Nr. 231 Dienstag den 4. Oktober 1832 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Aa«itie«ötäiter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Henerat-Anzeiger. Vierteljähriger AVonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Trpeditio» und Druckerei: Zchutstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt süv de« Kreis (fiteren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. Hratisöeil'age: (hießener Jamikienökätter. | Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Deutsches Leich. Berlin, 1. October. Der Kaiser hat seinen Jagd- ausenthalt in Ostpreußen beendet und sich von Rominten aus direct nach Jagdschloß Hubertusstock in der Schorshaide begeben. Im Lause des Dienstag gedenkt der Kaiser im Marmorpalais bei Potsdam zu kurzem Aufenthalte wieder einzutreffen. Das Befinden des hohen Herrn ist andauernd ein ganz vorzügliches. — Die bevorstehende goldene Hochzeit des Groß- herzoglichen Paares von Weimar wird eine überaus glänzende Versammlung von Fürstlichkeiten am weimaranischen Hose zur Folge haben. Abgesehen von den Mitgliedern der Großherzoglichen Familie und den nächsten Anverwandten derselben werden über zwanzig fremde Fürstlichkeiten dem erlauchten Jubelpaare ihre Glückwünsche persönlich überbringen, so Kaiser Wilhelm, die beiden Königinnen der Niederlande, König Albert und Prinz Georg von Sachsen, der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Herzog von Altenburg, Großfürst und Großsürstin Wladimir von Rußland, Erzherzog Rainer von Oesterreich, als Vertreter des Kaisers Franz Joses, der Fürst von Reuß j. L. usw. Außerdem sind zahlreiche Diplomaten, Militärdeputationen usw. angemeldet, so daß das freundliche „Ilm-Athen" in den nächsten Tagen wohl ein ganz ungewohntes glanzvolles und bewegtes Bild bieten wird. — Das von der Stadt Baden-Baden der hochseligen Kaiserin Augusta gewidmete Denkmal ist am 30. Sep- tember, dem Geburtstage der unvergeßlichen Monarchin, seier- lichst eingeweiht worden. Der Großherzog und die Großherzogin von Baden hatten mit ihrer Vertretung bei der Feier den Oberhofmeister der Großherzogin, Freiherrn von Edelstein, betraut. Im Namen des Staatsministeriums wohnte Mi- nisterpräsident Dr. Turban der erhebenden Feier bei. Als Vertreter des Großherzoglich weimaranischen Hauses sprach Prinz Hermann von Sachsen-Weimar unter Niederlegung eines Kranzes am Denkmal. Oberbürgermeister Gönner von Baden- Baden hielt die Festrede. — Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 30. September bis 1. October, Mittags, gemeldete Cholera- Erkrankungs- und Todesfälle: Regierungsbezirk Stettin: in den Städten Fiddichow, Kreis Greifenhagen, und Pölitz, Kreis Randow, je 1 Er- krankung. Hamburg O r t Erkrankungen: 27./9. 28 /9. Datum 33 29/9. 24 30/9. 47 14 Hamburg Preußen Schleswig Siet in Staat und Bezirk 70 25 58 42 Altona Stettin Vereinzelte Feuilleton. Häßlich " Sctzze von Wilhelm Fischer. (Nachdruck verboten.) Die Frau vom Hause war aus dem Zimmer getreten- sie hatte Gesellschaft, sie wollte nur nach dem Rechten sehen, das benutzten ihre Freundinnen. » „Meinen Sie nicht auch, Frau Oberstabsarzt, die junge Frau ist doch zu häßlich und er em so schöner Mann." „Häßlich ist sie, das läßt sich nicht leugnen." „Wie ein so schöner Mann eine so häßliche Frau — lieben kann, ist mir unbegreiflich." „Lieben!" lachte Frau v. Beer, „lieben, das ist ein ander Ding." da ^ch"s "Ö/ toQr ^ich, alles ist möglich, man vergoldet Helene hatte alles hinter der Thüre vernommen- jetzt tr^ ’ie _Jn das Gemach ein, etwas blaß zwar, aber äußerlich äwang sich dazu, die „Freundinnen" auss Ange« Aehmste zu unterhalten. Sie schien unbefangen und der kleine Kreis war in der besten Laune- erst spät am Nachmittag rrenme man sich unter überschwänglichen Worten des Dankes ttno gegenseitiger Complimente. Regierungsbezirk Lüneburg: in einem Orte des Kreises Harburg (Land) 1 Todesfall. Berlin: 1 Erkrankung am 28. September, von Ham- bürg eingeschleppt. Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin: in der Stadt Rostock 1 Erkrankung. Würzburg, 1. October. In Untersranken erhielt bisher die Petition gegen die Verschlechterung des Militär- gerlchtsve rsahr ens 21464 Stimmen. A«»land. Wien, 1. October. Gelegentlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers wurde die Veranstaltung eines großen Festes im Schönbrunner Galleriesaal anbefohlen. Wien, 1. October. Die Kriegsverwaltung verlangt zur Anschaffung von Mannlicher - Gewehren 2, für rauchloses Pulver 2*/2 und für Verstärkung der galizischen Festungen 1 Million Gulden. Wien, 1. October. Professor Billroth wurde anläßlich seines vierzigjährigen Doctorjubiläums mit dem Ehrenkreuz der Kunst und Wissenschaft decorirt. Paris, 1. October. Gestern sind in Paris 29 Cholera- Erkrankungen und 12 Todesfälle, innerhalb der Bannmeile 6 Erkrankungen und 2 Todesfälle vorgekommen. Neueste Nachvtchteu. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Hamburg, 2. October. Amtlich wurden 43 Cholera- Erkrankungen und 21 -Todesfälle gemeldet- davon entfallen aus gestern 12 Erkrankungen und 14 Todesfälle. Die Transporte betrugen gestern 32 Kranke und 5 Leichen. Depeschen des Bureou „Herold". Brüssel, 3. October. Die Feier anläßlich des Todestages Boulangers ist fast unbemerkt verlausen. Zehn Franzosen und einige Belgier brachten zahlreiche Kränze. Rochefort hielt die Gedenkrede. Hamburg, 3. October. Der englische Dampfer „Busybee" rannte gestern Nachts den spanischen Dampfer „Daviz" ander Capitän, der Steuermann des „Daviz" und ein Lootse wurden getötet. Der „Daviz" sank mit werthvoller Ladung, der „Busybee" ging mit stark beschädigtem Bug in Reparatur. totales tinö provinzielles. Gießen, 3. October 1892. Tagesordnung für die Sitzung der Stadverordneteu Donnerstag den 6. October 1892, Nachmittags ! 4 Uhr: 1. Rechnungsabschluß des städtischen Gas- und Wasserwerks für 1891/92. 2. Coakspreise für die städtischen Anstalten. 3. Versehung der Schanzenstraße mit Gas und Wasser. 4. Wasserleitung in der Sonnenstraße. 5. Verschiedene Herstellunge» an den Pumpbrunnen. 6. Gesuch des Gärtners Karl Becker um Erlaubniß zur Erbauung eines weiteren Gewächshauses. 7. Gesuch des Wilhelm Gail um Als sie endlich allein war, brach Helene schluchzend in einem Sessel zusammen und überließ sich ganz ihrem Schmerz. Sie häßlich! Häßlich! Sie wußte es wohl, daß sie keine Schönheit sei, daß ihre kleine, unansehnliche Gestalt neben der imponirenden des Gatten saft verschwand - aber sie glaubte sich geliebt und das liefe in ihr die Empfindung, dafe sie nicht strahlend schön und so begehrenswerth sei, als in Romanen zu lesen ist, zurück- treten- sie vertraute der Liebe ihres Gatten, und das war ihr Glück. Und das lag jetzt zerschmettert am Boden, denn sic war ja häßlich, ihre besten Freundinnen hatten es gesagt, und in Romanen hatte sie gelesen, daß ein schöner Mann eine häßliche Frau nicht lieben könne. Mit einem Schrei tiefsten Schmerzes sprang sie auf und eilte an den Spiegel, aus dem sie sich sonst so wenig gemacht hatte, denn sie begriff es nicht, warum so viele Frauen nicht von ihrem Spiegel sich zu trennen vermögen. Jetzt wußte sie es, als sie ihr Bild in ihm erblickte- dies reizlose, unansehnliche Wesen vermochte sie selbst nicht einmal zu reizen. Und er? ! . . . Sie schrie aus- sollte Frau Dr. Werner recht haben? Hatte er sie nur des Geldes wegen geheiratet? Entsetzlich! Mit einem Ausdruck des Hasses betrachtete sie ihr Spiegel» bild, dann besah sie sich von der Seite . . . Gott, wie häfe- | Erlaubnife zur Erbauung eines Wohnhauses bei der Damps- ziegelei. 