Nr. 38 Zweites Blati. Sonntag den 14. Februar 1892 Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener AamitienvtLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. Vierteljähriger Abonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: SLutstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren. Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter Anrtticyev Tbeil Zur Hungersnoth in Rußland. v. Gagern. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS I«. und Au-lande- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. meistereien ortsüblich veröffentlichen und bei den Control- terminen den Befolg überwachen. Den Stellen empfehlen wir dafür zu sorgen, daß sie stets die ersorderliche Anzahl von Doppelmarken vorräthig haben. Dem in Berlin zur Linderung der Hungersnoth in Rußland zusammengetretenen Hilfscomite (aus den Herren Geh. Med.-Rath Dr. Bergmann, Consistorialrath Dr Dalton, Professor Harnack und Pastor Keller bestehend) ist es gelungen den Ertrag einer ersten Sammlung in der Höhe von 41,000 M. ungekürzt durch deutsche erprobte und durchaus zuverlässige Hände an Ort und Stelle zur Vertheilung zu bringen. Das Comite bittet nunmehr in einem dieser Tage erschienenen Bericht um weitere Gaben und theilt hierbei mit, daß die anfänglich schnöde Ablehnung der deutschen Hülse seitens einiger russischer Hetzblätter vereinzelt geblieben sei, daß die geachtetsten russischen Zeitungen einen anderen Standpunkt einnähmen und mit Dank und Anerkennung die gebotene Hilfeleistung für die so schwer heimgesuchte Bevölkerung annehme, sowie daß dem Comite von den Aerzten in Kasan eine Dankadresse zugegangen sei. Im Weiteren gibt der Bericht an Hand der aus den nothleidenden Districten eingelaufenen zahlreichen Zuschriften eine ergreifende Schilderung des alle Begriffe übersteigenden Elendes, das eine nach Millionen zählende Bevölkerung in einem Gebietsumfang von beinahe der Ausdehnung von Deutschland und Frankreich betroffen hat. Wir entnehmen dieser Darstellung im Folgenden einige Einzelheiten. Mitten unter den am meisten heimgesuchten Gegenden an der mittleren und unteren Wolga liegen die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Auswanderern aus Württemberg, der Pfalz, Hessen und Baden gegründeten d e u t s ch e n C o l o n i e n mit etwa 350,000 Ansiedlern. Von d^sen können sich nach den vorliegenden Berichten nur höch- überwiesenen Mitteln nur Frauen, Kinder und alte Leute zu unterstützen und zwar erhalten dieselben auf den Kops im Monat nichts weiter als 13—16 Kilogr. Mehl, ein Maß, das oft schon am 12. Tag aufgezehrt ist. Männliche Personen im Alter von 17—55 Jahren, also die stärksten Esser, erhalten keine Unterstützung, „weil sie arbeiten können", wo „In unserm Kirchspiel sind 6000 Seelen, von denen höchstens 1000 sich noch selbst kleiden und ernähern können, die übrigen 5000 sind halbnackt und dem Hungertode nahe. Die meisten Menschen leben hier davon, daß sie sich zweimal täglich eine Suppe kochen, bestehend aus Waffer, Salz und etwas Roggenmehl hineingerührt, und das essen sie ohne Brot, doch keine Arbeit ist, und selbst die umfangreichsten Arbeiten, wenn sie hie und da begonnen werden, sich bei der Menge der Arbeiter als unzureichend erweisen. So schreibt ein Berichterstatter, in seinem Kirchspiel seien 1880 solcher „Arbeiter", die keine Arbeit hätten, und die er deßhalb aus der von ihm geleiteten Volksküche ernähren müsse, sollten sie nicht vor seinen Augen verhungern. In den deutschen Colonieen sind nämlich von Anfang an aus freiwilligen Beiträgen Volksküchen errichtet worden, die meist unter Aussicht und Leitung des Pfarrers, des Lehrers und opferwilliger Kirchenältesten stehen. Die bei dem Hilfscomite einlausenden Beiträge werden hauptsächlich zur Erhaltung dieser