Nr. 8 Erstes Blatt Sonntaa den 10. Januar 1892 Hietztuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MouragS. Ti7 Gießener AamikienVtLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Kmerat-Anzeiger. Bierteljähriger Abonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Aints-undAnzeigeblatt fiir den “Kreis Gieren chratisöeitage: Hießener Iamikienötätter. E 6 ridtten. Wolffs ttlkgradhilchtL Lorres-ondttLz-Elureon Hamburg, 8. Januar. Eine Berliner Meldung des „Hamburgischen Correspondenten" bestätigt, daß gegen den Grafen Limburg-Stirum disciplinarisch vorgegangen ! werde. Falsch sei dagegen die Behauptung, daß seine Kritik der Handelsverträge dies veranlaßt habe. Das Einschreiten sei vornehmlich durch Stellen in den „Kreuzzeitungs"-Arttkeln veranlaßt, welche die auswärtige Politik der Regierung angreisen. Als Abgeordneter durste Limburg die Handelsverträge wie andere Regierungsmaßnahmen öffentlich besprechen, wie er es als zutreffend erachte, dagegen stände es ihm nicht zu, Beamte des Ministeriums des Äeußeren und die auswärtige Politik der Regierung, speziell diejenige, des dtrecten Vorgesetzten, mit der Behauptung öffentlich' anzugreifen, daß diese Politik Deutschland schwäche und dessen Ansehen nach Innen und Außen vermindere. Die Duldung eines solchen Vorgehens hieße die Disciplin lockern, welcher hochgestellte Beamte ebenso unterworfen seien, wie jeder Andere. Straßburg, 8. Januar. Der Landesausschuß von Elsaß-Lothringen ist dem Vernehmen nach aus den 28. Januar einberufen. Wien, 8.Januar. Die Handelsverträge gelangen im Abgeordnetenbause am 12. d. Mts. zur Berathung. Wien, 8. Januar. Die „Neue Fr. Pr." meldet aus Budapest: Die ungarische Regierung beschloß von Anfang an, den deutschen Handelsvertrag auf das Loyalste durchzuführen und alle damit nicht übereinstimmenden Verfügungen an jenem Tage außer Kraft zu setzen, an welchem der deutsche Vertrag in Geltung tritt. Alle bisher bestehenden geheimen Tarisbegünstigungen werden daher am 1. Februar 1892 publicirt werden. Berlin, 9. Januar. Nach den „Berl. Polit. Nachr." beginnen demnächst die Berathungen bezüglich der Vorlage über die Communalbesteuerung zwischen dem Finanzressort und dem Reffort des Innern. Breslau, 8. Januar. Die Eisenbahndirection entließ abermals zahlreiche Arbeiter. Blaubeuren, 8. Januar. Kajsirer Kaufmann Schwarz von der hiesigen Gewerbebank unterschlug 240,000 Mk., die er an der Berliner Börse verspeculirte. Derselbe wurde gestern Abend verhaftet. Betheiligt sind größtentheils Minderbemittelte, Handwerker und Fabrikarbeiter. Die Aufregung ist eine große. Die Gewerbebank ist insolvent. Die volksparteilichen Mitglieder des Direktoriums wurden bei der letzten Wahl verdrängt. London, 9. Januar. Die Polizei entdeckte in Walsall eine Menge anarchistischer Schriften. Man glaubt außerdem eine Gießerei von Sprengbomben entdeckt zu haben. Druffel, 8. Januar. Anfang März d. I. beginnt die Verkeilung des neuen Rep etirgewehrs (Lütticher Fabrikation) an sämmtliche Truppen. Effen a. d. Ruhr, 9. Januar. Auf der Zeche „Wolfs- bank" bei Borbeck sand gestern Abend eine Explosion statt. Infolge Verbrennung sind in der Grube sechs Bergleute tobt, sieben theils schwer verwundet. Amtlicher Cherl. Gießen, den 7. Januar 1892. Betr.: Das Reichgesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen. Das Großherzogtichc Kreisamt Eichen an Großh. Polizeiamt Giehen und Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises. Die bis jetzt in Gemäßheit unseres Ausschreibens vom 2. b. Mts. (Kreisblatt Nr. 4) vorgelegten Auszüge lassen sämmtlich die Angabe derjenigen Stelle vermissen, bei welches die betreffenden Untersuchungen stattgefunden haben. Wir sind daher veranlaßt, Sie auf den bezüglichen zweiten Absatz des Ausschreibens vom 2. b. Mts. noch besonders hinzuweisen. ___________ v. Gagern._____ Gießen, den 7. Januar 1892. Betreffend: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetteran. