4. * ! llls dti >011 em •ot er. tre )tr nb is- chl on le. ch ich en 5t !b- H » R t Nr. 209 Donncrsiag den 8. September 1892 Der chleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. 2 ic Gießener Samitienblätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Aii',einer General-Anzeiger. Vie. teljähriger Abonnementsprcis: 2 Mark 20 Psg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstratze Zlr.7. Fernsprecher 51. Aints- und Airzergrblatt für den Web Giefzen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 llbr. Gratisöeil'age: Gießener Kamil'ienötätter. Alle Annonccn-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Amtlicher Therl. Bekanntmachung, Die Wahlen zum Kreistag des Kreises Gießen durch die 50 Höchstbesteuerten des Kreises betreffend. Von den im Jahre 1887 für die Dauer von 6 Jahren ?urch die 50 Höchstbesteuerten des Kreises gewählten Mitgliedern des Kreistages haben mit Ablauf des Jahres 1892 auf Grund des Art. 26 der Kreis- und Provinzialordnung auszuscheiden die Herren: Hüttenbesitzer Gg. Buderus, vollar, Gutspächter von Cuen, Hungen, Gutsbesitzer Lchlenke, Hardthof bei Gießen. Außerdem scheidet aus der im Jahre 1890 an Stelle )es verstorbenen Herrn Freiherrn Adolf von Nordeck zur Rabenau für den Nest der Dienstzeit deffelben gewählte Herr Rechtsanwalt Hirschhorn zu Gießen. Sodann ist durch Tod ausgeschieden der im Jahre 1890 gewählte Herr Freiherr Adalbert von Nordeck zur Kabenau. Für diese 5 ausscheidenden, bezw. ausgeschiedenen Mit- tlieber haben Ersatzwahlen durch die 50 Höchstbesteuerten 'es Kreises stattzufinden. Unter Bezugnahme auf Art. 21 »er Kreis- und Provinzialordnung wird nachstehend das ^erzeichniß der persönlich oder durch Stellvertreter zur Theil- lahme an der Wahl der 50 Höchstbesteuerten des Kreises ließen Berufenen unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß ebracht, daß der mit dem geringsten Steuerbetrag Auf- enommene ein Communalsteuercapital von 2350 Mk. besitzt. Anträge auf Berichtigung dieses Verzeichnisses sind innen einer unerstrecklichen Frist von 4 Wochen nach Aus- abe.des Blattes, welches die Bekanntmachung enthält, bei 'ceidung der Nichtberücksichtigung bei dem KreiSM^sch»K orzubringen. Gießen, den 3. September 1892. Der Kreisausschuß des Kreises Gießen. Namens deffelben: x v. Gagern. Verzeichnitz der 50 Höchstbesteuerten des Kreises Gießen. Actienbrauerei, Gießen. Adami, Heinrich, Gießen. Bock, Sigismund Wwe., Gießen. Buderus'sche Eisenwerke, Lollar und Gießen. Bücking, Ludwig, Gießen. Burk, Ferdinand, Gießen. Friedel, Wilhelm, Gießen. Gail, Wilhelm, Gießen. Georgi, Ludwig, Gießen. Grobherzogliches Haus (Familieneigenthum). I Großherzogthum (Landeseigenthum). Heichelheim, Sigismund, Gießen. Hessisch-Nheinischer Bergbauverein, Gießen. Heß, August, Gießen. Heyligenstaedt, Louis & Comp., Gießen. Hornberger, Gebrüder & Söhne, Gießen. Jhring, Johann Heinrich, Lich. Katz, Aron, Gießen. Klingspor, Karl, Gießen. Koch, Konrad VL, Gießen. Königreich Preußen (Eisenbahnfiscus), Hannover. Krelschmar, Dr. Gustav, Professor, Gießen. Mettenheimer, Dr. Adolph, Gießen. Montanus, August, Gießen. Möser, Heinrich I. Wwe., Gießen. Müller, Karl, Leihgestern (Neuhof). Noll, Adolph Wwe., Gießen. v. Nordeck zur Rabenau, Frhrl. Adalbert'sche Nachlaßverwaltung. „ „ M Frhr. gerb. Karl, Darmstadt. Ft ,/ „ Gesammtfamilie. rt ,, „ Freifrau Karl Wwe.,Darmstdt. f, ,/ „ Freiherr Victor, Gießen. Pascoe, Samuel, Gießen. Perthes, Rudolph, Oberst, Gießen. Röhrle, Gebrüder, Gießen. Scheid, Louis, Gießen. Schirmer, Heinrich, Gießen. Seuling, Wilhelm, Gießen. Schlenke, Karl, Gießen (Hardhof). Solms-Braunfels, Fürst zu, Braunfels. » // Prinz Hermann zu, Hungen. Solms-Hohensolms-Lich, Fürst zu, Lich. r, 3( „ „ Prinz Ludwig zu, Lich. ^vn«v.