausnahmsweise die Arbeiterklasse und die Bourgeoisie dasselbe Interesse. Für die Agrarier würde durch eine Aenderung nur der Vorthetl erwachsen, daß sie ihre in Gold gemachten Schulden in schlechter Währung, in minderwertigem Silber bezahlen. Die Kosten würden die landwtrth- schaftlichen Arbeiter zahlen müssen, wie dies bei der Schutzzollpolitik der Fall gewesen. Abg. Dr. Frege (cont): Die Goldwährung habe nicht den Hochschutzzoll hervorgerufen. Die heutige Verschuldung des Grundbesitzes, besonders in Preußen, rühre aus einer Zeit her, wo es galt, das letzte für das Vaterland einzusetzen; diese Verschuldung gereiche ihm gewiß nicht zur Unehre. Mit Gold allein lassen sich die mont- tären Verhältnisse der Welt nicht decken, deshalb müsse man daran denken, chen Werth des Silbers zu heben. Nicht durch die Goldwährung hat sich unsere Industrie ihre Stellung auf dem Weltmarkt erobert, sondern durch deutschen Fleiß und Intelligenz. Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antts.) vertheidigte den Antisemitismus gegen die Bemerkungen des Reichskanzlers und anderer Redner. Der Antisemitismus werde daS feurige Roß fein, das den Staatswagen wieder aus dem Koth ziehen wird. Die Debatte wird geschlossen. Morgen 12 Uhr: Fortsetzung der ersten Berathung der Mili- tärvollage. Uetieftc Hach richten. Wolffs telegraphische« Correspondenz-Bureau. Berlin, 12. December. Die den deutschen Delegirten zur Brüsseler Münzconferenz ertheilte Instruction besagt, die Delegirten sollten keinen Vorschlägen zustimmen, die geeignet seien, Deutschlands Selbstbestimmungsrecht (Autonomie) auf dem Währungsgebiete zu beschränken. Sie sollten erklären, daß Deutschland mit seinem Währungssystem zufrieden sei und keinen Grund hätte, davon abzugehen, denn von allen großen Staaten sei Deutschland der bestsituirte. Berlin, 12. December. Vertreter des Verbandes der nordatlantischen Dampserlinien beschlossen heute in Anbetracht der von den Vereinigten Staaten gegen die Einwanderung getroffenen außerordentlichen Maßregeln vom 1. Januar 1893 ab nur noch Paffagiere erster und zweiter Cajüte nach den Vereinigten Staaten zu befördern. Ferner wurde beschlossen, die Zahl der nächstjährigen Expeditionen wesentlich einzuschränken und durch eine erhebliche Erhöhung der Fahrpreise für erste und zweite Cajüte Ersatz für den Ausfall der Zwischendeckbeförderung zu schaffen. Deßhalb wurden auch die im letzten October vereinbarten Ermäßigungen für ExcursionsbilletS zur Weltausstellung nach Chicago wieder aufgehoben. Washington, 12. December. Der Bericht des Marine- secretärs an den Congreß stellt fest, daß unter der Verwaltung Harrisons die Marine um 16 Schiffe vermehrt und 18 Schiffe derzeit im Bau begriffen seien. Vier der neuen Schiffe hätten über 8000 Tons Gehalt und das für die Panzerschiffe verwendete neue Metall (Harveynickelstahl) übertreffe das in den Marinen der übrigen Länder verwendete Metall. Der Marinesecretär glaubt, daß England zu demselben übergehen werde. An Torpedobooten hätten die Vereinigten Staaten nur zwei. Depeschen de« Bureau „Herold". Berlin, 12. December. Nach der „Nationalliberalen Correspondenz" hat der Centralvorstand der national- liberalen Parte: in seiner gestrigen Sitzung beschlossen, den nächsten allgemeinen Delegirtentag in einer mittel« oder süddeutschen Stadt abzuhalten und für die Vorbereitungen einen Ausschuß zu wählen. Berlin, 12. December. Der Kaiser hat betreffs des Berliner Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. seine Entscheidung zu Gunsten eines dritten, von BegaS ganz neu entworfenen Planes getroffen. Berlin, 