1891 Mr. 135 Drittes Blatt. Sonntag den 14. Juni Der tühwt Airzei-er nffchrint täglich, Bit Au-nahmc des Montag- iht Gießener $K*ici<«er4itti »trbtn dem Anzeiger »-»4chmtlich dreimal d eigelegt. Gießener Anzeiger Henerat-Mnzeiger. Lterteljähriger AöonuemeutsPrer» 2 Mark 20 Pfg. Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg Redaction, Expedm«' und Druckerei: Kchulstratze Kr.» Fernsprecher 51 Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren. L»oahm« von Anzeigen zu der Nachmittag- für dm jslgmden lag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr. Hratisöeitage: Hießen er Aamikienökätter Alle Anuoncm-Bureaux de- In- und Auslandes nehm^ Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen Amtlicher Lheil. Bekanntmachung, betr. die Ausführung des Gesetzes über die Unterbringung verwahrloster Kinder, vom 11. Juni 1887, hier das Pflegegeld in den Erziehungsanstalten. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Vie Grotzh. Bürgermeistereien -es Kreises. Die nachstehende Verfügung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz theilen wir Ihnen zur Kenntniß- nahme mit. Gießen, 11. Juni 1891. v. G ag ern. pp. an die Vorstände der evangelischen Rettungshäuser zu Arnsburg, Hühnlein und Jugenheim und der Eziehungs- anstalt zu Gräsenhausen. Auf die Eingabe vom 2f* l. I. erwidern wir Ihnen, daß wir bei der beabsichtigten Erhöhung des Pflegegeldes für die aus Grund des rubricirten Gesetzes in Ihren Anstalten unterzubringenden Kinder auf 280 Mk. jährlich nichts zu erinnern finden und eventuell keinen Anstand nehmen werden, gemäß Artikel 10 des citirten Gesetzes die Hälfte der fraglichen Pflegegeldbeträge, bezw. gemäß Art. 11 des Gesetzes die ganzen Beträge, aus die Staatskasse zu über; nehmen. ________________ Gießen, 11. Juni 1891. Betr. die Vertilgung der Blutlaus. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises. Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 21. April d. I. (Kreisblatt Nr. 93) noch nicht entsprochen haben, werden an Erledigung mit Frist von 5 Tagen erinnert. ___________v. Gag ern. Bekanntmachung, betr. die Maul- und Klauenseuche zu Birklar. Nachdem innerhalb eines Monats nach Aushebung der Sperrmaßregeln in der Gemarkung Birklar kein neuer Fall der Maul- und Klauenseuche constatirt worden ist, haben wir die Großh. Bürgermeisterei Birklar wieder zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen ermächtigt. Gießen, den 11. Juni 1891. Großherzogl. Kreisamt Gießen, v. Gagern. CotaUs rrnd ptotHttjicHef. Gießen, 13. Juni 1891. — Sitzung der Stadtverordneten vom 11. Juni. (Schluß.) Nachdem in voriger Sitzung mit 11 gegen 10 Stimmen be- ■ schloffen worden, an dem vor drei Jahren gefaßten Beschluß, j nach welchem das Octroi auf Mehl und Backwaareu ausgehoben ! werden soll, festzuhalten, hat Herr Oberbürgermeister Gnauth, j durch dessen Stimme zu Gunsten der Aufhebung des Octrois . auf die genannten Artikel entschieden worden, der vereinigten ] Finanz- und juristischen Commission folgende Erklärung unter- , breitet: „Der vor drei Jahren gefaßte Beschluß der Stadtverordnetcn- ' Versammlung, das Octroi für Mehl und Backwaareu, wie für Brenn- ; Holz und Braunkohlen aufzuheben, war einerseits auf Entlastung der . am schwersten zu entbehrenden Verbrauchsgegenstände, anderseits auf ; möglichste Vereinfachung der Octroicontrole und Erhebung gerichtet. Nachdem der damals beschlossenen Abwälzung des zu ersetzenden i Octrois auf Wein und Branntwein unüberwindliche gesetzliche Hinder- i nisse sich entgegen gestellt, bin ich mit der Mehrheit der vereinigten i juristischen und Finanzcommission eingetreten für Ersatz des Octroi- ! ausfalls durch eine wesentliche Erhöhung der in Gießen unverhältniß- i mäßig niedrigen Octroisätzc für Bier und eine kleine Erhöhung des i Octrois für Ochsen, unter Freigabe der in kleineren Mengen (von weni- \ ger als 5 kg) eingeführten Fleischwaaren und des Wildprets bezw. ; wenigstens des kleineren Wildprets, wie der Hasen. Beides in der Hoff- ■ nung, mit solcher Einschränkung der octroipstichtigen Gegenstände zu- j gleich zu ermöglichen die vollständige Aufhebung unserer für den Con- i sumenten ebenso lästigen, wie für die räumliche Entwickelung unserer \ Stadt nicht mehr ausreichenden und darum zu kleinen Defraudationen i geradezu verleitenden Octroi-Erhebung bezw. Anmeldung an den vier f Thoren der Altstadt. Der gestrige, nur mit meinem Stichentscheid gefaßte Beschluß der \ Stadtverordneten-Vcrsammlung, festzuhalten an der vor 3 Jahren be- j