Nr. 10 1892 1 ^ints- und Anzeigeblatt fiw den Aveis Gieren Hratislieikage: Hich-ner Kamiktenökätter. Gießen, den 11. Januar 1892. Betr.: Feuilleton. Mittwoch den 13. Januar Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Es ist hiernach, da die Provinz Oberhesien einen besonderen Weinbaubezirk bildet, untersagt und mit Strafe be- Nach § 4 Abs. 2 des Reichsgesetzes vom 3. Juli 1883, I _____„ bett, die Abwehr und Unterdrückung der Reblauskrankheit, ^llv Gtotzyetfogllche KMsgMt Glk^tN rst die Versendung und Einführung bewurzelter Reben aus — <“—=•<- ---------•- • ---- einem Weinbaubezirk in einen anderen Weinbaubezirk unstatthaft. Gießen, den 11. Januar 1892. Betr.: Die Aufstellung der Pfandbefehle. Die Ausführung des Gesetzes vorn 28. September 1890, „die Brandversicherungsanstalt für Gebäude betreffend." aut Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. das Jahr 1891 Bezug haben, nunmehr direct an die Großb. Brandverstcherungskammer zu Darmstadt einzusenden. Sie wollen sich hiernach bemeffen. Wir machen noch besonders darauf aufmerksam, daß die OMexemplare der Brandkataster diesen Sendungen nicht beizuschließen sind. a Vierteljähriger ^öonncmenlLpreir: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schntstrahe Ar.7. Fernsprecher 51. an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. an die Grosih. Bürgermeistereien des Kreises. Rach dem Gesetze vom 28. September 1890 „Die Brandversicherungsanstalt für Gebäude betreffend», welches am 1. Januar d. I. ins Leben getreten ist, sind alle von diesem Tage an bei Ihnen einlaufenden bezw. eingelaufenen Gießen, den 11. Januar 1892. Betr.: Maßregeln gegen die Reblaus. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosih. Bürgermeistereien und die («rosih. Gcnsdarmcrie des Kreises, sowie Grosih. Polizei- amt Gießen. Ihr Bild. Sctzze von Grvßmann-Waldegg. (Nachdruck verboten.) Das Ende des Herbstes war herangenaht. Heulend brauste der Wind durch den Bergwald, segle die Blätter von den Bäumen und rüttelte an den knorrigen Aesten einer mächtigen Eiche, welche hoch oben am Abhange einer steilen Felswand einsam in die Schluchten und Thäler hinabschaute. Manche Stürme waren über sie dahingebraust und hatten in ohnmächtiger Wuth an ihrem Riesenstamm gerüttelt, aber sie schien sich nicht im Geringsten um jene zu kümmern, ebenso wenig, wie der einsame Wanderer, der, einen Knotenstock in der Rechten, eine Doppelflinte über die Schulter geworfen, rüstigen Schrittes thalaufwärts ihr zustrebte. Bald stand er am Fuße des Bergriesen, lehnte das Gewehr an den Stamm und ließ sich auf einen der zahlreichen, über den Erdboden hervorragenden Wurzelarme nieder, während sein Begleiter, ein prachtvoller Teckel, neben ihm niederkauerte. Wie oft hatte der alte Bromberg mit seiner treuen Diana diesen Weg gemacht, wenn er von seinem am Fuße des Berges gelegenen Waldhäuschen mit Tagesgrauen ausbrach, um dem edlen Waidwerk, dem einzigen Vergnügen, welches seine Einsamkeit ausfüllte, obzuliegen. Ausnahmen von diesem Verbote können nach Maßgabe des § 4 Abs. 3 des Gesetzes vom 3. Juli 1883 gestattet werden und sind dessallsige Gesuche an uns zu richten bezw. uns von Ihnen mit Begleitbericht vorzulegen. Sie wollen hiernach in Fällen von Zuwiderhandlung Anzeige erheben bezw. die Ihnen unterstehenden Polizeiorgane unter Hmweis auf die vorstehend angeführten Bestimmungen beauftragen, gegen Zuwiderhandelnde durch Erhebung von Anzeige einzuschreiten. ______________________I. V.: Jost. mit den freundlich-ernsten Zügen in dem von einem martialischen Schnurr- und Backenbart eingerahmten Gesichte sein mag. ^hre Neugierde war aber nie befriedigt worden. Wohl sahen sie