Nr. 155 Donnerstag den 7. Juli 1892 Der erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Vtegener WirnitienstLiier »«den dem Anzeiger »Hchevtlich dreimal bei gelegt. Gießener Anzeiger Heneral-Mnzeiger. Vierteljähriger ASannementrpreiBi 2 Mark 20 Pfg. mü Bcingerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expedition und Druckerei: Kchulftrate Ar.I. Fernsprecher 51. Aints- und Anzeigeblntt für den Kwis Gieszen. Hratisöeitage: Hießener Iamitienötatter Arntlichev Theil Alle Lnnoncen-Bureaux des I». und Auslandes nehm« Anzeigen für den „•fegtner Angel,er entgegen. Annahme van Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis vor«. 10 Uhr. Nr. 33 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 29. v. M., enthält: _ (Nr. 2038.) Verordnung, betreffend die dem Landeshauptmann der Neu-Guinea-Compagnie zustehenden rtchter- lichen und Verwaltungsbesugniffe. Vom 15. Juni 1892. (Nr. 2039.) Bekanntmachung, betreffend die Ausführung des Gesetzes über die Prüfung der Läufe und Verschlüsse der Handfeuerwaffen vom 19. Mai 1891. Vom 22. Juni 1892. (Nr. 2040). Der gegenwärtigen Nummer des Reichs- Gesetzblatts ist als besondere Beilage die Bekanntmachung, betreffend die Abänderung der Aichordnung und der Aich- gebühren-Taxe, vom 6. Mai 1892 beigesügt. Nr. 34 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 1. d. M., enthält. (Nr. 2041). Bekanntmachung, betreffend die Anwendung der vertragsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zoll« ermäßigungen auf die spanischen Boden- und Jndustrie-Er- zeugniffe. Vom 30. Juni 1892. Gießen, den 5. Juli 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Vermessung zu ermhtelnden Flächengehalte der Be- reinigung zu Grund zu legen sind; 3. zu bestimmen, wie die Bereinigungskosten ausgebracht werden sollen, ob durch Ausschlag auf den Flächengehalt oder den Abschätzungswerth der Grundstücke oder durch Bildung und Verkauf von Maffegrund- stücken, sowie ferner, ob die Beitrage nach Bedürfniß erhoben oder durch Capitalaufnahme aufgebracht werden sollen. Außerdem können Wünsche und Anträge Seitens der Betheiligten vorgebracht und berathen werden. In dieser Versammlung hat jeder anwesende beteiligte Grundeigentümer eine Stimme - die Beschlüsse erfordern zu ihrer Giltigkeit eine Mehrheit von Zweidrittheilen der An- wesenden und sind unter dieser Voraussetzung auch für die nicht erschienenen Betheiligten verbindlich. Kommen gütige Beschlüsse nicht zu Stand, so hat: zu 1: die Landescomnussion die Sachverständigen und Schiedsrichter zu ernennen; zu 2: die Ermittelung des Flächengehalts der Grundstücke durch Vermessung zu exfolgen; zu 3: die Vollzugscommission die erforderlichen Beschlüsse zu fassen. Gießen, den 5. Juli 1892. Der Vollzugscommisiär: Bekanntmachung, betr. die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Lumdabrücke bei Daubringen. Die im Zuge der Kreisstraße Lollar—Daubringen gelegene Lumdabrücke bei Daubringen wird wegen Umbaues derselben von Montag den 11. Juli d. I. ab bis auf Weiteres gesperrt. Gießen, den 5. Juli 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Bekanntmachung, betr. die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Wetterbrücke bei Ober-Bessingen. Die im Zuge der Kreisstraße Ober - Bessingen- Ettingshausen gelegene Wetterbrücke bei Ober- Bessingen wird wegen Umbaues derselben von Montag den 11. Juli d. I. ab bis aus Weiteres für den Verkehr gesperrt. Gießen, den 5. Juli 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung, betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Rüddingshausen. Nachdem die Einwendungen, welche gegen das durch meine Bekanntmachung vom 19. Mai d. I. verkündete