Sk. 28 Erstes Blatt Mittwoch den 3. Februar 1892 und Airzeigeblatt für den Areis Giefzen. Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter. Amtlicher Theil Neueste Nachrichten. Alle Snnoncm-Bureaux deS In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den «Gießener Anzeiger^ entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Vierteljähriger Avounementspreirr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition «nd Druckerei: Achntstratze Ar.7. Fernsprecher 51. Unterrichtsminister, die Gallerie Sciarra sei Fideicommiß. Fünfzig der berühmtesten Bilder fehlen, was das Fidei- commiß- und Strafgesetz verletze. Daraus erfolgte die Erörterung des Entwurfes zum Schutze der sidei- c o m m i s s a r i s ch e u G a l l e r i e n. Die Regierung erklärte sich solidarisch. Pest, 2. Februar. DaS Handelsministerium im Einzahlreichen I vernehmen mit dem CultuSministertum organisirte ein Comitö, Deutscher Reich. Berlin, 31. Januar. Der Kaiser hat bezüglich der Anerkennung hervorragender Leistungen in der Ausbildung der Truppen im Schießen solgende Ordre an den Kriegsminister erlassen: „Ich will zur Hebung des Interesses im Schießdienst hervorragende Leistungen in der Ausbildung der Truppen im Schießen besonders anerkennen und bestimme, daß Mir die commandirenden Generale, die Gene- ral-Jnspecteure der Fuß-Artillerie und der Pioniere, die Jnspecteure der Jäger und Schützen, der Infanterie-Schulen, sowie der Chef des Generalstabes der Armee alljährlich zum 30. November, bezw. bei Vorlage der Schießberichte, diejenigen Compagnie-Escadrons- und Batterie-Chefs unter besonderer Begründung namhaft machen, welche sich durch außergewöhnliche Leistungen in der Ausbildung ihrer Compagnien, Escadrons und Batterien im Schießen ausgezeichnet haben. Ich behalte Mir vor, die Art und den Umfang dieser Anerkennungen sestzusetzen und will Ihren bezüglichen Vorschlägen dieserhalb entgegensehen. Sie haben hiernach das Weitere zu veranlassen." totales «nd provinzielles. Gießen, 2. Februar 1892. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 4. Februar 1892, Nachmittags 4 Uhr: 1. Ausbau der Löberstraße. 2. Decretur von Kostenrechnungen. 3. Erlaß einer Feuerlöschordnung. 4. Gesuch des Wilhelm Gail um Ueberlassung eines Geländestreifens hinter dem Erbbegräbniß des Dr. Friedrich Mahla. 5. Gesuch des Alicevereins um Herstellung des Schulhauses aus dem Oswaldsberg für die Aliceschule. 6. Gesuch deS Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege um Ueberlassung eines Raumes in einem der demnächst frei werdenden Schulhäuser zur Errichtung einer Kochschule. — Neues Theater. Heber den sensationellen Schwank „Die Großstadtluft", welcher am Donnerstag den 4. Februar zum ersten Male am hiesigen Theater zur Aufführung kommt, liegt uns eine große Anzahl Berichte der besten Theater Deutschlands vor. So schreibt z. B. das „Berliner Tageblatt" : In dieser Saison, in der fast jeder Autor ausgelacht wird, muß die Thatsache doppelt unterstrichen vermerkt werden, daß sich auch das Publikum einmal höchstselbst nach Herzenslust und nicht enden wollender Fröhlichkeit ausgelacht hat. Und das haben wir gestern erlebt und wir danken es nächst dem Himmel den Herren Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg. — Der Theaterverein beabsichtigt, sein Programm noch mannigfaltiger zu gestalten wie bisher. Deshalb will er in dem nun beginnenden neuen Abonnement ein seines modernes Lustspiel, ein modernes Schauspiel und ein klassisches Stück bringen. Gern hätte er mit dem Lustspiel den Anfang gemacht, doch hat ein Zufall diese Absicht in letzter Stunde durchkreuzt. So ist nun das erste Stück ein modernes Schauspiel, die Tristi Amori des Giuseppe Giacosa. Der Verfasser des Stückes genießt in seiner Heimath Italien hohen Ruhmes. Auch in Deutschland steht bei Allen, die die neuere italienische Literatur kennen, sein Name in gutem Ansehn. Und der Kreis der Kenner und der