ihn fast jeden Tag, wenn er von der Jagd heimkehrend, quer die Dorfstraße durchschneidend seiner Behausung zuschritt, aber nicht einmal das Dorf überhaupt konnte sich rühmen, jemals mit ihm in persönliche Berührung gekommen zu fein. Nur seinen Namen hatten sie durch den Postboten in Erfahrung gebracht, mehr wußten sie nicht. Gar viel wurde in der ersten Zeit über den alten Einsiedler gemunkelt unb böse Zungen hatten zerade nicht die schmeichelhaftesten Dinge von ihm behauptet, aber bald waren auch diese verstummt und man hatte sich schließlich zufrieden gegeben. Trotz des unfreundlichen Wetters war der Alte auch diesmal am frühen Morgen aufgebrochen, um seiner Ge- wohnheit gemäß am Fuße jener Eiche eine kleine Weile zu rasten und dabei seinen Morgenimbiß zu verzehren. Daun pflegte er seine kurze Jagdpfeise hervorzuzieheu und sinnend den Rauchwölkchen nachzuklicken, die der Morgenwind gar bald auf leichten Schwiugai entführte. Auch heute hatte er feinen Lieblingsplatz ausgesucht, aber vergeblich wartete dies- mal sein treuer Begleiter ,us die Bissen, die ihm regelmäßig beim Frühstücken zufielen. Gedankenverloren starrte jener, das Haupt in die Hand gestützt, vor sich nieder, dann, einem jähen Impuls folgend, spmng er aus, warf die Büchse über die Schulter und stieg zu Thal. Soeben zerriß die Morgen- sonne siegreich das schwarz: Gewölk und vergoldete mit ihren Strahlen die Milliarden Thautropfeu, die an Zweigen und Gräsern hingen. Der stürmischen Nacht war der herrlichste Herbstmorgen gefolgt, trotzdem schien der Alte kein Auge für bie ihn umgebende Pracht der Natur zu haben. Schneller wie sonst schritt er vorwärts und erreichte-bald den Rand einer wildromantischen Beigschlucht. Hier blieb er stehen, Herr I bog vorsichtig die Zweige eines dichten Ahorngebüsches aus- r, . 3' D>e von bcn Händlern mitzuführenden Gesundheits- lcheme >md dann als gütig anzusehen, wenn sie die folgende oder eine von dieser in wesentlichen Punkten nicht abweichende Fassung haben: „4. em Handelsmann N. N., welcher die nachstehend verznchneten Thiere (folgt bei Rindvieh die Angabe nach Geschlecht, Alter, Farbe und Abzeichen, bei Schafen, Schweinen und Ziegen die genaue Angabe der Zahl) nach ... . ver- bringen will wird hierdurch bescheinigt, daß die Thiere mindestens sieben Tage in seuchefreiem Zustand dahier gestanden haben und daß baä Gehöft, aus dem die Thiere ftainmen, sowie der hiesige Ort seuchenfrei sind. Gegen- warttge Bescheinigung gilt 5 Tage (folgt Datum, Unter- schuft und Dtenststegel)." Der Hießcner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Gießener A««1tienötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. einander und blickte in die von einem reißenden Gebirgsbache durchströmte Schlucht. Manches Wild war ihm von diesem Stand aus vor den Schuß gekommen und so suchte er auch letzt unverwandten Auges die leichten Nebelschleier zu durch dringen, die vor de., ersten Strahlen der Sonne fluchtend t . bC« 5?Qle °wp°rw°llten. Geraume Zeit mochte er o 'm Anschlag gelegen haben, als er näher und näher kommend das Rascheln und Brechen von geknickten Zweigen in dem nahen Unterholz vernahm. „Ein Hirsch« — 6,*tc er, und leise den unruhig gewordenen Teckel zu sich heranrufend, ging er vorsichtig dem Schalle nach. ®rJ>atle kaum den nach dem Berggipfel führenden Ge- birgspfad erreicht, da drangen menschliche Laute au sein Ohr. Erstaunt blieb er einen Augenblick stehen. Um diese Jahreszeit und in so früher Stunde war er noch nie hier einem TOenfdjen begegnet. Arn Hochsommer war der Psab wohl hie und da von einem Touristen benutzt worden der von dem Gipfel des Berges die Aussicht auf die herrliche