1892 Nr. 158 Zweites Blatt. Sonntag den 10. Juli Wer erscheint täglich, •it Lu-nahme bei Montag«. Die Gießener Aamtkieastätter •erben bnn Anzeiger •ichenilich dreimal beigelegt. Wchmer Anzeiger Aenerat-Mnzeiger. Bierteljähriger Abonnements,retB» 2 Mark 20 Pfg. mü Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expedition und Druckerei: | KchntßrnteAr.F. Fernsprecher 51. Aints- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren. ■ ■■■ ■■■■— WB—LJ-.. . , ! - .. . T * '--TT1' l'.r ‘TTTETr?"— Annahme »on Anzeigen zu bet Nachmittag- für den 1Qt Annoncen.vureaux bei In- und lullonW nehme» folgenden tag erscheinenden Nummer bii Bonn. 10 Uhr, ^UUlSDCUUgC. ^gmUieiWlUUCr. Antigen für den ^Gießener Anzeiger- entgegen. Amtlicher Tbeil. Bekanntmachung, betr. die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Pfingstbrücke bei Großen-Buseck. Die im Zuge der Kreisstraße Rödgen — Grotzen- Busclt gelegene sogen. Pfingstbrücke bei Großen- Buseck wird wegen Umbaues derselben von Montag den 18. Juli d. I. ab bis auf Weiteres gesperrt. Gießen, den 7. Juli 1892. Großherzoglickes Kreisamt Gießen. ________________________v. Gagern._________________________ Bekanntmachung, betr. die Erbauung einer Kreisstraße von Gießen nach Leihgestern. Fuhrwerksbesitzer werden darauf aufmerksam gemacht, daß von Dienstag den 12. Juli l. I. ab auf der Kreisstraße Gießen—Leihgestern in Gemarkung Gießen eine Dampsstraßenwalze in Thätigkeit ist. Gießen, den 8. Juli 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. ___________________v. Gagern.___________________ Bekanntmachung. Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzbuchs, Art. 104 des Polizeistrafgesetzes und des Local- Reglements vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß das Betreten des alten Anneröder Weges neben den Militärschießständen her bei Meidung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen, verboten ist. Gießen, den 5. Juli 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. I. B.: Bischoff. politische Wochenschau. Gießen, 9. Juli 1892. Das Reich hat in der vergangenen Woche mit Spanien und Rumänien neue Handelsabkommen abgeschlossen. Bekanntlich sind die Handelsverträge, die mit beiden Ländern vor mehreren Jahren abgeschlossen worden waren, vor einiger Zeit abgelausen. Da man sich über neue Handelsverträge Feuilleton. Aus einem Berliner Gerichtssaale. „An diesen Pfingsten werde ick denken, so lange ick lebe, da kann ick Ihnen Siegel un Bries dadruf feben. Herr Jerichtshos, ick stehe hier als 62jähriger unbescholtener Mann vor Ihnen, soll ick vielleicht wejen eene eenzige Backseife meinen unbescholtenen Ruf verlieren?" Während dieser Rede stoß der Schweiß in Strömen über sein hochgeröthetes Gesicht. Er schien sein Taschentuch vergessen zu haben. — Bors.: Herr Schulz, seien Sie nur nicht so aufgeregt, die Sache ist ja nicht so schlimm. Wenn Sie -sich zu einem Gewaltact haben hinreißen lassen, so gestehen Sie es nur ruhig ein, das ist das Beste, was Sie thun können. — Angekl.: Ick werde mir jewiß nich uf Winkelzucht lejen, aber allens wat recht ist, ick brauche doch nich Holz un Kiehn uf mir hacken zu lassen. — Bors.: Nein, das brauchen Sie nicht. Sie sind der Körperverletzung des 14jährigen Zeitungsjungen Fischer angeklagt. Sie geben doch zu, ihn geschlagen zu