Str. 85 Samstag den 9. April 1892 Keßener Anzeiger Senerat-Wrzeiger. Amts- und Anzeigedlntt für dsn "Kreis Gieren Hratisöeitage: Hießener Zamikienötätter. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncm-Bureaux de- In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Die Gießener AamtkienötLlter werden dem Anzeiger wdchentlich dreimal beigelegt. Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-. Vierteljähriger AsonnementsprelO» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schntftraße Ar.J. Fernsprecher 51. Amtlicher Theil. Dir. 19 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. v. M., enthält: (Nr. 2009.) Gesetz, betreffend die Feststellung des .Reichshaushalts - Etats für das Etatsjahr 1892/93. Vom 30. März 1892. (Nr. 2010.) Gesetz, betreffend die Ausnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Neichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen. Vom 30. März 1892. (Nr. 2011.) Gesetz über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete. Vom 30. März 1892. (Nr. 2012.) Gesetz, betreffend die Feststellung des Haus- balts-Etats für die Schutzgebiete Kamerun, Togo und das südwestafrikanische Schutzgebiet für das Etatsjahr 1892/93. Vom 30. März 1892. Gießen, den 8. April 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums. Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Groß-Steinheim beabsichtigt, am 4. Januar 1893 eine Verloosung von Gold-, Silber-, Kunst- und Jndustriegegenständen zu veranstalten, um die Mittel zum 'Neubau einer Synagoge zu Groß-Steinheim zu gewinnen. Tas Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 20000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 65pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind. Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestaltet worden. Gießen, den 6. April 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Zwanzigste Sitzung des Provinzialtags der Provinz Qbertzest'cn. Gegenwärtig: 1. Der Vorsitzende, Großh. Provinzial-Director Freiherr v. Gagern, 2. die Provinzialtagsmitglieder: Bürgermeister Arnold, Alsfeld, Beigeordneter Braun, Nidda, Commerzienrath Hugo Buderus, Hirzenhain, Rechtsanwalt Curtman, Gießen. Mühlenbesitzer Erk, Nidda. Bürgermeister Fendt, Schotten, Gemeinde-Einnehmer Frey mann, Gedern, Justizrath Dr. Geyger, Assenheim, Oberbürgermeister Gnauth, Gießen, Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch, Gießen, Kaufmann Jäger, Schlitz, Bürgermeister Keil, Melbach, Graf Oriola, Büdesheim, Gutspachter von Oven, Hungen, Oberamtsrichter Rabenau, Büdingen, Bürgermeister Schmalbach, Crainfeld, Gras Friedrich zu Solms-Laubach Erlaucht, Fabrikant Carl Trapp, Friedberg, Fabrikant G. W. Wenzel, Lauterbach, 3. die Provinzialausschußmitglieder: Bürgermeister Stöpler, Lauterbach, Landgerichtsrath Dr. Schäfer, Gießen, 4. der Provinzialingenieur Stahl, 5. der Protorollsllhrer, Kreisamtsgehülse Becker. (Die Mitglieder Hüttenbesitzer Buderus in Lollar, W. Engel, Homberg, Landgerichtsrath Holzapfel, Gießen, Rechtsanwalt Jockel, Friedberg und Freiherr Georg Riedesel zu Eisenbach haben ihr Nichterscheinen entschuldigt.) Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung mit folgenden Worten, welche die Mitglieder des Provinzialtags stehend anhörten: Tiefe Trauer erfüllt uns bei dem diesmaligen Zusammentreten des Provinzialtages. Der Klang der Glocken, die noch täglich laut in das Land Hinausrusen, daß Großherzog Ludwig IV. aus dieser Zeitlichkeit abgeschieden ist, findet klagenden Widerhall in unseren Herzen. Gerade heute vor einem Monate war es, als die Kunde von der schweren Erkrankung unseres Landesherrn wie ein Blitz aus heiterem Himmel uns traf; und die bangen Tage, in welchen die Hoffnung aus Erhaltung seines theuren Lebens mit der Angst vor dem uns drohenden Verluste kämpfte, sie endeten mit dem herbsten Schicksalsschlage für das Groß- herzogliche Haus und das hessische Volk. Erwarten Sie nicht von mir eine Schilderung des allzu früh abberufenen Fürsten und der Verdienste, die er als Soldat auf dem Felde der Ehre, als treuer Bundesgenosse dreier Kaiser, als Herrscher in feinem angestammten Lande sich erworben hat. Wenn der leibliche Vater uns entrissen wird, forschen und grübeln wir ja auch nicht, durch welche Eigenschaften er uns lieb und theuer war: wir fühlen eben nur den Schmerz der Trennung von dem, der unserem Herzen nahe stand, dem wir in treuer Dankbarkeit anhingen; das überwältigende Gefühl des unersetzlichen Verlustes beherrscht uns. Einem solchen Gefühle Ausdruck zu geben, hat der Provinzialausschuß Namens der Provinz Oberhessen am Sarge unseres verewigten Großherzogs einen Kranz niederlegen lassen, — als schwaches Zeichen des gesegneten- unauslöschlichen Andenkens, in dem dieser unparteiische und vorurtheils- sreie, gnädige und gerechte Fürst bei seinem Volke stets fort» leben wird. Seine Königliche Hoheit, unser jetzt regierender Großherzog haben die Gnade gehabt, in Seinem und Seiner Durchlauchtigsten Schwestern Namen auch für diesen Beweis treuer Anhänglichkeit besonderen Dank aussprechen zu lassen. Er hält sich mit Recht versichert, daß die Hessentreue, biei unser Volk Seinem nunmehr in Gott ruhenden Herrn Vater und Seinen Vorfahren allezeit gehalten hat, auch auf Ihn übertragen worden ist. Wir huldigen Ihm mit dem heißen Wunsche, daß Ihm eine lange und glückliche Regierung beschieden sein möge, gleich dem Ahnherrn Ernst Ludwig, dessen Namen er trägt. Nachdem derselbe sodann noch mit warmen Worten des Ablebens des Provinzialtagsmitgliedes AdalbertFreiherr von Nordeck zur Rabenau gedacht hatte, wurde zunächst durch Feststellung der Präsenzliste die Beschlußfähigkeit der Versammlung constatirt und die Mitglieder Herr Graf Oriola und Herr von Oven zu Urkundspersonen designirt und Kreisamtsgehülse Becker zum Protocollsührer bestimmt und als solcher verpflichtet. Zur Tagesordnung 1. Prüfung der Rechnung der Proviuzialkaffe uud Erstattung des Rechenschaftsberichts für 1890/91 übergehend, erstattete der Vorsitzende den Rechenschaftsbericht Feuilleton. Der Ausstand in Chile. (Schluß.) Die Zeiten der ersten französischen Revolution mit all ihren Schrecknissen schienen gekommen zu sein, nur daß die Häupter der hiesigen wohl vernünftiger fein werden, als jene es waren. Wo aber die Regierungstruppen, diese Feiglinge, geblieben sind, weiß kein Mensch zu sagen; sie hatten sich zerstreut und verkrochen, sich in Civil geschmissen und fix ein rothes Band um den Aermel gelegt.. Der Hauptact des Tages kam aber noch; man hatte nämlich schon längst vermuthet, daß bei einem Rencontre zwischen Oppositionsund Regierungstruppen der Pöbel, der sogenannte „roto“, welcher gewiß vor keiner Blutthat zurückschreckt, als dritte Macht aus der Bildfläche erscheinen und unter dem Schutze der finsteren Nacht sein schändlich Handwerk ausüben würde. Und richtig, so kam es auch. Noch nie habe ich mich so frühe zu Bett begeben als vorgestern, es war J/a9 Uhr. @ine geraume Zeit vorher belehrten einem hier und