N> . 107 Erstes Blatt Sonntag den 8. Mai 1892 Der Girhener Anzeiger ertdieini täglich, mit Ausnahme des Montag-. Die Gießener P«mifien v tälter werden dem Anzeiger N-chenklich dreimal betgelegt. ießener Ä nreiger Generat-Anzeiger. Vierteljähriger ^vosnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Ptg. Redaction, Expedition und Druckerei: Zch»tSr«heNr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblutt für den ttveis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr. Gratisbeilage: Gießener Jamitienökätter. Alle Lnnoncen-Bureaux de» In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Anrtlichev Theil. Bekanntmachung, betreffend Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft zur Entwässerung von Grundstücken in den Fluren VIII, IX und I der Gemarkung Sleinheim. Nachdem zur Ausführung einer Entwässerung von Grundstücken in den Fluren VIII, IX und I der Gemarkung Steinheim Antrag auf Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft gestellt worden ist und die Großh. Obere landwirthschaftliche Behörde als fachliche Centralbehörde das beabsichtigte Unternehmen als zulässig und zweckmäßig erachtet und die Einleitung des Verfahrens zur Bildung einer öffentlichen Wassergenossenschaft angeordnet hat, wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Vorarbeiten hierzu in der Zeit vom 10. bis einschließlich 23. Mai l. I. auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Steinheim zur Einsicht sämmtlicher Grundeigenthümer, deren Grundstücke in die zu verbessernde Fläche fallen, offen liegen. Gleichzeitig werden diese Grundeigenthümer zur Verhandlung und Beschlußfassung, sowie zur Wahl ihrer Vertreter für das weitere Verfahren auf Mittwoch den 25. Mai l. I., Vormittags 8y2 Uhr in das Rathhaus zu Steinheim vorgeladen, unter Androhung des Rechisnachtheils, daß die Nichterscheinenden sowie die Nichtabstimmenden als dem beantragten Unternehmen beistimmend und mit der Wahl der Vertreter einverstanden angesehen und mit ihren Einwendungen gegen die Art der Ausführung später nicht mehr gehört werden. Diejenigen Grundeigenthümer und Wassernutzungsberechtigten, die an dem Unternehmen nicht unmittelbar betheiligt erscheinen, werden hiermit aufgefordert, etwaige Einsprachen gegen das Unternehmen in der vorerwähnten Tagfahrt geltend zu machen, widrigenfalls die Einsprachen nach Ablauf der ’ Frist nicht mehr berücksichtigt würden und nur noch privat- , rechtliche Entschädigungsansprüche gegenüber dem Unternehmen ' geltend gemacht werden könnten. Gießen, den 5. Mai 1892. f Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung. Molkereicursus zu Selters betr. Mit Zustimmung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz soll an der Molkerei zu Selters unter Leitung des Lan-wirthschaftslehrers Andrae zu Büdingen ein Molkereicursus für Frauen und Mädchen eingerichtet werden. Der diesjährige Eursus beginnt am Montag den 16. Mai, Morgens 8 Uhr, und endigt am Samstag den 28. Mai, Nachmittags 3 Uhr. Indem wir auf das hierunter veröffentlichte Programm verweisen, laden wir Interessenten ein, sich an dem Eursus zu betheiligen und bis zum 15. Mai bei Herrn Landwirth- schaftslehrer Andrae in Büdingen zu melden. Programm für den Molkereicursus zu Selters. 