Str. 258 ErSeS Blatt. Freitag den 4. November Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS McmkagS. Die Gießener Aamitien ötalter werden dem Anzeiger w-chentlich dreimal be,gelegt. ießmer Anzeig Keneral-A'nzeiger. ^^Äierteljähriger Abonnementspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Briugerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg. Redacnon, Erpeduio» und Druckerei: -chutstrahe Ar.?. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren. eyratisöeil'age: Gießener AamikienßkäNer. | AnrtlicZ>ev Theil betreffend. uns Alle Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folqenbm Dog erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. — In der Militärfrage wird bereits „abgewiegelt". Es gehen Gerüchte, wonach sich die Reichsregierung einem Kompromiß in Sachen der neuen Militärvorlage nicht abgeneigt erweisen würde und heißt es sogar, man sei an leitender Stelle zu Zugeständnissen bereit, denen zufolge eine Herab- Minderung der Forderungen der Militärvorlage um d,e Hälfte zu erwarten sein würde. Dies sind wohl nur Vermuthungen, lediglich aus der Voraussetzung beruhend, daß die Vorlage in ihrer jetzigen Gestalt keine Mehrheit im Reichstage finden wird. — Die Blättermeldung, daß der Reichskanzler wegen des vorzeitigen Bekanntwerdens der neuen Militärvorlage die ausnahmslose Geheimhaltung sämmtljcher Bundesrathssachen ongeordnet habe, erfährt jetzt eine Berichtigung dahin, daß nur die schärfere Sicherung der Geheimhaltung von Bundesrathssachen, deren verfrühte Veröffentlichung der Kanzler aus irgend welchen Gründen nicht wünscht, angeordnet worden ist. — Die Choleraepidemie i n Hamburg, die schon längst ihren eigentlichen epidemischen Character eingebüßt hatte, kann nunmehr so gut wie erloschen betrachtet werden, da vom 28. bis 30. October kein Choleratodessaü mehr vor- fltfommen ist. Die täglichen Cholerabulletins sind deshalb Eingestellt worden. Krakau, 2. November. Der Rector der hiesigen Universität verbot den Studenten aufs Strengste ihren Beitritt zu dem Arbeiterverein. — Vom Vorstand des Bezirksvereins „Nord-Ost" geht nachstehende Zuschrift zu: Tüdweft und Nordost. Petersburg, 2. November. Die „Petersb. Ztg." veröffentlicht einen Artikel über die preußische Militärvorlage, worin es heißt: Wenn Rußland mehr Truppen besitzt als Deutschland, so hat dies durchaus keine ernste Bedeutung, da ja ein großer Theil der russischen Armee im Süden Rußlands garnisonirt sein muß, daher gegen die europäischen Staaten unverwendbar ist. Diese Truppen könnten nur mit der größten Beschwerde an die Grenzen von Oesterreich oder Deutschland gebracht werden. Das Blatt behauptet ferner, daß die russischen Truppen an der österreichischen und deutschen Grenze geradezu auffallend schwach seien, es müßten daher, wenn Deutschland seinen Armeestand vergrößere und so sorgsam an der Grenze von Rußland sei, die russischen Truppen mindestens verdoppelt werden, um gegen etwaige Uebersälle geschützt zu sein. Bekanntmachung, die Maul- und Klauenseuche zu Lang-Göns Locales und provinzielles. Gießen, 3. November 1892. — Verhaftet wurde gestern ein Handwerksbursche, der, als er wegen unanständigen Benehmens aus der Herberge zur Heimath gewiesen wurde, eine Fensterscheibe eingeschlagen hatte. O Grünberg, 2. November. Aus dem letzten Fruchtmarkt dahier erreichte der Preis für den Weizen einen so niedrigen Stand, wie er weder dies Jahr, noch in den zwei letzten Decennien überhaupt vorgekommen ist. Der Doppel- centner Weizen wurde im Durchschnitt mit 16,40 Mark bezahlt, dabei ist er aber mitunter für 15—16 Mark verkauft worden. Auch der Roggenpreis, welcher seither etwas angezogen, ist wieder zurückgegangen. Der Doppelcentner wurde durchschnittlich für 14,70 Mark verkauft. — Daß die Viehpreise, welche seither