Nr. 260 Erstes Glatt. Sonntag den 6. November 1892 Der ftetmcr erscheint täglich, *it Ausnahme bei Montag» Die Gießener Ock«rtte«ßt»tts> •erben dem Anzerger -»öchentlich dreimal beigelegt WchcnerÄnzeiger Kenerat-Anzeiger. Bierteltähriger KösNuemenlsprels 2 Mark 20 Pfg. ml Bringerlohn. Lurch die Poft bezog« 2 Mark 50 W Äebottien, LxpebMor. und Druckerei: Femtyrecher 51 Anits- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren. Gratisbeilage: Hießener Kamitienbtätter ' - ........... IlHlI m t 8 ob Anzeige« zu der Nachmittags für bee ftlgenbm Tag erscheinenden Nummer diß Borut 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In» uni LuZlandeS nehm« Anzeige n für ben .Gießener Anzeiger" entgegen. Anrtlichev Thsil. Bekanntmachung, betreffend Schafräude zu Münster. Nachdem unter der Schafherde zu Münster die Schafräude ausgebrochen ist, haben wir die Sperre dieser Herde verfügt. Es ist deshalb bis aus Weiteres die Ausführung von Schafen aus der Gemarkung Münster nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig. Gießen, den 3. November 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. ____________________v. Gagern.____________________ Gießen, den 1. November 1892. Betr.: Ermittelung der landwirthschastlichen Bodenbenutzung und dcs Ernteertrags im Jahre 1892. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen cm die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises. Soweit Sie noch mit Einsendung der rubr. Verzeichnisse im Rückstände sind, erinnern wir Sie unter Hinweis auf unsere Verfügung vom 24. Mai l. I. (Kreisblatt 122) an deren alsbaldige Vorlage. ____________________v. Gagern.____________________ Gefunden: 1 Korallenkette, 1 Brosche, 1 Regenmantel, 1 Reisetasche mit Inhalt, 1 Brustbeutel mit Inhalt, 1 Cigarren-Etui, 1 Taschenmesser, 1 Ackerleine und 1 Haarbürstchen. Gießen, den 5. November 1892. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius. Deutsche» Reich. Berlin, 4. November. Der Kaiser tras am Donnerstag Abend 9Uhr in Stuttgart ein. Er wurde auf dem Bahnhof vom König Wilhelm, den Prinzen des württem- bergischen Königshauses, den bereits eingetroffenen fremden Fürstlichkeiten, der Generalität, den Ministern u. s. w. em- pjangen. Nachdem sich Kaiser Wilhelm mit dem König herz- j lichst begrüßt, fuhren beide Monarchen unter den stürmischen ? Hochrufen des dichtgedrängten Publikums nach dem Residenzschlosse. Am nächsten Tage wohnte der Kaiser dem feierlichen Leichenbegängnisse der Königin-Wittwe Olga bei, an welchem von auswärtigen Fürstlichkeiten noch theilnahmen die Großherzogin, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Baden, der Erbgroßherzog und die Erbgroßherzogin von Weimar, die Prinzen Ludwig von Bayern und Johann Geortz von Sachsen, Erzherzog Ludwig Victor von Oesterreich, der Herzog und die Herzogin von Edinburg. der Großfürst und die Großsürstin Wladimir, sowie die Großfürsten Constantin und Sergius von Rußland, der Fürst von Hohen- zollern, der Erbprinz von Schaumburg-Lippe u. s. w., außerdem die von auswärts herbeigekommenen Anverwandten des württembergischen Königshauses. Noch im Lause des Freitag verließ der Kaiser die württembergische Hauptstadt wieder und begab sich zunächst nach Piesdors (Provinz Sachsen), wo er am Samstag den vom Grasen v. Wedell veranstalteten größeren Jagden beiwohnt. Berlin, 4. November. Die Erörterungen über die Militärvorlage werden jetzt von militärischer Seite sehr lebhaft ausgenommen. Eingehend sucht namentlich eine bei Mittler & Sohn in Berlin erschienene Schrift des Majors Keim, Bataillons-Commandeur im 77. Infanterie-Regiment, die Nothwendigkeit der neuen Heeresvorlage zu begründen. Es scheint, daß die Ausführungen des genannten Militärs die Auffassungen des Reichskanzlers Grasen Caprivi in dieser Frage wiederspiegeln. — In der „Münch. Allg. Ztg." wissen angeblich unterrichtete Persönlichkeiten zu versichern, die Militärvorlage sei an den größeren deutschen Höfen mit ernsten Bedenken ausgenommen worden. Selbstverständlich muß die Richtigkeit dieser Meldung durchaus dahingestellt bleiben. tietiefte 2lad?ftcbton. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Genf, 4. November. Gestern Abend nach Schluß einer Versammlung der Heilsarmee wurde die Marschallin Booth und ihr Ehemann, Oberst Clibborn, wegen unbefugten Aufenthalts verhaftet. Beide sind seit einigen Jahren aus dem Canton ausgewiesen. Sie wurden aus der Polizeiwache ersucht, den Canton unverzüglich zu verlassen, weigerten sich aber, worauf sie über Nacht in Hast behalten wurden. Petersburg, 4. November. Gutem Vernehmen nach hat der Relchsrath den Antrag, die Accise aus Bier und Phos- phorzündhölzer, schwedische ausgenommen, von Neujahr ab um 50 pCt. zu erhöhen, angenommen. Depeschen deS Bureau „Herold". München, 4. November. Die „Münchener Neueste Nachrichten" veröffentlichen ein Jnterwiew eines Mitarbeiters bei dem gestern aus Italien zurückgekehrten Ministerpräsidenten von Crailsheim. Dieser rühmte das überall gefundene Entgegenkommen der Behörden. Er constatirre das Durchdrungensein der Bevölkerung Süditaliens von den Ideen der Tripelallianz und der deutschen Freundschaft, wodurch jene Italiens selbstständige Weiterentwtckelung allein garantirt glaubt. Auch Giolitti und Brin hätten sich als überzeugte Anhänger der Tripelallianz und der Deutschensreundschast bekannt. Rampolla sei kein Freund der Tripelallianz, da er in ihr das Haupthinderniß der Wiederherstellung des Kirchenstaates erblicke. Dem Papste schilderte der Minister eingehend die Lage der katholischen Kirche in Bayern und betonte, dieselbe genieße die von der Verfassung festgesetzte Freiheit und Förderung. Leipzig, 4. November. Die „Neueste Nachrichten" veröffentlichen eine fernere Unterredung zwischen Fürst Bismarck und Hans Blum über einen Artikel der „Deutschen Revue". Bismarck erklärte, es sei unwahr, daß er im Jahre 1875 Frankreich bekriegen wollte. Er habe jeden Deutschland nicht ^ausgedrungenen Krieg für frivol gehalten und dementsprechend gehandelt. Graf Moltke und der Generalstab wollten 1875 einen französischen Krieg, um Frankreich zuvorzukommen, Moltke und Radowitz erklärten offen, wir würden Frankreich bekriegen. Er habe vom König das Verbot der Einmischung des Generalstabes in die auswärtige Politik verlangt, was er auch erreicht habe. Unwahr sei Radowitzs Sendung nach Petersburg, um die Neutralität Rußlands zu erlangen. Er habe immer das Vertrauen Alexanders Ü. besessen, wodurch Rußland an dem Dreikaiser-Bündniß sest- gehalten habe. Er habe den drei Kaisern bei den Zusammenkünften jedesmal erfolgreich vorgestellt, sie hätten das Interesse der Monarchie gegen eine Revolution und viel mehr gemeinsames zu vertheidigen, als sie getrennt durch Einzel- eroberungen gewinnen könnten. Die Feinde des Friedens seien in Rußland nur Juden und Polen, die im eigenen Interesse aus Rußlands Niederlage speculirten; auch englisches und französisches Geld sei in Rußland für den Krieg thätig. Stuttgart, 4. November. Die Beisetzung der Königin Olga hat um 11 Uhr stattgesunden. Kaiser Wilh lm und der König von Württemberg schritten hinter dem Sarge- es folgten Großsürst Wladimir, Erzherzog Ludwig Victor, der Erbprinz von Meiningen und die Prinzen Ludwig von Bayern und Johann Georg von Sachsen. Etwa 60 Fürstlichkeiten, resp. Vertreter von Regierungen, waren anwesend. Zahllose Zuschauer füllten die Straßen. Localer unb provinzielle». Gießen, 5. November 1892. — Stadtverordneten Wahl. Die kurze Zeit zwischen dem Bekanntwerden und dem Eintritt des Wahltages hatte genügt, eine Agitation der verschiedenen Parteien und