8. Entwässerung der Schlofegaffe und des Kirchen- platzes. 9. Anschaffung eines Rettungsschlauches. 10. Ausführung der Waldculturarbeiten pro 1893/94 im Taglohn. 11. Decretur von Kostenrechnungen. 12. Die sachlichen Kosten der Polizeiverwaltung. 13. Uneinbringliche Posten und Nachlässe aus dem Rechnungsjahre 1891/92. 14. Gebrauch des Wieseckwassers- hier: Erlaß einer Localpolizeiverordnung. 15. Die Verwendung von Kindern zum Verkaufe und Umhertragen von Backwaaren, Blumen und Kurzwaaren. 16. Errichtung und Einrichtung von Fortbildungsschulen. 17. Deutscher Verein für Knabenhandarbeit, hier: die Errichtung eines Handfertigkeitscurses. 18. Einsprache des Grofeh. Staatsanwalts Jöckel und Genossen gegen die Anforderung von Trottoirbeiträgen in der Bleichstraße. 19. Gesuch des katholischen Kirchenvorstandes Gießen um käufliche Überlassung des städttschen Weges zwischen der katholischen Kirche und dem katholischen Pfarrhause. 20. Errichtung eines Pissoirs in der Bahnhofstraße zwischen dem Walther'schen und Noll'schen Hause. 21. Reinigung der Straßen- hier: Anschaffung eines weiteren Gartensprengwagens. 22. Erhebung von Anerkennungsgebühren für gedeckte Uebersahrten 23. Gesuch des Jost Gonter um Winhschastsconcession für die Seltershöhe. K. Theatereröffnung. Bei vollkommenem Verzicht aus höhere litterarische Bedeutung, hat es der Verfasser des gestern zur Eröffnung der Saison gespielten Schwanks „Der Mann im Monde" doch verstanden, durch eine Reihe lustiger Einzelheiten, komische Situationen rc. sein Stück bühnenwirksam zu gestalten. Wenn auch Vieles die beabsichtigte Wirkung verfehlt, so das stereotype Schwankelement des Wiederholens einzelner Wendungen („et is wonnevoll" u. a. m.), dies oft gar zu unwahrscheinliche Zusammentreffen der heterogensten Persönlichkeiten, so läßt sich doch nicht leugnen, daß bei flottem Zusammenspiel und guter Vertretung der Einzelrollen die Hörer in eine heiter-behagliche Stimmung versetzt werden. Diese Bedingungen waren bei der gestrigen Aufführung im Großen und Ganzen erfüllt, mit Ausnahme geringer Versehen klappte alles und die bedeutenderen Rollen waren entsprechend, zum Theil sogar sehr gut besetzt. Vor allen sei hier Herr Reiners selbst genannt, der den ewig zerstreuten ängstlich- gutmüthigen Kanzleirath Kieke treu trefflichst characterisirte. Besonders die Scene des zweiten Actes, wo ihm der Tokayer gar zu gut mundet, gab ihm Gelegenheit, seine Fähigkeiten auss Schönste zu entfalten. Auch die äußere Erschein- nung war höchst gelungen. In ihrer kleinen Rolle verstand es Frau Reiners stets den richtigen Ton zu treffen und rechte sich würdig an Frl. Louise Coppe an, welche als Dera Ltebetreu sich gesanglich und schauspielerisch aufs Vor- thetlhafteste präsentirte. Ihr ebenbürtig zur Seite stand Jette, das flotte Berliner Stubenmädchen, köstlich gespielt von Frl. Grigo. Von den übrigen Darstellerinnen seien noch Frl. Södenberg („Frau Buchwald"), Frl. Ganzenmüller („Clotilde Wera") und die anmuthige Vertreterin der Marie Liebetreu, Frl. Kroll, rühmend erwähnt. Von d.'