Nr. 287 Erstes Blatt. Donnerstag den 8. December 1892 Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Giefzen. Hraiisöeitage: Hießen er KamMenökätter. Deutsches Reich. Neueste Nachrichten. '6“l,u,us' iwciuc icui oeniinmi sein, oas Verbleiben hpa f c> (nnvwiH’ p o v1t u /■' D vt,u xjtccmoer Ministers des Auswärtigen beweise, daß in der Richtuna der aehHuhr > cw V • )r ,^c9lnnen^/ studet im Regierungsauswärtigen Politik Frankreichs sich nichts geändert habe Ausschusses hTr «" ^"^^ntliche Sitzung des Provinzial- Brüffel, 6. December. «ufberWflMcTnf?««» P^er^effen-mitno*ne®enber Zage«, hob Wilson die Gefahr hervor, welche in der Möglichkeit I 9öherft?Jp s Enteignung von Gelände zum Ausbau der einer Einstellung der Siiberkäuse in Amerika und der Unter- der Enteignung. Beschwerde des Hermann und Jacob Deutscher Reichstag. 9. Sitzung. Dienstag. 6. December 1892. ■""•t”1 »•« ,u der für ba tilgenden Lag erscheinenden Nummrr bis vor». 10 Uhr. «fle «nno»cen.vureaux bd > mü ÄnileaM nehm« I«|cigcn für den .Gießener Ii|tiger* mtgeae». Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Vieneljöhriger Köonnemeutsprei» i 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Pfg. Nedaetion, tpebttiee and Druckerei: -chntßrnße Ur.L Fernsprecher 51. Der Obßensr Anzeiger erscheint täglich, Mit LuSnahme deß MontagL. Die Gießener VE«ikien ßtätter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegt. -§ur derathung gelangt eine Interpellation des Abgeordneten (Centrum) bett, die Organisation des Handwerkerstandes und die Regelung des Lehrlingswesens. 2lbg. Hitze (Ctr.) verlangt die Einführung des BesLhigungs- nachwttses und der obligatorischen Handwerkerkammern. 9 RefforM:“m?Wrh°- ?xi“‘*£r L6““ bie Absicht der belheiliglen Ressorts mit, bei der Losung der Frage, das Handwerk in Hand- Smf»eh?!ni6rnh^ teiJ?xHaIcr Abgrenzung zusammenzufassen, mit «An y * 6 der Beaufsichtigung des Lehrltngswesens, der Elftattung hl, Überc ^werbliche Fragen, der Berichterstattung über bc8r®en,et&c§l- außerdem die Aussicht über die Ausbildungs- Hne d® L 0tao6ken ■8«hl f-cullalioer Befugnisse. Deftni- m m Seitens der Regierungen noch nicht gefaßt Der m“ Zuständig doibereiteten wird «genommenb<§ (6,r')' b'-D'seusston,u eröffnen, 9?ei^tage finden, da verlautet, baß mru freisinuioerseits dieselben zur Sprache bringen will. Eine besondere Angelegenheit wird diejenige der parlamentarischen Unverletzlichkeit des neuen Reichstagsabgeordneten für Arnswalde Friedebera bilben, die Frage durste im Reichstage lebhafte Erörterungen veranlassen. a Gießener Anzeiger Keneral-Anzeiger. brü Jung der Silberausprägung in Indien liege. Mae Creary eruärte, seit 1881 habe sich die Lage verschlimmert, Roth- fchüds Project sei unwirksam, der einzige Ausweg sei der Bimetallismus. Nachdem Wilson seinen Bericht erstattet hatte, zog Rothschild seine Anträge zurück. Washington, 6. December. Die Jahresbotschaft des Präsidenten Harrison an den Kongreß hebt hervor, daß die Lage des Handels und der Industrie der Vereinigten Staaten äußerst günstig sei. Es sei anzunehmen, daß der Schutztarif durch einen Taris, welcher zu Zwecken der Staatsrevenuen dienen soll, werde ersetzt werden. Die Frage wegen der Tarifrevision sei jedoch dem neuen Congresse zu überlassen. Schwere Zeiten für die Industrie würden in Folge einer neuen Zollpolitik zu befürchten sein. Wenn die Münzconserenz zu keinem Resultate führe, würden die abgeneigten Staaten durch die Handelsverhältnisse gezwungen sein, sich mit der Union zu vereinen, um eine Vermehrung des gemünzten Geldes zu sichern- den Goldabflüssen nach Europa müsse entgegen getreten werden. Airrtlicher Theil. Bekanntmachung, betreffend die Maul- und Klauenseuche. In den Orten des