12. December. Die „Staatsbürgerzeitung" schreibt: Aus Ansuchen Ahlwardts und dessen Familie übernahm Rechtsanwalt Hertwig wieder die Verteidigung und zwar wurde bereits Revision eingelegt, auch Antrag auf Herausgabe der Caution gestellt. Berlin, 13. December. lieber den Inhalt der demnächst zur Vorlage kommenden Novelle über das Unter st ützungs- wohnsitzgesetz verlautet, daß das Erwcrbsalter bezüglich des Unterstützungswohnsitzes vom 24. aus das 18. Lebensjahr verlegt und die Nichtgewährung des vorliegenden Unterhaltes mit Haststrafe bedroht werden solle. — Als Beginn der Reichs tagsferien ist der 15. December vereinbart. — Die erste Lesung der Steuervorlage ist aus Januar vertagt. Köln, 12. December. Aus Petersburg erfährt die „Köln. Z.", daß in der russischen Heeresverwaltung immer mehr das Bestreben sich geltend mache, in den eroberten asiatischen Ländern aus Eingeborenen bestehende Truppentheile zu bilden, um das eigentliche bestehende Heer zu entlasten und auf dem europäischen Kriegstheater verwenden zu können. Im Kaukasus und in Turkestan habe man bereits zahlreiche derartige Truppenstämme geschaffen. Nun sollen laut soeben eingetroffener Verfügung auch in Turkmenien zwei Schwadronen turkmenischer Miliz zum Stamm für spätere Neubildungen dienen. Man will versuchen, wie die Angehörigen der dortigen räuberischen Stämme sich im russischen Truppendienst zeigen, weßhalb sogar ein großer Theil des niederen Offiziercorps aas Eingeborenen bestehen soll, um in der Bevölkerung Vertrauen zur neuen Einrichtung zu wecken. Bremen, 12. December. Die Weser ist stellenweise voll von Treibeis. Drei Eisbrecher halten das Fahrwasser offen. Würzburg, 12. December. Der bekannte frühere Landtagsabgeordnete Stamming er, Univerfltätsbibliothekar, ist gestorben. Paris, 12. December. Hubbard bringt in der Kammer einen Gesetzentwurf ein, wonach die höchste Strafe aus Wahlbestechung gestellt wird. Paris, 12. December. Der Afrikasorscher Gaston Mery hat eine Durchkreuzung der Sahara von Algier aus angetreten zum Zwecke der Vorbereitung der Arbeiten für eine die Wüste durchquerende Eisenbahn. totale» ntti provinzielles. ®ießen, 13. December 1892. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadverordueten Donnerstag den 15. December 1892, Nachmittags 4*/t Utjr: 1. Den Voranschlag des Großh. Realgymnasiums und der Realschule pro 1893/94. 2. Voranschlag über die sachlichen Bedürfnisse der höheren Mädchenschule pro 1893/94. 3. Die Gesellschaft für deutsche ErziehungS- und Schulgeschichte. 4. Gesuch der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung um Bewilligung eines Jahresbeitrags. 5. Vergrößerung des Pscrdeschlachtraumes im Schlachthause. 6. Einführung der mitteleuropäischen Zeit im Eisenbahnverkehr. — Das Kaiserpanorama, welches seit Sonntag die so gern gesehene Weihnachtsserie „Palästina" ausgestellt hat, erfreut sich immer eines sehr guten Besuches. Die Bilder der Gebirgslandschaften Palästinas bieten zwar keine üppige und wechselvolle Vegetation, aber sie zeigen uns doch die ewig denkwürdigen Stätten, mit vielen historischen Ruinen bedeckt, welche unser Heiland durchwanderte und woselbst er sür das Heil der Menschheit gelitten hat. Es ziehen an unserem Auge vorüber die Stelle des Jordans, wo Jesus getauft worden, Jerusalem von verschiedenen Punkten aus gesehen, die Straße, in welcher der Heiland unter dem Kreuze zusammenbrach, Betlehem, Nazareth, Gethsemane, der Oel- berg und Golgatha- ferner verschiedene Grabdenkmäler heiliger Personen, der Friedhof der Mohamedaner, der Lustgarten des Salomon, das tobte Meer