Landschaft gemeßen wollte, aber jetzt? Eine kleine Strecke abwärts führte der Pfad um eine Felsenkante herum in das Thal. Jener hatte die Biegung soeben erreicht und von einem Gebüsche verdeckt einen Blick in das Thal hinabgeworfen, als sein Auge wie gebannt auf emer Gruppe hafte,, blieb. Nur wenige Schritte unter ihm lehnte eine ,ugendliche Frauengestalt an dem Stamme einer PE- °m Rande des Weges. Ein graue«, knapp an- fchl,eßendes Reisekleid umhüllte ihre schlanke Figur, während Brust drückte bc8 Sagens hastig a.hmende „Ich kann nicht mehr, Arthur, mach was Du willst ” Hang -S athemloS von ihren Lippen zu dem vor ihr in c(’e- gantcm Touristenanzuge stehenden jungen Manne. (Schluß folgt.) Amtlicher Theil. Gießen, den 11. Januar 1892. 39 etr.: Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche. DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen •* bi« «r»tzh. v arger meist er ei en »e» fttdfci. Nachdem wir in Erfahrung gebracht haben, daß die im Abdrucke nachstehende Bestimmung unserer Bekanntmachung vom 6 April 1891 - Kreisblatt Nr. 81 — vielfach nicht Vlchtig befolgt wird, schärfen wir dieselbe zur genauesten Beobachtung unter dem Anfügen ein, daß wir bei Fällen von Mn miirhpnbunangenehmer Verfügung genöthigt I ..... uci Psunooeseyte. fein würden. Besonders machen wir darauf aufmerksam dass I ra r <_ ... , d.e Bescheinigung, „daß die Thiere mindestens sieben Tage Dtts Gt0hherz0gllche KttlsaMt ©ICftCH in seuchezretem Zustande dahier gestanden haben«, nicht etwa " ~ — — ourch bie Bescheinigung ersetzt werden kann, „daß innerhalb sieben Tagen dahier keine Seuche geherrscht hat". I. V.: Jost. Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger Seit drei Jahren hatte er sich in diese Waldeinsamkeit zurückgezogen und jenes Waldhäuschen am Rande einer lieblichen Thalschlucht von dem früheren Inhaber, einem ehemaligen Herzoglichen Oberförster, erworben. Groß war damals die Neugier der Bewohner in dem unweit gelegenen I Dörfchen, jeder hätte gern gewußt, wer wohl der alte Herr I Sie wollen veranlassen, daß die Pfandbefehle, in welchen das letzte, im December fällige Communalsteuerziel Aufnahme findet, spätestens bis Milte Februar eines jeden Jahres an uns gelangen. Die Gemeinde-Einnehmer sind hiernach ru bedeuten. 3 __I. V.: Jost. ____________________ Bekanntmachung, betreffend Wassergenoffenschaft Holzheim. Nachdem der auf 8. l. M. anberaumt gewesene Termin ausgefallen ist, wird neue Tagfahrt zur Wahl des (Yenofsenschaftsvorftandes auf Freitag, 2». Ja- nnar l. I., Nachmittags 3 Uhr, in das Gemeindehaus zu Holzheim anberaumt und zu demselben die Generalversammlung der Genossenschaftsmitglieder hierdurch einberufen. Gießen, den 11. Januar 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. Z. B.: I o st. I- V.: Jost. _______________ Deutsche» Reich. Berlin, 11. Januar. Zwischen dem Leiter des preußischen Finanzwesens Herrn vr. Miquel, und seinem Collegen vom Elsenbahn-Ressort, dem Minister Thielen, soll sich eine Spannung entwickelt haben. Es wird behauptet das von Herrn Miquel eingeleitete System einer zu großen Bor- herrschaft der Fmanzintereffen des Staates im Etat habe ben Eisenbahmmnister zu einem Proteste hiergegen veranlaßt, mit welcher Haltung Herr Thielen keineswegs vereinzelt im Staatsmmtsterium dastehe. Man versichert, Herr Thielen habe bei Uebernahme seines Ministeramtes die besten Pläne zu einer zeitgemäßen Reformirung des preußischen Eifenbalmwesens mitgebracht, aber das von Herrn Dr. Miquel 6er- tretene Sparsamkeitssystem habe den Eisenbahnminister in d,e Nothwendigkeit versetzt, seine Reformpläne einstweilen wieder fallen zu lassen. Zunächst wird noch abzuwarlen fein, ob an diesen Gerüchten in der Thal etwas Wahres ist oder ob man es in ihnen nur mit einer tendenziösen Er- bnbung zu thun hat, vielleicht, baß bie vor der Tbür stehende neue Session des preußischen Landtages in dieser Beziehung etne Aufklärung mit sich bringt. 