Nr. 27 Dirnstag den 2. Februar 1392 Aints- und rlnzeigeblatt für den Ureis Giefzen. Hratisbeitage: Hießmer Jamitienötütter Anrtlichev Theil Deutseher Reiehrtag. man bin Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux de» I». und Auslande» nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Vierteljähriger AVonnementsprei»: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schntstratze Ar.7. Fernsprecher 51. Darmstadt. 30. Januar. Wegen des Ablebens Seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Constantin Nikolajewitsch von Rußland und Ihrer Königlichen Hoheit Er biß sich auf die Lippen und seufzte leise. „Das weist ich." „O, Sie selbst haben eine Mutter, die Sie lieben: ich dcsien gewiß." „Sie wurde heule begraben," sagte er kurz. „Und nun komme ich alte Schwätzerin her und stärc Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer von acht Tagen, welche mit der bereits bestehenden getragen wird, angeordnet worden. Berlin, 30. Januar. Die „Politischen Nachrichten" sagen im Anschluß an die heutige Debatte im Abgeordnetenhause: Bei eintretendcr Neigung zu einer Verständigung dürfe man sich der Hoffnung hingeben, daß der Wunsch des Kaisers, welcher dahin gehe, daß ein Volksschulgesetz am besten unter Mitwirkung aller Parteien und mit möglichst viel Stimmen zur Annahme gelangen sollte, in Erfüllung gehen wird. Berlin, 30. Januar. Eine Extraausgabe des „Reichsanzeigers" publicirt das Gesetz, betreffend die Anwendung der vertragsmäßigen Zollsätze auf Getreide, Holz und Wein, ferner das Gesetz, betreffend Anwendung der für Einfuhr nach Deutschland vertragsmäßig bestehenden Zollbefreiungen, Zollermäßigungcn gegenüber den nicht meistbegünstigten Staaten, endlich die Bekanntmachung, betreffend die Anwendung der verträgsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zollermäßigungen auf spanische Boden- und Jndustric- crzeugnisse. Berlin, 30. Januar. Der nationalliberale Landtagsabgeordnete Professor M i t h o f-Gilttingen ist heute Vormittag hier gestorben. An-land. Wien, 30. Januar. Anläßlich des Sterbetages des Kronprinzen Rudolf ließ der deusche Kaiser durch ein Mitglied der deutschen Botschaft einen Kranz am Sarge niederlegen mit der Inschrift: „Dem treuen Freunde. Kaiser Wilhelm." Wien, 30. Januar. Die Ministerialverordnung gestattet die Wiederausfuhr galizischen Borstenviehes über die Auslandsgrenze. Pest, 30. Januar. Von bisherigen 375 Wahlen waren bis Vormittag 366 Resultate bekannt geworden. Gewählt sind: 212 Liberale, 73 Unabhängige, 61 Nationale, 13 Unionisten, 3 Parteilose- drei Stichwahlen sind erforderlich- ein Wahlact wurde unterbrochen. Die Liberalen verloren 42 und gewannen 27 Bezirke. Heute finden zwölf Wahlen statt. Brüssel, 30. Januar. Baron Decominck bringt im Senat ein Gesetz, betreffend die Aushebung der Spielsäle in Ostende, Spaa und Namur ein. Sie sprang entsetzt empor, als habe eine der vergoldeten Schlangen an der Stuhllehne sie in den Nacken gestochen. „Vergeben Sie mir — seien Sie nicht böse, daß ich Sie so lange aufgehalten habe- es ist die Schuld der Jungfer Jespersen, die mich so zum besten hielt." „Wer ist Fräulein Jespersen?" „Wir bewohnen zusammen ein Zimmerchen im Spital und sie sagte, daß man ein hübsches Gedicht bekommen könne sür drei Kronen, und wollte man fünf dran wenden, so bekäme man ein extra hübsches von mindestens vier Versen. Aber ich dachte schon gleich, als ich hier hereinkam, daß ich solch einem stattlichen Herrn unmöglich fünf Kronen bieten dürfe." Ihr Siebes, gerunzeltes Gesicht drückte so viel Traurigkeit und Scham aus, daß Lorenz sich gerührt fühlte. „Ich las in der Zeitung so hübsche Verse von Ihnen, die Sie zu des Königs Geburtstag geschrieben hatten. Deß- halb ging ich her. Ich hätte bedenken sollen, daß ein großer Unterschied ist zwischen dem König und Jörgen Hutmacher." Sie nahm das Päckchen, das bis jetzt' aus dem Tische gelegen hatte, wieder in ihre magere Hand und schickte sich zum Gehen an. „Für wen ist das Gedicht bestimmt?" fragte er. „Für meinen Sohn. Ein Sohn ist das Liebste, was eine Mutter auf Erden besitzen kann." Deutsches Reich. Darmstadt, 30. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Heinrich kehrten mit dem bekannten Gefolge heute früh 772 Uhr von Berlin hierher zurück und empfingen im Laufe des Vormittags den Staatsminister Finger, den Finanz- minifter Weber und den Cabinetssecretär Röm Held rum Vortrag. v 9 Gießen, den 1. Februar 1892. Betr.: Das Ersatzgeschäft für 1892. Der Civil-Vorsitzende der Großherzogl. Ersatz-Commission Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Sie wollen nunmehr mit Aufstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1890 und 1891 bis längstens den 10. l. Mts. bei Meidunq der Abholung durch Wartboten einsenden. Hierbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter Rubrik „Bemerkungen" eintragen. Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Musterung mit zur Vorstellung kommen, oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken. Z. B. Ein Bruder, geb. am . . ten . . . . 187 ., kommt pro 1892 mit zur Vorstellung, oder ein Bruder dient seit . . ten 189 . im Regiment Nr.......te Compagnie. Außerdem wollen Sie am Schluffe der Stammrolle ausdrücklich bescheinigen: 1) daß und bezw. wann die Aufforderung zur Anmeldung zur Stammrolle erfolgt ist; 2) daß die in derselben eingetragenen und nicht im Orte geborenen Militärpflichtigen in Ihrer Gemeinde zur Zeit der Anmeldung ihren dauernden Aufenthalt haben; 3) daß die in ihren Gemeinden zuständigen, sich daselbst jedoch nicht aufhaltenden Militärpflichtigen angewiesen worden sind, sich bei der Bürgermeisterei ihres Aufenthaltsortes zur Stammrolle anzumelden. Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1892 ( erneuert werden sollen, sind alsbald mittelst Bericht ein- i zufordern. Neue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen. Jost, Regierungsrath. „Es sind Erbstücke," sagte er etwas unwirsch. //Ja, sie sind alt, das sehe ich." Lorenz spielte ungeduldig mit seiner Klemmerschnur. „Entschuldigen Sie, Sie sagten, daß Sie mich noth- wendig sprechen müßten. Das ist doch gewiß nicht wegen meiner Stühle- sie sind nicht seil." „Nehmen Sie mir es nicht übel, mein Herr- ich war so verblüfft, als ich hereinkam. Es ist hier so hübsch und Sie selbst sind ein so stattlicher Herr. Ich meinte, ein Dichter sitze immer in einem kleinen Zimmerchen voll Tabaksrauch und mache seine Verse in einem alten Schlafrocke mit einem Glase Bier vor sich. Er lächelte schwach. „Das war ehemals. Gegenwärtig verdienen die Dichter «Geld genug." Dcr Hießerrcr Zrrzeiger erfd^int täglich, mit Ausnahme de» Montags. Die Gießener Aamitien vkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. //Ja, wenn sie nur Bestellungen kriegen. So geht es jedem in seinem Beruf." „Und wenn sie machen, was ihnen „bestellt" wird." //Ja, bas gehört dazu. Es gibt viele darunter, die zu faul sind. Ich habe einen gekannt in meiner Jugend. Er schrak) so schöne Sachen für das „Groschen Magazin", das einmal in der Woche erschien. Aber sobald er einen Groschen verdient hatte, trank er wie ein Schwein. Ja, das ist nun nicht gerade richtig ausgedrückt, denn Schweine trinken nicht so viel, sie essen mehr." Die Klemmerschnur kam wieder in Bewegung. Es war ihr, als habe sie etwas für ihn Beleidigendes geäußert und sie fügte wie besänftigend hinzu: „O, es werden unter den Dichtern natürlich auch viel gute sein. Das sieht man an Ihnen. Sie sind doch Dichter?" „Ich habe wenigstens viel geschrieben." „Verse?" „Auch die." „Solche Geburtstagsverse, Hochzeitsliedchen und der» gleichen?" „Man wird oft gezwungen, auch solche Dinge zu machen. Es ist also ein Vers, den Sie gemacht haben wollen?" "Ja/ eigentlich — eigentlich mehr ein Gedicht, ein Gedicht zu einer silbernen Hochzeit. Aber es darf nicht zu theuer sein. Ich habe nnr wenig Geld. Ach, sagen Sie mir, was kriegen Sie gewöhnlich für solch ein Lied? — Vergeben Sie mir, daß ich so frei bin, Sie das zu fragen." „Gewöhnlich nehme ich fünfzig Kronen, es sei denn, daß ich —" Feuilleton. Der Lohn des Dichters. Von Lars Dilling. Aus dem Norwegischen von Gg. Gärtner. (Fortsetzung.) Er setzte sich ihr gegenüber. „Sie wohnen hier hübsch." „Es geht an." „Solch prächtige rothe Stühle." „Ja, die sind nicht übel." „Die sind gewiß nicht billig?" „Nicht so sehr billig." „Man muß gewiß viele Gedichte schreiben, ehe solche Möbel kaufen kann." Gichmer Anzeiger Aenerat-Mnzeiger. 161. Plenarsitzung. Samstag den 30. Januar, 2 Uhr. Auf der Tagesordmmq stehl zunächst die zweite Lesung des zwerten Nachtragsetats für 1891/92. B Beim Mtlitäretat werden 8 764 923 Mk. für Naturalver- vv____________ - p^gung infolge, eingetretener Preissteigerung nachgefordert und der verwittweten Herzogin Louise in Bayern ist aus bewilligt^ 'ÖC0runbunß durch den Referenten Abg. v. Keudell I » Bewilligt werden ferner 1369 413 Mk. zur Beschaffung uon Feldbahnmatertal rc. b I BeimMartneetatwerden 1395000Mk. zur Befestigung von Helgoland als erste Rate verlangt. Der Referent Abg. Hahn empfiehlt NamenS der Commission Bewilligung. Abg. Richter: Die Befestigung Helgolands liege im Interesse der Marine, man werde sich nicht wundern dürfen, wenn nunmehr auf ein langsameres Tempo beim Schiffsbau werde gedrungen werden. Abg. Singer erklärt, daß wenn socialdemokratischerseits in der Commission kein Widerspruch gegen die Forderung eingelegt worden set, daraus auf eine Zustimmung noch nicht zu schließen sei. Aba. Graf Arnim (Rp.) erwidert Richter, daß durch den Besitz Helgolands kein Panzerschiff überflüssig werde. Staatssecretär v. Hollmann: Helgoland habe einen großen indirekten Werth, aber mache keine Schiffe entbehrlich, denn die Flotte ha^e auch^Aufgaben in fremden Meeren, wohin die Kanonen Helgolands Abg Bebel (Soc.): Wenn eS nach ihm gegangen wäre, hätte England Helgoland behalten und ganz Oftafrita zugenommen. Helgoland nütze uns nichts und werde immense Kosten verursachen. , , Stege (conf.) tritt dieser Auffassung entgegen. Helgoland sei für uns ein wichtiger Vorposten und der Besitz Helgolands seitens Fremder wäre für uns eine Gefahr. Die Forderung für Helgoland wird bewilligt. Damit ist der Nachtragsetat in zweiter Lesung angenommen. Die Forderung für Helgoland wird aus der Anleihe gedeckt; das deshalb erforderliche Anleihegefetz wird gleichfalls genehmigt. Es folgt zweite Berathuna der allgemeinen Rechnung über den Reichshaushalt für 1884/85. ES handelt sich dabei um die alte Streitfrage, ob eine Anzahl Niederschlagungsordres (Gnadenerlasse) Kaiser Wilhelms I. der Gegenzeichnung des Reichskanzlers bedürfen oder nicht. Regierungsseitig werden diese Ordres als Regierungsacte des Königs von Preußen angesehen, zu deren Gültigkeit die Gegenzeichnung des preußischen Kriegsministers auSreichte. Die Rechnungscommission (Res. Abg. Letocha) beantragt, die vom preußischen Kriegsminister gegen gezeichneten Erlaffe als gütttge Rechnungsjustificatorien anzuerkennen. Abg. Dr. Meyer (bfr.) beantragt dagegen, die früheren Vorbehalte zu erneuern. Abg. Gröber ((Str.) befürwortet benCommisfionsantrag unter Hwweis darauf, daß die Angelegenheit in die Amtsperiode deS früheren Reichskanzlers fiel. 21 bg. Dr Pi-!chkl (Nlltl.) l-at dar, daß mindestens in fünf Fallen es sich Ihatsachlich um Anordnungen des Kaisers und nicht um solche des Königs von Preußen handelte und beantragt Zurückverweisung an die Commission. Nöthig fei ein Comptabilitätsgesetz. Abg vr. Meyer schließt sich diesem Anträge an. Beschließe man nach dem Anträge der Commission, so entgehe die Sache dem Reichstage ein für alle mal; er werde bann nie roieber Gelegenheit baden, fein Recht hinsichtlich solcher justificirter Orbres wahren zu können. Jetzt hanble es sich um eine Bagatelle; es könne sich aber spater auch um weit Wichtigeres banbeln. Staatssecretär Bosse: Weiter als bie Regierung entgegen; gekommen sei, inbem sie bie juftiftdrten Rechnungen vorlegte, könne re nicht entgegenkommen. Ein Comptabilitätsgesetz für bas Reich nicht früher vorgelegt werben, als ein solches für Preußen zum Abschluß gekommen. 0 Abg. vr Bachem (Ctr.): Es hanble sich hier nicht um Fest- etzung ber Rechte bes Reichstags, bas würbe bei Berathung eines ^omptadilitätsgesetzes ber Fall sein. Durch einen einseitigen Beschluß des Hauses würben auch bie Rechte beffelben noch nicht abgegremt un cborff;23ebra (cons.) befürwortet ben Com- misstonSbeschluß. Es hanble sich hier nur um eine formale Frage. Aba. Rickert (bfr.) beantragt Vertagung. Bet der Beschlußfassung hierüberstellt sich Beschlußunfähtg- keit des Hauses heraus (Präsenz: 108 Mitglieder). Nächste Sitzung Mittwoch. TageS-Ordnung: Handelspolitisches Abkommen mit Spanten, Anträge aus dem Hause. Die bemerkenswerthestcn Aemter sind ferner der Prior, der Kellermeister, der Bursarius, der Novizenmeister, der Pförtner u. s. s. In der Besorgung der Küche wechselten die Mönche allwöchentlich, ebenso bei verschiedenen anderen Beschäftigungen. In den Nonnenklöstern herrscht genau dieselbe Aemtervertheilung. Dle Klostertracht war eine weih- graue Kutte mit schwarzem Scapulier. In die Klöster wurden außerdem sogen. Conversen, Laienbrüder, ausgenommen- in den Frauenklöstern waren beide Geschlechter unter den Conversen vertreten. Die Eintheilung des Tages sand nach gottesdienstlichen Acten statt, von denen die wichtigsten Mette, Prim, Messe und Completorium sind. Dazwischen sanden die Mahlzeiten, die Abhaltung des Capitels und die Verrichtung der täglichen Arbeit statt. Letztere bestand in der älteren Zeit hauptsächlich in Feldarbeit, später wurde diese jedoch ganz den Conversen und Leibeigenen überlaffen. Der Besitz der Klöster kam durch Schenkungen, Kauf und Tausch zusammen, sowohl an Immobilien, als auch an Renten und Gefällen. Gebaut wurde vor allen Dingen Getreide, dann aber auch Obst und Wein. Viehzucht, besonders Schafzucht, wurde gleichfalls betrieben. WaS ein Kloster an liegendem Gut nicht selbst bebaute oder benutzte, verpachtete es vorzugsweise nach Landsiedelrecht (kündbare Pacht auf unbestimmte Zeit), ferner aus Zeit und seltener nach Erbrecht. Die ökonomische Leitung des Gesammtbesitzes lag in der Hand des Kellermeisters, der dem Abt jeden Monat Rechnung ablegen mußte. Waren die Cistercienjerklöster für unsere Gegend in wirthschastlicber Beziehung von Bedeutung, so übten sie auch durch ihre Kunsterzeugnisse — z. B. die Kirche zu Arnsburgs erbaut im sogen. Uebergangsstil aus der Schneide des XII. und XIII. Jahrhunderts, sowie die obenerwähnten Holzschnitzereien zu Marienborn — aus den Kunstgeschmack unserer Vorfahren ganz gewiß großen Einfluß aus, ebenso wie durch die Erziehung, die junge adlige Damen in den Nonnenklöstern genossen, ein gewisser Grad höherer Bildung in die Adels- samilien der Gegend gebracht wurde. Kriege 1632 wurde Engelthal von den Schweden besetzt. 