Sir. 281 Erstes Blatt Donnerstag den t. Deccmber Amts- und Anzeigeblatt für den TLreis Gieren. Hratisöeikage: Hießener SfamtCten6fätttr Alle Lnnonckn-Bureaux bd 3«» unk luiUnM "^w Depeschen des Bureau „Herold". Nieste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau. Marienwerder, 29. November. Bei der gestrigen R-e i ch s - tagsersatzwahl Stuhm-Marienwerder erhielten bisher: Wessel 3704 Stimmen, Dieskau 1112, Rother 728 Donimirski 5228, Jochem (Socialist) 482 Stimmen. 37 Ortschaften fehlen. — Nach einer der „Darmst. Ztg." zugegangenen Nachricht beabsichtigt Herr Dr. Gutfleisch, sein Reichstags-Mandat für den Wahlkre'.S Friedberg Büdingen niederzulegen. Als Grund wird Ueberhäufung mit Arbeiten anderer Art angegeben. — Vom Kirchenbau. Als Zeichen der Vollendung der äußeren Zimmerarbeit prangt jetzt aus dem Thurme der neuerbauten Johanneskirche das übliche Tannenbäumchen. — Verhaftet wurde gestern ein schon mit Zuchthaus vorbestrafter junger Bursche, welcher seinem Schlascollcgcn Berlin, 29. November. Heute Nachmittag 2 Uhr fand die Beerdigung des ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten v. Madai von der Halle des Jerusalemer Kirchhofs aus statt. Der Kaiser sandte ein herzliches Beileidtelegramm, die Kaiserin Friedrich einen kostbaren Kranz. Blumenspenden sandten das Berliner und jdas Frankfurter Polizeipräsidium, die Schutzmannschaft, die Feuerwehr, ferner die Offiziercorps der in Frankfurt und Homburg garnisonirenden Regimenter, sowie Osfiziercorps anderer Regimenter. Unter den Leidtragenden befanden sich der Ministerpräsident Graf Eulenburg, der Polizeipräsident v. Rtchthosen und verschiedene Deputationen, dcach dem Gesänge des Domchors hielt Garnisonpfarrer Fromme! die Gedächrnißrede. Petersburg, 29. November. Eine Erhöhung der Steuern aus Spiritus und Naphta-Oel ist gestern beschlossen worden. vierteljähriger «Mtuutmtttbprttel 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: -chutstroße Mr.I. Fernsprecher 61. toealer und provinzieller. Gießt«, 30. November 1892. Berlin, 30. November. Die Arbeiten im Reichsvcr- sicherungsamt an der Nachweisung über die Rechnungsergebnisse der Berussgenossenschaften pro 1891 tnb soweit gediehen, daß die Nachweisung baldigst an den Reichstag gelangen kann. Der Umsang der Nachweisungen hat mit dem siebenjährigen Functioniren der Berufsgenossen, schasten stark zugenommen. Köln, 29. November. Der „Köln. Ztg." zufolge wurden neuerdings der sächsische, der bayerische Kriegsminister und der württembergische Staatsminister des Kriegswesens von ihren Monarchen zu Bevollmächtigten beim Bundesrath ernannt. Parlamentarische Kreise bringen diesen ungewöhnlichen Hergang mit den Ausstreuungen in Verbindung, K. Theater. Als zweites Gastspiel des Fräulein Thessa Klinkhammer ging gestern Abend Henrik Ibsens „Nora" I ^ber vniere Bretter und wir können unserer Theaterdirection nur danken, daß sie dies geistvolle, ergreifende Schauspiel des großen Realisten in ihr Repertoir aufnahm. „Nora" ist schon so oft der Gegenstand wissenschaftlicher Besprechung und schriststellerischcr Discussion gewesen, daß wir mit gutem Gewissen uns die Inhaltsangabe des Stückes schenken können, um desto länger bei der Behandlung der Personen zu verweilen. Wie wir von glaubhafter Seite erfahren, betrat uns«- geschätzter Gast erst zum zweiten Male in der Titelpartie die Bühne, selbst der verwöhnteste Kritiker hätte alles gewettet, daß „Nora" seit langer Zeit eine Lieblingsrolle der Fräulein Klinkhammer sei, so erhaben und routiniert wurde dieselbe gegeben. Da war jeder Schritt, jeder Gestus das Resultat ernsten Studiums und reiflichen Erwägens. Im ersten Acte die leichtsinnige, lebenslustige, junge