Nr. 239 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Aamikien b fäller Verden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt. Erstes Blatt Donnerstag den 13. Oktober 1892 ichener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. Bierteljährigrc AVonnementspreis: 2 Mark 20 Vfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Zchvtstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Nints- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren. Hratisöeitage: chießener Jamitienötätter. 2lmtlid?er Theil Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. Deutsches Reich. Berlin, 11. October. Die mannichsachen Auszeichnungen und Aufmerksamkeiten, welche den österreichischen Theil- nehmern am Distanzritt Wien-Berlin während ihres Aufenthaltes in Berlin und Potsdam zu Theil geworden sind, haben ihren Höhepunkt in dem Empfang der österreichischen und ungarischen Herren Seitens des Kaisers Wilhelm im Neuen Palais bei Potsdam am Montag Abend gesunden. Um 6 Uhr begann daselbst die Galatasel, zu welcher im Ganzen etwa 130 Einladungen ergangen waren/ unter den Geladenen befand sich auch der Kriegsminister von Kaltenborn- Stachau. Der Kaiser erschien in der Uniform seines österreichischen Husarcnregiments und begrüßte jeden einzelnen der österreichischen und ungarischen Osfiziere, welche in der Reihen- solge ihrer Records Ausstellung genommen hatten, mit Handschlag. Auch die drei ältesten kaiserlichen Prinzen waren zur Begrüßung der Theilnehmer am Festmahl erschienen. Vor Beginn der Tafel überreichte der Kaiser dem Hauptsieger beim Distanzrttt, Oberlieutenant Grasen Starhemberg, den von dem kaiserlichen Herrn gestifteten Ehrenpreis, die silberne Büste des Monarchen. Hieraus ließen sich der Kaiser und seine Gäste an der Tasel nieder, bei welcher Graf Starhemberg zur Rechten, Oberlieutenant v. Miklos, der zweite österreichische Sieger, zur Linken des erlauchten Gastgebers saßen. Im Verlause der Tasel erhob sich der Kaiser, die österreichischen Osfiziere begrüßend und sie zu den großen Leistungen der letzten Tage beglückwünschend. Der erlauchte Redner betonte, das österreichische Pferd habe gezeigt, was ein Pferd überhaupt zu leisten vermöge- er glaube, daß diese Probe von großem Nutzen sein werde. Schließlich trank der Kaiser auf das Wohl des Kaisers von Oesterreich- der Trinkspruch wurde von den Anwesenden mit brausenden Hochrufen ausgenommen. Nach Aufhebung der Tafel fand vor dem Palais ein Zapfenstreich statt. Alsdann reifte der Kaiser um 9 Uhr 25 Minuten nach Wien ab. — Die Königin-Wittwe Olga von Württemberg liegt in Friedrichshafen so schwer nieder, daß der Zustand der hohen Frau als hoffnungslos gilt. Die Königin Charlotte und die Herzogin Vera weilen am Krankrnbette der Königin- Wittwe. — Prinz Friedrich A ug u st oon Sachsen ist botn Kaiser Franz Joses zum Chef des österreichischen Infanterie-Regiments Nr. 45 ernannt worden. Bekanntmachung. Unter Bezugnahme auf das Ausschreiben Großherzoq- lichen Kreisamts Gießen vom 5. l. Mts. — Gießener An- Zeiger Nr. 234 — fordern wir die Besitzer von Obstbäumen rn hiesiger Gemarkung zur alsbaldigen Vertilgung des Frostnachtspanners durch Anlegung von Klebringen hiermit unter dem Anfügen auf, daß der Stadtgärtner und die Feldschützen zur Ertheilung jeder gewünschten Auskunft angewiesen sind. Zur Herstellung von Kleberingen ist Brumataleim oder auch folgende Maffe geeignet- 5 Kgr. Rüböl und 1 Kgr. Schweinefett tüchtig gekocht, 1 Kgr. dicker Terpentin und die gleiche Menge Kolophonium für sich zusammengeschmolzen und dann unter fleißigem Umrühren der ersten Mischung zugesetzt. Die so erhaltene sehr klebrige Maffe wird auf 10 Ctm. breite Papierstreifen, am besten Pergamentpapier aufgetragen, welche sodann fest um die Bäume, nachdem die Rinde an der be* treffenden Stelle glatt gemacht ist, zu binden sind. Die Ringe müssen dann alle 10 Tage von Neuem mit der Maffe bestrichen werden. Gießen, 11. October 1892. Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Gnauth. I weder Neu- noch Nacherkrankungen an der Cholera vor- I gekommen. Heute wurden wieder 5 Personen entlassen. Der Bestand ist nun noch 39. Berlin, 12. October. Die „Kreuzztg." weist die letzte Entgegnung der „Nordd. Allg. Ztg." zurück und warnt weiter vor der Militärvorlage, welche die Reichsregierung in eine Sackgasse führe und zur Waffenstreckung vor dem Parlament nöthige. Wenn sich für die Regierung ein Ausweg fänbe, so sei dieser nur mit dem Sturze des Reichskanzlers möglich. Hamburg, 11. October. Das Polizeiverbot des Leichentransportes aus dem hamburgischen Gebiete nach auswärts wurde auf den Transport von Choleraleichen eingeschränkt. Wilhelmshaven, 11. October. Der Jnspector der ersten Marineinspection, Contreadmiral Valois, wurde zum Viceadmiral befördert und zum Chef der Nordsee st ation ernannt. Halle a. d. S., 11. October. Der Magistrat sagte in der Stadtverordneten-Versammlung anläßlich der Brod- losigkeit mehrerer Tausend Arbeiter Hierselbst und in der Umgebung die sofortige Inangriffnahme der genehmigten öffentlichen Bauten, sowie eine besondere Vorlage betreffs weiterer Nothstandsarbeiten zu. Wien, 11. October. Bei dem gestrigen Festmahl zu Ehren der deutschen Distanzreiter präsidirte der hiesige Corpscommandant, welcher den KriegSminister vertrat. Nach den Trinksprüchen auf den österreichischen und deutschen Kaiser toaftirte Generalstabsches Beck auf das glorreiche deutsche Heer- General-Jnspector der Cavallerie v. Gagern dankte den deutschen Kameraden für die Initiative zu dem Distanzritt und sprach die Hoffnung aus, die beiden enge verbündeten Armeen werden im Ernstfälle den gemeinsamen Feind schlagen und hoffentlich zertrümmern. Wien, 11. October. Die Wiener Bevölkerung empfing Kaiser Wilhelm äußerst herzlich. Die Gehstege der Praterstraße und Ringstraße bis zum Burgthore sind von Tausenden dicht besetzt. Auf dem Nordbahnhofe theilte der deutsche Kaiser dem Distanzritt-Sieger Baron v. Reitzen- ftein seine Beförderung zum Rittmeister mit. — Dem Wiener Bürgermeister gegenüber sprach der Monarch seine Freude über die erfolgreichen sanitären Vorkehrungen gegen die Cholera aus. Budapest, 11. October. Bis Mitternacht wurden 35 Er - krankungen und 11 Todesfälle angemeldet. Budapest, 12. October. Baron Hirsch spendete mehrere Tausend Gulden für Volksküchen. Brüssel, 12. October. Aus Antwerpen, Waeslande und dem Bormage wird ein plötzliches Wiederauftreten der Cholera gemeldet. In der Brüsseler Vorstadt Molenbeck kamen wiederum 7 Erkrankungen vor, darunter 3 hoffnungslos. In Antwerpen erkrankten 3 Personen, von welchen 2 sofort tarben. Diese Todesfälle riefen eine Panik in der inficirten Stadtgegend hervor. Die ganze Gegend im Waeslande, das Scheldethal hinaus bis Steendorp, Moerbeck, Ruppelmonde und Zwiepedracht ist schwer heimgesucht. In Waescode er- olgten 24 Todesfälle, täglich erkranken etwa 70 Personen. Die Lage ist sehr ernst. In Jntermonde starben 4, in Nesau 4, Quaregnon 1, in Wasnes 1 Person an der Seuche. Innerhalb der dichten Bergarbeiterbevölkerung wird rasches Umsichgreifen befürchtet. Das Wetter ist kalt und naß. Alexandrien, 11. October. Die Getreidevorräthe Egyptens sind trotz des geringen Exports gänzlich aus- gebraucht. Es ist wahrscheinlich, daß der Nothstand noch vor Eintritt des Winters sich bemerkbar machen wird. Vom 1. April bis Ende September wurden 630000 Hecto- Uter Weizen, 800,000 Hectoliter Mais und 250 000 Hecto- liter Gerste weniger exportirt als im Vorjahre. Darmstadt, 12. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, sowie Ihre Großherzogl. Hoheit Prinzessin Alix werden nächsten Freitag in Darmstadt eintreffen. Locales unb provinzielles. Gießen, 12. October 1892. Die Gießener Freiw. Feuerwehr hält am nächsten Sonntag den 16. October ihre diesjähre Schlußübunq. Bet dieser Gelegenheit wird die Feuerwehr das 25jährige Dienstjublläum ihres Hauptmanns, Schlachthauöverwalter J.ul t us Möhl, begehen. HerrMöhltrat am 15.October 1867 m die damalige sreiw. städtlsche Feuerwehr, wurde 1880 zweiter Obmann, 1885 erster Obmann der Steiger, 1887 zweiter Üatcjte NaclMcbtcn. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 11. October. Der „Post" zufolge richtete der Kaiser an den commandirendcn General des 9. Armeecorps, Grasen Waldersee, eine Cabinetsordre, worin er die vollste Anerkennung für die Umsicht und Energie ausdrückt, womit der General die Truppen durch die mit der Cholera verbundenen Gesahren geführt habe. Hamburg, 11. October. Die Abnahme der Krank- veitssälle hält an. Bis Nachmittag wurden zwei Erkrankte, ine Todten durch die Sanitätscolonne transportirt. Der ärztliche Nachtdienst in den Desinfccttonsanstalten wird morgen eingestellt, weil er jetzt unnöthig ist. Die Volksschulen sind sämmtlich eröffnet. Versammlungen, sowie Abhaltung von Tanzmusiken sind wieder ertaubt. Der Senat bringt einen dringlichen Antrag in der mcrgigen Bürgerschaftssitzung ein, betreffend Bewilligung von 100,000 Mk. zur Bohrung artesischer Brunnen. — Das Nolhstandscomite reservirte zu ' Miethsunterstützungen 500,000 Mk. , für verschämte Arme i 40,000 Mk - es verausgabte bisher wöchentlich 120,000 Mk. an directen Unterstützungen, der Kaffenbestand am 8. October betrug 1,250,000 Mk. Neuerdings wurde wiederum der Antrag aus Seuchenfrei Erklärung Hamburgs beim Gesundheitsamt eingereicht. Man hofft, die Erklärung in dieser Woche zu erreichen, da der epidemische Character der Krankheit vollständig geschwunden ist. Berlin, 11. October. Der Kai ser gedenkt am Donnerstag Abend um 8 Uhr 55 Min. mittels Sonderzuges von Wien aus die Rückreise nach Berlin, bezw. nach Potsdam anzutreten. Dem Vernehmen nach werden der Kaiser und die Kaiserin mit den jüngsten Kindern und dem gejammten Hofstaate am 20. ds. vom Marmorpalais wieder nach dem Neuen Palais bei Potsdam übersiedeln. — Der Prinz Friedrich Leopold wird Ende dieser Woche von seinem nach Wien unternommenen Distanzritt wieder auf Jagdschloß Glienicke eintreffen. Berlin, 11. October. Heute Vormittag ritten 45 österreichische Offiziere im hiesigen Tattersall ihre Pferde vor. Die Osfiziere wurden von den zahlreichen Zuschauern aus das Sympathischste begrüßt. Das Vorreiten währte länger als eine Stunde, tue ausgezeichnete Condition der Pferde wurde dabei allgemein bewundert. Gras Starhemberg trug bereits den ihm von Seiner Majestät dem Kaiser verliehenen rothen Adlerorden. Wien,11. October. Kaiser Wilhelm zeichnete in Schönbrunn den Grasen Kalnoky und den Grasen Taaffe in schmeichelhaftester Weise aus und stattete im Laufe des Nachmittags den in Wien anwesenden Erzherzögen und Erzherzoginnen Besuche ab. Sodann begab er sich in das Palais der deutschen Botschaft zum Besuche des Prinzen Neuß. Nachmittags 4 Uhr traf der Kaiser wieder in' Schönbrunn ein, wohin Kaiser Franz Joseph bereits vorher zurückgekehrt war. An der Familientasel Nachmittags 5 Uhr nahmen außer den Fürstlichkeiten Theil: Botschafter Prinz Reuß, Gras Kalnoky und Graf Taaffe. Nach dem Diner sand Cercle statt. Die Abfahrt zu der Pürschjagd im Lainzer Park ist auf Wunsch Kaiser Wilhelms aus morgen früh 5