Freunde italienischer Literatur ist in Deutschland seit geraumer Zeit in stetem Wachsen. Kein Wunder, denn unleugbar besteht eine tiefe Sympathie zwischen den gebildeten Kreisen des deutschen und des italienischen Volks,- deshalb hat denn auch die politische Einigung beider Völker hüben und drüben so allgemeinen Beifall gesunden; es wäre geradezu verwunderlich, wenn sich Deutsche und Italiener nicht auch in ihrem literarischen Geschmack treffen würden. Den Inhalt der Tristi Amori wollen wir nicht verrathen. Wir möchten sonst der Wirkung des Stückes und namentlich der Spannung, in welche es die Zuschauer versetzt, Eintrag thun. Nur eine Bemerkung sei uns verstattet. Der Uebersetzcr hat den Titel des Stücke- mit „Sündige Liebe" wiedergegeben. Diese Uebersetzung ist nicht zu billigen. Freilich, die Liebe, von der das Stück handelt, ist eine sündige, so sündig, wie die Liebe des Prinzen von Guastalla zu Emilia Galotti ober die Liebe des Don Carlos zu seiner Mutter. Aber der Dichter spielt nicht mit der Sünde, nach der frivolen Art der modernen französischen Dramatiker,- die Art, in welcher sein Stück von dieser Liebe handelt, ist frei von jeder Zweideutigkeit,- vielmehr spricht der Dichter dieser Liebe mit vollem sittlichen Ernst das Unheil. DaS Urtheil ist denn auch in dem von dem Dichter selbst gewählten Titel des Stückes enthaltender Titel redet von einer Liebe ohne Freud' und Glück, einer trüben und traurigen Liebe. Der Uebersetzcr hätte diesen Sinn der Ueberschrift nicht verdunkeln sollen. — Concert des boncertvereiu«. DaS dritte Concert deS Concertvereins am Sonntag, den 31. Januar, wurde ausgeführt von Fräulein Pia von Sicherer aus München (Gesang) und Herrn Dr. O. Neitzel aus Köln (Clavicr). Das Programm war ein sehr reichhaltiges und bot trotz seiner Länge, und trotzdem eS nur von zwei Künstlern ans- geführt wurde, des Interessanten genug. Namentlich hatte Frl. Sicherer für geschmackvolle Abwechselung gesorgt. In den von ihr dargebotenen SoliS waren 'die Altmeister Giovanni Battista Buononcini und I. S. Bach neben den neueren Schubert, Schumann, Jensen, BrahmS :c. vertreten. Die Anforderungen, welche ein derartiges Programm an die Vortragsweise stellt, sind naturgemäß recht bedeutende. Da muß nun zugestanden werden, daß die Dame aller Stimmungen Depeschen bc8 «Bureau Herold". Berlin, 1. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." führt aus, nach Verlaus der Samstags-Sitzung im Abgeordneten- I hause und einer Unterhaltung des Kaisers mit verschiedenen Politikern am Samstag Abend, woran auch Prinz Heinrich theilnahm, dürfte eine Verständigung bez. des Volks- schulgefetzes erwartet werden. Berlin, 1. Februar. Der Bundesrath genehmigte das vom Reichstage erweiterte Transitlager-Gesetz. Berlin, 1. Februar. Am Sonntag hielt die Polizei umfangreiche Haussuchungen in socialdemokratischen Kreisen ab. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen und anarchistische Schriften beschlagnahmt. Berlin, 2. Februar. Nach der „Nordd. Allg. Ztg." betrug die Gesammtlänge der vom 1. October 1890 bis 1. October 1891 gebauten preußischen Eisenbahnen 2459,5 Kilometer. Berlin, 2. Februar. Die „Voss. Ztg." meldet aus London, die russische Regierung beabsichtige die Wiedereinführung der Leibeigenschaft der Bauern. Breslau, 1. Februar. Bei Rothsuerben sand eine große Überschwemmung statt, die Höhe der Fluth ist dieselbe wie 1883. Auch aus vielen anderen Orten wird Hochwasser gemeldet. Königsberg, 1. Februar. Es wurde hier eine Brandstiftung im Schloßthurm versucht. Der Thäter ist noch unbekannt. Man vermuthet einen Zusammenhang mit dem Brandstistungsversuch an der alten Dirschauer Brücke. Bochum, 1. Februar. Die Anklageschrift in Der Stempel-As faire wurde heute den Angeklagten zugestellt. Angeklagt sind Meister und Beamte, dagegen Baare und seine Ingenieure nicht. Die Anklage umfaßt die Zeit von 1876 bis 1891. Saarbrücken, 1. Februar. Es