Frau, die keine anderen Interessen als das Vergnügen kennt, im zweiten Acte die Erkenntniß der Schuld, die sie unbewußt auf sich geladen hat, nur um dem greisen Vater Unannehmlichkeiten zu ersparen und den geliebten Gatten zu retten, und endlich im dritten Acte die moralische Ausrichtung und sittliche Erhebung über den Geretteten, nachdem dessen Liebe sich nicht als der ihrigen aequal gezeigt hat, — diese innerliche Wendung und seelische Veränderung brachte Fräulein Klinkhammer so meisterhaft und ergreifend zur Darstellung, daß ihre Leistung ein wahres Cabincistück schauspielerischer Kunst genannt zu werden verdient. Ihre „Nora" wuchs von Act zu Act, ohne sich jener kleinen Mittel der Effecthascherei zu bedienen, die man bei nur gastierenden Künstlern so oft constatirt, durch die Tiefe der Auffassung und die Kraft des Genies. Eigenthümlich war die Wirkung dieses großartigen Spiels aus die Mitglieder unseres Ensembles. Während Herrn Halperns Leistung (Gümber), solange er sich Fräulein Klinkhammer gegenüber befand, stetig gesteigert wurde und uns mit Bewunderung fortriß, dann aber abfiel, konnten wir bei Fräulein Brünner (Frau Linden) das Umgekehrte bemerken, sie litt förmlich unter dem Banne dieser Nora und ging erst im dritten Acte als Partnerin des Herrn Halpern aus sich heraus. Beide haben entschieden ja redlichen Antheil an dem Gelingen der Aufführung, verdienen jedoch aus obigem Grunde unser Lob nur in bedingter Weise. Anders ist es mit Herrn Martiensen, er befand sich in seinerRolle als „Helmer" sichtlich unbehaglich, was uns auch vollkommen einleuchtet, denn sie entspricht ganz und gar nicht seinem Fach, zudem ist dieselbe die undankbarste des ganzen Stückes^ man betrachte doch nur den langweiligen Monolog im letzten Acte, der nur dazu da ist, um Zeit zum KostUmwechsel Noras zu schaffen. Das allerdings kann man ruhig sagen, obwohl uns Herrn Martiensens Leistung nicht befriedigte, so that sie doch der Allgemeinheit keinen erheblichen Eintrag. — Die übrigen Mitwirkenden gefielen recht gut, besonders Herr Stückel als „Doctor Rank", wenngleich er in seiner Stimme manchmal die schwere innerliche Krankheit etwas mehr hätte zeigen können. Ganz herzig war die Kinderscene. — Der Vorstellung woynte ein recht zahlreiches und distinguirtcs Publikum bei, das mit dem wohlverdienten Bcisall nicht geizte, sondern sämmtliche Mitwirkenden mit rauschenden Aeußerungen desselben überhäufte. Gießen, 30. November 1892. Betreffend: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobilmachung. Die Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen an die Schulvorstände des Kreises. Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobil- Eichung innerhalb 8 Dagen bei uns einzureichen sind, spater emlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden. In den Gesuchen ist anzugeben: 1) Civilstellung, 2) Vor- und Zunamen, 3) Militärcharge und Truppengattung, 4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie 2c., bei welchem der Eintritt erfolgt ist, und Datum des letzteren, 5) Bezirk des Landwehrbataillons. Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher °bei uns reclamirt haben, bedarf es keiner Meldung. Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen. v. Gagern. welche die Gegner der Militärvorlage über die Stellung der süddeutschen Herrscher zur Vorlage in ihrer jetzige» Gestalt wahrheitswidrig zu verbreiten suchten. München, 29. November. Die Actiengesellschaft Hackerbräu erzielte in dem abgelaufenen Geschäftsjahre einen Bruttogewinn von 443 000 Mark. Nach zahlreichen Abschreibungen und Reservestellungen werden 5 pCt. Dividende gegen 4pCt. im Vorjahre vertheilt. Stockholm, 29. November. Der Secreiär des Statthalteramts im Königlichen Schlosse, Doctor Forsstrand, wurde wegen Unterschlagung von anvertrauten Geldern verhaftet. Pleß. 29. November. Se. Majestät der Kaiser ist gestern Abend hier eingetroffen und von dem Fürsten, dem Landrath und dem Bürgermeister empfangen worden. Der Kriegcrverein, sowie die Feuerwehr bildeten aus dem Wege vom Bahnhof nach dem Schlosse Spalier. Um 8 Uhr sand daselbst eine Tafel zu 22 Gedecken statt. Heute Vormittag wird eine Jagd auf einen Auerochsen, auf Roth- und Dam- wild und Sauen stattfinden. Bekanntmachung. Die Ausloosung der Schöffen pro 1893 findet Donnerstag den 8. December 1892, Vormittags 11'/, Uhr '« öffentlicher Sitzung unseres Gerichtssaals No. 18 statt. Gießen, den 29. November 1892. Großherzogliches Amtsgericht. Fresenius. Der erscheint täglich, ■M Ausnahme des Montag». Die Gießener »«den dem Anzeiger Dschentttch drei »al beißet egt. Deutsche- Reich. Berlin, 29. November. Die Centrumsfraction des Reichstages hat beschlossen, eine Commission zu bilden, welche überlegen soll, wie am besten die Fragen der Handwerkerkammern, des Lehrlingswesens, des Besähigungsnach- welses und des Hausirhandels wieder im Reichstage zur Verhandlung gebracht werden können. Die Frage des Hausirhandels wird, Centrumsblättern zufolge, wahrscheinlich die Einbringung eines besonderen, formulirten Gesetzentwurfs nothwendig machen. Wegen der anderen Fragen dürfte zunächst eine Interpellation an die Reichsregierung in Frage kommen. Ebenso wird in den Kreisen des Centrums die Frage erwogen, wie den Schwindel-Ausverkäufen und sonstigen Mißbrauchen im gewerblichen Leben in wirksamer Weise ent- gegengetreten werden kann. Berlin, 29. November. Die Steuercommission hat in der heutigen ersten Sitzung mit 23 gegen 2 freisinnige Stimmen principiell die Aufhebung der Grund-, Ge- bäude-,'.Gewerbe - und Bergwerkssteuer als Slaats- steuer beschlossen. Bekanntmachung. betreffend die Veranstaltung vou Verloosuugeu innerhalb des Großherzogthums. Der evangelische Kirchenbauverein zu Mainz beabsichtigt zum Zwecke der Gewinnung eines Theiles der Mittel zum Neubau emer evangelischen Kirche in der Neustadt zu Main, eine Geldlotterie zu veranstalten. Seine Königliche Hohei der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom ertheilen gerecht"Erlaubniß hierzu Allergnädigst zu Nach Maßgabe des genehmigten Verloosungsplans dürfen nicht mehr als 300 000 Loose zu 3 Mark das Stück ausgegeben werden und müssen mindestens 44,4% des Brutto- erlofes au« dein Verkauf der Loose für Gewinne verwendet werden. Die Ziehung wird im Laufe des kommenden Jahres staNstnden. worben’6'’ ^ettr'e^ ^er ^00^e ’ni Großherzogthum ist gestattet Es wird dies hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Gießen, den 28. November 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. ______ v. Gagern. GießenerAnzeiger Aenerat-Anzeiger. Bekanntmachung, betreffend bie Verwaltung des Rentamts Nidda. Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß durch Verfügung Grobherzoglichen Ministeriums der Finanzen, Ab- q i «To6 JÜr AE-und Camerolverwaltung, zu Nr. F. M. D. Steuerafseffor Gutmann mit der in- ternntstischen Verwaltung des Rentamts Nidda beauftragt Wurde. ' ö Gießen, den 28. November 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. ___ v. Gagern. Berlin, 29. November. Der Ausschuß der Stadtverordnetenversammlung für die Vorbereitung der Wahl des zweiten Bürgermeisters beschloß mit elf gegen zwei Stimmen, Nechtsanwult K ips ch n e r - Breslau für das Amt vorzuschlagen. , 3 . Berlin, 29. November. In dem heute vor der zweiten Strafkammer des hirsigeg Landgerichts I begonnenen Processe gegen