1803 erfolgte feine Aushebung. Das vierte und letzte Cistercienserkloster in Oberhessen, Mari en sch loß, ist aus einer Klause entstanden. Es wird 1337 in ein Nonnenkloster 0. C. durch Johann von Belders- heim, genannt von Rockenberg, umgewandelt. Seine Geschichte entwickelt sich ganz ähnlich wie die der übrigen Cistercienserklöster in unserer Gegend. Auch in Marienschloß war wie in Marienborn ein Verfall der Klosterzucht gegen Ende des XV. Jahrhunderts eingetreten, muß aber hier viel schlimmer gewesen sein, denn die Nonnen wurden 1466 wegen Verschwendung und Ausschweifung ausgetrieben und andere an ihre Stelle gesetzt. Kaiser Max I. stellte das Kloster 1516 unter den Schutz des Reiches. 1643 wurde es von den Schweden und 1645 von den Kaiserlichen geplündert und seine Insassen verjagt. Auch dieses fiel dem Reichshauptdeputationsschluß zum Opser. Die Lebensweise in den Klöstern war eine streng geregelte. An der Spitze stand der Abt bezw. die Aebtissin. Letztere hatte als Beistand einen Propst, der aus dem Convent von Arnsburg ernannt wurde. Dieses Kloster hatte ’ außerdem die Aufsicht und die Visitation der Nonnenconvente. es in Anerkennung des Schutzverhältnisses alljährlich ein | Paar Stiesel und ein Stück grauen Tuches liefern mußte. Vier Jahre später übertrug Papst Honorius III. dem Fürst- abt von Hersfeld den geistlichen Schutz über das Kloster (d. h. der Fürstabt hatte mit seiner kirchlichen Gewalt für das Kloster einzutreten. Eine Aussicht über dasselbe stand ihm nicht zu). 1313 wurde Arnsburg stark von der Pest heimgesucht, so daß die Mönche in dem benachbarten Wald Hausen mußten. 1314 wurden in der Nassauer Fehde des Landgrafen Otto von Hessen viele Klostergüter durch Ritter Heinrich von Calsmunt aus Rache für vermeintlich erlittenes Unrecht in empfindlicher Weise verwüstet. Dies Alles scheint nur gering gegen das, was das Kloster in dem erbitterten Kampfe, der zwischen den Landgrafen von Hessen und dem Mainzer erzbischöflichen Stuhle in der ersten Hälfte des I XV. Jahrhunderts erleiden sollte. Die Truppen beider Parteien zogen beständig durch seine Güter, ihre traurigen Spuren überall zurücklassend. Der Kolnhäuser Hof wurde besonders geschädigt. Als Johann von Nassau aus den erzbischöflichen Stuhl gelangt war, forderte er vom Kloster Arnsburg Subsidien, die ihm jedoch aus Grund der verbrieften Abgabefreiheit desielben verweigert wurden. Die Folge war Verhängung von Bann und Jnterdict, die Be- I setzung und Verwüstung der Klostergüter durch Mainzifche Truppen. Da trat der Erzbischof von Trier, Werner von Falckenstein, aus jenem Geschlecht, das die Stifter des Klosters beerbt hatte, für die bedrängten Mönche ein; er schickte 800 Bewaffnete zum Schutz in das Kloster, das die Ver- I pflegung seiner Beschützer kaum zu erschwingen vermochte. Im weiteren Verlaus des hessisch-mainzischen Krieges litt die Abtei viel von ritterlichen Räubern und Strauchdieben; es I wurden ihr mehrere Höfe verbrannt, Vieh weggetrieben und I die Ernte von ganzen Strichen durch Feuer vernichtet. Die I Schulden, in die der Convent durch die schweren Zeiten | gestürzt wurde, konnten im XVI. Jahrhundert abgetragen werden und die Abtei blühte zusehends wieder aus. Der j dreißigjährige Krieg brachte wieder arge Verwüstungen und I theilweise Zerstörung von Klostergebäuden; der Abt mußte I 1632 bis nach Clairvaux flüchten, nach seiner Rückkehr aber noch eine Zeit lang verborgen bleiben. Nach £em Kriege I wurde das Kloster in Prozesse mit dem Hause Solms verwickelt, das die Landeshoheit über dasselbe beanspruchte. I Der Entscheid fiel zu Gunsten