Ab- stimmungsergcbniß erhoben wurden, Seitens der Großh. Oberen landwirthschaftlichen Behörde verworfen worden sind, und nachdem diese Behörde den Beginn der Feldbereinigungsarbeiten angeordnet hat, lade ich sämmtliche beteiligten Grundeigenthümer zu der gemäß Art. 16 des Gesetzes vom 28. September 1887 Freitag den 22. Juli I. I., Vormittags 11 Uhr, im Schulhause zu Rüddingshausen ftattfindenden Versammlung. Die Versammlung hat: 1. die zur Vollzugscommission zu berufenden Sachverständigen und deren Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Schiedsgerichts und dessen Stellvertreter zu wählen; 2. darüber zu beschließen, ob die im Grund-(Flur-)Buch enthaltenen Größenangaben oder ob die durch eine __________ Nebel, Amtmann._______________ Bekanntmachung. Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzbuchs, Art. 104 des PolnMrafgesetzes und des Local- Reglements vom 8. Mai Uiu'b bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß das Betreten des alten Anneröder Weges neben den Militärschießständen her bei Meidung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen, verboten ist. Gießen, den 5. Juli 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. __________________I. V.: Bischoff.__________________ Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen an die Grosih. Ortsgerichtsvorsteher des Bezirks. Diejenigen von Ihnen, welche die Cultur- und Bau- veränderungs-Verzeichnisse noch nicht anher eingesendet haben, werden ersucht dies baldigst zu thun. Gießen, den 6. Juli 1892. Süffert. Deutscher Reich. Berlin, 5. Juli. Der häßliche „Bismarckstreit" kann bis auf Weiteres als beendigt betrachtet werden. Wenigstens scheint der Altreichskanzler von neuen Kundgebungen gegen die leitenden Berliner Persönlichkeit >n und die von ihnen vertretene Politik absehkn zu wollen, da er auf bie bekanntere scharfen Artikel der „N. A. Z." gegen ihn nicht antworten will, wie sich einer Notiz in den „Hamb. Nachr." entnehmen läßt. Da man andererseits auch in den maßgebenden Berliner Kreisen gewillt ist, den Kampf nicht fortzusetzen, falls hierzu keine zwingende Veranlassung vorliegt, so ist also dieser bedauerliche Federkrieg einstweilen wieder beendigt. Hoffentlich wird die eingetretene Waffenruhe, je länger sie dauert, bei beiden beteiligten Parteien immer mehr die Ueberzeugnng befestigen, wie wenig ein abermaliges Aufflackern der bisherigen Polemik der Würde und den Interessen des deutschen Volkes entspricht. Im Uebrigen erfahren jene sensationellen Zeitungsnachrichten, welche zu melden wußten, es hätten zwischen Berlin und der bayerischen Regierung, dann wohl auch zwischen Berlin und der sächsischen und der österreichischen Feuilleton. Carl Vogt. Von Georg Edward. (2. Fortsetzung.) Nach dem Beschlüsse des Vorparlaments sollte die deutsche Nationalversammlung am 1. Mai 1848 in Frankfurt zusammentreten. Verschiedene Ursachen aber ließen bald erkennen, daß die Wahlen in allen Theilen Deutschlands nicht mit der Schnelligkeit vor sich gehen konnten, wie man An- fangs erwartet, und die Bundesversammlung und der Fünfzigerausschuß verlegten deßhalb die Eröffnung der Sitzungen aus den 18. Mai. An diesem Tage, Nachmittags 3 Uhr, schritten die Abgeordneten unter Kanonendonner und Glockengeläute in festlichem Zuge durch die Straßen der alten freien Reichsstadt Frankfurt nach dem Sitzungslocale, der Pauls- kirche. Am ersten Tage waren nur 320 Abgeordnete anwesend, doch stieg die Zahl derselben bald aus 400, um schließlich eine Gesammtsumme von 586 zu ergeben. Uni- versitätsprosessoren, Gymnasiallehrer, Schriftsteller waren in bedeutender Anzahl vertreten und darunter gab es Namen vom besten Klang. Unter ihnen