Rr. 84. Zweites Blatt. ■naooiMKi'»..- - -tUMa aif ■!»immwx-^wanrain—i m/rari Sonntag den 12. April 1891 ।r—1«imjwruamtxxa;;.»t»#i»esi2Mi*Bieixe>»wu«*wi«w™wi! Der M^euer A*jrte Zur Berathung der Frage, ob diese Errichtung von Gewerbegerichten im Kreise Gießen Wünschenswerth erscheine und den Interessen der Betheiligten entspreche, hat am 1. d. Mts. auf Einladung des Großh. Kreisamts Gießen eine Conserenz von Mitgliedern der im Kreise befindlichen Gerichte, der Stadtverordnetenversammlung zu Gießen und der Gr. Handelskammer stattgefunden. Die Versammlung sprach sich einstimmig dahin aus, daß ein Bedürfniß für Errichtung von Gewerbegerichte« weder für die Stadt Gießen, noch auch für den Kreis, und wohl auch nicht für die Provinz vorhanden sei. Es wurde hierbei n. A. in Betracht gezogen, daß der dermalen bestehende und bezw. durch das neue Reichsgesetz etwas mrodificirte Zustand, wonach für Streitigkeiten: 1) über den Antritt, die Fortsetzung oder die Auflösung des Arbeitsverhältniffes, sowie über die Aushändigung oder den Inhalt des Arbeitsbuches oder Zeugnisses 2) über die Berechnung und Anrechnung der von den Arbeitern zu leistenden Krankenversicherungsbeiträge jede Partei die vorläufige Entscheidung durch den Bürgermeister anrnsen und gegen dieselbe Berufung auf den Rechtsweg verfolgen kann, umsomehr als ein genügender anzusehen sei, als Gewerbestreitigkeiten hier nur sehr selten Vorkommen — bei der Bürgermeisterei Gießen sind im Vorjahre nur 29 Sachen anhängig geworden, wovon bei einer einzigen Berufung verfolgt wurde, bei den Landgemeinden, sowie den Amtsgerichten des Kreises fast gar keine — und die ordentlichen Gerichte (Amtsgerichte) anerkanntermaßen gerade Gewerbesachen so rasch und gründlich erledigen, wie es die Gewerbegerichte kaum vermögen. Auch für Errichtung eines Gewerbegerichts, um als Einigungsamt zu dienen, konnte in Anbetracht der localen Verhältnisse ein Bedürsniß nicht anerkannt werden. — Die gegenüber der früheren Hebung schärfere Handhabung der Fleischbeschau in dem seit 1887 im Gebrauche befindlichen städtischen Schlachthaus veranlaßte die hiesigen Metzger wiederholt zu Klagen über die hierdurch angeblich veranlaßte Benachtheiligung in ihrem Geschäft. Besonders war es die strenge Durchführung der in Hessen bestehenden Bestimmungen über die Behandlung des beim Schlachten perlsüchtig (tuberkulös) befundenen Viehes, welche die Unzufriedenheit der Metzger erregte. Dieselben beriefen sich darauf, daß in vielen nichthessischen Städten, besonders in Frankfurt 0. M., lange nicht mit solcher Strenge verfahren, daß dort das Fleisch des nur in geringem Maße perlsüchtigen Viehes ebenso wie das Fleisch gesunder Thiere dem Verkehr freigegeben, daß dort bei Weitem nicht so viel Fleisch der Freibank überwiesen würde, wie in Hessen. Es muß zugegeben werden, daß diese Berufung der Metzger nicht unbegründet ist, daß in manchen nichthessischen Städten ui der angedeu- teten Weise verfahren wird, daß also die Ausübung des Metzgergewerbes dort leichter ist wie hier. Ob aber das Publikum einen Grund hat, mit den hessischen Bestimmungen nnzufrieden zu sein, ist eine ganz andere Frage. Die hessischen Anordnungen gehen von den unzweifelhaft richtigen Gesichtspunkten aus, daß jedes tuberkulöse Thier krank und daß der