^au^a„ 211 ^back. Silbereisen, Eduard, Gießen. Textor, Friedrich Wwe., Gießen (Hardt). Walderdorf, Graf, Wiesbaden. Wafferschleben, Erich, Gießen. Will, Dr. Heinrich, Professor Wwe., Gießen. Zimmer, Georg Karl, Heidelberg-Neuenheim. Deutsches Reich. Berlin, 6. September. Die längere Audienz, welche Reichskanzler Graf Caprivi am Montag Abend beim Kaiser in Potsdam hatte, wird allseitig mit den kaiserlichen Entschließungen in Sachen der neuen Militärvorlage in Verbindung gebracht. Die Blättermittheilung von Differenzen, welche zwischen dem Reichskanzler und dem Finanzminister Dr. Miquel wegen der signalisirten Militärvorlage ausgebrochen sein sollten, erfährt in einer anscheinend officiösen Berliner Correspondenz des „Pester Lloyd" ein entschiedenes Dementi. Im Anschlüsse hieran bestätigt die erwähnte Correspondenz die neueren Meldungen über den Inhalt des angekündigten Entwurfes, als dessen Hauptpunkte hiernach die thatsächliche Einsührung der zweijährigen Dienstzeit bei der gesammten Infanterie und die Erhöhung der jährlichen Rekrutenzahl erscheinen. Auch gibt der Berliner Officiosus zu, daß die neue Vorlage starke Mehrsorderungen dauernder Natur mit sich bringen werde, doch schweigt er sich über die Mittel zu deren Deckung wohlweislich aus. Ausland. — In Böhmen stehen für den 29. September Ersatzwahlen zum Landtage bevor. Elf Abgeordnete, welche zu der sogenannten Windischgrätz-Gruppe der parlamentarischen Fraction des böhmischen Großgrundbesitzers gehörten, haben ihre Mandate niedergelegt, und zwar unzweifelhaft, weil sie mit der keineswegs ausgleichsfreundlichen Haltung des feudalen Großgrundbesitzes Böhmens nicht einverstanden sind, lieber die Candidaten des Großgrundbesitzes für die somit erledigten Mandate verlautet noch nichts Näheres, vermuthlich wird man aber von czechischer Seite alle Hebel in Bewegung setzen, damit die bevorstehenden Ersatzwahlen im Sinne der Ausgleichsgegner in der Prager Landstube aussallen. — In Ehambery, der Hauptstadt Savoyens, ist in den Tagen des 4. und 5. September die Jubelfeier der 100jährigen Zugehörigkeit des Herzogthums Savoyen zu Frankreich festlich begangen worden. Präsident Carnot selbst, ferner der Ministerpräsident Freycinet und der Minister des Auswärtigen, Ribot, wohnten der Feier von Chambery bei, wodurch dieselbe eine von selbst in die Augen springende politische Bedeutung erhielt. Unter den in Chambery gehaltenen Festreden muß man diejenige Carnots auf dem von der Stadtverwaltung Chamberys gegebenen Prunkmahle wohl als die bedeutendste betrachten. Sie charakterisirte sich als ein warmer Appell an die Einigkeit begg--- Neueste Nachrichten Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Straßburg, 6. September. Der Statthalter publicirt in kaiserlichem Auftrage, daß die Kaisermanöver in Lothringen abbestellt seien, weil der Kaiser in warmer landesväterlicher Fürsorge für das Wohl der Bevölkerung vermieden wissen wolle, daß durch die zusammengeströmte patriotische Bevölkerung Gefahr für ihre und ihrer Familien Gesundheit entstehe. Der Kaiser bebaute schmerzlich, daß er die zugedachten Huldigungen der braven lothringischen Bevölkerung nicht entgegennehmen könne. Petersburg, 6. September. Die Commission, die zur Berathung der zwischen Deutschland und Rußland schwebenden wirtschaftlichen Fragen eingesetzt ist, tritt, wie verlautet, im Lause der Woche zu einer Sitzung zusammen. Der