'ir. 210 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Tie Gießener Aamitienktätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Freitag den 9. September_______________________ KteKenerÄnzeiger Kenerat-Anzeiger. 1892 Vierteljähriger Aöonnementspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. * Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstraße Mr.7. Fernsprecher 51. Amts- nnd Anzergsblntt füv den Ttveis Greben. T Hratisöeilage- HieKemr KamicienMtter. Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Amtlicher Theil. Gießen, 7. September 1892. betreffend- Maßnahmen gegen die Cholera. vas Großherzogliche Kreisamt Gießen cm die Grstzh. Bürgermeistereien de- Kreises. Diejenigen von Ihnen, welche unser Ausschreiben vom 6. August d. I. (Gießener Anzeiger Nr. 192) noch nicht rledigt haben, erinnern wir an die Berichterstattung binnen Tagen bei 3 Mk. Strafe. v. Gagern. Bekanntmachung, Maßnahmen gegen die Cholera betreffend. Auf Grund des Art. 79 der Kreisordnung bestimmen lir für sämmtliche Gemeinden des Kreises Gießen, daß Jedermann, der in seiner Wohnung Personen aufnimmt, welche aus einem von der Cholera verseuchten Orte kommen, als solche Orte sind dermalen in Deutschland Hamburg, lltona und deren nächste Umgebung anzusehen) hiervon der 'ocalpolizeibehörde binnen 24 ^tunbett Anzeige zu rachen hat. Die Unterlassung dieser Anzeige wird mit polizeilicher Geldstrafe bis zu 90 Mark bestraft. Gießen, den 7. September 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Gießen, den 7. September 1892. tetr.: Wie vorher. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen lN die Großherzoglichen Bürgermeistereien und Local-Polizeibehörden. Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung reifen wir Sie an, im Falle bei Ihnen Anzeige von der lnkunft einer aus einem durch Cholera verseuchten Orte ugereisten Person in Ihrer Gemeinde erstattet wird, sofort ine ärztliche Untersuchung der Angekommenen zu veranlassen lnd diese Untersuchung während fünf Tagen in geeigneten Abschnitten wiederholen zu lassen. Zeigt sich bei einem der Angekommenen Verdacht einer holeraartigen Erkrankung, so ist wegen Jsolirung des Er- rankten und seiner etwaigen Familienangehörigen, bezw. "egen Verbringung des Erkrankten in das besondere Local, welches zu diesem Zwecke etwa bereit gestellt worden ist, nach Naßgabe der ärztlichen Anordnungen das Nöthige zu ver- nlaffen, jedenfalls aber uns sofort telegraphische Anzeige u machen. _____________ v. Gagern. Bekanntmachung, ie Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien im Groß- erzogthum, hier Gesuch des internationalen Comites für lbhaltung von Trabrennen in Baden-Baden um Erlaubniß zum Vertrieb von Loosen betreffend. Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz dem internationalen 'omit6 für Abhaltung von Trabrennen in Baden die Er- rubniß ertheilt hat, die Loose einer von demselben im Herbste es laufenden Jahres zur Erhaltung der Badener Pferde- Üettrennen zu veranstalten Verloosung von Pferden, Pferde- eschirr 2c. innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben. Vir bemerken, daß nach dem von der zuständigen Behörde enehmigten Verloosungsplan 100000 Loose ä 1 Mk. aus- EZeben werden dürfen und 60000 Mk. zum Ankauf von ^ewinnsten verwendet werden müssen. Gießen, den 7. September 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend die Maul- und Klauenseuche zu Schotten. Wegen der in Schotten und mehreren Orten des dorti- rn Krelses in größerer Ausdehnung herrschenden Maul- und lauenseuche hat Großh. Kreisamt Schotten den auf Montag :n 12. d. M. daselbst bestimmten Viehmarkt verboten. Gießen, den 8. September 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gießen, den 6. September 1892. Betr.: Ausführung der allgemeinen Bauordnung, hier Erstattung der Revisionsberichte. