Nr. 293 Erstes Blatt» Mittwoch den 16. Deeember 139t . , ----------------. ——' ■-“' Mcr mW®1 täglich, ■Ü DrSnahmr W 9ta Lettner a*** bte «ngdfa «schmtlich bMimel Wedelt Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger. Viertaiichrig« Abw«en»LkLtt«. , Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 9. d. M., b^^sNr 1977.] Verordnung, betreffend das Berufungs- Verfahren beim Reichsgericht in Patentsachen. Vom 6. De- cember 1891. Gießen, den 12. Deeember 1891. Grobherzogliches Kreisamt Gießen. v. G a g e r n. Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung einer landwrrthschastlrchen Ver- loosung zu Butzbach während des dortigen Frühjahrssasel- Marktes in 1892. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Grobherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz die Genehmigung zur Vornahme einer, mit dem am 17. März k. Js. stattfindenden Frühjahrsfaselmarkte in Butzbach zu verbindenden Verloosung von Faseln, Rindern, Schweinen, Geflügel und landwirthschaftlichen Geräthen unter der Bedingung ertheilt hat, daß nicht mehr als 13 000 Loose ä 1 Mk. ausgegeben werden dürfen und (abzüglich eines Betrags von 350 Mk. für Prämiirung) mindestens 70 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind, und den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet hat. Gießen, am 11. Deeember 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. G a g e r n. ______________________ VeHLtß^er 140. Plenarsitzung. Montag den 14. Deeember 1891, 11 Uhr. Auf der Tagesordnung steht die zweite (Special-)Berathung der HandelsoeNräg^^e^ £flnbei§Dertrage hat der Abg. Graf u MtrbaL (cons.) einen Antrag gestellt, die Zollpostttonen für Wein und Weinbeeren zu erhöhen; ec zieht den Antrag aber zurück, mit dem Vorbehalte, seinen Ansichten bei den einzelnen Positionen Nack kurzer"'Geschäftsordnungs-Debatte wird festgestellt, daß iitnSAft der österreichische Handelsvertrag in seinen einzelnen ArtiSn und sodann der Tarif in seinen einzelnen Positionen debattirt werden wll.^ österreichischen Handelsvertrages nimmt zunächst b“8 ®°bg. v.'M°N°w (conf.): In bet R-d-deS Reichskanzlers Interessen der Industrie einen breitm Raum eingenommen. W.«n Ünfe? r Haltung im Jnieress- der Landwirthschaft hat man ®'0." der liberalen Presse heftig angegriffen und uns vorgeworfen, uF Är nur deshalb oppon'rten, weil wir wüßten daß dt-Bertrüg- gtonbTtommen. Wir lehnen diese Beschuldigung ab. Wir i>°.ch u Anschauungen auch treu bleiben, wenn mifete Rttmmen -uslchlagg-bmd wären. Ich schließe mich den Ausführungen ^a^rasen Kan tz an, mit Ausnahme seiner Ansicht über die Sus- n^finn ber Getreide,olle. Man mag die Sach- drehen und wenden will das uamittAb-rst- Ergehn,ß dieser Verträge ist -in ÄllaussttU von 36 Millionen; diese Finanzpolillk verstehe ich nicht, ^oUan!Im»ninftl>n iu einer Seit, wo wir auf neue Einnahmen Bedacht am Sckulden umchen Mssen. Was die auswärtige Politik b-mm so wi?d^d°s wirthschasllich- Band das^politisch- Band nicht oeirlsi, i fSeaentbeti iu furchten, daß die Anhänger des Dreibundes sch ag-kw-7den, wenn w.r nicht di- wir.hschas.ltchen Nnrtbeise von dem Dreibünde hätten, würden wir g-g-n den Bund ° Das wird den Bund nicht f-sttg-n, sondern schädigen und l6”1- i* den Vertrag für schädlich auch in polttsicher Be- Uebuna ^Jch mutz deshalb aus Pflicht und Gewtffen als Landes- vÄreier und aus Vaterlandsliebe gegen den Vertrag stimmen. Art. 1 und 2 des Vertrages weiden angenommen. Aba^L e^s ch n e?b(Np^ Er^ei nicht Agrarier, anerkenne aber die Nmbwendigkett für die Landwirthschaft zu sorgen und habe in für bie agrarischen Zölle gestimmt. Er müffe aber guch d-k^gend- -n.g-g-n.r-t.n als ob uns-r- Industrie durch dm Amtlicher Tbeil. Gießen, 11. Deeember 1891. Betr.: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter sechs Jahren. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen sm die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises. Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 17. November 1880 (Anzeigeblatt Nr. 273), vom 27. März uno 11. November 1885 (Amtsblatt Nr. 1 und 7) fordern wir Sie zur alsbaldigen Einsendung der Ueberwachungöbogen bezüglich der in fremde Pflege gegebenen Kinder unter 6 Jahren (§. 17 der Instruction) bezw. zu der Ihnen obliegenden Berichterstattung, im Falle in Ihrer Gemeinde keine solchen Kinder verpflegt worden sind, auf. v. (Sagern. österreichischen Handelsvertrag gewinne; Oesterreichs Industrie pro- ductre so billig, daß wir damit nicht concurrtren können. Wenn Redner mit einem Tbeile seiner politischen Freunde trotzdem für den Vertrag stimmen wird, so geschehe dies aus allgemeinen politischen Rücksichten für den mitteleuropäischen Staatenbund. Staatssecretär vr. v. Bo etlicher: Das Erstarken der österreichischen Eisen-Jndusttie hat allem Anschein nach stattgefunden nach dem Eintreten unserer Zölle, denn seit dem Beginne der Zölle hat unsere Etsenausfuhr nach Oesterreich von Jahr zu Jahr in auffallendster Weise abgenommen. Gegenwärtig ist die Ausfuhr deutschen Eisens nach Oesterreich noch immer eine bedeutende; wir hoffen, sie wird sich infolge der Handelsverträge noch weiter heben. Nachrichten politifcher Blätter