3 8 - Ueber das neue Volksschulgesetz, welches die a Vx“86 ber bevorstehenden Session des preußischen Landtages bilden wird, ist auch jetzt noch außerordentlich wenig bekannt, so baß es müßig wäre, Betrachtungen hierüber anzustellen. Zweifellos werben aber bie nächsten Tage die Vorlage selbst bringen und dann wird man ja sehen, meß' S,nö. der Volksschulgesetzentwurf des Grafen Zedliy- Lrutzschler eigentlich ist. Neben diesem wichtigen Reform- gesetz steht unter den des Landtages harrenden Aufgaben in erster Linie noch der Etat, welchen das Abgeordnetenhaus bet ,einem Zusammentritt vermuthlich gleich vorfinden wird. Erwartet werden ferner Gesetzentwürfe über die Ausdehnung der Landgemeindeordnung auf die Provinzen Schleswig- Holstein und Hessen-Nassau, über die Kosten Königlicher Polizeiverwaltungen, über die Regelung des Welfenfonds, über bte Steuerbefreiung ber ehemals Reichsunmittelbarem über Erweiterung bes preußischen Eisenbahnnetzes, über neue Canalbauten, über Verlegung des Bußtages, über die Einnahmen undAusgaben des Staates(Cvmptabilitätsgesetz)u.A. Man wird sonach in Preußen einer sehr langen und arbeitsreichen Sitzungsperiode entgegensetzen dürfen. — lieber den Einfluß der umfangreichen Arbeiterausstände, die gegenwärtig im Gange find, auf die beabsichtigten Lohnbewegungen in anderen Gewerben, giebt folgende Notiz des „Vorwärts" bemerkenswerthen Ausschluß: Durch Unterstützungsgesuche ist die deutsche Arbeiterschaft gegenwärtig sehr stark in Anspruch genommen. Neben den Buchdruckern stehen bekanntlich noch die Weißgerber, Handschuhmacher und Brauer im Ausstand. Diese StrikeS ersordern Summen, die eS nothwendig machen, daraus hinzuweisen, daß etwa in einzelnen Berufen geplante Lohnbewegungen für die nächste Zeit keine Aussicht aus den Sieg haben, sofern dazu die finanzielle Unterstützungskraft der deutschen Arbeiter in besonderem Maße in Rechnung gezogen werden müßte. Die Arbeiterschaft muß jetzt schon allwöchentlich große Summen für die ausständigen Arbeiter der oben erwähnten Gewerbe ausbringen; mehr zu thun ist sie vor der Hand, soweit sich das überblicken läßt, außer Stande. — Die Reichsbank hat heute den Discont aus 3 pCt., also um 1 pCt. ermäßigt; der Lombardztnssuß für Darlehn gegen ausschließliche Verpfändung von Schuld- Verschreibungen des Reichs oder eines deutschen Staats wurde gleichzeitig aus 31/* * pCt., gegen Verpfändung anderer Effecten und Maaren aus 4 pCt. herabgesetzt. Neueste ITad>rid>ttn< Depeschen M „Bureau Herold". Berlin, 11. Januar. Der Landtag wird durch den Reichskanzler Grasen v. Caprivi eröffnet. Berlin, 11. Januar. Die „Nordd. Allg." erklärt hoch- osficiös, bei Einleitung des Disciplinarversahrens gegen Gras Limburg-Stirum seien nicht politische Gründe, sondern ausschließlich die Wahrung der Beamtendisciplin maßgebend gewesen. Die conservative Partei könne sich durch diese Maßregel nicht verletzt fühlen. Berlin, 11. Januar. Das „Berl. Tgbl." meldet aus Moskau, in den Gouvernements Pensa und Saratow sanden Judenhetzen statt. In Sindorowo wurden 100 Häuser zerstört und mehrere Menschen getödtet. In Saransk wurde der Versuch gemacht, ein jüdisches Bankhaus in die Luft zu sprengen. Die Ursachen der Hetzen war ein Gerücht, die Juden hätten Getreidemassen aufgespeichert, um den Preis zu steigern. Berlin, 12. Januar. Nack den „Berl. Polit. Nachr." erfolgt die Berathung des Trunksuchtsgesetzes im