haben? — Angekl.: Ja, bet habe ick, un schade um jeden Schlag, der vorbei jekommen is. — Vors.: Erzählen Sie kurz, wie Sie dazu gekommen sind. — Angekl.: Herr Jerichtshos, ick bin 30 Jahre lang Töppermeester jewesen, un habe mir mit Jesellen uh Lehrlinge herumjeärgert,- bet bet keene Engel sind, werden Se woll wissen. Aber wat Müdigkeit anbelangt, so sind et die reenen Waisenknaben jejen die Zeitungßjungens. Wat diese Burschen mir jeärjert haben, da ist Ende von weg. Die Bengels hatten sich bet ange- wehnt, un uf meinen Hausflur so 'ne Art Speditionsjeschäft injerichl. Sie fortirten da ihre Zeitungen un machten dabei dabei allerlei Kaleika. Ick wollte bet nich leiden, denn ick habe feine Miether zu wohnen, un da habe ick sie denn weg- jejagt. Von diese Zeit an haben sie een rachsüchtigen Haß As mir jeworsen un mir zum Schabernack jethan, wat sie nur nicht sogleich einigen konnte, so beschränkte man sich zunächst auf eine provisorische Regelung der Zollverhältuisse. Da auch während des so geschaffenen Provisoriums eine Einigung nicht erzielt worden ist, hat man sich nunmehr entschlossen, eine Verlängerung beziehungsweise eine Neuregelung des provisorischen Zustandes eintreten zu lassen. Beiden Staaten werden von Deutschland alle in den bekannten Handelsverträgen mit Oesterreich-Ungarn, Italien und der Schweiz enthaltenen Zvllherabsetzungen zugestanden. Dementsprechend erhält Deutschland von Spanien und Rumänien gewisse Zollvergünstigungen. Zugleich versichern die beiden Staaten, daß sie sogleich bereit sind, in Verhandlungen mit dem deutschen Reiche über einen neuen definitiven Handelsvertrag einzutreten. Spanien erklärt hierbei schon jetzt ausdrücklich, daß es gewillt ist, Zugeständnisse noch über die in dem spanischen Minimaltarif gemachten hinaus Platz greifen zu lassen. — Die Angelegenheit einer Berliner Ausstellung am Ende des Jahrhunderts ist in ein ganz neues Stadium eingetreten, seitdem man in Frankreich in maßgebenden Kreisen die Absicht ausgesprochen hat, in Paris gemäß dem alten Herkommen, hier alle 12 Jahre eine Weltausstellung zu veranstalten, euch im Jahre 1900 eine solche ins Werk zu setzen. Damit ist Deutschland die Möglichkeit genommen, seine Ausstellung im Jahre 1900 abzuhalten. Es ‘fragt sich aber auch noch, ob in der Zeit bis dahin eine solche arrangirt werden könnte. Jedenfalls wird der zuerst von Werner Siemens geäußerte Gedanke einer internationalen Weltausstellung im größten Stil sich nicht verwirklichen lassen. Der gegenwärtig in der preußischen Stadt Xanten sich abspielende Proeeß gegen einen jüdischen Bürger der Stadt wegen Ermordung eines Knaben erregt um deswillen auch die Aufmerksamkeit der politischen Welt, weil man auf antisemitischer Seite seither vielfach die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts eigentlich schon an sich nicht mehr recht verständliche Behauptung ausgestellt hatte, daß in Xanten offenbar ein Ritualmord, d. h. ein Mord zur Gewinnung von Menschen- blut zu religiösen Zwecken vorliege und man deshalb allseitig auf die Mittheilung der bei der peinlich genau geführten Untersuchung zu Tage geförderten Thatsachen wartete, um diese je nach dem Parteistandpunkt für oder gegen die Blutbeschuldigung nutzbar zu machen. Obwohl der Proceß noch nicht beendet ist, steht doch schon so viel ohne