1. Zweck des Eursus. Der Molkereicursus soll : Frauen und Töchtern von Landwirthen Gelegenheit zur Aneignung derjenigen Kenntnisse und Fertigkeiten geben, welche j zum rationellen Betriebe der Milchwirthschaft unbedingt er- \ forderlich sind. 2. Lehrgegenstände. Der Eursus besteht in theoretischem Unterricht, verbunden mit Demonstrationen und ; praktischen Arbeiten in der Molkerei. Der Eursus wird von einem im Molkereifache ausge- i bildeten Landwirthsschaftslehrer geleitet, welchem zu diesem ! Zwecke ein practikcher Molkereibetrieb zur Verfügung steht, • wodurch jeder Teilnehmerin Gelegenheit gegeben ist, auch die j wichtigsten Fertigkeiten zu erwerben. Der theoretische Unterricht erstreckt sich auf * a. Entstehung und Zusammensetzung der Milch, Behandlung derselben im Stall und Transport nach dem Verkaufs- oder Verarbeitungsort; b. die Bestimmung des Fettgehalts der Milch mittelst des Laktobutyrometers und des Soxhlet'schen Apparates; c. die verschiedenen Methoden der Entrahmung, ihre Vortheile und Nachtheile uif * Anwendbarkeit im landwirth- schastlichen Betrieb; d. die Butterbereitung; e. die Käsegewinnung; f. die Verwerthung der Magermilch, Buttermilch und Molken; g. die genossenschaftliche Verarbeitung der Milch; h. das Wichtigste über Aufzucht, Haltung und Fütterung des Rindviehs. Die practischen Arbeiten während des Eursus bestehen in a. Milchabnahme in der Molkerei; b. Entrahmung der Milch mittelst einer Centrifuge; im Anschluß hieran die Entrahmung von gleichen Milch- mengen nach dem Kaltwasserverfahren und nach dem allgemein üblichen Häfenverfahren zum Vergleich des Ausrahmungsgrades und der Zeitdauer; c. Buttergewinnung, Butterkneten und Verpackung; d. Bereitung von Magerkäsen (Hand-und Limburger Käsen) und französischen Weichkäsen (Fromage de Brie, de Camenbert, de Neufchätel). 3. Zeitdauer des Eursus. Die Molkereicurse werden im Mai abgehalten und sind von vierzehntägiger Dauer, worüber jedesmal näher bestimmt werden wird. 4. Aufnahmebedingungen. Aufnahmefähig sind junge Mädchen aus dem Großherzogthum Hessen, welche zum mindesten 16 Jahre alt sind und in der Haus- und Land- wirthschaft bereits practisch gearbeitet haben. Als Honorar zahlt jede Theilnehmerin am Cursus 10 Mk., wofür ihr indeß noch ein Lehrbuch über Milchwirthschaft zu Theil wird. Kost und Wohnung kann während der Dauer des Cursus gegen billigen Preis in Selters genommen werden. 5. Prüfung. Am Schluß des Cursus wird eine kurze Prüfung abgehalten, wozu Eltern und Interessenten eingeladen werden. Darmstadt, den 4. Mai 1892. Großherzogliche Obere landwirthschaftliche Behörde: ___________________Jaup. _____________ Gefunden: 1 Messer, 2 Taschentücher, Geld, 1 Brille, 1 Armband, 1 Bleifederhalter, 1 Schiebkarren, 1 Schraubenschlüssel und 1 Lederhandschuh. Zugelaufen: 1 Dachshund. Gießen, am 7. Mai 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Nenefte Nachrichten. fBo(R$ telegraphische» Lorrespondenz-Bureav Berlin, 6. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet die Ernennung des Wirklichen Geheimen Oberregierungsraths und Ministerialdirectors Lohmann zum Unterstaatssecretär im Handelsministerium. Berlin, 6. Mai. Heute erschoß sich der Ches des Bankhauses Hammerstein. Der Fall soll mit der Börse nicht in Verbindung stehen. Paris, 6. Mai. Der bei der Explosion im Restaurant Very schwer verletzte Hamonod ist gestorben. Der Zustand Verys ist unverändert. Petersburg, 6. Mai. Die Nordische Telegraphenagentur bestätigt aus bester Quelle, daß die Getreidecommission ihre Zustimmung zur Freigabe des Exports der augenblick- Feuilleton. Die Laterne. Aus den Erinnerungen eines alten Offiziers. Von Friedrich Meister. (Nachdruck verboten.) Ja, ich will die Geschichte endlich einmal zu Papier bringen. Wohl hatte ick mir fest vorgenommen, daß kein Mensch von der Begebenheit, die den Wendepunkt meines Lebens bildete, jemals etwas erfahren sollte, jetzt aber habe ich diesen Entschluß ausgegeben. Der heutige Tag ist ein Glückstag für mich gewesen, einer der glücklichsten, die ich je