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Eine größere Anzahl von Bauwesen in den einzelnen Gemeinden ist nach Mittheilung der Bezirksbau-Aufseher theil- weise bereits längere Zeit revidirt, ohne daß uns hierüber bis jetzt Ihrerseits vorschriftsmäßige Anzeige erstattet ist. Soweit Sie hiermit im Rückstand sind, beauftragen wir Sie, das Versäumte ohne Verzug nachzuholen. (Vgl. § 101 der Verordnung vom 18. Juli 1887). v. Gagern. _______________ Gießen, den 6. September 1892. Betr.: Gesuche um Zurückstellung von Lehrern bei Einberufung zu einer militärischen Hebung. Die Großh. Kreis-Schulcommission Gießen an die Schulvorstände des Kreises. Es ist zum öfteren vorgekommen, daß Gesuche in rubr. Betr. von Schulvorständen erst ganz kurze Zeit vor Beginn der militärischen Hebung bei uns eingereicht worden sind. Das Großherzogliche Bezirks - Commando ist dann außer Stande, eine Dispensation zu ertheilen, weil zunächst ein anderer Lehrer zum Ersatz für den ausfallenden eingestellt werden muß. Wir sehen deshalb und weil auch von uns zeitig Vorlage wegen Vicarirung der betreffenden Lehrerstelle bei der höchsten Schulbehörde erfolgen muß, in Zukunft der Einsendung der Berichte in rubr. Betr. oder bezüglich des einzurichtenden Vicariats sofort, nachdem Ihnen der Lehrer seine Einberufung angezeigt hat, entgegen. Sie wollen den Lehrern von dieser Verfügung Kenntniß geben. v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 8. September. Der Kaiser hat auf Grund von Vorträgen des Reichskanzlers, des Staatssecretärs im Reichsamte des Innern und des Kriegsministers verfügt, daß die Kaisermanöver beim 8. (rheinischen) und 16. (lothringischen) Armeecorps in Anbetracht der Chole rage fahr aus- zusallen haben. In Folge dessen werden auch die geplanten Reisen des Kaisers nach Coblenz und Metz unterbleiben. Der Statthalter der Reichslande hat im Kaiserlichen Auftrage die Abbestellung der großen Manöver in Lothringen öffentlich bekannt gemacht. Die Kundgebung betont, dieser Verzicht auf das Kaisermanöver sei erfolgt, weil Se. Majestät in warmer landesväterlicher Fürsorge für das Wohl der Bevölkerung vermieden wissen wolle, daß durch das Zusammenströmen der patriotischen Bevölkerung Gefahr für ihre und ihrer Familien Gesundheit entstehe. Se. Majestät bedauere schmerzlich, die zugedachten Huldigungen der braven lothringischen Bevölkerung nicht entgegennehmen zu können. Auch die Kaisermanöver des 13. (württembergischen) und 14. (badischen) Armeecorps werden wegen der Choleragefahr vermutlich ausfallen- doch ist die Entscheidung hierüber den betreffenden Landesregierungen anheimgestellt worden. — Die Frage des geplanten handelspolitischen Abkommens zwischen Deutschland und Rußland kann endlich einen nicht unwichtigen Fortschritt verzeichnen. Laut einer Meldung aus Petersburg wird daselbst in den allernächsten Tagen die zur Berathung der zwischen Deutschland und Rußland schwebenden wirthschaftlichen Fragen eingesetzte Commission, bestehend aus dem Finanzminister, dem Minister des Innern und der Domänen, sowie dem Minister des Auswärtigen, zu ihrer ersten Sitzung zusammentreten. Da Herr v. Giers zur Zeit auf französischem Boden weilt, so wird ihn vetmuthlich Herr Schischkin, der gegenwärtige intermistische Leiter des Petersburger Auswärtigen Amtes, auch bei diesen Commissionsberathungen vertreten. Den Gegenstand derselben werden wohl die inzwischen nach Petersburg gelangten deutschen Forderungen bilden. — Der Verbandstag der Deutschen Berufsgenossenschaften hat in Hamburg den Beschluß gefaßt, die Reichsregierung