ben Rector Ahlwardt, welcher wegen verschiedener in seiner Broschüre „Neue Enthüllungen, Judenflinten" enthaltenen Veha^tu.chen unter Anklage gestellt ist, wurde einem Vertagungsantrag des Vertheidigers ' von dem Gerichtshof keine Folge gegeben. Der Gerichtshof trat hieraus in die materielle Verhandlung ein. Nach der zwei Stunden in Anspruch nehmenden Verlesung der beiden incriminirten Brochüren und nach Vernehmung d 3 Redacteurs Saling vom Kleinen Journal wurde die weitere .Handlung auf Mittwoch 9 Uhr früh vertagt. Lnahme »oi Anzeige! zu btr Nachmittag» für bei M^bm Lag erscheinenden Nummer bi» vor». 13 Uhr. Amtlicher Theil. Bekanntmachung, betreffend die Maul- und Klauenseuche in Merkenfritz. Die zu Merkenfritz, Kreis Büdingen, ausgebrochen qe- miesene Maul- und Klauenseuche ist erloschen. Gießen, den 28. November 1892. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Kleider gestohlen hatte. — Außerdem wurde ein junger Mensch in einem Laden abgesaßt, als er Cigarren entwendete. — Streit. In unserem Nachbarorte Trohe kam es in der Nacht von Sonntag aus Montag anläßlich der Spinn- stuben-Eröffnung zwischen Burschen zu Streit, welcher in Tätlichkeiten überging und schließlich mit schwerer Verletzung zweier jungen Leute durch Messerstiche endete. Die bereits ermittelten Thäter dieser Messeraffaire sind von Wieseck und in Hast genommen. — Es empfiehlt sich, Packetseuduogen, welche für die Orte in den Vereinigten Staaten von Amerika bestimmt sind und zu Weihnachten den Adressaten erreichen sollen, schon jetzt zur Post zu liefern. Denn im Falle späterer Absendung würde, bei den in Newyork mit der Verzollung verknüpften Umständlichkeiten und Stauungen, auf eine rechtzeitige Behändigung der Packete nicht mehr gerechnet werden können. Darmstadt, 29. November. Heute um die Mittagsstunde wurde im hiesigen Güterbahnhose der Rangirer Gelbert aus Gernsheim überfahren und sofort getödtet. Gelbert ist erst 25 Jahre alt und seit vier Wochen verheirathet. Darmstadt, 29. November. Zum Besten der Erbauung einer neuen evangelischen Kirche in der Neustadt zu Mainz hat der Großherzog die Veranstaltung einer Geldlotterie genehmigt,- es dürfen nicht mehr als 300,000 Loose zu 3 Mk. per Stück verausgabt werden und soll die Ziehung im Lause des nächsten Jahres stattfinden. Verimischter. * Kinzenbach, 29. November. Ein seltsamer Fund wurde vor einigen Tagen aus dem Grundstücke eines hiesigen Landmannes gemacht. Man stieß nämlich daselbst aus ein noch wohlerhaltenes Scelett, welches anscheinend von einem großen kräftigen Manne herrührt. Wie der Leichnam seiner Zeit an diesen Platz gekommen, ist völlig unklar und wird wohl auch nie aufgeklärt werden. (W. A.) * Hanau, 27. November. Ein hiesiger, 17 Jahre alter Goldschmiedslehrling entwendete seinem Prinzipale 360 Mk. in Goldstücken, welche zum Einschmelzen bestimmt waren, und ging damit durch. Er bewog noch zwei seiner Freunde, mit ihm nach Chicago zu reisen. Sie setzten sich in die Eisenbahn und fuhren bis Regensburg, dort bekam der eine Freund Reue und verlangte von dem, der das Geld in Besitz hatte, Reisegeld zur Rückfahrt. Als dieser sich weigerte, das Reisegeld zu geben, zog ersterer einen Revolver aus der Tasche und schoß dem Versührer eine Kugel durch den Kops, wodurch er ihn lebensgefährlich verletzte. Nach dieser That wurde die dortige Polizei ausmerksam aus die Bürschchen, es erfolgte Verhaftung derselben und sofortige Mittheilung an die hiesige Polizeidirection. * Cassel, 22. November. „In der Heimath ist es schön!" Diese Dichterworte müssen dem jungen Manne wohl eingefallen sein, welcher am Samstag die Reise nach Amerika vom hiesigen Bahnhose aus antreten wollte. Unser