erlebt. Ich bin ein alter Mann, der seinem König manch langes Jahr gedient hat. Durch Gottes Gnade ist meine Laufbahn eine ehrenvolle gewesen, meine Leistungen haben Anerkennung gesunden, weit über Verdienst, heute aber ist mir das Größte widerfahren — mein allergnädigster König und Herr hat mir die erste Klaffe des Rothen Adlerordens verliehen und mich überdies mit einem Handschreiben beglückt, bei dessen Durchlesen mir die alten Augen wieder und wieder naß geworden sind. Meine Tochter Hertha hat ihren Kindern, den vier lieben, blauäugigen Knaben, lang und breit von der neuen Ehre erzählt, die dem Großvater zu Theil geworden, und dieselben dabei ermahnt, in seine Fußtapfen zu treten und, wie er, sich die Liebe aller Nahestehenden, die Bewunderung des Vaterlandes und die wohlwollende Anerkennung des obersten Kriegsherrn zu erwerben. Das war nun freilich sehr viel gesagt, zu viel für meine bescheidenen Verdienste; sie hatte eben mit der Voreingenommenheit einer liebenden Tochter geredet. Aber die Rührung übermannte mich doch. Ihr Antlitz, ihre Gestalt, ihre Stimme erinnerten mich so lebhaft an ihre verstorbene Mutter, an wein treues Weib, deren Abwesenheit der einzige bittere Tropfen in dem Freudenkelch des Tages war. Hertha erzählte den Knaben die schon so oft wiederholte Geschichte, wie der Großvater in seinem letzten Feldzuge bei Le Bourget das Eiserne Kreuz erster Klaffe gewann; dann, als sie den funkelnden Stern des Rothen Adlerordens in die Cafette zu den übrigen Orden und Ehrenzeichen legte, forderte sie die kleine Gesellschaft auf, drei kräftige Hurrahs dem lieben Großvater zu Ehren ertönen zu lassen, und ich muß gestehen, daß diese dünnen Kinderstimmchen mich mehr bewegten, als das brausende Jubelgeschrei der ungezählten Tausende, das uns bei unserem Einzug ins Brandenburger Thor einst begrüßt hatten. Jetzt sitze ich allein im stillen Gemach; die Kinder schlafen und das Haus ist ruhig. Ich sitze und denke der vergangenen Zeiten. Lebhafter als seit langen, langen Jahren erwacht in mir die Erinnerung an jenen Abend, wo der letzte irdische Augenblick mir so nahe war, daß ich es nur einer wunderbaren Gottesfügung danken kann, wenn mir dennoch ein friedliches, ehrenvolles Alter im Kreise liebender Kinder und Kindeskinder bescheerr worden ist. Gar manches Mal habe ich dem Tode ins Angesicht geschaut, dem Tod auf dem Felde der Ehre. Niemals jedoch war ich dem Tode so nahe, und dazu einem schlimmen, unrühmlichen Tode wie an jenem Abend. Bis heute hat Niemand diese Geschichte vernommen, und so lange ich am Leben bin, soll aucy Niemand sie vernehmen. Man wird diese Niederschrift nach meinem Tode versiegelt in meinem Schreibtische finden. Ich könnte es nicht über mich gewinnen, meiner Tochter davon zu erzählen, ich weiß aber, daß sie mir verzeihen wird, wenn ich nicht mehr bin. Nun zu meinem Bertcht; möge er für Andere eine Lehre sein. Im Jahre 18** stand ich als Secondlieutenant in dem *ten Regiment. Mein Vater war kein reicher Mann, dennoch aber gewährte er mir einen Zuschuß, mit welchem ich, selbst ohne ängstliche Sparsamkeit, gar wohl hätte auskommen können. I Meiner Mutter erinnere ich mich als der besten der Frauen; | sie hing an mir mit zärtlichster, vielleicht ein wenig zu nachsichtiger Liebe. Die jungen Offiziere unseres Regiments genossen in der Garnison den Rus der unverwüstlichsten Lebenslustigkeit — um mich nicht stärker auszudrücken; von allen aber galt ich, mit einer einzigen Ausnahme, als der Tollste. Die Natur hatte mich mit einer romantischen Ader ausgestattet und daher mochte es wohl kommen, daß ich meine größte Freude an Abenteuern aller Art