Volksküchen verwendet, und sind dringend uöthig, da die Zahl der Hungernden, die ganz auf die Volksküchen angewiesen sind, fortwährend zunimmt. Nur einige wenige der aus jenen Colonieen eingefallenen Berichte seien hier zur Kennzeichnung der ganzen Größe des Elendes wieder- gegeben. „In meinem Pfarramt ist seit dem 1. November eine Volksküche eingerichtet, den vorhandenen Mitteln entsprechend, für 50 Personen. Schon nach einigen Tagen meldeten sich über 150; jetzt sind es bereits 500 Personen in dem einen t(einen Dorfe, welchen geholfen werden muß. Bei vielen ist die tägliche Nahrung etwas Roggenmehl in Wasser gekocht und dabei tagelang kein Brot. Ich bitte Sie um Gottes und der Sache willen, unsere Noth auch weiterhin lindern zu Helsen."-- Bekanntmachung. Die Lahnbrücke bei Ruttershausen wird hiermit für den Fuhrwerksverkehr bis auf Weiteres gesperrt. Gießen, den 10. Februar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gießen, den 11. Februar 1892. D-s Gwßherzogliche Kreisamt Gießen <»r»MrzogilcheKreisamt Gießen »--- ■«»-««,*>* «n die Groffherzgl. Bürgermeistereien der Land- s&l,8 ^tcn Spurpf-nnigs bis zur nächsten Ernte —- -------- - gemeinden des Kreises und die mit Erheb«»« bte “b.ri9CnJ°nnen Dasein nur durch Unter. der Beiträge betrauten Stellen 9 f‘u^ut19 W«1- Die russischen Behörden vermögen aus den JW*»» —• **•***» SZÄÄÄÄ Bekanntmachung, betreffend die Ausführung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes. Die nach § 1 rubr. Gesetzes versicherungspflichtigen Personen brauchen für diejenige Zeit, in welcher sie eine die BersicherungSpflicht begründende Beschäftigung nicht ausüben, auch keine Beiträge zu entrichten. Machen sie jedoch von der Befugniß des § 117 des Gesetzes, wonach in der bezeichneten Zeit zwecks Steigerung der bereinftigen Rente eine freiwillige Fortsetzung der Versicherung gestattet ist, Gebrauch — und es kann dies nur dringend anempfohlen werden — so müssen Doppel marken, d. h. Marken zu 28 Pfennig eingeklebt werben, einerlei, welcher Lohnklasse bie Betreffenden vorher angehörten. Die Einklebung von Marken niederen Betrages in diesem Fall anstatt Doppelmarken wird nach § 146 mit Geldstrafe bis zu 150 bezw. als Betrug geahndet. Eine Ausnahme der Verpflichtung zur Entrichtung von Doppelmarken findet nach 8 119 des Gesetzes bann statt, wenn em zwischen einem Versicherten unb einem bestimmten Arbeitgeber bestehendes festes, stänbiges Arbeitsverhältniß mit Rücksicht auf bie Witterungsverhältniffe ober aus sonstigen ®rünben zeitweise vorübergehenb unterbrochen wirb, um nach Ablauf biefer Unterbrechung bei bem nämlichen Arbeitgeber wieder aufgenommen zu werden, wie z. B. bei Maurern, welche ständig von demselben Maurermeister beschäftigt werden, bei ständigen Holzarbeitern u. A. In diesem Fall kann Mr einen vier Monate nicht übersteigenden Zeitraum das Bersicherungsverhältniß dadurch freiwillig aufrecht erhalten werden, daß der Arbeitgeber ober ber Versicherte bie bisherigen Beiträge fortentrichtet. Gießen, den 11. Februar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. -Die Kinder laufen oder sitzen im dünnen Hemdchen in der ungeheizten Stube, in der man einen Mantel brauchen könnte, denn es fehlt auch an Feuerung. Ueberhaupt ein schaudererregender Anblick."