befand sich Carl Vogt. Er gehörte der ausgesprochensten Linken an, und seine Reden stehen auf gleicher Stufe mit den besten und interessantesten der hervorragendsten Abgeordneten. Ueberall stößt man darauf, daß Vogt ein ausgezeichnetes Rednertalent besaß, überall zeigt sich sein Muth, seine Unerschütterlichkeit und sein Festhalten an seinen Ansichten im glänzendsten Lichte. Und als das Parlament schließlich nach mancherlei Schicksalen, beunruhigt durch die nach der Pfalz und nach Baden beorderten preußischen Truppen, nach Stuttgart übersiedelte, gehörte auch Carl Vogt zu den unerschrockenen 103 Männern, die sich dort zusammenfanden. Die aus fünf Mitgliedern bestehende Reichsregentschaft, am 6. Juni 1849 mit großer Majorität vom Parlamente gewählt, zählte ebenfalls Carl Vogt in ihre Mitte. Die Nationalversammlung nahm darauf mehr und mehr den Character eines revolutionären Convents an, und als die Reichsregentschaft beauftragt wurde, dem Reichsverweser Erzherzog Johann mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten, da die Fortsührung des ihm verliehenen Amtes eine gesetzwidrige Anmaßung unzuständiger Befugnisse sei, als der Entwurf eines Gesetzes über Bildung einer Volkswehr zum Schutze und zur Durchführung der Reichsversammlung angenommen wurde, da trat plötzlich die württembergische Regierung dem Parlamente mit einem Erlaß entgegen, worin sie erklärte, diese Beschlüsse nicht anzuerkennen, und allen Behörden eine Befolgung derselben verbiete. Nachdem die gespannte Stellung zwischen dem Parlament und der württembergischen Regierung durch mehrere unliebsame Zwischenfälle noch mehr verschärft worden war, fanden die Mitglieder der Nationalversammlung, als sie sich am 18. Juni Nachmittags nach drm Sitzungslocale begeben wollten, die Straßen durch Cavallerie und Infanterie gesperrt. Ein Civilcommissär erklärte im Namen des Königs, daß keine Sitzung stattfinden dürfe, und als Präsident Löwe im Namen der deutschen Nation die Soldaten aufforderte, Raum zu geben, wurden aus Befehl eines der Offiziere die Trommeln gerührt, so daß Löwes Worte überhört wurden, und langsam, wenn auch vorsichtig, rückte die Reiterei vor. Der Sitzungssaal, das Frttzi'sche Reithaus in der langen Straße, wurde von Militär besetzt, die auseinandergesprengten Mitglieder der Nationalversammlung begaben sich in den Marquard'schen Gasthof und nahmen hier Protocoll über die Begebenheit auf. Die Nationalversammlung hatte nach els- monatlicher Dauer ihr Ende erreicht, und bei einer erneuten Zusammenkunft in Karlsruhe kam es zu keiner Sitzung mehr. Nach den Ereignissen der Jahre 1848 und 1849 trat die Reaction langsam, aber sicher in Deutschland wieder auf. Verfolgung, Ausweisung oder langes Gefängniß war der Lohn, den die Männer ernteten, welche den Muth gehabt, ihre Ansichten zu bekennen und zu verfechten. Erst das Jahr 1871 machte die Einheitsbestrebungen der vierziger | Jahre zur Wirklichkeit. Professor Vogt aber mußte nach der Auflösung des Parlaments mit vielen Anderen sein Vaterland verlassen, nachdem er vorher noch seiner Professur an der Universität Gießen verlustig gegangen war. Er ist nie wieder zu längerem Aufenthalt in seine Heimath zurückgekehrt und mit seinem Eintritt in die Schweiz beginnt für ihn die Zeit, in der er auf wissenschaftlichem Gebiete den meisten seiner Zeitgenossen weit voraneilen und seine politische Bedeutung um das Zehnfache überflügeln sollte. Vorher aber, im September 1849, wandte er sich von Bern aus in einer Broschüre: „Die Ausgabe der Opposition in unserer Zeit" nochmals als Politiker an Deutschland. Die Broschüre ist ein ganz eigenartiges Werk — ohne jede Rücksicht geschrieben, denn die gibt