und viele andere recht interessante Bilder. Der Anblick dieser in geordneter Reihenfolge vorgeführten Bilder bietet nicht nur angenehme Augenweide, es wird auch das Herz dadurch erfreut und die Seele in ernste Stimmung versetzt bei der Erwägung, welchen hohen Werth das Land dadurch erhalten, daß allda der Weltheiland geboren, dort gewirkt, gelitten und sich ausgeopfert hat. Diese Darstellungen üben namentlich auf das empfängliche Herz der Jugend einen wohlthuenden Eindruck aus, wie Referent wahrzunehmen verschiedentlich Gelegenheit hatte. Eltern, welche ihren Kindern gern eine vernünftige und nutzbringende Erholung gestatten wollen, mögen sie zum Panorama schicken, Palästina zu schauen, das denselben durch die biblische Geschichte hinreichend geschildert worden. — Vorstellung Krause. Zu der gestern Abend statt- gefundencn Vorstellung deS Experimentators Albin Krause über Suggestion hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden, das mit Interesse den vorgesührten Experimenten folgte. Wie wir erfahren, beabsichtigt Herr Krause auf vielseitigen Wunsch eine zweite (ergänzende) Vorstellung zu geben (s. Inserat). — In der am vorigen Sonntag stattgefundenen Versammlung des evangel. Arbeitervereins hielt zunächst Herr Pfarrer Schlosser einen Vortrag über allerlei von Haushalten, worin er etwa Folgendes aussiihrte: Die Kunst des Haushaltens ist die Kunst, Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu erhalten, und die Ausgaben so zu vertheilen, daß alle berechtigten Bedürfnisse eines Haushaltes wirklich ausreichend befriedigt werden. Das ist unter den heurigen Verhältnissen für den Lohnarbeiter und den kleinen Handwerker eine sehr schwere Ausgabe. Die Socialdemokratie erklärt es sogar für völlig unmöglich und hat auf alle Fragen und Nöthe, die sich da aufbrängen, nur die eine Antwort: Aendert die kapitalistische Productionsweise, sickert dem Arbeiter den vollen Antheil am Arbeitsertrag. Um die Arbeiter für diese ihre Forderungen zugänglich zu machen, pflegt sie die Unzufriedenheit, verwirft daher alle Versuche und Veranstaltungen, durch die es dem Arbeiter ermöglicht werden soll, auch unter den heutigen Verhältnissen sein Leben und seine Häuslichkeit behaglicher zu gestalten und verdächtigt sie als Mittel, den Arbeiter in seiner beschränkten Lage festzuhalten. Die Leute, die zu den evangel. Arbeitervereinen gehören, erstreben auch eine Besserung ihrer Lage und eine Hebung ihres Standes. Aber sie verabscheuen den Weg der Unzufriedenheit und der Verbitterung. Sie wollen die Flinte nicht ins Korn werfen, nicht darauf verzichten, sich auch unter den heutigen Verhältnissen ein zufriedenes, häusliches Dasein zu schaffen. Sie können nicht daraus verzichten, weil ihr Familienleben ihnen als das größte irdische Glück gilt. Auf dem socialen Programme der evangel. Arbeitervereine steht oben an die Pflege des Familienlebens und der Kampf wider alles, was seinen Bestand bedroht. Dazu gehören allerdings eine Reihe socialer Mißstände, an deren Beseitigung mitzuarbeiten auch Ausgabe der evangel. Arbeitervereine ist (z. B. Regelung der Wohnungsfrage, der Sonntagsruhe, der Arbeitszeit überhaupt u. s. w.). Aber wir halten dafür, daß das den Einzelnen nicht der Pflicht entledigt, vor allem seine eigene Schuldigkeit als Glied der Familie im vollsten Maße zu thun. Daß zum rechten Haushalten Fleiß, Sparsamkeit, Genügsamkeit gehören, ist für Leute vom evangel. Arbeiterverein selbstverständlich. Heute soll von allerlei sozusagen technischen Erfordernissen die Rede sein, die nicht immer genügend berücksichtigt werden. Wenn es im