1892 Mr. 284 Drittes Blatt. Sonntag den 4. Deccmber Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags. Die Äleßener ^««itienbsälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal öeigelegt. ießener Arrzeiger Kenemt-Anzeiger. Vierteljähriger Aöonnementsprelsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bclngerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expeditio» und Druckerei: Zchutstraße Kr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigcblatt für den Ar eis Gieren I HratisKeitage: Gießener AamiticnStätler Feuilleton Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. In Oesterreich ist eine Ministerkrisis ausgebrochen. Da Graf Taaffe den Deutschliberalen nicht genug entgegenkommt, hat der liberale Minister Chuenburg seine Demission bean- tragt. Ebenso ist in Frankreich das Cabinet zurückgetreten. Richter für eine gebieterische patriotische Pflicht, den Plänen Caprivis entgegenzutreten. + Büdingen, 1. Deccmber. Schulverwalter Görisch von hier ist nach Unter-Mossau und Schulverwalter Kaemerer I steund, einschließlich der liebenswürdigen Blumengärtnerin, danken der kleinen Vogelschaar mehr als sie ahnen. Leider aber herrscht allgemein auch außerdem ein bedauerliches Nichtverstehenwollen der Gefahren, die der Existenz der hochnützlichen Kletnvogelwelt droben. Es sind besonders zwei bUlagenswerthe Umstände, die dem Verschwinden unserer unersetzbaren Gartensänger traurigen Vorschub leisten: der wahrhaft animalische Gaumenkitzel eines Thetles der südeuropäischen Bevölkerung nach den gebratenen Leichen der kleinen Zugvögel und dann der allenthalben bet uns blühende Katzenunfug. So lange in ersterer Beziehung in Südtyrol in Italien, Frankreich u. s. w. durch eine rücksichtslose gesetzliche Regelung der allgemeine Vogelmord, der Massenmord unserer nach dem Süden ziehenden Vogelwelt nicht vereitelt wird, so lange in letzterer Hinsicht bet uns die leider in ekelhafte Hätschelei übergegangene Katzenliebhaberei und die Freude über das „gesegnete" Gedeihen recht großer Katzenfamilien, als unschuldige Passion oder „Fatblesse" gilt — fo lange wird es mit dem Dasein unserer kleinen beschwingten Gartenmitarbetter immer mehr abwärts gehen. „Ach," meinen da verschiedene freundliche Katzenonkels und -Tanten, „das ist doch ungerechte Verdächtigung; die lieben Kätzchen sind mit ihren Mäuschen ja zufrieden und darin so unentbehrlich'" Leider nein! Ihre Lieblinge, seitdem sie in Städten und Dörfern sich queckenähnltch vermehren, sind nicht meh- mit ihren Mäuschen zufrieden. Die herumftrolchenden Kater und Kätztnnen sind wie kein anderes Hausthier vogelmordluftig geworden. Das wird in s'torb und Süd unseres Vaterlandes überall mit Schreck bestätigt- sie werden durch das Wegfangen des Restes der kleinen hochnützlichen Vogelwelt zur volkswirthschaftlichen Gefahr. Hören wir nur was der bekannte Professor Dr. Ruß als gründlicher Kenner der'Katze sowohl als der Vogelwelt sagt: „Die Katze im Freien ist mit Leidenschaft Vogelfängerin, offenbar auch um deßwillen, weil sie junge und selbst alte Vögel doch immer leichter zu erhaschen vermag, als die Mäuse, zumal in Scheunen rc., wo diese sich hinter dem aufgestapelten Getreide u. s. w. verbergen und stundenlanges geduldiges Lauern zum Fangen erforderlich ist." Und dann: „Schließlich ist es auch eine Thatsache, daß die Hauskatze, selbst wenn sie sich satt und voll- gefressen hat, aus Mordlust noch tobtet. Den jungen Vogel oder auch das ganze Nest, welches sie findet, läßt sie fraglos zu keiner Zeit ungemordet u. s. w." Leider mutz ich mir versagen, hier auf die wichtige Frage näher einzugehen; ich habe sie, als dringlich an anderer Stelle im letzten Frühling eingehender beleuchtet. Wer'sich Lolttische Wochenschau. Gießen, den 3. Deccmber 1892. Am letzten Mittwoch hat im Deutschen Reichstag die Etatsberathung begonnen und sogleich zu einer lebhaften