sand. Die erwähnte Ausnahme, Lieutenant Helmsdorf, war mein intimster Freund. Seine Charactereigenschasten hatten ihm vor allen andern meine vollste Zuneigung erworben. Seine Neigungen und Liebhabereien glichen den meinigen auf ein Haar, er huldigte derselben halb sentimentalen, halb verdrehten Philosophie, die mich in den Augen meiner verständigeren und kaltblütigeren Kameraden zuweilen geradezu räthselhaft erscheinen ließ. Ohne Aufregung fühlten wir beide uns nicht glücklich. Die stumpfe Einförmigkeit des Garnisonlebens gab uns nur wenig Gelegenheit, unseren Passionen zu fröhnen, allein, was an Abenteuern und sonstigen Extravaganzen fertig zu bringen war, das brachten wir fertig. Selbstverständlich gerielhen wir dadurch in mancherlei Schwierigketten, sogar in recht häßliche, aber, Gott fei Dank, immer nur außerdienstlich. Bei solchen Gelegenheiten bewährte sich unsere gegenseitige Freundschaft auf das Zuverlässigste und wir fühlten uns immer fester aneinander geknüpft. Nachdem auf solche Weise zwei Jahre vergangen waren, begannen sich, wie dies nicht anders möglich sein konnte, drückende Geldverlegenheiten bei uns einzustellen. Ab und zu hals uns zwar ein glücklicher Abend am Spieltisch wieder etwas aus der Klemme, allein niemals auf die Dauer, und gar bald liefen uns die zudringlichen Gläubiger wieder die Thüren ein. (Fortsetzung folgt.) lichen Hafer- und MaiSvorräthe in Libau, Riga und Reval, sowie derjenigen in Archangel gegeben habe. Desgleichen habe sie die Freigabe der Maisaussuhr aus dem gesummten Reiche genehmigt. — Nach den Berichten über die in den letzten Tagen stattgehabte Ausnahme der Getreide- v orrät he an den Hauptmärkten im Innern deS Landes und in den Hasenplätzen haben die Getreidevorräthe seit Neujahr eher zugenommen als abgenommen. Der Bedarf für die BolkSverpflegung sei vollständig gesichert, außerdem ein namhaftes Getreide-Exportmaterial, besonders an Weizen, vorhanden. Depeschen deS „Bureau Herold"'. Berlin, 6. Mai. Abgeordnetenhaus. Eingegangen ist der Gesetzentwurf, betreffend die Gewährung der Staatsrente zu der Stolgebührenentschädigung in der evangelischlutherischen Kirche der Provinz Hannover. Zunächst werden verschiedene Petitionen debattelos erledigt- u. a. wird die Petition Kraatz-Stralsund, betr. die Freigebung der Ostsee- fischerei für die Küstenbewohner, an die Agrarcommission zurückverwiesen. Die Petition der Lehrer und Lehrerinnen wegen Regelung der Lehrerverhältnisse an den Mittelschulen und höheren Mädchenschulen wird als Material für die gesetzliche Regelung der Gehalts-, Pensions- und Relicten-Ber- sorgungsverhältnisse überwiesen. Die Petition von den Gemeinden des Mitteloderbruchs wegen Errichtung eines Schöpfwerkes wird der Regierung zur Berücksichtigung über- wiesen. Nach Erledigung einer größeren Anzahl von Petitionen von lediglich localen und privaten Interessen wird die Sitzung geschloffen. Samstag: Vorlage wegen des Bußtages. Zweite Lesung des Secundärbahn-Gesetzes. Berlin, 7. Mai. Die „Kreuz - Zeitung" meldet aus Bukarest: Die Verhaftungen der in die Rust sch uker Bombenangelegenheit Verwickelten wird fortgesetzt. Bisher sind 20 Personen festgenommen. Berlin, 7. Mai. Das „Tageblatt" meldet aus Zanzibar: Araber bringen die Nachricht, Emin Pascha sei gestorben. Es handelt sich um ein Gerücht, welches, wie alle Arabermeldungen, vorläufig unbestätigt und mit Vorsicht aufzunehmen ist. Potsdam, 6. Mai. Der Kronprinz wurde anläßlich seines 10. Geburtstages in das 1. Garde-Regiment z. F. ausgenommen. Der Kaiser hielt folgende Ansprache an das Regiment: „Mit dem heutigen Tage tritt mein ältester Sohn nach alter Tradition