Bundesrath am nächsten Donnerstag. Die Vorlage über den Unterstützungswohnsitz soll jedenfalls noch in dieser Session des Reichstags erledigt werden. Dortmund, 11. Januar. Am 17. Januar findet hier eine VertrauenSmänner-Versammlung der Bergleute Rheinlands und Westphalens statt. Aus der Tagesordnung steht Berathung über die Unterstützungskasse der Bergleute und die augenblickliche Lage. Wien, 11. Januar. Trotz der Dementis der Oesterr. Ereditanstalt wird festgehalten, daß 6 Millionen Tilgungsrente zu durchschnittlich 93 verkauft wurden. Die angeblich geplante Cooperation der Mittelbanken bei der Valutaregelung, vorläufig ein „ballon d’essai“, wird nicht sehr aussichtsvoll beurthellt. Pest, 12. Januar. In der ungarischen Grenzstation Bekszid wurde gestern ein fremdes Individuum, angeblich russischer Nationalität, als der Spionage verdächtig, verhaftet. Bei dem Verhafteten wurden Notizen und Pläne über die Festung Munkazs vorgesunden. Rom, 12. Januar. Die Mittheilungen über die Reise des Kaisers von Oesterreich nach Rom sind sämmtlich erfunden. Loudon, 11. Januar. Die bekannten australischen Woll- Exporteure L. N. Benjamin und F. S. Benjamin in Brisbane sa Hirten. Die Passiva betragen 57000 resp. 59 000 Psd. Sterl. Weitere Insolvenzen werden daselbst befürchtet. Loealer uttb provinzieller. Gießen, 12. Januar 1892. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 14. Januar 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Unterhaltung der städtischen Wiesen. 2. Vergebung der Faselhaltung. 3. Gesuch des Kalkbrenners Karl Haas zu Gießen um Octroirückvergütung von Steinkohlen. 4. Gesuch des Jean Hantel nm pachtweise Ueberlassung des Kellers in dem Hosgerichtsgebäude. 5. Niederlegung des vormals Walter'schen Hauses am Lindenplatz. 6. Der Voranschlag des städtischen Gaswerks pro 1892/93. — Der Vorstand des Concert Vereins hat beim Eintritt in das hundertste Vereinsjahr seinen Mitgliedern das Versprechen gegeben, dieses Jvbeljahc besonders auszuzeichnen. Nicht durch äußeren Prunk soll sich dieses Jahr abheben, vielmehr ist daß Streben daraus gerichtet, in den dargebotenen musikalischen Leistungen die möglichste Vollendung zu bieten. Aeußeren Prunk können wir hier in Gießen leider nicht entfalten, die Aufführung größerer weltlicher Chorwerke verbietet sich von selber, der letzte Versuch am 6. December zur Mozart Feier in Steins Saal hat das erdrückend bewiesen. Wir haben kein Coneertlocal, wenigstens kein solches, wo Chor und Orchester Zusammenwirken können. Für Kammermusik dagegen und diesem verwandle Musikaufführung steht uns in dem prächtig akustisch gebauten Saale deS Gesellschaftsvereins ein Raum zur Verfügung, um den uns manche größere Stadt beneiden kann und beneidet. Aus diesem Grunde ist auch der Vorstand stets bestrebt, diesen günstigen Factor nach Möglichkeit im künstlerischen Interesse auszunützen und ist es unbestritten, daß derartige Concerte stets den ungetrübtesten Genuß bereiteten. Nicht immer gelingt es bei der Fülle von Angeboten das beste auszuwählen, selbst die gewiegteste Concertleitung, die doch gewiß hinter die Couliffen zu sehen weiß, wird durch die schwungvollen Tiraden eines mit besonderer Schläue versehenen Jwpressario getäuscht, daher ist einem Concertverein nur Dank zu wissen, wenn er nicht so hastig von dem Neuen daS Neueste bringt, bei einem Künstler ist das „Avant la lettre“ nicht immer das Beste. Diesem Grundsatz huldigend hat auch unser Concert-Verein selten mal einen Mißgriff zu beklagen, er kann auf eine Reihe trefflicher Leistungen zurückblicken; einen besonders glücklichen Griff aber hat der Vorstand für daS vorliegende Concert gethan, er ist zwar dadurch