schlossenen Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren, wie die ) danach — entgegen den Commissionsanträgen — beschlossene Heranzieh- ung jeder Einfuhr von Fleischwaaren, wie der Hasen (und beinahe auch t der Gänse) zum Octroi haben mir gezeigt, daß die derzeitige Mehrheit der aus der directen Wahl unserer Bevölkerung hervorgegangenen Stadtverordneten weder die Aufhebung des Octrois für Mehl und Backwaaren bezw. dessen Uebertragung auf andere leichter zu entbehrende Verbrauchs- gegenftände, noch die erstrebte Vereinfachung der Octroi-Erhebung und । Controlc, noch auch eine verminderte Belästigung unserer Consumenten | wünscht; während anderseits heute für mich eine wirkliche Reform > unserer Octroiverhältniffe zum Bessern ohne Beseitigung unserer jetzigen । Thorcontrole ebenso undenkbar ist, wie eine Fassung des künftigen Reg- i lements, welche etwa — unter Beibehaltung des gestern beschlossenen Tarifs — auch noch die Zahl der Anmelde- bezw. Erhebestellen gegen bisher verringern wollte. Da ich nicht gesonnen bin, die vorliegende immerhin recht einschneidende Acnderung unserer Octroiverhältnisse auch nach Wegfall der erhofften Vereinfachungen — und am Ende gar nur mit der entscheidenden Stimme des Bürgermeisters — durchzuführen, so erkläre ich zu diesen Acten, daß ich gegen jedes zur Durchführung des gestern beschlossenen Octroitarifs erforderliche Octroi- reglement stimmen werde, und gebe der vereinigten juristischen und Finanzcommission anheim, bei der Stadtverordneten-Vcrsammlung zu beantragen, von einer Aenderung unserer bestehenden Octroiverhältniffe auf Grund des gestern beschlossenen Tarifs abzusehen, es vielmehr zu belassen bei dem zur Zeit bestehenden Octroireglcmcnt sammt Tarif (mit allen seinen Mängeln)." Darauf haben die Herren Stadtverordneten Adami, Heyligenstaedt, Keller, Petri, Dr. Ploch, Schmall, Schopbach, Dr. Thaer und Vogt folgendes Schreiben, zu welchem sachlich Herr Schiele sein Einverständniß erklärt, an die Stadt- verordneten-Versammlung gerichtet: Auf die in rubricirtem Betreff seitens des Herrn Oberbürgermeisters abgegebene Erklärung vom 5. Juni erlauben wir uns Folgendes crgebenst zu erwidern: Wir begrüßen den Entschluß des Herrn Oberbürgermeisters: „in einer so tief eingreifenden Acnderung der Octroi- verhältnissc nicht durch seine entscheidende Stimme die letzte Verantwortung auf sich nehmen zu wollen", weil wir nach wie vor der Ansicht sind, daß die Interessen aller Betheiligten gleichmäßig berücksichtigt werden müssen und nicht eine Klasse der Gewerbetreibenden vor der anderen bevorzugt beziehungsweise benachtheiligt werden darf. Der in fragt. Sache gefaßte jüngste Beschluß, an der vor drei Jahren beschlossenen Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren fcstzuhalten, ist in Wirklichkeit nur mit Hilfe der ausschlaggebenden Stimme des Herrn Oberbürgermeisters zu Stande gekommen, sonst standen 10 gegen 10 Stimmen, und somit vereinigte sich die ganz gleiche Stimmenzahl auch dahin, die Abgabe auf gedachte Artikel bestehen zu lassen. Gegenüber dem Umstande, daß alle Stadtverordneten aus der directen Wahl der Bevölkerung hervorgegangen sind, und daß der Herr Oberbürgermeister durch seinen jüngsten Entschluß kund gibt, daß er bei der vorhandenen Stimmengleichheit den Ausschlag nicht geben wolle, dürfen wir wohl hervorhcben, daß unsere Meinung zum mindesten ebenso der Stimmung der Bevölkerung Ausdruck gibt, wie diejenige der anderen Hälfte der Stadtverord- neten-Versammlung, nur, daß für unsere Ansicht noch der in den letzten Tagen besonders hervorgetrctene Umstand spricht, daß die beabsichtigte Aufhebung des Octrois auf Mehl und Backwaaren und die gleichzeitige Belastung anderer ebenso wichtigen und durchaus nicht leichter zu entbehrenden Verbrauchsgegenstände in der Bürgerschaft sehr unsympathisch ausgenommen worden ist. Damit, daß wir einer nach unserer Ansicht ungerechten Vertheilung der Octroilasten nicht das Wort reden, widerstreben wir der Vereinfachung der Octroi-Erhebung und Controle nicht, und ebensowenig wünschen wir eine vermehrte Belästigung der Consumenten wie beispielsweise in Darmstadt. Unser Wunsch geht nur dahin, daß die neuen Octroi-Verhältnisse auf einer gerechten Grundlage sich aufbauen möchten. Indem wir auf die Verhandlungen und den Antrag der vereinigten juristischen und Finanz-Commission vom 5. Juni übergehen, bestreiten wir entschieden, daß unsere Abstimmung zu Gunsten der Beibehaltung des Octrois auf Mehl und Backwaaren eine für die Reform unseres Octroiwesens brauchbare Grundlage nicht abgeben würde, und