Erörterung der neuen Militärvorlage geführt. Die Stellung der einzelnen Parteien zu dem Entwürfe der Regierung ist auch jetzt noch nicht völlig klar. Die Redner der nationalliberalen, freiconservatioen und Centrumspartei machten zwar erhebliche Bedenken geltend, aber versagten es sich, schon jetzt einen festen Standpunkt der Militärvorlage gegenüber einzunehmen. Dagegen erklärte sich der Wortführer der Deutsch- conservativen ziemlich rückhaltSlos für und Eugen Richter im Namen der Deutschfreisinnigen auf das entschiedendste gegen die Projecte der Rcichsregierung. Da die zweistündige Rede des Letzteren voraussichtlich den Ausgangspunkt für die etwa am 5. December beginnenden besonderen Berathungen der Militärvorlage abgeben wird, stellen wir im Folgenden die Aeußerungen des freisinnigen Führers zusammen. Zunächst erinnerte Richter an die bekannte Rede Caprivis vom 27. November 1891, in welcher der Reichskanzler bekanntlich vor einer Unterschätzung unserer Streitkräfte gewarnt und über den „Beunruhigungsbacillus", den Manche zu verbreiten suchten, seinen Spott ausgegossen hat. Nunmehr stelle Caprivi die europäische Lage als ernst hin, obwohl in Rußland und Frankreich die Aushebungsziffer hinter den 1890 gehegten Erwartungen zurückgeblieben sei. In Oesterreich und Italien hielten die leitenden Kreise die Weltlage für so befriedigend, daß sie in den neuen Budgets keinerlei militärische Mehrforderungen für nöthig erachtet hätten. Ueberdies sei Deutschland bereits auf das Trefflichste gerüstet. Hier habe man nach 1871 trotz der Siege die Hände nicht in den Schooß gelegt, sondern eine fortdauernde Vervollkommnung der Ausrüstung sich angelegen sein lassen. 12 Milliarden seien seitdem für das Heer verausgabt worden lionen gestiegen. Größtentheils zur Deckung der Aufwendungen für militärische Zwecke habe man die Reichßsteuern seit 1879/80 von 264 Millionen auf 731 Millinnen Mark erhöht. Dabei habe das Reich schon jetzt große Schulden. Wenn der neue Anleihegesetzentwurs, welcher im Zusammenhänge mit der neuen Militärvorlage angenommen werden solle, die Billigung des Reichstags finde, so betrügen die Reichsschulden 2 Milliarden Mark, d. h. das Vierfache ihres Betrages vor 6 Jahren. Wie an Geld, so seien auch an Menschen immer größere Aufwendungen gemacht worden. Die Zahl der Kriegsdienstjahre sei von 12 aus 25 Jahre verlängert worden und man habe damit nach des Fürsten Bismarck Ausspruch eine Armee aus dem besten Menschenmaterial hergestellt. Jetzt bezeichne Caprivi die Landwehr als die „wackelnde Spitze" der Pyramide. Die Freisinnigen aber betrachteten sie als die Krönung des Gebäudes. Die Landwehr „bringe für den Krieg gewisse Jmponderablien in das Heer hinein, durch die es erst ein Volksheer werde, das mit elementarer Kraft zum Siege führe." Neben der Verlängerung der Kriegsdienstzeit sei dann auch das deutsche Aushebungscontingent von 135 000 auf 193 000 Mann gewachsen, das heißt doppelt so stark wie die Bevölkerung. Dazu sei die Finanzlage des Reiches den Plänen der Militärbehörde nicht günstig. Preußen habe 1891/92 mit einem Defizit von 40 Millionen in Folge der Eisenbahnverstaatlichung abgeschlossen und dabei müßten die Matrikular- beiträge der Einzelstaaten im neuen Etat um 35 Millionen Unser Garten im December. Mit bedächtiger Zurückhaltung ist in diesem Jahre der griesgrämige Winter zu uns herangezogen. Noch tief in den November yinein^leuchtete an einzelnen sonnigen Tagen die glühende spätherbst- ltche Farbenpracht durch Wald und Feld, durch Park und Garten. Ja, ats eine innige Verehrerin unserer Gottesnatur, weit unten in der Sudmark des Reiches, am Gestade des größten Alpensees, inmitten eines von ihr sinnig gehegten Gartens, die müden Augen zum ewigen Frieden schloß, da war es eine Fülle spätherbstlicher Blumen, bte ihre Bahre deckte. Und als am Allerseelentag bei ein- f/eMC;*>er Ft* königlichem