in der That auf einer sehr niedrigen Stufe standen, wieder etwas angezogen, merkt man an dem sofortigen Ausschlag der Fleischpreffe. Das Pfund Rindfleisch, welches seither 45 Pfg. gekostet, gilt jetzt wieder 50 Pfennig. + Villingen, 1. November. Hier sind in diesen Tagen Erkrankungen und Sterbefälle an Typhus vorgekommen. Man gibt dem Trinkwasser die Schuld, weshalb ein Brunnen geschloffen wurde. + Trais-Horloff, 1. November. Aus hiesiger Briquetts- sabrik wird gegenwärtig electrisches Licht eingerichtet. Darmstadt, 2. November. Der zweiten Kammer ging eine Vorlage aus Verwillignng von 123,000 Mk. zur Einrichtung einer electrischen Beleuchtungsanlage in Bad N au h - i m zu. Wenn man von dem Verfasser des ersten Artikels unter „Südwest und Nordost" sagen könnte, daß er auf einer höheren Warte stände als aus der Zinne der Partei,' dann würden seine Worte, die ihn sofort erkennen laffen, und seine abfälligen Bemerkungen über das Wesen und Wirken der Bezirks-Vereine entschieden mehr Eindruck machen, als eö that- sächlich nur der Fall ist. Nicht über die nach seiner Meinung an und für sich unfruchtbaren Bezirksvereine hat er eigentlich Klage zu führen, wohl aber darüber, daß sich die breite Maffe der selbstdenkenden Bevölkerung bei den Wahlen nicht mehr so leicht, wie ehedem, am Gängelband politischer Parteien führen laffen will, sondern sich eigne Wege sucht und solche nirtt einschlägt, um sich eine von den Einflüssen politischer Führer möglichst freie Stadtvertretung zu schaffen. Wir gestehen zu, daß jener Artikel mancherlei Verhältnisse und Thatsachen inö richtige Licht stellt, aber dem gegenüber muß auch constatirt werden, daß der Versasftr in seiner Kritik über die Bezirksvereine viel zu weit geht. Der Verfasser gesteht z. B. dem Bezirksverein Nordost zu, daß der nördliche Stadttheil viel unter der Ungunst der geschichtlichen Entwicklung zu leiden gehabt habe, und wenn man dies etwas umschreibt, so lautet eö doch wohl so, daß eben jener Stadttheil im Lause der letzten Jahrzehnte durch den Verlust vieler, dem Verkehr dienenden Anstalten großen Schaden erlitten hat, daß dadurch der Werth des Grundbesitzes, der Immobilien, der Geschäftshäuser, sowie die MiethSerträge sehr erheblich vermindert worden sind. Und wenn die durch die Ungunst der Berhältniffe schwer benachtheiligten Bewohner deS nördlichen Stadttheils zu ilnem Schaden dann noch sehen, wie aller Verkehr sich nach dem anderen Ende der Stadt wendet und wft diesem eine nach der anderen der Leben, Verdienst und Vortheil bringenden Anlagen fast mühelos znsüllt, dann ist eö doch vom rein Neueste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. ! Berlin, 2. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichscommissars für die Gesundheitspflege, worin es heißt, da die Choleraepidemie in Hamburg im Erlöschen begriffen sei, eine Gefahr der Weiterverbreitung der Cholera von dort durch den Schiffsverkehr im Stromgebiet der Elbe nur in geringem Maße bestehe, auch in Berlin und Umgebung seit dem 5. October keine Choleraerkrankung sestgestellt sei, erscheine es nicht erforderlich, die zur gesundheitlichen Ueberwachuug des Schiffsverkehrs getroffenen Einrichtungen im bisherigen Umfange aufrechtzuhalten. Der „Reichsanzeiger" führt alsdann die angeordneten Erleichterungen an. Budapest, 2. November. Von Dienstag bis Mittwoch Abend 6 Uhr sind 21 an Cholera erkrankt, 9 gestorben. Paris, 2. November. Loubet ordnete an, daß allen den Marseiller Hasen verlaffenden Schiffen Gesundheits- Atteste auszustellen seien. London, 2. November. Der Courierzug vonEdin- burg stieß heute Morgen mit einem Güterzuge nahe Thirk zusammen. Er gerieth in Brand und ist gänzlich vernichtet. Man befürchtet, daß über zwanzig Menschenleben verloren sind. Die Nachrichten widersprechen sich noch und sind möglicherweise sehr übertrieben. London, 2. November. Weiteren Meldungen über den Eisenbahnunfall bei Thirsk zufolge fuhr der Schnellzug 60 Meilen per Stunde. Der Güterzug, mit Eisen beladen, befand sich bei dem Zusammenstoß m Bewegung. Der Anprall war sehr heftig. Dichter Nebel herrschte. Der Schnellzug entgleiste. Mehrere Wagen wurden zersplittert. ' Nach den letzten, nicht amtlichen Berichten wurden 13 Personen getöbtet, darunter sind mehrere verbrannt. Viele Menschen wurden verletzt, mehrere ernstlich. London, 2. November. 