Jntereffenten- gruppen zu entfalten, wie sie bisher noch nicht zu verzeichnen gewesen. Das Resultat der gestrigen Wahl ist, nach der in gewisser Hinsicht nicht überraschenden Wahl eines Candidaten Feuilleton. Theo. Sctzze von E. Waldheim. (Schluß.) Im Schlassaale ist es längst ruhig und dunkel, nur die regelmäßigen Athemzüge der jungen Schläserinnen unterbrechen die nächtliche Stille. Die Königin des Abends liegt allein noch mit weiloffenen Augen, die sich noch nicht zum Schlummer geschloffen haben. Vor diesen leuchtenden Sternen tanzen gar lockende Bilder, zusammengewoben aus dem Nach- duft des heutigen Triumphes und den Träumen künftiger Tage, die zwar noch gleich einer Fata Morgana vor ihrem geistigen Blicke austauchen." „Es kann ja doch nicht sein," sagt der kühle Verstand, aber laut übertönend ruft das leidenschaftliche Herz: „Doch, doch, ja und tausendmal ja." Und Theo flüstert weiter für sich: „Ich kann ja nichts dafür, warum mußten sie mich alle so ansehen, warum bethörten sie mich also mit ihren Schmeichelworten? Spiegel, warum hast du mir mein Bild so gezeigt und warum vor allem hast Du, schöner Mann, diese berückenden Worte gesprochen, die mich um den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung bringen?" Der Mond, der alte Geselle, lächelt ihr zu, als wollte er sagen: „Es mußte so sein, armes Menschenkind, das ist die Stimme deines Schicksals, hab Muth, die Stunde der Weihe ist da, nütze sie, sie kommt vielleicht nie wieder." * . * Acht Tage sind vorüber. Abermals stehen die jungen Mädchen mit geheimnißvollen Mienen in der Frühstückspause zusammen, aber diesmal mit tiefernsten Gesichtern. Und das ist kein Wunder. Was in den Annalen der Pensionsgeschichte noch nie dagewesen, wozu die ehrbaren Lehrerinnen sorgenschwer das Haupt schütteln, es ist doch eine seltsame Sache. Seit drei Tagen ist nämlich eine Pensionärin spurlos verschwunden, alles Forschen war bis jetzt völlig erfolglos. Und es ist Theo, Aller Liebling, nach dem gesucht wird, der Abgott der ganzen Pension. Sie hat einen Bries zurückgelassen, worin sie bat, nicht nach ihr zu forschen, sie sei gut aufgehoben und habe sich kein Leids angethan. Und ferner um Verzeihung für einen Schritt, den sie reiflich erwogen und den alle dereinst als einen muthigen loben würden. So viel wissen alle, außer Hildegard. Mit ihr hat Theo die Flucht besprochen, sie haben den Plan dazu gemeinsam entworfen, aber Hildegard hat heiliges Schweigen gelobt und Niemand ahnt auch nur ihre Mltwlffenschast. Es dauert nicht lange, da stellt Madame Fournier ihre Nachforschungen ein zum Erstaunen Aller, von denen jedes seine eigene Idee über diese geheimntßvolle Flucht hat, die doch alle in dem einen Gedanken gipfeln: Theo ist einen gefährlichen Weg gegangen - er führt vielleicht hinauf zu lichten Ruhmeshöhen, vielleicht aber auch tief hinab zum Abgrund. * . * Jahre sind im Strome der Zeit dahingeraufcht. In der Pension ist alles unverändert, wenigstens äußerlich ist noch alles im alten Geleise. Madame Fournier fängt an zu altern und die Miß wird jeden Tag griesgrämlicher. Von dem schönen Theaterabend mit seinem seltsamen Nachspiel erzählen sich die jetzigen Pensionärinnen wie von einer halbvergessenen dunklen Geschichte, von der man sagt: Es war einmal. Heute aber ist ein Theil der jungen Mädchen in freu» diger Bewegung. Nachmittags soll nämlich nach der Residenz gefahren und Einkäufe gemacht werden, den Glanzpunkt aber wird der Besuch des Theaters bilden, wo man „Maria Stuart" zu sehen hoffte, die Aussicht auf diesen Genuß aber noch in der elften Stunde zu Wasser werden sieht. Wegen Krankheit eines der Hauptacteure ist das Stück abgesagt, statt dessen schnell „Der Hüttenbesitzer" angesetzt worden. „Es wird ein genußreicher Abend werden," flüstert der Nachbar Madame Fourniers ihr