Commission gehören der Minister der Finanzen, des Innern, der Domänen und des Auswärtigen an. Feuilleton. Der Vetter aus (Kalifornien. Novelle von E. Rudorfs, 'ersassertn des preisgekrönten Romans: „Durch Leid zum Licht". (Schluß.) Am nächsten Tage erschien Walter zu passender Stunde ei dem Rechnungsrath und bat um Liesbeths Hand. Er ügte hinzu, daß er bereits eine feste Anstellung in einer Fabrik erhalten habe, welche ihm gestatte, seiner zukünftigen Gattin ein angenehmes Daheim zu bieten. Der alte Herr war geradezu erstarrt, an eine solche Eventualität hatte er nicht im Entferntesten gedacht. In emeffener Weise erwiderte er, daß die Empfehlung seines Neffen Wilhelm Berg ihm und seiner Gattin eine Bürgschaft emefen sei, daß sie es mit einem ehrenwerthen Manne zu hun gehabt und daß Walters ganzes Verhalten die günstige Reinung gerechtfertigt habe, welche sie ihm entgegengebracht äiten. Er werde feine Gattin von dem ehrenvollen Antrag 1 Kenntniß setzen, sie würden dann beide vereint das Herz )res Kindes prüfen und falls Liesbeth ihm geneigt erscheine, 1 wenigen Wochen einen Bescheid ertheilen. Als Walter hierauf bemerkte, daß Liesbeth — der feuern Eltern Zustimmung erwartend — ihm schon ihre Neigung gestanden, fuhr Zorn sich an den Kopf, er glaubte 4 träumen, was er soeben vernommen, lag für ihn völlig 116er den Grenzen des Möglichen, zu Erwartenden! Sieben kurze Wochen, in welchen diese jungen Menschen miteinander verkehrten, hatten bei seiner Tochter hingereicht, um sich zu einem Bunde für das Leben zu entscheiden! Und er hatte seit „der Kleinen" Confirrnation drei Jahre sich mit dem Gedanken getragen, ob er Herz und Hand dem lieben Mädchen anbieten solle? Und wäre Augustchen nicht so urplötzlich eine Waise, hilf- und schutzlos geworden, vielleicht hätte er noch recht geraume Zeit über diesen hochwichtigen Schritt nachgedacht. Also die beiden waren einig, er würde sein liebes Kind verlieren! In diesem Augenblicke traten alle die liebenswürdigen Eigenschaften des holden Mädchens in ihr volles Licht. Zorn, von den widerstreitendsten Gefühlen bewegt, ließ sich erschöpft in seinen Sorgenstuhl nieder und sprach in rührenden Worten aus, wie schwer es ihm fallen werde, Liesbeth sortzugeben. Walter wußte jedoch dem Rechnungsrathe überzeugend auseinanderzusetzen, daß er Liesbeth behalten und noch einen ihn liebenden, dankbaren Sohn bekommen würde. Diese Rechnung konnte stimmen und damit war bei Zorn viel gewonnen. Der alte Herr gab, nachdem er sinnend eine Weile gesessen, um zur nöthigen Fassung zu gelangen, — unter dem Vorbehalt, dgß seine Gattin ebenfalls geneigt sei — die erbetene Einwilligung zu dem Herzensbunde. Fürs Erste müsse derselbe jedoch geheim bleiben, fügte er hinzu, da die feierliche Verlobung und Veröffentlichung dieses Familienereignisses nicht früher stattfinden könne, als bis sein Neffe Wilhelm Berg in D. eingetroffen sei. Der brave Mann hatte es alle die Jahre hindurch wie einen Stachel empfunden, daß er nicht ganz correct in Bezug auf feinen Schwager, den ehemaligen Trompeter, gehandelt habe. Dies wollte er jetzt auf eine eclatante Weise sühnen, indem er auf dessen Sohn wartete, um die Verlobung zu proclamiren. Wilhelm Berg würde daraus ersehen, daß er ein theueres, hochgehaltenes Mitglied dieser ehrenwerthen Familie sei. Die Rechnungsräthin, wie sehr das Glück ihres einzigen Kindes sie auch erfreute, war geradezu erschreckt über die Schnelligkeit, mit welcher Zorn seine Einwilligung gegeben und bereits einen Zeitpunkt der Verlobungsfeier ins Auge gefaßt hatte. Das war völlig außer seiner