-- ,/Wir zählen in unferm Dorfe beinahe 700 Familien, worunter sich nur 5 Familien befinden, die ihr eigenes Brot und im Frühjahr ihren Saatweizen haben werden. Vorrath ist bei Keinem mehr vorhanden, da die vergangenen drei ^ahre schon Alles verzehrt haben. In den meisten Familien peht es jetzt schon (anfang December, die schwersten Monate werden Januar, Februar und März sein) schrecklich aus. Da ist kein Brot, keine Kartoffel, nur wenig Kraut, höchstens etwas Steppenthe/. Und dazu die mangelnde Kleidung! Da muffen sie zu Hause sitzen, in Lumpen gehüllt, kein Hemd aus dem Leibe, die völlig aufgetragenen Hosen und Röcke Fenilleton. Das große Loos. Nooellette von O. Otto. (1. Fortsetzung.) „Hurrah, gewonnen!" tief Wilhelm jubelnb aus. „Jetzt lenken Sie schon ein, denken wenigstens schon an bas große Loos. Soll ich zum Lotterie - Colleeteur gehen unb die Nummer 440, das heißt ein halbes Viertel davon bestellen?" „Dummer Schnack," lachte Günther, hing seinen Paletot um und begab sich zum Mittagessen. - Am Abend desselben Tages sagte er zu seinem Burschen: „Wilhelm, Du begibst Dich morgen auf Wohnungsschau und suchst ein anderes Quartier. Frau Wegner schreibt, daß sie dies Zimmer nicht länger entbehren kann, welches sie mir nur bis zu der Heimkehr ihres Sohnes vermiethet hat, der 1-tzt jeden Tag eintreffen kann. Also sieh Dich um, ob Du «m hübsches Logis in der Nähe der Kaserne findest- ein Zimmer und Cabinet, behaglich eingerichtet, mit gutem Bette, berftefjft £U? Ich gehe auf zwei Tage zur Jagd nach Alt- »ruck, Du hast also Zeit, Dich umzusehen." -/Zu Befehl, Herr Lieutenant. Aber —" „Nun, was gibts noch?“ -/Ich wollte fragen —** „Was? Raus mit der Sprache." //Ich meinte nur, ob ich nicht auch gleich das Lotterie- loos besorgen sollte, die Nummer 440." „Laß mich endlich mit dem Unsinn ungeschoren, ich habe Detne Narrheit satt, ein- für allemal. Verstanden?" »Zu Befehl, Herr Lieutenant! Sie wollen also Ihr Glück mit Füßen wegstoßen! Und es ist doch jammerschade, [ wm diese schöne Nummer: Zwei Vieren und eine Null!" ♦ * An einem naßkalten Herbstabend stand Wilhelm König auf dem Perron des Westbahnhofes und erwartete pslicht- schuldigst die Rückkehr seines Lieutenants von der Jagd. Der Zug brauste heran, Günther entstieg demselben, war feinen Ueberzieher dem Burschen zu und eilte mit raschen Schritten den Perron hinunter. „Nichts vorgefallen?" fragte er, sich umdrehend. „Hast Du Dich nach einer Wohnung umgesehen?" ,/Zu Befehl, Herr Lieutenant! Alles in bester Ordnung. Wir sind schon umgezogen." Günther blieb stehen. „Umgezogen? Was heißt das?" „Na, der Herr Lieutenant wohnen schon im neuen Ouartier. Ich habe alles schön eingerichtet." „Was hast Du Dich unterstanden, Kerl!?" brauste Günther auf. „Eine Wohnung gemietbet, ehe ich sie gesehen? Weißt Du, daß ich Dich dafür in Arrest schicken und dann entlassen werde?" Wilhelm, ohne durch diese Drohung eingeschüchtert zu sein, trat dicht an seinen Herrn heran und sagte leise: „Das werden der Herr Lieutenant sicher nicht thun, wenn Sie das schöne Zimmer gesehen haben. Auch mußte ich sogleich eine andere Wohnung sucyen, da der junge Herr Weber plötzlich zurückgekehrt war und seine Mutter nicht wußte, wo sie ihn unterbringen sollte, wenn unsere Stube nicht geräumt werde. Da mußte ich rasch ein anderes Quartier suchen, es gleich auf vier Wochen miethen und unsere Sachen hinbringen, und," fügte er in geheimnißvollem Tone hinzu, indem sein breites rothes Gesicht in Hellem Freuden- cbimmer erglänzte — „und der Herr Lieutenant werden nicht zum zweiten Male das Glück mit Füßen von sich stoßen, Denn es ist die Glücksnummer. Der Traum —" //Genug des Unsinns," unterbrach ihn Günther und ries: „Droschke, Ziethenstraße 110!" //Nein," schrie Wilhelm König dazwischen, „Linden- straße 440. Herr Lieutenant," sagte er dann demkthig, demselben beim Ernstelgen helfend, „jetzt Hilst nichts mehr. Sie müßen tn das Glück hineinziehen. Das Haus, in dem ich gemietet, trägt die Nummer 440." * />Das nennst Du eine schöne Wohnung?" sagte Günther am anderen Morgen zu dem Burschen, „ein Zimmer im Hinterhause mit der Aussicht auf den Hof? Selbst als Fähnrich habe ich nie im Hose gewohnt! Dazu diese altmodischen, dürftigen Möbel und am frühen Morgen Clavier- geklimper über mir! Nein, das vertrage ich