Kreises Büdingen: Nidda, Aulen- diebach uud Düdelsheim ist die Maul- und Klauenseuche aus- gebrochen, lieber Nidda ist die Gemarkungssperre, in beiden anderen Orten ist Gehöftsperre verhängt worden. Gießen, den 6. December 1892. Berlin, 6. December. Im Reichstage steht der Beginn der Generaldebatte über die Militärvor- lage, mit welcher Berathung zugleich die erstmalige Erörterung der drei neuen Reichssteuergesetzentwürfe verbunden ' unmittelbar bevor. Nachdem die schwebende Militarfrage schon bei der ersten Lesung des Etats vom allgemeinen Standpunkte aus drei Tage lang erörtert worden i..e,n,8«tn“&cn schwer halten, in der eigentlichen Generaldiscuspon hierüber noch neue Gesichtspunkte aufzu- Men. V-rmmhlich werden daher in der Hauptsache die einzelnen Parteien nochmals ihre Stellungnahme zu der bei Weitem wichtigsten Frage der deutschen Tagespoliiik kennzeichnen, wahrend die specielleren Verhandlungen mit Ab- anderungsamrägen u. s. w. naiüilich erst in der Militär- commission des Reichstages zu erwarten sind. Ob die drei Steuervorlagen einer besonderen Commission oder ebenfalls I ber alsdann unzweifelhaft zu verstärke,iden Militärcommifsion überwiesen werden, bleibt noch abzuwarten. m — An, ?,em tl0? immer nicht zum Abschlüsse gelangten 1,1 ®“*en ^r „Iudenflimen" macht em Zwischenfall tue/ von sich reden. Es sind nämlich seitens des Angeklagten Ahlwardt AcienstÜcke aus dem preußischen Kriegsrnmisteriurn überreicht worden, durch welche die Ihr brauchbarkeit der Lllwe'scheu Armeegewehre angeblich sest- gestellt worden sei. Weniger wegen dieses behanpteien Nachweises erregt indessen das erwähnte Votkommmß Aussehen, als vielmehr deshalb, weil die betreffenden amtlichen Docu- mente nur in Folge einer Jndiscretion in den Besitz des Angeklagten gelangt fein können, cs sind deshalb von zuständiger Seite bereits Borerhebungen in der Affaire an- gestellt worden. Im Uebrigen dürste aber der Inhalt dieser Actenstücke den weiteren Gang des Processes gegen Ahlwardt ntdjt fonderlich beeinflussen, wie aus der hierüber am Moniag Nachmittag gepflogenen öffenilichen Verhandlung des Gerichts- hoses hervorgeht. Denn aus den zur Verlesung gelangten ©tf)rtftftutten ergiebt sich, daß bei einer Landwehrübung in Wesel allerdings 520 Gewehre von 939 Gewehren aus der Urne scheu Fabrik reparaturbedürftig gewesen sind. Der vernommene Sachverständige Oberst Brackei erklärte indessen aus der Reparaturbedürftigkeit so vieler Gewehre könne man noch keinen Schluß auf deren Kriegsunbrauchbarkeit ziehen, ^zn früheren Fällen sei das Verhältniß dasselbe gewesen: die geringsten Fehler machten die Gewehre reparaturbedürftig ohne indessen hierdurch deren Brauchbarkeit auch nur im Geringsten zu beeinträchtigen. In ähnlicher Weise äußerte }!* “Ud) mEr H°>buchftnmacher Barella. Im klebrigen zieht sich der Proceß namentlich durch das Verlangen des Anae- klagten und seines Vertheidigers nach Beschaffung immer neuer Zeuge» zu Gunsten Ahlwardts in die Länge Unter Slnberm sind auf Antrag des Rechtsanwalts Hertwig, des Vertheidigers Ahlwardts, Graf Hohenthal, der Freiherr von Wackerbarth und der Ingenieur Paasch ■ als solche Zeugen vorgeladen worden. Die genannten drei Herren sollen zusällw Odrenzeugen geworden sein, wie sich Isidor Löwe, der kaus- mannische Director, und Oberstlieutenant a. D Kühne der technische Director der Löwe'schen Gewehrfabrik, in einem Berliner Restaurant einem höheren Militär gegenüber angeblich verächtlich über die vaterländische Armee geäußert und sich darüber lustig gemacht haben, wie leicht die Revisionsbeamten zu täuschen seien. _ Inzwischen hat nun im Wahlkreise Arnswalde Stichwahl zum Reichstage stattgesunden und ^veittllos. die Wahl Ahlwardts gegenüber