Held, ein Tqunichtaut, der, trotzdem er verheirathet ist, seiner Mutter immer noch viel Kummer und Sorge bereitete, erhielt von dieser am Samstag eine vollständig neue Ausrüstung und Geld zur Reise nach Amerika eingehändigt. Die Mutter begleitete ihren Sohn zur Vorsicht halber noch zur Bahn, wo derselbe sich in ihrer Gegenwart ein Billet nach Hamburg löste und dann in den bereitstehenden Zug stieg, um jedoch kurze Zeit daraus aus der anderen Seite des Wagens wieder auszusteigen und schleunigst seinen Weg zur Stadt nehmend. Während nun die Mutter in dem guten Glauben, ihren Sohn im Zuge sitzend zu finden, diesem Abschiedsgrüße mit dem Taschentuche zuwinkt, nimmt dieser seinen Weg nach einer Wirtschaft in der Müllergasse, wo er die von der Mutter ihm eingepackten Würste zum Besten gibt und aus Freude darüber, seiner Mutter einen neuen Streich gespielt zu haben, dem edlen Gerstensäfte wacker zusprach. * Breslau, 29. November. Der „Schlesischen Zeitung" zufolge ist heute früh 4 Uhr ein Kessel der Cokesanstalt Poremba bei Zabrze explodirt. Es gab neun Todte, vier Verwundete. * Bayreuth, 29. November. In Reicholdsgrün brannten 14 Häuser mit Nebengebäuden ab. * Frankeuhausen, 25. November. Wenn man das große Loos gewinnt. Ein Herr H. hat den glücklichen Gewinner der V i e r t e l - M i l l i o n der Mühlhausener Lotterie, den Rentier Haamels in Frankenhausen, in dem idyllischen Harzstädtchen, ausgesucht und weiß nun folgende Einzelheiten zu berichten: „In der Nacht vom 28. zum 29. October d. I, wurde ich — wir lassen Herrn Haamels selbst erzählen — durch heftiges Klopfen an der Thür geweckt. Mit dem Revolver in der Hand öffne ich die Hausthür und stehen mir zwei völlig unbekannte Herren gegenüber, von denen der Eine eine blaue Brille trug. „Wir wünschen Sie in dringender Angelegenheit zu sprechen", meinte der eine der Fremden, und als ich erwiderte, das hätte doch bis morgen früh Zeit, erklärte der Herr, das ginge nicht, „denn bei uns sitzen die Musikanten!" So kam es, daß ich mich bald mit meinem nächtlichen Besuch in der guten Stube bejand. „Spielen Sie in der Mühlhausener Lotterie?" schnauzte mich der bebrillte Herr an. „Zn Befehl, Herr Criminalcommissarius" — denn für einen solchen hielt ich nach seinem Auftreten den Mann. „Mensch, dann haben Sie das große Loos gewonnen,- doch darüber später, zeigen Sie uns Ihr Loos." „-Zu Befehl, Herr Commissarius!" und mit zitternden Händen suchte ich nach demselben. Während ich damit beschäftigte war, zählte der Bebrillte ohne Weiteres aus seiner Briestasche einen Tausendmarkschein nach dem anderen aus, und als ich die Nummer 25 982 zum Vorschein brachte, nahm der Commissarius das Loos sofort an sich __ aus Nimmerwiedersehen. So hatte der Herr 230 solcher Scheine aus den Tisch gelegt, als er plötzlich aushörte. „Na, sind es schon 250 000 Mk.!" meinte ich unschuldsvoll, und erhielt die Antwort: „So ziemlich. Herr Pyra ist nur müde vom Aufzählen, sehen Sie sich mal die Geldpyramide an." Dann standen die beiden Herren wie die Oelgötzen und ich zählte immer wieder, mehr als 230 000 Mk. wollten es aber nicht werden. „Ja, meine Herren, die Oper ist doch noch nicht zu Ende, da fehlt doch noch der letzte Act, von wegen der restlichen 20000 Mk., davon. Sie wissen doch, die Viertel-Million ist baar und ohne Abzug zahlbar!" Nun ergossen Herr Pyra und College die Suada ihres Mundes über mich und zwar dergestalt, daß ich zuletzt annahm, der heilige Crispin sei im Vergleich zu Herrn Pyra ein Straßenräuber, und sie setzten mir unwiderlegbar auseinander, daß ich nur höchstens Anspruch auf 230000 Mk. habe. Ihr Chef in Berlin, für den sie kämen, sei in Folge eines Hotelkraches „klamm" und