gezwungen, diesmal eine größere Panse, als üblich, zu machen, in Hinsicht aher aus das Gebotene hofft er die Zustimmung Aller zu haben. Für den 31. Januar ist Fräulein Pia von Sicherer, die vortresfliche Münchener Concertsängerin (Sopran) für Gießen gewonnen worden. Fräulein von Sicherer nimmt in der Kunstwelt einen hervorragenden Platz ein, es dürsten wenige sein, die neben ihr genannt werden, sicher keine. Die Künstlerin erblickte als Tochter des Bauinspectors v. S. das Licht der Welt, ihre ersten Musikstudien machte sie bei dem Stadtcantor Hornickel zu Hof und setzte diese mit bestem Erfolge bei der Gesangsmeisterin Emilie Kaula in München fort. Hier, als ganz junges Mädchen, feierte sie mit ihrem ersten Debüt als Hanne in Haydns Jahreszeiten ihren ersten Triumph, an den sich mit jedem Auftreten neue knüpften. Trotzdem verschmähte es i)ie Künstlerin nicht, noch einmal bei Meister Stockhausen Schülerin zu werden, „in der Kunst lernt man nie aus". Der Erfolg hat bewiesen, wie unumstößlich wahr diese Worte sind,- von nun an glichen die Kunstreisen der Sängerin Triumphzügen. Mit diesem frenöig erwarteten Gaste lud man auch den trefflichen Pianisten Dr. Neitzel ein, ein Programm birgt die vornehmsten Gaben eines Beethoven, Schumann, Liszt, daß allein empfiehlt ihn als einen Auserwählten, der es sehr ernst mit seiner Kunst nimmt. So dürfte denn das Concert des 31. Januar ein hoch bedeutungsvolles werden, auf welches der Concertverein berechtigt ist mit Stolz und Freude hinzuweisen. — Zur Decentralisation des Corrigeudeuwesens berichtet die „Deutsche Gemeindezeitung" u. A. wie folgt: Es dürste die Mittheilung von Interesse sein, daß für das Großherzog- thum Hessen, woselbst für die der Nachhaft überwiesenen ein großes, vom Staate erhaltenes Arbeitshaus in Dieburg besteht, neuerdings ein kleines Ftlialarbeitshausin unserer Stadt (Gießen) errichtet worden ist, welches zunächst zur Entlastung der Hauptanstalt bestimmt, weiterhin aber auch geeignet ist, die Vortheile einer sehr weitgehenden Decentralisation zu veranschaulichen. Als „Filialarbeitshaus" sind lediglich einige — zur Aufnahme von im Ganzen 6—8 Häftlingen geeignete, anderweit verfügbar gewordene — Zellen des Polizeigesäng- nisses verwendet; die Beaufsichtigung im Gefängniß und die Beköstigung der Häftlinge geschieht durch den Arresthausverwalter, während für deren Anleitung und Beaufsichtigung bei der Arbeit ein besonderer Vorarbeiter angenommen ist. Die Häftlinge werden zunächst ausschließlich im Interesse der Gemeinde zu gemeinnütziger, strenger Arbeit im Freien verwendet (bis jetzt zur Bereitung von Compost aus Straßen- kehricht und den Kaldaunenabgängen des städtischen Schlachthauses, zum Auseisen von Straßen u. dgl., wozu im Sommer noch hauptsächlich die Reinigung der städtischen Canäle kommen wird). — Die finanzielle Seite der Einrichtung ist durch Vereinbarung zwischen Großherzoglichem Ministerium der Justiz und der Bürgermeisterei dahin geregelt, daß die Stadt das Risiko der Anstalt trägt, ihr dazu vom Staat jedoch neben dem vollen Lohn des Vorarbeiters (mit 750 Mk. pro Jahr) noch für jeden Häftling pro Verpllegungstag ein Zuschuß von 40 Pfg. geleistet wird. Anderseis werden von der Stadt für die volle Verköstigung eines Häftlings neben Gewährung von täglich 1 Kgr. Schwarzbrod dem Arresthausverwalter wiederum 40 Pfg. pro Kops und Tag vergütet. Mit Einrechnung der Generalunkosten wird danach der Stadt der Arbeitstag eines Häftlings etwa aus 70—80 Pfg. zu stehen kommen, was annähernd wohl dem Werth der für die Gemeinde geleisteten Arbeit entsprechen dürfte. — Eine ähnliche Einrichtung besteht bereits seit einigen Jahren in