Geschäft und Haushalt nicht vorwärts will, liegt die Schuld oftmals daran, daß die Leute nicht rechnen können oder doch nicht genug rechnen. So geräth der Handwerksmann in Schaden, wenn er, besonders bei den Submissionen, bei der Preisberechnung nur Material- und Arbeitslohn, nicht aber die Generalunkosten (Miethe, Steuern, Zinsverlust, Abnutzung) mit in Anschlag bringt (was Redner an Beispielen erläutert). Das hängt aber wiederum zusammen mit dem Mangel einer geordneten Buchführung, durch die allein ein sicherer Einblick über den Stand der Verhältnisse zu gewinnen ist. Geradezu ver- hängnißvoll wird dieser Mangel, wo der Handwerksmann fremden Credit in Anspruch nehmen muß. Nicht genug ift zu warnen vor dem planlosen Borgen und besonders vor Wechseln. Im Haushalt sollte ohne bittere Noch überhaupt nicht geborgt werden. Borgen macht Sorgen. Darum muß man nicht mehr verzehren, als der Pflug kann ernähren. Wie über den Erwerb, so sollte über den Verbrauch genau Buch gefügt werden und zwar wo möglich nach geordneten Rubriken, ähnlich, wenn auch einfacher, als sie die in Frankfurt aus der Erfahrung aufgestellten Arbeiterbudgets (aus denen Redner Mittheilung macht) enthalten. Dadurch allein erhält man einen Ueberblick über die Verwendung seiner Mittel, über das Verhältnis in dem die Ausgaben für verschiedene Bedürfnisse stehen, und kann dann ab und zu thun und eine richtige Eintheilung machen- Man soll den Muth haben, nach Verbesserungen zu streben und, auch unter Entsagungen, dafür zu sparen.. Das Sparen ist im Arbeiterhaushalt auch heute nicht fo unmöglich, wie es dargestellt wird. In Preußen betrugen die Sparanlagen Ende 1888/89 2889 Millionen Mark, während es 1841 nuj: fünf Millionen waren. Der größte Theil davon kommt auf kleine Einlagen. Eine bessere Ernährung ist zu erzielen durch eine bessere Ausbildung der weiblichen Jugend für ihren zukünftigen Beruf, wie sie die Haushaltungsschulen erstreben. Unter Benutzung der Erkenntnisse über den Nährwerth der verschiedenen Speisen, wie sie unsere Wissenschaft gewährt, leiten diese Schulen dazu an, gehaltvollere Speisen zu billigerem Preis, herzustellen. Um den Muth zu solchem Streben den Widrigkeiten des Lebens gegenüber zu gewinnen und zu bewahren, bedarf es aber eines ganzen Capitals an sittlichem Ernst und Gewissenhaftigkeit, von Gottesfurcht und Gottvertrauen. Dieses Capital zu hüten und zu mehren ist eine der Ausgaben, die die evangel. Arbeitervereine sich gestellt haben, weil sie überzeugt sind, daß es nicht dazu dient, wie man den Arbeitern vorredet, die Leute dumm und in zufriedener Beschränktheit zu erhalten, sondern vielmehr hilft, sie weise zu machen und stark in dem Kampf, der uns verordnet ist. Reicher Beifall wurde dem Redner gezollt. — Aus den weiteren Mittheilungen sei hervorgehoben, daß Mittwoch vor Weihnachten die erste geschäftliche Sitzung stattfindet — zu der natürlich nur Mitglieder Zutritt haben — und am zweiten Feiertage im Bramm'schen Locale in der Neustadt ein Famtlienabend, für den allerlei Musikalisches und Declamatorisches vorbereitet wird. — Gestern tagte im „Postkeller" eine stark besuchte Versammlung der Brauer Oberhessens, des Lahnthales und Umgpgenb. Auf der Tagesordnung stand die auch weite Kreise der Bevölkerung interessirende drohende Erhöhung der Br au st euer. Der in vorberathender Sitzung am Samstag gewählte Obmann, Herr Ed. Röhrle, Gießen, welcher die Versammlung leitete, gab, nachdem er die zahlreich erschienenen Collegen, sowie den gleichfalls anwesenden Reichstagsabge- ! ordneten Herrn Dr. Gutfleisch begrüßt, ein anschauliches