90,000 Bergleute von Wales haben angekündigt, daß sie die Giltigkeit der beweglichen Lohnscala nach dem 31. December nicht mehr anerkennen würden. Nachdem die in mehreren Gehöften zu Lang-Göns ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben. Zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen ist die Großherzogl. Bürgermeisterei Lang-Göns indeß vorläufig noch nicht befugt, jur Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen aus der Gemarkung Lang-Göns ist vielmehr bis auf Weiteres noch der Besitz thierärztlicher Gesundheitsscheine erforderlich. Gießen, den 3. November 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Reich. Darmstadt, 2. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Großh. Universitäts- Musikdirector Felchner aus Gießen. Berlin, 2. November. In dem heißen Streite der Meinungen, der in unseren Tagen gerade nicht zum Wenigsten auch aus religiösem und confessionellen Gebiete tobt, bildet die Rede Kaiser Wilhelms bei demWittenberger Feste einen freundlichen Licht- und Ruhepunkt. Sie ist getragen von dem echt christlichen Geiste der Duldsamkeit und von der Achtung der Ueberzeugung Andersgläubiger, mit denen die Protestanten doch in den Grundlehren der christlichen Religion übereinstimmen. Der erlauchte Monarch erklärte in seiner Eigenschaft als oberster Bischof der evangelischen Kirche Preußens rückhaltlos, daß die evangelische Christenheit durch ihr Bekenntniß noch heute mit der gejammten übrigen Christenheit verbunden sei und daß in diesem Bekenntnisse ein Band des Friedens liege, welches auch über die Trennung zwischen den Consessionen hinausreiche. Dieser Zug in der Rede des i - ,, . Ä m Ä rl_ Kaisers ist um so bemerkenswerther, als der hohe Herr an 3)cpe^cn M '8utcau "^erolb • anderen Stellen der Kundgebung seinen evangelischen Stand- Berlin, 2. November. Die „Berl. Polit. Nachrichten" punkt offen und warm bekannte und dabei namentlich der mad)en bezüglich der Beurtheilung der Statistik über den freien Ueberzeugung in Glaubenssachen entschieden das Wort Verbrauch und die Einfuhr des Tabaks darauf aufmerksam, redete. Gerade aber diese Betonung des protestantischen die beiden Jahre vor der Einführung der Zollerhöhungen Bewußtseins und protestantischer Grundsätze hat in gewissen bon 1879 "icht in Berechnung einzuzieben feien, weil sonst Kreisen der katholischen Welt lebhaften Unmuth hervorgerusen, I e!n faches Bild über die Höhe und den Zuwachs der Tabak- welcher Stimmung namentlich in dem römischen Jesuitenorgane I Einfuhr entstehe. „Voce della Verita" scharfer Ausdruck verliehen worden ist. I ^Berlin, 2. November. Den „Berl. Polit. Nachrichten" Denn genanntes Blatt bringt anläßlich der Wittenberger Rede I zufolge ist die Nachricht von einer Anordnung des Reichs- des Kaisers einen extremen Kampsartikel, in welchem der I ^an3ler§ bezüglich der Geheimhaltung aller Angelegen- deutsche Herrscher auf das Heftigste angegriffen wird, weil er I haften des Bundesraths, sowie von einer längeren Erörte- einen „Rebellen und Deserteur" der katholischen Kirche ver- I run9 der Jndiscretion der „Köln. Ztg." im Bundesrathe herrlicht habe- weiter enthält der Artikel u. A. die Be- I erfunden. merkung, daß den deutschen Katholiken die Worte