es bei Carl Vogt nicht und darf es im Leben eines ehrlichen Politikers, eines wahrheitsliebenden, uneigennützigen Forschers nicht geben. In einer scharfen, glänzenden Sprache deutet der Verfasser auf die Mißstände der damaligen Zeit hin, deutet er vor Allem auf die Gefahr hin, die Deutschland droht, in einem absoluten Preußen aufzugehen. Man muß wohl beachten, daß es das Jahr 1849 war, in welchem Vogt diese Ansichten, aussprach, und daß Deutschland, und wir mit ihm, um ein halbes Menschenalter vorwärts geschritten sind. Das alte Wort, welches sagt, daß sich die Zeit ändert, hat einen Nachsatz. Nichts auf der Welt ist mehr dem Wechsel unterworfen, als der Mensch, sei es in seinem Aeußeren, sei es in seinem Inneren. Darum erscheinen uns die Männer, die sich durch eine lange Zeit treu bleiben, die sich stets gleich bleiben und niemals sich selbst verlieren, wie Riesengestalten, denn unser Auge hat sich daran gewöhnt, stündlich alles im Wechsel begriffen zu sehen. Wir erblicken Künstler, die Unsterbliches schaffen, Denker, die abgrundtiefe Fragen lösen, Politiker, die Gewaltiges aufbauen — aber wir sehen eine Stunde kommen, wo ihre Hand erlahmt, wo ein Still- stand eintritt in ihrem Ringen — und Stillstand ist Rückschritt. (Forts, folgt.) Regierung amtliche Verhandlungen wegen der Vorgänge bei der jüngsten Reise des Fürsten Bismarck stattgefunden, jetzt von unterrichteter Seite ein entschiedenes Dementi. Dagegen bestätigt es sich, daß Fürst Bismarck noch vor seiner Abreise von Friedrichsruh ein Schreiben an den König Albert von Sachsen richtete, in welchem sich der Fürst beim König entschuldigte, daß er sich bei ihm wegen der Kürze seines Dresdener Aufenthaltes nicht erst habe melden könne. Dem Altreichskanzler ist nun dieser Tage ein ungemein huldvolles Antwortschreiben zugegangen, aus welchem Vorgang erhellt, das sich Fürst Bismarck nach wie vor der besonderen Huld des sächsischen Monarchen erfreut. — Vor dem Schwurgericht zu Cleve begann am Montag der Sensaticknsprozeß in Sachen des Xantener Knabenmordes. Angeklagt ist der Schächter Buschhoff, derselbe bestreitet entschieden jede Schuld. Im Ganzen sind 99 Belastungszeugen und 18 Entlastungszeugen geladen. Die Vormittagssitzung wurde meist durch Formalitäten aus- gefüllt- in der Nachmittagssitzung gelangte hauptsächlich einer der Belastungszeugen, der ehemalige Schlächtermeister Tunker- mann, zur Vernehmung. Letzterer hatte sich im „Xantener Boten" gutachtlich dahin geäußert, daß ein Ritualmord vorliege. Bei seinen Aussagen verwickelte er sich aber in mehrfache Widersprüche, in Folge dessen der Gerichtshof auf, Antrag der Verteidigung beschloß, den Redacteur des genannten Blattes, Caplan Breffer, als Zeugen vorzuladen. Alsdann wurden noch die medicinischen Sachverständigen vernommen. — In dem Anarchistenprozesse Höver und Genossen sprach das Reichsgericht am Montag das Urtheil. Dasselbe lautet gegen Höver aus 5 Jahre 3 Monate Zucht- I Haus, gegen Camin aus 6i/2 Jahre Zuchthaus, gegen Rennthaler aus die gleiche Strafe, gegen Ruff auf 5y2 Jahre Zuchthaus und gegen Winner aus 4 Jahre Zuchthaus - gegen sämmtliche Verurtheilten erkannte das Reichsgericht außerdem aus je zehn Jahre Ehrverlust. Freigesprochen wurde der Angeklagte Dobberstein, dem namentlich seine große Jugend zu Gute kam. In dem Prozesse handelte es sich um Verbreitung der „Grundsätze" eines anarchistischen Clubs in London, in denen die Ermordung des deutschen Kaisers und die Beseitigung der Verfassung des deutschen Reiches und der deutschen I Bundesstaaten eine Hauptrolle spielen. — Hinter dem BerlinerWeltausstellungsplane I soll endlich Feuer gemacht werden, nachdem die Franzosen | sich