des Klosters. Der siebenjährige Krieg hatte gleichfalls Raub und Brand im Gefolge. Aufgehoben wurde das Kloster durch den Reichshaupt- deputationsschluß im Jahre 1803. Die drei übrigen Cistercienserklöster in Oberhessen sind Nonnenklöster. Die erste Stiftung von diesen ist Marienborn, südwestlich von Büdingen. Ursprünglich eine freie Congregation einiger I Jungfrauen zur Führung eines gottgefälligen Lebens im I Haag (Hone) bei Büdingen, wurde es 1250 von Ludwig von Isenburg und seiner Gattin Heilwigis von Büdingen zu einem Kloster erhoben und dem Cistercienserorden übergeben. Wegen Wassermangels siedelte der neue Convent jedoch noch vor 1274 nach Niedernhausen über und nennt sein Kloster erst von jetzt ab Marienborn. Durch reiche ihm dargebrachte Güterschenkungen emporgeblüht, konnte der Convent der einreißenden Sittenverderbniß nicht entgehen, so daß sich Erzbischof Diether von Mainz genöthigt sah, 1460 eine Reformation des Klosters vorzunehmen. Seit | dieser Zeit hob sich sein Glanz von neuem. Neubauten! wurden vorgenommen und mit kostbaren Holzschnitzereien versehen, aber leider löste sich der Convent schon 1559 aus. Fast gleichzeitig mit Marienborn entstand das Kloster Engelthal bei Altenstadt, das 1268 von den Brüdern Conrad, Ruprecht und Herden von Büches und Ruprecht von Carben, Burggraf von Friedberg, gegründet wurde. Obgleich mit Güterschenkungen gerade nicht überschüttet, erwarb Engelthal doch mit der Zeit einen recht ansehnlichen Besitz. Es wurde 1302 von Kaiser Albrecht, 1345 von Kaiser Ludwig in den Schutz des Reiches genommen. In einen Subsidienstreit mit Mainz, ähnlich wie Kloster Arnsburg verwickelt, wurde es von Erzbischof Heinrich mit dem Bann belegt, aus Verwendung des Abts von Arnsburg aber einige Monate später wieder von demselben gelöst. Mit dem Ende des XV. Jahrhunderts scheint eine Verarmung des Klosters begonnen zu haben, denn die Güterverkäuse mehren sich von da ab und 1417 versetzte der Convent sogar eine Bibel für 63 Gulden. Im Jahre 1521 stellte sich Engelthal unter den Schutz der Burg Friedberg, ein Schritt, der 1580 wiederholt wurde. Um diese Zeit kam der für das Räuber- wesen der damaligen Zeit sehr bezeichnende Fall vor, daß ein Nachkomme der Stifter des Klosters Engelthal, der Ritter Werner Philipp von Büches, mit Spießgesellen in eben dieses Kloster einbrach, die Abtissin mißhandelte und eine bedeutende Summe Geld raubte. Im dreißigjährigen Sie, anstatt Sie allein zu laffen mit Ihrem Schmerz und Sie sich in Ruhe ausweinen zu laffen. Gott segne Sie und stärke Sie! Nun gehe ich augenblicklich." „Warten Sie ein wenig, ich werde ein Gedicht für Sie schreiben." „Aber das wird doch heute Abend nicht mehr fertig und außerdem, — außerdem bin ich so arm." „Sie ließen mich vorhin nicht ausreden. Ich wollte sagen, daß ich entweder fünfzig Kronen verlange für em Gedicht oder gar nichts." „Aber ich kann doch nicht erwarten, daß Sie, die ich Ihnen gänzlich fremd bin —" „Wir haben ja nun Bekanntschaft miteinander gemacht. Nehmen Sie auf einen Augenblick Platz und erzählen Sie mir etwas von Ihrem Sohne. Was ist er?" totales tinb provinzielle». Gießen, 31. Januar 1892. — Neues Theater. Der gestrige Abend brachte uns die- Aufführung der Jacobson'schen Posse „Das Mädel ohne Geld". Das Stück ist, wie die meisten seiner Art, nicht gerade bedeutend; die Hauptsache ist eben die Komik, die daß Ganze beherrscht, und der Lacherfolg ist das einzige Ziel, wonach die Posse strebt. Die Ausführung war, wie vorauszusehen^ ausgezeichnet und der Beifall, den das Publikum gern und reichlich spendete, von allen Darstellern wohlverdient. Besonders ragten hervor die Herren Director Reiners (Teltow), der in