zu, „die „Claire" ist eine Glanzrolle der Röder." Der Vorhang rollte in die Höhe. Donnernder Applaus begrüßt die Röder, den neuen Stern, der an dem Bühnen- Himmel der Residenz aufgegangen ist, ihr Erfolg ist fast gesichert, noch ehe sie ein Wort gesprochen. Er gilt dem schönen Weibe, dieser wahrhaft königlichen Erscheinung, die in der That von packender Wirkung ist. Und wie sie spricht, diese Claire, dieses kräftige und doch so weiche Organ, dieser lebhafte, seelenvolle Ausdruck in den von Schmerz und Freude leuchtenden dunklen Augen, die den Gedanken ausdrücken, noch ehe sich der anmuthige Mund dazu geöffnet. Da — der erste Act ist noch nicht zu Ende — ertönt aus dem Parterre ein halb unterdrückter Laut, kaum die Nächstsitzenden bei Madame Fournier haben verstanden, daß er einen für alle lieben Namen bedeuten soll, aber die Claire aus der Bühne hat ihn doch aufgefangen, das beweist der liebe Blick, den sie dem Parterre zuwendet, und ein Billet, das der Logenschließer in der Pause an Madame Fournier abgibt. Eine Stunde später sitzt sie Theo Tessin, ihrer alten lieben Theo, gegenüber, im lauschigen warmen Zimmer und hält strahlend die weißen schlanken Hände zwischen ihren welken Fingern. Sie kann es noch immer nicht fassen, daß ihre ehemalige Schülerin die Claire ist, die von Beifall und Blumen überschüttet, umstrahlt von blendendem Lichtmeere, heute Abend auf der Bühne gestanden. Und Theo erzählte der hoch aufhorchenden alten Dame, daß ein reicher Onkel, n Von den weiteren Candidaten erhielten 795 588 541 510 489 473 435 381 mit // ff tf ft tf tr n n tr ft tt 374 371 353 324 Stimmen übersehen läßt, wurden gewählt: Emil Schwall, Fabrikant Louis Flett, Oeconom Karl Brück, Goldarbeiter W. Grünewald, Rechtsanwalt Gg. Conr. Simon, Oeconom Fr. Habenicht, Fabrikant Karl Orbig, Schreiner Fr. Helfrich, Ortsgerichtsmani Louis Emmelius, Fabrikant Aug. Heß, Rentner Dr. Schäfer, Landgerichtsrath Carl Faber, Spengler — Coucert. Das morgende Concert unserer Regimentsmusik bietet nach der Anzeige einen Operetten- und Walzer- Abend und ist somit ganz der leichten, modernen Richtung gewidmet. — Das Programm zeigt uns einige der schönsten Sterne am Walzerhimmel, als: Wiener Blut (Strauß), Traum Walzer (Millöcker), Schlittschuhläufer (Waldteufel), Weaner Mad'ln (Ziehrer), Toreador (Royle). Als Operetten sind vertreten: Suppe (schöne Galethea), S'rauß (Fledermaus), Millöcker (Feldprediger) und Zeller mit Vogelhändler. Eilenbergs reizendes Nocturno „Verlorenes Glück", sowie „Traumbilder", Fantasie mit Z ther Solo, und Petersburger Champagner Galopp mit Glocken-und Xylophon-Solo werden, außer Operetten und Walzern, das Programm ausfüllen. — Wir machen aus das bevorstehende Concert aufmerksam und sind überzeugt, daß diese tändelnden, leichten Weisen nach der Woche schwerer Arbeit und Kampfes einen angenehmen und beruhigenden Abschluß erzeugen. -s. Theater-Verein. Victorien Sardous „Fedora" gehört zu denjenigen Stücken, die man wohl einmal sehen kann — aber nicht öfters. Der Verfasser, der neben Augier, Dumas und Pailleron noch immer die französische Bühne beherrscht, hat Großes geleistet in Bezug aus starke Effecte, aber er hat sich in „Fedora" in diesem Punkte fast selbst übertroffen. Der Theaterverein har gut daran gethan, auch einmal ein solches Stück nach Gießen zu bringen; die Kritik aber hat daran zu denken, daß Sardou seine Stücke für die Tragödin Sarah Bernhardt und — das übersättigte moderne Publikum geschrieben. Aus den Ehrennamen eines übersättigten modernen kann das Gießener Publikum keinen Anspruch erheben, höchstens auf den eines undankbaren und kleinstädtischen, über dem — was wenigstens das Publikum des Theatervereins betrifft — auch noch ein etwas gleich- sörmiger, echt akademischer Hauch liegt, der Wiederschein der schon seit