in die Reihen der Armee. Wenn er auch wegen seiner Jugend' nicht im Stande ist, alle mili- tärischen Uebungen mitzumachen, so hat er doch den besten Willen dazu. Ich selber denke noch mit Dank und Freude an diese Zeit, die ich unter den Augen meines hochseligen Großvaters erlebte". Zum Kronprinzen sagte der Kaiser: „Nun, mein Sohn, tritt ein und thue Deine Schuldigkeit." Der Kronprinz trat mit den anderen Prinzen ein und der Kaiser führte das Regiment im Parademarsch der Kaiserin vor. Der Kronprinz wurde dann allen fremden Offizieren und Attaches vorgestellt. Die Galatafel fand im Stadtschlosse start. Nürnberg, 6.Mai. Bei der Abtragung des Königs- rhores blieb heute ein aus der Höhe in den tiefen Stadtgraben geschleuderter Arbeiter sofort tobt, ein anderer wurde schwer verletzt. München, 6. Mai. Der vom königl. statistischen Bureau eben ausgegebene Saatenbericht pro April constatirt die Beschädigung des Saatenbestandes durch das naßkalte Wetter der letzten Zeit, welche jedoch baldiger Eintritt schöner und warmer Witterung ausgleichen und gute Ernteaussichten bieten würfe. Der Wein in der Pfalz und Unterfranken bietet vorerst gute Aussichten, ebenso der Hopsen in Oberfranken. Kirschen in Schwaben, sowie das gesammte Obst sind durch den Frost beschädigt worden. Wien, 6. Mai. Die F i a k e r k u t s ch e r beschlossen, Freitag Mitternacht den Strike zu beginnen. Wien, 7. Mai. Die Polizeibehörde lehnte weitere Verhandlungen mit den Kutschern ab. Sie droht den Kutschern, die heute am Standorte an den Bahnhöfen fehlen, mit schweren Strafen. Paris, 6. Mai. Im Bois de Boulogne wurde eine Bombe gefunden. Die Polizei ist dem Thäter auf der Spur. Brüssel, 6. Mai. Der Hauptanstifter der Lütticher Attentate ist ein ehemaliger Lieutenant, Moineau, welcher bei den Arbeiterunruhen im Jahre 1886 den Dienst gegen die Ruhestörer verweigert hatte. Sein Mitschuldiger Lacroix war der bekannte socialistische Meetingredner. Die Polizei in ganz Belgien überwacht insgesammt zweihundert Anarchisten. Lüttich, 7. Mai. Entsprechend der Aufforderung des Führers Demblon wollen sich die Socialisten an der übermorgigen Prozession betheiligen und derartig demonstri- rend das Polizeiverbot, betr. den Umzug, umgehen. Das Prozessionsverbot ist wahrscheinlich. London, 7. Mai. Die A r b e i t s s p e r r e in den Spinnereien in Manchester wurde beendigt infolge eines gemem- samen Meetings der Arbeitgeber und der Arbeiter. Die Spinnereien werden Montag wieder in Betrieb gesetzt. London, 7. Mai. Die Anarchisten Nicoll und Mowbray, ersterer Redacreur, letzterer Herausgeber des anarchistischen Blattes „E o m m o n w e a l", welches kürzlich zur Ermordung Hawkins und Mathews aufgefordert hatte, wurden vor den Centralcriminalgerichtshos gestellt. Nicoll wurde zu 18 Monat Zwangsarbeit verurtheilt, Mowbray freigesprochen. Potsdam, 7. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen reisten heute Vormittag 8i/< Uhr mit dem Schnellzuge nach Darmstadt ab. Bochum, 7. Mai. Nach der „Westsälischen Volkszeitung" hat der Staatsanwalt in Essen die formelle Voruntersuchung gegen Baare wegen wissentlichen Meineides eröffnet. Sitzung der Stadtverordneten am 5. Mai 1892. Anwesend. Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Beigeordneten Grüneberg und Langsdorff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren: Adami, Georgi, Dr. Gutfleisch, Habenicht, Heyligenstaedt, Homberger, Jughardt, Keller, Löber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels. Herr L. Preisag hat vor seinem Hause (Ludwig- und Bleichstraße-Ecke) das Trottoir pflastern lassen. Nach den Bestimmungen über den Ausbau von Straßen sind die Kosten je zur Hälfte von der Stadt, zur Hälfte von den Hausbesitzern zu tragen- es werden deshalb Mk. 175,98 (entsprechend der Kostenhälfte für den auf die Ludwigstraße entfallenden Theil der Trottoirpflasterung) bewilligt. Nach erstatteter Anzeige entspricht die Einfriedigung am Garten des Herrn Rechtsanwalt Katz (Goethestraße) nicht den Anforderungen, wie sie in Bezug aus Einfriedigung von Bauplätzen rc. an eröffneten Straßen zu erfüllen sind. Die Baudeputation hat indeß von einem Antrag auf Erneuerung der Einfriedigung absehen zu sollen geglaubt, da der in Betracht kommende Theil der Goethestraße nicht so weit bebaut ist, daß der § 2 der Ortspolizeiverordnung Anwendung finden kann. Es wurde deshalb beschlossen, von einer zwangsweisen Erneuerung der Einfriedigung abzusehen. Nach dem wiederholt zur Berathung gelangten Gesuch des Herrn Carl Weidig III. beabsichtigt derselbe, die Vorderseite des der Baufluchtlinie für die Sonnenstraße entsprechend abgeschnittenen früher Belloff'schen Hauses in Holz- Construction auszuführen. Die Stadtverordneten-Versammlung lehnte es in Uebereinstimmung mit der Baudeputation ab, das in Folge früheren ablehnenden Bescheides bei Großh. Ministerium einzureichende Dispensationsgesuch in der vorliegenden Form zu befürworten. Sie würde indeß einem Gesuche zustimmen, welches aus Erneuerung der Fa^ade beider Weidig'scher Häuser gerichtet ist. Dem Gesuche des Herrn Ehr. Perri V. um Erlaubniß zum Bauen eines Nebengebäudes an der projectirten Verbindungsstraße von der Ostanlage nach der Grünbergerstraße stimmt die Versammlung zu, nachdem mit den interessirten Grundbesitzern wegen Richtung der Straße und Geländeerwerb eingeleitete Unterhandlungen ihren, die Aussicht auf Verständigung eröffnenden Fortgang genommen haben. (Die Beschlußsaffung hierüber war in der Sitzung vom 7. April u. A. auch deshalb ausgesetzt worden, weil (nicht osficiell) mitgetheilt wurde, daß Großh. Polizeiamt die Genehmigung bereits ertheilt habe. Letzteres war nach inzwischen an die Stadtverordneten-Versammlung gerichtetem Schreiben Großh. Polizeiamts nicht der Fall und sei sonach betr. Theil unseres Referats in Nr. 86 d. Dl. richtig gestellt.) Zufolge Gesuchs des Allg. Vereins für Arrnen- und Krankenpflege wird beschlossen, in den demselben überlassenen Localitäten im Schulhause in der Neustadt Gas- und Wasserleitung einrichten zu lassen. Dieser Beschluß beruht auf der Voraussetzung, daß die bisher im alten Rathhaussaale im Gebrauche befindliche Gasleitung in Besitz der Stadt übergeht, und ferner der Eoangel. Kirchenvorstand für die ihm in dem bezeichneten Schulhause überlassenen Räume eine um 30 Mk. erhöhte Miethe entrichtet. Die Bewohner der Schanzen st raße sind um Beleuchtung genannter Straße durch Aufstellung zweier Gaslaternen vorstellig geworden. Es wird beschlossen, vorerst eine Laterne aufzustellen. Herr Oberbürgermeister Gnauth theilt mit, daß eine Untersuchung des Wassers der 18 öffentlichen Pumpbrunnen stattgesunden habe. Ohne auf das zahlenmäßig festgestellte Resultat der durch das chemische Untersuchungsamt ausgeführten Untersuchungen einzugehen, lassen sich danach die öffentlichen Pumpbrunnen hinsichtlich der Wasserbeschaffenheit in vier Gruppen theilen. Zur ersten Gruppe, d. h. derjenigen, deren Wasser als gut bezeichnet werden kann, gehören der Brunnen an der Frankfurter Straße (Jughardsbrunnen), der Brunnen in der Realschule, am Philosophenwald, am christlichen Friedhöfe und der Brunnen am Gail'schen Hause in der Neustadt (das Wasser des letzteren hat sich sonach seit der Instandsetzung verbessertes ist, wie in der Sitzung bemerkt