Art. Wäre Augustchen nicht eine so einfache, gesunde Natur gewesen, sie hätte ein Grauen, die Ahnung von etwas Düsterem, Verhäng- nißvollem angewandelt. Den Liebenden war es durchaus gleichgiltig, zu welcher Zeit fremde Menschen einen Einblick in ihr Herzensleben erhielten. Jeder Augenblick war so reich, so voll der köstlichsten Gefühle, daß sie gleichwie auf einem Meere des Glückes trieben, bei welchem Nachdenken und Sorgen ganz ausgeschloffen bleibt. Stunden und Tage gehen aber ihren vorgeschriebenen Weg, unbekümmert um der Menschen Herzensweh oder deren aufjauchzende Freude. So nahte auch der Tag, an welchem Wilhelm Berg im Hause des Rechnungsrathes erschien und von der ganzen Familie auss Beste empfangen wurde. Hold und innig begrüßte Liesbeth den Vetter, doch die Theorie von „der Stimme des Blutes" erhielt bei ihr durch den Verkehr mit ihm einen argen Stoß. Nie würde ihr Herz — das empfand Liesbeth mit nicht zu erschütternder Gewißheit — Washington, 6. September. In einem von den Zeitungen veröffentlichten Schreiben erklärt Harrison sich zur Annahme einer Wiederwahl als Präsident bereit. Er spricht sich für die Vermehrung solcher Handelsschiffe aus, die durch ihre Bauart geeignet sind, erforderlichen Falles den Zwecken der Regierung zu dienen. Seine Reciprocitätspolitik betrachteten die rivalisirenden europäischen Handelsmächte als ihre commcrciette Suprematie bedrohend. Die Schutzzölle bezweckten zu verhindern, daß die Löhne auf das Niveau der europäischen sinken. Die freie Silberausprägung werde, wenn das Silber in solchem Verhältnisse zum Golde stehe, daß es die Gleichheit beider Metalle aufrechthalte, zum Segen aller Nationen gereichen. Er erwarte befriedigende Resultate von der Münz- eonserenz. Der nationale und commercieöe Einstuß der Unionsstaaten sei in beiden Hemisphären niemals höher geachtet gewesen. _____ Depeschen deS Bureau „Herold". Berlin, 6. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." berichtet über den Wegfall der Kais er Manöver. Der Grund sei die weise Fürsorge für die Bevölkerung und die Truppen, da bei dem Zusammenströmen der Menschenmassen die Verantwortung wegen der Choleragefahr zu groß sei. Eine Veranlassung zur Beunruhigung sei weder für die Reichslande noch für die Rheinprovinz vorhanden. Berlin, 6. September. Der Redacteur Thiel von dem socialistischen Blatte „Volksmacht" hatte sich heute vor der Ferienstraskammer wegen Preßvergehens zu verantworten. Vor der Vernehmung der Entlastungszeugen warnte Land- gerichlsdirector Schmidt dieselben folgendermaßen: „Es ist mir bekannt, daß die Leitung der socialistischen Partei ihren Mitgliedern anempfohlen hat, überall da, wo Socialisten vor Gericht stehen, Meineide zu schwören." Der Dertheidiger des Angeklagten protestirte energisch gegen diese Behauptung - ein Gleiches thut die heutige Nummer der „Volksmacht" und schließt den Artikel, Laudgerichlsdirector Schmidt merde bem^ nächst Gelegenheit haben, den Wahrheitsbemeis für die ausgestellte Behauptung anzutreten. Berlin, 7. September. Dem Vernehmen nach erfolgt die Veröffentlichung über das Unterbleiben der Manöver des 13. und 14. Armeecorps spätestens morgen. Köln, 6. September. Der „Köln. Ztg." wird aus Petersburg gemeldet: Els Gouvernements erbaten bereits wieder zu Aussaat- und Verpslegungszwecken 13 Millionen Rubel. Vorläufig wurden nur 5 Millionen gezahlt, da von dem Verpflegungscapital jetzt nichts mehr flüssig sei. Braunschweig, 7. September. Der socialistische Landesparteitag, welcher aus den 11. September angesetzt war, wurde der Choleragefahr wegen