dem Freisinnigen' Lrawe ergeben, obwohl am Dienstag genauere Ziffern von Jic’ci. interessanten Wahl noch nicht Vorlagen. Von den lnti'emiten war die rücksichtsloseste Agitation entfaltet vorden, um ihrem Eandidaten zum Siege zu verhelfen, für vclchen auch behördliche Einflüsse thätig gewesen sein sollen, crminhltch werden diese Vorgänge noch ein Nachspiel im 1 Depeschen deS Bureau „Herold". Berlin, 6. December. Die „Kreuzztg." bementirt die au§ der Hofgesellschaft stammende Nachricht der „Post" über bte Absicht des Prinzregenten Albrecht, sich von der Regentschaft Braunschweigs zurückzuziehen. Das Regent- Rcich°Mnd^ toiber,pred,e bcr Erklärung Braunschweigs als Berlin, 6. December. Die Vorlagen betr. Brau-, Branwtwein- und Stempelsteuer sind heute dem Reichstag zugegangen. Berlin, 6. December. Gehcimerath Werner v. Siemens ist heule gestorben. Mannheim, 6. December. In der bayerischen Pfalz constttuirte sich eine neue deutsch-nationale Partei, reeldie in politischer Beziehung liberale, in wirthschastlicher Beziehung couservative Grundsätze vertreten will. Das Programm der Partei tritt ein für die Monarchie, die nationale Einheit, den Ausbau der politischen Volksfreiheiten, den Schutzzoll und die Bekämpfung der Socialisten. Köln, 6. December. Der „Köln. Volksztg." zufolae versucht der Dorlmnnder Kohlenverkaufsverein auf nächst- ^rige Sommerlieferung große Posten melirte und Forderkohlen, angeblich 250000 t, nach den Ruhrhäsen abzustoßen, wobei nur 52 bis 55 Mk. für Förderkohlen, 62 b>s 65 Mk. für melirte Kohlen ab Zeche bleibe. Mons, 7. December. Die Theilausstände sind beseitigt durch die Einberufung eines außerordentlichen Congreffes zwecks sofortiger Festsetzung des Datums für den Ausbruch eines allgemeinen Ausstandes. hält es nicht für angebracht, in dem k o“c01,! bcr ®ö($e eine Discuision vorzunehmen Eine | Äw Ä'ÄÜ’ÄÄ'*'' ‘ Abg. Rickert (bsr.) bittet ebenfalls die Regieruna. st» mit der ui"lber?«r6 C "k6 Caä Handwerk betreffenden Geietzentwurfes nicht H°L7e7,u"«w7ck^ Ca°°r' b'i b-n H-ndwerkern uner'süllb^e tens^^?rothsbevollmächiigter H-ndelsminister Frhr. v. Ber- b,^ C>°stwlrihe gehöre nicht hierher. Es werde q! u0^n ?4n gelammten Handwerks und die Regelung des erstrebt Die bezüglichen Vorlagen stunden bet den ^i*!CLUnßkn in£fc£" allgemeinsten Umrissen fest, deshalb sei es nicht angebracht, aus Einzelhetten einzugehen. N m r (Giro tritt für die Rechte der Innungen ein. frhnn Ä’ ? uCr ^oc)‘ Die letztge Materie sei endlos und oft morden, auch hmte let sie dlos angkschnitten, weil FLc" Mahler welchen man im Vorjabre vor den Äopf gestotzen habe, wiedergewinnen wolle. Redner bekämpft vom social-stischen Hoffnungslollgkttt.^°'e Bestrebungen der zünfilerischen Kreise unbbmn „L,.. a69' vermiet bei den Erklärungen der Re- feft6alle-ron>ieb»nn iunej!airäflen3a61 @aflroit‘be DCn bcr Gastwttthsinnung , ,, Handelsminiffer v. Berlepsch erblickt darin keine Ungerechtig- $efugni68e *C6e b " Ausübung der behördlich übertragenen Nach Bemerkungen einiger Abgeordneten schließt die Siünnk, M ^mSUn6 f'nbet Moxtt: Gießen, 7. December 1892. — Provinzialausschuß-Sitzung. Samstag den 10. December Rom, 7. December. Kaiser Wilhelm II. hat in etner herzlichen Depesche an König Humbert diesem den Erfolg der Leoncavalloffchen Oper mitgetheilt und Italien I dazu beglückwünscht. Rom, 7. December. Einern furchtbaren Sturm in I ortovenere (Calabrien) sind drei Dreimaster zum Opser ae- [ fallen. Zehn Mann sind ertrunken. London, 7. December. Ein parlamentarisches Comite der Gewerkschaften erläßt eine von 11 Arbeiterabgeordneten unterzeichnete in drei. Sprachen abgefaßte Einladung zu dem 1 Gon9re6 London am 8. Juni 1893. Auf dem Programm steht a. A. der