zu ersuchen, eine Darstellung aller der Einrichtungen, welche int deutschen Reiche auf dem Gebiete der Arbeiter-, Kranken-, Hnfall-, Alters- und Jnvallditäts- versicherung geschaffen sind, sowie der bisher dadurch erzielten Erfolge auf der Weltausstellung in Chicago in geeigneter Form zur Darstellung zu bringen. Begründet wurde dieser Beschluß damit, daß Deutschland ein lebhaftes Interesse daran habe, die social politischen Einrichtungen zu Gunsten der Arbeiter schon deshalb möglichst zum Gemeingut aller Culturnationen zu machen, damit die durch jene Einrichtungen bedingte einseitige Belastung der deutschen Industrie die Concurrenzfähigkeit der letzteren auf dem Weltmärkte nicht schädige._____________________________________________ Ueucftc Nachsichter*. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Stuttgart, 7. September. Dem Vernehmen nach forderte der König über die Frage, ob das Manöver des 13. Armeecorps stattfinden solle, ein Gutachten des Medicinalcollegiums ein. In ganz Württemberg ist bisher kein Cholerafall vorgekommen. Straßburg i. E., 7. September. Die Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Metz findet am Sonntag den 11. d. M., Mittags 12 Hhr statt. Genf, 7. September. Das internationale Institut für Rechtspflege beschloß in seiner heutigen Sitzung die Gründung eines permanenten internationalen Bureaus für die Veröffentlichung der internationalen Verträge. Die Kosten werden aus 100 000 Franken jährlich veranschlagt. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 7. September. Der „Reichsanzeiger" publicirt eine Cabinetsordre, wonach die Kaisermanöver beim 8. und 16. Armeecorps abbestellt find. Dieselbe enthält ferner die Bestimmung, daß diejenigen Mannschaften, welche an cholerainficirten Orten wohnen, länger bei den Truppen bleiben können, wenn fie es wünschen. Berlin, 7. September. Wie dem „Berl. Börsencourier" aus Ostende gemeldet wird, wurden gestern im dortigen Spielclub des Kursaales sämmtliche den Spielpächtern gehörende Marken und Gelder vom Spieltische vom Staatsprocu- rator beschlagnahmt. Berlin, 7. September. Dem „Berl. Tagebl." zufolge sind die für Baden und Württemberg angesetzt gewesenen Kaisermanöver beim 13. und 14. Armeecorps ebenfalls abbestellt worden. Es fallen demnach die diesjährigen Kaiser- manöver ganz aus. Breslau, 7. September. Der „Generalanzeiger" erhält angeblich aus guter Quelle die Mittheilung, daß in Zukunft jährlich etwa 90 Rekruten pro Compagnie eingestellt werden statt wie bisher 45. Die Mehrausgaben sowie Kosten der neu zu errichtenden Cadre-Bataillone dürsten 100 Millionen, wenn nicht mehr, betragen. Genua, 7. September. Das französische Geschwader, bestehend aus drei Panzerschiffen und einem Aviso unter Admiral Riennier, ist soeben eingetroffen. Eine große Menschenmenge war zugegen. Es erfolgte keine Kundgebung. Die Radikalen wollten dem Admiral einen Blumenstrauß überbringen. Der Präfect rieth aber von jeder besonderen Ehrung ab, da alle Gäste hierdurch verletzt würden. Die Absicht wurde daher fallen gelassen. Die Cholera. — Die Chol era nachrichten aus verschiedenen Städten des Reiches, an denen die Cholera bis jetzt ausgetreten ist, geben, von Hamburg abgesehen, zur Zeit keinen Anlaß zu besonderen Beunruhigungen. Hoffentlich setzt die eingetretene rauhe und nasse Witterung, die schon stark an den heran- nahenden Herbst mahnt, der weiteren Verbreitung der gefährlichen Krankheit in Deutschland baldigst ein Ziel. Berlin, 7. September. Die Milüär-Medicinalverwaltung entsandte einen Stabsarzt mit vier Unterärzten zur Hilfeleistung nach Hamburg. Berlin, 7. September. Die hiesigen maßgebenden Behörden bereiten eine osficielle Kundgebung vor, nach