dieser dankbaren Rolle so recht sein komisches Talent betätigen konnte, Ernst (Merkel), Stegemann (Pschi- wowsky) und Rosenow (v. Sontheim), von den Damen Frl. Lindemann (Frau Kiebitz) und Frau Director Reiners, die den altklugen Lehrjungen Franz ganz allerliebst gab. Besonderes Interesse erregte das Auftreten der Solotänzerin Frl. Drassati vom königl. Hoftheater in Kassel, die zwei Tänze in muftergiltiger Weise ausführte und dadurch den unge- theilten Beifall des Publikums entfesselte. Wir können Herrn Reinerß nur danken, wenn er uns von Zeit zu Zeit auch solche Genüsse verschafft. — Das Theater war leider nicht so besucht, wie sonst an Sonntagen, da allerdings das Concert im Concertverein eine zu empfindliche Concurrenz ausübte. — Nach so vielen hochclassischen Stücken bringt der Theaterverein dem Gießener Publikum diesmal ein modernes, hochmodernes Stück, die Tristi amori (Sündige Liebe) des Italieners Giacosa. Das Stück wurde als Novität zuerst vor einigen Tagen in Frankfurt a. M. gespielt, und zwar mit sehr großem Erfolge. Morgen bringen wir über । den Inhalt des Stückes eine weitere Notiz. — Der „Darmst. Ztg." wird von hier geschrieben: Zu den berühmtesten Namen, welche das Album unserer akademischen Bürger enthält, zählt ohne Zweifel Geheimerath Professor Dr. Richard von Bolkmann von Halle, der Anfangs der 50er Jahre unter dem bescheidenen Namen Richard Volkmann hier I studirte und diesem Namen später, wie bekannt, Weltruhm verschaffte. Nicht nur als Chirurg, sondern auch als Dichter unter dem Namen Richard Leander ist er mit Erfolg hervorgetreten. Gleich nach seinem vor zwei Jahren erfolgten Tode hat sich aus der Zahl seiner Freunde und Verehrer ein Comite gebildet, um Beiträge für ein zu feinen Ehren zu errichtendes Denkmal zu sammeln. Dasselbe soll sich vor der Stätte seines Ruhmes, vor der chirurgischen Klinik in Halle, erheben. Der Denkmalfonds beträgt jetzt 23000 Mk., ein Verwandter des Verstorbenen ist mit der Ausführung des Denkmals betraut worden. i — Die Nr. 2 des im Auftrage des Evang. Pfarrvereins im Großherzogthum Hessen von Herrn Pfarrer I Dr. Naumann hier herausgegebenen „Hessischen Kirchenblattes" hat folgenden Inhalt: 1. Für die Männer, die Väter! I 2. Von Pfarrverein zu Pfarrverein (Vorwärts!). 3. Reli- I gionsunterricht in der Fortbildungsschule? 4. Katechismus- lehre. 5. Regierungsblatt. 6. Familienregister. 7. Zusammenkünfte der Pfarrvereinsmitglieder. 8. Antwort auf die Anfrage. 9. Bekanntmachung. — Unfall. Am Samstag Abend hantirten in einer hiesigen Wirtschaft zwei junge Leute mit einer Flasche voll Schießpulver, welches für eine an diesem Abend stattfindende Einzugsfeierlichkeit benutzt werden sollte. Durch Unvorsichtigkeit explodirte die Flasche, wodurch der eine der beiden jungen Leute derart am Auge verletzt wurde, daß er jur Klinik verbracht werden mußte und das eine Auge jeden- fälls einbüßen wird. — In der Nacht vom Samstag zum Sonntag wurde von einem hiesigen 16jährigen Bürschchen ein recht roher ! Streich dadurch ausgeführt, daß sich derselbe Salzsäure zu „Er ist Buchdrucker und Eigenthümer einer kleinen Zeitung. Nun feiert er das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der Gründung seines eigenen Geschäftes und feine silberne Hochzeit an einem Tage, und da kam es mir so schön vor, wenn ich ihm ein Gedicht hätte senden können, ein hübsches Gedicht, das in seiner Zeitung abgedruckt werden könnte, das würde ihn sehr erfreuen.“ „Wie alt ist er?" „Bald dreiundfünfzig Jahre. Ich selbst bin hoch in den Siebzigen, heiratete früh und wurde früh Wittwe." „Was war Ihr Mann?" „Lehrer. Und, o welch prächtiger Mann war er, wenn er nüchtern war, aber das geschah selten in der letzten Zeit. Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb mein Mann und bann nähte ich für andere und hielt Kostgänger, wie alle Wittwen, bis ich meinen Sohn gut erzogen und ihn in ein Geschäft gesetzt hatte, wo er sein Brod hat." (Schluß folgt.) Nerrefte Nachrichten WolfiS telegraphisches Locrespoudenz-Bureou. Potsdam, 31. Januar. Heute Mittag 11 Uhr sand im hiesigen königlichen Stadtschloffe die Taufe des Sohnes Sr. K. H. des Prinzen Friedrich Leopold durch den stellvertretenden Schloßpfarrer Consistorialrath Dr. Dryander statt. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin wohnten der heiligen Handlung bei. Der Prinz erhielt die Namen Joachim Wilhelm Siegismund Victor Friedrich Leopold. Depeschen deS „Bureau Herold". Berlin, 31. Januar. Dem „Tageblatt" zufolge wird von den städtischen Behörden Berlins eine Eingabe gegen das Volksschulgesetz vorbereitet. Man ist geneigt, einen allgemeinen Städtetag zur Bekämpfung des Gesetzes einzuberufen. , t _ ,, Berlin, 31. Januar. Die Abend-Ausgabe des „Reichs- Anzeigers" veröffentlicht nach den Beschlüssen des Reichstags die Ausdehnung des vom Bundesrathe angenommenen Transitlagergesetzes aus Mühlcnsabrikate, Holz und Wein. . Wien, 31. Januar. Behufs Errichtung einer klimatischen Curanstalt für Tuberkulose spendete Rothschild 100,000 Gulden. Die Anstalt wird unter Leitung Professor Schröders im Wiener Walde errichtet.___________ Die Cistercienser in Oberhessen. Nachstehend bringen wir einen Auszug aus dem von Herrn cand. hist. Ebel im Oberhessischen Geschichtsverein am Donnerstag Abend gehaltenen Vortrag. Der Cistercienserorden verdankt seine Entstehung der am Ende des XI. Jahrhunderts bei den Benedictinern eingerissenen Sittenverderbniß. Der Abt Robert von St. Michel Tonnere hatte im Jahre 1098 mit zwanzig Gefährten in dem stillen Waldthal von Citeaux (bei Dijon, Departement Gote d’or, Lat.: Cistercium) ein Kloster gegründet, um dort nach der strengen Regel Benedicts ein Leben der Armuth und Entsagung zu führen. Durch Bernhard von Chatillon, den nachmaligen Abt von Clairvaux, wurde die Blüthe der neuen Congregation begründet- Tochterklöster wurden in großer Anzahl besiedelt und so war mit einem Schlage ein Orden entstanden, der sich nach seinem Stammkloster der Cistercienserorden nannte und sich bald über alle Culturländer des Abendlandes verbreitete. Eine vorzügliche Verfassung sorgte für dauernde innere Festigkeit. Männer wie Bernhard von Clairvaux, Otto von Freisingen, Cäsarius von Heisterbach legen durch ihre Zugehörigkeit zum Orden auch von dessen geistiger Tüchtigkeit beredtes Zeugniß ab. Seinen Einzug in Oberhessen hielt der Cistercienserorden im Jahre 1174, als Cuno von Münzenberg das von seinem Vater Conrad von Hagen und Arnsburg und dessen Gattin Ludgardis 1151 gestiftete Benedictinerkloster Altenburg (ehemaliges Römercastell, eine Viertelstunde südwestlich von Arnsburg) aushob und an dessen Stelle in seinem Schlosse Arnsburg ein Cistercienserkloster einrichtete. Der Abt von Eberbach im Rheingau entsandte den Convent mit Ruthard an der Spitze. Der Convent vermochte sich jedoch nicht aus die Dauer in Arnsburg zu halten, vielleicht weil die Wohnungsvcrhältnisse ungünstige waren und der Zuwachs an Conventualen zu wünschen übrig ließ. Er ging nach Eberbach zurück, um erst 1197 wieder in Arnsburg unter seinem Abt Mengot, dem bald der thatkrästigc Meffrid folgte, auszutrelen. Meffrid legte den Grund zu dem Glanze des Klosters, dessen Besitzungen sich bald derartig vermehrten, daß sic von der Lahn und Ohm zum Main und zur Kinzig, vom Vogelsberg zum Taunus reichten. Im Jahre 1219 kam Arnsburg unter den Schutz der Burg Friedberg, der