ebenso verwahren wir uns gegen die schließliche Insinuation jener Commission, daß wir durch unser, von der Ansicht der Commission abweichendes Urtheil einen angeblich segensreichen Fortschritt hemmen wollen. Wir Protestiren gegen solche Folgerungen aus unserer ebenfalls wohlerwogenen Ansicht. Nachdem nun die Vorschläge der vereinigten juristischen und Finanzcommissum mehr Stimmen nicht gesunden haben, als auch unsere Meinung gefunden hat, erachten wir es für angezeigt, einer neuen Commission, die sich aus Mitgliedern der verschiedenen in der Stadtverordneten-Versammlung vertretenen Branchen und Berufsarten zusammensetzen soll, — die nochmalige Berathung der Octroifrage anheimzugeben. Wir zweifeln dann nicht, daß unter Mitwirkung aller dazu berufenen Factoren eine glückliche Lösung und praktische Reform der Octroifrage herbeigeführt werden kann, wozu wir mitzuwirken bereit sind. In ihrer Sitzung vom 5. Juni hat die vereinigte Com- Feuilleton. Der Kuß. Erzählung von I. Piorkowska. (Schluß.) „Vermuthlich ist er irgend einer holden Schönen treu geblieben, die ihn seiner Zeit mit ihrer besonderen Gunst beehrt hat," bemerkte ein junger Mann, der seit ein paar Minuten hinzugetreten war und der Unterhaltung zugehört hatte. „So ist es in der That," versetzte Ensbach mit einer Verbeugung, indem er sich von dem kleinen Kreise abwandte und zu Anderen trat, dieselben zu begrüßen. „Kind, Du scheinst ja ordentlich böse über Ensbachs Ansichten zu sein," meinte Martha zu Rosi, „Du hast vor Aerger ganz hochrothe Backen bekommen." Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie den wahren Grund dieser Hochrothen Backen hätte ahnen können?! * * * Während der nächsten drei Wochen war Ensbach ein säst täglicher Gast in Tante Maries Hause,- trotzdem aber war er und Rosi noch kaum aus freundschaftlicheren Fuß gekommen wie am ersten Abend ihres Wiedersehens. Meist nahm ihn Martha mit ihrem lebhaften, coketten Wesen in Anspruch; nur selten unterhielt er sich speziell mit Rosi, die bald über ihre eigene Thorheit lächelte, daß sie hatte glauben können, er hatte jener kleinen, romantischen Scene, die aus sie einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, auch nur nach einer Stunde noch gedacht! Es stimmte sie fast traurig, wenn sie dachte, daß all die süßen Gedanken, die sich bei ihr an jene Stunde knüpften, nur Luftschlösser gewesen waren; nur ein Gefühl der Demütigung beschlich sie, wenn sie jene Gedanken mit der kalten Höflichkeit, die er ihr gegenüber stets zeigte, in Beziehung brachte. Wie thöricht auch von ihr, dem einfachen, schüchternen Mädchen, sich einzubilden, daß sie ihm auch nur das geringste Jntereffe einflößen könnte, ihm, von dem Martha erklärte, sie sei ernstlich in ihn verliebt, der überall der Löwe des Tages war, der von den jungen Damen allgemein bewundert und von den Herren seiner ungesuchten Eroberungen halber vielfach beneidet wurde. Eines Abends hatte sich wieder ein kleiner Kreis Freunde in Tante Maries Hause versammelt. Die Gesellschaft saß heiter plaudernd aus der Terrasse, als Herr v. Ensbach bemerkte, dies werde wohl für längere Zeit der letzte frohe Abend sein, den er hier verlebe, er werde am nächsten Morgen nach H . . . . abreisen müssen, um ehestens nach Jahresfrist einmal wiederkehren zu können. Wie ein Stich durchzuckte es Rosi bei dieser Mittheilung; erst jetzt bei der nahenden Trennung empfand sie, was er ihr war, und fast erschreckte sie über ihre eigenen Gefühle. Kaum Herr über sich selbst, benutzte sie die erste Gelegenheit, aufzustehen und sich in das Zimmer zurückzuziehen, wo sie auf das Sopha sank und ihr Gesicht in den Händen vergrub. Bei der Dunkelheit und ihrer Aufregung gewahrte sie nicht, daß Jemand ihr nach wenigen Minuten in das Zimmer gefolgt war und sich neben ihr niederließ. Es war Ensbach. „Rosi," hob er an, „ich reise morgen Mittag ab und werde Sie so bald nicht Wiedersehen." Sie zuckte leicht zusammen, erwiderte aber nichts. „Rosi," fuhr er fort, „ich habe doch wohl Berechtigung, mir einen Abschiedskuß auszubitten?" Jetzt hob sie den Kops und bei dem schwachen Lichtschein, der von der Lampe, die draußen aus der Terrasse stand, durch die Thür hereinfiel, entging ihr nicht der halb muthwillige Ausdruck in seinen Augen. „Die Berechtigung, welche das Versprechen eines Kindes Ihnen gibt, allerdings," entgegnete sie, etwas gekränkt durch den leichtfertigen Ton, in welchem er zu ihr sprach. Was galt es ihm, ihr Lebewohl zu sagen, und wie schwer ward ihr das Abschiedswort. „An Jahren waren Sie freilich noch