ihres Kaisers I Berlin, 2. November. Die „Natlib. Corr." bezeichnet in Wittenberg nicht gleichgültig sein dürften. Die goldenen I aI§ die Grundzüge einer möglicherweise zu erzielenden Ver- Worte des Friedens und der Versöhnlichkeit, welche der Kaiser ! Bändigung mit dem Reichstage betreffs der Militärvorlage in der alten Lutherstadt gesprochen hat, scheinen also für die I dauernde gesetzliche Einführung der zweijährigen Dienst- „Voce della Verita" nicht zu existiren — eine Tactik letzteren I icit' anftatt nur die fünf Jahre geltenden Bestimmungen über Blattes, die hochbedauerlich, aber doch zugleich sehr bezeich- &en Dispositionsurlaub des dritten Jahrgangs, sowie die Be- nend ist. I schränkung der Rekrutenaushebung bis zur Aufrechterhaltung der jetzigen Präsenzzahl oder wenig darüber hinaus. Chemnitz, 2. November. In Auerswalde und Garnsdorf sind in den letzten Tagen 6 Choleraerkrankungen und 3 Todesfälle vorgckommeu. Man vermuthet Ansteckung durch J Ballen Tuchstoffe, die von Hamburg kamen. Wien, 2. November. Bei der AbschiedSseier sicherte ! Stöcker den hiesigen Anhängern die Fortsetzung der' Juden bekämpsung bis an fein Lebensende zu. Die Hauptaufgabe rleibe die Wiedergewinnung der Arbeitermasse. : Man widerrieft) mir, sagte Stöcker, den Verkehr nut den übelberufenen Wiener Antisemiten, ich erwiderte: „Uebel- ! beleumuvdet bin ich auch." London, 2. November. Der „Standard" bestätigt aus j Wien, daß das Pariser Haus Rothschild sich geweigert habe, die russische Anleihe zu negociiren. London, 2. November. Der AuSstand der Berg - ! leute in Wales erscheint unvermeidlich. Sieben Bergwerke stellten bereits die Arbeit ein. Gegen 4000 Bergleute hoben für morgen gekündigt. Die Föderation von SüdwaleS, welche 90,000 Bergleute umfaßt, kündigt den Lohntarif per 31. December. an den Bezirkscharacteristisch lebhafterer Thätigkeit electrisirt on begreiflich, wenn jene teuerzahler sind, auch thetl- Verkehrsanstalten, erlegen müsien. man den Bezirks« ist somit vollauf ngen und ebcnfalls gefangen, hat seine Existenz zu denen sie ~ Um zu diesem ZW verein Nordost gegründet, berechtigt. Der Verfasser findet vereinen, daß sie nur zu würden durch die städtischen Wahlen. In dieser Beziehung stehen aber die Bezirksvereine auf gleicher Stufe mit den politischen Vereinen, die sich auch immer erst aus gleicher Veranlaffung neu beleben, in der Zwischenzeit aber auch ein beschauliches Dasein führen und tei den Wahlen nur hervortreten, um mit mehr oder weniger Glück für die Anhänger ihrer oft recht einseitigen Ansicht Propaganda zu machen. Wird nun von den Vereinsmännern behauptet, daß alle ihre Thätigkeit unfruchtbar sei, so wollen wir darüber einen Streit nicht ansangen und uns damit trösten, daß auch schon mancher von anscheinend großen Autoritäten stammender angeblich schöpferischer Gedanke sich, bei Hellem Licht besehen, als ein Jrrthum und Rechenfehler herausgestellt hat, der, wenn er, wie beim Octroi, nicht rechtzeitig entdeckt worden wäre, unser Gemeinwesen in dauernde schwere Nachtheile gebracht hätte. Als letzter Trumpf, der dann gegen den Bezirksverein Nordost außgespielt wird, tischt man die Geschichte aus, daß das Ministerium gemeint habe, der Plan, die Bahn aus dem Lumda-Thale direct nach Gießen zu führen, sei nur Bezirks- speculationen des Nordost Vereins entsprungen und entbehre deshalb^der Begründung durch das allgemeine Interesse, und hieraus folgert der Verfasser weiter: „Hier wurde also die Bezirksagitation geradezu zum Hinderniß eines für die ganze Stadt werthvollen Planes." Die letzte Folgerung ist aber absolut falsch, denn nachdem die Landtagsabgeordneren für Stadt und Land Gießen, als die vielen Millionen für Bahnbauten in Hessen vertherlt wurden, für Gießen, wohin doch die ganze Bevölkerung des Lumdathales