anschicken, als Ausstellungsconcurrenten aufzutreten. Dem I Vernehmen nach beabsichtigt Reichskanzler Gras Caprivi die I verbündeten Regierungen zu ersuchen, amtlich Stellung in I der Frage der Berliner Weltausstellung zu nehmen, ferner | sand am Mittwoch eine Sitzung des gemischten Ausschusses I zur Förderung der projectirten Weltausstellung statt. Es I wird aber auch hohe Zeit, daß man sich in Berlin nunmehr I zu energischen Schritten ausrafft, soll der ganze Ausstellungs- I Plan nicht kläglich ins Wasser fallen. Zudem machen neben I den Franzosen auch die Belgier Miene, eine neue Welt- I ausstellung zu veranstalten, die in Antwerpen stattstnden soll, | und zwar sogar schon im Jahre 1894. Die Antwerpener I scheinen allerdings gewaltige Eile zu haben. Nenefte Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau. Berlin, 5. Juli. Das „Militärwochenblatt" meldet, daß Generalfeldmarschall Blumenthal als Generalinspecteur von der 4. zur 3. Armeeinspection versetzt und dem Prinzen Leopold vonBayern die Stellung des Generalinspecteurs der 4. Armeeinspection übertragen worden ist. Wien, 5. Juli. Der oberste Sanitätsrath sprach sich schon jetzt für Aufwendung außerordentlicher Mittel und weitgehende sanitäre Maßnahmen aus, falls ein Ausbruch der Cholera in Galizien und in der Bukowina ins Auge zu fassen ist. — Dem obersten Sanitätsrath theilte der Sanitätsreferent des Ministeriums des Innern, Kusy, die Maßnahmen der Regierung mit, welche anläßlich des Auftretens des Flecktyphus und anderer Jnftctionskrankheiten in Rußland bereits gegenwärtig an der galizisch-bukowinischen Grenze getroffen feien. Paris, 5. Juli. Auch hier werden Maßnahmen zur Verhütung der Einschleppung der Cholera aus Asien getroffen. Uebrigens ist der Gesundheitszustand in Frankreich sehr befriedigend. Lediglich einige Fälle von Cholera nostras sind im Weichbilde von Paris infolge Zurücktretens des Seine- wasiers vorgekommen. Trondtjem, 5. Juli. Die Schiffe „Kaiseradler" und „Siegfried" sind heute Vormittag um 11 Uhr nach Bodoe abgedampst. Der Kaiser begab sich auf die Yacht des Erb- großherzogs von Oldenburg, um diesen und seine Gemahlin zu begrüßen. Nachher nahmen die Letzteren nebst ihrer Tochter das Abendessen aus dem „Kaiseradler" ein. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 5. Juli. Nach neueren Anordnungen kehrt der Kaiser hierher schon am 26. Juli zurück. Berlin, 5. Juli. Unterrichtete Kreise nehmen an, die unerwartet frühe Rückkehr des Kaisers von seiner Nordlandreise hänge mit der Bismarck - Angelegenheit zusammen. Berlin, 5. Juli. Unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Gras v. Eulenburg sand heute Mittag eine Sitzung des Staatsministeriums statt, woran Reichskanzler v. Caprivi theilnahm. Es verlautet, die Frage der Ber- liner Meltaus st ellung sei verhandelt worden. Köln, 5. Juli. Nach einem Bericht der „Volkszeitung" wird die italienische Seidenernte aus kaum 30 Mill. Kilo Cocons gegen 38,5 Millionen im Vorjahre geschätzt. Der Durchschnitt der Jahre 1887—1890 beträgt 40,5 Mill. Bochum, 5. Juli. Das Oberlandesgericht lehnte die Erhebung der Anklage gegen Baare im Stempelproceß ab. München. 