Achtstundentag. Bedingung ist, daß jeder der Delegirten Arbeiter und Mitglied der verbreiteten Gewerkschaft ist. Andere Arbeiter sind ausgeschlossen. Washington, 6. December. Das Repräsentantenhaus wurde eröffnet. Ein Gesetzentwurf wurde eingebracht, wonach die Einwanderung nach Amerika vom 3. Januar 1893 ab vollständig suspendirt werden soll. Ausgenommen sind nur Einwanderer aus anderen Staaten Amerikas, sowie Fremde, welche nachweislich vorübergehenden Aufenthalt nehmen. Der Gesetzentwurf geht sofort dem Senat zu. Ferner ging ein Gesetzentwurf betreffend Ausgabe von <3 Millionen Dollars Obligationen, amortisirbar in Baar nach 10 Jahren, ein. Locales tint provinzielles. Weinberg zu Gießen gegen das Hebregister der israelitischen , Religionsgemeinde daselbst. 3. Reclamation des Joh. Seibert XL zu Homberg gegen die Gemeinderathswahl daselbst. 4. Gesuch deS August Wenzel zu Bobenhausen um Wirthschastsconcession. 5. Desgl. des Heinrich Bär IV. von Bobenhausen. 6. Klage des Ortsarmenverbands Frankfurt a. M. gegen den Ortsarmenverband Angenrod wegen Unterstützung des Kindes der Katharine Oestereich von Renzendorf. 7. Beschwerde des Joh. Albrand zu Wolf wegen Entziehung der Allmendnutzung Seitens der Gemeinde Wolf. — Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 6. December 1892. Zur Verhandlung kam heute die Strafsache gegen Karl Diehl von Ettingshausen wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit. Die Anklage vertrat der Großh. Staatsanwalt Schilling - Trygophorus, vertheidigt wurde der Angeklagte von Rechtsanwalt Justizrath Dr. Reatz, als Geschworene wurden ausgeloost die Herren Hermann Kratz, Johannes Steuernagel II., Conrad Eifländer, Karl Friedrich Maley, Heinrich Philippi, Albert Bechstein, Caspar Ranft, Heinrich Wilhelm Rau, Philipp Hühn, Philipp Merz II., Heinrich Wagner IV. und Heinrich Jäger III. — Karl Diehl ist des Versuchs eines Verbrechens gegen § 177 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeft'entlichkeit statt und endete, nachdem die Geschworenen (Obmann: Herr Bürgermeister Philpp Hühn) die ihnen vorgelegten Schuldsragen verneint hatten, mit der Freisprechung des Angeklagten von Strafe und Kosten. Hieraus wurden die Sitzungen des Schwurgerichts für diese Periode für geschlossen erklärt. — Der Evangelische Arbeiterverein hielt am Sonntag Abend seine erste ordentliche Versammlung. Der größte Theil der Mitglieder hatte sich dazu eingefunden. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte die Versammlung dem Vortrage des Herrn Professors Stamm über „Christenthum und Arbeit". Der Redner führte darin etwa Folgendes aus: Als das Christenthum in den Städten des römischen Reiches verbreitet wurde, traf es da aus eine hock entwickelte Cultur. Aber die Arbeit ruhte zum großen Theil in den Händen von Sclaven und auch aus der Handarbeit der Freien lastete die Schmach, welche die Sclavenarbeit tras. Gerade unter den gedrücktesten Klassen der Gesellschaft, unter den Sclaven, sand die christliche Religion zahlreiche Bekenner. Die ersten Missionare, die Apostel, waren darum genöthigt, zu der Sclaverei Stellung zu nehmen. Sie haben nicht das rechtliche Institut der Sclaverei bekämpft, sondern sie haben Herren und Knechten eingeschärst, wie sie sich als Christen gegeneinander verhalten sollten. Das Verhältniß zwischen Herren und Knechten wurde von innen heraus umgestaltet. In den Christengemeinden waren Herren und Sclaven gleichberechtigte Glieder, den Sclaven standen auch die Ehrenämter der Kirche offen, selbst aus Bischosstühlen haben Sclaven gesessen. Gegen christliche Herren sanden Sclaven Schutz, Mißhandlung von Sclaven galt als ein Vergehen, das mit der Kirchenzucht geahndet wurde. Von Ansang an wurde in