wurde hier in einer Versammlung Der Schreiner mitgetheilt, der Deutsche Schreiner- Verband habe einen allgemeinen Streik in Aussicht genommen. Kaiserslautern, 1. Februar. Vier Eisenbahn-Werkstätten- Arbeiter, davon zwei katholisch, welche wegen Beschimpfung der katholischen Kirche (Verspottung des heiligen Rockeö in Trier durch Nachahmung einer Procession) angeklagt waren, wurden heute von der Strafkammer kostenlos sreigesprochen, weil die Verspottung in der Werkstätte geschehen sei und des- halb der Begriff der Oeffentlichkeit fehle. Rom, 2. Februar. In der Kammer erklärte der Bekanntmachung, den Ausbau der Liebigstraße resp. Enteignung von Gelände betreffend. Nachdem die Stadt Gießen zwecks Ausbau der Liebigstraße die Enteignung des nachverzeichneten Geländes: a) von Martin Langsdorf und Ehefrau, geb. Brunov zu Gießen, Flur XXVI, Nr. 27634/100, Acker am unteren Riegelpfad mit 202 qm. b) von Ernst Döring und Ehefrau Emilie, geb. Vom- Hof dahier, aus Flur XXVI, Nr. 269, 270 u. 271,3 Hosraithe das., rund 266 qm. e) von Georg Brömer und Ehefrau, geb. Schäfer dahier, Flur XXVI, Nr. 2661/10, Grabgarten daselbst mit 166 qm. d) von Karl Steinberger II. dahier aus Flur XXVI, Nr. 56, Acker im Gunthersgraben, rund 160 qm. e) von Aron Katz zu Frankfurt a. M., ebenda aus Flur XXVI, Nr. 58 und 60, rund 339 qm. beantragt hat, fo wird der Plan mit Anlagen nebst dem Anträge der Stadt Gießen von Freitag den 5. Februar bis Freitag den 19. Februar l. I. aus dem neuen Rathhaus zu Gießen zu Jedermanns Einsicht offengelegt und wird Tagfahrt vor der Localcommifsion auf Freitag deu 19. Februar 1892, Vorm. 9 Uhr, auf das neue Rath Haus zu Gießen zur Verhandlung , über den Plan und die zu leistende Entschädigung hierdurch anberaumt. — Die Eigenthümer des oben verzeichneten Geländes und etwaige Nebenberechtigte werden hierdurch aufgefordert : a. Einwendungen gegen den Plan bei Meidung des Ausschlusses und Annahme der Einwilligung in die beanspruchte Abtretung ober Beschränkung, b. Erklärung auf die angebotene Entschädigungssumme bei Meidung der Unterstellung der Annahme des Angebotes, c. Anträge auf Ausdehnung der Enteignung bei Meidung I des Ausschlusses mit solchen, d. Anträge auf Aufrechterhaltung bestehender Lasten (Art. 19) I bei Meidung des Ausschlusses mit solchen, e. Anträge aus Einrichtung und Unterhaltung von Anlagen im Sinne des Art. 14, f. etwaige noch unbekannte Ansprüche und Rechte an das zu enteignende Grundstück, im Termin vorzubringen. Wenn in dem Termin Einwendungen über den Zweck I und den Plan, sowie die damit in Verbindung stehenden I Anträge nicht vorgebracht werden sollten, dann wird in dem genannten Termine: Freitag den 19. Februar 1892, Borm. 9 Uhr, zugleich über die Höhe der Entschädigung und die mit ihr zusammenhängenden Fragen verhandelt werden. Gießen, den 30. Januar 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Der $it|r*rr Anzeiger erscheint täglich, M Ausnahme deS Montags. Die Gießener Jamitienötäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. KichmerAiizeiger Henerat-Mnzeiger. Telegramme und Schreiben, die ihm anläßlich seines Geburts- tages zugegangen sind. Berlin, 1. Februar. Zum Vorsitz enden der Volksschule ommission ist Gras Clairon b'Haussonville gewählt. Die Commission besteht aus neun Conservativen, zwei Freisinnigen, vier Freiconservativen, sechs Nationalliberalen, sechs Abgeordneten des Centrums und einem Polen. Berlin, 1. Februar. Die „Nordd. Allg. Ztg." schließt einen Artikel über das Inkrafttreten der neuen Handelsverträge mit folgenden Worten: „Die verbündeten Regierungen selbst erachten sich mit den bisherigen Erfolgen nicht am Ziele, im Gegentheil sind begründete Aussichten vorhanden, daß die wirtschaftliche Tendenz unserer Reichspolitlk noch im Laufe dieses Jahres fernere Vereinbarungen mit verschiedenen Ländern zeitigt, welche die fruchtbringenden Wirkungen der mit dem heutigen Tage eröffneten Bahn in noch viel weiterem Umfange zur Geltung bringen. London, 1. Februar. Lloyddepesche. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Eider", auf der Fahrt von Newyork nach Bremen, strandete gestern Abend bei dichtem Nebel auf dem Felsen Herfield Ledge. Ein Rettungsschiff begab sich an die Unfallstelle, um die nothwendige Hilfe zu bringen. Voraussichtlich wird die „Eider" bei der Hochfluth mit Hilfe eines Remorqueurs wieder flott. London, 1. Februar. Sämmtliche Passagiere der „Eider" sind gerettet. Drei Rettungsboote waren nach Aufsteckung be8 Noth^qnals nach dem gestrandeten Dampfer abgefahren. Es gelang, auf mehreren Fahrten sämmtliche Passagiere ans Land zu bringen. Die Geretteten wurden in naheliegenden Dörfern untergebracht. Dolsss telegraphischkS Lorrespondenz-Burrou j Berlin, 1. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffent- I licht einen Dankerlaß des Kaisers für die zahlreichen I bezweckend die Beförderung der geistigen und moralischen Bildung der Arbeiter. Petersburg, 1. Februar. Der Reichsrath verhandelt heute über die Gründung einer neuen medicinischen Hochschule in Petersburg. Meisterin war; von dem tiefsten Ernst bis zum fröhlichsten Scherz wurden alle Phasen der Empfindung von ihr mustergültig wiedergegeben. Welch' ein Abstand schon nach CompositionSart und Inhalt zwischen dem „per la gloria“ des Buononcim und dem „Bist du bei mir" von I. S. Bach! Und die vorgetragenen Lieder und Gesänge der neuen Meister boten gewiß nicht minder Mannigfaltigkeit in ihrem Stimmungsgehalt. — Auch im rein Technischen konnte sich die Dame mit dieser reichhaltigen Auswahl von Liedern nach allen Seiten hin zeigen und auch hier war sie Meisterin. Ihrem Ton, Intonation und Stimmbildung kann das Rühmenswertheste nachgesagt werden, doch muß man zugeben, daß die Hohe leistungsfähiger und ansprechender ist, als die Tiefe und theilweise die Mittellage. Im seinsinnigen Gebrauch des Kopsregistcrs kann die Dame geradezu als Muster hingestellt werden, und daß sie auch nach Seite des bei canto hin so Treffliches leistete, muß rühmend hervorgehoben werden, zumal wenn man bedenkt, wie es mit dem bei canto in der Neuzeit steht. Bei allem Lobe, was der trefflichen Sängerin ausgesprochen werden muß, soll eine Kleinigkeit doch nicht unausgesprochen bleiben. Dies betrifft das Lied „Unter den Linden". Wie wenig sinngemäß illustrirt die Geißler'sche Composition dies Lied Walthers von der Vogelweide, das voll graziöser Naivetät und duftigen Humors ist. Die neuhochdeutsche Nachdichtung war eine durchaus incorrecte, ja fehlerhafte. Fräulein v. Sicherer sang aber gar nicht den Text, welchen das Programm enthielt, sondern theilweise einen anderen. Wenn nun die moderne Prüderie das Abdrucken des richtigen Textes nicht zuzulassen scheint, so ist es wohl eigentlich besser, wenn man ganz von der Sache läßt. — Auch der Pianist Herr Dr. 'Otto Neitzel aus Cöln 6ot treffliche Leistungen, sowohl im Technischen wie im Musikalischen. Die Krone seiner Leistungen war unbedingt der „Carneval" von Schumann. Die Wiedergabe dieser Composition war eine echt stilvolle und athmete voll und ganz Schumann'schen Geist. (Herr N. spielte übrigens eine Nummer mehr von diesem Werke als aus dem Programm stand). Die Art und Weise, wie Herr Neitzel Beethovens Apasaionata spielte, war eine intereffante, aber im ersten und auch im zweiten Theil eine etwas ungewöhnliche; im ersten namentlich im Hinblick aus Agogik und Dynamik. Der zweite Satz hätte vielleicht in etwas weniger dicken Farben wiedergegeben werden können; der dritte Satz dürste sich dann etwas mehr characteristisch, namentlich schon in seinen ersten leidenschaftlichen Accorden vom zweiten abgehoben haben. So wie Herr N. den dritten Satz der Sonare spielte, konnte man es Note für Note unterschreiben; ein Muster von Klarheit war namentlich der äußerst schwungvoll gespielte Schluß. Auch im Impromptu as-dur, dem g-dur Nocturne von