drei Jahren sich unverändert gleich bleibenden obersten Leitung des Vereins. Sardou schrieb für ein Publikum von Stockfranzosen, seine Technik ist durch und durch die der französischen Dramatiker, seine Anschauungen die der Pariser Gesellschaft, weshalb seine Stücke auf einer ausländischen Bühne leicht ihre innere Lebenskraft einbüßen. ,/Fedora" ist das Muster eines Sensationsdramas, in dem jede Scene neue Mißverständnisse und neue Sensalionsmotive Stimmen, // // tr n n tt tt n ff ff n sich das Ergebmß der Wahl , Cabinetßrath gleich am ersten Tage seiner Mission mit dem Prinzen zusammen, erkennt aber in ihm den Maler Corne 1 lius Voß, der sich ihm bei früherer Gelegenheit bereits vorgestellt hatte. Da Voß als Freund des Prinzen bekannt ist, so benützt der Diplomat ihn als Werkzeug seiner Pläne, was natürlich zu den comischsten Scenen Anlaß giebt. Die Charakterzeichnung der einzelnen Personen ist im allgemeinen eine recht frische. Mit besonderer Liebe ist der von sich selbst furchtbar eingenommene Diplomat gemalt, welcher auch einen recht guten Vertreter in Herrn Martiensen sand. Bei dem Prinzen Kurt (Herr Stückel) vermißten wir das ihm vermöge seines Standes zukommende selbstbewußte Austreten, was immerhin auch in der eigentümlichen Situation durchblicken mußte, auch Frl. Copps fehlt noch die nöthige Routine der Salondame, besonders was die Maske anlangt. Die übrigen Mitwirkenden dagegen boten durchweg ' lobens- werthe Leistungen, besonders Herr und Frau Director Reiners (Bäckers und Paula) und Herr Rupp (Engelbert), so daß die Gesammtaufführung doch als zufriedenstellend bezeichnet werden kann, nur hätten wir gewünscht, daß der Souffleur weniger laut seines Amtes gewaltet hätte. — Das Panorama in der Bahnhofstraße wird von heute ab eine Serie ausstellen, welche des besonderen Interesses gewiß ist. Die Ansichten stellen Linderhof, Hohenschwangau und Berg, Starnberger See dar. Dieser Cyclus gelangt zum ersten Mal zur Ausstellung. Das frühere vor zwei Jahren gezeigte war Herrenchiemsee und Neuschwanstein. D>e photographisch plastischen Aufnahmen des Panoramas sollen in wundervoller Klarheit hergestellt, der Glanz des Mormors, sowie der Schimmer der Farben bei den Teppichen, Wänden und Gemälden soll ungemein natürlich fein. — Postpersonal-Nachnchten. Der Postanwärter Jaco by in Mainz ist als Postassistent angestellt worden. — Der Ober- Telegraphenassistent Kehrer in Darmstadt und der Postverwalter Karg in Niederwöllstadt treten aus ihren Antrag in den Ruhestand. — Der Ober-Telegraphenassistent Moos in Worms ist gestorben. — Geldrolle als Privaturkunde Nach einem Erkenntniß des Reichsgerichts können Geldrollen, welche mit der Bezeichn nung ihres Inhalts und mit einem zu dieser Bezeichnung in Beziehung gebrachten Namen versehen worden sind, für beweis- erhebliche Privaturkunden gelten, und es kann mithin das Beschreiben einer solchen Geldrolle mit einer wissentlich falschen Inhaltsangabe als „Uikundensälschung" angesehen werden. — Das Radfahren im Heere. Nachdem das Radfahren im Heere an Umfang zugenommen hat und in einzelnen Garnisonen die Benutzung des Fahrrades für dienstlicheZwecke zur Einführung gelangt, ist nunmehr amtlich den Osfizieren und Mannschaften der Gebrauch des Fahrrades sowohl im Dienst wie außer dem Dienst gestattet worden. Ueber das Tragen der Seitengewehre beim Radfahren sind allgemeine Anhaltspunkte ge- I geben, ohne sie in die Form einer bestimmten Vorschrift zu fassen. Inwieweit das Radfahren in Straßen und auf Promenaden zuzulassen ist, hängt von den verschiedenen örtlichen Verhältnissen ab und wird durch die Gouverneure bezw. Commandanten bestimmt werden. — Wie Briefe leicht abhanden kommen können, geht recht einleuchtend aus einem Vorkomrnniß beim Hauptpostamt in Gotha hervor. Aus einem dortigen Contor