dort fallende Gewehrschüsse, daß einige tausend Banditen, die sich von den Schlachtfeldern Waffen geholt hatten, bereits bei der „Arbeit" waren. Wo nur irgend anzukommen, ver- griffen sich diese unheimlichen Gesellen an dem Leben und 'Cigenthum der besitzenden Klasse. Speciell hatten sie es auf Uhren- und Juwelenhandlungen, kleinere, von Italienern gehaltene Kramläden, sowie „despachos“, deren es hier über sechshundert gibt, sowie Leihhäuser abgesehen, namentlich in den exponirten Stadttheilen. Nun begnügte sich diese Satansbrut nicht einmal mit Raub, Mord und Plünderung; , dies wäre halbe Arbeit gewesen; nein, nun wurde, um das Maß der Bestialität voll zu machen, gebrandschatzt. An nicht weniger als sieben Stellen brannte es lichterloh in den verschiedensten Stadttheilen; die Feuerwehrcompagnien hatten sich schon vorbereitet und waren die ganze Nacht unausgesetzt in Thätigkeit, in deren Ausübung sie durch das bewaffnete Raubgesindel behindert wurden. Auch die Feuerwehr war bewaffnet und da gab es natürlich kein Pardon; entweder wurde das elende Diebspack wie Hasen rudelweise zusammengeschossen oder sie mußten elendiglich verbraten. Ferner wurden auch sämmtliche Nacheacte zwischen „Gobianistas" und „Oposidores" zum Austrag gebracht, überhaupt derartige Privatangelegenheiten zwischen zwei Menschen „geordnet", wozu ja jene Nacht wie geschaffen war. Scenen haben sich ereignet, die wohl im dreißigjährigen Kriege Vorkommen dursten, aber nicht heute. Der Parteienfanatismus war so entflammt, daß die ganze Sache den Character des Gemeinen schließlich annahm. Am darauffolgenden Morgen besah ich mir die öden, geschwärzten Stätten, wo ein paar Stunden vorher die schwarzen Würgengel, diese nächtlichen Gespenster, mit ekler Gier gehaust hatten. O, welch ein Jammer! Welche Brutalität gehört dazu, das Glück so vieler Familien zu vernichten! Eingeschlagene Thüren, Fenster, verbogene Fenstergitter, inwendig radical ausgeräumt, was nicht niet- und nagelfest war, z. B. Möbel, Betten, Nähmaschinen 2c., während alles Schwere, nicht Transportable mit cynischem Vandalismus zerschlagen war, also Pianos u. s. w. Einige hundert dieser Bestien der Menschheit, welche in so schrecklicher Menge austrat, sind beim Handwerk erschossen worden. Ich zählte auf meinem Gange deren sechszehn, denen lch selbst gerne einige zugesellt hätte. Die vergangene Nacht ist schon ruhiger verlausen und heute Nacht (es ist J/21 Uhr) höre ich soeben wieder sechs Schüsse rasch hintereinander fallen. Ein schlechtes Licht wirft es auf die Leiter der Opposition, daß ihre eigenen Truppen mit dem Pack sraterni- firten und an manchen Stellen sogar die ersten Plünderer waren. Wäre mein auswanderungslustiger Freund W. hier, so würde ich ihm sagen: „Hier habe ich das Vergnügen, Dir den „geordnetsten" Staat Südamerikas vorzustellen." Ich zweifle nicht daran, daß die Führer der Opposition wiffentlich ein Auge zugedrückt haben betreffs der Plünderung, um eben die Leute zu entschädigen und ihnen die Erreichung ihres Zieles noch wünschenswerther als bisher zu machen. Nachstehende Zeilen schreibe ich am 4. September, Abends 8 Uhr: In den letztverflossenen Tagen begannen die Oppositionsoffiziere, ihre Untergebenen, welche öffentlich mit den Waffen Mißbrauch trieben und somit die Bevölkerung terrorifirten, zu entwaffnen, bei welcher Gelegenheit ich Fälle von äußerster Renitenz der Mannschaften gegen ihre eigenen Vorgesetzten wahrnahm. Gegenwärtig ist die allgemeine Ordnung und Sicherheit