Nr. 57 Dimsta« den 8. März 1892 Die Gießener Ai<«1kteaStLt1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Vierkeljähilger AvoRnementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Ptg. Redactton, Expedition und Druckerei: -chnlftrnße Ur.7. Kernsprecher 51. Der Gtetzeurr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS. Gießener Anzeiger Senerat-Unzeiger. Aints- und Anzeigeblntt für den ICrch Gissten. Hratisöeikage: Hießener Jamikienötätter. Die Dr. Kußmaul, Geheimer Medicinalrath. Alle Annoncen-Bureaux des In- und Au-landeS nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer biß vorm. 10 Uhr. ernsten Befürchtungen Ber- Ur. Jäger, Medicinalrath. Bulletin von heute Nach 12^/z Pfg. Kosten erwachsen, also genau den achten Thcil der für das Reich aus einen Versicherten berechneten Kosten. anlassung gibt. Dr. Eigenbrodt, Geheimer Medicinalrath. Darmstadt, 6. März. Ein mittag 1 Uhr lautet: Anslanv. Petersburg, 5. März. Nach einer amtlichen Miltheilung nimmt der Flecktyphus in den Gouvernements Saratow, Astrachan und Pensa eine ganz bedeutende Ausdehnung an. Sämmtliche Spitäler sind überfüllt. Pest, 6. März. Reichstagsabgeordneter Stefan Csaky, Sohn des Unterrichtsministers, hat sich Nachmittags 3% Uhr in seiner Wohnung erschossen. Die Motive find unbekannt. Rom, 6. März. Einer Nachricht von der Insel Lipari zufolge hätten 300 zu Zwangsaufenthalt Deportirte einen Ausstand versucht. Die Truppen mußten einschreiten. Mehrere Personen wurden getödtet, viele verwundet. I auch die bange Sorge, welche Jedermann um das theuere I Leben beschleicht. — Im Nachstehenden lassen wir die bis j heute Mittag bei uns eingelaufenen Nachrichten über das , Befinden des Hohen Kranken folgen, der Hoffnung Ausdruck ! gebend, daß der allmächtige Gott den allgeliebten Fürsten ; bald wieder mit voller Gesundheit beglücken möge. Darmstadt, 5. März, Nachmittags 6y2 Uhr. DaS Be i finden Seiner Königlichen Hoheit des Groß Herzogs hat i sich im Laufe des heutigen Tages insofern verschlimmert, । als das Bewußtsein etwas getrübt ist und sich ein Athmungs- ; Phänomen eingestellt hat, das zu ' ~ ' Deutsches Reich. Darmstadt, 5. März. Neuerer Bestimmung gemäß wird die seither aus DienStag den 22. ds. Mts. in Aussicht genommene Sitzung der Ersten Kammer der Stände bereits Freitag den 1£. d. M. ftattfinden. Darmstadt, 6. März, Abends. Das Hostheater bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Berlin, 5. März. Letzte Nacht hat ein Raubmordversuch stattgefunden gegen die Inhaberin eines Bäckerladens. Das Opfer wurde mit einem Hammer niedergeschlagen und die Ladenkasse geraubt. Der Attentäter entkam, die Verwundung des Opfers ist nicht tödtlich. Berlin, 6. März. Es verlautet bestimmt, der Reichstag werde vor Ostern geschlossen. Von neueingebrachten Vorlagen dürften noch das Gesetz gegen die Unsittlichkeit und das Weingesetz zur Berathung gelangen. Leipzig, 5. März. Im Nordosten der Stadt fanden heute größere Ansammlungen Arbeitsloser statt. Die Gensdarmerie und Polizei mußte energisch einschreiten. Später fwurden weitere Ansammlungen vor dem Rathhaus zerstreut. Danzig, 5. März. Gestern Abend wurden die T u m u l t e fortgesetzt. 45 Personen wurden verhaftet, meist wegen Landfriedensbruch. Heute herrscht Ruhe. Meppen, 5. März. Die Arbeiten des Dortmund- Emskanal zwischen Meppen und Lingen wurden wegen des starken Frostes eingestellt. 300 Arbeiter wurden entlassen. München, 6. März. Gegenüber den kürzlich durch die Preffe gegangenen Mittheilungen, daß die Verwaltungskosten für die Jnvalidi täts- und Altersversicherung im ersten Geschäftsjahre 1891 für das deutsche Reich sich auf ungefähr Mk. 11,000,000 belaufen, somit ungefähr 1 Mk. Kosten pro Kopf den Versicherten treffen, geht dem „Dep.