Genuß des Fleisches solcher Thiere nicht immer ungefährlich ist. Deßhalb ist angeordnet, daß das Fleisch von perlsüchtigem Vieh nur unter Angabe dieser Eigenschaft, als „nicht ladenrein", verkauft werden darf. Der Käufer solchen Fleisches ist dann in der Lage, durch geeignete Behandlung, stärkeres Durchkochen, sich gegen gesundheitliche Gefahren zu schützen. Andererseits läuft der Käufer, welcher ladenreines Vieh bei einem Metzger erwirbt, bei einer derartigen Handhabung der Fleischbeschau nicht Gefahr, Fleisch tuberkulöser Thiere genießen zu müssen, das ihm bei Unkenntniß dieser Eigenschaft in Folge ungenügender Zubereitung gesundheitliche Gefahren bringen kann, abgesehen davon, daß ein großer Theil des Publikums solches Fleisch, weil ihm unappetitlich, bewußt überhaupt nicht kaufen würde. — Aus Anlaß des seit Beginn des laufenden Jahres unverhältnißmäßig häufigen Vorkommens der Perlsucht im hiesigen Schlachthaus, besonders aber veranlaßt durch den Umstand, daß zu Ende voriger Woche fast an einem Tage drei Ochsen und eine Kuh wegen Tuberkulose für nicht ladenrein erklärt wurden, suchten nun die hiesigen Metzger eine Milderung der hessischen Bestimmungen in dem Sinne durchzusetzen, daß das Fleisch von nur geringgradig perlsüchtigen Thieren als gesund und ladenrein dem Verkehr freigegeben werde, und erwirkten die Berufung des Herrn Obermedicinalraths Dr. Lorenz von Darmstadt zur Abgabe eines Gutachtens in dieser Angelegenheit. Durch diesen Herrn wurde nun den Metzgern in bündiger Weise erklärt, daß an eine Aenderung der hessischen Vorschriften in dem gewünschten Sinne nicht gedacht werde. Ueber dieses Festhalten des Großh. Ministeriums an den bestehenden Bestimmungen kann das Fleisch consumirende Publikum in hiesiger Stadt und in ganz Hessen im Interesse seiner Gesundheit nur in hohem Grade erfreut sein. * Am 7. April d. Js. wurde in^Friedberg ein Mann zu Grabe gebracht, der auch mit unserer Stadt durch mancherlei Beziehungen verbunden war, nämlich der Kaufmann G u st a v D i e f s e n b a ch. Er war der Sohn des Professors Dieffenbach, welcher im Jahre 1811 zu Gießen eine Töchterschule gründete und später, nachdem er Erzieher des Erbprinzen zu Darmstadt gewesen war, historische Vorlesungen an hiesiger Hochschule hielt, und dessen Ehefrau, der Tochter des Botenmeisters Schefer-Weidig. In den vierziger Jahren besuchte G. Dieffenbach das Gymnasium zu Gießen und studierte nach bestandenem Maturitas Cameral. Als flotter Corpsbursche und trefflicher Schläger, begeistert für alles Schöne, Edle und Gute, angelegt zum Höchsten und aufgelegt zu jedem Wettstreit an Körper und Geist, im Scherz und im Ernst wird er uns aus jenen Tagen geschildert. Die freiheitliche Bewegung des Jahres 1848 drängte ihn zu einem anderen Berufe. Den Idealen seiner Studentenzeit aber ist er bis zum letzten Athemzuge treu geblieben, an Heberzeugimgstreue hat es ihm nicht gefehlt, auch nicht am Muthe, seine Anschauung offen zu vertreten. Bis zuletzt Vorsitzender der deutschfreisinnigen Partei für Friedberg-Büdingen, hat er in dem letzten Wahlkampfe für die Wahl Gutfleischs und dann für die Annahme der Wahl durch denselben sein gutes Theil beigetragen und so auch in das politische Leben unserer Stadt mittelbar eingegriffen. Dieffenbach war auch