über den Umfang der Ausfuhr müssen immer mit Vorsicht ausgenommen werden, denn sie sind meist von dem politischen Standpunkte des Blattes beeinflußt. So sei den Sensationsnachrichten der Presse über die Einfuhr amerikanischen trichinösen Fleisches gegenüber zu constatiren, daß bisher kein Stück trichinösen Fleisches über die Abfertigungsstellen gekommen sei. Trichinöses Fletsch aus Amerika sei auf ungesetzlichem Wege eingeschmuggelt worden. Die getroffenen Einrichtungen werden nach Kräften dahin ausgebildet werden, daß gesundheitliche Gefahren ausgeschlossen erscheinen müffen. Man hat die Nothwendigkeit eines Gänse-Zolles betont. Der Handelsvertrag hindert uns in keiner Weise, einen solchen Zoll, wenn er wirklich nothwendtg ist, zu beschließen. Die Zuckerprämien von Oesterreich einseitig zu verlangen, wäre nicht gerechtfertigt, doch ist zu hoffen, daß man im Wege internationaler Verträge zu einer allgemeinen Aufhebung dieser Prämien kommen wird. Auch die gegenwärtig bestehende Duplicttät bei der Zollberechnung des Holzes, die tbeils nach Gewicht, theils nach Festmetern stattfinde, ergebe in Wirklichkeit einen Vortheil für deutsches Holz, Auch bezüglich des Hafers, der Gerste, der Zölle für Eier und Bettfedern sucht der Staatssecretär nachzuwetsen, daß der Vertrag vortheilhaft für Deutschland ist. Abg. v. Schalscha (Ctr.): Man wünscht jetzt plötzlich billigen Haf-r schon im Interesse der Armee-Verpflegung; man sollte auch Diejenigen nicht vergessen, die das Mannschastsmaterial für die Armee zu stellen haben. Man spricht von dem guten Geschäft, das wir bei den Verträgen machen; ich meine, es gibt Verträge, bet denen beide Theile schlechte Geschäfte machen. Der Reichskanzler hat sich in Widerspruch gesetzt mit dem preußischen Ministerpräsidenten. Der letztere stand noch im Juni d. I. wie ein Fels in der Brandung; die Rede des Reichskanzlers bet der ersten Lesung klang ganz anders. Die Behauptung, daß die Zölle den Preis beeinflussen werden, ist nicht in dem Sinne wahr, wie hier angedeutet ist. Der Vertrag hat nur den Zweck, den Preis für österreichisckes Getreide zu erhöhen. Da soll man doch nicht sagen, der Zweck sei, für den deutschen Arbeiter billiges Brod zu schaffen. Das Brod wird bei uns in keinem Falle billiger werden; wohl aber wird die Folge sein, daß die Einnahmen an Zöllen Ausfälle erleiden, die Ueberwetsungen an die Einzelstaaten abnehmen und der heimische Bauer sein Absatzgebiet verliert. Bisher haben die Getreidezolle überhaupt noch nicht als Schutzzölle gewirkt, das können sie auch erst, wenn die Valutenfrage geregelt ist. Herr Singer wollte den Landwirthen aufgeben, wieviel Getreide sie liefern sollen; allein der Staat wird nicht seinen Einfluß geltend machen können auf das Wachsthum des Getreides, das siebt in einer höheren Hand und daß nach so vielem Mißwacks die Preise für Getreide hoch sind, ist kein Wunder. Ich bin kein Schutzzöllner, sondern Btmetallist und ich glaube, daß der erstere durch den letzteren aufgehoben werden kann. Redner wendet sich gegen Singer, der von den spielenden und wettenden Gutsbesitzern gesprochen habe. Nun, Herr Wolff habe auch gewettet. Lasker habe die Gründungen beleuchtet und sei dabet auf einige aristokratische Bäume gestoßen, habe sich aber gehütet, tiefer in das Gebüsch zu gehen, denn er habe bald bemerkt, daß dort viele andere, ibm näher stehende Leute zu finden waren, darunter viele exotische Gewächse. (Heiterkeit.) Die Einschätzung zur Einkommensteuer hat den Nothstand der Landwirthschaft wieder klar in die Erscheinung treten lassen; kaum 3pEt. der Land- wirthe konnten zur Staatseinkommensteuer veranlagt werden. Vielfach ist es vorgekommen, daß die Knechte und Dienstboten hoher veranlagt werden konnten, als ihr Dienstherr! Die heimische Schweinezückterei liegt schon jetzt darnieder; nun soll die Einfuhr von Schweinefleisch gestattet sein. Boshafte Nachbarn setzen einander ihre Spanferkel, die sie nicht los werden können, auf den Hof, andere kommen zu dem heroischen Entschluß, ihre Spanferkel selbst aufzuessen und brauchen dazu 15 Tage. Glauben Sie, daß die Zufriedenheit der Bauern gefördert wird durch den lötägigen Genuß von Spanferkeln? (Große Heiterkeit.) Redner fürchtet, daß sich die Hoffnungen, die der Reichskanzler auf die Verträge fetzt, nicht erfüllen werden. Abg. Prinz Carolath-Schöneich (fractionslos) ist erfreut, daß der Kanzler auch Denjenigen die Vaterlandsliebe nicht abgesprochen hat, die gegen die Vorlage stimmen. Das sei eine erfreuliche Wendung zum Bessern, gegenüber dem ftüheren System, das dahin ging, jeden Gegner gewisser Vorlagen als Vaterlandsfeind zu behandeln. Redner hält die Ermäßigung der Getreide-Zölle für eminent wichtig gegenüber unseren augenblicklichen socialen Velbältntssen. Es ist nöthig, eine Lebensmttteloerbill-gung herbetzuführen. Das mag den Herren, welche die Zölle gemacht haben, eine bittere Pille sein, aber es sei noch nicht sicher, ob sich auch nur diese geringen Zölle werden aufrecht erhalten lassen. Bei den kleinen Grundbesitzern hat sich die Erkenntniß Bahn gebrochen, daß von den Zöllen nur der Großgrundbesitzer, aber nicht die Kleinbauern, die selbst Getreide kaufen