wurde, den Anwohnern zu empfehlen, durch fleißige Wasserentnahme dem Brunnen die Güte des Wassers, die ihm früher nachgerühmt wurde, zu erhalten). Zur zweiten Gruppe, deren Wasser als angängig bezeichnet werden kann, gehören der Brunnen am jüdischen Kirchhofe und am Teufelslustgärtchen. Als nicht zu empfehlen für den menschlichen Genuß sind anzusehen die Brunnen der dritten Gruppe: der Brunnen in der höheren Töchterschule, im Schulhaus am Asterweg, in der Sandgasse, im Hospitalhos und aus der Mäusburg. Absolut ungenießbar für den menschlichen Genuß ist das Wasser der vierten Pumpengruppe: der Brunnen im Bürgermeistereigebäude, im Polizeihofe, an der Ecke der Bahnhofstraße und Löwengasse, bei Burks Mühle, tm Schulhaus m der Schulstraße und am Dr. Weber'schen Hause in der Wetzsteingasse. Die Brunnen, deren Wasser zum menschlichen Genuß ungeeignet ist, sollen mit Aufschriften versehen werden. Der Magistrat der Stadt München hat an die deutschen Städte das Ersuchen gerichtet, sich seinem aus Erheben einer Verbrauchsabgabe (Octroi) aus ausländischen Wein gerichteten Bestrebungen anzuschließen. Bisher waren ausländische Weine vom Octroi befreit, da sie beim Eingang in das deutsche Gebiet verzollt werden. In dem betreffenden Schreiben ist u. A. die Ansicht dargelegt, daß durch Einführung einer die besser fttuirten Bevölkerungsklassen treffenden Verbrauchsabgabe einzelne Verbrauchsgegenstände der minder Bemittelten entlastet werden könnten. Es wird beschlossen, sich dem Vorgehen des Münchener Magistrats anzuschließen. Zu dem Gesuch des Herrn Andreas Sorgefrei um Erlaubniß zum Betriebe einer Wirthschast (im Feld- schlößchen an der Rodheimerstraße) wird die Bedürfnißsragc bejaht. CocaUs unb provinzielles. Gießen, 7. Mai 1892. — Die gestern und heute im Regierungsgebäude dahier veranstaltete Ausstellung von Feuerlöschgeräthen nahm, wie angesichts der Neuorganisation des Feuerlöschwesens zu erwarten, das Interesse aller an der Sache Betheiligten in Anspruch. Besonders am heutigen Tage hatten sich viele Bürgermeister, Beigeordnete, Feuerwehr'Commandanten usw. aus den Landgemeinden eingefunden. Die Ausstellung zeigte, was Brauchbarkeit und Ausführung der Feuerlöjchgeräthe betrifft, daß auch aus diesem Gebiete rüstig fortgeschritten wird. Die ausstellenden Firmen waren H. Müller L Co. in Offenbach, Carl Metz in Heidelberg, C. A. Magirus in Ulm, I. G. Lieb in Bieberach, Fritz Grell in Wetzlar, G. Rannenberg in Hannover, Maurh & Co. in Offenbach, Hermann Weißenburger in Cannstatt, Jos. Beduwe in Aachen. Die Firmen hatten Alles ausgestellt, was zur vollständigen Ausrüstung einer aus der Höhe der Zeit stehenden Feuerwehr gehört, von der einfachen Armbinde des Pflichtfeuerwehrmannes bis zur Dampfspritze waren alle die vielen Geräthe und Gegenstände für den Feuerlöschdienst vorhanden. Besonders hoben sich die stattliche Spritzenzahl im Hose des Regierungsgebäudes und die großen Leitern hervor, von letzteren war auch eine Anzahl hübscher Modelle im Sitzungssaale, neben Helmen in Messing, Lever, Filz und Aluminium, Gurten, Beilen, Laternen, Signalinstrumenten, Schläuchen, Eimern, Rettungsseilen usw. usw. ausgestellt. Aus dem Viehmarktplatze jenseits der Lahn sand um 11 Uhr unter Vorführung zweier Handspritzen und einer Dampf- spritze von der Firma Jos. Beduwe in Aachen eine Spritzen- probe statt. Das Schauspiel hatte eine große Zuschauermenge herangezogen. Die Dampfspritze, deren Kessel mit kaltem Lahnwasser gefüllt war, gab, vom Anstreichen be£- Zündholzes an gerechnet, in ca. 10 Minuten Wasser und übertraf selbstverständlich, was die Menge des auszuwerfenden Wassers als die