in allen amtlichen und geschäftlichen Beziehungen gehört, mit ganz leeren Händen heimkehrten, als ob Gießen gar nicht auf der Landkarte läge, da ist es erst der Initiative zweier Stadtverordneten gelungen, den Stadtvorstand mit einem von demselben einstimmig gefaßten Beschluß dahin zu bringen, das Versäumte möglichst nachzuholen und der Herr Oberbürgermeister hat in einer vorzüglichen Eingabe die Wünsche der Stadtvertretung dem Ministerium vorgetragen. Wenn nun das Project, die Bahn direct nach Gießen zu führen, nicht zur Ausführung kommen sollte, dann ist nicht der Bezirksverein Nordost daran Schuld, sondern Terrain- schwierigkeiten, die sich nachträglich herausstellten. Wie sich aber die hessische Regierung solchen gegenüber gestellt haben würde, wenn man von vornherein die Möglichkeit einer direcren Verbindung des Lumdathales mit Gießen ins Auge gefaßt und vertreten haben würde, das entzieht sich unserer genaueren Beurtheilung. Wir glauben aber nicht fehl zu gehen in der Annahme, daß man dann wohl selbst Mehrkosten nicht gescheut haben würde, um die allein richtige directe Verbindung mit Gießen herzustellen. Wenn nun Stadtverordnete auch den berechtigten Wünschen einzelner Bezirke ihr Ohr leihen, so werden sie damit weder ihrem Eide untreu, noch büßen sie das Vertrauen zur Unbefangenheit ihres Wirkens ein, sondern sie dienen — eine unbefangene Beurtheilung der Dinge vorausgesetzt — auch damit der Gesammtheit, die sich aus vielen Theilen zu- sammensetzt. Iüdtvest und Nordost. Es war vorauszusehen, daß der mit dieser Ueberschrist versehenen Zuschrift in No. 254 dieses Blattes ein Entrüstungsprotest aus den erwähnten Vereinen folgen werde. Wie wir erfahren, sei dieser Protest in der letzten Versammlung des Vereins Südwest in sehr drastischer Form und unter ängstlicher Vermeidung von Schmeicheleien für den Verfasser obiger Zuschrift erfolgt. In der That ist es auch hart, „aus dem behaglichen Gefühl, einem allgemeinen nützlichen Verein anzugehören, jählings ausgeschreckt zu werden." Wir werden uns jedoch durch solche Schmerzensschreie von unserer Kritik nicht abbringen lassen, auch nicht durch die vorgesührten Beispiele von der Wirksamkeit des Vereins: den von der Thätig- keit des Seltersbergvereins in keiner Weise beeinflußten Bahnübergang bei Lenz und die Bahnüberführung bei Rüsing. Der Prozeß wegen letzterer begann bereits Ende 1886; die Beseitigung des Mangels war bereits längst vor Gründung des Seltersbergvereins angelegt und beschlossen. Am wenigsten kann uns rühren die Bezugnahme des Sprechers des Südwestvereins aus den berühmten §. 1 des Statuts. Was geschieht nicht Alles in der Welt in guten und schlechten Vereinen unter dem Schutze des §. 1 der Vereinsstatuten! Warum nannte sich denn der Verein früher Seltersbergverein und nennt sich jetzt Südwestverein, wenn er wirklich nur das Wohl der gesammten Stadt will? Warum hat er die Anträge aus Umgestaltung in einen allgemeinen Bürgerverein zurückgewiesen? Warum betreibt er die Wahl eigener Vereinscandidaten zum Stadtrath, denen doch offenbar nach §. 1 die Aufgabe zugemuthet wird der „Aufdeckung und Förderung der berechtigten Interessen der zum Verein gehörigen Stadtlheile in deren Verhältnissen zum Staatsund Gemeindewesen"! Wenn es sich demnächst im Stadt- rathe um die Frage handeln wird, in welchem Maße sich die Stadt für die Errichtung von Lagerhäusern in dem Gebiete des Südwestvereins finanziell bemühen, welche weitere Ausdehnung der städtische Bauplan nach Süden zu gewinnen solle, um die Frage, ob die geplante Lumdathalbahn ihren Endpunkt an den Bahnhöfen oder im Nordosten der Stadt finden soll, ob und welche Ausgaben gemacht werden sollen, um den Druck der Wasserleitung für die Bedürfnisse des Seltersberges ausreichend zu machen, ob die Octroiheb- stellen