ein Kind, Rosi," sprach er, „aber Ihr Herz war, glaube ich, schon gereifter. Wissen Sie, Kind," fuhr er mit ernstem Lächeln fort, „daß Sie damals, als Sie mich im Dunkeln in der Hausthüre küßten, eine Eroberung an mir gemacht haben?" Ein fast spöttischer Zug legte sich um ihre Lippen. „Ich nahm jenen Kuß mit mir," fuhr er fort, „ich bewahrte ihn mir als liebe Erinnerung, die ich um alles in der Welt nicht hätte missen mögen; denn sie erfüllte mich mit einer süßen Hoffnung, von welcher mein ganzes Lebensglück abhing. Es hat keine Frau seitdem meine Lippen berührt, denn ich sagte mir, so lange kein anderer Kuß ihn verdrängt, bleibt mir der Ihrige. — Rost, verstehen Sie mich?" Dabei hob er ihren Kopf, daß sie zu ihm aufblicken mußte. Ihre Augen waren voll Thränen, doch ihre Lippen versuchten zu lächeln. „Ich bitte Sie jetzt um den versprochenen Kuß," sprach er weiter, „doch bedenken Sie wohl, wollen Sie ihn mir geben, so ist es Ihr ganzes Ich, das ich dabei mitnehme." Er mußte wohl ihrer Antwort, ihrer Liebe zu ihm sicher sein, denn seinen Arm um ihre Taille legend, sah er ihr vertrauensvoll in die treuen blauen Augen. Dunkle Röthe ergoß sich über ihre Züge, doch ohne Zögern gab sie ihm den versprochenen Kuß. Mission über umstehende Erklärung des Herrn Oberbürgermeisters berathen und darüber folgenden Protokoll-Auszug der Stadtverordneten-Sitzung unterbreitet: Es wird Kenntnis; von der Erklärung des Herrn Oberbürgermeisters genommen. Die Commission beschließt einstimmig, mit Rücksicht auf den Gegenstand nnd den neuerlichen Verlauf dieser Angelegenheit dieselbe für dringlich zu erklären und daher in die sofortige Berathung einzutreten. Die Berathung ergibt, das; die Commission die Ansicht ihres Borsihenden theilt, cs sei durch die gestrigen zum Thcil mit knappster Mehrheit gefaßten Beschlüsse der Stadtvcrordneten-Vcrsammlung eine für die angestrebte Reform unseres Octroiwesens brauchbare Grundlage nicht gegeben und cs sci daher nutzlos, auf dieser Grundlage nun im Einzelnen weiter zu arbeiten. Die Commission bedauert lebhaft, daß die von ihr in jahrelanger Arbeit gewonnene Auffassung von der Roth- wendigkeit einer Vereinfachung und dem Gemeindewohle dienlicheren Gestaltung unseres Octroiwesens durch das Plenum der Stadtverord- ucteu-Vcrsammlung nicht gcthcilt und hierdurch ein segensreicher Fortschritt unserer städtischen Verwaltung auf unabsehbare Zeit gehemmt wird. Sie ist aber nach Lage der Sache genöthigt, zu beschließen und beantragt hiermit einstimmig: Stadtverordneten Versammlung wolle von weiterer Reformarbeit in Bezug auf das städtische Octroiwesen nunmehr absehen." Herr Oberbürgermeister Gnauth verlas zunächst eine Zuschrift der Fleischerinnung, in welcher sie gegen den vor 8 Tagen gesüßten Beschluß, das Octroi für Schlachtvieh (Ochsen) auf 8 Mk. zu erhöhen, Protest erhebt. Das Fleischergewerbe sei in der Stadt durch Abgaben aller Art, wie Schlachtgebühr, Fleischbeschau u. s. w., mit über 60 000 Mk. belastet, dabei seien die Fleischpreise hier niedriger, als in einer Anzahl Städte ohne Octroi. Die Bäcker verzichteten gern auf das ihnen durch Octroibefreiung der Backwaaren gebotene Geschenk. Die Stadtverordneten möchten deshalb den vor 8 Tagen gefaßten Beschluß ausheben, und die Octroisätze bei Umrechnung der Gulden- in die Markwährung nach unten abrunden. Schließlich wird in dem Schreiben betont, daß auch die Metzger sich freuen würden, wenn baldigst das Octroi auf alle Artikel ausgehoben würde. Neber den Antrag der vereinigten Commission entsteht eine längere Debatte. Herr Sch op buch bittet, eine Reform des Octrois für später auszuheben, da zu einer solchen jetzt die finanziellen Verhältnisse der Stadt nicht günstig seien/ auch liege z. Z. keine Veranlassung zu einer Aenderung in der Erhebung und Controle vor/ wenn eine Aenderung in dieser Hinsicht nöthig werde, so könne man wieder daraus zurückkvmmen. Namentlich solle man vermeiden, einen Artikel zu Ungunsten eines anderen zu belasten. — Herr Wallenfels würde, falls der Beschluß betr. die Befreiung der Backwaaren, nicht aufrecht erhalten würde, einen Antrag auf gänzliche Aushebung des Octrois stellen/ er bemerkt aus den Einwand des Herrn Schopbach, womit dann der Aüssall ausgeglichen werden solle: dies könne durch Erhöhung der Com- munalumlagen geschehen. — Herr Dr. Thaer hält die Frage einer Octroireform durch die Stadtverordneten-Versammlung für eine practische/ wissenschaftlich habe sie zwei Seiten, über welche hier nicht entschieden werden könne. Man solle an dem festhalten, was