welcher Berlin für völlig seuchenfrei erklärt werden soll. Berlin, 7. September. Amtlicher Cholerabericht. Hamburg am 6. September gemeldet: 702 Erkrankungen, 333 Todesfälle. Altona 18 und 9. Unter den nachträglichen Meldungen befinden sich aus der Stadt Magdeburg 2 Erkrankungen, aus der Stadt Hannover 2 Erkrankungen, aus der Stadt Cleve 1 Todesfall. Berlin, 7. September. In der heutigen speciell für Besprechung der Cholera anberaumten Sitzung der mebici« Nischen Gesellschaft conftatirte der Dirigent des hiesigen Choleralazareths Guttmann, außer den bekannten sechs Fällen der asiatischen Cholera sei in Berlin seit fünf Tagen kein'neuer vorgekommen. Alle Fälle seien nachweislich nur AnsteckungS- sällc. Guttmann glaubt nicht, daß die Cholera in Berlin an Ausdehnung gewinne. Virchow stellte fest, die Seuche zeige deutlich die Tendenz, nach Westen nicht weiter vorzurücken. Pfeiffer, vom Institut Professor Kochs, wies die Ueberein- stimmung der bacteriologischen Feststellungen mit den bisherigen Forschungen nach. Virchow erklärte aus Befragen, die Seuche scheine in Hamburg den Höhepunkt überschritten zu haben. Hamburg, 7. September. Die Cholera ist seit gestern im Vororte Barmbeck in der Nähe des Friedhofs Ohlsdorf stärker aufgetreten. Die für die Nothleidenden veranstalteten Sammlungen haben nahezu eine halbe Million erreicht. Die Helgoländer Schiffer haben unter sich für die Hamburger Nothleidenden 2000 Mark gesammelt. Hamburg, 7. September. Gegenüber einer Meldung, daß gestern Abend 1300 Leichen unbeerdigt gewesen seien, ist amtlich sestgestellt worden, daß in allen'Leichenhäujern und in beiden Krankenhäusern zusammen nicht über 6 50 unbeerdigte Leichen waren. Davon ist der größere Theil Nachts beerdigt worden. Hamburg, 7. September. Amtliche Ziffern. Meldungen vom Dienstag: 702 Erkrankungen und 333 Todte, davon 436 Erkrankungen und 179 Sterbefälle als Nachmeldung, es bleiben also für Dienstag 266 Kranke und 154 Todte. Die polizeilicbe Transportmeldung vom Dienstag verzeichnet 224 Erkrankungen und 102 Sterbefälle, eine Abnahme von 98 Kranken und 15 Todten. Altona, 7. September. Von gestern Mittag bis heute Mittag wurden 18 Erkrankungen und 9 Todesfälle gemeldet. Bremerhaven, 7. September. Die Behörden hatten die Hafensperre gegen die von Bremen kommenden Schiffe beschlossen. Auf Veranlassung des Bremischen Senats wurde der Beschluß sofort wieder zurückgezogen. Bamberg, 7. September. Die Einberufung eines Hamburger Hafenzollverwalters als Reservehauptmann hierher wurde aus eine Eingabe hiesiger Einwohner telegraphisch zurückgezogen. Karlsruhe, 7. September. Die bacteriologische Untersuchung der in Rappenau verstorbenen Person ergab, daß nicht asiatische Cholera vorliegt. Die Verstorbene war bereits länger krank. Paris, 7. September. Amtlich. Gestern sind an der choleraähnlichen Epidemie in Paris 80 Personen erkrankt und 35 gestorben- in der Bannmeile von Paris 32 erkrankt und 21 gestorben. In Havre sind 27 Personen erkrankt und 7 gestorben. Localer nnö provinzieller. Gießen, 8. September 1892. — Verhaftet wurde gestern ein Dienstmädchen, das einem Metzgerburschen mittels Nachschlüffels aus einem ver- schloffenen Koffer ein Zehnmarkstück und aus einer an der Wand hängenden Hose noch weiteres Geld entwendet hat. — Uuglücksfall. In Großen-Buseck ist gestern wieder ein junges Menschenleben dem Spielen mit Feuerwaffen zum Opfer gefallen. Zwei Knaben spielten mit einer Pistole, wobei dieselbe losging und der eine Junge so unglücklich getroffen wurde, daß er alsbald verstarb. — Eine Geueralstabsberathuug in Mainz. General •b. Verdy erzählt in dem soeben erschienenen fünften Bande von „Moltkes Denkwürdigkeiten" Folgendes: Unter sehr