.n Darstellern der männlichen Partien sind, außer dem bereits genannten Herrn Reiners, an erster Stelle die Herren Stückel, der Träger der Titelrolle, Herr Mar tiensen als „Kaulisch" und Herr Born („Dr. Pirner"v lid)! — Sie wars sich in die Brust und gab sich einen in/ ponimiben Ausdruck . . . Wie unansehnlich, wie lächerlich • • Sie gab sich eine sentimentale, traumverlorene Pose. . . Wie fratzenhaft und comödiantengleich! . . . Sie lächelte. Wie kindisch und unbedeutend sie doch aussah, die Frau Oberstabsarzt hatte recht- sie war häßlich, grundhäßlich sogar. Keine Haltung, keinen Chic, nicht einmal das, was man beaute du diable nennt- nur unbedeutend, herzlich unbedeutend. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und ein con- vulsivisches Schluchzen erschütterte den schlanken Körper der jungen Frau. Er liebt dich nicht, er hat dich nur deines Geldes willen geheiratet! rief es in ihrem Innern und die Dämonen des Mißtrauens beherrschten von diesem Augenblicke an die junge Frau. 3 Seine sich gleichbleibende Freundlichkeit war ihr von jetzt ab Gleichgiltigkeit, seine Herzlichkeiten, seine Liebkosungen schieiien ihr erkünstelt, seine Küsse falt, und trotzig sträubte sie sich jetzt, wenn er sie kosend aus seinen Schooß zog. Sie war kalt, abweisend und trotzdem — unterwürfig, benn sie liebte ihn und wäre gestorben, wenn er weniger freundlich zu ihr gewesen wäre, oder wenn er eS unterlassen hätte, ihr, wenn er kam oder ging, einen Kufe zu rauben. Unb doch quälte sie jeder seiner Küsse- wenn er weg war, namhaft zu machen. Alle drei waren durchaus an ihrem Platze. Weniger befriedigend war Herr R o sch eck als „Journalist Syring". Bei ihm störte ein stark bemerklicher Sprach« fehler und häufiges Versprechen. Dagegen gelang eS Herrn Hartmann mit seiner Darstellung des kunstbegeisterten Barbiers KniSpel die Heiterkeit des Publikums rege zu halten. Da auch die anderen hier nicht namentlich ausgeführten Herren und Damen sich in ihren zum Theil kleinen Rollen entsprechend bewegten, so war der Gesammteindruck recht befriedigend, leider durch die ungenügende Ausführung des musikalisch begleitenden TheilS öfters unliebsam unterbrochen. Die Vorstellung war sehr gut besucht. — Die von der Gesellschaft Concordia am gestrigen Abend in Steins Saalbau abgehaltene und den Abschluß ihrer Sommervergnügen bildende Abendunterhaltung verlief, wie man sich Gelegenheit hatte zu überzeugen, in allseitig recht befriedigender Weise. Es war dies auch nicht zu verwundern, da das zur Unterhaltung der in nicht geringer Anzahl erschienenen Freunde des Vereins gewählte Programm sein gutes Theil hierzu beitrug. Es konnte sich das Ohr sowohl an recht guten Gesangsvorträgen, unter Leitung ihres bewährten Dirigenten Herrn Kaufmann, erfreuen, wie auch die Lachmuskeln durch den humoristischen Theil in steter Bewegung erhalten wurden. Ein hierauf arrangirtes Tanzkränzchen fesselte Alt wie Jung bis zur frühen Morgenstunde an die Räume des Locals. Wir wollen hoffen und wünschen, daß der Verein sich auch in Zukunft so weiter bethätige, damit wie bisher seine Entwickelung einen weiteren erfreulichen Fortgang nimmt. — Postschalterdieuft. Um den Interessenten vergebliche Gänge nach den Postämtern zu ersparen, theilen wir mit, daß seit dem 1. October die Postschalter erst um 8 Uhr Morgens geöffnet werden. — Verhaftet wurden gestern zwei Handwerksburschen wegen Entziehung der Wehrpflicht und ein Commis wegen eines außerhalb verübten Betrugs- er hatte ohne Auftrag hierzu Geld einkassirt- ferner ein Schlosser