wiedergekehrt und der Cours des Papierdollars binnen wenigen Tagen von ca. 16V< d. auf 19% d. englisch gestiegen, ein ganz erfreuliches Zeichen. Wo nun'das eigentliche corpus delicti, nämlich der Ex-Präsident, geblieben ist, weiß Niemand zu sagen. Ein Gerücht behauptet, er sei auf der Flucht durch die Cordilleren nach Argentina unterwegs von dem Gebirgsführer meuchlings erstochen worden; ich glaube es nicht, denn her betreffende Mörder wird den Präsidenten Balmaceda schwerlich in seinem Leben einmal gesehen haben und weiter wird wohl der Präsident auch nicht so ganz ohne Begleitung geflohen sein; das wäre sehr dumm von ihm gewesen. Ein viel wahrscheinlicheres Gerücht besagt, er sei noch in derselben Nacht des Tages der Entscheidung in einer mit Eisen beschlagenen Kutsche nach Santiago mit einer Escorte von zwanzig Mann „Cazadores ä caballo* (Chasseurs ä cheval [berittene Säger]) entwichen und habe sich hier in der Nähe bei San Antonio auf dem Regierungs- sckliff „Imperial" nach Panama eingeschifft. Ich wünsche ihm von Herzen Glück zu seiner Reise nach Pans. Einige Anhänger Balmacedas befinden sich an Bord des deutschen Admiralschiffs „Leipzig" und wird es wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der deutschen Regierung geben, welche politischen Flüchtlingen Asylrecht gewährt, so lange es keine gemein:» Verbrecher sind. So ist denn eine achtmonatliche Revolution verlausen, die nicht von Pappe war, und ein Mann dahi«- gegangen, den kein anderer Chilene an Intelligenz übertrifft. Der Vorsitzende: v. Gagern. Die Urkundspersonen: Gras Oriola. v. Oven. Der Protocollsührer: Becker. Darlehen aus der Provinzialkasse im Betrage van 11 000 Mk. nicht der Ackerbauschule daselbst, sondern der Stadt Friedberg gegeben werden solle, welche Eigenthümerin des betr. Grundstücks bleibe. Der Provinzialtag ist hiermit einverstanden. Zu pos. 4 der Tagesordnung Statutarische Bestimmung für die Provinz Oberheffen hinsichtlich der Sonntagsruhe im haudelsgewerbe beschließt der Provinzialtag ein Statut über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, wonach für die ausschließlich in den Comptoiren der Handelsgewerbe, wie in Bankgeschäften überhaupt beschäftigten Gehülfen, Lehrlinge und Arbeiter die Beschäftigung an Sonn- und Festtagen aus die Stunden von 11 bis 1 Uhr eingeschränkt werden soll. Die Mitglieder Dr. Gutsleisch, Graf zu Solms- Laubach Erlaucht und Justizrath I)r. Geyger äußerten sich hierbei dahin, daß voraussichtlich in nicht ferner Zeit dem Reichstage eine, auf vollständige Beseitigung der Sonntagsarbeit abzielende Vorlage unterbreitet werden könne. Zu pos. 5 des Tagesordnung Neueste Hadert Wotft- telegraphisches Lorrespoudenz-Bureau. Berlin, 7. April. Der Kaiser conferirte heute Vormittag mit dem Handelsminister, sodann mit dem Kriegs- Minister, Mittags mit dem Ministerpräsidenten Eulenburg. Nachmittags überreichte Contreadmiral Valois den von den Deutschen Chile« gewidmeten Tafelaufsatz. Berlin, 7. April. Die Stadtverordneten nahmen einstimmig eine Resolution an, welche den Magistrat auf-- — Von Emin Pascha verlautet aus dem Innern Afrikas nach längerer Pause wieder einmal etwas Bestimmteres. Wie ein in Berlin eingelaufenes Schreiben des Asrikareisenden Ehlers aus Zanzibar besagt, befindet sich der Begleiter Emin Paschas auf dessen Zuge nach seiner früheren Provinz, Dr. Stuhlmann aus dem Rückwege nach der Küste. Dr. Stuhlmann soll von Emin den Auftrag empfangen haben, bei der deutschen Regierung zu