man habe, und es nicht aus eine ungewisse Zukunft hin ausgeben. Was den Commissionsantrag betreffe, so empfehle er, Weiterarbeit an der Reform unseres Octroiwesens. Für sofortige Wiederaufnahme der Arbeit könne er sich nicht aussprechen, denn dafür seien die Gemüther zu erregt/ der Frage der Octroiregelung lasse sich vielleicht später durch nichtosficielle Besprechungen näher treten. Herr Dr. Thaer stellt schließlich den Antrag, anstatt „ . . . auf das städtische Octroiwesen nunmehr absehen" zu setzen „vorläufig absehen". — Herr Hornberger bezeichnet die Ausführungen des Herrn Dr. Thaer als ihm sympathisch, bemerkt aber, daß der Weg, auf welchem Ersatz für den Wegfall des Octrois aus Backwaaren gefunden werden könne, bezeichnet worden sei. — Herr Oberbürgermeister Gnauth glaubt nicht, daß, nachdem eine Hälfte der Stadtverordneten für eine Reform im Sinne des Commissionsantrags und Beseitigung der Thorcontrole gestimmt, die andere für Beibehaltung des bestehenden Octroiregle- ments mit seinen Mängeln, eine Verständigung in der von Herrn Dr. Thaer angeregten Weise zu Stande komme, sie lasse sich mathematisch nicht erreichen, sondern nur durch Preisgabe der bei der Abstimmung vorhanden gewesenen Grundsätze aus der einen oder anderen Seite. Er werde an Großh. Krcisamt und an Großh. Ministerium der Sachlage entsprechend berichten, die Octroiresorm ad acta legen und dieselbe nur hervorholen, wenn ein Beschluß der Versammlung ein Näherherantreten wieder fordere. Für diesen Fall bitte er aber, practische Vorschläge zur Octroireform zu machen. — Herr Petri tritt dem Vorschlag des Herrn Dr. Thaer auf spätere Berathung bei. — Herr Scheel verspricht sich für später nichts Ersprießliches, nachdem mit Ziffern die Gründe belegt worden, die für eine Reform des Octroiwesens im Sinne des Commissionsantrags und Beschlusses der letzten Stadtverordneten-Versammlung sprechen. Die Abstimmung ergab mit 10 gegen 7 Stimmen Annahme des Antrags: „Die Stadtverordneten-Versammlung wolle von weiterer Reformarbeit in Bezug auf das städtische Octroiwesen nunmehr a b s e h e n". Um die Dienstverhältnisse der Gemeindebeamten in einer deren Verwendung und Besoldung, Pensio- nirung, Wittwen- und Waisen-Versorgung den Staatsbeamten gleichenden Weise zu regeln, sind den Stadtverordneten diesbezügliche Satzungen unterbreitet worden. Danach sind als Gemeindebeamten der Stadt Gießen zu betrachten diejenigen Personen, welche mit der Absicht dauernder und ausschließlicher Verwendung zu Dienstleistungen im Interesse der Stadt durch den Bürgermeister angestellt sind und aus städtischen Mitteln, gleichgültig, ob mittelbar oder unmittelbar, einen festen Gehalt beziehen. Die Dienststellen der Gemeindebeamten sind in 8 Klaffen eingetheilt, sie zerfallen in solche, welche auf Widerruf und in solche, welche definitiv besetzt werden. Definitiv angestellte Gemeindebeamte können nach zurückgelegter fünfjähriger Dienstzeit, sofern Entlassung nicht aus besonders näher bezeichneten Ursachen erfolgt, nur gegen Gewährung eines Ruhegehalts entlassen werden, widerruflich angestellte nach zurückgelegter zehnjähriger Dienstzeit ebenfalls nur gegen Gewährung eines Ruhegehalts. Beim Ableben definitiv angestellter Gemeindebeamten findet das Gesetz, betr. die Sterbequartale der Civilbeamten, für die Hinterbliebenen sämmtlicher Gemeindebeamten das Gesetz, betr. das Civil- diener-Wittwen-Jnstitut, sinnentsprechende Anwendung. Die in 17 Paragraphen gefaßten Satzungen werden genehmigt. vermischte». * Das Volksz'ählungs. Formular der Kaiserin Eugenie. Die einstige Gemahlin Napoleon III. hat soeben eine zweimonatliche Reise durch das südliche Frankreich, Italien und Dalmatien beendet. Am Cap Martin hielt sie sich zur Zeit der Volkszählung aus und wurde genöthigt, ein Formular auszufüllen. Folgendes sind die Angaben, die sie gemacht hat: „Gräfin von Pierrefonds (Marie-Eugenie) — 64 Jahre — geboren in Granada (Spanien) — Naturalisirte Französin — Wittwe — Auf der Durchreise." — Arme Frau, die eigentlich nie in ihrem Leben anders war, als „auf der Durchreise!" * Aus der guten alten Zeit. Der Bürgerwehr- Hauptmann hat seine Truppen lange in der Sonnengluth exerzieren lassen. Nach dem Commando „Rührt Euch!" entsteht ein Gemurmel in der Front. Plötzlich tritt der Schneidermeister Phips vor und sagt: „Herr Hauptmann, wenn Sie aber jetzt nich usfhöre, uns zu kujonire, da kündige mer Ihne de Hypothek." * Bestrafte Neugier. Das „Franks. Jntelligenzblatt" berichtet: Eine im Ostende wohnende Frau hat die Gewohnheit, alle an ihrer