werden gegenwärtig täglich 40—50000 Stück Drucksachen zur Post ausgeliefert, von denen natürlich eine nicht unbedeutende Anzahl wegen ungenügender Aufschrift oder aus anderen Gründen wieder an den Absender zurückgelangt. Diese zurückgekommenen Sendungen werden vor ihrer Auslieferung an den Absender einer genauen Durchsicht unterzogen. Bei der letzteren wurden nun an einem einzigen Tage nicht mehr als 10 Briefe zu Tage gefördert, welche sich in die Drucksachen eingeschoben hatten. — Auch uns gingen schon Drucksachensendungen zu, in welche sich Briese verirrt hatten. — Bei dieser Gelegenheit machen wir darauf aufmerksam, daß es sich empfiehlt, bei Einwurf von Briefen, Postkarten n. s. w. in die Briefkästen sich zu vergewissern, ob dieselben auch ganz in den Kasten gelangen. Schreiber dieses hat zu wiederholtem Male gefunden, daß Briese und Karten von den Drahtstäbchen im Innern des Einwurfs festgehalten wurden, also nicht auf den Boden des Briefkastens gelangten. Wer ehrlich Handels gibt den so seftgehaltenen Postsachen einen Stoß, damit sie auch in den Kasten fallen, wer aber weniger gewissenhaft jst, und fei es auch nur, um die Neugierde zu befriedigen, kann die Brieschen sich aneignen — und sie sind verloren gegangen. Darum Vorsicht beim Briefeinwersen. A Ruppertenrod, 4. November. Unter Vorantritt des Krieger- und Gesangvereins mit umflorten Fahnen bewegte sich gestern ein großer Trauerzug nach dem Friedhöfe. Man brachte die sterbliche Hülle eines biederen Mitglieds beider Vereine, des Adam Nick laus, zu Grabe. Im rüstigsten Mannesalter hat ihn der Tod hinweggerafft, nachdem er ihm erst vor 6 Wochen seine Gattin entrissen. Am Grabe sprach Herr Pfarrer Jung von Ober-Ohmen nach einer dreifachen Ehrensalve und dem Grabgesange des Gesangvereins bewegte Worte über den braven Bürger, tüchtigen Familienvater und treuen Kämpfer für das Vaterland. Der Verstorbene hat den ganzen Feldzug 1870/71 mitgemacht und blieb in allen bringt. Die Exposition ist schon eine aufregende Katastrophe, nach der man eine Steigerung kaum mehr für möglich hält, und man weiß schließlich nicht, ob der Höhepunkt des Dramas im dritten oder im vierten Acte liegt. Der Dichter — wenn Sardou überhaupt diesen Namen verdient — hat es mit kluger Berechnung, mit unglaublichem Geschick verstanden, die Zuschauer nicht zu Äthern kommen zu lassen, und seine meisterhafte Technik verdeckt die vielen Unwahrscheinlichkeiten und Unwirklichkeiten, an denen feine „Fedora" nicht weniger als alle seine anderen Stücke krankt. Er läßt kein Mittel unangewendet, Handlung, Spannung und Wirkung hervorzurufen, er täuscht fort und fort die Erwartungen des Zuschauers, er erregt durch unvorhergesehene Situationen stets neue Aufregungen und Empfindungen und seine Erfolge sind Sensationswirkungen. Aber er ist ein seiner Beobachter, ein geschickter Schriftsteller: die Handlung seines Dramas ist ebenso kühn erfunden wie kunstvoll verwickelt, der Dialog geistreich, witzig und scharf, von jener Art, die nur den Franzosen eigen ist und in der sie bis zum heutigen Tage noch immer allen Völkern überlegen sind. Was Sardou aber hauptsächlich vor seinen französischen Nebenbuhlern auszeichnet und ihm sogar die erste Stelle unter allen anweist, 'st die Lebenswahrheit seiner Charactere. Man kann „Fedora" nicht als ein schönes, wohl aber als ein äußerst interessantes Drama bezeichnen, dessen prächtige Technik vielleicht nur durch die „Fernande" desselben Verfassers übertroffen wird. Ein Drama im vollen Sinne des Wortes darf man das Stück allerdings nicht nennerf: dazu fehlt es zu sehr an einem inneren Zusammenhang zwischen Gefühlen und Thaten, und ohnedies ist die Heldin fein echt dramatischer Character. Sie ist nur ein leidenschaftliches Weib, eine Russin, die ebenso rasend liebt, wie sie