allen Zweifel fest, daß von einem Ritualmorde gar keine Rede Jein kann. Nicht allein hat der bekannte Straßburger Professor der protestantischen Theologie, Nöldeke, der als Autorität auf dem Gebiete der semitischen Literatur gilt, auf das Allerentschie- benbfte die Behauptung, daß sich in der jüdischen religiösen Literatur irgendwo ein Hinweis auf Verwendung von Christenkonnten. Ick wohne Hochparterre, un wenn sie von oben runter kamen, bann schoben sie bei mir ooch die Zeitung durch die Dhiere, wobei sie denn klingelten, als wennt Haus brennte. Ick habe mir bei der Redaction beschwert, bet hat mir aber nischt jenützt. Denn fingen se mal an, mir bet Morjens Ständchens zu bringen un die waren ooch darnach. „Still ruht ber See, die Töpper streiken" un andre so’ne anzüglichen Lieder. Ick war natierlich immer uf’n vive lequi, bet ick mal eenen jreifen wollte, aber bet war jerabe, als wenn sie bet wußten; wenn ick mit'n Jummischlauch hinter bie Dhiere stand, bet denn man allens ruhig war. — Bors.: Herr Schulz, kommen Sie jetzt zu dem Vorfall vom 19. März. — Angekl.: Jawohl, Herr Jerichtshos, aber wat ick sagen wollte, ick hätte wohl noch eene Bitte, könnte die Oeffentlichkeit nich ausjeschlofsen toer’n? — Vors.: Nein, dazu liegt keine Veranlassung vor. — Angekl.: Na, denn hilft bet nich. Also in'n März lasse ick mir die Treppen streichen. Die Maler müssen bet natierlich bet Nachts machen un benn legen sie sone Bretterstückchen auf die Stufen, wo die Leute uf treten sollen, bet se de Farbe nick verwischen. Nu machten sich die Zeitungsjungen en jewissermaßenet Verjnüjen daraus, bet Morjens früh, wenn se bie Treppen ruf un runter liefen, nich uf bie Bretter zu treten, sondern nebenbei uf die Farbe, bie noch naß war. Nu mußten bie Maler bet Abenbs immer wieder kommen, wat mir natierlich jroße Kosten un Villen Aerjer machte. Wenn ick man bloß mal eenen von bie sacker- mentschen Bengels erwischen könnte, sagte ick jeden Abend zu meiner Frau. Eeenes Morjens stößt mir meine Frau an un sagt: Du Willem, hör mal, nu kommen se wieder von oben runter. Halt, denke ick, nu is et Zeit, un ick raus aus't Bett, wie aus die Pistole geschossen. Ick uf’n Corridor raus, nehme mir den Jummischlauch, den ick da schon parat jelegt hatte und kieke durch det runde Loch, wat in bie Dhiere is. Richtig, ba kamen zwee von die Bengels runter. Ick reiße die Dhiere uf un will den Eenen mit'n Jummischlauch eenen üderziehn. Der Junge is aber zu flink, ick treffe ihn nich blut finde, als eine „frivole Erfindung" zurückgewiesen, sondern es haben auch sämmtliche medicinische Autoritäten mit seltener Einstimmigkeit die Annahme, daß es sich um einen Ritual- mord handele, als ganz und gar unhaltbar bezeichnet. In England sind die Wahlen immer noch nicht beendet, ba bort nicht wie bei uns der Wahlact überall an einem Tage gleichzeitig vollzogen, sondern während eines Zeitraumes von 14 Tagen je nach der Entscheidung des localen Wahl- commissärs früher ober später gewählt wirb. Eine weitere erhebliche Abweichung von ben deutschen Verhältnissen zeigen bie englischen auch darin, daß nur diejenigen Engländer wahlberechtigt sind, welche eine Miethswohnung im Werthe von mindestens 200 Mark besitzen - es sind demgemäß in England nur 16 Menschen unter hundert wahlfähig, während in Deutschland 