wegen Zechprellerei. — Programm für die Obstausstellung in Ridda. Donnerstag, den 6. October, Vormittags 11 Uhr, im Gam brinus zu Nidda, feierliche Eröffnung der Ausstellung. Ansprache des Vorsitzenden des Vereinsbezirks Büdingen, Herrn Amtmanns vr. Göttelmann. Ansprache des Präsidenten des Oberhessischen Obstbauvereins, Herrn Kreisrathsvr. Braden. Ansprache des Herrn Bürgermeisters Rullmann — Nidda, Namens der Stadt. Rundgang durch die Ausstellung unter Führung des Geschäftsführers, Herrn Landwirthschastslehrers Andrae. Nachmittags 1 Uhr: Festessen im Ausstellungslocale. Sonntag, den 9. Oclober, Nachmittags 2 Uhr, im Raihhaussaale zu Nidda, Versammlung des Oberhessischen Obstbauvereins. Vortrag des Vorstandes der pomologischen Gärten zu Friedberg, Herrn K. Reichett, über „Obsthandel und Obstverwerthung". Berichterstattung eines der Herren Preisrichter über die Ausstellung. Nachmittags 4 Uhr: Preis- und Diplomvertheilung durch den Herrn Präsidenten des Oberhessischen Obstbauvereins. Abends 6 Uhr: Schluß der Ausstellung. — Die Ausstellung ist an den vier Tagen von Morgens 9 bis Abends 6 Uhr geöffnet. — Märkte in Oberhessen im October 1892. Der in vor. 9hr. ausgesührte Markt (Galluömarkt) in Grünberg ist aus den 19. d. M. verlegt worden. tt Steinbach bei Gießen, 1. October. Heute sand in hiesiger Gemeinde die Bürgermei st erwähl statt. Sämmt- liche abgegebenen Stimmen, 167 an der Zahl, fielen aus den seitherigen Bürgermeister Herrn Krämer, ein Gegencandidat war nicht ausgestellt worden. Dies ist jedenfalls ein Zeichen dafür, daß die Gemeinde ihr Vertrauen auf den seitherigen Leiter ihrer Geschäfte setzt und daß sich Alle bewußt sind, in ihm einen Mann gesunden zu haben, der es wohl versteht, sowohl einerseits die Jntressen der Gemeinde in bester Weise zu vertreten, als auch besonders andrerseits überall, wo es nöthig ist, vermittelnd einzutreten und so der Gemeinde den Frieden zu erhalten, wodurch allein nur eine Gemeinde blühen und gedeihen kann. Leider wurden die beabsichtigten Ovationen durch mehrere Gewitter, die gegen Abend losbrachen, fast zu Wasser gemacht, jedoch ließ es sich ein großer Theil der Wähler nicht nehmen, ihrem alten und wieder neuen Bürgermeister einen grünenden Tannenbaum ans Haus zu stellen. Ebenso wurde ihm auch vom Gesangverein „Eintracht", dessen Ehrenmitglied unser seitheriger und fernerer Bürgermeister ist, ein Ständchen gebracht. Der Abend verlies dann bei Sang und Becherklang in schönster Weise. Möge es dem neu-alten Bürgermeister beschieden sein, in seitheriger Weise weiter seines Amtes zu walten und sich in ebensolcher Weise auch das Zutrauen und Vertrauen feiner Gemeinde zu erringen. § Vom höheren Vogelsberg, 1. October. Die Kartoffel- Ernte hat hier ihren Anfang genommen, und sind die Land- wirthe mit dem Ergebniß sehr zufrieden. Der Morgen Ackerland liefert durchschnittlich 100 bis 115 Gentner Kartoffeln, was als eine reichliche Ernte bezeichnet werden kann. Die Ernte an Dickwurz und Kohlraben verspricht ebenfalls großen Ertrag. B. Büdingen, 30. September. Bei der heute dahier vorgenommenen Gemeinderathswahl wurden die Herren Jacob Wittekind, Schreiner, und Friedrich Türck I., Uhrmacher, wieder- und der Kaufmann H. I. Albert (an Stelle des ausgeschiedenen Reinhard Müller) neu gewählt. Darmstadt, 30. September. Am 4. October tritt die Evangelische Landessynode aus einige Tage zusammen. Darmstadt, 29. September. Der 19 Jahre alte Fabrikarbeiter Johann Siesert von Falkengesäß ist angeklagt, daß er am 7. Juni d. I., dem Pfingstsonntag, Nachts, den