komischen Verhältnissen sand einer der ersten Vorträge während des Krieges von 1870 statt. Es war in der Nacht vom 6. zum 7. August zu Mainz, als ein Flügeladjutant einen der Abtheilungschefs weckte und ihm ein soeben eingegangenes Telegramm des Kronprinzen reichte, das Seine Majestät erhalten hatte, dessen Inhalt aber nicht recht verständlich war. (Es war die zuerst angekommene zweite Hälfte des Telegramms über die Schlacht von Wörth.) Der Betreffende sprang auf und setzte sich an den Tisch, wo die Karten aufgelegt waren, nur im Nachthemde und Pantoffeln. Das Gespräch hatte den im Nebenzimmer schlafenden zweiten Chef geweckt, er trat in demselben Costüm in das Zimmer herein. Beide erkannten die Wichtigkeit der Nachricht trotz ihrer Verstümmelung und beschlossen, dem General-Quartier- meister hiervon Kenntniß zu geben. Jeder nahm ein Licht in die eine, die Landkarten in die andere Hand und so ging es zu dem eine Treppe höher wohnenden General von Podbielski. Die dabei geführte Unterhaltung weckte den dritten Ches, sowie einen der Adjutanten und, irre ich mich nicht, auch den Bureauchef, und nun begab sich die ganze Karawane zum alten Moltke, Alle in demselben vorhin beschriebenen Costüm, ein jeder mit einem Licht und Karten versehen. Als wir in das Schlafzimmer des Generals eintraten, war der Anblick, den wir dem General bereiteten, gewiß sehr eigentümlich, und während er uns, stumm sich im Bett erhebend, betrachtete, wußte er wohl zunächst nickt, ob er wache oder träume. Aber auch für die Eingetretenen war die lange, hagere Gestalt des sich erhebenden Herrn im Nachtgewande um so mehr eine gespensterhaste Erscheinung, als wir ihn zum ersten Male ohne Perrücke sahen und der Helle Mondschein sich gerade in diesem Augenblick auf das claffisch geformte Haupt zu concentriren schien. In dieser Lage und in diesem Costüm wurde demnächst der erste Vortrag gehalten. - An die Geschäftsstelle des Oberhefs. Obstbauvereins zu Hnedverg lief folgendes Schreiben ein: „Zu meinem Erstaunen, aber auch zum größten Aerger habe ich gehört, daß hier unten in der Wetterau schon Aepfelverkäufe mit Lieferung vom 15.-20. September abgeschlossen sind. Bei der ver- spateten Blüthe, dem kalten Wetter im Juni theilw. Juli sind die Aepsel noch sehr weit zurück. Es ist eine Schande, das chone Obst so unreif herunterzureißen. Erheben Sie doch schon im nächsten Oberh. Anzeiger einen ernsten Protest und veranlassen Sie ein behördliches Einschreiten gegen diese Paumschändcr." Leider liegt es nicht in der Macht der Behörden, dem entgegen zu treten. Es wird ja seitens der Krelsamter und auch mancher Bürgermeistereien bekannt i gegeben, daß empfohlen würde, das Obst nicht vor einem i bestimmten Termin abzumachen, aber zu seinem Vortheile j zwingen kann man Niemanden. Wer so wenig Verständniß für seine Bäume hat, mag sie zur Strafe frühzeitig zu Grunde gehen oder an Ertragsfähigkeit von Jahr zu Jahr mehr abnehmen sehen. Auch an dieser Stelle sei wieder aus die Obstmärkte hingewiesen, die Ende September in Butzbach, Friedberg und Vilbel stattsinden werden. Nidda, 7. September. Vom 6. bis 9. October d. Js. findet hier in den Räumen der Brauerei „zum Gambrinus" eine Obstausstellung statt, zu welcher nur die Mitglieder der Kreise Büdingen und Schotten Ausstellungsgegenstände einsenden können. Dieselbe wird am Donnerstag den 6. Oc- tober, Vormittags 11 Uhr, feierlich eröffnet und am Sonntag den 9. October, Abends 6 Uhr, mit feierlicher Preise- und Diplom-Vertheilung geschlossen. Als Programm für die Ausstellung sind folgende Preisausgaben gestellt: 1) Schöne, gut cultivirte Früchte. Ä. Aepsel. 