beantragen, daß Wadelai als nickt zu dem englischen Interessengebiet gehörig zu betrachten sei und daß die Rechte Emins auf unbeschränkte Disposition I über Wadelai anerkannt würden. In Berlin wird man aber wohl nach beiden Richtungen hin eine ablehnende Antwort ertheilen. — Die sich jetzt fast Schlag auf Schlag folgenden anarchistischen Complotte, als deren jüngste die Anschläge der Madrider Anarchisten gegen die Parlamentsgebäude und das Königsschloß in der spanischen Hauptstadt erscheinen, haben in ganz Europa Entrüstung, gepaart mit Entsetzen, I hervorgerusen. Allseitig verlangt man ein gemeinsames internationales Vorgehen gegen die anarchistischen Verschwörer- \ banden, Die sich ja in ihrer furchtbaren Taktik überall gleich ! bleiben, und in der That erscheint jetzt das Project einer i internationalen Conserenz zur Bekämpfung des Anarchismus aus der Bildfläche. Nach der einen Meldung würde Italien die Anregung hierzu geben, während eine andere Nachricht wissen will, daß von Frankreich der Anstoß zu gemeinsamen Maßregeln der Mächte gegen die Anarchisten ausgehen würde,- jedenfalls bleibt es die Hauptsache, daß die erstrebte internationale Verständigung bald ins Leben tritt. für 1890/91 und legte die Rechnung für das genannte Jahr vor. Auszug auS derselben war den Mitgliedern bereits gedruckt mitgetheilt worden. Die Rechnung wird gutgeheißen und unter Rubr. 19 „Neubau von Kretsstraßen" die Crediterweiterung um 3336.17 Mk. genehmigt. 2. Feststellung des Voranschlags für 1892/93. Der Voranschlag war den Mitgliedern des Provinzial- tagS bereits mit der Einladung zur heutigen Sitzung mitgetheilt worden. Derselbe wird rubrikenweise mit der Ausgabe beginnend durchgegangen. Der Vorsitzende ersucht, etwaige Anträge bei den einzelnen Rubriken zu stellen und macht bei Rubr. 18, „Unterhaltung von Kreisstraßen", auf die auffallende Steigerung der Unterhaltungskosten im Kreise Friedberg aufmerksam. Es bemerken dazu: Gras zu Solms-Laubach Erlaucht: Die Höhe der Kreisstraßenunterhaltung im Kreise Friedberg wundere ihn nicht und sei ohne Zweifel auf die colossalen Transporte infolge des Zuckerrübenbaues zurückzuführen. Der Zustand der Straßen im letzten Herbst sei zum Theil im Kreise Friedberg ein recht schlechter gewesen. Der Vorsitzende bemerkt, daß nicht die höheren Unterhaltungskosten im Kreise Friedberg, im Vergleich zu anderen Kreisen, dem Provinzialausschuffe ausgefallen sei, sondern nur die, wie es scheine, nicht genügend motivirte außerordentliche Steigung der Kosten um ein volles Sechstel in diesem Jahre. Oberbürgermeister Gnauth: Die Zuckerrübentransporte könnten nicht allein schuld sein, der kilometrische Aufwand im Kreise Friedberg sei jetzt sogar höher als bei den Staatsstraßen. Er finde die Ursache in der ungenügenden technischen Leitung des Kreisstraßenwesens im Kreise Friedberg. In der Zeit, in welcher der Kreisingenieur Limpert an der Spitze gestanden habe, seien auch in Friedberg die Kosten heruntergegangen,- jetzt aber seien sich die Bezirksbauausseher selbst überlassen und scheine ihm, namentlich bei Vergebung der Arbeiten und Lieferungen nicht mit der nöthigen Umsicht und Sorgfalt vorgegangen zu werden. Es müsse entschieden ein Techniker höherer Qualification wieder an die Spitze gestellt werden. Gras Oriola bemerkt, der Frage über Anstellung eines Kreisingenieurs könne erst näher getreten werden, wenn über die Gestaltung der Verwaltungsgesetze von den Ständen entschieden sei. Der Kreisausschuß des Kreises Friedberg