den christlichen Gemeinden die Freilassung von Sclaven für ein srommes und gutes Werk angesehen, die Freigelassenen wurden zu ehrlicher Arbeit angeleitet, wie denn in der Gemeinde überhaupt die Arbeit in hohen Ehren stand. Als die Kaiser des römischen Reiches und mit der Zeit die Massen des Volkes christlich wurden, die Kirche einen bedeutenden Einfluß gewann, da erhielten wohl die Sclaven mancherlei Erleichterungen, z. B. die Sonntagsruhe, weiteren Schutz durch das Asylrecht der Kirchen und die Fürsprache der mächtigen Bischöfe, die Freilassung von Sclaven erfolgte in größerem Maßstäbe. Die Sclaverei selbst blieb, nahm aber in Folge der volks- w'rthfchastlichen Entwickelung die mildere Form der Hörigkeit und Leibeigenschaft an. Die Kirche selbst, da sie reich wurde, hat zahlreiche Leibeigene beseffen. Von großer Bedeutung namentlich für das Abendland wurde das Mönchthum. Die älteren Orden hatten für die jugendlichen Völker, die jetzt aus den Schauplatz der Geschichte treten, eine große Mission: die Cultiviruug des Bodens und der Geister. Das Loos der Klosterknechte ward dadurch sehr gebessert, daß ihre Herren die Arbeit mit ihnen gemeinsam thaten. Das Ausblühen der arbeitssrohen Zünste des Mittelalters, das im engsten Bunde mit der Religion erfolgte, kann hier nur kurz erwähnt werden. Am Ausgange des Mittelalters nehmen die zu Reichssürsten gewordenen Bischöfe und Aebte an allen Schwächen der weltlichen Herren Theil. Der gedrückteste Theil der Gesellschaft sind die leibeignen Bauern, die gegen ihre unleidliche Lage in wiederholten Ausständen ankämpsen. Nach kurzer Charac- terisirung der Stellung, welche Luther dem Bauernaufstände von 1525 gegenüber einnahm, wurden zwei Grundsätze namhaft gemacht, welche die Reformation ausstellte und die von großer Bedeutung sür die Besreiung der Arbeit geworden sind. Die Lehre von dem göttlichen Berufe der Obrigkeit öffnete grundsätzlich den Weg der Reform. Die Lehre von der Berufsarbeit als einem Gottesdienst gab auch der geringsten Handarbeit ihre Ehre. Die praktische Verwirklichung dieser Ideen erfolgte aber nur sehr allmählich. Erst die Repräsentanten der Ausklärungszeit nehmen das Werk der Be- sreiung ernstlich in die Hand. Ihr Enthusiasmus für Maffen- wohl, für Gleichheit der Menschen, für Besreiung der Unterdrückten gereichen ihnen zum höchsten Ruhme. Aber diese Ideen stammen von christlichem Boden. Das Werk der Re« form begann lange vor der französischen Revolution, wurde schon von den preußischen Königen betrieben, die letzten Reste der Hörigkeit und Leibeigenschaft in Preußen wurden durch die Gesetzgebung des bibelsesten Freiherrn v. Stein abgetragen. Die französische Revolution hat ein morsches Gesell- schastsgebäude in Stücke geschlagen, aber nichts Dauerndes geschaffen. Wie viel besser und hoffnungsvoller ist heute die Lage in Deutschland und England, wo man den Weg der Reform einschlug, als in Frankreich, wo man den Pfad der Revolution betrat! Nun noch ein rascher Blick aus die Colonien der neuen Welt und die dort durch die christlichen Eroberer im Widerspruch mit den Grundsätzen ihrer eigenen Religion eingesührtej Sclaverei, sowie aus das Werk der Besreiung, bei dem den Ouäkern Pennsyloaniens und dem englischen Methodisten Wilbersorce ein wesentliches Verdienst zukommt. Die Lage der Arbeiter und die Taxation der Arbeit ist heute eine wesentlich andere als vor 1800 Jahren. An dieser Umwandlung haben religiöse Motive ganz wesentlich mitgewirkt. Die Arbeit verdankt dem Christenthume unendlich viel. Jetzt stehen wir am Anfänge einer neuen Entwickelung. Der vierte Stand ringt nach einer menschenwürdigeren Form des Daseins. Soll diese Entwickelung eine segensreiche werden, dann darf die Parole