Pomp, der Trauerzug mit den iterbUchen Resten der Heimgegangenen Königin, der Ezarentochter, die Deutschlands Wiedergeburt auf deutschem Throne miterleben durfte, die alte Klosterkirche verließ, da schüttelte der Nachtwind ein Meer von Gold- und Purpurblättchen herab, um die durch ihr *ur fernen Gruft Ziehende wie liebkosend zum letzten Abschied damit zu umspielen. cm ist alles verweht. Das Schatten- und Lichtspiel des Mondes der langen Winternacht, der hinter einer schwarzen Wolkenbank thront oder eine Heerde weiße Schleierwölkchen vor sich vorüber- TrJifAa ma?i u!8,?ic oolle Leere der Natur nur deutlicher. IroftloS flauen die kahlen Baumarm-, das zerzaust- Haar ihrer Wipfel gegen ihn empor und uns fröst-li, wenn ein Windstoß die Llchlreflexe rasch über das kalte Wasser des Parkteiches mit sich reißt ®ahIb,“i'b b“§ Wasser erstarrt sein und an Stelle der Wolkenbänke und ihres melancholischen Nebelgefolges wird sich ein klares Himmels- Ausspannen von dem Myriaden glitzernder und sunkelnder werden baS ro-ite wct6c Leichentuch der Natur herabblicken r , Leichentuch? Ist denn der lustig herabwirbelnde Schnee, der sich aus Milliarden fröhlich kreiselnder Schneesternchen doch über unseren Häuptern bildet, sich zu Flocken vereint, deren Schweben Wirbeln und Treiben uns schon in Kindertagen mächtig — ver- cheißungsvoll —- anzog, wirklich ein Leichentuch der Natur? Unsere lÄ^ren sagtens und man spricht es ihnen nach. Ich kann es nicht finden; im Gegenthetl: keinen Leichnam bedeckt seine weiße .Hülle - er ist vielmehr eine liebevoll schützende Decke, um das Amtlicher» Theil. Bekanntmachung, betreffend Maul- und Klauenseuche zu Bellersheim. Nachdem seit Erlöschen der Maul- und Klauenseuche in der Gemarkung Bellersheim ein Monat verstrichen ist, ohne daß neue Seuchefälle sich gezeigt haben, haben wir der Großh. Bürgermeisterei Bellersheim die Ermächtigung zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen auch für die von Händlern auszusührenden Thiere wieder ertheilt. Gießen, den 1. December 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Locales unb provinzielles. Gießen, 3. December 1892. Am letzten Samstag fand in Hanau eine Sitzung des engeren Comites für Betreibung des Baues einer Bahn Hanau Büdingen statt, in welcher Herr Civilingenieur H enzel aus Wiesbaden erklärte, daß er auf Grund einer Bereisung der Gegend und nach Einsichtnahme des von dem Comite eingezogenen statistischen Materials beabsichtigte, eine Tertiärbahn Hanau-Langendiebach-Marköbel Büdingen und gleichzeitig eine Seitenlinie Hanau-Rückingen-Langenselbold zur Ausführung zu bringen. Das Comite beschloß, nunmehr in Unterhandlung mit den in Betr'acht kommenden Gemeinden zu treten. -s. Reiskirchen, 2. December. Auch in unserer Gemeinde führten die veranstalteten Sammlungen zu recht günstigen Resultaten. Für die N ot hleidenden in Hamburg ergab die Kartoffelspende mindestens 40 Centner. — Zur Errichtung ein es Denkmals für Seine Königliche Hoheit den höchstseligen Großherzog Ludwig IV. wurden durch Herrn Bürgermeister Wagner, Beigeordneten Enders und Johannes Spaar als Vertreter für Herrn Pfarrer Gombel 22 Mark 90 Pfg. zusammengebracht. Auch die Mitglieder des Kriegervereins ließen es sich nicht nehmen, 5 Mark 65 Pfg. für diesen schönen Zweck zu spenden. § Ober - Ohmen, 2. December. Wie im vorigen Jahre in der Nachbargemeinde Unter - Seibertenrod, so herrscht jetzt in der unserigen die Diphtheritis in einem wirklich Be- sorgniß erregenden Grade. Bereits sind der mörderischen Seuche schon acht Kinder erlegen, eine Familie verlor drei Kinder. Auf Anordnung des Kreisarztes ist gestern die Schule geschlossen worden. Der zweite Lehrer an derselben liegt selbst schwer an der Diphtheritis erkrankt darnieder. Viele Leute vertrauten einem homöopathischen Mittel gegen die Diphtheritis, aber energisch warnte der Kreisarzt vor diesem trügerischen