Chopin und der bekannten Valse-Caprice von Rubinstein zeigte sich Herr N. als trefflicher Musiker. Daß aber ein so feinsinniger Aesthetiker wie Herr Dr. Neitzel (er ist der Bersaffer des kürzlich erschienenen sehr tüchtigen Führers durch die Oper) eine so fade nichtssagende Composition wie die Liszt'sche Don Juan-Fantasie heute noch dem Publikum austischen mochte, ist eigentlich unbegreiflich. Das technische Können mögen die Herren Pianisten an gehaltvolleren Sachen, und bie Neuzeit ist nicht arm an solchen, zeigen, als an solchen Absurditäten. Die Wagner-Liszt'sche Richtung mit ihrer Negirung der absoluten Musik hätte wohl eigentlich Ursache, derartiges Zeug von ihren Rockschößen abzuschütteln, bevor sie sich an andere Leute macht. — Ein ganz hervorragendes Verdienst erwarb sich Herr Dr. N. durch seine seinsinnige Begleitung der Lieder. — Die aus Einladung der Großh. Handelskammer aus gestern Abend zum Zweck einer Besprechung über die Er. richtung von Lagerhäusern am Güterbahnhos einberufene Versammlung war'zwar weniger zahlreich, aber immerhin doch so besucht, daß der größte Theil der hauptsächlich in Betracht kommendell Firmen vertreten war. Nachdem Herr Handels- kammerMisident Koch die Erschienenen begrüßt und dieselben aus den, Zweck der Versammlung ausmerksam gemacht hatte, erstattet'Herr Rechtsanwalt Dr. Jung, als Secretär der Handelskammer, eingehend Bericht über die Angelegenheit. Aus diesem Bericht ging hervor, daß sowohl der früher bestehende Handelsverein, als auch die später an seine Stelle getretene Großh. Handelskammer sich nicht nur mit der Frage wegen Verbesserung der für Gießen höchst ungünstigen Babnhoss- verbältnisse, sondern auch mit der Errichtung von Lagerhäusern beschäftigt haben. Das Bedürsniß nach Lagerhäusern werde mit der seit zwanzig Jahren erfreulicher Weise eingetretenen Vermehrung des Handelsverkehrs in unserer Stadt ein immer unabweisbareres. Die weite Entfernung des Güterbahnhoss von der den Handel hauptsächlich bergenden, tief gelegenen Innenstadt verursache denjenigen Firmen, welche ihre Waaren wieder ausführten, so große Spesen, daß der durch die Anlage von Lagerhäusern entstehende Kapitalaufwand bezw. die behufs Verzinsung desselben in Anrechnung zu bringende Lagermiethe dagegen gering erschienen. Der aus der Anlage von Lagerhäusern springende Nutzen komme aber nicht nur dem Großhandel, sondern auch dem Kleinhandel, welchem durch das Vorhandensein von Lagerräumen die Ausnützung günstiger ^onjuncturen ermöglicht werde, und nicht in letzter Linie der Stadt selbst zu Gute. Was den Zeitpunkt betreffe, zu welchem aus die Errichtung von Lagerhäusern hingewirkt werden müsse, so sei derselbe augenblicklich, wo mit dem Umbau des Güterbahnhoss begonnen werden solle, am günstigsten, nachdem die aus Verlegung der ganzen Bahnhossanlage nach einem günstigeren Punkte (vielleicht nach dem Rodberg) gerichteten Bestrebungen als vollständig aussichtslos betrachtet werden müßten. Die Frage, wer die Lagerhäuser errichten solle, könne man wohl dahin beantworten, daß dies Ausgabe der Stadt sei; die Babn- verwaltung habe es unter Hinweis daraus, daß sie sich bisher nirgends damit besaßt, abgelehnt, und die Errichtung durch Private werde insofern fraglich, als diesen nicht die Mittel zum Geländeerwerb (Enteignungsrecht) zu Gebot stünden. Finanziell biete die Errichtung von Lagerhäusern gar keine Schwierigkeiten, und wenn schon vor Jahren von den Interessenten ein jährlicher Micthertrag von 6000 Mk. garantirt wurde, so belaufe sich derselbe heute schon, wie aus einer vorliegenden Liste ersichtlich, aus 10000 Mk., was bei Berechnung von Zins und Amortisation einem Kapital von 200 000 Mk. entspreche. — Herr Baumeister Backofen erläuterte an der Hand eines im Maßstab von 1:250 hergestellten Planes der Bahnanlage und der Umgebung das von der Groß. Handelskammer bei der Eisenbahn Verwaltung zu besürwortende Project. Danach wären die