verboten. München, 6. September. Der soeben vom Statistischen Bureau pro August ausgegebene Saatenbericht constatirt durchgehend eine sehr gute Ernte von Klee, Grummet, Kraut, Rüben und zum größten Theile auch Kartoffeln und Hopsen. Letztere hat besonders in Franken durch die große Hitze und Dürre gelitten. Die Klagen über den herrschenden Futter-- mang-l^nd allgemeine. „Die. .Mer Me i^föVnW'n’tn der Pfalz und Untersranken ebensalls durch die Hitze gelitten. Die Quantität kommt der im Vorjahre gleich, die Qualität ist gut. Der Tabak steht gut; einzelne Bezirke Schwabens wurden durch Hagelwetter empfindlich geschädigt. Mit dem Anbau der Wintersaat wurde theils begonnen, theils wurde derselbe vorbereitet, doch ist der in Folge der Dürre zu harte Boden für die Entwickelung der Saat ungünstig. Budapest, 6. September. Der „Pester Lloyd" entwickelt aus Grund absolut sicherer Informationen die leitenden Gesichtspunkte der deutschen Militärvorlage und behauptet, daß die Angelegenheit schon seit Jahr und Tag in zuständigen militärischen und politischen Kreisen verhandelt wird. Da nach genauen Berechnungen der Dreibund über ungefähr 1 Million Soldaten weniger verfügt als Frankreich durch diesen stillen, schüchternen, jungen Mann tiefer als im Umgänge mit einem Fremden, erregt worden sein. Völlig anders war die Macht gewesen, welche sie zu dem geliebten Lorenz unwiderstehlich hingezogen hatte. Vollkommen befriedigt, ja glücklich — falls der Ausdruck Glück in Bezug auf Zorn zu gebrauchen wäre, da er einen Zustand bezeichnet, in welchem das ruhige Gleichmaß des Empfindens gestört worden ist — fühlte'sich der alte Herr. So angenehm ihm auch der Umgang mit seinem künftigen Schwiegersöhne erschien, es hatte ihn doch stets etwas wie „Sturm" in dessen Nähe angeweht und ein wenig aus der gewohnten Bahn getrieben. Immer hatte der Rechuungsrath einige Stunden gebraucht, um die durch Lorenz Walter her- borgerufenen fremdartigen Eindrücke in sich zu verarbeiten und wiederum zur alten Ruhe zu gelangen. Auch imponirte es dem jungen Manne nur wenig — dies sah der Rechnungsrath mit einer Mischung von Verwunderung und ernstem Bedenken ein — daß Zorn nach dreißigjähriger Dienstzeit es dahin gebracht, als Alleinherrscher in einem Steuerbureau zu thronen! Wie scheu und ehrfurchtsvoll war Wilhelm Berg dagegen ausgetreten und hatte — ohne den hochgestiegenen Oheim weder durch ein Wort noch durch eine Geberde zu unterbrechen — deffen überlange Begrüßungsrede angehört! Diese Bescheidenheit und Zurückhaltung blieb sich auch nach mehreren Tagen eines verwandtschaftlichen Verkehrs durchaus gleich. Ja, so mußte der Sohn feiner einzigen Schwester IXrfula geartet sein! Und als dann Zorn den jungen Mann bei der Verlobungsseier an seine Brust zog und Wilhelm sich niederbeugte, um des verehrten Mannes Hand an seine Lippen z" pressen, da sühlte der Rechnungsrath an dem etwas schnelleren, freudigen Pochen des eigenen Herzens die niemals wegzuleugnende Wirkung „der Stimme des Blutes". und Rußland zusammen, müsse sich das deutsche Reich militärisch stark machen. Die Hauptzwecke, die daher verfolgt werden, ergeben im Wesentlichen in der Vorlage: 1) eine Vermehrung der ausgebildeten Truppen, 2) die Verjüngung der Feldarmee und 3) die Befestigung der Wehrkraft, insbesondere durch neue Kadres. Die Cholera. Ziemlich rauhe und dabei regnerische Witterung ist unerwartet den jüngsten heißen Wochen gefolgt, der Eintritt derselben berechtigt zu der Hoffnung, daß nunmehr die Cholera von deutschem Boden bald verschwinden werde. In Hamburg selbst, dem Ausgangspunkte