sei mit der in Aussicht genommenen Prüfung des Voranschlags durch den Provinzialausschuß einverstanden. Mitglied Erk beklagt im Hinblick auf den unter den Unterhaltungskosten erscheinenden Staatsbeitrag für die „hohe Straße" den Zustand derselben, soweit sie noch in Verwaltung des Bergwerks Ludwigshoffnung sei. Dieselbe sei stellenweise nicht zu passiren und sei eine Regelung bezw. die Uebernahme aus den Kreis sehr Wünschenswerth. Der Vorsitzende bemerkt, daß seines Wissens der Kreis Friedberg hierzu bereit sei, aber zuerst die Instandsetzung der Straße verlange. I Depeschen deS „Bureau Herold". ! Berlin, 8. April. Der Bundesrath hat in der gestrigen Sitzung dem Gesetzentwurf zur Unterstütznng der Familien zu Friedensübungen Einberufener, sowie den Gesetzentwürfen betr. Gesellschaften mit beschränkter Haftpflicht und dem Verkehr mit Wein zugestimmt. Berlin, 8. April. Die „Nordd. Allg." meldet, es sei thatsächlich richtig, daß sich die leitenden Greife mit Erwägungen zur Verstärkung der Wehrkraft eingehend [ beschäftigen. Berlin, 7. April. In der ersten Sitzung der Bö rsen- enquete-Commission wurde als Grundlage für die weiteren Berathungen die Beschaffung des Materials mit Hilfe der Regierung und der Bundesstaaten sowie der Inhalt des Fragebogens für die spätere Vernehmung der Sachverständigen sestgestellt, deffen Veröffentlichung demnächst erfolgen wird. Morgen werden die Berathungen fortgesetzt. I Berlin, 7. April. Gegenüber der vielfach verbreiteten Meinung, Caprivi habe noch immer den Wunsch, vom Reichskanzleramte zurückzutreten, erfährt die „National-Ztg." angeblich von zuverlässiger Seite, daß zu jener Annahme I keinerlei Grund vorliege. Caprivi sei vielmehr mit der neuen I Einrichtung sehr zufrieden und Durchaus in der Stimmung, I nachdem die Karlsbader Cur ihm die erwartete Erholung ge- I bracht haben werde, sich mit dem alten Eifer seinen Amts- I pflichten zu widmen. Berlin, 7. April. Die „Kreuzztg." meldet aus Madrid: Mit den Ausweisungen fremdländischer Anar- chisten wird fortgesahren. Die Geheimpolizei entwickelt eine lebhafte Thätigkeit, um der Centralleitung der spanischen Anarchisten auf die Spur zu kommen. Der Director der Ferro Carilles del Norte erhielt mehrere Drohbriefe, daß das Directionsgebäude mit Dynamit in die Luft gesprengt werde, falls nicht die Gesellschaft die vor Kurzem massenhaft entlassenen Arbeiter wieder einstellen würde. Auch der Ministerpräsident Canovas und mehrere konservative Abgeordnete haben anonyme Schreiben erhalten, worin dieselben mit dem Tode bedroht werden, wenn die Verschärfung des Strafgesetzbuches bezüglich Der Anarchisten vorgenommen werden sollte. Sämmtliche öffentlichen Gebäude in Madrid werden von Militärposten und Geheimagenten der Polizei bewacht. Berlin, 7. April. Der Abg. v. Helldorf-Bedra | ist aus der conservativen Fraction des Herrenhauses aus- I geschieden. Berlin, 7. April. Gestern nahm die Berliner Polizei neue Haussuchungen und Verhaftungen von Anarchisten vor, darunter die eines jungen Kaufmanns und eines Buchbinders. Es wurden Exemplare der „Autonomie" vorgefunden. Berlin, 7. April. Der „Nattonalztg." zufolge verlautet, der Geh. Commerzienrath Lenz in Stettin beabsichtige die Constituirung einer Gesellschaft zum Bau von Tertiär- b ahn en in Preußen. Bochum, 8. April. Sonntag finden Versammlungen der Bergleute statt, um eine Resolution zur Berggesetz- Novelle zu fassen. Hamburg, 8. April. Die englische Bark „Erato" wurde leer ins Dock geschleppt, verlor