-Bur. Herold" von sehr authentischer Seite folgende Nachricht zu: Im Königreich Bayern betrugen bei den acht Versicherungsanstalten die Verwaltungsausgaben Mk. 165,390, sodaß bei 1,325,500 Versicherten durchschnittlich Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen sind gestern Abend hier eingetroffen. DaS Eintreffen des Erbgroßherzogs wird morgen früh erwartet. Auch die Ankunst des Großfürsten und der Großfürstin Sergius ist für Dienstag angezeigt. Prinz Ludwig vonBartenberg ist heute Vormittag aus England eingetroffen. Darmstadt, 6. März, 7 Uhr 48 Min. Abends. Ein um 6 Uhr ausgegebenes Bullet-.. besagt: Das Befinden des Großherzogs blieb im Lause des Nachmittags unverändert. Kußmaul ist wieder abgereist. Darmstadt, 7. März, Vorm. 9 Uhr 36 Min. DaS heute Morgen 8 Uhr ausgegebene Bulletin besagt, daß in dem Befinden Seiner Königl. Hoheit des Großherzogs keine Besserung eingetreten ist. Das am Samstag eingetretene AthmungSphänomen besteht fort mit zeitweisen Schwankungen in der Länge der Athmungspausen. Darmstadt, 7. März. Seine Königliche Hoheit der E r b g r o ß h e r z o g wird heute Nachmittag 3 Uhr, die G r o ß- sürstlich Sergius'schen Herrschaften Mittwochs ein- treffen. Bekanntmachung, betr. die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums. Der Viehmarkt zu Biebesheim, sowie die damit verbundene Ziehung der genehmigten Vcrloosung ist auf 5. April d. I. verlegt worden. Es wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Gießen, den 5. März 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. (■> g gern. Geheimerath. Dr. Jäger, Medicinalrath. Bekanntmachung, be!r. Maul- und Klauenseuche zu Wismar, Kreis Wetzlar. In einem Gehöft in Wismar, Kreis Wetzlar, ist die Maul- und Klauenseuche amtlich festgeftellk worden. Gießen, den 5. März 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. (Sagern. Die bei Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog durch den Schlaganfall bedingte Lähmung der rechten Körper- Hälfte und das Unvermögen der Sprache dauern fort. Kräfte sind im Allgemeinen bis jetzt gut erhalten. Dr. Eigenbrodt, 188. Plenarsitzung. Samstag den 5. März, 1 Uhr. Das Haus ist wieder schwach besetzt. Präsident v. Levetzow kündigt an, daß er künftig jede Woche ein paar Sitzungen aussallen lasten werde, um den Abgeordneten Gelegenheit zu geben, ihre Geschäfte zu besorgen. Er hofft, daß mtt dem Wegfall des Grundes „dringliche geschäftliche Behinderung" die Sitzungen wieder bester besucht sein werden. Die Berathung des Etats des Auswärtigen Amtes wird bei den einmaligen Ausgaben fortgesetzt. (Ref. Prinz Arenberg.) Für Maßregeln zur Unterdrückung des Sclavenhandels und zum Schutze der deutschen Interessen in Ostafrika sind 2500000 Mk. eingestellt. Dieser Fonds, welchem die Rückeinnahmen an Verkaufserlösen wieder zuflteßen, ist übertragbar. Abg. Dr. Bamberger (bfr.): Je länger die Colonialpolitik dauere, desto mehr würden seine Freunde in der Gegnerschaft geam dieselbe bestäikt; aber sie müßten sich jetzt damit abfinden, z» stürmischen Debatten liege also kein Anlaß vor. Seine Freunde beschränkten sich auf das bescheidene Verlangen, daß man für Ost- afrika mtt IVi Millionen auskommen möge. Ostafrika habe fortgesetzt Enttäuschungen bereit« t; so sei jetzt auch das Wtßmann'sche Dampfer-Unternehmen ins Master gefallen, das bet einem fröhliche« Mahle in einer Hansestadt beschlossen worden war. Von den Männern die früher als die