der Seuche in Deutschland, haben die täglichen Sterbefälle an Cholera noch weiter nachgelassen, so daß vom 4. September nur noch 158 Choleratodessälle gemeldet worden sind. Im übrigen Deutschland kommen zwar noch immer an den verschiedensten Punkten Choleraerkrankungen und Choleratodessälle vor, aber nur sehr vereinzelt und beschränken sich solche Fälle fast immer auf aus Hamburg oder feiner Umgebung zugereiste Personen. In Berlin ist seit vorigem Samstag keine neue Erkrankung an Cholera asiatica mehr vorgekommen. — Der osficiöse „Hamb. Corr.", welcher schon wiederholt versucht hat, den Hamburger Senat und die Behörden der Hansastadt von der Beschuldigung rein zu waschen, sie seien der Choleragefahr gegenüber ursprünglich sehr nachlässig gewesen, unternimmt dieses Geschäft aufs Neue. So „constatirt" der „H. C." in einer seiner jüngsten Nummern aus angeblich erster Quelle, daß die Hamburger Medicinalbehörde am 22. August sofort nach dem Abschluß der bacteriologischen Untersuchung über den ersten Cholerasall das Reichsgesundheitsamt benachrichtigt und alle erforderlichen Maßregeln ergriffen habe. Trotzdem wird es aber dem „H. C." schwerlich gelingen, den ungünstigen Eindruck, welchen das ansäng- liche Verhalten der Hamburger Behörden gegenüber der Seuche in der öffentlichen Meinung ganz Deutschlands gemacht hat, wieder zu verwischen, einen Eindruck, welchen man ja auch an den leitenden Berliner Stellen selbst empfangen hat. Berlin, 6. September. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Die von Geheimrath Koch in Bremen gemachten Wahrnehmungen sind sehr beruhigend. Abgesehen von einzelnen zweifellos auf Hamburg zurücksührbaren Fällen wurden bis jetzt nur zwei Erkrankungen beobachtet, deren Ursprung noch unermittelt ist. Angesichts der großen Vorsicht, womit alle erforderlichen Schutzmaßregeln Seitens der Stadtverwaltung getroffen worden sind, können diese Fälle eine Beunruhigung nicht begründen. — Den Abendblättern zufolge ist ein neuer Fall asiatischer Cholera hier seit Sonntag früh nicht constatirt worden. Berlin, 6. September. Amtlicher Cholerabericht. Hamburg am 6. September gemeldet: 674 Erkrankungen, 264 Todesfälle. Rgbz. Lüneburg: Ortschaften Neuhof 5 und 1, Wilhelmsburg 5 und 2, Magdeburg 1 und 2, Rgbz. Codlenz 2 Erkrankungen. Hamburg, 6. September. Seit der vergangenen Nacht ist eine entschiedene Abnahme thigcireien; ote Toorentransporte sind gleichfalls geringer geworden. Das Nothstandscomite empfing am ersten Tage bereits 184 OOO Mark an Subscriptionen. Die Verwendung erfolgt durch die Bezirksvereine und richtet sich neben der Desinficirung zunächst auf die Verkeilung nahrhafter warmer Speisen an Bedürftige. Die Volksbank macht bekannt, daß sie allen Schuldnern Nachsicht gewähre, soweit es die Rechte Dritter gestatten. Die Cholera trifft außer Kindern namentlich Schwindsüchtige, Trunksüchtige und Personen, die jüngst von der Influenza befallen waren. Die Krankenhäuser sind noch immer voll, die Baracken belegt, weil die Entlassung der Geheilten frühestens nach acht Tagen erfolgt. Hamburg, 6. September. Die Choleracommission des Senats kann sich der Ansicht nicht verschließen, daß die Pu- blt cationen der Medicinalbehörde nicht durchweg zutreffende Zahlen bringen, deshalb wurde beschlossen, deren Revision durch das statistische Bureau der Steuerdeputation vornehmen zu lassen- diese Behörde wird von morgen an auch die Publicationen selbst veranlassen. — Auf dem Friedhof in Ohlsdorf fanden heute 690 Bestattungen statt. Am Lübecker- thor wurde eine neue Cholerabaracke in Benutzung