das Gleichgewicht und legte sich seitwärts auf das Wasser, wobei 14 aus dem Schiffe befindliche Handwerker ertranken. München, 7. April. Die bayerischen Saaten st ands- Berichte pro März lauten mit verschwindenden Ausnahmen günstig. Die Aussichten berechtigen zu guten Hoffnungen. Wien, 7. April. Alle hiesigen Botschafter und Gesandten siedeln für die Dauer der Festlichkeiten anläßlich Des 25jährigen Jubiläums der Krönung des Kaisers Franz Joseph zum König von Ungarn nach Pest über. Private Anfragen bezüglich der Geneigtheit der Wiener Stadtvertretung zur Theilnahme an dem Feste wurden rückhaltlo- bejahend erwidert. Die Theilnahme des österreichischen Parlaments gilt zweifellos, weil es auch bei der Krönung 1867 durch eine Abordnung vertreten war. Wien, 7. April. Die österreichische Waffensabrik unterhandelt mit Italien wegen Lieferung von 4000Ö0 Re- petirgewehren. Sie fordert 72 Lire pro Stück, die italienische Regierung will jedoch nur 69 geben. In der Discussion steht auch der Verkauf des Patents an Italien. Alsdann soll eine Waffenfabrik in Terni errichtet werden unter Stellung der Maschinen, Vorarbeiten und Meister seitens der österreichischen Waffensabrik. Barcelona, 7. April. Gestern wurde hier ein Individuum verhaftet, bei dem wichtige, mehrere ausländische und spanische Anarchisten compromittirende Papiere, Druckschriften und Pläne aufgesunden wurden. Man glaubt in dem Verhafteten einen Hauptführer der anarchistischen Bewegung gefaßt zu haben. Deutscher Leich. Darmstadt, 7. April. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog haben Allergnädigst geruht, den Präsidenten des Oberlandesgerichts, Joseph Görz, aus Anlaß seines heute vor sechszig Jahren erfolgten Eintritts in den öffentlichen Dienst zum Wirklichen Geheimen Rathe mit dem Prä- dicate „Excellenz" zu ernennen. Berlin, 7. April. Der Groß Herzog und die Großherzogin von Mecklenburg - Strelitz statteten am Mittwoch dem Kaiserlichen Hose einen Besuch ab. Der Kaiser empfing seine hohen Gäste aus dem Stettiner Bahnhofe und geleitete sie nach dem Residenzschlosse, wo die Kaiserin das Grobherzogliche Paar begrüßte. Hierselbst fand Nachmittags zu Ehren der mecklenburgischen Herrschaften Familientafel statt, an welcher auch der mecklenburgische Gesandte nebst Gemahlin theilnahmen. Abends reisten Der Großherzog und die Großherzogin nach Neu-Strelitz zurück. — Reichskanzler Gras Caprivi wird gleich nach dem Osterfeste einen Curaufenthalt in Karlsbad nehmen. Auch soll ihm vom Kaiser ein Sommerurlaub unter Benutzung eines der kaiserlichen Schlösser angeboten worden sein- es heißt jedoch, Gras Caprivi wolle sich mit seiner Karlsbader Reise begnügen. Im Uebrigen wird versichert, daß sich seine Stimmung wieder erheblich gehoben habe. — Der elsaß - lothringische Landesausschuß hat die Regierungsvorlage, betreffend die neue Kreis- ordnung für die Reichslande, in zweiter Lesung gegen 9 Stimmen abgelehnt. Da eine Verständigung zwischen der Regierung und Dem Landesausschusse über die streitigen Punkte als nicht wahrscheinlich gilt, so dürste demnach dieses wichtige Gesetz als gescheitert zu betrachten fein. Ersatzwahl zum Provinzialausschuffe werden auf Vorschlag des Grasen Oriola die Ende 1892 ihrem Dienstalter nach ausscheidenden Provinzialausschußmitglieder und Ersatzmitglieder Fabrikant Trapp, Friedberg, Steuerrath Psannmüller, Nidda, Oeconom Schade, Altenburg, Bürgermeister Fendt, Schotten, Fabrikant Schiele, Gießen, Oeconom Sch lenke, Hardthof, durch Acclamation