nach Süden verschoben werden sollen, ob und wie der Fußgängerverkehr nach dem neuen Güterbahnhose erleichtert, ob eine Haltestelle der Weserbahn im Norden der Stadt errichtet werde, u. dergl. m., wird da die Abstimmung der Schützlinge der Bezirksvereine im Stadtrathe mit vollem Vertrauen von unserer Bürgerschaft ausgenommen werden, oder wird sich nicht da und dort die Meinuvg regen, die Sonderinteressen der Bezirksvereine spielten auch in die Thätigkeit der von ihnen empfohlenen Stadtverordneten hinein? Und wenn dieses Mißtrauen noch so unbegründet wäre, tft es nicht schon bedauerlich, daß ihm die Einmischung der Bezirksvereine Vorschub leistet und damit von vorneherein die Grundlage der Wirksamkeit der künftigen Stadtverordneten, das Vertrauen der Gesammtbevölkerung, schwer gefährdet? Wir sind weit entfernt, irgend einen persönlichen Vorwurf gegen die einzelnen Mitglieder der Bezirksvereine oder gegen ihre zahlreichen in theilweise so überraschender Weise „entdeckten" Wahlcandidaten zu erheben, als ob dieselben geflissentlich dem Gemeinwohle widerstrebten. Allein es liegt in der ganzen Natpr dieser Vereinsgestaltungen, daß sie alle Betheiligten aus den Abweg der Begünstigung von Sonder- interessen drängen, ein Ersahrungssatz, der sich noch schärfer bewahrheiten wird, je länger diese bei uns verhältnißmäßig jungen Vereine bestehen. Man wird sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, daß der Stadtverordnete etwas für seinen Bezirk thun müsse, und wenn die Wahlzeit der jetzt von den Bezirksvereinen Präsentirten verstrichen ist, so wird kein noch so fein ausgeklügelter § 1 der Statuten es verhindern können, daß der Bezirkswähler seine Wiederwahl abhängig wacht von der Frage, was die Bezirkscandidaten seither für den Bezirk geleistet, wie viele alte Häuser im Bezirke sie zur Niederreitzung, wie viele neue Straßen sie zur Eröffnung gebracht, welchen sonstigen Nutzen sie dem Bezirk verschafft haben. Hier hilft es nichts, wenn die Herren Vereinsvorsteher sich an die Brust schlagen und sich mit Entrüstung gegen den Vorwurf der Sonderbündelei verwahren. Es liegt eben in der menschlichen Natur so viel Eigennutz, daß es gefährlich ist, diesem, dem stärksten Feind der communalen Entwickelung, auch noch eine besondere Organisation zu bieten. Die Geister, die damit geweckt werden, lassen sich mit wohlmeinenden Redewendungen vom Gemcinwohle nicht bannen. Nicht unerwähnt darf hierbei bleiben, daß es wieder eine ganz besondere Art von örtlichem Interesse ist, welches sich vorwiegend in die Bezirksvereine zu drängen pflegt: das Interesse der Hausbesitzer. Es ist aber leider nicht jeder Einwohner Hausbesitzer, und es ist nicht ohne Gefahr, daß der nicht in dieser glücklichen Lage befindliche Bevölkerungstheil das Gefühl erlangt, dessen sehr starken Ausdruck wir in diesen Tagen vielfach vernommen haben, daß der Ring der Hausbesitzer die alleinige Führung der städtischen Geschäfte erstrebe. Die Grundbesitzer haben einen großen Theil der städtischen Lasten zu tragen, ihnen kommen auch die städtischen Einrichtungen in zahlreichen Fällen vorzugsweise zu Gute; ihr Widerstand ist aber auch in ebenso zahlreichen Fällen ein Hemmniß der städtischen Entwickelung. Daher ist es zwar ganz in der Ordnung, daß sie einen ansehnlichen Einfluß, dagegen nicht wünschenswerth, daß sie die ausschließliche Herrschaft in der städtischen Vertretung erlangen. Seit unserer Zuschrift in Nr. 254 dss. Bl. sind Sie Wahlvorschläge der Bezirksvereine bekannt geworden. Dieselben weichen theilweise ab von den Vorschlägen der Vereine \ der freisinnigen Partei und der nationalliberalen Partei. Andererseits merkt man den letzteren Vorschlägen an, daß diese Parteien, die sich sonst ihres Einflusses auf die Bürgerschaft rühmen, im Schlepptau