genommen, das bisher benutzte Krankenzelt verbrannt. Eine Anzahl hiesiger Rechtsanwälte beantragten bei der Justizverwaltung, einstweilen von Strafsachen nur Haftangelegenheiten zur Hauptverhandlung zu bringen, alle nicht dringlichen Sachen aber ruhen zu lassen, da auswärtige Zeugen nicht zum Termin zu schaffen sind. Zur Beschaffung ausreichender Mengen gekochten Wassers sind heute an öffentlichen Plätzen Locomobilen aufgestellt, die Wasser in großen Mengen abgeben. — Im Hafen wurde heute nur ein einziger Erkrankter gemeldet. Hamburg, 6. September. Seit gestern gemeldet: Für Montag 153 Kranke und 40 Todte, Sonntag 296 und 180, Samstag 129 und 25, von früheren Tagen noch nachträglich 96 und 19. Bekannt sind für Sonntag 404 und 214, für Samstag 425 und 166, für Freitag 514 und 244. Jns- gefammt bis jetzt bekannt: 6798 und 2940. Transportirt tourbeif gestern 329 Kranke (Zunahme 32) und 117 Leichen (Abnahme 41). Am Sonntag starben im Krankenhause 166, als geheilt entlassen wurden 56. Bestand blieb 2128. Hamburg, 7. September. Es wird amtlich bestätigt, daß augenblicklich noch 1 300 Leichen unbeerdigt sind. Bisher sind über 5000 Personen gestorben. Altona, 6. September Gestern sind 10 Choleraerkrankungen und 8 Todesfälle vorgekommen. Trier, 7. September. Die Regierung veröffentlichl eine Bekanntmachung, wonach von heute ab alle Bahnzüge aus Luxemburg auf der Station Karthaus wegen der Choleragefahr ärztlich untersucht werden. Frederica, 6. September. Zur Absperrung der schleswigschen Grenze sind von hier 3 Offiziere und 86 Mann, von Odense 50 Mann Infanterie abgegangen. Locale» «nd provinzielle». Gießen, 7. September 1892. — Jubiläum. Gestern feierte still im Kreise seiner Familie der Bremser der Rechtsrhein. Eisenbahn Wilhelm Keiner sein 25jähriges Dienstjubiläum. — Postpersonal Nachrichten. Der Telegraphenanwärter Wenzel in Mainz ist als Telegraphenassistent und der Postaffistent Heinrichs in Weisenau als Postverwalter an« gestellt worden. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die zwischen Preußen und dem Großherzogthum Hessen getroffenen Abmachungen über den Bau und Betrieb einer Eisenbahn von Homburg v. d. H. nach Ufingen, welche in der Länge von einem Kilometer hessisches Gebiet berühren wird. Es sollen für diese Bahn die Bestimmungen des 1874 abgeschlossenen Vertrages bezüglich der Berlin Wetzlarer Bahn sinngemäße Anwendung finden. Die Bahn wird als Bahn untergeordneter Bedeutung betrieben. Es wird bestimmt, daß unter Vorbehalt der nach der hessischen Verfassung erforderlichen ständischen Zustimmung von dem Bahnunternehmen und dem zu demselben gehörenden Grund und Boden, so lange sich dasselbe im Betriebe des preußischen Staats ober etwa demnächst des deutschen Reichs befindet, keinerlei Staatsabgaben erhoben, noch Besteuerungen desselben zu Gunsten der Gemeinden und sonstigen corporativen Verbände zugelassen werden sollen, eine Zustimmung der Großherzoglichen Staatsregierung zu einer etwaigen Veräußerung der in ihrem Gebiet belegenen Bahnstrecke nicht erforderlich sein soll. Nidda, 6. September. Bei der gestern stattgehabten Gemeinderathswahl stimmten von 337 Wahlberechtigten 155 ab. Wiedergewählt wurden die Herren Wilhelm Erk mit 147 und Friedrich Uhl mit 119 Stimmen. Neugewählt wurde Herr Hermann Roth mit 59 Stimmen. Ferner erhielten Stimmen die Herren W. Ringshausen 58, Fr. Drott 34, Fr. Stork 17. Die übrigen Stimmen zersplitterten sich. Mainz, 5. September. Der vom Gouverneur v. Reidnitz nachgesuchte Abschied ist nunmehr bewilligt worden. Reibnitz wird seinen Wohnsitz anderwärts