5. Juli. Die Gestaltung der Bierpro- l duction der hiesigen Brauereien war im vergangenen Jahre günstig. Sieben der größten Brauereien versteuerten über eine Million Hectoliter Malz, womit das Vorjahr überschritten ist. Bemerkenswerthe Mehrungen verzeichnen das Löwenbräu, Pschorr, Minderungen das Augustinerbräu. Lemberg, 5. Juli. Dem „Dziernik Polski" zufolge 1 Wird der deutsche Kaiser die Herbstmanöver in Galizien und mit dem österreichischen Kaiser Lemberg besuchen. Budapest, 5. Juli. Das „Amtsblatt" publicirt eine Verordnung, wonach Provenienzen aus russischen Häfen des Schwarzen und Asowischen Meeres sich einer siebentägigen Observation, aus türkischen Häfen einer strengen ärztlichen Untersuchung zu unterwerfen haben. Paris, 6. Juli. Es wurden große Betrügereien und schwindelhafte Armeelieferungen entdeckt durch Denunciation des Hauptexpertchemikers des Central-Marine- laboratoriums durch dessen Maitreffe. Der Experte, welcher durch Lieferanten bestochen wurde, stellte Tresflichkeitsatteste für schlechte Armee- und Marinelieferungen aus und wurde deßhalb entlassen. Hierauf denuncirte der Erperte zahlreiche höhere Beamte und Offiziere wegen Beihilfe. Es wurde eine umfassende Untersuchung auf Befehl des Marineministers eingeleitet. Paris, 6. Jnli. Sieben höhere Beamte der Marine wurden wegen der großen entdeckten Unterschleise und schwindelhaften Lieferungen in Untersuchung gezogen. Petersburg, 5. Juli. Im Balachinski'schen Naphrarayon bei Baku hat ein furchtbarer Brand stattgefunden. Die Naphtaproducenten Nobel, Budagow, Zowjanow, Mirsojew, Arafelow u. Co., Krassilnikow und die kaspische Gesellschaft erlitten enorme Verluste. totales unö provinzielles, Gießen, 5. Juli 1892. — g. Dreißigjähriges Stiftungsfest der Burschenschaft I Alemannia. Die Erwartung, es werde die Bürgerschaft unserer Alma mater Ludoviciana ihrer gewohnten lebhaften Theilnahme an dem Stiftungsfest der Gießener 'Burschenschaft Ausdruck verleihen, hat sich bereits in glänzender Weise erfüllt. Schon feit Montag prangen die Hauptstraßen der Stadt in dem Schmucke der blau-roth- goldenen und schwarz-roth-goldenen Farben, Guirlanden mit dem Wappen der Alemannia geziert, sowie die zahlreich vertretenen Farben unseres Landes und des deutschen Reiches bieten an manchen Stellen der Hauptstraßen einen prächtigen Anblick und den in ihre einstmalige Musenstadt eingehenden „Alten Herren" einen freundlichen Willkommgruß. Der für heute Abend vorgesehene Fackelzug stellt sich um 8y2 Uhr an der Kneipe der Alemannia (Lonys Bierkeller) aus und geh^, durch folgende Straßen: Anlage, Neustadt, Bahnhofstraße, Westanlage, Seltrrsweg, Marktplatz, Schulstraße, Neue Bäue, Anlage, Bismarckstraße, Ludwigsstraße nach Steins Garten. Nach Beginn des osficiellen Commerses gelangt auf der gütigst zur Verfügung gestellten Bühne des hiesigen Theatervereins unter Mitwirkung von Damen das von Herrn Redacteur Schneider zu Berlin gedichtete Festspiel zur Aufführung, dessen schwungvolle poesiereiche Sprache seinem Inhalt würdig zur Seite steht. — Concertvereiu. Die Vorbereitungen zu dem 100jährigen Fest des Concenvereins nahen sich ihrem Ende, die Hauptwerke sind festgestellt und sind nur noch die Solisten mit ihrem Programm im Rückstände, die definitive Entscheidung ist aber in aller Kürze zu erwarten. Das Gesammtprogramm soll möglichst vielseitig gestaltet werden, man will in den beiden Concerten gleichsam den Meistern, deren Tonschöpfungen uns seit Jahren erfreuen, eine Huldigung darbringen, darum sollen Bach, Beethoven, Mozart, Wagner usw. mit ihren Geisteskindern vertreten sein. Selbstredend ist es weder beabsichtigt, noch ausführbar, dieses chronologisch vor sich gehen zu lassen, den Beginn wird daher nicht Bach, sondern Mendelssohn mit seinem Oratorium „Paulus" machen. Die Wahl ist eine durchaus glückliche zu nennen und wir glauben zur Einführung nichts besseres thun zu können, als H. Kretzschmer zu citiren, der wie folgt urtheilt: „Der Paulus war das erste Oratorium, welches sich „an bleibenden Erfolg mit der „Schöpfung" messen konnte. „Er erlebte in den nächsten 18 Monaten, nachdem er aus „der Taufe gehoben worden, ein halbes Hundert Aufführ- „ungen und er hat bis