Musikanten Ludwig Schäfer in Beerfelden durch einen Messerstich vorsätzlich getödtet habe. Der Angeklagte war in die Wirthschast von Neuer gekommen, wo die Musikanten Späße mit einander machten. Er trat sehr roh auf, weshalb Schäfer, als noch ein Stück gespielt werden sollte, ihn in Güte aufforderte, ruhig zu sein. Die Antwort war ein Stich in den Rücken und der mitten ins Herz geführte Stich, aus welchen hin der Getroffene sofort tobt hinsank. Daß Siesert beleidigt worden sei, wie er behauptet, ist nicht wahr. Die Verletzung des erst 25 Jahre alten Getödteten läßt daraus schließen, daß es dem Thäter Einerlei war, welche Folgen dieselbe hatte. Nach der That zeigte er keine Reue, sondern erklärte, wenn noch Einer komme, steche er ihn tobt und wenn noch zwei kämen, steche er Beide tobt. Auf die Bemerkung eines Zeugen, er habe ja einen todtgestochen, äußerte er, der ist tobt und ich krieg' Brod. Die Geschworenen sprachen den Unhold des Todtschlags unter Ausschluß mildernder Umstände für schuldig. Staatsanwalt Dr. Best beantragte 12 Jahre Zucht- Haus nebst Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte aus 10 Jahre. Diesem Antrag gemäß lautete auch das Urtheil des Gerichts, welches außerdem die Einziehung des bei der That gebrauchten Messers anordnete. Bingen, 29. September. Der hiesige Gemeinderath hat den aus seinem Schoße gestellten Antrag auf Einführung der Slädteordnung mit allen gegen drei Stimmen und den Antrag aus Einführung der Oefferttlichkeit bei den Gemeinde- rathssitzungen mit allen gegen zwei Stimmen abgelehnt. Dermtfc^tcs. * Berlin, 1. October. Die hiesige Firma H. F. Schulze, feit vierzig Jahren bestehend, ist sallit. Die Passiva betragen l3/4 Millionen. Der Inhaber, sowie der Procurist stellten sich der Staatsanwaltschaft. Es sollen Depotunterschlagungen vorgekommen sein. * Halle, 2. October. Vorgestern Abend stieß der aus Thüringen kommende Schnellzug eine halbe Stunde vor Halle auf drei losgekoppelte Güterwagen. Die Maschine des Schnellzuges wurde beschädigt, die drei Güterwagen verbrannten. Niemand wurde verletzt. * Zwickau, 3. October. An einer 34jährigen Näherin wurde Raubmord verübt. Von derselben kürzlich geerbte 30,000 Mk. fehlen - vom Mörder ist keine Spur vorhanden. * Lauterdrunveu, 1. October. Heute sand die Probefahrt aus der neu erbauten Wengern-Alp-Bahn, welche Lauterbrunnen mittelst Zahnschienen mit dem Grindelwald verbindet, statt. Die Fahrt verlies ausgezeichnet. Die Eröffnung des Betriebes wird erst 1893 erfolgen. ♦ Wien, 1. October. Der erste Reiter zu dem Distanz- rttt Wien-Berlin, Rittmeister Caloud, startete heute früh 6 Uhr allein vom Startorte in Floridsdorf, sodann folgten in Zwischenräumen von je 5 Minuten Gruppen bis zu fünf Reitern. Der Letzte, Ulanenlieutenant Siegl, startete wieder allein. Als Starter sungirten die Obersten Gras Auersperg quälte sie ihr Köpfchen mit eifersüchtigen Gedanken, und kam er, dann quälte sie ihn, was sie in der ersten Zeit ihrer Ehe niemals gethan hatte, mit gereizten, eifersüchtigen Fragen, die er ihr ruhig und freundlich beantwortete. Das begriff sie nicht, das war ihr kein unerschütterliches Vertrauen mehr, das war ihr Berechnung, nnd sie handelte demgemäß. Eifersüchtig verfolgte sie ihn, wenn er sich in Gesellschaft/ der sie sich aus repräsentativer Pflicht nicht entziehen konnte, — das sah sie ein, obschon sie am liebsten mit ihm zu Hause geblieben wäre — mit einer jungen und schönen Dame unterhielt- sie war — und manchmal schlug ihr das Gewissen — bis zur Raserei eisersüchtig, denn