müssen, Vortheil haben. Man soll sich aber hüten, Zwietracht zwrschen Groß- und Kleinbesitz zu säen. Unter den Arbeitern hat ntckts so sehr Haß und Verbitterung erzeugt, als diese Getreidezolle. (Oho!) Der Arbeiter liest feine volkswirthschaftlichen Abhandlungen über Börsenspeculation und Wirkungen des Zolles; er schiebt die Schuld an den theueren Brodpreisen denen zu, die das Brod verkaufen. Mit der Annahme der Vorlage wird ein schwerer Stein des Anstoßes beseitigt; es bleiben ohnehin noch genug liegen. Die Vorlage wird die Hahl der Zufriedenen im Reiche vermehren. Abg v Kleist-Retzow (dcons.): Er sei Großgrundbesitzer, aber von zahlreichen Kleingrundbesitzern gewählt. Das für den Kriegsfall geschlossene Bündniß der mitteleuroparlchm Staaten habe mit wirthschaftlichen Fragen nichts zu thun und müsse von der Vorlage ganz getrennt behandelt werden. Man behauptet die Jntereffen der Landwirthschaft genügend gewahrt zu haben; das ist nicht einzusehen gegenüber der unbestrittenen Thatsache, daß der Zoll auch innerö«lb der zwölf Jahre, für welche der Vertrag lautet, noch zu jeder Zeit herabgesetzt werden kann. (Sehr richtig!) Die gegenwärtigen Prers- verhältnisse sind nicht normal: für die Folgen von Mtßwachs und schlechter Ernte kann man weder die Landwirthschaft noch die Zölle verantwortlich machen. Für die Zollermäßigung fehlt es an jedem zureichenden Grunde, es müßte denn sein, daß der Reichskanzler zum Freihandel übergehen will, wogegen er sich verwahrt hat. Tief zu beklagen aber sei, daß man in dem Moment, wo man der Land- wirthschaft diesen schweren Schlag versetzt, noch fortwährend mit den schönsten Worten versichert wird, daß man die Interessen der Landwirthschaft anerkenne und dieselben zu schützen und zu fördern entschlossen sei. Redner schildert die wirthschaftlichen Nachtheile, welche das platte Land zu Gunsten industrieller Gegenden habe, wo die ländliche Bevölkerung in die Städte strömt, dort bald herunterkömmt und dann erkrankt und verarmt in ihre ländliche Heimath zurückkehrt und den Gemeinden zur Last fällt. Alle die Lasten der Landwirthschaft sind nicht Im Geringsten berücksichtigt worden und es bleibt mir deshalb nichts weiter übrig, als gegen die Verträge zu stimmen. Staatssecretär Frhr. v. Marschall: Den Hoffnungen, welche den Vorlagen gegenüber von freihändlerischer, und den Befürchtungm, welche von schutzzöllnerischer Seite laut werden, entgegenzutreten, haben die verbündeten Regierungen keinen Anlaß. Doch ist wohl soviel sicher, daß eine Aufhebung ober weitere Herabsetzung der Ge- treidezölle dann nicht nöthig werden wird, wenn wir mit ben Zöllen ein weises Maß innehalten. Wer im Jahre 1879 einen Getreidezoll von 3,50 Mk. gefordert hätte, dem würden die Herren Agrarier entgegnet haben, daß er die Jntereffen der Landwirthschaft schädige. Heute liegen die Verhältnisse nun vielfach entgegengesetzt. Wenn auch ein Zollkrieg mit Oesterreich noch nicht bestand, so lag ein solcher doch nahe, denn auf jede unserer Zollpositionen antwortete Oesterreich mit einem Zoll seinerseits. Wtrthschaftliche Verträge verstimmten wohl einzelne Interessengruppen, wirthschaftliche Kriege verstimmten und entfremdeten ganze Nationen. In diesem Sinne wird die Schlußabstimmung über die Vorlage eine viel weiter gehende Bedeutung als die rein wirthschaftliche haben. Abg. Frhr. v. Pfetten-Arnbach (Ctr.): Die Zölle bringen in diesem Jahre der Landwirthschaft wenig Nutzen, da dieselbe große Kosten, namentlich hohe Arbeitslöhne für die Bestellung der Felder hat aufwenden müssen und infolge der Mißernte nur geringe Quantitäten Korn hat auf den Markt bringen können. Im Uebrigen schließt sich Redner den Ausführungen der Abg. Orterer und Frhr. v. Huene an und anerkennt die Gründe der auswärtigen Politik sowohl, wie der inneren wirthschaftlichen Verhältnisse, welche für die Verträge vorhanden sind, für die er in der Hoffnung stimmen wird, daß die Regierung die Nachtheile, welche die Landwirthschaft bei dieser Gelegenheit erleidet, thunlichst auszugleichen bemüht sein wirb. Abg. Miss er (wildlib.) findet es sehr entgegenkommend von der österreichischen Regierung, daß sie sich mit der Ermäßigung des Getreidezolls auf 3,50 Mk. einverstanden erklärt; es könnten doch sehr leicht Verhältnisse eintreten, welche uns nöthigen, eine weitere Herabsetzung eintreten zu lassen. Redner ist bereit, dem Reichskanzler zu folgen, wenn er mit der Herabsetzung der Zölle weitergehen wollte. Er stimmt für die Vorlage. Abg. Lutz (dcons.) erklärt sich gegen die Vorlage. Die Getreide exportirenden Länder hatten sich mit dem 5 Mk.-Zoll abgefunben; nun kommt die Zollherabsetzung und wird eine Heber fluthung unseres Vaterlandes herbeiführen, unter der der kleine Bauer am meisten zu leiden haben wird. Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz begründet die Nothwendigkeit einer Herabsetzung der Zölle für Mühlenfabrikate, die dadurch bedingt fei, daß die Kornzölle herabgesetzt wurden. Heber den Zollausfall kann man genau noch nichts angeben; doch wird sich der Ausfall unschwer überwinden lassen und wir werden im Laufe der Jahre auch entsprechende Deckungsmittel finden. Abg. Möller (nl.) anerkennt die Nothwendigkeit für die mitteleuropäischen Staaten, sich wirthsckaftlich wie politifch zu- sammenzuschließen, um dem Staatencoloß im Osten wirksam entgegenzutreten. In Bezug auf die Jndustriezölle findet Redner, daß der Vortheil aus Seiten Oesterreichs sei, das nur für Halbfabrikate Hollermäßigungen zugestehe, um seine Ganzfabrikate desto vortheil- hafter ausführen-zu können. Heber die in Betracht kommenden Interessen einzelner Productionszweige wünscht Redner, daß die Jn- tereffenten gehört wurden. Staatssecretär vr. v. Bötticher: Die Interessenten find in ausreichendem Maße gehört; es lag uns vor das ausführliche Gutachten des Deutschen Handelstages, der seinerseits eingehende Erhebungen veranlaßt hatte. Außerdem sind Sachverständige aller Branchen von der Regierung vernommen worden. Entgegen seiner früheren Ausführung muß Redner zugeben, daß ein Ganse-Zoll nicht einge- sührt werden könne, da der Geflügelzoll gebunden sei und Gänse unter diesen Zoll fallen. Abg. Menger (conf.) behauptet, daß eine genügende Heranziehung der Interessenten zu den Verhandlungen nicht ftattgefunden habe; er sei Mitglied einer Handelskammer, habe aber keine Gelegenheit gehabt, sich über die Tarife zu äußern. Redner schildert die voraussichtlich schädliche Wirkung einzelner Zölle, namentlich die Herabsetzung des Zolles auf Eichenlohe. Für den süddeutschen Weinbau werde die Herabsetzung der Weinzölle eine sehr nachtheilige Wirkung üben. Die Zollherabsehung sei äußerst unglücklich; sie wird unsere Weinkeller mit italienischen Weinen füllen und doch das italienische Exportbedürfntß nicht befriedigen; man hatte den Heberfluß der italienischen Weinproduction vielleicht in Deutschland verwenden können zur Cognac-Fabrikation. Redner bedauert, gegen die Verträge stimmen zu müssen. BundeScommissar Geh. Rath v. Schraudt gibt einige technische Aufklärungen über die Verwendung der italienischen Schnittweine. H'erouf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr. — Fortsetzung der Be- rathung. Schluß 5l/4 Uhr. Neueste Nachrichten. WvlffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau. Berlin, 14. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine königliche, vom Gesammtministerium gegengezeichnete Bekanntmachung über das Berechtigungswesen an den höheren preußischen Lehranstalten. Danach sind die Reifezeugnisse der Oberrealschulen ausreichend für das Studium der Mathematik und Naturwissenschaften aus der Universität und für die Zulassung zur Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen, ferner für Zulassung zu den Staats- prüsungen im Hochbau-, Bauingenieur- und Maschinenbausack, für das Studium auf den Forstakademien und die Zu- laffung zur Prüfung im Forstverwaltungsdienst, endlich für das Studium des Bergfaches. Die Reifezeugnisse der höheren Bürgerschulen < bezw. Lehranstalten mit sechsjährigem Lehrgang berechtigen für alle Zweige des Subalterndienstes, für die Supernumerarien, der indirecten Steuerverwaltung, Landmesser, Markscheidefach und die höhere Abtheilung der Gärtnerlehranstalt Potsdam. Im Uebrigen bleiben die bestehenden Vorschriften im Wesentlichen unverändert. Berlin, 14. December. Geheimerath Loeper, der bekannte Goetheforscher, ist gestern gestorben. Stettin, 14. December. In seiner Ansprache bei dem heutigen Stapellaufe des neuen Panzers von der Vulkanwerft erinnerte der Kaiser an den Tag des Jahres 1874, wo der erste deutsche Panzer, von der Hand seiner Mutter getauft, unter den Augen seines Vaters ins Wasser geglitten sei. Das neue Schiff solle den Namen tragen, der erinnere an den Mann, der jenen ersten Panzer taufte, an jene große Zeit, in der sein Vater als Heros sortlebe, in der Deutschlands Einigkeit erstritten, der Grundstein zu dem Bau gelegt wurde, der durch die Kaiserkrone seine Krönung erhielt. Das neue Schiff solle den Namen tragen zur Erinnerung an das Schlachtfeld, wo der Kronprinz Friedrich Wilhelm den ersten Sieg deutscher Waffen gegen den tapfer sich wehrenden Feind erstritt. Der Kaiser taufte dann das Schiff „Weißenburg". — Zum daraus stattfindenden Diner war die Generalität, die Spitzen der Behörden, die Direction und der Aussichtsrath des Vulkan geladen. Der Kaiser verließ Stettin um 8^ Uhr. Dresden, 14. December. Prinz Georg brach heute Vormittag auf einem Spazierritte infolge Sturzes des Pferdes das linke Schlüffelbein. Depeschen des „Bureau Herold". Berlin, 14. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bestätigt die Absicht der Regierung, als den Dirigenten der Colonialabtheilung Legationsrath Kaiser im nächsten Frühjahre nach Ostasrika zu schicken. Berlin, 14. December. Die Drucksachen bezüglich des Handelsvertrags mit der Schweiz gingen im Reichslage ein und wurden heute vertheilt. Berlin, 15. December. Dem „Tageblatt" zufolge rettete der Dampfer „Energie" bei Ameland die Mannschaft der sinkenden Barke „Ankathor". — Demselben Blatte zufolge wurde die gesammte in Minden garnisonirende Artillerie wegen des herrschenden Typhus nach Friedrichsfelde und Wesel verlegt. — Demselben Blatte zufolge ist der Lieutenant Ramsay, der Nachfolger Gravenreuths, nach Kamerun abgereist. Berlin, 15. December. Einer Blättermeldung zufolge