Gelehrter auf dem archäologischen Gebiete, wie es in seiner Specialität keinen zweiten giebt. Er hat die Geschichte seiner engeren Heimath fleißig aus den Heberresten der Vorzeit abgelesen und sich dabei ein Privatmuseum von europäischem Rufe geschaffen, das für Kenner einen eminenten Werth hat. Die Kränze, welche der Vorstand der Gießener deutschfreisinnigen Partei, sowie Herr Reichstagsabgeordnetet Dr. Gutfleisch an seinem Grabe niederlegten, gaben Zeugniß von der hohen Verehrung, die der Entschlafene auch in hiesigen Kreisen genoß. — Das Ministerium hat eine Verfügung erlassen, nach welcher „zur Vermeidung von Mißbrauch im öffentlichen Zn- tereffe" alle Dienstsiegel der Notare, welche aus irgend einem Grunde ihre Dienststellen verlassen haben, in 'öffentliche Verwahrung genommen bezw. vernichtet werden. Von diesen Siegeln hat der Erste Staatsanwalt einige Abdrücke nehmen zu lassen, welche im Archiv des Landgerichts aufbewahrt werden. Die Siegel selbst sind zu vernichten. Alle Notare, welche im Besitz von Amtssiegeln sind, die nicht für ihr eigenes Amt dienen, haben diese der Staatsanwaltschaft zur Vernichtung auszuliefern. Zu dieser Maßregel hat sich das Ministerium in Folge der vorjährigen Visitation der Schreibstuben der Notare in Rheinhessen veranlaßt gesehen. — Das Jahresfest des Oberhefsischen Vereins für innere Mission wird auf Beschluß des Vorstandes künftig schon vor Ostern gehalten werden, da später die Feste und Versammlungen sich so sehr drängen, daß schwer nur ein passender Tag gefunden werden kann. Man glaubte jedoch den Beginn des Semesters abwarten zu sollen und hat daher für dieses Jahr den 29. April gewählt. Hrsprünglich waren für Predigt und Vortrag Hofprediger Stöcker und Pfarrer F. Naumann aus Frankfurt vorgesehen. Da beide aber bis dahin noch in Italien sein werden, letzterer leider wegen körperlichen Leidens, haben Professor Dr. Achelis in Marburg und Pfarrer Kayser aus Frankfurt beides übernommen. vermischtes. * Darmstadt, 9. April. Ein hiesiger Hausbesitzer mochte sich allerlei Gedanken darüber gemacht haben, wie es seinem Miether, einem Beamten, möglich fein werde, die vom 1. April ab bewilligte Gehaltserhöhung unterzubringen. Um ihm dies mühsame Geschäft nach Möglichkeit zu erleichtern, überraschte er ihn mit der ihrer merkwürdigen Begründung wegen geradezu verblüffenden Nachricht: „Vom 1. April an wird die jährliche Miethe um 40 Mk. erhöht, d a sich Ihre Verhältnisse gebessert haben." Landwirthschastliche Umschau. A AuS Oberhefien, Anfang April. Die Campagne hat begonnen. Die erste Aprilwoche liegt hinter uns; überall regt es sich in Feld, Flur und Wiesen. Schon' zog dec Pflug seine ersten lohnenden Furchen, denn in warmen, milden Lagen, mit leichten, thätigen Boden bat die Auösaat -er Gerste begonnen. War das aber auch ein Winter! Er soll in den Winterannalen schwarz angestrichen werden, denn wenn wir annehmen und hoffen, daß er jetzt vorüber ist, so hat er vom 26. November bis 2. April, das heißt 128 Tage, also mehr als den driten Theil des Jahres gewährt, so daß man mit Virgil ausrufen kann: Ober jam satis est! (£), jetzt ist eS genug!) Was sind Me Folge« des harten Winters? fragt nicht blos der denkende Bauersmann, sondern auch der Handwerker, Gewerbtreibende, Bürger und Beamte. Die