nicht lange, Du kündigst heute noch in meinem Namen, am Ersten des nächsten Monats ziehe ich wieder aus. Deine Unverschämtheit^ bei dieser Geschichte wird noch anderweitig gerügt Ju ziemlich übler Stimmung durchschritt Lieutenant Günther den Hof, um sich in den Dienst zu begeben. In dem vorderen Flur trat ihm eine junge Dame entgegen und wandte sich der Treppe zu. Der Offizier trat unwillkürlich zurück, legte die Hand grüßend an die Mütze und blieb stehen- er konnte noch wahrnehmen, wie ein tiefes Erröthen das Antlitz der jungen Dame überzog, als sich die Treppen- thür hinter ihr schloß. Auch Günther trat jetzt auf die Straße. „Das war ja," sagte er zu sich selbst, „Gabriele Möllner, mit der ich vor vierzehn Tagen auf dem Balle beim General T. den Cotillon getanzt/ und bei Legationsrath M. war ich ihr Tischnachbar, was die Tochter des Hauses absichtlich so arran-- flirt hatte, weil sie wohl bemerkt, daß ich die hübsche Gabriele allen anderen Mädchen vorzog. Wie kommt die am frühen Morgen in dieses Haus?!" (Fortsetzung folgt.) also können Sie sich denken, wie furchtbar die HungerSnoth ist. So leben die Meisten von uns schon monatelang- sie find schon alle hohlwangig, todtenbleich, und junge Männer von 20—30 Jahren zittern wie Greise." „ . . . . Außerdem ist die große Noth an Kleidungsstücken; die Meisten sind halbnackt, so daß sie kaum ihre Scham bedecken können- viele Kinder liegen ganz nackt hinter dem Ösen. In den meisten Häusern ist kein Licht- sobald es dunkel wird, um 4—5 Uhr müssen die Leute sich legen und liegen bleiben bis zum Morgen 6 Uhr, und dabei alle mit leerem Magen, meist schlaflos. Fast in jedem Hause find Kranke, die müssen also 12 Stunden im Dunkeln aus Stroh liegen. Nicht 'mal ein Zündhölzchen haben sie im Hause, um Feuer anzuzünden. Zum Kochen wird das Feuer von Haus zu Haus in einem Tops getragen. Wenn nicht bald von allerwärts Hilfe kommt, dann sind unsere meisten Gemeindeglieder verloren." Am Schlüsse seines Berichtes schreibt das Berliner Hilfs- comite: „Diesem riesengroßen Nothflande gegenüber kann und darf die Barmherzigkeit nicht ermüden- sie ist langmüthig und freundlich, sie läßt sich nicht erbittern und höret nimmer aus. Wir wollen in ihrem Namen nicht aushören, weithin unsere Bitte ergehen zu lasten : o helfet, lieben Leute, mit den Hungernden, Verhungernden unser Brot zu brechen! In Gottes Namen helft! Helft rasch und reichlich! Auch die kleinste Gabe wird dankbar von dem Hilfscomite in Empfang genommen und durch dasselbe ungekürzt und in völlig zuverlässiger Weise an die Stätte der Noth befördert. Die betr. Papiere über das richtige Eintreffen und die Vertheilung bezw. Verwendung der Gelder in Volksküchen an Ort und Stelle :c. liegen zur Einsicht vor." Wir hoffen, daß dieser Aufruf des Hilsscomite's auch im Kreise unserer Leser nicht ungehört verhallt. Localer tmfc prwittjteflw. Gießen, 13. Februar 1892, — Der Akademische Gesangverein wird auch in diesem Jahre ein eigenes Concert geben und ist dafür Sonntag der 21. Februar in Aussicht genommen. Zur Aufführung gelangen Niels W. Gades „Erlkönigs Tochter" und „Mirjams Siegesgesang" von Franz Schubert, beides Werke von hohem musikalischen Werthe und unseres Mistens hier noch nicht gehört- diesen beiden prächtigen, mit Soli verbundenen Chorwerken, werden sich noch selbständige Soli und Duette anschließen, die ganz besonders wegen der aussührenden Künstler Interesse erregen werden. Der Vorstand des Akad. Gesangvereins wünscht diesmal das Concert besonders schön zu gestalten und hat deßhalb, von dem gewiß löblichen Gebrauch, besonders begabten Mitgliedern die Soloparthien zu übertragen, abgesehen. Wir können diesen Entschluß nur gutheißen, denn bei allem Respect vor unseren einheimischen Kräften, hat ein Verein vom Ruse des