sie selbst entdeckte nichts, das ihr zu ihrem Mißtrauen Ursache gegeben hätte. Spät in der Nacht fuhren sie einmal von einer Gesellschaft nach Hause; sie blieb wortkarg, denn seine Freunde hatten, wie sie bemerkt zu haben glaubte, sie nicht so gefeiert, als sie es in ihrer Nervosität gewünscht hätte, denn sie war nervös geworden, die arme, kleine Frau. Das hatte sie erbittert. Er versuchte alles, um sie zum Plaudern zu bewegen. Sie hatte nur kurze Antworten, und da es bitter kalt war, so hüllte sie sich bis an die Nasenspitze in ihre Tücher ein. „Findest Du nicht," meinte er während der Fahrt in ganz gleichgiltigem Tone, „daß Frau Werner eine Schönheit ersten Ranges ist, die sich den Luxus, den sie treibt, schon gestatten darf?" Sie suhr in sich schauernd zusammen. „Du frierst, Lene!" Und er deckte sie mit feinem Pelz zu. Lene! Wie sie das jetzt empörte! „Neulich," erzählte er dann harmlos, „stellte Werner die Behauptung auf, eine schöne Frau sei nur ein Unglück für den Mann. Meinst Du nicht auch?" Sie schüttelte fast heftig das Köpfchen. „Nicht! . . Ich habe ihm auch widersprochen, denn eine schöne Frau ist das Edelste der Schöpfung, sie ist Sonne und Mond, wie der persische Dichter sagt, und begeistert den Mann." Sie befreite ihren Mund von den Tüchern. „Und eine häßliche Frau?" „Eine häßliche Frau," gähnte er, „ist zu bedauern." Das traf sie ins Herz- sie weinte laut auf. Wirklich besorgt und unruhig tröstete er sie und unbeholfen riß er sie an sich, umschlang sie mit beiden Armen und küßte ihr die Thränen hinweg. „Mein süßes Lieb! mein alles!" flüsterte er ihr zu, „was ist Dir?" 3 ' „Sie sagen, ich sei häßlich — und ich bin eS — ich weiß es," schluchzte sie. Jetzt fuhr er zusammen- er wußte wohl, daß seine Frau und Graf Kalnoky. Der General Graf Hartenau, General- Cavallerie-Jnspector Gras Gagern, viele Militärs und ein zahlreiches Publikum waren anwesend. * Luxemburg, 1. October. Ein 22jähriger unbekannter Herr, aus Leipzig zugereist, durchschnitt sich gestern Abend in einem hiesigen Gasthof die Kehle. * Gothenburg, 30. September. Der Disponent der Uttersberger Hüttenwerk - Actiengesellschaft hat die Reservefonds dieser Gesellschaft im Betrage von 163,000 Kronen unterschlagen. Die Gesellschaft hat Concurs angemeldet. Die Macht der Gewohnheit. Zwei Kaufleute, die in lebhafter Geschäftsverbindung und sehr befreundet sind, lassen sich durch Fernsprecher verbinden. Am ersten Tag erscheint der eine am Fernsprecher und ruft dem andern zu: „Guten Morgen, Herr College!" — „Guten Morgen! Wie geht» Ihnen?" — „Ausgezeichnet! Prise gefällig?" * Ein Jahr unschuldig im Zuchthaus! Am 19. November vorigen Jahres wurde der Dienstknecht Christian Wallbrunn von Söllitz (Baiern) wegen versuchten Raubes zu 2 Jahren 2 Monaten Zuchthaus verurtheilt. Die Verurtheilung erfolgte damals hauptsächlich deshalb, weil der 15 Jahre alte Schuster- bube Joseph Neger angab, der Angeschuldigte hätte ihn in einem Walde auszurauben versucht. Diese Angaben machte er, weil er von seinem Meister wegen zu langen Ausbleibens Schläge befürchtete. Glücklicherweise ließ das Gewissen dem Lügner keine Ruhe und er gestand, daß alle seine damaligen Angaben falsch waren. Nach der Wiederaufnahme des Verfahrens wurde am 26. September Wallbrunn vom Schwurgerichte wieder freigesprochen, nachdem er bereits ein Jahr abgesessen. Der Schusterbube ist nach Amerika durchgegangen. * WaS ein guter Witz manchmal einbrivgt, das erfuhr jüngst in Köln zu seiner Freude ein Bettler Dieser Mann zählte zu seinen Kunden auch einen