Vorplatzthiire vorbeikommenden, in die höheren Etagen steigenden Personen auszusragen und insbesondere darauf zu sehen, was solche etwa im Hause abzugeben haben. Da alle Beschwerden an der Neugierde der Frau scheiterten, so beschloß irgend Jemand, der von der Sache wußte, eine Radicalcur vorzunehmen. Als nämlich am Dienstag ein Mädchen mit einer Tortenschachtel die Treppe hinaufging, rief die betreffende Frau das Mädchen heran und sagte, es sei oben Niemand zu Hause, sie wolle die Schachtel später abgeben. Diese wurde ihr auch überreicht und kaum war das Mädchen außer Sicht, so wurde auch schon die Schachtel geöffnet, aus welcher zum Entsetzen der neugierigen Frau eine Anzahl Mäuse heraussprang und nach allen Richtungen in der Wohnung verschwand. Landwirthschastliche Umschau. A AuS Oberheffen, Mitte Juni. Der Landwirth ist mit seinen Arbeiten an einem Punkte angelangt, von dem es sich lohnt, Um* und Rückschau zu halten. Auch ein Vorblick wird nichts schaden, denn das lausende Jahr ist ein solches, bei dem man sich auf allerhand gefaßt machen kann. Sorgfältiges Abwägen auf Grund der vorhandenen Thatsachen hat sich noch stets als nützlich bewährt. Eins nder hatte in Folge einer kleinen Reise Gelegenheit, auch in den südlichen Provinzen unseres Landes Einiges zu sehen, weshalb auch darüber einige Bemerkungen folgen sollen. Zuvörderst steht fest, daß — wie früher des Oefteren darauf hingewiesen — der excesstve Wttterungscharacter des 1891er Jahres noch nicht verschwunden ist. Wir hatten rauhes, kaltes Wetter bis zum 30. April und sprangen mit einem Male in den Frühling hinein. Die erste Maihülste bis zum 15. incl. brachte ein wunderbar schönes Frühltngswetter, ähnlich wie wir es in den beiden vorhergegangenen Jahren 1890 und 1889 erlebten. Alle drei Jahre zeichneten sich durch rauhe frostige Vorfrühlinge aus, um sich dann durch herrliche Maimonate zu reoanchiren. Die Verspätungen im Pflanzenleben und -weben wurden meistens sehr rasch eingeholt und bis zum Juni sogar überholt. Der diesjährige Mai zeigte aber doch noch einmal eine tückische Seite und er bewahrheitete, nachdem die Eisheiligen ohne Schaden anzuftiften vorüber gegangen waren, den alten Spruch: „Sind die drei „aze" :i:) glücklich vorbei Hofft man auf lieblichen, wonnigen Mai: Indessen zeigt Johann von Nepomuken **) Zuweilen noch frostige Tucken und Mucken." Vom 16. Mai, Pfingstsamstag, trat rauhes Wetter ein, das sich so verschlechterte, daß am 2. Pfingstfeiertage in ganz Mitteleuropa ein förmlicher Schneesturm losbrach, wie er nm diese Zeit factisch seit Menschengedenken nicht erlebt worden ist. Das rauhe Wetter hielt 12 Tage an, erst am 28. Mai wurde es besser und von da an sind wir fast mit einem Sprunge in den Sommer hinein- gerathen, wie wir Ende April vom Winter in den Frühling gerieten. Die Befürchtungen r der KLlterückschlag Hütte großen Schaden angerichtet, bewiesen sich als nicht zulreffend; kleinere Schäden haben sich seitdem völlig vernarbt. Aber entschiedenen Nutzen hat der 12tägtge Stillstand dadurch gebracht, daß er die ungewöhnlich rasch vorandrängende Entwickelung verlangsamte, daß sich die Halme der Getreidearten stärken und kräftigen konnten und daß Lagerfrucht nicht so leicht vorkommen wird. Jnzlvischen rückte die Obstbanrnblüthe voran. Wir haben in den drei Jahren 1889, 1890 und 1891 herrliche Obstbaumblüthen gehabt; die diesjährige gab den früheren nichts heraus. Wie die Aussichten bis jetzt stehen, dürsen wir wieder aus reichlichen Obstertrag rechnen und dadurch werden bereits viele Ausfälle in Betreff der Winterfrüchte ausgeglichen. Darum wird an dieser Stelle immer und immer wieder darauf hingewtesen: Pflanzt Obstbäume, Ihr Landwirthe! Pflanzt wetterfeste Sorten, errichtet ein zweites Stockwerk auf Eurem Grund und Boden, es giebt nichts Besseres und Sichereres als den Obstbau. Wir wenden uns zu dem Stande der Futtergewüchse. Daß Kleeäcker und Wiesen durch den langen Frost Schaden erlitten, ist zweifellos; die schützende Schneedecke fehlte. Monatelang konnte der Frost ungehindert in die Erde dringen und diese gefror meterttef. Hierdurch gingen eingemiethete Kartoffeln, Zuckerrüben und Dickwurzel zu Grunde, mehr als in dem viel kälteren Winter 1879/80, dem die schützende Schneedecke nicht mangelte. Aber eine Freude ist es, zu sehen, wie sich dies Alles nach und nach durch das schöne Gedeihen in Wiese, Garten und Feld wieder anSgleicht. Die Kartoffelpreise sind daher wieder in raschem Sinken begriffen und die Kartoffeln werden darum auch als Ersatz für fehlende sonstige