er wisse nicht, was er vor „Dalles" machen solle. So geschah es, daß ich mir 20000 Mk. abziehen ließ und jedem der beiden Glücksboten noch 4t0 Mk. extra widmete. Unter Händedruck und Verbeugungen verabschiedete ich mich von meinen neuenFreunden, die mit der nächsten Post nach Berlin zurücksuhren. Das Geld habe ich dann auf der Bank deponirt." * Zur Verhinderung des Selbstmordes. England ist das Land der Selbstmorde und der Selbsthülfe durch Zweckgesellschaften,' weßhalb also keine Gesellschaften zur Verhinderung des Selbstmordes? Tatsächlich soll im nächsten Jahre in London eine solche aus dem Ei kriechen. Der Prospectus ist gedruckt- seine Satzungen verpflichten die Mitglieder in dreierlei Weise,- zunächst zu der täglichen Hersagung des Spruches: „Mein Leben gehört nicht mir, sondern Christus" ; zweitens zu der Beobachtung der Gemüthszustände aller Derer, mit welchen die Mitglieder in tägliche Berührung kommen- und drittens, falls diese Beobachtung die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes nahe legt, muß sofort der Vorsteher oder der Schriftwart der Gesellschaft davon in Kenntniß gesetzt werden. Wie ersichtlich, sind diese Verpflichtungen durchaus sittlicher Natur. Daneben soll noch ein Unterstützungsfonds für Hebung dringender Nothlage geschaffen werden; wer dazu beisteuern will, hat seinen Obulus bei der National-Provinzial- Bank in Exeter einzuschicken. Wie sich die Welt gestalten würde, wenn diese Gesellschaft allgemeine Verbreitung fände und Jeden bei dem geringsten Trübsalsanfluge auf Selbstmord untersuchte! * Gute Nachbarschaft. In einer der alten Gassen in Köln, in welchem die schmalen hohen Häuser zusammengedrängt liegen, wurde spät Abends regelmäßig an einem Hause die Klingel gezogen, und wenn der Hausherr dadurch aus dem ersten Schlafe erwachte und aus dem Bette sprang, um zu sehen, wer der Ruhestörer sei, war Niemand an der Thür. Nachdem er eine Zeitlang vergebens ausgestanden war, legte ex sich eines Abends im Fenster auf die Lauer. Da sieht er nun endlich gegen Mitternacht, wie sein nächster Nachbar heftig klingelt und dann rasch in die Nische seiner Hausthür tritt, worauf seine Frau ihm öffnet. Anderen Tages macht der auf diese Weffe belästigte Nachbar dem Anderen einen Besuch und fährt ihn an, wie er denn dazu komme, jede Nacht an seiner Klingel zu ziehen. „Dat well ich Uech sage", antwortete Jener, „uns Schell gelt nit mieh, und do säht ming Frau, schell eckesch henevve,- dat hören ich esu got, als früher uns Schell." * Die Mitglieder des schönen Geschlechts werden bekanntlich in den Augen von Philosophen, dte zur Schule Schopenhauers und Lambrosos gehören, als nicht fähig gehalten, nützliche Entdeckungen und Erfindungen zu machen. Das Patentamt in London könnte die Ungläubigen vielleicht eines Anderen und Besseren belehren. 400 Gesuche, um ihre Erfindungen zu patentiren, wurden im verflossenen Jahre von Frauen hier eingereicht. Eine Dame hat ein neues Rettungsboot conftruirt. Die Gemahlin des Pere Hyacinthe erfand ein neues Schnürleib. * lieber die Leistung eines Wildschweins auf der Parforcejagd am Dienstag im Grünewald macht ein Augenzeuge folgende Mittheilung: Das gehetzte Thier, ein mächtiger Eber, hatte seine Flucht durch den Forst in der Richtung nach der Havel bewerkstelligt, verfolgt von der Meute und den Reitern- es erreichte den Fluß auch, obwohl es bereits mächtige, durch Bisse der Hunde verursachte Wunden oufwies. Am User der Havel machte das schweißtriefende Thier halt- als es aber die Verfolger herankommen sah, warf sich das Schwein in die Havel und schwamm durch den an jener Stelle gerade sehr breiten Strom - mehrere nachgeseuerte Schüsse trafen nicht