wahnsinnig haßt. „Ich bin roer ich bin", sagt sie, „der tödtliche Haß gegen den Mörder ist der einzige Ausdruck, den meine Liebe für das Opfer sindet. Nur durch das unersättliche Verlangen, ihn zu rächen, fühle ich mich seinem Angedenken getreu." In solchen Momenten furchtbaren Rachedurstes scheint das Weib in ihr tobt zu sein — aber das Weib spricht nur zu deutlich aus dem Aufschrei, den Feodora bei der Erzählung von Wladimirs Erschießung ausstößt: „Ja, tödte ihn, tödte ihn! — aber sie auch!" Dieses „sie auch!" ist eine der trefflichsten Stellen des dritten Auszugs, der mit seinen großen Aufforderungen an den Darsteller die Kunst von Frau Claar- Delia, der die Palme des Tages gebührt, im hellsten Lichte erscheinen ließ. Sie entwickelte in der aufregenden Scene, in welcher Loris seine Geschichte erzählt, eine Vielseitigkeit ber Gestaltungskraft, wie sie nur wenigen Künstlern eigen ist/ ihr Spiel brachte bie Dämonie ber Leibenschaft in hin- reifcenber Weise zum natürlichsten Ausbruck, um bann in ber Sterbescene gerabezu erschütternb zu wirken. Herr Schönselb, beffen Gebiet eigentlich wo anbers als in ber Rolle bes Loris Jpanoff liegt, bekunbete ein seines Gefühl in ber Auffassung bes Characters bieses Helben. Frau Keller- Frauenthal gab bie Olga Soukareff, unb wenn biefe Rolle auch nur wenige Schwierigkeiten bot, wußte sie derselben durch ihr überaus feines Spiel einen ganz eigenen Reiz zu verleihen, unb wir lernten in ihr eine ebenso treffliche als hebenSroürbtge Künstlerin kennen. Auch Herr Meyer war in ber Auffassung und Wiedergabe de Sieris vorzüglich. die Herren: Kaufmann Karl Wenzel 321, Archiiect Huhn 308, Schieinermeister Schapbach 307, Dr. Klein 299, Nähmaschinenhändler Haubach 264. der Arbeiierpartei, daß nunmehr nicht allein alle gesellschaftlichen und bürgerlichen Kreise, sondern wohl auch alle palitischcu Parteien ihre Vertretung im Rathe der Stadt gefunden haben. Die Zahl der Candidaten für das Amt eines Stadtverordneten dürfte an < 0 heranreichen - angesichts einer folch großen Candidaienzahl war die Wahl wirklich schwer. Nach den Wählerlisten machten von rund 1600 Wahlberechtigten annährend 1200 von ihren Stimmrecht Gebrauch, lieber den Ausgang der Wahl haben wir bereits in einem heute Nacht 2 Uhr herausgegebenen Extrablatt berichtet. Das officielle Resultat konnten wir indeß bis znm Schluß der Redaction nicht erfahren. Sollte dasselbe bts Nachm. 4 Uhr einlaufen, so werden wir es in einer besonderen Beilage zur Kenntniß unserer Leser bringen. So weit ~ Schlachten unversehrt. Doch kehrte er nach dem Feldzug krank in die Heimath zurück. Mit seiner Gattin vereint ruht er nun, an ihrer Seite, in stiller Gruft. Möge beiden die Erde leicht sein! § Ober-Ohmen, 4. November. Die gefährlichste aller Kinderkrankheiten, die Diphlheritis, welche bereits im vorigen Jahr in unserer Gemeinde geherrscht und namentlich auch schwere Opser in den Nachbargcmeinden gefordert, tritt I wieder auf. Bereits sind ihr in hiesiger Gemeinde wieder | drei Kinder erlegen. Auch in der Nachbargemeinde Rupper- I tenrob herrscht sie. Ulfa, 2. November. Die hiesige Gemeinbe erlöste für N r„ . N'ues Theater. Gestern Abend ging „Cornelius o ß über unsere Bühne. Das Stuck ist eines der besseren von Franz von Schönt Han. Es stellt die Verfolgung des Prinzen Curt von Schöningen-Clausthal durchs den herzogl. Cablnetsrath von Stcrnwald dar, welch letzterer mit Ä, b'pl0m(iat,f*Cn Schlauheit, den Prinzen zum Herzog von ^Qfunblm8 £ni'flen f°.a' damit er die von jenem gewünschte eheliche Verbindung eingehe. Durch einen Zufall trifft der der ihr schon von jeher sehr zugethan gewesen, ihre Ausbildung bestritten, als Vater und Mutter sich anfangs von der „Schauspielerin" abwandten, warum sie auch den sremden Namen angenommen. Von dem langsamen Emporklimmen von