Stützen unserer Colonialunternehmungen gepriesen wurden, sei nur noch einer im deutschen Eolontaldienst: Dr. PcterS. Emin Pascha sei verschwunden unter Umständen, die beweisen wie wenig geeignet er für den deutschen Colonialdtenst gewesen.' Dte Ersetzung Wtßmanns durch Soden sei für die heutige maßvolle Colonialpolitik ein ganz gerechtfertigter Zug. Herr v. Soden scheine ein durchaus gemäßigter Mann zu sein. Der Nutzen, den uns Ost- asrtka bringe, stehe in gar keinem Verbältntß zu den dafür gebrachten Opfern. Wie verschwindend sei unser Export nach Ostasrtka im Verhältniß zu den dafür gebrachten Opfern. Wie verschwindend sei unser Export nach Ostasrtka im Verhältniß zu Deutschlands Gesammt- handel! Die Einnahmen OstafrtkaS beruhten auf dem Zoll und da habe uns England einen Streich gespielt, indem es Sansibar zu« Freihafen erklärte. Deutschland wende viel mehr für Ostasrtka aus als das reiche England. Reichskanzler Gras o. Caprivi: Wißmann stehe noch beute im Dienste des Reiches; er werde hoffentlich früher oder später wieder im Colonialdtenste tbättg sein. Herr v. Soden sei seit Monaten der Gegenstand heftiger Angriffe des Herrn Eugen Wolff gewesen. Wolff et aus Ostafrtka ausgewtesen worden, aber nicht durch Herrn v. Soden sondern durch ihn (den Reichskanzler) D«e Berechtigung zur Ausweisung sei zweifellos. Dte Frage der Räthltchkeit set nach eingehender Erwägung bejaht worden. Dte Eolonie set noch jung und sie befinde sich in der Reconvalescenz und diese Reconoalescenz mußte geschont werden. Dte Colonie konnte durch einen begabten Mann, wie es Herr Wolff zu sein scheine und in besten Stellung schwer geschädigt werde. Die Schlachtenbummler hätten ja nicht geschadet ob aber Eolonialbummler nicht schaden würden, möchte er nicht sagen Herr Wolff bade Anfangs mit einem gewissen Wohlwollen berichtet, bis die erste Niederlage kam. Da habe er angefangen, sich in übertrieben pessimistischen Berichten zu ergehen. Die pessimistischen Nachrichten des Herrn Wolff hätten natürlich eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen, dte sich tndeß bald als völlig grundlos erwiesen habe Daß Unzusrtedenheit in Ostafrika herrsche, sei erklärlich; die Araber seien unzufrieden, weil sie sich in die neuen Verhältnisse nicht gern fußten; dte jungen Deutschen, dte dort htngekommen seien, um Abenteuer zu erleben, fiten unzufrieden, weil dte Regierung Abenteuer zu vermeiden suche. Am unangenehmsten berühre die persönliche Art in der He«r Wo'ff Herrn v. Soden angreife; er bade ihn als einen ge'ztgen Mann htngeftellt, der für sich Gewinn und Wohlleben erstrebe. Herr v. Soden set von Haus aus so gestellt, um jeden Augenblick den Retchsdtenft quitttren zu können; er setze zu tm Colontaldienste des Reiches; er fd der beste und gewissenhafteste Beamte (Bravo!). Der Reichskanzler »erliest sodann den neu sten Bericht Sodens' wonach von einer allgemeinen Empörung keine Rede sein könne. ES kämen Raubzüge einzelner Stämme vor, auf welche diefilben ein natürliches Recht zu haben glaubten. ES bandle sich dabei aber immer nur um Episoden, wie sie jede coloniale Entwicklung mit sich bringe. Das zu verfolgende System sei allmälrges Vonücken von Stationen von der Küste au8 und Anlegung von Karawanenstraßen Als Reichskanzler halte er sich für verpflichtet, dem Wohle des Ganzen den Einzelnen nacb-uirtzen. (Beifall.) Abg. Graf Arnim (Rp.) tritt den Ausführungen Bamberger hinsichtlich der bisherigen materiellen Ergebnisse unserer Colontal- politik, speciell in Ostafrika, entgegen. Man d.finde sich noch tmmer in den Anfängen. Heute sei dte Exportziffer