auf die Gegenwart in immer „wechselnder Umgebung und mitten unter der neu erwachten ,/Pflege Händels seine Stelle behauptet. Chöre wie: ‘ //Siehe, wir preisen selig" und „O welch eine „Tiefe des Reichthums" —, „Wie lieblich sind „die Boten", Sologesänge wie „Jerusalem", — ////Gott sei mir gnädig" — und „Sei getreu bis „in den T o-L"' sind unter das Schönste und Eigenthüm- „lichste zu zählen, was die Musik im 19. Jahrhundert hat. //Sie vertreten den Empfindungsgehalt des Oratoriums. „Aber auch die dramatische Characteristik ist in dem fanatischen „Chore der Juden „Steinigt ihn", in dem Heidensatze „Sei uns gnädig" mit Leistungen bedacht, die in der „Oratorienliteratur einen ersten Platz verdienen." Das Hauptwerk des zweiten Tages ist die Sinfonie C-moll Nr. 5 von L. van Beethoven, die von vielen Beurtheilern als der Höhepunkt nicht blos der Beethoven'schen, sondern überhaupt der Instrumentalmusik bezeichnet wird, jedenfalls ist sie eines derjenigen Kunstwerke, über deren Gewalt Alle einig sind. Sobald das Programm definitiv feststeht, werden wir nicht unterlassen, unfern Lesern davon Kenntniß zu geben, schon heute ist vorauszusagen, daß das Fest ein musikalisches Ereigniß zu werden verspricht. — Theater Rotij. Carl Zeller, der Componist der „Joconde", bürgt dafür, daß man von seiner neuesten Composition wirkliche Musik erwarten darf. Und in der That, vollströmende Melodien sind es, die uns da entgegentönen, und die bereits größtentheils Gemeingut der musikalischen Welt geworden. Dabei ist der Dialog von echtem Wiener Humor durchweht, der ungemein anheimelt. Die Partitur des „Vogelhändler" ist wie eine Voliere, in der es zwitschert und tirilirt, schlägt und zirpt, daß es eine Herzenslust ist. Das Curt Heater-Ensemble von Bad-Nauheim, welches nächsten Montag diese Operette hier im Neuen Theater vorsühren wird, leistet nach vorliegenden Berichten auf diesem Gebiet Vorzügliches, somit ist diese Aufführung der allgemeinsten Beachtung dringend zu empfehlen. — Aus dem Zuftizdieust. .Durch Entschließung Großherzog- llchen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 2. Juli ist der Großh. Gerichtsassessor Neuenhagen in Gießen während der Beurlaubung des Großh. Gerichtsassessors Fritz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen elnes Amtsanwalts bei den Großh. Amtsgerichten Alsfeld, Grünberg, Homberg und Laubach beauftragt worden. — Der Genuß des unreifen Obstes birgt für die Gesundheit der Kinder nicht geringe Gefahren in sich; manches ernste Unwohlsein der Kinder, für das die Eltern keinen Grund wissen, darf man auf das Genießen des unreifen Obstes zurückführen. Man ermahne die Kinder und mache sie auf die üblen Folgen aufmerksam, zeige ihnen, wie häßlich es ist, das schöne Obst unreif abzupflücken, da es, reif geworden, nicht blos besser schmeckt, sondern auch gesund ist. Wollen Ermahnungen und Belehrungen nicht fruchten, dann wird man allerdings nach dem bewahrten Recepte eines alten deutschen Sprüchwortes verfahren müssen, welches heißt: „Wer nicht hören will, muß fühlen." "7 Telegraphisches. Das Reichsgericht hat entschieden, daß für die aus einem verstümmelten Telegramm hervorgehenden Nachtheile (wenn z. B. statt 2000 Stück einer Waare 20,000 bestellt werden rc.) lediglich der Absender des Telegramms zu haften hat, da er sich des Risicos dieses zwar schnellen, aber immerhin — im Verhältnis z. B. zu brieflichem Verkehr nicht ganz zuverlässigen Verkehrsmittels von vornherein bewußt sein muß. Lauterbach, 4. Juli. Vorigen Dienstag den 28. Juni wurden hier vier Radfahrer, Amerikaner, welche auf einer Tour durch Deutschland begriffen sind, infolge einer Depesche aus Engelrod, wonach diese