erste und allgemeinste, für alle Stände sich ergebende Folge ist das Schwinden der Brenn- und Heizmaterialien. Die Holz- und Kohlenvorräthe sind aufgezehrt. Manche Kohlenfortimente waren in den letzten Tagen fast nicht mehr zu erhalten. Mit den Futtervorräthen geht es grade so. Speisen und Futter sind für Mentch und Thier dasselbe, was Holz und Kohlen für die Oefen sind. Bei großer Kälte muß tüchtig eingeheizt, tüchtig gefüttert werden, sonst gibts Frost. Besonders empfindlich tft es für die kleinen Leute, daß der Frost die Vegetation so lange zurückhielt. An Rainen, auf Brachäckern und ähnlichen Olten sprotzl tu vielen Jahren schon im Februar, stets aber im März das Gras hervor. Es wird abgesichelt und nach Hause gebracht. Begierig fährt Rindvieh und Ziege, selbst das Federvieh auf das langentbehrte Gras los und läßt es sich schmecken. Mit dem Sammeln von Schmalzkraut verdienen sich die Leute manchen Groschen. Das Alles ist bis dato weggefallen und wie es weiter gehen wird, weiß man nicht. Aus einer langjährigen Erfahrung dürfte fich nachstehender gute Rath ergeben: Es tft große Vorsicht und Sparsamkeit in Bezug auf die Futterrationen nöthtg. Seil einer Reihe von Jahren leben wir in einer Periode der excesstven Witterungserscheinungen. Wenn es mit Regen lo-bncht, dauert es gleich 6 bis 8 Wochen in einem Zuge mit Wassergüssen (siehe die Periode von Anfang Juli bis Ende August im vorigen Sommer). Kommt Trockenheit, dann wird es gleich abnorm trocken und tropisch beiß (siehe die Periode vom 1. Septem! er bis 15. October im vorigen Herbste). Wird es kalt, so bleibt es gleich einige Monate so, wie wir es zuletzt erlebt baden. — Aber Feuchtigkeit hatten wir sehr wenig während des Winters. Wie, wenn es nun 4 bis 6 Wochen regnen würde! Darum ist mein Rath noch einmal: Vorsicht bei den Futter- vorräthen, sonst kann es übel ausfallen. Spar es in der Zeit, so hast Dus in der Roth, sagt ein Sprichwort. Und das andere: Mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kommt man aus. Das sind goldene Regeln, mit denen man überall durchkommt. Sind die Folgen des langen, kalten Winters auch auf Feld, Wiesen und Flur stchtbar geworden? Letder p. Grade die letzten drei Wochen haben übel gehaust. Am Tage schien die Sonne recht warm, Nachts halten wir bis — 5 Grad Frost, das bat den Roggen empfindlich geschädigt, er ist ausgewintert. Manche Landwirthe müssen 9/n ihres Roggens umpflügen, sie ernten nicht einmal die Brodfrucht, die sie brauchen. Wenn auch der Acker anderweit bestellt werden kann und eine Ernte noch zu erwarten ist, so muß der Verlust doch als empfindlich bezeichnet werden, denn Cultur- und Arbeitslohn und Saatfrucht sind verloren. Hieran kann der Bürger, Beamte und Gewerbtreibende sich ein Beispiel nehmen, mit welchen Unbilten und Unfällen der Bauer zu kämpfen hat, bis er die Frucht seiner Sorgen und Mühen genießen kann. Das häufige Auswintern des Korns wird Veranlassung geben, demnächst Mittheilungen über perenireuden (ausdauernden) Roggen zu machen, dem die Unbtlben des strengen Winters nicht zu schaden vermögen. Diese Spccies verdient also die Beachtung der Landwirtbe im hohen Grade. Auch an den Obstbäume« machen sich die Folgen des harten Winters bemerkbar. Besonders sind es die Frühsorten, welche gelitten