noch gering, aber sie werde sich in wenigen Jahren steigern. Dte Linke halte du'ch ihre pesstmisttfchen Darstellungen der Verhältnisse unsere Schutzgebiete in der Entwickelung auf. Was die Verwaltung anlanae, fo dürfe dieselbe nicht zu scharf fein. An die Stelle der jetzigen Schutztruppe werde Amtlicher* Theil. Nr. 13 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. l. M. enthält: (Nr. 1999.) Gesetz, betreffend die Vereinsthaler österreichischen Gepräges. Vom 28. Februar 1892. Gießen, den 5. März 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. _________________________v. Gagern._____________________ Gießen, am 4. März 1892. Betr.: Entwerthung der Beitragsmarken bei der Jnvalidi- tätS- und Altersversicherung. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an sämmtliche mit Erhebung der Beiträge betrauten Stellen. Mit Rücksicht auf hervorgetretene Zweifel, ob neben der Versicherungsanstalt auch die Krankenkassen und örtlichen Stellen zur Beifügung des Vermerks „Entwerthet" auf der Außenseite der Quittungskarten (II 2 der Bekanntmachung vom 19. Januar 1892, Regierungsblatt Nr. 5 von 1892) verpflichtet seien, beabsichtigt das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eine nähere Declaration des Reichsamts des Innern anzuregen. Wir empfehlen Ihnen daher bis zu weiter ergehender Entschließung diesen Vermerk nicht vorzunehmen, insbesofidere sich auch nicht mit entsprechenden Stempeln zu versehen. v. Gagern. Bekanntmachung. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Anna Er oll aus Abterode zu Gießen nach Zeugniß der Direction der Großh. Entbindungsanstalt zu Gießen die Prüfung als Hebamme bestanden und als solche heute verpflichtet worden ist. Gießen, den 4. März 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __v. Gagern. Bekanntmachung. Der entwichene Rekrut Johann Jacob Rocker aus dem Landwehrbezirke Köln, geboren am 16. April 1870 zu Rödgen im Kreise Gießen, Großherzogthum Hessen, evangelisch, Fabrikarbeiter, gegen welchen der Desertions-Proceß eingeleitet ist, wird hierdurch aufgefordert, sich spätestens am 1. Juli 1892, Vormittags 10 Uhr vor dem unterzeichneten Gericht zur verantwortlichen Vernehmung zu stellen, unter der Warnung, daß die Untersuchung im Falle des Aus- bleibens geschlossen, der Abwesende für fahnenflüchtig erklärt unqu einer Geldbuße von 150—3000 Mk. verurtheilt werden würde. Köln, den 4. März 1892. _____________Königliches Gericht der 15. Division. Die Krankheit des Großherzogs. Eießtn, 7. Marz. Das schwere Geschick, welches da- Großherzogliche Haus, sowie das gesammte Hessen- Dolk durch die schwere Erkrankung seines überall verehrten und geliebten Landesherrn betroffen, ruft in Aller Herzen die iimigste Theilnahme wach. Ist doch unser Landessürst ein Wahrer Vater seines Volkes zu nennen und in Hütte und ein gleich verehrter und beliebter Herrscher. Deßhalb e« sich in Zukunft vielleicht empfehlen, eine Poltzeitruppe zu sehen und Weihe baiür anzuwerben. Dr. PeterS würde wabrscheinllch lieber eine größere Aufgabe übernehmen alS er jetzt habe. Die Wtßmann'sche Dampsirerpedition sei eine Privatangelegenheit, welche den Reichstag nicht berühre. Die Meinung BambergerS über die Colontalpolttik werde im Lande nicht getheilt. Adg. Graf HoenSbrotch (Ctr.) spricht seine Anerkennung aus über den Schutz, den die Regierung der Mission -u Thetl werden lasse. Die Missionäre, das werde jetzt allgemein anerkannt, seien die Pioniere der Kultur. Bedauerlich sei, daß es einzelnen katholischen Missionen noch immer unmöglich gemacht sei, sich in Deulschtand selbst nteder-ulassen. Redner