Schneidermeister, der ein besonders weiches Herz hatte und ihm allwöchentlich als Almosen ein 10 Pfg Stück gab. Auf seinem letzten Rund- gang kam er natürlich auch wieder zur Werkstätte des Schneiders, und als er dort an der Wand einen Rock hängen sah, fragte er nach dem Preis. „Für Sie, weil Sie ein armer Teufel sind, nur 5 Mark", lautete die gutmüthige Antwort. Der Bettler kratzte sich hinter den Ohren, da er aber trotz seiner armseligen Lage nie den Humor verlor, so machte er dem Schneidermeister folgenden „Vorschlag zur Güte". „Ich kumme," sagt er, „jede Freidag hehin und kriege minge Grosche, macht ob et Johr met 52 Woche Mk. 5,20. Nu well ich et ganze Johr ok nitt mich wierh komme, dann nemme ich hüt da Rock met un kriege von üh noch zwei Grosche rut." Der gutmüthige Schneider und seine Angehörigen wollten sich über den Witz den Bauch vor Lachen halten, endlich erhielt der Bettler den Bescheid, er möge nur jede Woche wiederkommen und sich 10 Psg. holen, wie immer- gleichzeitig nahm der Meister den Rock vom Nagel, griff in die Tasche nach einem 20-Pfg.-Stück und gab beides dem Bettler mit dem Bedeuten^ er könne den Rock ja bezahlen, wenn er mal wieder bessere Tage sehe. Uttioerfitäts - Nachrichten. Jena, 28. September. Heute wird auch amtlich mitgdbdlt, daß der bisherige ordentliche Professor Hofrath vr. Kuhnt zu Jena zum ordentlichen Professor in der medizinischen Fakulät der Universität Königsberg ernannt worden ist. »pielpla« -er vereinigten Frankfurter Lta-ttheater. Opernha«». Dienstag den 4. October: Mignon. Mittwoch dm 5. Oc-- tober: Erstes Abonnement-Concert. Donnerstag dm 6. Octobec: Norma. Cavalleria rusticana. Freitag den 7. Octoder: Excelsior. Samstag dm 8. October: Silvana. Sonntag den 9. October: Rtenzt. Montag den 10. October: Don Juan. Gcharrspielharr». Dienstag den 4. October: Die Waise aus Lowood. Mittwoch dm 5. October: Die Abnfrau. Donnerstag den 6. October: Fernande. Freitag den 7. October: Das Sonntagskind. Samstag den 8. October: Clavigo. Grtngoire. Sonntag den 9. October: Die Ahnfrau. Montag den 10. October: Fernande. Verkehr, Canb* nnd Volkswirtschaft. GrLnderg, 1. October. Fruchtpreise. Weizen X 17 20, Korn X 15 50, Gerste X 14.70, Hafer X 14.40, Erbsen X 00.00, Linsen X —, Wicken X--. CdnX —, Kartoffeln^ , Samen X —. feine ansprechende Schönheit sei, aber er wußte auch, daß sie nicht häßlich war. Wie leib that sie ihm jetzt, er preßte fie* innig an sich, ja, er zog sie halb aus seinen Schooß und fein Mund hing an dem ihren. „Du bist gut, Du bist lieb!" stammelte er, überqueöenb seit Langem von leidenschaftlicher Liebe. Seine Küsse brannten; auf ihren Lippen. „DaS ist Liebe!" rief es in ihrem Innern, und sie schmiegte sich stürmisch, vor Glück vergehend, an ihn. „Du bist schön, mein süßes Weib!" „Nein, Willy, ich bin häßlich . . . Manchmal häßlich," stammelte sie unter seinen Küssen in dem kindlich-schmollenden, jubelnden Tone, den er so sehr an ihr liebte und den er in der letzten Zeit vermißt hatte- jetzt dämmerte eS in ihm auf, dann setzte sie hinzu: „Manchmal doch bin ichs, besonder» wenn ich an Dir zweifle!" Und nun beichtete sie ihm unter Thränen und Lachen. Die Droschke hielt- der Kutscher öffnete die Thür. Zärtlich hob er seine Frau heraus und trug sie bis an die Treppe. „Nu," sprach, auf den Bock kletternd, der alte Rosselenker vor sich hin, „die Doctors thun gerade so, als wie vor zwei Jahren, als ich sie bei ihrer Hochzeit hierher fuhr. Nicht mal ’ne schöne Frau, aber--" Er schnalzte seiner Rossinante zu; diese setzte sich in Trab.