Mittel und empfahl die strenge Absonderung der Kranken, sowie bei den ersten Anzeichen rasche Hilfe auf einen Arzt. Auch in der Nachbargemeinde Ruppertenrod tritt die Krankheit unter den Kindern auf. erhöht werden. Die Reichssteuern böten zu schweren Bedenken Anlaß. Namentlich dürfe man die Biersteuer nicht leichten Herzens annehmen. Wenn auch in Deutschland für eine Milliarde jährlich Bier getrunken werde, so mache dies auf den Kopf der mehr als Zwanzigjährigen ausgerechnet, doch nur ettna 10 Pfennige täglich. Dieser geringfügigen Ausgabe gegenüber erscheine die geplante Steuer schon recht hoch und dürfe gewiß nicht von einer „Luxussteuer" auf Bier gesprochen werden. Außerdem befördere eine Einschränkung des Biergenusses die Branntweinpest, die. man durch ein Trunk,uchts- gesetz zu bekämpfen gesucht habe. Schon jetzt lasteten 731 Millionen Mark Zölle und Verbrauchssteuern auf dem Volke, also 14 Mark auf dem einzelnen Kopfe, während andererseits soeben erst amtlich festgestellt worden sei, daß in Preußen 7/10 der Bevölkerung nicht mehr als 900 Mark jährliches Einkommen hätten. Bei einem Tagelohn von 2 Mark und einer Familie von 5 Personen müsse ein Arbeiter schon jetzt den Ertrag von fast 15 Arbeitstagen für Heerzwecke jährlich dahingeben. Die Zahl der Concurse habe nach der amtlichen Concursstatistik im Vergleich zu dem Durchschnitt der Jahre 1880—1889 um 1500 oder 60 pCt. zugenommen. In künftigen Kriegen aber werde nicht sowohl Sonaten, al$ bielmet)r der Umstand entschei- , —... , -.....-^nu« »uu ^mucnuuuci «ärmerer fcentie Bedeutung besitzen, daß man den Krieg finanziell bis ' von Groß-Rohrheim hierher versetzt worden. — Es wird Leben ungezählter Organismen in mütterlicher Fürsorge zu erhalten vor dem Ersnerungstode zu bewahren. Wir begrüßen ihn deßhalb tm Garten ganz besonders für alle zarten, niedergelegten und eingebundenen und nicht minder für freistehende niedere, beblätterte Pflanzen als Ruhedecke, die des Erdbodens spärliche Wärme nicht so leicht in die Atmosphäre entweichen läßt. Es ist ja eine bekannte Thatsache, daß in fast schneelosen Wintern ein Erfrieren von sonst winterharten Saaten und Gewächsen stets zu befürchten ist. Wir wollen deßhalb auch nicht zürnen, wenn in manchen Jahren die Natur diese Decke im Garten sobald nicht wieder lüftet und erst die siegreiche Macht der Frühlingssonne, der Thauwind und warmer Regen sie lang,am zum Wohle unserer Gartenerde zerrinnen läßt. Also eine Ruhedecke, kein Leichentuch! Das hat auch unser längst Heimgegangener allemanischer Dichter Johann Peter Hebel in seiner Die Regungen der Natur so fein fühlenden Weise wohl erkannt. Ja seinem Winter" besingt er ganz köstlich und treuherzig die Poesie des Schnees, des unter seinem Schutze der Auferstehung harrenden Samenkornleins. Dann fährt er weiter: „Meng«) Summeroögli schöner Art £it>) unterm Bode wohl verwahrt; Es het kei Chummer») und ket Chlag Und wartet uf si Ostertag. Und gangs au lang, er chünt«) emol Und fiderö) schlofts und s'isch em woh.l" Mit „Summervögli" meint er die buntbeschwingten Falter, die als Puppen im E denschoße ruhen. Er denkt in seinem Gedicht aber gleich darauf auch der hungrigen Vögelchen. Diese dürfen in unserem Decemberbilde auch nicht fehlen, um so weniger, als darunter die treuesten der treuen Gartensreundchen unserer deutsche Vogelwelt heroortreten. Es ist leider immer noch zu wenig allgemein bekannt, welch ungeheuren Nutzen gerade die k einen Gartensänger dem Obst- und Gemüflbau durch Vertilgen einer Masse von schädlichem Ungeziefer bringen, welchen Dank wir den Vögelchen dafür schulden; wir alle, vom Kinde an, dessen dicke Bäckchen noch die Spuren des köstlichen, eben genossenen Pflaumen- mufeä vom Vesperbrode tragen, das sich glückselig auf feine rothen Weihnachtsapfel freut, bis zum Greis, der dankbar mit Kennerblick den gelagerten Saft feiner selbstgezogenen, schädlingsfret