nehmen an den österreichisch-serbischen Handelsvertrags-Verhandlungen deutsche Delegirte theil. Danzig, 14. December. Das Lehrerseminar in Marienburg wurde wegen der unter den Zöglingen herrschenden Influenza geschlossen. Bremerhasen, 14. December. Die gestrige Versammlung socialistischer Wähler des 19. Wahlkreises saßte nach heftigen Angriffen Schmalfelds (Gegner Bismarcks im Wahlkampfe) eine Resolution, in der die Erwartung ausgesprochen wird, daß Bismarck sein Mandat niederlege. Stuttgart, 14. December. Das Königspaar von Württemberg wird im nächsten Monat den Kaiser in Berlin besuchen und trifft zum Geburtstage des Kaisers dort ein. Kiew, 14. December. Sämmtliche in den Fabriken und in den Industrieanlagen des Gouvernements Wolhynien angestellte Deutsche sollen unverzüglich ausgewiesen werden. Localer uttb provinzieller. Gießen, 15. December 1891. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten «m Donnerstag den 17. December 1891, Nachmittags 4 Uhr: 1) Unterhaltung der städtischen Wiesen. 2) Ausbau der Lonystraße. 3) Verbesserung des Stephans- weges. 4) die Einsriedigung des Bauplatzes des Christoph Spieß in der Diezstraße. 5) Lieferung von Podien für die Realschule. 6) Erlaß einer Feuerlöschordnung für die Stadt Gießen. 6 a) Fortsetzung der Löberstraße bezw. Brückenbau in der Goethestraße. — Neues Theater. Donnerstag den 17. ds. Mts. kommt als letzte Vorstellung im 1. Abonnement Julius Rosens Lustspiel „Schwere Zeiten" zur Ausführung. Das Werk hat überall einen großen Erfolg zu verzeichnen, hier ist dasselbe unseres Wissens noch nicht aufgeführt worden. Sonntag den 20. ds. Mts. letztes Gastspiel des Herrn Georg Hacker „Hamlet, Prinz von Dänemark". — Neues Theater. Wie vorauszusehen war, fand die gestrige Aufführung der „Anna-Liese" mit Herrn Georg Hacker als Gast bei ausverkauftem Hause statt.' Das Stück, wegen seines historischen Hintergrundes an und für sich schon gehaltvoll, und für jeden Gebildeten von besonderem Reiz, entrollt vor den Augen des Zuschauers das Leben und Lieben des jungen anhaltischen Prinzen Leopold von Dessau, nachmaligen so berühmten alten Deffauers. Bekannt ist der ! eigenartige Charakter jenes großen Feldherrn und ebenso eigenartig war auch sein Lieben. Er, der Fürstensohn, war in wahrer aufrichtiger Liebe zu feiner Jugendgefpielin, dem liebreizenden Töchterchen des Apothekers Föhse entbrannt und hatte trotz aller Jntriguen Dank feines „Eisenkopfes" seine Liebe mit Erfolg behauptet. An ihm erfüllten sich jene bekannten Worte aus Carmen „Die Liebe von Zigeunern stammet, sie fragt nicht nach Gesetz und Stand." Das Stück giebt jedem der Darsteller Gelegenheit, zu zeigen, was er kann, es bietet fast in jeder Scene ein dankbares Spiel und die Darsteller leisteten, was zu leisten war, wofür sie wohlverdienten Beifall ernteten. Herr Heorg Hacker gab den jungen Dessauer in seiner Eigenart und Urwüchsigkeit, wie die Geschichte ihn kennt und wie der Dichter ihn gezeichnet. Sein „Leopold" war bis auf einige Kleinigkeiten eine Bravourleistung, welche wir auch bei feinen schauspielerischen Fähigkeiten erwartet haben. Den stürmischen Beifall, den er erntete, theilten aber auch die Darsteller der hiesigen Bühne, in erster Linie die Anna-Liese (Frau A. Reiners). Ihr Spiel war eine warme, naturgetreue Wledergabe jenes lebensfrohen, kindlich heiteren und später so todestraurigen Apothekerkindes, wir können diesmal mit Recht behaupten, eine ausgezeichnete Leistung, was auch die stürmischen Beifallsbezeugungen bewiesen. Dieser Leistung reihte sich würdig die des Apotheker Föhse an, (Georg Stegemann), welcher über die seiner Ansicht nach aussichtslose Liebe seines einzigen geliebten Töchterchens tief unglücklich ist. Herr Stegemann, welchen wir in einer derartigen Rolle bisher noch nicht gesehen, vielmehr immer als den unternehmenden Liebhaber, zeigte mit seinem gestrigen Spiel, daß ein routi- nirter Schauspieler Alles darstellen kann. Die Darstellerin der Regentin-Mutter (Louise Plog) bestätigte in dieser Rolle unsere s. Z. geäußerte Vermuthung, daß sie als jugendliche Naive mit Erfolg kaum auftreten kann, bedeutend eher aber als die vornehme Salon-Dame wie gestern. Abgesehen von dem in der Entsagungsscene der „Anna-Liese" nicht genug ausdrucksvollen Geberdenspiel, zeigte sie em richtiges Auffassen und Einleben in die Rolle. Die beiden Spaßmacher in dem Stück, der Gouverneur Marquis de Chalisas und der Hofmarschall von Salberg, hatten in den Herren Paul Ernst und Albert Rosenow ihre richtigen Vertreter gesunden und fanden für ihr Spiel dankbaren Beifall. Die gestrige Vorstellung war im Ganzen eine Bravourvorstellung ; wir bitten um „mehr". — Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberhesien am 14. December 1891. Zur Verhandlung kam die Strafsache gegen Heinrich Menges II. von Harheim wegen Brandstiftung. (Staatsanwalt: Theobalds Vertheidiger: Rechtsanwalt Kraft; Geschworene: Ludwig Schadeck II., Georg Philipp Feuerbach, Johann Heinrich Scheerer, Wilhelm Fey, Andreas Keller, Georg Conrad Fritz, Philipp Winter I., Friedrich Wilhelm Wetz II., Paul Schäfer IV., Anton Rompf VIII., Heinrich Kaspar, Adolf Euler II.) Heinrich Menges II. ist