Futterstoffe verwandt. Die Kartoffeln find überall gleichrnüßig aufgegangen und sehen sehr schön aus; man ist nut dem Hacken beschäftigt; in warmen Lagen wird bereits gehäufelt. Die Znckerrüben versprechen ebenfalls gute Erträge. Das Setzen der Dickwurzel hat begonnen; da hie und da ein leichter Regen fällt, ist das Anwachsen nicht blos dieser, sondern aller Pflanzen, die versetzt werden müssen, sehr begünstigt. In Betreff der Wiefenerträge ist zu bemerken, daß sich hier wahrscheinlich bedeutende Verschiedenheiten zeigen werden, je nachdem die Grasnarbe durch den Frost gelitten hat, oder nicht. Es darf aber betont werden, daß der Graswuchs seit Anfang dieses Monats sehr erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Aehnllch ist es mit den Wintergetreidearten: Roggen und Weizen. Die Lücken, die es hier gibt, werden aber durch Gerste nnd Hafer wahrscheinlich vollständig ausgeglichen, denn die Sornmergetreidearlen versprechen eine volle Ernte. Wir haben die Sommerfrüchte lange nicht so schön gesehen, wie eben jetzt. Daß das Ungeziefer in Folge der kühlen Witterung zuruck- gehalten und auch vielfach dezimirt worden ist, geht schon daraus hervor, daß sich das Geschmeiß nickt so häufig bemerkbar macht, als in früheren Jahren um dieselbe Zeit. In Bezug auf den Frostspanner, den Obstwürger in höchster Protenz, hat Ihre Zeitung in Nr. 123 vom 31. Mat I. I. eine sachverständige 2li bett aus Oberhessen gebracht, deren Ausführungen wir vollständig betstimmen. Man muß abwarten, ob das gefräßige Insekt seine verderbliche Wirkung äußert. Da die Blüthe rasch verlanfen ist, darf auf ein gutes Resultat gehofft werden Nun noch ein kleiner Vorblick. Wie die Sachen in der ersten Juniwoche standen, braucht sick der Landwirth in unserem Lande durchaus nicht vor der Zukunft zu fürchten. Wir sind auch, wie Einsender in verschiedenen Gegenden des Landes durch Umfrage erfuhr, mit unseren Vorrätheu keineswegs so aufgebrannt, wie es von anderen Gegenden geschildert wird. Dazu kommt, daß sich die Gemüsearten der jetzigen Jahreszeit: Salat, Spinat, Spargel, Erbsen, Gelbrüben u. A. m. geltend machen, weil sie bei dem prächtigen Wetter rasch gedeihen *) Die drei „aze" sind Pankraz, Servaz, Bonifaz, 12., 13., 14. Mai. ** ) Johann von Nepomuk ist 16. Mal.__ Seidenstoffe (schwarze, weißeu.sarbige) V. 95 Pfg. bis 18.65 p. Met. — glatt, gestreift und gemustert (ca, 380 versch. Qual) u. 2500 versch. Farben — versendet roben- u. stückweise porto- u. zollfrei das Fabrik-Depot G. Henneberg (K- u- K- Hoflies.), Zurich. Muster umgeh- Dopp- Briefporto nach d- Schweiz. 477 Bei (Gebrüder Stamm (Markt- und Schulstraßen- Ecke I. und II. Stock) findet man die größte Auswahl der schönsten Herren- nnd Knabenkleider zu bedeutend ermäßigten Preisen. ^396 Mlgeöotenes. P’jUcr [puren will, bestelle Jbofft, Aott. A&ft A Centncr JC 24.— ,£>oiii 41niburg.r rfiäft A Str. JC 23.— § <£olil. 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Sie scheint bereits zu bestätigen, was Emgangs gesagt wurde, daß die Course an Widerstandsfähigkeit eher verloren haben, njn ihrem Verlauf ist ein bedeutender Theil der anfangs beträchtlichen Gewlnne wieder ver oren worden, sodaß namentlich im Bankenmarkt die Besserung minimal erscheint. Bet Disconto-Commandit ist sie gänzlich verschwunden, Darm- ?/ o/er Zeigen noch P/2% Gewinn, Handelsgesellschaft nur /2 Io, wahrend Wiener Bankactten zum Theil sogar unter das vorwöchentltche Niveau zuruckgesunken sind. Nur Oesterreichtsch-Ungartsche Bank machen mit 20 fl. ^wmn davon eine Ausnahme. Die Oefterreichischen Bahnaclten haben sich indessen voll behauptet. Staatsbabn schließen zum höchsten Cours mit ca. 5 fl. Gewinn, 55*3] Zwei große schön möbltrte Zimmer per 1. Juli zu vermiethen. Ecke Westanlage, Bahnhofstr. 45, ________________Bel-Etage.____________ 5516] Ein möblirtes Zimmer zu ver- miethen^Tvlmser Hof. 