nicht sein „ohne Gott" und „wider Gott", sondern sie muß lauten: „Mit Gott" und „für Gott!" Daß die Ausführungen des Redners Anklang fanden, bewies der lebhafte Beifall, der ihm gezollt wurde, und nicht minder die sich anschließende kurze Besprechung. Aus den folgenden geschäftlichen Verhandlungen mögen nur die erwähnt werden, daß eine Gesangesabtheilung gebildet wurde, die ihre erste Probe Mittwochs im Vorstandszimmer der Herberge halten soll. Eine Anzahl neuer Mitglieder trat dem Verein bei. Bemerkt sei bei dieser Gelegenheit, daß das Vereinslocal jeden Mittwoch und Samstag von 8 Uhr, jeden Sonntag von 4 Uhr an für Mitglieder geöffnet ist, und daß dann Zeitungen und Zeitschriften aufliegen. Kein- Mitglied ist genöthigt, dabet etwas zu genießen. Nächsten Sonntag sindet wieder Vortragsabend statt, wofür Herr Pfarrer Schlosser einen Vortrag über „den Haushalt" zugesagt hat. — Das b.Abonnements.Concert bringt uns Nachstehendes: 1. Kriegsmarsch aus Athalia (Mendelssohn)- 2. Ouvertüre z. Rosamunde (Schubert)- 3. Concert für die Clarinette (Weber) - 4. Liebesmahl der Apostel (Wagner). Zweite Ab- theilung Beethoven. Ouvertüre „Leonore Nr. 3", Adelaide. Rondo a. d. Sonate op. 47. Scherzo und Finale a. d. C-molL(5infonie. Ouverrure: Die lustigen Weiber (Nicolai). Präludietho aus Freund Fritz (Mascugni). Sonntagskind, Walzer (Millöcker). Fantasie a. d. Op. Lohengrin. Wir machen auf diesen genußreichen Abend besonders aufmerksam. — Kaiser-Panorama. Nicht nur der erfahrene Reisende findet eine Freude darin, bekannte Gegenden in den Bildern des Panoramas wieder zu erblicken, sondern auch der Nichtgereiste hat Genuß, indem er seine Augen im Anschauen herrlicher fremder Landschastsbilder weiden kann. Die Bilder versprechen eine Reise in die sranzö siche Schweiz, von Gens, das Rhonethal entlang bis in's obere Reußthal, mit Abstechern nördlich und südlich in benachbarte, aus Granit und Glimmerschiefer gebildete Alpengebiete. -ä- Langenhain, Kreis Friedberg, 5. December. Unserem eitherigen Bürgermeister, Herrn Philipp Rumps, welcher beinahe 40 Jahre lang an der Spitze der Gemeinde Langenhain und Ziegenberg stand, wurde am 4. d. M. das ihm am 20. v. M. von Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog verliehene Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Groß- müthigen durch Herrn Kreisralh Dr. Braden in Gegenwart des hiesigen Orts-, Kirchen- und Schulvorstandes, einiger benachbarten Bürgermeister und der Familien - Mitglieder überreicht, von demselben die vieljährigen treuen Dienste sowie die gewissenhafte Amtsverwaltung als Bürgermeister belobend anerkannt und die Eintracht der Gemeinde sehr betont. Möge der Orden die Brust des Geehrten noch lange zieren! Mainz, 5. December. Eine G e l d s p e n d e von je 25 Mark erhielten dieser Tage 6 arme hiesige Wittwen. Dieses Geld rührte von nachfolgender Begebenheit her. Vor einiger Zeit hatte ein junger Mann sich einer argen nächtlichen Ruhestörung schuldig gemacht und sollte deshalb zur Anzeige gebracht werden- aber die Schutzleute, die er beleidigte, ließen sich beruhigen und forderten nur das Eine, daß er zu Gunsten der Armen eine gewisse Summe spende. Der Betreffende erklärte sich damit einverstanden und gab 150 Mark, die nun in obiger Weise zur Verkeilung gekommen sind. Mainz, 3. December. Es ist hier ein Consortium zusammengetreten zur Errichtung eines Vo lksbad es in großartigem Stile. Außer den gewöhnlichen Einrichtungen in den jetzt vorhandenen zwei Volksbädern, die nur aus Brause- und Wannenbädern bestehen, soll das neue Volksbad auch ein Schwimmbassin, römische, russische, irische :c. Bäder enthalten. Budenheim, 3. December. Gestern kam hier der seltene Fall vor, daß ein