und nach etwa fünfzehn Minuten gewann der Eber das jenseitige Ufer. Dorte setzte ec in wildem Laus die Flucht fort und der nachgesandten Meute gelang es nicht mehr, die Fährte des Thieres aufzufinden. * Eine höchst eigenartige Erfindung hat ein Berliner Schlächtermeister in Gestalt einer „heizbaren Stieselsohle" zum Patent angemeldet. Die Sohle ist aus einer zweitheiligen Kupserplatte gefertigt und der Hohlraum mit einer Füllung versehen, die das Geheimniß des Erfinders ist. Wird diese Sohle, die die Stärke eines Fingers hat, in siedendes Wasser gelegt, so erwärmt sich die Füllung, und in den Stiesel gelegt, dient diese „Sohle" — besser wohl, „Einlage" genannt — dazu, ein dauerndes Wärme-Reservoir zu schaffen, das dazu geeignet sein soll, die Wärme sechs Stunden lang sestzuhalten. Der Erfinder beabsichtigt, schon am 1. December diese „patentirten geheizten Stiefelsohlen", wie er sie nennt, in den Handel zu bringen. * Die Stadt Heraklion, im athenischen Bezirke gelegen, welche von den unter König Otto noch Griechenland eingewanderten Bayern und sonstigen Deutschen gegründet wurde, hat kürzlich ihr 50jähriges Jubiläum sestlich begangen. Dte Feier wird allerdings einen kräftigen neugriechischen Anstrich gehabt haben, denn das Dentschthum Heraklions ist heute nicht mehr so ganz waschecht. Das hervorragendste Merkmal ihrer Stammesangehörigkeit, die deutscheSprache, haben die Leute verloren, auch ihre Namen haben sie, so weit es ging, der neuen Umgebung angepaßt. Mit den Hausnamen ging das zwar nicht, aber die Tausnamen entlehnte man um so gewissenhafter dem griechischen Namensschatze. So findet man in Heraklion, wie das „N. W. T." mittheilt, die Familie der Großhuber durch einen Alktbiades, einen Perikles und zwei Agathone vertreten, die Familie Gscheithofer zählt einen Agamemnon, eine Iphigenie und eine Phädra unter ihren Mitgliedern und so geht es fort unter den Grubers und Hiesers und all den anderen braven Bewohnern der Stadt. Und was die Umgangssprache betrifft, so erzählt ein deutscher Reisender darüber Folgendes: Ich besuchte die Stadt Heraklion und erhoffte mir einen echten deutschen warmen Empfang. Wußte ich doch nicht nur, daß die männliche Bevölkerung aus Nachkommen der von Otto I. in Griechenland zurückgelassenen Soldaten bestand, sondern auch, daß diese Soldateska unmittelbar aus Bayern bezogene Mädchen geheirathet und die Einwohnerschaft sich seitdem von einer Beimischung des griechischen Elements freigehalten hatte. Aber ich war bald nicht eben angenehm enttäuscht, denn schon die Firmenschilder der Geschäftsleute trugen durchwegs neue griechische Aufschriften, in den Gasthäusern trank man statt bayerischen Bieres ausschließlich den auf die Dauer unausstehlichen mastixversetzten Rothwein aus der Corinther Gegend, und die Leute verstanden kein Deutsch oder wollten es nicht verstehen. Endlich traf ich denn doch ein paar ältere Leute, mit denen ich mich in unserer gemeinsamen Muttersprache verständigen konnte, aber auch ihnen schlug der Helene in den Nacken - schließlich wiesen sie mich an den Schulmeister, als den Einzigen, der noch des Deutschen mächtig fei. Richtig! Ein junger blondhaariger und blauäugiger Menelaos geleitete mich -zum Schulhause, wo der Herr Magister mich mit einem unverfälscht deutschen Willkommengruß empfing. Aber was stellte sich während unseres Gespräches heraus? Der Schulmeister, der einzige Mann, der in der deutschen Stadt Heraklion noch deutsch sprach, war — ein Grieche! * In dem Städchen E. war, wie man dem „Hann. Kour." schreibt, ein neuer Bürgermeister gewählt worden und sollte am festgesetzten Tage amtlich eingesührt werden. Alles ist parat- die Stadträthe sind in Gala