Lagerhäuser jenseits der die Uebersahrt von der Frankfurter Straße über die Schienengeleise vermittelnden Ueberbrückung zu errichten. Zunächst würden drei Einboden- Lagerhäuser von je 100 Mtr. Länge und 12Mtr. Tiefe mit einem ausnutzungssähigen Gesammtlagerraum von 2100 lUMtr. zu errichten sein; für weitere vier Lagerhäuser, zwei große und zwei kleine (letztere von 60:12 Mtr.), sowie für offene Lagerplätze ist noch Geläude vorhanden. Die Schienenverbindung zwischen den Lagerhäusern unter sich wie mit den Bahnhossanlagen kann leicht hergestellt werden und ist Aussicht vorhanden, daß die Bahnverwaltung diese herstellt, Ab- und Zufuhren sind, soweit dieselben noch nicht geplant, leicht herzustellen. — In der sich hieran schließenden, recht eingehenden Besprechung wurde die Notwendigkeit der Errichtung von Lagerhäusern allenthalben anerkannt, auch noch eine Anzahl Unterschriften von auf Lagerraum reflectirenden Firmen gegeben. Es betheiligten sich an der Besprechung die Herren Koch, Stadtverordneter Löber, A. Katz, Hornberger, Gail, Stadtverordneter Schmall, Provinzial-Director Frhr. v. Gagern, Oberbürgermeister Gnauth, Commerzienrath Silbereisen, Backofen u. s. w. Herr Provinzial-Director Frhr. v. Gagern empfahl, daß, falls die Stadt Gießen die Erbauung der Lagerhäuser infolge z. Z. mehrfach an sie herantretender Anforderungen nicht allein auf sich nehmen könne, die Interessenten nach Erwerbung des Geländes durch die Stadt den Bau aus- sühren könnten. Es wurde, nachdem aus Vorschlag des Herrn Provinzial-Directors von der Einsetzung einer besonderen Commission abgesehen worden war, beschlossen, die Sache in die Hände der Großh.Handelskammer und der Stadt- verordnetenversammlung zu legen, welche beide Körperschaften die Herren Emmelius, Markus (Firma Goldenberg & Markus) und Heimer (Firma Fr. Heimer & Co.) als sachverständige Beiräthe zuziehen können. — Am vergangenen Sonntag wurde Herr Pfarrverwalter Bayer als Pfarrer der katholischen Gemeinde zu Gießen feierlich installirt. Decanatsverwalter Hilsdors aus Herbstein führte denselben im Auftrage des Bischofs in sein neues Amt ein. An die herrliche kirchliche Feier schloß sich Abends eine Festversammlung aus Lonys Bierkeller zu Ehren des neuen Pfarrers an, welche, wie frühere Veranstaltungen dieser Art, den Beweis lieferte, daß die Gemeinde es versieht, ihren Pfarrer in schöner und würdiger Weise zu ehren. — Möge es dem hochwürdigen Herrn, der die Herzen seiner Psarrkinder rasch gewonnen hat, beschieden sein, segensreich zu wirken ad multos annoa! — Der Fischereiverein für das Grotzherzogthum tzesien hat soeben an die zweite Kammer der Stände eine Eingabe gerichtet, in welcher derselbe die Kammer ersucht, geeignete Maßregeln zu treffen, um die berechtigten Interessen der Fischerei in Sachen der Verunreinigung der Flüsse zu schützen. Der Eingabe entnehmen wir folgende Ausführungen: „Die Verunreinigung der Fischwaffer durch die Fabrikabläuse ist im Lause der Jahre eine so große geworden, daß die Gesammt-Fischerei im Großherzogthum Hessen trotz aller Bestrebungen zur Hebung derselben durch Aussetzen von Brut 2C. in Rückgang gekommen ist und daß derselben völliger Untergang droht, wenn nicht staatliche Abhülfe eintritt. Namentlich gilt dies auch bezüglich der Mainfischerei. Das Wasser des Untermains ist durch die chemischen Fabriken von Bürgel, Offenbach, Fechenheim, Griesheim, Höchst und die Gassabrik von Frankfurt a. M. derartig verunreinigt, daß kaum irgend ein Lebewesen darin mehr existiren kann. Es sollen zwar an die betreffenden Fabriken Verbote ergangen sein, ihre giftigen Abwässer dem Main zuzuleiten, doch werden diese nicht gehörig beobachtet und die Fabriken sollen hauptsächlich während der Nachtzeit verbotswidrig ihre Abwässer lausen lassen. Abhülfe wäre hier wohl nur zu schaffen durch Abschluß eines besonderen Staatsvertrags zwischen den betheiligten Staaten, Königreich Preußen und