Ehepaar, und zwar Lorenz Müller mit seiner Gattin, beide im Alter von 70 Jahren, die Frau Mittags 12 Uhr, der Mann Abends 8 Uhr, ihr Leben beschlossen. Aus Rheinhessen, 5. December. Gegen eine ganze Anzahl jüngst in unserer Provinz abgehaltener Gemeinderaths- wählen sind Proteste bei den Großh. Kreisämtern ein- gelaufen. Die Kreisausschüffe haben sich daher in der nächsten Zeit mit einer großen Zahl solcher Reclamationen zu befassen. vermischtes Braunfels, 6. December. Am Samstag Abends ist die Mutter Sr. Durchlaucht des Prinzen Albrecht, unseres Prinzregenten, die Prinzessin Wilhelm zu Solm s-B r a u n f e l s, in Pegli bei Genua im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Beisetzung der hohen Verstorbenen wird in der Familiengruft zu Kloster Altenberg erfolgen. * Wittenberg, 4. December. Hier lebt der frühere Sergeant Weber vom 67. Regiment, der bei Königgrätz am 3. Juli 1866 beide Augen verlor. Die Kugel eines Kaiserjägers drang ihm in die linke Schläfe ein, zersplitterte an den Knochen des Schädels und verließ diesen zum Theil durch das rechte Auge, während die zurückgebliebenen Blei- theile durch operative Eingriffe beseitigt werden mußten. Wunderbarerweise ist Weber, der freilich die Augen für immer eingebüßt hat, von seiner entsetzlichen Verwundung vollständig wieder geheilt. Als sich der Genesende, geführt von seinem Bruder, einem Feldwebel desselben Regiments, im Herbst 1866 zur Regelung seiner Pensionsverhältnisse in Berlin befand, begegnete den beiden der Feldmarschall Wränget. Er ließ sich den Unglücklichen vorstellen, sich von ihm die Geschichte seiner Verwundung und Heilung erzählen und entließ ihn dann mit dem Tröste: „Na sei man ruhig, mein Sohn, der Staat wird schon für Dir sorgen, aber von mich sollst Du auch was haben". Damit drückte er ihm ein Geldstück in die Hand. Als Weber dann seinen Bruder nach dem Werth des Geschenkes fragte, mußte dieser der Wahrheit gemäß antworten: „’n Dreier". Weber trägt das Geldstück noch heute zum Andenken an Wrangel, wenn auch nicht an dessen Menschenfreundlichkeit, an der Uhrkette. Menschenfreundlicher ist der Gras von Bismarck damals dem Unglücklichen nahe getreten, er hat demselben, ohne Rücksicht aus feine Pension, eine lebenslängliche Rente von jährlich 100 Thalern ausgesetzt, eine Rente, die Fürst Bismarck noch heute an Weber zahlen läßt. * Kottbus, 3. Decbr. Ein großer Theil der Smyrna- Teppiche sür den Sultan werden hier angefertigt. Die Fabriken in Smyrna sind mit Aufträgen meistens überhäuft und machen Zweigbestellungen in Lyon. Die Fabriken in Lyon haben ebenfalls Uederhäusung an Arbeit, so daß nun die Kottbuser Teppichfabriken mit Bestellungen versehen werden. Hier werden nach schwierigsten Mustern die Teppiche angefertigt, die von geschickten Knüpferinnen sämmtlich mit der Hand ohne maschinelle Hilfe ausgesührt werden. In der gegenwärtigen Saison sind hiesige Fabriken mit bedeutenden Aufträgen versehen, so daß demnächst eine große Menge hiesigen Fabrikats als Smyrna-Teppiche, die den echten auch überhaupt in keiner Beziehung nachstehen, in den Palast des Sultans nach der Türkei wandern. * Wurzburg, 30. November. Eine interessante Operation wurde gestern in der Klinik des Herrn Univ.