haben. Die wa'me Mittagssonne maojte die Säfte r-ge; die kalten Mitternachtsfröste ließ sie erstarren, so mußte das Zellgewebe zerrissen werden und das Verderben der vorangegangenen Blüthe ist selbstoerftändlich. Aus Rheinhessen und von der Bergstraße (wo die Mandeln, Aprikosen und Pfi siche trotz des rauhen Wetters Anfangs März blühten) werden empfindliche Frostschäden in den Weinbergen gemeldet. Was den Biehstand, beziehungsweise dessen Gesundheitszustand betrifft, so ist zu bemerken, daß Maul- und Klauenseuche, Bläschen- ausscklog, Räude uiw. nach wie vor heimtückisch herum schleichen. Vorficht und Reinlichkeit, diese schönen Tugenden des Land- rontbeo, hü'bn nie ausur Acht gelassen werden. Der Bauer mutz die Behörden bei ihren Bestrebungen unterstützen, sonst helfen die besten Gesetze und Verordnungen, die tüchtigsten Behörden und Beamten nichts. Was tu nun das Remltat der landwirtbschastlichen Tbätigkeit bis j tzt, oder: Wie präsentiren sich die Aussichten nach dem harten Winter/ Antwort: Nicht sehr hoffnungsreich. Lucken überall! Erhöhte Ausgaben! Mehrbedarf! So tönte aus allen W nkeln hervor. Der ruhig denkende Landwirtb braucht deshalb noch lange nicht schwär r ui sehen. Späte Frühjahre mit zurückgehaltener Vegetation find für unsere Breitegrade immer die Vesten gewesen. Die Sonne holl doppelt und dreifach ein, was der eisige yiorb verzögert hat. Der Bauer stelle Schiff und Geschirr, Wagen und Gespann süchtig in Stand und lasse den lieben Herrgott walten. Hoffen wir, daß wir zu Anfang deS Wonnemonats Mai recht viel Gutes und Schönes zu berichten haben. Literatur und ICtutft — Alle Freunde gediegener Werke in kostbarer Ausstattung, ganz besonders aber die nach vielen Tausenden zählenden Besitzer der illustrirten Pracht-Ausgaben von Shakespeare, Schiller und Goethe, die von der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart im Laufe der Jahre unter Herbeiztehung erster Künstler herausgegeben worden sind, werden es freudig begrüßen, daß der genannte Verlag in einer gleich kostbaren und elegant ausgestattete« Ausgabe die Werke Wilhelm HauffS vorbereitet. Gerade Hauff ist durch die Anmuth und das fesselnde Interesse seiner Erzählungen ein Liebling aller Kreise des deutschen Publikums, sein „Lichtenstein", seine „Phantasien im Bremer Rathskeller", sein „Mann im Mond", seine Märchen und Novellen rc. wirken heute noch ganz wie in der Zeit ihres Erscheinens mit voller Frische und erhalten jetzt durch die prächtig ausgeführten Illustrationen hervorragender Künstler erhöhten Reiz. Der neue Hauff, auch kunstkritisch sorgfältig behandelt und mit biographischen Erläuterungen 2c. versehen, ist berechtigt, in jedem deutschen Hause Eingang zu beanspruchen und sich als werthvoller Besitz von Generation zu Generation fortzuerben. Wir wollen heute nur noch darauf Hinweisen, daß die Lieferung nur 50 Pfg. kosten wild, und behalten uns näheres Eingehen auf die neue Ausgabe bis zu ihrem Erscheinen vor. R. Scbissruactz richten. Bremen, 9. April. [Perj transatlantischen Telegraph.^ Der Schnelldampfer Havel, Capitän Th. Jüngst, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 31. März von Bremen und am 1. April von Southampton abgegangen war, ist heute 4 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen. Bremen, 9. April. [Per transatlantischen Telegraph.