wendet sich ferner gegen die SchnapS- einfuhr in den Kolonien. Geh. Ratb Kayser: Die Kaiserliche Regierung stimme hinsichtlich der Rothwendigkeit des Schutzes der Missionen und der Beschränkung der Branntweinetnfuhr vollständig überein. Es geschehe auch Alles, um der Branntwetnpest, die bis jetzt in Ostafrika noch nicht herrsche, den Eingang daselbst abuischnetden. Von einer Invasion unseres Gebiets durch englische Missionare, welche behauptet worden, sei der Regierung nichts bekannt. Der oslafi ikantsche Handel sei keineswegs geringfügig und er sei im steten Steigen begrtsten. Abg. Dr. Hammacher (nl.) wendet sich gleichfalls gegen die Unterschätzung der wirthschaftlichen Bedeutung unseres oftasrikanischen Schutzgebiets und warnt vor einer Herabsetzung der eingestellten Summe. Abg. Dr. Barth (frf.) erklärt die Ausweisung Wolffs für prinzipiell bedenklich. Wolffs Kritik möge wenig objecttv gewesen sein, räthlich sei seine Ausweisung auf keinen Fall gewesen. Man habe ihn damit zu einem bekannten Manne gemacht und er sei heute wahrscheinlich unbequemer als er gewesen wäre, wenn man ihn in Ruhe gelassen hätte. Man sei heute viel zu empfindlich gegenüber der Kritik. Was die wirthschaftlichen Ergebnisse anlange, so sei die Kultur exotischer Rutzpstanzen sehr precär. Seine Freunde hätten der Colontalpolitik von jeher skeptisch gegenüber gestanden und betrachten das als einen Ehrentitel. Abg. Graf Mirbach (conf.) spricht seine Befriedigung darüber aus, daß die Ausweisung des Herrn Wolff rechtlich nicht anfechtbar sei. Der Import und Export allein sei nicht maßgebend für den Nutzen, den eine Colonie dem Vaterland gewähre. Eine Anzahl tüchtiger Kräfte, die fonst dem Vaterlande verloren wären, würden demselben durch die Colonialpolitik erhalten. Für die Handarbeiter fehle es nicht an Arbeitsgelegenheit, aber es sei eine Ueberproductton an Gebildeten vorhanden. Abg. Rickert (frf.). Die Colontalpolttik sei nur geeignet, die Macht des Reiches zu schwächen. Man möge sich doch nicht auf die Sklaoenbefretung berufen; zu dem Zweck würden nur 34000 Mk. von den 2>/s Millionen verwendet. Die Beseitigung Wolffs, der lediglich aus patriotischem Interesse und colonialpoltttschen lieber; eifer nach Ostafrika gegangen fei, hätte in anderen Formen erfolgen sollen. Leider wachse heute die Empfindlichkeit an der Kritik, wie die sich progressiv steigernde Zahl der Processe beweise. Das sei tief bedauerlich. Im konstitutionellen Staate müsse man mit den Wohl- thaten der Kritik auch deren Unbequemlichkeiten mit in den Kauf nehmen. Er halte die Ausweisung Wolffs nicht für nützlich. Reichskanzler Gras Caprivi: Wenn Wolff aus Patriotismus gehandelt, dann fei dies mißverstandener Patriotismus gewesen. Von Empfindlichkeit könne keine Rede fein, denn ihm sei doch nichts geschehen; er habe lediglich im Interesse des Reichs gebandelt, so wie er es verstehe. Er sei für sein Thetl für die Kritik völlig unempfindlich. Abg. von Kardorff (Rp.) legt dar, daß mit der für Sklavenbefreiung aufgewendeten Summe doch nicht die für die Bekämpfung der Sklaverei überhaupt verwendeten Mittel erschöpft seien. Die Gegner der Colonialpolitik hätten ihren Rückhalt im Pbitisterium, dem man gruselig mache, indem man sage: das kostet Geld. Zum Glück bestehe das deutsche Volk noch nicht blos aus Philistern. Die Forderung von 21/, Millionen für Ostafrika wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Socialdemokraten angenommen. Montag 1 Uhr: Weiterberathung des Colonialetats, Interpellation Stauffenbergs. Präsident von Levetzow theilt auf eine Anfrage mit, daß