im Rrthhaussaale versammelt, die Stadt hat geflaggt und Tannenbäume ausgepflanzt und in den Straßen und auf dem Marktplatze harrt die treue Bürgerschaft, um den neuen Vertreter der Stadt bet seiner Ankunst zu begrüßen. Aber Stunde um Stunde vergeht und der Herr Bürgermeister kommt nicht. Endlich kommt der Landrath angefahren, um die Einführung vorzunehmen, man meint, der bringe den Bürgermeister mit sich, aber nein. Der Polizist, ebenfalls in Gala, sucht nun, so erzählt man, in allen Straßen nach dem Bürgermeister, aber er ist nicht zu finden. Die Väter der Stadt ziehen ihre weißen Handschuhe aus und werden nachgerade unwillig- des langen Wartens müde, telegraphiren sie endlich an den Bürgermeister, warum er nicht gekommen sei, und da antwortet er ihnen: „Ich weiß gar nicht, daß ich heute eingeführt werden soll." — — Tableau? Feierlicher Beschluß: In 14 Tagen Wiederholung der Einführung. Bei der Redaetion eingegangene Bücher: — Von der Fehsenseld'schen Univ.-Buchhandlung (FreeS & TaschS) in Gießen (Seltersweg 53) wurde uns der diesjährige WeihuachtS-Tatalo- übersandt. Der hübsch ausgestattete Catalog ist infolge seines reichen Inhalts wohl geeignet, bei Auswahl von Festgeschenken für die bevorstehende Weihnachtszeit als willkommener Führer auf fast allen Gebieten der Literatur zu dienen, weshalb wir denselben der Beachtung unserer werthen Leser empfehlen. — Dieselbe Buchhandlung versendet ihren Gießener Uni- versttätS-Salender, welcher alles Wissenswerthe sowohl aus der Universität wie über die Provinzial-Hauvtftadt Gießen selbst enthält. — Rom und römisches Lebe« im Mterthrrm. Geschildert von Hermann Bender. Verlag der H.Laupp'schen Buchhandlung in Tübingen. 10 Lieferungen ä 1 Mark. — »Einiges Ehristenihum*. Volksschrift zur Förderung der Bestrebungen M. von Egidys. Herausgegeben von Professor Lehmann-Hohenberg. Ladenpreis pro Heft 50Pfg. Verlag der Volksschrift „Einiges Christenthum", Kiel, Falckstraße 9. — Die Toiletteu-Ehemie. Von Professor Dr. Heinrich Hirzel. Vierte, neudearbeitete und vermehrte Auflage. Mit 89 in den Text gedruckten Abbildungen. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Preis 7.50 Mk. — Deutsche Stotzfechtschule nach Kreußlerschen Grundsätzen. Zusammengestelll und berauSgegeben vom Vereine deutscher Fechtmeister, mit 42 in den Text gedruckten Abbildungen. Preis gebunden 1.50 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. — Die Regeln der Reitkunst in ihrer Anwendung auf Campagne-, Militär- und Schulreilerei vom Rittmeister a. D. A. Kästner. Vierte, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 71 in den Text gedruckten und 2 Tafeln Abbildungen. Preis 4.50 Mark. In Original-Leinenband 6 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Wöchentliche Ueberficht der Todesfälle in Gießen. 47. Woche. Vom 20. November bis 26. November 1892. Einwohnerzahl: angenommen zu 21500 (incl. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 24,64%o bezw. 7,39 nach Ausschl. der Ortsfremden. Kinder Es starben an: Zusammen: Erwachsene : im vom 1.Lebensjahr: 2.—15.Jahr: Diphtherie 1 — — 1 Lungenschwindsucht 1 (1) 1 (1) Tuberkulose anderer Organe 1 (1) — 1 (1) Entzündliche Erkrankungen d.Athmungs- Organe 1 (1) -- 1 (1) Erkrankungd. Herzens 2 (2) 2 (2) —— -- Andere bekannte Krankheiten 3 (2) 3 (2) _ _ Unbekannter Krankheit 1 1 - - Summa: 10 (7) 8 (6) — 2 (1) Anm. Die in Klammern gesetzten Z ffern geben an, wie viele der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Amtliche Prüfung der Lichtstärke des Leuchtgases. Vorschriftsmäßige Lichtstärke bei 150 Liter stündlichem Gasverbrauch 13 bis 15 deutsche Vereins-Paraffinkerzen. Monat November 1892: 14*/? Kerzen. Buchner.