angeklagt, daß er am 1. October 1891 zu Harheim ein zur Wohnung von Menschen dienendes Gebäude vorsätzlich in Brand gesetzt habe. Die heutige Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Heinrich Menges II., ein Trunkenbold, der nichts oder nur wenig arbeitet, hatte in Folge seiner Trunksucht einen großen Theil seines Vermögens, insbesondere eine ihm im vorigen Jahre angefallene Erbschaft im Betrage von 1800 Mk. in kurzer Zeit durchgebracht. Seine Familienangehörigen, Frau und sechs Kinder, behandelte er häufig in so roher Weise, daß dieselben gezwungen waren, die Hülfe der Ortspolizei gegen ihn in Anspruch zu nehmen und vor seinen Nachstellungen Zuflucht bei Verwandten oder Bekannten zu suchen. Wiederholte gerichtliche Bestrafungen übten einen bessernden Einfluß aus ihn nicht aus. Auf Antrag seiner Ehefrau wurde Ende September 1891 bei Großherzoglichem Amtsgericht Vilbel ein Verfahren wegen Entmündigung gegen ihn eingeleitet. Termin zur Vernehmung der Eheleute Menges war auf den 1. October l. I. Vormittags vor genanntem Gerichte anberaumt. Menges machte sich an diesem Tag zeitig aus den Weg nach Vilbel, wohin er sich in einem Fläschchen einen Viertelschoppen Schnaps mitnahm. In Vilbel besuchte er zunächst die Stadelmann'sche Wirtschaft, trank dort zwei Viertelchen Schnaps und entfernte sich in angetrunkenem Zustand, um an das Gericht zu gehen. Dort wurde er wegen seines Zustandes zurückgewiesen. Er trank dann nochmals bei Stadelmann einen Schnaps und fuhr um */gl0 Uhr mit der Eisenbahn nach Hause. In Harheim angekommen, trieb er sich bis um 5 Uhr Nachmittags, ohne etwas zu arbeiten, im Orte herum, besuchte insbesondere seine Schwester und trank wiederholt Schnaps. Etwa um 2 Uhr Nachmittags war seine Frau mit drei Kindern beschäftigt, Kartoffeln in den Keller einzuthun. Menges kam dazu, bedrohte Frau und Kinder und warf mit Steinen nach ihnen, so daß dieselben flüchtig gehen mußten. Frau Menges begab sich zu ihren im Ort wohnenden Eltern, die Kinder gingen auf das Feld, um zu arbeiten. Gegen 5 Uhr kam Menges in die Werkstätte des zwei Häuser von ihm entfernt wohnenden Jacob Schneider, unterhielt sich mit demselben und entfernte sich nach einiger Zeit mit dem Bemerken: „Jetzt gehe ich nach Hause und stecke es an". Schneider erwiderte: „Da kriegst Du ja Strafe", woraus Menges sagte: „Ja, das weiß ich, mindestens zwei Jahre" und sich entfernte. Beim Weggehen begegnete ihm die Ehefrau des p. Schneider, der er zuries: „Jetzt werdet Ihr was erleben!" Diese gab auf Aufforderung ihres Ehemannes alsbald der Ehefrau des unmittelbar neben Menges wohnenden Philipp Jene Kenntniß von der drohenden Aeußerung des Menges, damit sie in der Lage sei, sich vorzusehen. Als die beiden Frauen in Jenes Hofraithe sich noch über diesen Gegenstand unterhielten, ging Menges aus seiner Hofraithe heraus und entfernte sich, indem er an Jenes Haus vorbei die Ortsstraße heraufging. Unmittelbar darauf brach in dem Wohnhaufe von Menges Feuer aus. Es brannte zunächst Heu und Stroh, das aus dem Vorplatze des Mansardenstockes lag und wohl lediglich zum Zwecke der Brandstiftung dahin gebracht worden war. Das Feuer ergriff das aus dem Boden liegende Heu uni? Scheitholz und zerstörte das Dachwerk und die Mansardenräume des einstöckigen Hauses. Von den nicht versicherte» Mobilien wurden Leibwäsche, Küchengeräth und Kleider durch den Brand zerstört oder beschädigt. Der Gesammtschade» belief sich aus ungefähr 1000 Mk. Menges sah, als er seine Hofraithe verlassen hatte, mehrmals nach derselben zurück und begab sich geraden Weges nach Vilbel, wo er bei Wirth Stadelmann übernachtete. Einem Taglöhner desselben erzählte er am folgenden Morgen, er habe Tags zuvor eine» dummen Streich gemacht, er habe sein Haus angesteckt. Er stellte in der heutigen Verhandlung die Verübung der That nicht ernstlich in Abrede, behauptend, daß er in Folge seiner Betrunkenheit nicht gewußt Habe, was geschehen sei. Durch die Zeugen und die Sachverständigen wurde jedoch dargethan, daß er sich weder in einem Zustande der Bewußtlosigkeit noch in einem Zustande, der die freie Willensbestimmung ausschließenden Störung der Geistesthätigkeit befunden habe. Aus das „Schuldig" der Gesprochenen erfolgte die Verur- theilung desselben in eine Zuchthausstrafe von drei Jahren, unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte aus die Dauer von fünf Jahren. — Diebstahl. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wurden aus einer Hofraithe der Westanlage zwei Hühner und ein Hahn gestohlen und von dem Dieb in unmittelbarer Nähe der Hofraithe abgeschlachtet. Der vermuthliche Dieb, an dessen Kleidern man Blutspuren fand, ist gestern hier verhaftet worden. — In einer Wirthschast der Neuen-Bäue wurde die an der Wand des Wirthszimmers befestigte Waisenbüchse abgerissen und gestern im Hofe erbrochen ausgefunden. Wer über den Thäter irgend welchen Anhaltspunkt zu geben vermag, wird gebeten, dies schriftlich oder mündlich bei der Polizeibehörde zu thuu. — Zwei Leute, welche gestern aus einem Keller Kohlen entwendeten, wurden dabei erwischt und zur Anzeige gebracht. — Unterschlagung. Wegen Unterschlagung von Kundengeldern im Betrag von