^ Der Postdampfer München, Capitän C. Steenken, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 26. März von Bremen abgegangen war, ist heute 8 Uhr Morgens wohlbehalten in Baltimore angekommen. 3W Muster franco. I ZU 4 Mark Stoff für einen vollkommenen großen Herrenanzug in den ver- schiedensten Farben. I Zu 2 Mark Stoff zu einer Herrenhose für jede Große, in gestreift und car- | rirt, ivaschächt. Zu 5 Mark 3 Meter Diagonalstoff für einen Herrenanzug mittlerer Große in Grau, Marengo, Olive und Braun. Zu 7 Mark 3 Meter Stoff zu einem seinen Anzug in dunkel gestreift oder klein carrirt, modernste Muster, tragbar zu jeder Jahreszeit. Zu -1 Mark 80 jStoff zu einem vollkommenen Lainenregeiimanrel in heller oder dunkler Farbe, sehr dauerhafte Waare. Zu 12 Mark 3 Meter kräftigen Burkinstoff für einen soliden praktischen Anzug. Zu 16 Mark 50 ^fg. Stoff zu einem Festtags-Anzug aus hochfeinem Burkin. Zu 9 Mark echten wasserdichten Stoff zu einem Anzug oder Paletot in allen Farben. Zu 24 Mark 31/3 Meter echten, feinen Kammgarnstoff zu einem noblen Promenade-Anzu^ | Zu 20 Mark 3 Meter Burkinstoff zu einem Salon-Anzug.| Wir versenden jedes beliebige Mast franco. Adresse. 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Ganz besonders wird darauf aufmerksam gemacht, daß dieser italienische Bermouthwein aus sehr gehaltvollem extractreichen und garantirt reinem Wein dargestellt wird, und daher nicht wie be. vielen ähnlichen Fabrikaten, durch Zusätze die geringe Qualität des Weines verdeckt zu werden braucht. Die Ber» kaufsstellen werden durch Annoncen bekannt gegeben. [2616 -- — Marke Nr. 30 der Deutsch- Vermoutn di Torino Italien. Wein-Import, w Ul uiuuiu ux X Ul iuu (Central Ber- ä r 1.- , V8 Brodpreise vom 12. bis 26. April 1891. Bei den Bäckern. t Kgr. (2 W.) Weißbrob......... 30 2 , (4 „ ) Weißbrod...... 60 1 „ (2 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte.........28 2 „ (4 „ ) Schwarzbrod 1. Sorte 5tz 1 w (2 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte....... , , 2tT> 2 „ (4 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte .........52 3 „ (6 „ ) Schwarzbrod 2. Sorte bei K. Haas, I. Lein, L. Keil 78 1 2 1 2 3 1 2 3 Bei den Brodverkäufern. 4 (4 (6 Kgr. (2 Pfd.) , (4 , ) „ (2 , ) „ (4 „ ) Weißbrod..............30 ..............60 Schwarzbrod 1. Sorte.........28 ,, 1. Sorte.........56 „ 1. Sorte.........— „ 2. Sorte.........26 „ 2. Sorte...... 52 „ 2. Sorte........- — Gießen, den 11. April 1891. Großh. Polizeiamt Gießen, Fresenius. Holzversteigerung. Dien-tag den 14. April werden aus den Districten Brauhofsberg, Brauhof, Hafenkopf, Schiffenberg und Tempel versteigert: 2 Eichenstämme von 60—66 cm Durchm., 4—10 rn Länge mit 4,20 fm, 21 Fichtenstämme von 14—25 cm Durchm., 7—16 m Länge mit 5,60 fm, 8 Eschenstämme von 20—52 cm Durchm., 5—8 m Länge mit 4,80 fm, 122 Eschenderbstangen von 7—13 cm Durchm., 7—13 m Länge mit 6,09 fm, 896 Fichtenderbstangen von 6—11 cm Durchm., 9—13 m Länge mit 43,26 fm. Buchen: 107,4 rm Scheiter, 78 rm Knüppel, 5090 Wellen, 94,6 rm Stöcke. Gschen: 3 rm Scheiter, 3,4 rm Knüppel, 190 Wellen, 4 rm Stöcke, Eichen. 