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien Mendorf a.d.Lahn, i Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dors-Gill, Eberstadt Großen-Linden, Grüningen, Holzheim, Hungen, Inheiden, Klein Liichen, Langd. Lang-Gons, Langsdorf, Leihgestern, »ich, Muschenheim, Obbornhofen. Ober-Hörgern, Rabertshausen, Rodheim, Steinheim, Trais-Horloff und Utphe. Sie werden, insoweit Sie noch im Rückstände sind, an baldige Einsendung der in unserem Ausschreiben vom 23. August 1880 - Anzeiger Nr. 201 — vorgeschriebenen Tabelle nach dem unten abgedruckten Muster über die in dem letzten halben Jahre crepirten Thiere erinnert, wobei namentlich in der Spalte „Bemerkungen" die Angabe über die Krankheit des Thiercs und die Art der Beseitigung des Cadavers nicht tu vergessen ist. v. Gagern. Tabelle über die in der Gemeinde........vom .... 18 .. I .. 18 . . crepirten oder gctödteten Thiere. Herren: Adami, Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Habenicht, Heyligenstaedt, Homberger, Jughardt, Keller, Löber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Schopbach, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels. Die die ersten Gegenstände der Tagesordnung bildenden sieben Gesuche um Ertheilung derConcession zum Wirth schasts- bet rieb finden keine Beanstandung, da es sich durchweg um den Uebergang bestehender Wirtschaften in andere Hände handelt. Ludwig Spuck hat die Wirthschaft zum „Hessischen Hof", Karl Bauer das „Deutsche HauS", Martin Weiner seine seither verpachtet gewesene Wirthschaft in der Damm- straße, Gustav K o ch den alten „Schützenhof", Heinrich Velten den „Taunus", Karl Stiasnh die Seibel'sche Wirthschaft an der Frankfurter Straße und Georg Pfaff die Noll'sche Wirthschaft am Kanzleiberg übernommen. Herr Dr. Thaer bemerkt hierbei, durch Veröffentlichung der einzelnen Concessions- gesuche sei im Publikum die Meinung vorhanden, als habe sich die Stadtverordneten-Versammlung in einem großen Theile der zu ihren Berathungen festgesetzten Zeit mit Vermehrung der Wirthschasten in hiesiger Stadt zu befassen, es würde sich wohl empfehlen, in Zukunft anstatt in der Tagesordnung jedes einzelne Concessionsgesuch auszuführen, lediglich eine Rubrik „Gesuche um Wirthschastsconcession" zu veröffentlichen. Herr Beigeordneter Langsdorfs spricht sich für nament- ltche Veröffentlichung der Gesuche aus, weil dadurch den Herren Stadtverordneten die Möglichkeit gegeben werde, sich über jeden einzelnen Gesuchsteller zu orientiren. Herr Oberbürgermeister Gnauth ist im Gegensatz zu Herrn Dr. Thaer der Ansicht, daß bei Veröffentlichung der Tagesordnung die einzelnen Concessionsgesuche mehr specialisirt als bisher werden müßten, dadurch werde das Publikum benachrichtigt, ob es sich um neue Wirthschasten oder um Fortführung von bestehenden handle. Wäre die von ihm vorgeschlagene Specialisirung z. B. bei Veröffentlichung der eben vorliegenden Tagesordnung erfolgt, so hätte eine Meinung, wie Herr Dr. Thaer sie mitgetheilt, im Publikum nicht auskommen können. Herr Wallenfels ist ebenfalls der Ansicht des Herrn Oberbürgermeisters. Herr Heyligenstaedt bittet zu erwägen, ob über Concessionsgesuche nicht besser in nichtöffentlichen Sitzungen zu verhandeln sei, da über die persönlichen Verhältnisse der Gesuchsteller hin und wieder sich geäußert werden müsse. Herr Oberbürgermeister Gnauth würde eine Beschränkung der Oeffentlichkeit betreffs der zur Verhandlung kommenden Gesuche nicht begrüßen, er könne sich besonderer Empfindungen über die dem Kreisausschuß aus Concessionsgesuchen vorgelegten Protocolle über nichtöffentliche Gemeinderathssitzungen nicht erwehren und würde eher für Ausdehnung der Oeffentlichkeit stimmen. Mit persönlichen Verhältnissen der Gesuchsteller habe sich die Stadtverordneten- Versammlung nicht zu befassen, sie habe sich nur gutächtlich darüber zu äußern, ob für das Publikum das Bedürfniß nach irgend einer Wirthschaft vorliege. Herr Beigeordneter Langsdorfs tritt auch sür die Oeffentlichkeit der Verhandlungen ein, betont aber, daß für das Publikum noch keine Sitzplätze vorhanden seien. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt noch, daß dem letzteren Umstande Rechnung getragen werden könne, wenn das Publikum sich zu den Sitzungen einfinden würde- dadurch, daß durch die Presse das Publikum Kenntniß von den Verhandlungen erhalte, läge allerdings für dasselbe keine Veranlassung vor, den Verhandlungen beizuwohnen. Das im Etatsjahr 1892/93 zum Einschlag kommende Eichen st ammholz (Schnitt-, Schwellen- und Bauholz) soll wie in früheren Jahren im Submissionswege ausgeboten werden. Den mit Führung der Personenstandsregister für die Steuerregulirung betrauten Rathsdienern wird die vorgeschlagene Vergütung bewilligt. Der den vorjährigen um 300 Mark übersteigende Voranschlag über die sachlichen Kosten der höheren Mädchenschule wird gutgeheißen. Die Mehrausgaben sind in der Hauptsache verursacht aus der Vermehrung des Anschauungsmaterials, der Anlage einer Mustersammlung von Webereierzeugnissen, der Vervollständigung der Bibliothek und der Erhaltung des Schulgartens. Die Ausgaben des Realgymnasiums und der Realschule für 1892/93 sind angenommen mitMk. 78 461,99 gegen Mk. 73 200 im laufenden Jahre, die Mehrausgaben sind die Folge der den Civilstaatsbeamten bewilligten Gehaltszulagen. An fachlichen Ausgaben sind vorgesehen u. A. 1800 Mk. iür Heizung und Beleuchtung, 350 Mk. für Instandhaltung der Schulgeräthe, 950 Mk. für Lehrmittel, 700 Mk. für die Bibliothek, 700 Mk. für das chemische und physikalische Laboratorium, 300 Mk. für Schreibmaterial, 200 Mk. für Programme u. s. w. Die Einnahmen setzen sich in ihren Hauptposten zusammen aus rund 21000 Mk. Beitrag der Stadt, ausschließlich des 5870 Mk. betragenden Zuschusses zur Bestreitung der sachlichen Ausgaben, 36700 Mk. Schulgeldern u. s. w., so daß ca. 21 000 Mk. vom Staate zuzuschießen bleiben. Der Voranschlag wird nicht beanstandet. Infolge Theilung einer Realschulklasse in zwei Parallelklassen hat sich die Nothwendigkeit der Beschaffung von Schulbänken ergeben. Es wird im Einverständniß mit dem Schulvorstande beschlossen, für eine Klasse eine neue Art (der Größe der Schüler entsprechend verstellbare) Schulbänke anzuschaffen. Für die Re al sch ul turn Halle, welche gleichzeitig zur Abhaltung von Schulfestlichkeiten dienen soll, hat die Schuldeputation ebenfalls neue Bänke, die hauptsächlich den bei Feierlichkeiten als Sänger mitwirkenden Kindern Sitzgelegenheit bieten sollen, zur Anschaffung empfohlen. Es wird beschlossen, Sitzbänke für 200 Plätze, wenn thunlich (auf Anregung des Herrn Stadtverordneten Vogt) aus vorhandenen Schulbänken aus den seitherigen Knabenschulen, zu beschaffen. Dem Gesuch des 3. Bat. Jnf.-RegtS. Kaiser Wilhelm um Ueberlassung von Kies zur Trockenlegung von feuchten Stellen an den Schießständen wird stattgegeben. Die von der Ost an tage nach der G^rünberger- straße (mit Einmündung an der Abzweigung der Licherstraße) zu erbauende Straße soll die vom Stadtbauamt vorgeschlagene, horizontal von der Ostanlage beginnende und ihren Endpunkt mit einer mäßigen Steigung erreichende Höhenlage erhalten. Die Herren Schopbach und Löber machen unter Hinweis auf die Herstellung des Verbindungsweges zwischen Ostanlage und Brandplatz bezw. Lindenplatz aus den schlechten Zustand der Walther'schen Hosraithe aufmerksam. Sie empfehlen die baldige Niederlegung derselben, selbst wenn noch keine Verfügung über den Platz getroffen sei. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt, daß an der Niederlegung der Walther'schen Hosraithe wohl Niemand mehr zweifele,- die Niederlegung der Hosraithe sei aber mit Rücksicht darauf, daß sie noch einer Anzahl bedürftiger Leute Unterkunft biete und ein durch Abbruch von Gebäuden geschaffener Platz, über dessen Bebauung man noch nicht schlüssig sei, noch weniger der Stadt zur Zierde gereiche als ein altes Gebäude, nicht zu empfehlen. Die Frage wegen der (von Herrn Löber beantragten) Niederlegung der Hosraithe soll aus die Tagesordnung einer späteren Sitzung gestellt werden. Dem Gesuch Großh. Handelskammer um Befürwortung einer auf Erbauung einer Bahn von Gießen nach Gladenbach gerichteten Eingabe soll insoweit entsprochen werden, als diesbezügliche Gesuche dem Kreisausschuß zu Biedenkopf und dem Großh. Ministerium zu Darmstadt unterbreitet werden sollen. Die Versammlung war in Uebereinstimmung mit dem von Herrn Oberbürgermeister Gnauth erstatteten Referat der Ansicht, daß sie das Project einer Bahn nicht unterstützen könne, nach welchem vielleicht nur den Interessen der Bewohner des Bieberthales bezw. der preußischen Staatsbahn (im Falle die Bahn nur bis Kinzenbach mit Anschluß an die Bahn Wetzlar—Lollar gebaut wird) gedient würde. In den oben erwähnten Gesuchen soll demgemäß auf Fortführung der Bahn zum Anschluß in Gießen hingewirkt werden. Der letzte Gegenstand der für die Oeffentlichkeit bestimmten Tagesordnung betraf die Amtsniederlegung des Herrn Beigeordneten Keller. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkte hierzu, daß die Stadtverordneten alle mit Bedauern davon Kenntniß genommen, daß Herr Keller in Folge des Todes seines Sohnes gezwungen gewesen sei, sein Amt als Beigeordneter niederzulegen, um die ihm noch verbleibende Kraft seinem Geschäfte zuzuwenden. In das Bedauern über das Ausscheiden des Herrn Keller mische sich das Bedauern der Versammlung über die Ursache des Gesuches um Entbindung von seinem Amte. Herr Keller wurde im Jahre 1861 zum ersten Male in die Stadtverordneten-Versammlung gewählt, in welcher er nunmehr, nach Wiederwahl und seiner im Jahre 1875 nach Einführung der Städteordnung erfolgten Wahl zum Beigeordneten 30 Jahre lang gewirkt. Was die Stadtverordneten-Versammlung in Herrn Keller verloren, das wüßten besonders die Aelteren- hervorzuheben sei seine Kenntniß der städtischen Acten, sein Eifer in den ihm vielfältig übertragenen Geschäften, sein weiter Blick in der von ihm eingenommenen Stellung, seine Erfahrungen in Finanzangelegenheiten und Schulsachen, in welch' letzteren er Grundsätze eines Fortschrittes vertreten, als bei Behandlung derselben mitunter sonderbare Ansichten zu Tage traten. Die Stadtverordneten-Versammlung könne im Hinblick auf das verdienstvolle Wirken des Herrn Beigeordneten Keller nicht umhin, seinem Rücktrittsgesuche die Zustimmung zu geben. Dem Danke der Stadt solle durch besonderes Schreiben noch Ausdruck gegeben werden- den Gefühlen der Dankbarkeit in der Versammlung möge äußerlich dadurch Ausdruck verliehen werden, daß die Herren Stadtverordneten sich von den Sitzen erheben. (Geschieht.) Der Herr Oberbürgermeister bemerkte hierauf, daß dem leider erfolgten Freiwerden der Stelle eines Beigeordneten die Ausfüllung folgen müsse. So gern er als Bürgermeister alle Referate in Selbstperson erstatte, sei ihm dies für die Zukunft in Folge erhöhter Anforderungen an seine sonstige Thätigkeit nicht mehr möglich- er habe vorgehabt, am Schluffe des Jahres die Herren Beigeordneten zu bitten, ihn durch Uebernahme von Referaten zu entlasten- er wünsche deshalb, daß die Neuwahl eines Beigeordneten nicht verzögert, vielmehr