über 300 Mk. wurde ein seither hier conditionirender Metzgergeselle heute Vormittag verhaftet. Grünberg, 13. December. Der renommirte Gasthof „Zum Hirsch" dahier, seither im Besitze des Herrn Hoffmann, geht am 1. April 1892 in den Besitz des Herrn Kalitsch, seither Oberkellner im „Hotel Lenz" in Gießen, über- der Kaufpreis beträgt 63 000 Mark. + Berstadt, 13. December. Heute starb dahier der Verwalter der hiesigen Poststelle, Herr Ellen berg er. Derselbe, seit längerer Zeit leidend, war viele Jabre lang dahier als Beamter der Poststelle thätig. — Ein hiesiger Einwohner fiel in seiner Scheuer so unglücklich, daß man an seinem Aufkommen zweifelt. R. Alsfeld, 14. December. Auf die anhaltend regnerische und stürmische Witterung glaubte man am Samstag endlich Frost erwarten zu dürfen. Wenigstens war Samstag Abends der Boden leicht gefroren. Gestern Morgen jedoch hatte sich von Neuem Regen und heftiger Wind eingestellt. Letzterer nahm gegen Abend zu bis etwa um 5 Uhr ein plötzlicher starker Windstoß männiglich erschrecken machte. Im Zimmer Ihres Correspondenten schwankte eine schwere Hängelampe hin und her, vereinzelt flogen Ziegeln und Blumenbretter auf die Straße- es scheint jedoch nicht, als ob dadurch hierorts ein nennenswerther Schaden entstanden wäre. Dagegen wurden im benachbarten Liederbach Dächer theilweise weggerissen und starke Obstbäume vollständig abgebrochen. 8 OberSeemen, 14. December. Bei einer Treibjagd^ welche am verflossenen Freitag in hiesiger Gemarkung abgehalten wurde, wurden gegen 40 Hasen erlegt. Diese Anzahl ist um so bemerkenswerther, als die Hasen ohnehin in unseren Gegenden nicht sehr zahlreich vorkommen und als man gerade in diesem Jahre allseits über das schlechte Er- gebniß der Hasenjagd Klagen führt. Unsere Jäger hatten allerdings einen günstigen Tag angetroffen, an welchem die Hasen das Feld zu ihrem Lager gewählt hatten. Bekanntlich geht der Hase am Morgen nicht in den Wald, wenn es in demselben tropft, was bei der gegenwärtigen Witterung öfters zu geschehen pflegt. D Vom Vogelsberg, 14. December. Nachdem schon am Montag der verflossenen Woche ein starker Sturm mit electrischen Entladungen geherrscht, wie bereits gemeldet, trat der orkanartige Sturm wiederholt auf. Ganz besonders stark wüthete der Sturm in der Nacht auf den Freitag, an dessen Morgen man wiederum Blitz und Donner wahrnahm. Auch gestern Abend wiederholte sich das Sturmesgebraus, hielt jedoch nur kurze Zeit an. Die orkanartigen Stürme haben überall namhaften Schaden angerichtet. Fensterflügel wurden eingedrückt und zertrümmert, Ziegel und Schornsteine von den Dächern geschleudert, Gefache von den Häusern abgerissen und von den Bäumen schwere Aeste abgerissen. Dem Sturm folgte anhaltendes starkes Regenwetter, das die Bäche über ihre User treten ließ. Das Wiesenthal der Ohm ist stellenweise unter Wasser gesetzt. Die Bewässerung der Wiese» kann jetzt in gründlicher Weise geschehen. Vecniischtes. * Ueber die „Berliner Stadtmisfion" schreibt der „Sonntagssreund": Stadtmissionsarbeit ist die Arbeit des barmherzigen Samariters in der Wüste des Lebens. Unsere tägliche Arbeit ist es, den Armen Hilfe, den Traurigen Trost, den Strauchelnden eine Stütze und den Verlorenen Rettung zu bringen. Die 23er 1 in er Stadtmisfion arbeitet in der Kraft und im Namen des Heilandes, der Heilung hat für alle Wunden. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, der große» geistlichen und leiblichen Noth nack Kräften steuern zu Helsen. Ihre Arbeit ist lediglich eine Hilfsarbeit für die Kirche^ Sie will den mit Arbeit überlasteten Geistlichen in de» übergroßen Gemeinden in der Seelsorge Beistand leisten«, ^Dort im Norden ist die Zionsgemeinde, welche 130 000 Seelen zählt und nur drei festangestellre ^Pastoren hat und einen Hilfsprediger; im Osten die Markusgemeinde, die ebenso groß ist, ebenso wenig mit Seelsorgern versorgt ist- im Süden die Heiligkreuzgemeinde mit 12<)000 Seelen und drei Geistlichen und einem Hilss- - Prediger. Berlin hat eine große Reihe solcher Riesengemeinden, in denen die Prediger mehr als genug zu thun haben, wenn sie die allernothhwendigsten Amtshandlungen ausführen. In solchen kirchlichen Nothstand ist die Stadt- mission hineingetreten. 4 Pastoren, 35 Stadtmissionäre, 4 Stadtmissionsschwestern stehen in ihrem Diensten. Die Aufgabe der Stadtmissionare ist es, die Noth in den Häusern zu suchen und den Herzen den Trost aus dem Worte Gottes anzubieten- jeder unserer Stadtmissionare ist in einem Jahr mit 9000 Familien wiederholt in Verbindung getreten, ungerechnet diejenigen Personen, mit welchen einmal oder gelegentlich Unterredungen, stattgefunden haben. An die Thüren der Armen haben sie zunächst geklopft, sie kennen die Armuth — die verschuldete und die unverschuldete — die Klagen fallen ihnen von allen Seiten ins Herz hinein. Nicht planlos helfen sie, sondern sie reichen die Gaben so dar, daß auch durch die Art ihrer Darbringung der Werth derselben erhöht wird. Nicht immer ist einer Familie mit Geld zu helfen, oft ist ein altes Kleid mehr werth als blankes Geld, und oft ist ein Wort des Trostes, eine Ermunterung zum Glauben, ein Gruß der Liebe, welcher Gabe hinzugesügt