Großherzogthum Hessen, durch welche eine genauere Ueberwachung der betreffenden Fabriken einzurichten wäre." — Folgende sehr berechtigte Mahnung macht eben die Runde durch die Blätter: „Ein bekanntes, aus Erfahrung begründetes Sprichwort sagt, daß aus jeder Hochzeit eine neue Hochzeit angebahnt werde. Ein trauriges Gegenstück zu dieser erfreulichen Erscheinung bildet die Thatsache, daß leider nicht selten ein Begräbniß den Grund zu weiteren schweren Erkrankungen mit tödtlichem Ausgange legt. Einer der neuesten Belege für diese betrübende Erfahrung ist der Todesfall, von welchem das englische Königshaus betroffen worden. Auch der Tod des Erzherzogs Heinrich war aus eine ähnliche Ursache zurückzuführen. Auch der Herzog von Clarence zog sich eine schwere Erkältung beim Begräbniß des Prinzen Victor von Hohenlohe zu, deren Vernachlässigung die tödtliche Krankheit zur Folge hatte. Begräbnisse im Winter sind eine Gefahr für die Leidtragenden, welche leider nur zu wenig gewürdigt wird! Aus der warmen Stube geht er hinaus in die eisige Kälte zum Grabe, wo man mit entblößtem Haupte dem Wind und Wetter trotzen muß. Nur Wenige können sich dies ungestraft zumuthen; für schwächliche Naturen ist es aber geradezu lebensgefährlich." A Steinbach bei Gießen, 31. Januar. (Verspätet.) Wie alljährlich, so feierte auch in diesem Jahre der hiesige Kriegerverein den Geburtstag Sr. Majestät unseres deutschen Kaisers Wilhelm II. Am Abend versammelten sich die Mitglieder in den festlich geschmückten Räumen des Kameraden Heinrich Horn. Der Vorsitzende, Georg Schäfer, eröffnete die Feier mit einer Ansprache, die mit einem Hoch auf Se. Majestät den deutschen Kaiser endigte. Hieraus wurde das Bundeslied gesungen. Das Ehrenmitglied- des Kriegervereins, Herr Bürgermeister Krämer, ermahnte hieraus die Anwesenden zu festem Zusammenhalten in dem Verein und brachte gleichfalls ein Hoch auf den Kaiser aus. Das Vorstandsmitglied Herr Pitz hatte es sich nicht nehmen lassen, sür gute Musik zu sorgen, die mit dem Gesang patriotischer Lieder abwechselte. Hcrvorzuheben ist noch die Ansprache des Vereinssührers Schäfer; sein Hoch galt dem deutschen Vaterland. Sichtlich erfreut waren die alten Soldaten, daß es ihnen vergönnt war, wieder einmal den Geburtstag ihres höchsten Kriegsherrn zu feiern. Friedberg, 1. Februar. In der S u p p e n a n st a l t wurden vom 4. bis 31. Januar an Suppe verabreicht: Unentgeltlich 2195V- Liter, gegen Zahlung 146 Liter, im Ganzen 2341V- Liter, im Durchschnitt täglich 83V-Liter. An Brod kamen 56 Laib zur Vertheilung. Einschließlich der Heber* Zahlungen und Zuschüsse betrug die Einnahme in der Anstalt 18.03 Mk. Bad Nauheim, 31. Januar. Von der Großh. Central- telle sür die Gewerbe ist der staatliche Beitrag für die hiesige Handwerkerschule von 150 Mark aus 250 Mark erhöht, und so die Schule ihrem weiteren Ziele, der Einrichtung eines Abendunterrichts für Handwerker, näher gerückt worden. Alsfeld, 1. Februar. Der „Schwalmthal-Sängerbund" hält sein diesjähriges Sängersest dahier ab. Als gemein- ame Chöre sind „Maiennacht" und „Sängers Gruß" von C. A. Kern, gewählt worden. Darmstadt, 1. Februar. Durch Entschließung des Großh.. Ministeriums des Innern und der Justiz wurde der Großh. Landgerichtsrath Cellarius in Darmstadt beauftragt, für die Dauer der Verhinderung des Großh. Ministerialraths Dr. Dittmar bei den Staatsprüfungen im Justiz- und Ver- waltungssach die Prüfung im bürgerlichen Recht (einschließlich der freiwilligen Gerichtsbarkeit) der rechtsrheinifchen Provinzen vorzunehmen. Groß Steinheim, 26. Januar. Die land- und sorstwirth- chastliche Berussgenossenschast bewilligte kürzlich einem 13jährigen Schulknaben aus Hainstadt eine Jahresrente von 70 Mark. Der Knabe benützte im Vorsommer feine chulfreie Zeit dazu, sich bei einem Hainstädter Landwirthe das Essen zu verdienen. Bei der Arbeit verletzte er sich mit einer Heugabel ein Auge, so daß dieses die Sehkraft