wiedergewählt. Hiermit wurde die Sitzung geschloffen. Gießen, 4. April 1892. Bürgermeister Keil bestätigt dies und bemerkt, daß nur die schlechte Unterhaltung der Straße seitens der Bergwerksverwaltung an dem jetzigen Zustande Schuld sei. Oberbürgermeister Gnauth habe übrigens die Verhältnisse im Kreise Friedberg zu schwarz gemalt. Der Landwirthschaftsbetrieb in der Wetterau sei von demjenigen in anderen Kreisen ganz verschieden und verursache eben die starke Abnutzung der Straße. Der Vorsitzende bemerkt, daß die Wetterau sich doch auch in die Kreise Büdingen unö Gießen erstrecke und daß in diesen Bezirken doch so hohe Kosten nicht entstünden. Oberbürgermeister Gnauth: Er bleibe dabci, daß die Schuld an den Technikern liege. Es sei unbegreiflich, daß dieselben nicht in ausgedehnterem Maße zur Straßenwalzung übergegangen seien, wodurch doch feste Decken geschaffen werden könnten, die auch einer stärkeren Abnutzung Widerstand leisteten. Gras Oriola bemerkt, daß im Kreise Friedberg in den letzten Jahren größere Strecken mit der Walze eingedeckt worden seien und daß er persönlich dem Walzsystem sehr zuneige. Graf zu Solms-Laubach Erlaucht wünscht, daß das Walzsystem auch sür die anderen Kreise mehr adoptirt werde, schon aus Rücksicht aus das Zugvieh. Provinzialingenieur Stahl weist daraus hin, daß die auffallenden Unterhaltungsmehrkosten im Kreise Friedberg nur -um kleinsten Theile durch vermehrtes Beschotterungsmaterial verursacht würden, es sei deshalb auch kaum zu erwarten, daß bei den durchgesahrenen Straßen ein wesentlich besserer Zustand durch die Mehrsorderung erzielt werde. Zu Rubrik 21, „Kosten des chemischen Untersuchungsamts", bemerkt Justizrath Dr. Geyger, daß die Anstalt ihm noch zu wenig bekannt zu sein scheine, vielleicht seien auch die Untersuchungsgebühren zu hoch. Der Vorsitzende bemerkt, daß die Kreisämter ersucht worden seien, eine das Untersuchungsamt betreffende Publication von Zeit zu Zeit in ihren Kreisblättern erscheinen zu lassen, dies solle wiederholt geschehen. Der Gebührentaris sei derselbe, wie bei der rheinhessischen Station. Nachdem der Voranschlag bis zum Schluffe durchgegangen war und weitere Bemerkungen nicht erhoben wurden, wird derselbe den Anträgen des Provinzialausschusses entsprechend, in Einnahme und Ausgabe auf den Gesammtbetrag von 295 494.97 Mk. sestgestellt. Zu pos. 3 der Tagesordnung Darlehen aus der Provinzialkaffe zur Gründung eines pomo- logischen Gartens zu Friedberg theilt der Vorsitzende mit, daß das im vorigen Jahre zur Gründung eines pomologischen Gartens in Friedberg zugesagte fordert, den Reichskanzler erneut um Abänderung der Instruction betreffs des Gebrauchs der Schußwaffen durch Wachtposten zu ersuchen. Hamburg, 7. April. Der Hamburger Dampfer „Hansa", von Hamburg sach Tilbury bestimmt, sank nach einer Eollision mit dem Bremer Dampfer „Falkenburg" letzte Nacht in der Nordsee. Von 20 Personen auf der „Hansa" sind 7 ertrunken. „Falkenburg" ist stark beschädigt. Bremen, 7. April. Der Norddeutsche Lloyd ermäßigte die Passagepreise nach Newyork und Baltimore sür die deutschen Aussteller der Chicagoer Weltausstellung um 25pCt. Paris, 7. April. Das Orgamsationscomite für die Kundgebungen am ersten Mai beschloß gestern, daß keine Abordnung an die öffentlichen Gewalten geschickt werde. Ein einziges großes internationales Meeting soll am 1. Mai abgehalten werden, unbeschadet der corporativen Vereinigungen. Am Abend solle keine Kundgebung auf der Straße veranstaltet werden.