-Prof, und Oberarztes des Juliusspitals Hofrath Dr. Schöndorf vorgenommen. Ein 2il2 Jahr altes Kind hatte beim Spielen eine sogenannte Nachtigallenflöte verschluckt. Darnach konnte es nur noch flüssige Nahrung zu sich nehmen, alles Uebrige gab es von sich. Ein hinzugerufener Arzt ordnete die Verbringung des Kindes in das Juliusspital an, wo festgestellt wurde, daß sich der Fremdkörper dicht über dem Magen in der Speiseröhre eingekeilt haben müßte. Mit einem Gräfe- schen Münzsänger, der vom Munde aus in die Speiströhre bis zum Magen eingesührt wurde, gelang es denn auch in kaum einer Minute, das knopfartige Musikinstrument, das 2V4 Ctm. Durchmesser hatte, zu entfernen. Das Kind konnte vollständig geheilt die Klinik verlassen, und waren die Eltern überglücklich. ♦ Die Sonntagsruhe. Eine Anzeige des „Essener General- Anzeigers" lautet: „Weil die sogenannte Sonntagsruhe mein Geschäft ruinirt (Mindereinnahme an 17 Sonntagen 1020 Mark) so gebe ich dasseldp auf und verkaufe meine Artikel, um schnell zu räumen, 20 Procent billiger als bisher. Fritz Boez jrv Essen, Vichhofener Str. 56." * Russisch. Wie man aus Moskau schreibt, ist es dort dieser Tage zwischen einem General und einem Obersten zu Tätlichkeiten gekommen. Der commandirende General der zweiten Grenadierdivision inspicirte nämlich das vom kaiserlichen Flügeladjutanten, Obersten Bascherjanow, befehligte Regiment. Der General wurde nun bei der Besichtigung der Uniformen durch den Mangel eines zu diesen gehörigen Stückes in lebhaften Zorn versetzt - er warf zunächst eine der bemängelten Uniformen gereizt zur Seite, eine zweite jedoch geradenwegs dem Obersten Bascherjanow an den Kopf, indem er schrie: „Wo ist das fehlende Stück?" Der Oberst versetzte hieraus mit den Worten: „Hier ist es!" dem General einen Schlag ins Gesicht. Diese Scene soll sich in Gegenwart eines Regimentsadjutanten und des Chefs des Divisions- Generalsstabs abgespielt haben. * Sonderbare Ehrenkränkung. Ein Pariser Apotheker, der ein Bandwurmmittel erfunden, stellte unlängst einen Bandwurm, von welchem er den Deputirten 3E. befreit hatte, aus, und setzte darunter den vollen Namen des ehemaligen Besitzers. Der Herr Deputirte wurde, als er dies vernahm, höchlichst erbost, und so glücklich er auch war, durch das Mittel des Apothekers den unliebsamen Gast losgeworden zu sein, verklagte er den Heilkünstler doch wegen „Ehrverletzung". * In Köslin soll nach einem Beschluß vom 4. Mai 1857 ein Bürgergeld von 15 Mark bezahlt werden. Von einem sehr bedeutenden Theile der Bürger ist dasselbe aber im Laufe der Jahre unerhoben geblieben. Diese nun, unter ihnen Personen, die schon mehr als 30 Jahre treu ihre Bürgerpflichten erfüllt haben, erhielten im Juli d. I. eine Aufforderung zur Nachzahlung der 15 Mark. Als diese nicht erfolgte, wurden etwa 500 Bürger ans der Bürgerliste gestrichen. * Der Ortssinn der Thiere. Der „Pf. Ztg." wird ans Bergzabern, 3. December, gemeldet: Ein hiesiger, die Schweinezucht treibender Einwohner vermißte des Abends beim Nachhausekommen seine Zuchtsau, die im Stalle nirgends zu finden war. Nach längerem Suchen wurde dieselbe endlich entdeckt und zwar im Schlafzimmer „sanft schlummernd" in einem — Bette liegend. In seinem Alleinsein hatte das Borstenthier die Thüre offen findend, sich auf eine Erforschungsreife begeben, war so auch an das Bett gerathen und hatte, dessen Zweck ahnend, es sich bald darin bequem gemacht. Die Spuren der Reise waren natürlich überall bemerkbar durch umgeworfene Stühle und Kästen, zerrissene Vorhänge u. f. w. Die Freude des Wiedersehens war denn, wie man sich denken kann, sehr verschiedener Natur. * ein Dauerschläfer. Man berichtet aus Passau, 2. Dec., daß ein Braugehülse auf der Jnnbrücke aufgefunden und wegen Starrkrampf ins Krankenhaus verbracht worden ist. Es handelt sich um denselben Mann, der im Jahre 1884 als Soldat 162 Tage, ohne Nahrung zu sich zu nehmen, im Schlafe lag. * Vom Militärgewehr. Im Jahre 1770 erfand der alte Dessauer den durch seine Schwere wirksamen eisernen Ladestock, statt des zerbrechlichen hölzernen. Prinz Friedrich ! von Braunschweig führte die cylindrischen Ladestöcke, die daS I zweimalige Umdrehen der konischen ersparten, ein. Jetzt