7,4 rm Scheiter, 12 rm Knüppel, 810 Wellen, 8,4 rm Stöcke. Nadel: 23,4 rm Knüppel, 3000 Wellen, 12,3 rm Stöcke- Weich- polz: 9130 Wellen. Das Nadel- Stamm- und Brennholz in Tempel 24, sowie das zerstreut liegende Reisigholz im Rabenpfuhl und Rehhecke wird nicht vorgezeigt, sondern kommt gegen 1 Uhr in Tempel 13a zum Ausgebot; Steigliebhaber wollen dieses vorher einsehen. Zusammenkunft Morgens 9 Uhr im Brauhofsberg b. Bauholznummer 1302. Nähere Auskunft ertheilt Gr. Forst- wart Schlag zu Baumgarten. Gießen, den 3. April 1891. Großh. Obersörsterei Schiffenberg. ____________Heyer._______3119 Aufforderung. Die Rechnungen über Lieferungen und Arbeiten für die Universitäts- Institute aus dem abgelausenen Rechnungsjahre — l.April 1890/91 — sind, soweit dies noch nicht geschehen, alsbald bei den betreffendenJnstituts- directoren einzureichen. Gießen, den 4. April 1891. Großherzogl- Univerfitäts- Rentamt. ___________Schmitt. [3177 Montag den 13. April, Nachmittag- 2 Uhr, werden nackwerzeichnete Möbel und HauS» haltungSfachei, Ludwigstr. 59 III. meistbietend versteigert, nämlich: 1 Sopha, 1 ovaler Tisch, 6 Stühle, 1 Rohrsessel, 3 Tische, 1 Kinderbettstelle mit Matratze, 1 Büchergestell, 1 Waschtisch, lauter Uüchenschrank mit GlaSaufsatz, 1 Koffer, Reisetasche, Vorhänge, 1 Nähtischchen, verschiedene Haushaltungssachen. I. A.: [3328 Louis Rothenberger, Gerichtstaxator. eingetroffen. A. Kilbinger (8. eentterl 9tad)f.), I Seltersweg 19. [1422 | Das Neueste und Eleganteste in Kinderwagen Großh. Gymnasium zu Gießen. Anmeldung neuer Schüler: Montag den 13. April, Vormittags 9 Uhr, im Conferenzzimmer des Gymnasialgebäudes. Aufnahmeprüfungen: Montag den 18. April, von 11 Uhr ab: Nachprüfungen: ,, „ „ „ „ 8 „ „ Beginn des Unterrichts: Dienstag den 14. April, Vorm. 8 Uhr. 3320 Die Direktion. Höhere unh erweiterfe MHc«sH»>e fammt Wrschulen ju Gießen. Montag den 13. April d. I., Vormittags 11 Uhr pünktlich, findet in der Turnhalle der Anstalt die feierliche Einführung des Herrn Director Dn Landmann statt. — Die Schülerinnen der höheren und erweiterten Mädchenschule, mit Ausnahme derjenigen der Vorschule, werden hierdurch aufgesordert, sich zur Theilnahme an der Feier an gedachtem Tage Vormittags 10 Uhr in ihren seitherigen Schulzimmern zu versammeln. — Aus Einladung der Eltern muß mit Rücksicht auf den beschränkten Raum verzichtet werden. Dienstag den 14. April d. I., Vormittags 8 Uhr, beginnt das neue Schuljahr. Die Anmeldung neuer Schülerinnen im Zimmer des Directors im II. Stock erfolgt an diesem Tage: Vorm. von 9—11 Uhr für die höhere und erweiterte Mädchenschule, Nachm von 2—4 Uhr für die beiden Vorschulen. Für solche Kinder, welche noch keine Schule besucht haben, ist zur Ausnahme erforderlich die Beibringung eines Impfscheines, sowie die genaue Angabe des Geburtstages des Kindes, sowie des Namens und Standes seines Vaters, bei auswärts geborenen Kindern die Vorlegung eines Geburtsscheines. Für Kinder, welche schon eine Schule besucht haben, ist ein Zeugniß über den seitherigen Schulbesuch, sowie — wenn sie über 12 Jahre alt sind — eine Bescheinigung über die erfolgte zweite Impfung vorzulegen. Das jährliche Scdulgeld der höheren Mädchenschule beträgt für die Klaffen X, IX und VIII (Vorschule) und VII, VI und V .. 60 «X, für IV und III . . 72 vÄ, für II und I . . 84 Jl., dasjenige der erweiterten Mädchenschule für die Klassen 8, 7 und 6 (Vorschule) . . 