der Bezirksvereine gehen, deren Vorschläge sie auch vor eigener Beschlußfassung abgewartet haben. In den Bezirksvereinen sind hervorragend thätig zahlreiche Mitglieder der beiden genannten politischen Parteien. Welches Gewissen wird nun in der morgigen Wahl das stärkere fein : das Bezirksgewisfen oder das Partei- gewissen, über was wird sich das freisinnige Bezirksvereinsmitglied mehr freuen, über den Sieg der Parteiliste, oder über den Sieg der Bezirksliste? Schon dieser sonderbare Conflict hätte dem Sprecher des Südwestvereins nahe legen müssen, daß man die Frage der städtischen Wahlen nicht aus dem § 1 der Bezirksstatuten lösen kann und darf und daß es kein guter Gedanke war, den Bezirksverein Südwest gerade vierzehn Tage vor der Wahl und zunächst offenbar zu Wahlzwecken zu gründen. Nur das tiefe Bedauern um die drohende Zersplitterung des communalen Interesses unserer Bürger hat diese und die früheren Zeilen veranlaßt. Unsere Stadt hat schon so Manches, was ihre Entwickelung bedrohte, überwunden. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß sie auch über die unzeitgemäßen Bezirksvereine hinauskommen werde. Wer dazu mitwirkt, thut ein gutes Werk. vermischter. * Frankfurt a. M, 2. November. Heute Abend schoß sich ein unbekannter, gut gekleideter Mann im Alter von etwa 30 Jahren in dem Mainz-Frankfurter Schnellzuge, der hier 6 Uhr 50 Min. eintrifft, kurz vor der Station Rüsselsheim in die linke Schläfe; die Wunde scheint nicht ernst. Der Zug, der durch die im Coupe Mitsahrenden gestellt wurde, mußte kurz vor Niederrad nochmals zum Stehen gebracht werden, da der Verwundete, den man bei der Un- gesährlichkeit der Verwundung nach Frankfurt mitnahm, wieder selbstmörderische Absichten hatte. Es fanden sich bei dem Lebensmüden an Geld 40 Pfennige. Papiere zur Feststellung seiner Identität fehlen. Der Unbekannte wurde nach der Bahnhosswache des Hauptbahnhoss verbracht und nach An- j legung eines Nothverbandes in das städtische Krankenhaus überführt, wo er bis zur Stunde noch nicht vernehmungsfähig war. * Berlin, 2. November. Professor Heinrich de Ah na, der treffliche Geigenkünstler, Concertmeister an der königlichen Oper und Lehrer an der königlichen Hochschule für Musik, ist gestern hier gestorben. * Wien, 1. November. In der croatifchen Dorfkirche von Vinogora entstand eine Panik in Folge des Rufes: Der Kirchthurm stürze ein. Fünfundzwanzig Personen wurden getödtet. * Newport, 2. November. Der Deutsche Ernst Voß, welcher im Jahre 1884 zwei Millionen Mark aus der Sparkasse in Verden entwendete, ist in Hoboken tobt aufgefunden worden. * Ein Cholerasall auf der Bühne. Aus Rotterdam schreibt man der „Frks. Ztg." unterm 1. d. M.: Wie die heute hier eingetroffenen indischen Zeitungen mittheilen, ist die Primadonna der Italienischen Oper in Soerabaha, Signora de Morel, an Cholera asiatica gestorben. Bei der Ausführung der Cavalleria rusticana am Ende des letzten Actes, sank die Unglückliche gerade in dem Augenblick aus der Bühne zusammen, wo auch das Spiel ein Niedersinken verschreibt, nämlich wo Santuzza den Tod des Turiddu erfährt. Die Operntruppe, die mit Signora de Morel ihre beste Kraft verlor, konnte die Vorstellungen nicht sortsetzen, und sucht jetzt das Reisegeld zu sammeln, um nach Italien zurückkehren zu können. * Die juristischen Examina an der Universität München haben in diesem Jahre recht ungünstige Resultate gezeigt. Mehr als das obligate Drittel ist diesmal „gerasselt", wie der akademische Ausdruck für Durchfallen lautet. Am wenigsten entzückt über diese ungünstigen Resultate sind gewiß die Herren Professoren; aber hier und da sind die Antworten der verzweifelten Examinanden der Art, daß sie eine schallende Heiterkeit nicht blos unter den Mitgliedern der Prüsungs- commission, sondern auch in