verlor. Babenhausen, 29. Januar. Das Schloßkasernement mit Reitbahn wurde heute Morgen aus der Intendantur des 11. Armeecorps in Kassel öffentlich versteigert. Meistbietend blieb die Firma Keller, Samenhandlung in Darmstadt, mit 41500 Mk. Veranschlagt ist das Gesammtobject für 51000 Mk. Die Genehmigung wurde indessen noch nicht ertheilt. vermischtes. * Osnabrück, 31. Januar. Achthundert blanke Th al er sand man in der Bettstelle einer hier gestorbenen 84jährigen Frau, die sich seit langen Jahren durch Betteln und Unterstützungen aus der Armenkasse ernährt hatte. * Helgoland, 31. Januar. Eine Schöffengerichts- sitzung, m der zum ersten Male Helgoländer Einwohner als Schöffen mitwirkten, fand vor einigen Tagen hier statt. Der Angeklagte wurde wegen Widerstandsleistung, Sachbeschädigung und Ruhestörung zu 5 Wochen Gesängniß und einer Woche Haft verurtheilt. * Große Nervenschwäche. Arzt: „Ihre Frau Gemahlin scheint eben doch zu schwache Nerven zu haben." — Ehemann : „Ach, so schwache, daß ich immer eine neue Robe bereit haben muß, um sie bei Anfällen vor Ohnmacht zu schützen!" Der Verein der Bücherfreunde. Der eigentliche Grund der Schrlststeller-Misere ist bereits ein öffentliches Geheimniß geworden. Es ist nicht die Interesselosigkeit deS Publikums an der schönen Literatur, — denn dagegen spricht daS große Aufsehen, welches viele Erzeugnisse beute hervorzurufen im Stande sind, dagegen sprechen die vielen florirenden Theater und Journale. Nein, der wahre Grund bestehl in der Kauffaulheit in Deutschland und dem Ueberwtegen der Leihbibliotheken, einer fast in der ganzen übrigen cultivtrten Welt unerhörten Erscheinung. Man kommt sich geradezu als Verschwender vor, wenn man für Bücher Geld ausgibt, äußerte sich einmal ein Baron, Gras oder Commerzienrath in einer kleinen Skizze von Alfred Meißner. Bei diesen Zeiten kann man sich vor unnützen Ausgaben nicht genug hüten — Kellner noch eine Flasche CHLteau Larose zu 6 Mark. Dieser Fall ist geradezu typisch. Wenn der Deutsche zu Allem Geld hat, für Bücher hat er ketnS. Trotzdem mangelt eS ihm nicht an der Lust zu lesen. Im Gegentheil, es herrscht in vielen Kreisen eine förmliche Lesewuth. Um diese zu befriedigen, sind die Journale und Leihbibliotheken da. Würde eS die Erfahrung nicht täglich J.den lehren, nie würde man es glauben: Vornehme Damen, die nicht zu bewegen wären, ein Paar Handschuhe ein zweites Mal anzuziehen oder eine Schleife noch einmal vorzustecken, nehmen keinen Anstoß daran, die abgerissensten, schmierigsten Bücher der Leihbibliotheken in ihre zarten Hände zu nehmen und zu lesen. Man muß hier mit einer eingewurzelten Gewohnheit rechnen. Die billigsten Bücher, die kaum ein paar Groschen kosten, Broschüren im Werthe von wenigen Pfennigen gehen von Hand zu Hand, als waren es unbezahlbare Kostbarkeiten. Es scheint ein nicht auszu- rottender Aberglaube von den nicht zu erschwingenden Bücherpretsen bet uns in Deutschland zu bestehen; man sagt sich nicht, daß, wenn die Lectüre nicht ununterbrochen im Sturmschritt fortgesetzt wird, der Preis für daS Leihbibliothek-Abonnement fast ebenso theuer kommt, alS wenn man sich die Bücher selber anfchafft. Diesem Uebelstande, dem Ueberwuchern der Leihbibliotheken, kann nur durch möglichst billige BücherauSoabm allmälig abgeholfen werden. Der französifche und englische Roman hatte seine großen Erfolge in erster Reibe allerdings durch das größere Absatzgebiet, die weitere Macktsphäre seiner Sprache, aber nicht zuletzt auch durch die billigen Preise, die das Aufkommen von Leihbibliotheken von vornherein verhinderten. Aber selbst in kleineren Staaten, wie Dänemark, Schweden, Norwegen, können nicht so sehr berühmte Schriftsteller mit Leichtigkeit gut von ihren Einnahmen auskommcn. In Deutschland dagegen kann es geschehen, daß selbst berühmte und allseitig beliebte Autoren einen kläglichen Kampf ums Dasein führen und ihn frühzeitig verloren geben müssen.