Akad. Gesangvereins die Pflicht, auswärtigen Künstlern die Gelegenheit zu geben, Beweis ihres Könnens zu geben. In vorliegendem Falle hat nun die Vereinsleitung besonders erfreuliche Verbindungen angeknüpst, als Solisten wurden keine geringere als das Hi ldach'sche Ehepaar gewonnen, das ist, wie wir ohne Einschränkung behaupten dürfen, ein Gewinn ganz hervorragender Art und allein im Stande, ein Gelingen des Concertes vorauszusagen. Das Künstlerehepaar Anna und Eugen Hildach (Sopr. u. Bar.) ist in musikalischen Kreisen als gleichwerth geschätzt. Neben ihren anerkannten Leistungen, als Interpreten größerer Soli in Chorwerken, sind ihre Liedervorträge als hohe Leistungen zu bezeichnen, zumal wenn sich die Künstler zu Duettenvorträge vereinigen. Die Ausgeglichenheit der Stimmen, die sich durch das harmonische Zusammenleben der Künstler fast bis zu gleicher Klangfarbe verschmolz, dürfte in ähnlicher Vollendung nicht oft gehört werden. Wir werden nicht verabsäumen, in den nächsten Tagen weiter darauf zurückzukommen. Wenn wir nun zum Schluß noch darauf aufmerksam machen, daß die Mitglieder des Akad. Gesangvereins den Wunsch haben, dieses Concert zu einem Benefizconcert für ihren langjährigen, verdienstvollen Dirigenten zu gestalten, so wollen wir dadurch keineswegs eine Pression ausüben, es ist aber unsere Pflicht, bei der Fülle des in einem kurzen Zeiträume Gebotenen, auf hervorragende Kunstgenüsse besonders hinzuweisen und auch fördernde Nebenumstände dabei nicht zu übersehen. _____ — An Reichssteuern betrugen die Brutto-Einnahmen im Großherzogthum Hessen im Rechnungsjahr 1891 : Zölle 9 004 560.49 Mk. (davon kamen zur Großh. Staatskasse 32 284.60 Mk.), Tabaksteuer 396 603.50 Mk. (22 273.81 Mk.), Zuckersteuer (Materialsteuer und Verbrauchsabgabe zusammen) 807 588 Mk. (32102.40 Mk. resp. 13 738.23 Mk.), Salz- steuer 997 248.30 Mk. (9695.75 Mk.), Branntweinsteuer und Verbrauchsabgaben von Branntwein 1272861 Mk. (137 957.46 Mark), Brausteuer 1 029 198.75 Mark (156 719.12 Mark), Stempelabgabe von Spielkarten 149 276.50 Mk. (7472.54 Mk.), andere Reichsstempelabgaben 154 796.45 Mk. (3 095.93 Mk.), zusammen 13 812132.99 Mk. (415339.84 Mk.) — Nach der Statistik der Besteuerung des Weins gibt es im Großherzogthum Heffen 7 5 5 2 Wirthe, welche Wein ausschänken. Hiervon kommen auf Starkenburg 2898, aus Oberheffen 1706, aus Rheinhessen 2948 Wirthe. — Hunde-Statistisches. Nach der Uebersicht der Hundesteuer befindet sich im Großherzogthum Heffen ein Hundeheer von 37 343 Stück, sür welche je 5 Mk. Staatssteuer zu entrichten sind. Starkenburg hat 16 528, Oberhessen 9905, Rheinhessen 10 900 Hunde beiderlei Geschlechts. Gemeindesteuer (1 bis 5 Mk. pro Hund) wurde für 11745 Hunde entrichtet. — Nachstehende Waruungsvorschriften, so heißt es in der „Post" mit Recht, können nicht genug beachtet werden: „Vorsicht bei Gebrauch von Benzin, Aether, Petroleum, Spiritus, weil diese höchst feuergefährlich sind. Benzin und Aether dürfen nur bei Tageslicht in Räumen ohne jede Feuerung gebraucht werden, also z. B. sind Handschuhe nur bei Tage mit Benzin zu reinigen. Rauchen ist verboten, wo mit Benzin oder Aether gearbeitet wird. Räume gut lüften! Nur bei Tage einkausen! Flaschen gut verkorken! Petroleum nie beim Feueranmachen benützen! Niemals Petroleum auf brennende Lampen nachgießen! Petroleumflaschen nicht aus dem Kochherd oder hinter dem Ofen ausbewahren! Spiritus niemals in eine offene Flamme gießen! Vorsicht beim Haar- breunen und beim Kochen von Bohnermasse!" Aus Starkenburg, 10. Februar. Aus Veranlassung des hessischen Thierschutzvereins werden die Hecken künftig nicht mehr, wie bisher üblich, im Frühjahre, sondern in der Zeit vom 1. August bis 1. März beschnitten. Diese Neuerung geschieht im Interesse der Schonung und Erhaltung