Stufe zu Stufe und wie sie jetzt oben stehe aus der Sonnenhöhe der Kunst, die ihr ganzes Glück und ihre Seligkeit ausmache. Da meinte doch die alte Dame scherzend: Ob sich nicht bald ein rothblühend Röslein unter den Lorbeer flechten werde, der Ruhmeskranz sei doch sonst gar zu farblos? Aus einmal bedeckte glühende Rothe wie mit Zauberschlag Theos Antlitz- dann flüsterte sie mit gesenkten Augen, daß sie bald Aussicht habe, Madame Fournier Tante nennen zu dürfen daß sie ihn schon vor Jahren geliebt, noch halb unbewußt' den schönen Referendar, der jetzt als fertiger Rechtsanwalt um ihre Hanb geworben. „Denn seine Worte sind es ja gewesen, die mich dem Bahnenteufel, bem Eure Lobeshymnen mich schon halb in bie Gewalt gegeben, noch vollenbs in bie Arme trieben. Ich fann ja nichts bafür, baß ichs hören mußte: „Tante," sagte er, „Theo Tessin wirb eine große Künstlerin werben, wenn sie rechtzeitig ihr Talent erkennt unb Lust unb Muth hat bafür zu kämpfen." Diese Worte sinb mein leuchtender Stern gewesen, zu bem ich emporgeblickt, wenn ich einmal verzagen roottte; er hat mir mit seiner reinen Klarheit den Weg gezeigt, wenn bie Versuchung in ihrer lockenbsten Gestalt mir roinfte. Unb nun hab ich zwei Sterne, bie mich führen unb leiten, das sind die blauen Augen meines lieben, lieben Hans • fte blicken in heißer Zärtlichkeit aus sein künftiges Weib, aus Theo Tessin, die keinen prophetischen Blick nicht getäuscht, die bereit war, als Muse Thalia ihre Jüngerin rief, und muthig den Weg zu bahnen zu Freiheit, Ruhm und <2>luci!" — Neues Theater. Wir wollen an dieser Stelle nicht unterlassen, mitzutheilen, daß wir bereits am Dienstag Gelegenheit haben werden, die bedeutendste Novität der Saifon „Die Orientreise" von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg zu sehen. Ueber die erste Aufführung liegen uns eine Anzahl Kritiken vor. Unter anderen schreibt die „Neue Preußische Zeitung" folgendes über das interessante Stück. „Die erste „große" Premiere der Saison! Bor dem Theater weithin bis zu dem Schtffbauerdamm die Reihe der Wagen mit den berittenen Schutzleuten daneben, am Portal der lichtscheue Schwarm der Billethändler, am Kassenfenster das vielsagende Papptäfelchen „Äusverkaust" und innen im §auie, alles was zu tont Berlin gehört oder sich wenigstens in dem schönen Wahne wiegt, dazu zu zählen . .! Ein'jeder mußte erkennen, daß hier etwas Besonderes vorging, selbst wenn man nie etwas von der „Großstadtluft" gehört hätte. „Die Großstadtluft" — bei diesem Worte schlägt das Herz des Provinz-Theaterdirectors höher, sein Gesicht verklärt sich, es klingt wie das Klirren und Klimpern von Geld aus der Billetkaffe an seine Ohren — „Die Großstadtluft"! — was wäre ohne sie aus der verkrachten vorigen Saison geworden? Ueberall hat man'ben Schwank gespielt — in Berlin allein wohl an 120 Mal — und überall hat er seine Schuldigkeit gethan. Kein Wunder, daß die neue Schöpfung des erfolgreichen Autorenpaarcs mit einem gespannten, beinahe ängstlichen Interesse begrüßt wurde. Die Grund- erfordernisse, um einen guten Schwank zu schreiben, sind Temperament und Technik. Beides findet sich in der „Orient« Tetfe" im reichsten Maße. Es ist weit mehr Leben und Handlung darin, als in der „Großstadtluft", deren Haupt- starke doch mehr die Stimmungsschilderung, der Kontrast zwischen dem großen Berlin und dem kleinen Lndwigswalde war, und daß es an der „Mache" nicht fehlt, ist bei zwei Theaterkennern, wie den Verfassern, von denen Hr. Kadelburg bekanntlich der Bühne als Darsteller angehört, wohl selbstverständlich. So war das Erqebniß des m". gr°b°r Heuerkeitserfolg, der sich zumal nach dem zweiten Acte geradezu stürmisch gestaltete. Das Publikum ftelLrnd’ni1t*T 6efonb(:r8 zum Schluß mit den Darstellern auch die Verfasser zu wiederholten Malen hervor."