gewachsenen .'Ralvasiertrauben schlürft. Der Landmann, der Gärtner, der Garten- «) Manches, *) liegt, s) Kummer, <) kommt, unterdessen. beabsichtigt, in hiesiger Stadt einen Kirch enge sangverein (Männer-Chor) ins Leben zu rufen. Die dieserhalb in Umlauf gesetzte Liste weist schon eine größere Anzahl Beitrittserklärungen auf. Vevmifchtcc tt Kassel, 2. December. Zur Erinnerung an den 100jährigen Gedenktag der Erstürmung Frankfurts durch die Hessen hat der hiesige Stadtrath einen Lorbeerkranz nach Frankfurt gesandt, um daselbst am Hessendenkmal heute niedergelegt zu werden. Der prachtvolle Kranz mit Bändern in den hessischen Farben geziert trägt die Inschrift: „Zur Erinnerung an die Tapferkeit hessischer Landsleute." tt Kassel, 2. December. Durch den heute Nachmittag um 3 Uhr 42 Minuten hier eintreffenden Frankfurt Berliner Schnellzug wurde aus der Main-Weserbahn, unweit der Station Neustadtt ein Herr überiahren und sofort getödtet. Der Zug wurde alsbald zum Stehen gebracht, doch konnte nur der Tod constatirt werden. Die Persönlichkeit des Getödteren war dortselbst nicht bekannt, konnte auch aus den vorhandenen Effecten rc. nicht sestgestell, werden, sodaß man nicht weiß, ob Unglücksfall oder Selbstmord vorliegt. Die Untersuchung wurde sofort eingeleitet. * Buenos-Ayres, 7. October. Ein Italiener Namens Galles hatte hier unter dem pompöienNamen „South American Clearing House“ eine Wechselstube eröffnet, in welcher er nach dem in Europa landläufigen Muster Depots, namentlich Cedulas, entgegennahm und ungeheuere Zinsen, 2—10 pCt. monatlich, vergütete resp. versprach. Nachdem er aus diese Weise für ungefähr 500000 D. allmählich erschwindelt und die Katastrophe durch die Behauptung, er stehe mit Präsident Herrera in Montevideo wegen Abschlusses eines Anlehens in Unterhandlung, noch einige Wochen hinausgezögert batte, ist er vor einigen Tagen spurlos verschwunden. Von den Geldern dürste er öen größten Theil in Bacchanalien und „feinem" Auftreten vergeudet haben. Moral: Es gibt auch Dumme in Amerika. * Etwas vom Caviar. In Deutschland kann man vielfach noch die Memung antreffen, daß der Caviar nur eine Delicatesse, eine Luxusspeise sei, als Nahrungsmittel jedoch keine sonderliche Bedeutung besitze. Vielleicht rührt diese Anschauung daher, daß der Caviar bei uns in Deutschland sehr theuer ist, jedenfalls muß sie aber entschieden als eine irrige bezeichnet werden. Denn der Caviar enthält als einen Hauptbestandtbeil das für die menschliche Ernährung ja so wichtige Eiweiß und außerdem gilt er mit Recht als sehr leicht verdaulich, so daß er ärzlicherfeits Reconvalescenten von Magenkrankheiten und Personen mit lässiger Verdauung häufig verordnet wird. Auch wirkt fein Genuß ungemein anregend auf den Magen ein, nur darf der Caviar nicht im Uebermaß genossen werden. Am besten schmeckt und bekommt der Caviar, wenn man ihn, aus Weißbrod gestrichen, gleichviel ob mit oder ohne Butter, genießt,' Zwiebeln und Citronen, das sind zwar beliebte Zusätze, es wird durch sie aber der eigenthümliche Wohlgeschmack gerade der besseren Caviarsorten vermindert. In Rußland ist der Caviar bekanntlich ein Volksnahrungsmittel. * Die Droschkenkutscher von Potsdam. Vor Kurzem starb in Potsdam der hochbetagte emeritierte Pfarrer Klee. Unter den zahlreichen Spenden aus Sarg und aus Grab des allgemein verehrten Pastors ragte ein großer Kranz mit einer Atlasschletse hervor, auf welcher in goldenen Buchstaben zu lesen war: „Die Droschkenkutscher von Potsdam." Jeden Sonnabend hatte der Heimgegangene, soweit sein Arm reichte, diesen eine Predigt oder eine kleine gute Zeitschrist zugewendet und dabei ein freundliches Wort an jeden gerichtet, der es annehmen wollte. Das haben sie ihm noch zu lohnen gesucht. Unser Volk hungert nach Freundlichkeit und Theil- nähme. Zeigen wir ihm mehr Herz, um den Dank brauchen wir nirgend zu sorgen. * In emem