Worms; es ist zu erwarten, daß durch solche Decentralisation ebensowohl der intensiveren Beschäftigung der Häftlinge und damit der wirklichen Besserung derselben gedient wird, wie der Abschreckung ihrer vagabundirenden Gesinnungsgenossen durch die (später leicht noch zu vermehrende) Zahl und Erscheinung solcher, über alle Lanvestheile verstreuter Filialarbeitshäuser. — In diesem Sinn verdient das durch das Entgegenkommen der Gemeindeverwaltung ermöglichte Vorgehen der Großherzoglichen Regierung sicherlich auch in weiteren Kreisen ernste Beachtung. — Welches Interesse mar jetzt der Lehrerbildungsfrage auch im Auslande eutgegenbringt, beweist der Umstand, daß demnächst Herr Professor Collcrd von der Universität Löwen (Belgien) im Auftrag der Regierung Deutschland bereisen wird, um von den Einrichtungen der pädagogischen Seminare Kenntniß zu nehmen. Eine ehrende Anerkennung für den Leiter der hiesigen Anstalt st es, daß der Besuch des Gießener pädagogischen Semimrs in erster Linie ins Auge gefaßt ist. — Im Vereinslocal der RuderGesellschast (Cafö Ebel) wird morgen Mittwoch Abend 9 Uhr der zweite Vorsitzende einen Vortrag über den „Rudersport in Gießen" halten. — Auf der Eisbahn des Eisvereius findet am nächsten Donnerstag von Nachmittag V/4 Uhr an Concert der Regiments-Capelle statt. — Das am 11. Januar ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 3 enthält Bekanntmachung des Groß- herzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die bahnpolizeilichen Vorschriften für den Betrieb der Geleiseverbindung zwischen Station Flonheim der Hessischen LudwigS- Eisenbahn Gesellschaft und den Steinbrüchen bei Flonheim betreffend. Vom 5. Januar 1892. — Kirchlich-Statistisches. Im Jahre 1889 sind im Großherzogthnm Hessen zur evang. Landeskirche übergetreten: von der katholischen Kirche 80, von anderen christlichen Bekenntnissen 73, sonstige 10, zusammen 163; ausgetreten sind zur katholischen Kirche 13, zu anderen christlichen Bekenntnissen 3, zusammen 16. Die Zahl der von der evangelischen Landeskirche Getrennten betrug: Altlutheraner 505, Dissidenten 44, Baptisten, Mennoniten und Wiedertäufer 955, Methodisten 23, Freiprotestanten 3824, zusammen 5350. — Die Dienftprämie von 1000 Mk., welche den Unteroffizieren bei ihrem Ausscheiden nach 12jähriger Dienstzeit gewährt wird, ist nach einer Verfügung des preußischen Kriegsministeriums von der Pfändung ausgeschlossen, da diese Prämie entweder zu dem Sold ober zur Jnvalidenpension der Unteroffiziere zu rechnen ist und durch eine Pfändung die Zwecke vereitelt werden, deren Erreichung durch die Verwendung staatlicher Geldmittel angestrebt wird. Ist der Psändungsbeschluß des Gerichts bereits vollstreckbar, so darf bis zur endgültigen Entscheidung der Sache eine Zahlung der Prämie weder an den Unteroffizier, noch an dessen Gläubiger erfolgen. Grünberg, 10. Januar. Dieser Tage circulirte Hierselbst eine gegen die Vorlage Großh. Regierung über die Abänderung des Verfahrens bei den Bürgermeisterwahlen gerichteten Petition. Mit einer größeren Anzahl Unterschriften versehen, wurde dieselbe heute an unseren Landtagsabgeordneten, Freiherrn v. Rabenau, übersandt. Homberg a. d. Ohm, 11. Januar. Im Laufe des Winters hat sich hier eine freie Vereinigung der Landwirth e der Umgegatb gebildet, welche bezweckt, allmonatlich einmal hier zusammenzukommen, um über alle Vorgänge des land- wirthjchastlichen Betriebes sich gegenseitig aus dem Lausenden zu erhalten und brennende Tagessragen zu erörtern. Es sollen weniger Vorträge gehalten als Discussionen gepflegt werden. Beiträge werden in Anbetracht der „nothleidenden Landwirthe" nicht erhoben und es ist Jeder, auch