1. Früchte vom Hochstamm: a) Tafel und Wirthschaftsobst: a. 6 Stück Winter-Gold-Parmänen, b. 6 Stück große Casseler Reinetten, c. 6 Stück graue französische Reinetten, d. 6 Stück Canada- Reinetten, e. 6 Stück Baumanns Reinetten, f. 6 Stück Parkers Reinetten, g. 6 Stück rother Eiserapfel, h. 6 Stück Danziger Kantapfel, i. 6 Stück Früchte einer anderen Sorte- b) Wirthschaftsobst: a. 6 Stück Schassnase, b. 6 Stück großer Bohnapfel, c. 6 Stück brauner Matapsel, d. 6 Stück geflammter Cardinal, e. 6 Stück einer anderen Wirthschafts- frucht. 2) Früchte vom Zwergstamm: 6 Stück Aepsel einer Sorte. B. Birnen vom Hoch- oder Zwergstamm: a. sechs Früchte einer Herbst-Taselbirne, b. 6 Früchte einer frühen Wittter-Tafelbirne, c. 6 Früchte einer späten Winter Tafelbirne, d. 6 Früchte einer Wirthschastsbirne (vom Hochstamm). 0. Weintrauben: Ein großer Teller einer Traubensorte. D. Andere Obstsorten: Steinobst, Speierlinge, Mispeln, Quitten, Nüsse, Haselnüsse. 2) Obst-Sortimente: a. ein Sortiment von 12 werthvollen Apfelsorten in je drei Früchten, b. ein Sortiment von 12 werthvollen Birnensorten in je drei Früchten, c. ein systematisch geordnetes Apfel- und . Birnensortiment von beliebiger Sortenzahl, d. ein Sortiment Weintrauben. 3) Producte der O bstverwerthung. a) Aepselweine: a. zum Verkauf, b. zum eigenen Gebrauche hergestellt - b) Aepfelschaumweine- c) Beerenweine: a. Tischweine : 1. von Verkaussfirmen, 2. von Privaten, b. Likörweine: 1. von Verkaufsfirmen, 2. von Privaten; d) Trauben- hjeine, s) Fruchtsäste, f) Obsthonig, g) Obstbranntweine. 4) Obstbäume: a. Hochstämme, b. für Zwergbäume. 5) Geräthe: a. für Obstbaumpflege, b. für Obst- verwerthung. K. Ober Mockstadt, 5. September. Ein fast noch nie gehörter Gaunerstreich ist heute dahier an einem zwölfjährigen Knaben verübt worden. Derselbe hütete nämlich in der Nähe des Waldes die Kühe- plötzlich kamen zwei Männer, nach der Beschreibung des Knaben herumziehende Korbmacher, aus dem Walde, stopften ihm ein Tuch in den Mund und zogen ihm die Kleider aus. Nachdem sie dieselben an sich genommen, verschwanden sie wieder im Walde. Der Knabe kam so erschreckt nach Hause, daß er kaum den Hergang erzählen konnte. Der Polizei ist es gelungen, einen von den Thätern zu verhaften. A Mainz, 7. September. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts wurde heute ein kaum 20 Jahre alter Postgehilse Carl Valentin Windecker aus Friedberg, der Sohn einer sehr achtbaren Familie, wegen Unterschlagung von Werthbriefen in der Höhe von 13000 Mk. zu einer Gefängnißstrase von 18 Monaten verurtheilt. Der leichtsinnige junge Mensch hatte die Unterschlagung auf dem Wege bethätigt, daß er Einschreibebriefe, in denen sich Geld vermuihen ließ, bei Seite schaffte und gewöhnliche Briefe mit dem Vermerk „Eingeschrieben" versah, wodurch er im Stande war, die richtige Zahl der eingeschriebenen Briefe weitergehen zu lassen. Diese betrügerische Manipulation betrieb Windecker über einen Monat und nur seine verschwenderische Lebensweise — in wenigen Tagen vergeudete er mit zwei Chansonetten 1700 Mk. — führte zu seiner Ueberführuug. * Vermischte-. * Frankfurt a. M., 7. Sept. Die Musikcapelle des Pionierbataillons Nr. 15 (Straßburg), dw in der Gegend von Hamburg bei den Manövern spielte, kam heute Mittag 1 Uhr 44 Min. über Berlin hier an, durfte jedoch nicht aussteigen. Der durchgehende Wagen, in dem sich die Capelle befand, wurde laut Verfügung der hiesigen Polizei unterhalb der Commandobrücke ausgesetzt und dann dem Schnellzuge, der um 4 Uhr 40 Min. über Darmstadt nach Straßburg (ihrem Garnisonsorte) abgelasseu wird, angehängt. Aus Cuxhaven wurde kürzlich berichtet, daß ein norwegischer Capitän sich mit seiner Braut an Bord eines Seeschleppers außerhalb des letzten Feuerschiffes auf offener