21pCt. Wahlberechtigte bei den letzten Wahlen vorhanden waren. — In Frankreich werden militärische Forderungen bekanntlich durchaus nicht gewissermaßen mit einem dreimaligen Hurrah angenommen. An den Forderungen für die Marine hat die Budgetcommission erst jüngst wieder nicht weniger als 15 Millionen abgestrichen. Der Marineminister ist natürlich untröstlich und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Kammer zu einem entgegengesetzten Votum zu bewegen. Es ist noch sehr zweifelhaft, ob ihm dies gelingen wird. — In Norwegen nimmt die Aufregung zu, nachdem der König im Gegensatz zu dem norwegischen Storthing, sich gegen eine selbständigere Verwaltung Norwegens erklärt hat. Gegenwärtig bemüht man sich, durch Ovationen den König umzustimmen. — In Spanien folgt eine Gährung der anderen. Neuerdings haben infolge eines Steuererlasses geradezu Tumulte stattgefunden, die mit einem Siege der Tumultuanten endeten, indem der mißliebige Steuererlaß zurückgezogen wurde. Citeratur rind liunft. — Der Mensch ober wie e- in unserem Körper ausfiehi und wie seine Organe arbeiten, betitelt sich ein von Oberstabsarzt Dr. Ebenhöch verfaßtes und bei I. F. Schreiber in Eßlingen erschienenes Werk, welches für Jedermann von höchstem Interesse ist. 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Ick treffe ihn wieder nich, in demselben Oogeublick schlägt aber ooch der Zug hinter mir die Corridordhiere zu un bet Unglück will, bet mir en Zipfel von bet eenzige Kleibungsstück, wat ick anhatte un wat man birect uf’n Leibe zu bragen pflegt, in bie Phiere feftjeflemmt wird. Ick zuppe un zuppe, aber ick kann nich vor- un rückwärts. Dabei muß ick nu selber mit die nacfigten Beene in die Farbe rumtrampeln. Ja, Sie lachen, meine Herren, aber ick kann Ihnen sagen, bet war eene nieberträdjtige Situation. Die Jungens standen unten an bie Treppe un freuten sich, un jebesmal, wenn ick mir umbrchte, um an bie Klingel zu reißen, benn wurde bet Stück Zeug, wat ick anhadbe, noch kürzer un bie Jungens bie juchten man so vor Vergnügen. Dabei aftimirte meine Olle bet Klingeln nich, inbem sie ber Meinung war, bet die Jungens det machten, un zuletzt ballere ick mit beebe Fäuste gegen bie Dhiere, bis sie mir benn endlich von die Angel losmachte. Wat ick vor Angst ausgestanden, det eene von de Mächens die Treppe runter kommen dhäte. Ick habe den Morjen keenen Kaffee un Feen Frühstück jenoffen, so hatte ick mir jeärjert. Aber ick hatte mir zujcschworen, bet der erste Zeitungsjunge, ben ick triefen bhäte, een n ordentlichen Puckel voll kriejeu sollte, un uf’n Abend habe ick denn ooch den Fischer erwischt. — Dorf.: Sie sollen ihn wiederholt gegen den Kopf geschlagen haben. — Angekl.: Meinen Jummischlauch hatte ick nich bei mir und ba habe ick ihm denn een Paar von meine preisgekrönte Backfeifen verabfolgt. — Vors.: Ihr Zorn ist ja begreiflich. Der Junge soll aber zwei Tage bettlägerig gewesen sein. Sie wußten außerdem ja gar nichts inwieweit er bet dem Unfuge beteiligt war. — Angekl.: Jelacht hat er bet Morjens ooch mit, bet weeß ick. — Da aus ber Zeugenvernehmung hervorgeht, baß ber Angeklagte schwer gereizt worden ist, so kommt er mit einer Geldstrafe von 10 Mark davon. Beste Marke Reinheit garantirt Bergers tiennaaia-Cacao. 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