Stahlroßreiter beim Paffiren Engelrods „ein großes Unglück in Vieh" angerichret haben sollten, polizeilich mehrere Stunden an der Weiterfahrt verhindert. Auf telegraphisches Anfragen in Engelrod kam erst nach mehreren Stunden die Antwort, daß ein Schaden bis gegen 180 Mk. entstanden sei. Die Radfahrer, welche von der Affaire überhaupt nichts gesehen haben wollten, hinterlegten 200 Mk. und bevollmächtigten einen hiesigen Rechtsanwalt mit ihrer Vertretung. — Wie man nun erfährt, soll ein Rind wider oder über einen Gartenzaun gesprungen sein und denselben etwas beschädigt haben, das Vieh soll sich aber bis heute noch wohl und munter befinden. Bis jetzt ist außerdem noch nicht erwiesen, daß die Radfahrer irgend welche Schuld trifft. Aufklärung wird wohl bald folgen. BadNanheim, 3. Juli. Vom 23. bis 26. Juli findet dahier in dem Gewächshause an den Siedhäusern die Sommer-Ob st-Ausstellung des Oberhessischen Obstbauvereins statt. Nur Vereinsmitglieder haben das Recht, auszustellen. Die Ausstellung umfaßt schön cultivirre Früchte (Kern-, Stein- und Beerenobst), pomologische Sammlungen und Weine von Aepseln, Baumsrüchten und Beeren. Das ausgestellte Obst verfällt der Ausstellung- von den Weinen sind von jeder Sorte mindestens zwei Flaschen, die eine zum Kosten, die andere zur Untersuchung, einzusenden. Als Preise werden einfache Diplome I., II. und III. Klaffe ausgegeben. Die Versammlung des Oberheffischen Obstbauvereins und die Hauptversammlung des Vereinsbezirks Friedberg findet Sonntag den 24. Juli statt. Begonnen wird Vormittags 11 Uhr mit der Besichtigung der pomologischen Gärten in Friedberg- um 1 Uhr 49 Min. Fahrt nach Bad-Nauheim, wo um 2J/2 Uhr im Gasthause „zur Krone" die Versammlung nattfindet. Vorträge: Rechenschaftsbericht des Geschäftsführers - Dr. v. Peter: über die Ausbildung des Baumwärterinstituts- C. John: über den Pfirsicbschnitt- K. Reichelt: über die Cultur des Beerenobstes einschließlich der Erdbeeren- Besuch der Ausstellung. L. A. Alsfeld, 5. Juli. Das am 3. und 4. ds. Mts. dahier abgehaltene Sänger fest des Schwalmthal-Sänger- bunöes ist ebenso wie das vor vierzehn Tagen abgehaltene Bezirkskriegersest in sehr befriedigender Weise verlausen. Die Alsfelder hatten förmlich gewetteifert, durch Schmückung der Häuser bis in die kleinsten Gäßchen hinein, wie auch durch freundliches und herzliches Entgegenkommen ihren Gästen gegenüber ihr Interesse zu bekunden. Der Festzug, welchem Vorreiter und Radfahrer voranzogen und an dem außer den zahlreich erschienenen auswärtigen auch sämmtliche hiesige Vereine und ein Kranz schöner blühender Festjungsrauen sich beteiligten, war ein schöner und imposanter. Das Wetter war prachtvoll- die hier so sehr beliebt gewordene Regimentsmusik des Kaiserregiments that vollauf ihre Schuldigkeit und so konnte es nicht fehlen, daß die Festkarten reißenden Absatz fanden. Gestern Abend öffnete der Himmel seine Schleußen und sandte uns den sehr nöthigen Regen. nn. Darmstadt, 5. Juli. Heute Morgen gegen 5 Uhr erschoß sich in seiner Wohnung der Stadtverordnete und Colonialwaarenhändler Creter von Bessungen. Was den als gut situirt bekannten und allgemein geachteten Mann zu diesem Schritte veranlaßte, ist bis jetzt noch nicht aufgeklärt. Hirschhorn, 4. Juli. Die beiden kleinsten Schulen im ganzen Großherzogthum Hessen sind neben der Schul- klasse zu Neunkirchen im Kreise Dieburg offenbar jene in unseren Nachbargemeinden Hainbrunn und Jgelsbach. Sie zählen nämlich nur sieben, respective sechs Kinder. Die beiden in je drei Abtheilungen zerfallenden Klassen werden von einem gemeinschaftlichen Lehrer unterrichtet, welcher täglich * mit den Ortschaften und Klassen wechselt.