der Nist- stätten unserer der Landwirthschast nützlichen Vögel. Osthofen, 9. Februar. Beim Roden eines Feldes zwischen der sogen. Steinmühle und der oberen Bleiche, dem Herrn Jul. Weißheimer gehörig, stießen die Arbeiter aus Mauerreste. Dem Anschein nach reichen dieselben in das 13. Jahrhundert' zurück und man kann wohl mit gewisser Sicherheit annehmen, daß es die Fundamentmauern eines zur Burg Dalberg (unseres jetzigen Armenhoss) gehörigen Forts waren. Die Burg Dalberg war um diese Zeit Eigenthum eines Grasen Brendel von Spanheim. Vom Main, 10. Februar. Eine überaus drollige und dabei auf absoluter Wahrheit beruhende Zahnoperation wird in unserer Gegend vielfach belacht und möge hiermit auch weiteren Kreisen zur Erheiterung dienen. Der Waldarbeiter Z. zu R. bei S. fühlte kürzlich beim Holzmachen heftige Zahnschmerzen. Um dieselben endlich los zu werden, unterzog er sich nach längeren Berathungen mit feinen Mitarbeitern einer Radicalcur. Drei Kameraden bogen eine junge Fichte gewaltsam um und banden den kranken Zahn an den Wipfel. Die losgelassene Fichte schnellte empor und der — mindergewichtige Zahnleidende zappelte am Bäumchen wie ein Fischlein an der Angelschnur. Der schmerzhafte Zahn aber trennte sich erst von der zertrümmerten Kinnlade, als die drei Operateure an den Beinen des zappelnden Patienten" herzhaft gezogen hatten. Welcher „Bindfaden" zur Operation diente, verschwieg unseres glaubwürdigen Gewährsmannes Höflichkeit. N. H. V. Laudwirthschastliche Winke und Kathschläge. △ AnS Oberheffen, Mitte Februar 1892. Beiträge zur HanSwirthschaft. (Fortsetzung^ Wir haben über noch eimge Verfälschungen von Nahrungs- und Genußmttteln zu berichten und fahren darum in unserem Berichte weiter fort. Da ist vor Allem die Butter zu nennen. In unserem ersten Aufsatze brachten wir Verfälschungen vor, die dem Landwtrthe schadeten. Bei der Milch und der Butter solle« die Aälschrrngerr de» Bauer nütze«, vorausgesetzt, daß diese Verfälschungen von dem Landwtrthe selbst vorgenommen werden. Wir warne« sehr eindringlich vor diese« unreellen Handlungsweisen, denn: „es ist kein Fädchen so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen". Jeder kann sich leicht ausrechnerl, was ihm solche Schwindeleien im Jahre einbringen; gegen diese paar Mark steht sein guter Ruf, sein ganzes Ansehen auf dem Spiele. Wir wiederholen hier und bei jeder Gelegenheit: Der Landwirth muß es sich zum Grundsätze machen, daß er nur streng reell und ehrlich handelt. Viele können aber die Finger nicht vom Schwindel lassen. Sie mischen allerhand Sachen unter die Butter, um ein höheres Gewicht zu erzielen; andere färben die Butter, wenn sie blaß und unscheinbar aussieht, mit Buttercouleur. Das wenigst Schädliche ist noch Saft von gelben Rüben. Derartige Verfälschungen sind jedoch das reinste Kinderspiel gegen die Verfälschungen, welche bei Herstellung von Kunstbutter verübt werden. Wenn die betreffenden Konsumenten wüßten, was ihnen mit dieser Kunstbutter vorgesetzt wird, mitunter abscheuliche, widerwärtige Sachen, sie blieben sicher davon. Ader die Unklugen sterben niemals aus, sie fallen immer wieder auf die Lobpreisungen der Schwindler hinein und — wem nicht zu rathen, dem ist auch nicht zu helfen. Die Fälschungen, welche beim Weine vorkommen, sind zahlreich. Mit dem Weinttinken sieht es heutzutage recht mager aus, denn dieses edelste Getränk wird immer rarer und theuerer, darum aber auch die Neigung zur Verfälschung immer größer, weil sich ein gut Stück Geld dadurch verdienen läßt. Seit 1868 hat es kein volles, gutes Weinjahr mehr gegeben. Alle Jahrgänge waren seitdem kaum mehr als halbe, wenn es gut ging dreiviertel Herbste mit mäßigen bis guten Qualitäten. Rocht gute, oder hochfeine Weine gab es — vielleicht 1874 mit halbem Ertrage