ist, iverthvoller als die Gabe selbst. Solche Saat wird auf Hoffnung gesäet. Mag sie oft lange unter dem Winterschnee verborgen liegen: Missionsarbeit ist die Arbeit eines Säemanns, der warten und hoffen kann. Wir geben keine unsterbliche Seele verloren, solange der Herr ihr noch Gnadenfrist gegeben hat. Hilf uns säen: der Herr wird das Aehrenseld reisen taffen. * Berlin, 14. December. Letzte Nacht ist ein bejahrter Rentner Namens Gur au er, der in der Lothringerstraße 'wohnt, von seinem Dienstmädchen, einer Eousine desselben, und einem Schuhmacher geknebelt und mißhandelt ^worden. Es war wahrscheinlich aus einen Mord abgesehen. Das Stöhnen des alten Mannes wurde aber von einem Hausbewohner gehört. Dieser rief den Wächter. Man drang in die Wohnung, befreite den Gefesselten und verhaftete die ^drei genannten Personen. tt Aus Kurheffeu, 14. December. Eine entsetzliche TBkutthat hat durch ihre besonderen Nebenumstände die LBelvtchner der Kreise Fulda und Hünfeld rc. in ungewöhnlicher Weise in Erregung versetzt. Der Thatbestand ist kurz folgender: Im Dorfe Hattenhof bei Neuhof saßen gestern Abend die jungen Bursche des Ortes gemüthlich im Wirths- hause zusammen, als Neckereien wegen Liebeshändel entstanden- schließlich kam es zwischen mehreren jungen Leuten zum Wortwechsel und zu schlimmen Drohungen. Dabei forderte der 25jährige ledige Schuhmacher Albert Bug, welcher ein leidenschaftlicher Jäger und Jagdpächter ist, die mit ihm streitenden Gebrüder Möller aus, doch mit ihm hinaus vor die Thüre zu kommen, wenn sie von ihm noch etwas heraus haben wollten. Als er, aus seine körperliche Kraft pochend, die beiden Brüder wiederholt hänselte, gingen dieselben wirklich hinaus auf den Hausflur. Hier hatte Bug nun aber sein Jagdgewehr hängen oder inzwischen von Hause herbeigeholt, genug, er machte Miene, auf die Brüder anzulegen. Diese sprangen entsetzt zur Seite und, indem sie aus dem Bereich des Unmenschen zu kommen suchten, flüchteten sie hinaus auf die Straße, der durch Genuß von Spirituosen aufgeregte und wüthende Bug mit der geladenen Waffe da- hinterher. Auf der dunklen Straße, in der Nähe des Wirths- hauses, befand sich nun unglücklicher Weise der 20jährige Bauernsohn Valentin Münster, ebenfalls aus Hattenhof. Dieser junge Bursche hat große Aehnlichkeit mit einem der beiden Möller und wurde nun, so wird berichtet, im Halbdunkel der schlecht erleuchteten Straßen von Bug für den einen Möller gehalten und erschossen. Der aus dem Jagdgewehr aus kurzer Entfernung abgegebene Schuß drang dem wohl kaum den Ernst der Situation begriffen habenden Münster mitten in die Brust und derselbe fiel sofort tobt zu Boden. Bug, der aus guter Familie stammt, ging noch am selben Abend nach dem Gericht zu Neuhof und stellte sich selbst. Verkehr, Land, nnd VolkswirLH-chaft. Siehe«, 15. December. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter pr. Pfb- X 1,18—1,20, Hühnereier 1 St. 7-8, 2 St. - 4, Enteneier 1 St.--4, 2 St. - 4, Käse pr. St. 7—9 4, KLsematte pr. St. 3 4, Erbsen pr. Liter 20 4, Linsen pr. Liter 30 4, Tauben pr. Paar X 0,60—0,00, Hühner pr. Stück X 0,85—1.00, Hahnen pr. St X 0,70—1,20, Enten pr. Stück X 1,50—1,70, Ochsenfleisch pr. Pfd. 70—76 4, Kuh- und Rindfleisch 62—66 4, Schweinefleisch 60-70 4, Hammelfleisch 50—704, K(Ä- fleisch 54-60 4, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 7,50-8,50, Weißkraut pr. St 4—10 4, Zwiebeln per Centner X 6,50—7,50, DttlL per Liter 12—18 4, Ganse 48-56 4. — Kürbis als Gemüse. Meistens findet der Kürbis nur Verwendung als eingemachte Frucht - weniger Mannt ist, daß er auch zur Herstellung eines sehr schmackhaften Gemüses gebraucht werden kann. Das von Schale und dem inneren weichen Thelle befreite Fruchtfleisch wird in fingerlange Stücke geschnitten und in Salzwasser weich gekocht. Man bereitet bann eine Sauce, ähnlich der, welche man für Schwarzwurzel, Spargel rc. gebraucht, aus saurem Rahm, JIM Will Butter, Mehl, Salz rc.; in dieser wird der Kürbitz nochmals schnell ausgekocht und nach ca. Vs Stunde bei mäßiger Hitze stehen gelassen. Bor dem Serviren thue man etwas Petersilie auf das Gericht. Universitäts«Nachrichten. — Aus Halle a. d. S. wird gemeldet: Der Germanist Prof. E. Siewers hier hat sich enttchlossen, dem von Leipzig an ihn ergangenen Rus als Nachfolger Zarncketz, seines Lehrers, zu folgen. Darüber, ob Profeffor Crusius-Tübingen dem Rufe nach hier als Nachfolger Ed. Hillers folgen wird, liegt noch keine Entscheidung vor. Citeratur rrrrd Kntift , —Die Hexe. Eine Regensburger Geschichte aus dem sechtz- zehntm Jahrhundert von Josef Laufs. Preis broschtrt 5 Mk. In Orig naleinband 6 Mk. (Verlag von Albert Ahn in Köln und Leipzig.) Der Verfasser hat sich bereits durch sewe drei größeren epischen Dichtungen: „Jan van Calker" und „Der Helfenstetner", besonders aber durch seine letzte, „Die Ooerstolzin", einen weiten und dankbaren Leserkreis erworben, der sich j»ie fit '»nfeqm drunter '°lgte bi u n’iQei scholter selb^ @ Elches *°fcn. ’n bic . Arbeit p S* M1* Vorgerückter Saison wegen verkaufe sämmtt. Herren- u. Knaben-Paletots, Kaisermäntel, Joppen n. Winter- Anzüge zu noch nie dagewesenen billigen Preisen. Bahnhofstraße __