Nicht- landwirthe, zu den Versammlungen eingeladen. Die erste Versammlung im December war sehr zahlreich besucht, ein beredtes Zeichen, daß die Veranstaltung ein Bedürfniß war. Als Vorsitzender wurde Jnspector Schmidt in Neu-Ulrichstein gewählt. Friedberg, 9. Januar. Heute Mittag statteten die Herren Geh. Staatsrath Dr. Knorr von Ro senroth und Geh. Oberschulrath Greim dem hiesigen Schullehrerseminar einen Besuch ab und nahmen eine Prüfung der Zöglinge der drei Klassen in deutscher Literaturgeschichte und Pädagogik vor. Wie wir hören, ist dieselbe zur Zufriedenheit beider Herren ausgefallen. D. Ztg. Offenbach, 8. Januar. Im Stadtbade wurden im verflossenen Jahre 80,646 Bäder gegen 78,437 im Jahre 1890 verabreicht. Die Gesammteinnahme stellt sich aus 24,621.65 Mk. gegen 24,342.61 Mk. im Jahre 1890. Alzey, 8. Januar. Der hiesige landwirthschaftliche Verein hat folgenden Beschluß gefaßt: „An Anbetracht dessen, daß die Errichtung einer Haushaltungsschule, wie solche in der Provinz Oberhessen bereits seit Jahren mit bestem Erfolge besteht und kürzlich auch in der Provinz Starkenburg eine (in Langen) eröffnet wurde, ein für Rheinhessen anerkanntes und nicht minder berechtigtes Bedürfniß ist, ersucht der Ausschuß des Bezirksvereins Alzey den landwirthschaftlichen Provinzialverein, der Frage der Gründung einer Haushaltungsschule in Rheinhessen näher zu treten und schlägt die Stadt Alzey als geeignetsten Ort für die Errichtung einer derartigen Schule vor, von wo aus voraussichtlich namhafte Mittel zur Verfügung gestellt werden können." * Berlin, 7. Januar. Der Säbel soll bei der deutschen Cavallerie und reitenden Artillerie endgiltig abgeschafft werden. An den Lanzen soll eine Vorrichtung getroffen werden, welche es ermöglicht, den Revolver an derselben mittelst einer Einbiegung der Lanze zu befestigen. Auch spricht man vom Ankauf von drei Millionen Stück Feldflaschen aus Aluminium zum Preise von ä 5 Mark. Für letztere ist aber nirgendwo im Etat bisher eine Geldsumme angesetzt oder bewilligt worden. * Berlin, 4. Januar. In Kriegervereinen, besonders unter denen des dritten Armeecorps, wird schon seit längerer Zeit eine außergewöhnlich große Sterblichkeit der alten Combattanten von 1870/71 bemerkt und man führt diese Erscheinung wohl nicht mit Unrecht auf die Nachwirkungen des großen Kriegs zurück, der ja bekanntlich ganz besonders für die Armee des Prinzen Friedrich Carl bei der Belagerung von Metz und dem Feldzuge nach der Loire so große Strapotzen und Elend aller Art mit sich brachte. Eine Hauptplage der Ueberlebenden ist das „Reißen", welches auch den Tapfersten „unter sich kriegt". * Straßburg (Westpr.), 8. Januar. Nicht Vielen dürste es bekannt sein, daß in unserem Kreise noch Menschen in Erdhöhlen wohnen. So lebt z. B. der „Th. Ostd. Ztg." i zufolge bei Pohryadowo eine zehn Personen starke Familie in einer solchen, auf einem Flächenraume von ungefähr , 14 Quadratmeter bei 21/i Meter Höhe. Dazu befinden sich in diesem Raume ein Pferd, eine Kuh, zwei Schweine, j! mehrere Hühner, Enten und Gänse. Bewundernswerth da- j bei ist die Gesundheit der Leute und ihre Zufriedenheit mit dieser Lebensweise. ♦ Aus dem Erzgebirge wird ein lehrreiches Beispiel über die Wirkungen des UnterstützungswohnsitzgesetzeS mitgetbeilt: Die Arbeiter auf einem Kohlenwerk, daS in- ' mitten einer Anzahl von Dörfern liegt, sind gezwungen, in 1 diesen umliegenden Dörfern Wohnung zu nehmen, die Dors- bewohner jedoch lassen einen Arbeiter nicht länger als anderthalb Jahre am Orte wohnen, nach dieser Zeit bekommt er ' einfach kein Logis mehr und muß in ein anderes Dors ziehen. Die Dorsbewohner suchen so zu verhüten, daß der Mann