abgerechnet — nicht mehr. Was wird nun aber alles in Fässern und Flaschen versandt und verzapft! Wenn, um nur einige Beispiele anzuführen, der Wein alle wachsen sollte, welcher als Niersteiner, Oppei Heimer und Liebfrauenmilch versandt und getrunken wird, dann müßte wahrscheinlich die ganze Provinz Rheinhessen für diese drei Marken mit Reben bepflanzt werden Die Niersteiner und Oppenheimer Gemarkung und die kleine Fläche bet Worms, wo die Liebfrauenmilch wächst, machen wahrscheinlich roch nicht den zwanzigsten Theil der Provinz Rheinhessen aus. — Viele verlangen nun: der Wein müsse grade so in den Handel kommen, wie er gewachsen ist. Wenn dies geschieht, bann kann man viele Jahrgänge fortschüttcn, denn sie sind so sauer, daß sie nicht trinkbar sind. Darum sagen die Weinproducenten: Wenn die Sonne ihre Schuldigkeit nicht ganz gethan hat, oder durch Wolken und Regen verhindert war, es zu thun, dann ist es kein Unrecht, den fehlenden Zucker vor der Gährung zuzusetzen. Es dürfen aber, wie dies früher geschah, keine gesundheitsschädlichen Stoffe verwandt werden. Wird der Zusatz von reinem guten Zucker gemacht und die Gährung richtig geleitet, so lassen sich gute, gesunde Getränke erzielen; folglich wäre es schade darum, wenn man die Trauben ungenutzt umkommen lassen wollte. Bis zu diesem Punkte ist die Sache nicht von der Hand zu weisen. Wenn aber Weine in den Kellern fabrizirt werden, ohne daß sie je einen Sonnenstrahl sahen, wenn den Leuten, beton! ers bei den Kirchweihen auf dem Lande, Flüssigkeiten aufgetischt werden, von denen es Leibschneiden und Hirnschalschmerzen adsetzt, wenn Fuchsin, ein wirkliches Gift, zum Färbm der Weine verwandt wird, bann hört die Gemüthlichkeit auf und dem Handwerk muß gesteuert werden. Die Chemiker geben sich seit Jahren undenkliche Mühe, die Geheimnisse der Wein- sälschungen an das Tageslicht zu ziehen; es ist aber noch nicht hin reichend gelungen. Wenn hier und da ein Weinpanscher tüchtig „geknaßt" wird, erregt es große Freude bei allen Ständen. (Schluß folgt.) —■" i . !■" >. .. Literatur und Knnff. — Hauffs Werke. Jllustrirte Pracht-Ausgabe. HerauS- gegeben von Dr. Cäsar Flanchlen. Erster Band. Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart. — Das von uns schon wiederholt der Beachtung des gebildeten Publikums empfohlene Werk ist nunmehr dtS zum Abschluß des ersten Bande- gediehen. Die neue PrachtAusgabe der Hauff'schen Werke, auf zwei starke Bände mit mehr alS 300 Illustrationen hervorragender deutscher Künstler berechnet, tritt den iUuftrirlen Prachtausgaben Shakespeares, Schillers und Goethes, die aus demselben Verlag bervorgingen, würdig an die Seite. Und wem stünde neben diesen Großen das schöne Gewand und die künst lerische Fürsorge unserer besten Lylographen besser an als dem an- muthigsten und klassischsten unter den volksthümlichen Erzählern der deutschen Literatur! Seine Werke gehören zu den frühesten und liebsten literarischen Erinnerungen wohl jedes Deutschen. Ob uns der Dichter in das Land des LichtmsteinS oder in die weinduftenden Gewölbe des Bremer Rathskellers führt, ob er den Jud Süß oder die Bettlerin vom Pont des Arts vor uns erscheinen läßt oder die Wunderwelt orientalischer und deutscher Märchen unseren Blicken erschließt: Überall wirkt er anziehend und jugendfrisch und die Herzen geben sich ihm ganz gefangen. Namhafte Künstler — wir nennen nur die Namen Carl Häberlin, Walter Zweigle, G. A. Cloß, F. Bergen, R. E. Kepler, Franz Amling, Edmund Brüning, R. Geißler, A. Langhammer — haben alle in dem Stoffe liegenden künstlerischen Anregungen aufgegriffen und ebenfo mit sicherer, fein- geschulter Hand wie mit warmer Empfindungsgabe ausgeführt; die einzelnen Schnitte sind technisch ganz vorzüglich gelungen, sie fesseln aber vor Allem den Leser durch