den dichtgedrängten Reihen des Auditoriums erregen. In der „Pfälzer Presse" findet sich eine kleine Blumenlese aus dem Münchener Examen. Einer der Pandektisten fragte einen Prüfling: „Was verstehen Sie unter einer juristischen Person?" und als es mit der Definition haperte, forderte er denselben auf, er solle ihm doch wenigstens ein Beispiel einer juristischen Person sagen, worauf der Candidat unter homerischem Gelächter der Umstehenden erwiderte: „Eine juristische Person ist z. B. — der Amtsrichter." (!) — Der bayerische Staatsrechtslehrer brachte einen Candidaten mit der Frage: „Können sie Minister werden, Herr Candidat?" in eine solche Verlegenheit, daß dieser höchlichst erschrocken replizirte: „Ich Minister? — Nein?" Daraus versetzte der Professor sarkastisch: „Möglich wäre es immerhin, daß Sie Minister würden, Herr Candidat, allein Sie können beruhigt fein, Sie werden es gewiß nicht!" — Ein mehrfach Durchgefallener ist bereits Ehemann und Familienvater. * Praktisch. Nach Beschluß des Kirchenvorstandes in Camburg (Saale) vom 24. October hat künftig bei Trauungen jeder Zuschauer in der Kirche ein Eintrittsgeld von 10 Psg. zu erlegen. Der Ertrag wird zur Verschönerung der Kirche verwendet. verkehr, Land- tmb volkswirthschaft. Friedberg, 1. November. Frachtpreise. Weizen JL 16.25 bis 00.00, Korn X 15.50—00.00, Gerste JL 15.75—00.00, Hafer X 14 00—00.00. Alle Preise verstehen sich auf 100 Kilo, gleich 200 Zollpfund. Friedberg, 2.November. Buttermarkt. Butter kostete per Pfd. X 0.90-1.00, Eier 1 St. 7-8 H. Limburg, 2. November. Fruchtmarkt. Rother Weizen X 13.90, wtttzer Weizen 13.70, Korn X 11,35, Gerste jH 10.20, Hafer X 6.95, Erbsen X —. Gottesdienst in der Synagoge. Samstag den 5. November: Vorabend 430 Uhr, Morgens 880 Uhr, Nachmittags 300 Uhr, Sabbathausgang 5i° Uhr Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschaft. Freitag Abend 4«» Uhr, Samstag Vormittag 83' Ufjr, Samstag Nachmittag 300 Uhr, Samstag Abend 5" Uhr. Eingesandt. Die Frage der Sonntagsruhe. Die Gießener Handelskammer faßte in ihrer Sitzung vom 19. Ociober den Beschluß, an Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eine Eingabe zu richten, daß: den Geschäften der Manufacturwaaren-Branche gestattet werde, ihre Geschäfte an Sonn- und Feiertagen während der Zeit von 11 bis 4 Uhr Nachmittags offen zu halten. Es ist dieser Schritt anzuerkennen, da es die günstigst gewählte Zeit ist und in der Hinsicht, daß mit dem jetzigen System gebrochen werden soll; allein nur für eine Branche hält Schreiber dieses denn doch nicht für richtig, es sollte diese Zeit einheitlich für alle offenen Ladengeschäfte festgebalten werden und findet dieses nicht nur durch Folgendes vollständige Berechtigung, sondern erweist sich auch bei nicht oberflächlicher Betrachtung als nicht anders durchführbar. Nehmen wir an, ein Manufacturwaarenhändler führt noch, wie es in vielen Geschäften üblich ist, Eolonialwaaren, Eisenwaaren, Kurzwaaren, Cigarren u. s. w., so ist also für die Manufacturwaaren die Zeit nach obigem zwischen 11 und 4 Uhr gelegt, wie verhält es sich nun mit den anderen Artikeln? Im Kreise Gießen ist die Verkaufszeit dafür ausschließlich der Kirchenstunden bis 2 Uhr, im Kreise Büdingen sogar nur bis 1 Uhr Mittags festgesetzt. Nach obiger Eingabe dürfte der Kaufmann also seine Manufacturwaaren bis 4 Uhr verkaufen, die anderen Artikel nicht — das ist ein Unding — und daß dies doch mit Umgehung des Gesetzes geschieht, davon bin ich Überzeugt, aber zum Schaden derjenigen Geschäfte, welche keine Manufacturwaaren nebenbei führen, denn diese dürfen also nur bis 2 resp. 1 Uhr offen halten. Darum gleiches Maaß für Alle. Nach wie vor wird der Holländ. Tabak von B. Becker in Seesen'a H allen ähnlichen Fabrikaten vorgezogen. 10 Pfd. lose in Beutel fcoSMk