bald vorbereitet werden möge. Herr JugHardt empfiehlt Niedersetzung einer mit den Vorbereitungen zur Wahl eines Beigeordneten zu betrauenden Commission, die aus den früher bereits damit betrauten Herren bestehen könne. Herr Habenicht schlägt, nachdem die Herren Grüneberg und Scheel gebeten, nicht wieder in die Commission gewählt zu werden, die Herren Keller und Heyligenstaedt vor. Herr Löber spricht sich in Anbetracht der größeren Stadtverordnetenzahl für Zusammensetzung einer sieben- bezw. acht- gliedrigen Commission aus- Herr Petri empfiehlt Herrn Vogt. Es wird, nachdem die sieben- bezw. achtgliedrige Commission abgelehnt worden, eine sechsgliedrige Commission gewählt, bestehend aus den Herren Georgi, Dr. Gutfleisch, Heyligenstaedt, Homberger, Keller und Dr. Ploch. Herr Beigeordneter Langsdorfs: Angesichts der auf dem Herrn Oberbürgermeister liegenden Last von Amtsgeschästen, die er bisher mit der ihm eigenen Arbeitskraft zu bewältigen gehabt habe, fei es nothwendig, auf tüchtige Beihülfe, bedacht zu fein. Da indeß ein jüngerer Beigeordneter zu viel von feinem Berufsgeschäften in Anspruch genommen werde, ein älterer aber den Bürgermeister nicht in nachhaltiger Weise zu entlasten vermöge, so möchte er empfehlen, einen besoldeten Beigeordneten zu wählen, der seine ganze Kraft auf sein Amt verwenden könne- er glaube, daß dies für die Stadt nur von Vortheil sei, er weise in dieser Beziehung auf Worms hin, welches wohl in gleichen Verhältnissen wie Gießen sich befinde. Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärt, indem er den Vorsitz Herrn Beigeordneten Langsdorff übergibt, noch Aufschluß geben zu wollen über die Gesichtspunkte, nach denen sich eine Neuordnung der Dinge treffen lasse. In der weiteren, unter Abwesenheit des Herrn Oberbürgermeisters stattfindenden Verhandlung erklärt Herr Georgi, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, welche die Anstellung eines besoldeten Beigeordneten nöthig mache, eS solle noch abgewartet werden, wie sich die Verhältnisse nach der in Aussicht stehenden Aenderung in der Städteordnung gestalteten. Herr Wallenfels ist der gleichen Ansicht-'ein besoldeter Beigeordneter sei nicht nöthig, so lange die Arbeit von zwei Beigeordneten geleistet würde, die die Wahrnehmung ihres Amtes als Ehrensache betrachteten. Herr Petri spricht sich dahin aus, daß man sich so lange nicht entschließen solle, einen besoldeten Beigeordneten anzustellen, so lange noch ein Mann zu gewinnen sei, der leistungsfähig genug fei, den Oberbürgermeister zu entlasten. Die Herren Löber und Dr. Thaer wünschen hierüber der Commission volle Freiheit zu lassen. Nachdem noch Herr Georgi bemerkt, daß es doch räthlich sei, der Commission einen Fingerzeig nach der einen oder andern Richtung zu geben, wird die öffentliche Sitzung geschlossen. totales unö provinzieller Gießen, 9. Januar 1892. -s. Die sechste Ausführung des Theater Vereins, Lessings „Emilia Galotti", nahm bei gänzlich ausverkaustem Hause wieder einen glänzenden Verlauf. Es ist nur zu bedauern, daß die Wirkung des ersten Actes dadurch vollständig vernichtet worden, daß ein nicht unbeträchtlicher Theil des Publikums in derselben vornehm-legeren Art erschien, wie man meistens zu Theegcsellschaften, nicht aber zum Theater zu kommen pflegt: eine Viertelstunde zu spät. Das stört nicht nur die bereits anwesenden Zuschauer, auch der Künstler wird dadurch beunruhigt, und der Vorstand des Vereins thäte deshalb gut, künftig eine nahliegende Maßregel dagegen zu treffen. — Ueber die Darstellung des Dramas selbst ist fast Lichts oder nur wenig zu sagen: Herr Hermann als Marinelli und Fräulein Frank als Gräfin Orsina haben auch die kühnsten Erwartungen übertroffen, Herr Hofmann, Herr Schönfeld und Frau Ernst wieder in längst