Dorfe der hügeligen Wetterau feierte dafür interessirt, welchen Gefahren unser deutscher Gartenbau durch den allgemeinen Kitzmunfug entgegengeht, lese im „Prakt. Rathgeber für Obst- und Gartenbau" Nr. 17 d. I. nach. Der Appell an das Volksherz, der vielseitigen Nachhall gefunden, ist doit vor der richtigen Schmiede, denn diese verbreitete Zeitschrift macht es sich mit zur Hauptaufgabe, allem dem deutsche Gartenbau Schädlichen, auch in seinen verborgensten Schlupfwinkeln nachzuforschen und enlgegen- zuwirken. — Die allermeisten kleinen gefiederten Gartensänger sind Zugoögel, von denen aber einige, wie die M^isenarten, gewohnheitsmäßig zu Strich- oder Standvögeln werden und so die Winter bei uns ausharren. Es ist nicht nur human, sondern auch klug und practtsch, diese Vögelchen, die gerade im Winter an den Rinden und Zweigen der Obstbäume ihre außerordentlich nützliche Thätigkeit fortsetzen, durch kleine Futtergaben vor dem Hungertode zu bewahren Dieser tritt bann besonders häufig ein, wenn der Rauhsrost sich eiustellt, der die ganze Natur oft wochenlang in einen diamant- glitzemden Eispanzer kleidet und Wald und Garten in wunderbarer Schönheit wie mit Weihrachtszucker überstreut. S^ien wir doch da menschlich und streuen den Thierchen an schneefreiem Plätzchen unter geschützter Hecke im Garten oder auf dem Brettchen am Fenster täglich ein wenig Futter. Die Vögelchen kommen, wuden traulich und dankbar. Den Meisen nageln wir einen kleinen verzweigten, knorrigen Ast oors Fenster und behangen ihn hin und wieder mit aufgeklopsten Nüssen, Speckschwarten, Feltwürselchen u. s. w. Sie sind auch, wie die übrigen, für Brod dankbar. Ist eß nicht für Alt und Jung die größte Freude, gar in der lieben Weihnachtszeit die munteren Thterchm dabei zu beobachten und den Hungrigen und Verlassenen, die in den eisigrn Nächten in den unwtrthiichen Baumwipfeln schlafen, auch eine Wethnachtsfreude zu bereiten und ihr Tischchen zu decken? De dankbare Schaar, zu der sich Blauspechtchen, einzelne Finken und Ammern, ein zurückgebliebenes Rothkehlchen. auch Baumläufer und natürlich Freund Spatz gesellen, wird es uns im Frühling reichlich lohnen. Der Garten liegt jetzt öde und still: bet offenem Wetter kann mit Vortbeil noch Dünger, Eompost und frische Erde auf zu verbessernde Quartiere g bracht, das Erd- und Compostmagazin um- geschaufelt werbtn. So lange es noch bte Witterung erlaubt, müssen bte Wintergemüsebehalter, auch bie Keller unb Obstkammrrn, reichlich gelüftet werden. Der schon im vorigen Mvnat aufgenommene Kampf gegen die Mäuse ist thatk-ästig foitzusetzen. Im Blumengarten sind nun auch die Winterastern dahin gewelkt. Fast neidisch blicken wir in die Fenster der Gewächshäuser, wo der Gärtnersmann schon schüchtern blühende Schätze, wie vor einiger Zeit ein verhältnißmäßig recht rüstiges Ehepaar das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Ihre Majestät die Kaiserin Augusta Viktoria hatte von der Feier einige Tage vorher Kenntniß erhalten. Am Jubeltage traf als kaiserliches Geschenk, eine prächtige Bibel ein, auf deren erstes Blatt die Kaiserin eigenhändig die Schrist- nvone geschrieben hatte: „Seid fröhlig in Hpffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet." * Saarbrücken, 29. November. Der „Dudw. Ztg." zufolge sollen auf den fiscalischen Saargruben 2000 Arbeiter wegen des schlechten Geschäftsganges für den Winter entlassen werden. Wie schon neulich mitgetheilt, stehen auf den privaten Werken leider auch Entlassungen in Aussicht. Literatur und Knnft. — „Universum", illustrirte Familienzeitschrift. Dresden und Wien. Alfred Hauschild. Jedes Heft der schönen Familienzeitschrift bringt etwas Hübsches und den Leser Erfreuendes. Ter Bilderschmuck ist reich unb vollendet schön; die Romane und kleinen Erzählungen fesseln, die Artikel und Plaudereien sind anziehend nach Form unb Inhalt unb fast immer so