Tragweite des Strahles betrifft, die Handspritzen erheblich. Hoffentlich finden die mit Aufwand hoher Kosten vertretenen Firmen durch umfangreiche Aufträge auf Lieferung ihrer vorzüglichen Fabrikate für die Gemeinden des Kreises und der Provinz ihre Rechnung. Es ist anzuerkennen, daß der hier eingeschlagene Weg, den Gemeindevertretern die Geräthe selbst vorzuführen und ihnen die Beurtheilung über deren Zweckmäßigkeit zu ermöglichen. Vieles für sich hat. — Gestern verunglückte ein hiesiges Dienstmädchen dadurch, daß ihre Kleider in Braud geriethen und ihr ganzer Körper mit schweren Brandwunden bedeckt wurde- sie kam, vollständig in Flammen stehend, in das Wohnzimmer ihrer Dienstherrschaft gelaufen, welche das Feuer durch Bettdecken 2c. erstickte. Dem Mädchen war ein Petroleumlämpchen aus der Hand und auf den Küchenherd gefallen, in welchem sich Feuer befand. Das Petroleum hatte sich entzündet und die Kleider des Dienstmädchens in Brand gesetzt. Die Verunglückte mußte in die hiesige Klinik verbracht werden. — Ernennungen. Seine Königliche Hoheit der G r 0 ß- Herzog haben Allergnädigst geruht: Am 4. Mai dem Generalsecretär des Landesgewerbvereins Dr. Edmund Hesse unter Verleihung des Characters als Regierungsrat h zum Vorsitzenden der Centralstelle für die Gewerbe und den bisherigen Secretär bei der Centralstelle für die Gewerbe Gottlieb Wagner zum Conservator und Bibliothekar bei der genannten Centralstelle zu ernennen. — Erledigte Lehrerstellen. Erledigt ist: Die mit einem kathol. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mainflingen, i. Kr. Offenbach, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Dem kath. Pfarrer und dem Ortsvorstand zu Mainflingen steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Mit derselben kann der Organistendienft verbunden werden. — Der Getreidemarkt. Die von Woche zu Woche geringer werdenden überseeischen Zufuhren und ein merkliches Steigen der Getreidepreise in Amerika haben auch die Preise für Weizen und Roggen auf den deutschen Märkten etwas in die Höhe getrieben. Zu den höheren Preisen haben sich aber nicht viele Käufer gefunden, und war namentlich in Weizen das Geschäft still. Die Getreidehändler, Müller und Spccu- lanten fürchten offenbar alle, daß durch die wahrscheinlich gute nächste Ernte die Getreidepreise durch den Terminhandel schon in den nächsten Wochen bedeutend herabgedrückt werden können, und hüten sich in Folge dessen vor großen Einkäufen. Der jüngste Wetterrückschlag hat für den Saatenstand offenbar mehr Nutzen als Schaden gebracht, denn der Frost war nicht bedeutend, wohl ist aber die fehlende Feuchtigkeit in den Boden gekommen. Weizen kostet 190—213 Mk. und Roggen 189—195 Mk. die Tonne. — Weltausstellungs-Notizen. Fin de siede! So lautet der Titel eines Colossalgemäldes, welches gegenwärtig noch' in Berlin ausgestellt, aber auf der Columbischen Weltausstellung zu sehen sein wirb. Das Thema des Kunstwerkes ist ein zeitgemäßes- es behandelt die Pflichten der Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber. Der Schöpfer des Werkes, der Pole M. Luskina, führt dem Beschauer eine realistische und dramatische Scene vor Augen. Eine Abordnung von Fabrikarbeitern vor dem Fabrikbesitzer - es handelt sich offenbar um Lohnerhöhung. Die Gruppe soll, wie der „Berliner Localanzeiger" schreibt, ein Meisterwerk ersten Ranges fein. Schlitz, 4. Mai. Unser Städtchen ist in freudiger Erregung in Folge der verbürgten Mittheilung, daß die unter der Protection des Grasen Görtz stehende „Militär-Musikschule" in Kürze von Fulda hierher übersiedeln wird. Die nöthigen Räumlichkeiten sind in dem Schlosse Berleburg zur