glückliche Composition, lebendige Anschaulichkeit und eigenen Stimmungsgehalt. Dazu entspricht die gesammte äußere Ausstattung in Vignetten, Randleisten, in Papier und Druck und elegantem Einband dem trefflichen Inhalt, sodaß hier ein besonders beachtenswerthes Prachtwerk für das deutsche Haus geboten ist. Eingesandt. Gießen, 13. Februar. In Nr. 33 Ihres Blattes vom 9. Februar er. brachten Sie einen Artikel aus Mainz, welcher der schwachen Unterstützung erwähnte, die den dortigen Bestrebungen, dem luxuriösen Blumenspenden bei Trauerfällen zu Gunsten einer Wohlfahrtseinrichtung zu steuern, zu Theil würde. Von Gicßen kann man das Gleiche sagen, von dem sich hier f. Z. gebildeten Verein gleicher Richtung, dessen Zweckdienlichkeit und Berechtigung allgemein anerkannt wurde, hört und sieht man auch nichts mehr. Und doch muß man sich wundern, daß Bestrebungen, welche an die Stelle der übertriebenen Blumenspende die Wohltbätigkeit fetzen wollen, nicht mehr, bezw. fast gar keine Unterstützung finden. Wenn man zeitweise einen Spaziergang über den Friedhof macht und steht, welcher Capitalwerth stets der Vernichtung durch Wind und Wetter anheimfällt, so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, welche Noth gelindert, welche Thränen getrocknet werden könnten, wenn solcher der Wohlthätigkeit zugeführt würde. Liegt nun der Gedanke, Gutes zu thun, unteren christlichen Anschauungen nicht näher, als der der Blumenspende, zumal wenn durch ersteres gleichzeitig der Zweck der letzteren erreicht und erfüllt wird? Möchten doch alle Diejenigen, die durch das Schicksal heim- gesucht werden, sich dessen zunächst bewußt werden und in ihren Traueranzeigen bekannt geben, daß sie zu Gunsten der hier bestehenden WohlthätigkeitSeinrichtungen auf Blumenspenden Verzicht leisten. DaS stete Bewußtsein, Gutes erwirkt und gethan, sowie edele Bestrebungen unterstützt zu haben, wirkt in schwerer Stunde wohlthuender auf Herz und Gemülh als Blumenschmuck, welcher im nächsten Augenblicke den vernichtenden El. menten als Beute dient. Nur diese Erkenntniß und allseitige Berücksichtigung derselben kann besagten Bestrebungen einen Erfolg bringen. Möge daher Jeder, der die Berechtigung derselben anerkennt, in diesem Sinne wirken. Brockensammlung der Anstalt Bethel. Ev. Joh. 6, V. 12. Immer wieder kommen Anfragen, was wir wohl für untere Brockensammlung gebrauchen könnten. Da es unmöglich ist, allen Einzelnen jedeSmal das ganze Verzttchntß aufzustellen, haben wir dasselbe besorgen laffen und bitten von dieser reichen Auswahl freundlichen Gebrauch zu machen. Acten, Anzüge, Baumwolle, Betten, Bilder, Briefmarken, Bücher, Cigarrenabichnitte, Cigarrenkistchen, Decken, Denkmünzen, Flaschen, Folianten, Garn, Gemälde, Glas, Handschriften, Hausratb. Hüte, Kattun, Kleider, Korkpfropfen, Kurzmaaren, Ladenhüter, Lampen, Leinwand, Lumpen, Mäntel, Metalle, Möbel, Münzen, Nestel. Noten, Papier, Pelzwaaren, Pferdehaar. Posamentierwaaren, Schirme, Schreibhefte. Schuhzeug, Seide, Stauiolkapfeln, Sammlungen von Steinen, Pflanzen, Münzen, Strümpfe, Tabak, Tuch. Uhren, Verbandsachen, Wolle, Zeitungen, Zeugreste. Sendungen werden erbeten unter der Adrcste: Brockensammlung der Anstalt Bethel, Poststatton Gadderbaum, Eisenbahnstation Bielefeld. Der Vorstand der Anstalt Bethel. Bodetschwingh, Pastor. bei K. Haas, ß. Keil, I. Lein 87 Weißbrod Schwarzbrod bei K- Heuser, I. Thomas 87 Gießen, den 13. Februar 1892. ooooooooooooooooooooa 10b per Mille an in geschmackvollen Packungen. "4 2 4 '2 4 ’6 66 31 62 A 33 66 31 62 29 58 ) Weißbrod • ) Weißbrod . ) Schwarzbrod > Schwarzbrod ) Schwarzbrod Großh. Polizeiamt Gießen. Fresenius. 29 58 t Neuenweg 17 Glessen Neuenweg 17. V Herren- und Knaben-Conlection, Dann Q u. 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