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Unter Montanwerthen haben Kohlenactien durch die Freitagsbörse nur geringfügige Einbußen erlitten, Eisenactien waren dagegen scharf rückgängig, und cs verloren Laura 5°/o, Dortmunder Union 4%, Bochumer Gußstahl 2%. schnelle Fahrten, gute wB Verpflegung, billigste Preise. M Auskunft ertheitey: ß^^nach^^A^ Periode weitere Fortschritte gemacht. "Das Geschäft gestaltete sich namentlich in den ersten Tagen lebhaft und die Deckungen traten so drängend auf, daß die Course um Procente htnaufsprangen. Allerdings hatte der letzte Tag der vergangenen Woche einen starken Rückschlag gebracht, für welchen die gegen den Bochumer Verein und seinen Generaldirector erhobenen Anschuldigungen den Grund bildeten, und die Erkenntniß, daß man mit diesem scharfen Coursdruck die Tragweite der Anklage weit überschätzte, mußte zweifellos mit dazu beitragen, den Kaufandrang dringlicher zu machen. Indessen bleibt selbst unter dieser Beschränkung eine erhebliche Verminderung der Baisseengagements das Resultat der ersten Tage der Woche. In wie weit Meinungskäufe mitgewirkt haben, kann nicht genau entschieden werden, es ist aber anzunehmen, daß dieselben sich auch jetzt noch tn bescheidenen Grenzen halten, und da an den thatsächlichen Verhältnissen bisher nichts geändert ist, so die Course durch die Verminderung der Baisseengegements eher an Wider- Baden standsfähigkeit verlieren als gewinnen, zumal die herannahendev Sommermonate Zo/„ Sächsische Rente an sich schon eine Beschränkung des Verkehrs bedeuten. ®Jpoacpiw jeeme Wie in der Vorwoche, so gab auch diesmal die feste Haltung des Montanmarktes und der Wiener Börse den hervorragendsten Antrieb zu Deckungen. Der Montanmarkt d. h. Kohlenwerthe bilden vielleicht das einzige Gebiet, auf welchem von Meinungskäufen in größerem Umfang die Rede sein kann. Den Grund dafür .Labilität der Kohlenpreise, welche jetzt, da Händler bereits für den Herbst und Großconsumenten für die Erneuerung der Contracte zu forgen haben, außer Frage erfcheint. Dagegen leiden Eisenactien gerade unter diesem Umstande, und erschwerend tritt der scharfe Rückgang der Warrantcourse, wohl auch die Bochumer Stempelaffaire hinzu. Wien geht unbeirrt seine Bahn weiter, und vorerst ist noch nicht abzusehen, wie weit seine Kraft die Hausseströmung treiben wird. Vtel- aber auch hier der herannahenden stillen Zeit vorbehalten, eine allmälige Rectrficatron etnzuleiten. Vor der Hand bleiben Bahnactien die Günstlinge der dortigen Speculatton. Der Vertrag über die Ablösung der ungarischen Linien gilt als vollendete Thatsache; er bedarf freilich noch der Genehmigung der Parlamente sowohl, als auch der Generalversammlung, aber man hofft nirgends auf Wtder- standzu stoßen, und inzwischen steigen die Actien immer weiter in einer Weise, die von Uebettreibung nicht mehr frei zu fein scheint. Auch in Lombarden ist wieder eine Reprise eingetreten, die sich zum Theil abermals auf Verstaatlichungsausfichten grunoet, und die sich trotz einiger durch Ueberschwemmung verursachter Betriebs- storungen erhalten hat. Was an den Verstaatlichungschancen Wahres ist, mag ote -zett lehren, jedenfalls Haden sie vor der Hand keine actuelle Bedeutung. Eine solche besteht zur Zett nur noch für die galizische Carl - Ludwigsbahn, aber die aettonare derselben werden gut thun, nicht zu weitgehenden Illusionen über die Hohe der Ablosungsrente Raum zu geben; es ist durch verschiedene Vorfälle in . r ^Zett zur Genüge bekannt geworden, daß der Staat sehr wohl versteht, leinen Vortheil zu wahren. Portugiesen lagen andauernd fest, und zwar im Wider- Ipruch mit den Nachrichten, die aus dem Lande selbst eintreffen. Der Abschluß ?ußseschäftes, das der neue Finanzminifter als seine erste Amtshandlung betrachtete, ist gelungen. Die Gelder bleiben jedoch in Paris und werden zur Ein- losung der jetzt und später fälligen Coupons dienen. Es ist daher die Zinszahlung aU^CJk? portugiesischen Anleihen für geraume Zeit gesichert. Alles Andere wird ^hängen, ob es der Regierung gelingt, das Vertrauen wieder zu erwecken und die unterbundenen Handelsbeziehungen zu Brasilien wieder in Fluß zu bringen. Aus Argentinien lagen die ganze Woche über keine neuen Nachrichten ff?rv Goldcours ist wieder unter 400% gesunken und wie wenig das fit, ine Börse hat es immerhin mit Befriedigung ausgenommen. Erst heute, am h 'omatt die Nachricht, daß ein allgemeines fechsmonatliches Moratorium bewilligt worden sei. Diese Meldung scheint an der Börse ziemlich starke Verstimmung heroorgerufen zu haben; indessen ist die Decretirung des Moratoriums tSa!? mqvr bezahlt wird in Argentinien seit Monaten nichts $at in+?rler Wache Daten über den Stand der Baring'schen Masse veröffentlicht, vermathlich um d scheinen. Die Schwierigkeit besteht aber darin, die Argentinische und Uruguay-Bonds in der Höhe von 7,9 Millionen Lstr. enthält, zu realtsiren, und das wird mcht möglich fein, ehe nicht die Reorganisation der Finanzen plan- ■ mäßig angtftrebt wird. zu verkaufen. Nähere Auskunft ertheilt Louis Rothenberger, 5489]Genchtstaxator. Weisswein garantirt rein, per Liter von 50 Pf. an, in Fässern von 25 Liter an. 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