aufschlagen und ist schon einige Zeit auf der Suche nach einer ihm passenden Stadt und Wohnung begriffen. " Vernnschte». * Frouhauseu, 1. September. Gestern erschien in dem Geschäftsräume eines hiesigen Kaufmannes ein zwölfjähriger Knabe aus einem benachbarten Dorfe, Sohn eines Bahnwärters, und equipirte sich ganz neu, bezahlte auch sofort die erstandenen Kleider. Später wurde der vorher getragene Anzug hinter einer Hecke versteckt gesunden. Auch wollten hiesige Einwohner den Knaben im Besitze einer größeren Summe gesehen haben. Heute stellte sich nun heraus, daß das hoffnungsvolle Bürschchen seinem Vater 150 Mark in harten, blanken Thalern entwendet und bamit einen Ausflug nach Frankfurt am Main unternommen hat. Don tft cs ocicUs ter Polizei in tue Hände gefallen und der bedauernswerthe Vater ist nach Frankfurt gefahren, um in den Rückbesitz seines Geldes und seines Sprosstn zu gelangen. , M. T. ; * Frankfurt a. M., 5. September. Gestern Vormittag stürzte der 37 Jahre alle Maurer Heinrich Kircher von Dörnigheim aus dem fünften Stock des Neubaues eines Getreidehändlers auf der Mainzer Landstraße und war soso« todt. — Heute früh wurde der wegen Verdachts der Theil- nahme an dem Raubmorde Schul m ayer steckbrieflich verfolgte Sergeant Hammer, der bei den Bockenheimer Husaren gedient, seiner Führung halber aber entlasten worden ist, auf dem hiesigen Hauptbahnhofe verhaftet. * Metz, 5. September. Heute erschoß in seiner Wohnung in der Glossindenstraße der Eisenbahnbremser Fritz seine Ehesrau und dann sich selbst. Die Leute hatten zwei Kinder, lebten aber stets uneinig. Eifersucht ist das Motiv der That. * Humor in ernster Zeit. Aus Dessau wird folgende heitere C h o l er a g esch t chte mitgetheilt, die daselbst viel belacht wird. Der Reichöbank-Nebenftelle in Dessau ist nämlich von einem dortigen Tischlermeister folgendes Schreiben zugegangen : „Ich bitte ergebens!, den mir gestern zur Zahlung präsentirten Wechsel aus Hamburg wieder an den Aussteller zurückgehen zu lassen, da ich das Papier als choleraverdächtig aus keinen Fall einlöse. Hochachtend (folgt Name), Tischlermeister." Ob es wirklicher Humor gewesen ist, welcher dem Manne den Bries dictirt hat, oder ob es nur Galgenhumor war, weil es ihm zur Einlösung am Besten gefehlt hat, darüber schweigt die Geschichte. * Auf Alarm steht, auf Befehl des Kaisers, jetzt täglich von 9 Uhr Morgens dis 8 Uhr Abends die in Potsdam garnisonirende zweite reitende Batterie des 2. Garde Feld- Ärtillerie-Regirnents, welche des in unserem Kaiserhause zu erwartenden freudigen Familienereigniffes wegen nicht mit ins Manöver gerückt ist. Die Mannschaften der Batterie haben jetzt weiter keinen Dienst, als daß sie bis 9 Uhr früh die Pferde bewegen. Die Batterie soll sofort nach der erfolgten Entbindung der Kaiserin die Salutschüsse abgeben, aber nur in der Zeit von 9 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends- ' Sollte das freudige Familienereigniß in der Nacht eintreten, so wird erst am nächsten Morgen geschossen. * Die Macht der Töne. In Erfurt ist in der Nacht zum Freitag irrthümlich die Garnison alarmirt worden. Die Capelle des Jnsaitterieregiments Nr. 71 hatte anläßlich des Sedantages im Steiger-Etablissement ein sogenanntes patriotisches Concert arrangirt, in dessen Programm auch das bekannte Sch lacht en potpourri von Saro : „Deutschland- Erinnerungen aus 1870—71" figurirte. In diesem musikalischen Schlachtengemälde kommt die Entwickelung eines Gefechtes — vom Alarmsignal bis zur Siegesmusik — zur . musikalischen Wiedergabe. Diesmal hatten nun, wie dem