gewählt, baß sie ein actuelles ober praktisches Interesse bieten. Zu ben Artikeln octuellen Inhalts, welche weithin Aufmerkiamkett erregen werben, gehören in dem eben erschienenen sechsten Hefte namentlich Balbuin Grollers treffliche Plauberei im Anschluß an ben Dlstanzritt „Mensch unb Pferd", reich illuftrirt von Albert Richter, „Kurb von Schlözer", mit bem Bildnisse des hochverdienten Diplomaten nach der einzigen vorhandenen Aufnahme, und „Alfred Tennyson", mit Porträt deS Dichters und Bildern zu feiner poetischen Erzählung „Enoch Arden". Der Roman „Unweidlich" von Marie Bernhard und die Novelle „Die Fackeljungfrau" von Ludwig Gangbofer — beides Meisterstücke — erscheinen in Fortsetzung, daneben eine ganz eigenartige, markige Erzählung: „Dr. John Henry Scellett" von Georg Freiherr von Ompteda. — Im Verlage von Ferd. v. K'einmayr in Klagenfurt erschien soeben: Boisgilbert (Donelly): ELfarS SÜrrle. Preis 2.50Mk. DaS Buch ist ganz außergewöhnlich interessant als Erzählung und geschrieben von einem Manne, der selbständiges Denken mit großer Gelehrsamkeit und Einbildungskraft vereint. Es ist das beste Werk seiner Art, — prophetische Vorausblicke in die Zukunft der civilisirten Menschheit — das bisher erschienen ist. Die Schwierigkeit, die Ansichten des Verfassers über die Grundlagen und die Gestaltung der Gesellschaft, wie sie sein soll, ohne Schwerfälligkeit zur Darstellung zu bringen, ist mit seltener Fähigkeit überwunden worden. Diele Ansichten selbst sind in Hinsicht auf ihre allgemeine Absicht voll gefunden Kernes und derart, daß jene, welchen das Wohlergehen der Menschheit am Herzen liegt, sie mit Freuden verwirklicht sehen würden. Der Vorwurf des Werkes ist ein aufs Höchste spannender und enthält nichts irgendwie Gezwungenes, die Idee der Säule ist ebenso originell als die Behandlung kraftvoll. Keinerlei unnützes Gerede ist in dem Buche. Die Vorfälle sind mit eleganter Klarheit dar gestellt. Viele Elemente, welche volksthümlichen Erfolg bewirken, sind ihm zu eigen und es ist außerdem ein ernsthaftes, belehrendes Buch!" Verkehr, Land« nnd Volkswirthschaft. — Die Deutsche LandwirthschaftS - Ausstellung zu München. Die Schafzucht wird auf der kommenden landwirthschatt- ltchen Ausstellung zu München voraussichtlich eine weniger bedeurende Rolle spielen, als auf ben früheren Wanderausstellungen der Deutschen Landwirthschafts-Gesellschaft, obgleich auch für bleie Adtheilung Preise im Gesammtwerth von nahezu 7000 Mk. ausgesetzt stnb. Die Theile D utschlanbs, in welchen vas Merinoschaf seit Jahren seinen harten Kampf gegen die Eoncurrenz frember Wolle aus^usechten hat, liegen zu fern für eine lebhafte Beschickung ber Schau mit Tuch, Stoff- unb Kammwollschafen, diese drei Hauptgruppen, in welche bie ausgestellten 28 Klassen ber Merinos zerfallen. Fleischschafe, namentlich englische Fleischschafe (Southdown, Shropshire, Hampshire und Oxiordshire) sind in größerer Zahl zu" erwarten. Por atttm aber sind es die deutschen Rassen und Schläge, in erster Linie das Frankenschaf, welches aus seiner Heimath tn Mittelfranken kommend, in München zur Geltung k mmen sollte. Die letztere Rasse ist deshalb auch in ben vier Klassen, in welche sie z rsällt, mit besonders hohen Preisen bedacht. — Das bayerische Ministerium des Innern hat ber Preisliste ber Ausstellung soeben weitere 10000 Mk. beigesügt, so daß dieselbe nunmehr bte stattliche Summe von gegen 110000 Mk ausweist, d. b. 11000 Mk. mehr als auf ber bis jetzt best au gestatteten Schau ber Deutschen Landwirthschafts- Gesellschaft zu Königsberg t. Pc. unb nahezu das doppelte der Summe, die auf der ersten Ausstellung zu Frankfurt a. M. 1887 geboten werden konnte. — Die drohende Concurrerr- der amerikanischen Bieh- Züchter. Wir finden tu einer amerikanischen Zeitung die Transporte lebender Rinder ber atlantischen Transportdampfer von Baltimore, chinesische Primel, einzelne