bewährter Weise ihre Rollen vertreten. Herr Diegelmann hat aus dem alten Murrkopf und Emporkömmling Odoardo Alles gemacht, was daraus zu machen war, nur daß er hier und da um eine Schatttrmig, um ein klein wenig zu viel austrug. Herr Meyer gab den Prinzen Hettore Gonzaga in einer so trefflichen Weise wieder, daß man in ihm kaum den Darsteller der allerdings sehr undankbaren Rolle des Herzogs von Ferrara im „Torquato Tassa" wiedererkennen konnte. Fräulein Landori, welche die Bühne des Theater-Vereins gestern zum erstenmale betrat, hat durch ihre seine Auffassung und Darstellung der „Emilia" berechtigte Bewunderung erregt. Nicht nur, daß sie die lebhafte italienische Sinnlichkeit überaus natürlich zum Ausdruck brachte, ihr Verhalten gegen den Prinzen entsprach durchaus den Anforderungen ihrer schwierigen Rolle- allein durch ihre ungekünstelte Sprache und die wunderbar wiedergegebene Sterbescene verdient sie den Namen einer wahren Künstlerin. — Neues Theater. Die allseitig verehrte und beliebte Gästin, Fräulein Thessa Klinkhammer, hat als erste Austrittsrolle, wie uns der Zettel kundgibt, die Elfriede in dem herrlichen Volksschauspiel „Aschenbrödel" von Roderich Benedix gewählt. Die auswärtige Kritik, welche uns vorliegt, nennt die Darstellung der „Elfriede" ein Meisterstück der genialen Künstlerin. Wir empfehlen daher Jedem, sich diesen Kunstgenuß nicht entgehen zu lassen. — Oberhesfischer Obstbauverein. Aus Veranlassung des Vereinsbezirks-Vorstandes wird Herr Obstbautechniker Metz von Friedberg die nachbenannten Orte der Section Nidda besuchen: Am Sonntag den 10. Januar: Nieder-Mockstadt - am Montag den 11. Januar: Ober-Mockstadt- am Dienstag den 12. Januar: Ranstadt- am Mittwoch den 13. Januar: Dauernheim- am Donnerstag den 14. Januar: Blofeld- am Freitag den 15. Januar: Geiß-Nidda- am Samstag den 16. Januar: Unter-Widdersheim - am Sonntag, 17. Januar: Nidda. — Derselbe hält Morgens von 9—12 Uhr und Nachmittags von 2—5 Uhr Demonstrationen in den Baumgärten ab und hält Abends einen Vortrag in einem von der Bürgermeisterei zu bestimmenden Locale. Am 10. und 17. Januar, als an Sonntagen, unterbleiben die Demonstrationen und wird je ein Vortrag Nachmittags 3 Uhr abgehalten werden. — Wir erhielten nachstehende Zuschrift: Gießen, den 9. Januar 1892. Geehrter Herr Redacteur! Beim Lesen Ihres gesch. Blattes Nr. 7 vom 9. d. Mts. finde ich die Anzeige 338, betreffend Fleifchverkaus auf der Freibank. Gestatten Sie die Frage: Ist es nicht eine Täuschung des P. P. Publikums, zu sagen, daß daß dort feilgebotene la Ochsenfleisch sei? Der Ochse, er mag noch so fett und noch so gesund bezügl. seines Fleisches scheinen, la ist es aber doch nicht — in keinem Falle— sondern minderwerthig, ja unter Umständen sogar gesundheitsschädlich. Der Zusatz „nicht ladenrein" ist purer Hohn auf la. Ist es ferner nicht eine Schädigung des durch Abgaben doch ziemlich belasteten Metzgergewerbes, durch la mehr Käufer der Freibank zuzuführen? Meines Erachtens ist die Freibank dafür da, daß noch genießbares, minderwerthiges Fleisch zu Gunsten der Eigentümer der durch die Fleischbeschau beanstandeten Schlachtthiere bestmöglichst verwerthet wird, — aber nicht um das Publikum zu täuschen durch Geschästsreclame, die einmal nicht nöthig ist, und dann auch manchen ehrlichen Fleischer im Erwerb schädigt. Ich grüße Sie, aus Ehrenwort: Kein Metzger, aber Freund der Wahrheit. 4- Lich, 8. Januar. Eine alte Sitte, aus einer Zeit stammend, da unsere Urgroßeltern noch flotte Tänzer waren, ist in der Sylvesternacht wieder neu erstanden. Zur Mitternachtsstunde ließen nämlich eine Anzahl von Damen und Herren aus höchster Höhe des hiesigen Thurmes mehrere Choräle zur Begrüßung des neuen Jahres über unsere Stadt hin erschallen. Vivat segnens!