Duc van Thol, Amaryllis und Jris- arten :c. ans Fenster rückt. Unsere Sorge geht dahin, die von uns anzutreibenden Töpfe mit Blumenzwiebeln jetzt aus dem Erdenschooße zu entnehmen und nach und nach in gebebte Räume zu bringen. Hier warten sie zuerst in einer warmen Ecke von + 6—8 Gr. R. Dann kommen sie am besten in einen Kasten m't Sägemehl, ber, geschützt, ganz nahe an ben Ofen ober eoent. (bei Kacheln) auf demselben postirt, bei natürlich täglichem starkem Gießen der Töpfe. Erst wenn die Triebe und Blüthendallen fast fingerlang heraus sind, kommen die Töpfe ans Fenster. Auf die Winterblumenpflege im Zimmer kommen wir wohl noch später zu sprechen. Jedes Grünen und Wachten im traulichen Heim, während draußen der Winter immer ernstlicher nach Oberherrschaft ringt, macht uns große Freude. Aus diesem Gefühle stammt wohl auch eine Gepflogenheit, die zur Zeit unserer Großeltern lebhaft im Schwünge war, nämlich am St. Barbaratag (4. December) mit Blüthenknospen versehene Zweige frühblühender Holzgewächse zu schneiden und sie gleich frischen Blumen in Gläsern mit Wasser, theils schon zum Christfest, zum Erblühen zu bringen. Wollen wir diese kleine Poesie eines bescheidenen Lenzes im Winterzimmer nicht wieder aufleben lassen ? Der liebenswürdigen Leserin, bie „ja" sagt, darf ich wohl rathen, sich nicht zu Großes von der Sache zu versprechen. Sie schneide einige Blüthenzweige (also mit Bl üthen- knospen), etwa von Kornelkirsche, Seidelbast, Kirschpflaumen, Pfirsich, Zwergmandel, Flieder, Schlehe, Aprikose, schwarzer Johannisbeere, Birne, Apfel u. f. w. unb stelle sie nach unb nach tn bie Wärme von + 16 Gr. R., gebe ihnen öfters lauwarmes Wasser und besprenge sie (mit Thauspritze) mindestens Morgens und Abends mit Wasser. Es wird dem natursinnigen Gemüth eine Freude sein, das Heroorbrechen von Grün und bie schüchternen Bilder verfrühter Lenzeskinder Tag für Taa auf seinem Arbeitstischchen zu verfolgen. Die Zweigchen werden blühen und eine Ahnung kommender Lenztage in unser Winterzimmer zaubern, aber blos eine Atmung, denn mit ihren spateren, frischfröhlichen Frühlingsgefährten können sie nicht wetteifern, auch nicht mit der demuthsvollen hehren Blüthe, die selbst unterm Schnee aus düsterem Laube ihre weißen großen Sterne draußen noch erschließt. Sie ist die Blume, wie keine andere von Mysterien umweht, welche die Weihe des schönsten Festes der Christenheit, des Weihnachtsfestes, auch in unser still gewordenes Gärtchen überträgt — die Christblume. Heinrich Frhr. von Schilling. Philadelphia und Newyork nach London für die Zeit vom 1. Januar dis 1. Juni 1892. Danach brachten 14 Dampfer 17236 Stück Rinder nach London und verloren baoon 32 unterwegs. Als Durchschnitt kommt sonach, daß von 539 Stück je eines unterwegs darauf geht. Dies ist offenbar weniger als bei einem 10—i2tägtgen Bahntransporte verloren gehen würde, und fällt durchaus nicht ins Gewicht. Unseren Landwirthen mögen diese Angaben Zweierlei zeigen; erstens, daß ber Zeitpunk, in welchem Norbamerika Deutschland von den Vtehmärkten Londons und Paris verdrängt hahen wird, mit Riesenschritten herannaht, wenn unsererseits keine Gegen- maßregeln zur Behauptung unseres natürlichen Absatzgebietes und zwar bei Zeiten ergriffen werden. Zweitens, daß wir, um mit den Amerikanern concurtiren zu können, billiges Mastfutter bekommen müssen, mit anderen Worten, daß der Maiszoll, die Dertheuerung des besten Mastfutters, so schnell als möglich beseitigt werden muß. Die deutschen ßonbmirtbe haben schon im vorigen Jahre zum Betriebe ihrer Brennereien Vergünstigungen für Mars (billige Fracht) erbeten und bekommen, in diesem Jahre sind sie mit gl.ichen Bitten ausgetreten; Beweis genug, rote wichtig auch für diese lanbroirthfchaft- liche Industrie billiger Mais ist, und trotz alledem wird er künstlich vertheuert. Bei dem Mais, welcher als reife Frucht in Deutschland viel zu