32 Mk., für die Klaffen 5, 4, 3, 2 und 1 . . 40 Mk. Wegen der mit Beginn des Schuljahres erfolgenden Trennung der Vorschulen beider Anstalten ist es weiter erforderlich, daß auch für solche Kinder, welche die Vorschule schon besucht haben, von den Eltern am 14. d. Mts. mündlich oder schriftlich erklärt wird, ob dieselben für die Folge die Vorschule der höheren oder erweiterten Mädchenschule besuchen sollen; dabei soll der beliebige Uebertritt einer Schülerin aus einer Vorschulklasse der einen Schule in die nächste Klaffe der anderen nicht ausgeschloffen sein. Gießen, den 9. April 1891. Das Curatorium der höheren und erweiterten Mädchenschule. 3358____________________Gnauth._______________________ Stammholz u Stangenverstergerung im Butzbacher Stadtwald. Wegen ungünstiger Witterung konnte die auf den 7. April anberaumte Holzversteigerung nicht abgehalten werden, dieselbe findet deshalb Dienstag den 14. April, Vormittags 9 Uhr anfangend, statt, und kommen zur Versteigerung: 97 Eichenstämme, 86 Kiefernstamme, 1 Aspenstamm, 4200 Stück Derb- und Reisslängen, 2000 Stück Bohnenstangen. Butzbach, den 9. April 1891. Großh. Bürgermeisterei. 3375_________________________________________________Joutz.__ Die Fortsetzung meines Ausverkaufs von Mau» factnrwaaren, Strumpswaarc», Kleidungsstücken rc. re dauert nur noch kurze Zeit, und werden die noch vorhandenen Maaren, um schnell damit zu räumen, zu jedem annehmbaren Preise abgegeben. Friedr. Emil Loos, 1631 Mänsburg Nr. 5. Tapeten. Die neuesten und geschmackvollsten Mnster in reichster Auswahl empfiehlt zu billigsten Preisen Heinrich Hochstätter, Schlotzgasse 19. NB. Reste von 5 bis 20 Nollen werden zur Hälfte des früheren Preises abgegeben. 2134 aus der renominirten Fabrik Adam Opel, Rüsselsheim a. M. «^-Fabrikat ersten Raoges. haben überall die grossartigsten Erfolge aufzuweisen. ene Preise: Hunderte 24 214 149 82 1890 Meisterschaften, erste Preise, zweite Preise, dritte Preise. Errang 1889 15 Meisterschaften, 143 erste Preise, 69 zweite Preise, 39 dritte Preise. von prima Zeugnissen beweisen die Güte meiner Tourenmaschinen. Besitzer aller Neuheiten. [2377 Opel-Räder sind zu beziehen <1. Wilhelm Hamel, Bleichstrasse,Giessen. Eisschränke. Ich empfehle mich hiermit im Anfertigen meiner neu patentirten Eisschränke nach amerikanischem System, welche sich durch Eisersparnitz und große Leistungsfähigkeit vor allen ähnlichen Fabrikaten vortheil- haft auszeichnen. 1308 Innere Einrichtung nach Wunsch und Wedürfniß. Achtungsvoll Heinrich Reger, Schreiner, Lich (Oberhessen). Zn haben bei Otto Schaaf, täglichen Gebrauche allen kosmetischen Seifen unbedingt vorzuziehen, weil sie neben ihrer medicinischen Wirkung als Präservativmittel gegen Unreinigkeiten Acr Haut und Hautkrankheiten die Haut bei fortgesetztem Gebrauche weiss und zart macht QuellHulzweifc No. II (Jodsodaschwefelseife) ist die wirksamste medicin. Seife geg. Unreinigkeiten der Haut u. Hautkrankheiten, gog. Scrophcln, Flechten, Drüsen, Verhärtungen, Geschwüre, Schrunden: ganz besonders auch gegen Frostbeulen und als *unr**I7 ung gichtischer Ablagerungen; auch gegen das Ausfallen der Haare wird sie mit Erfolg gebrau Verstärkte Qnellsalzseife No. III wird in veralteten hartnäckigen Fällen 8ebrnucht^ in denen No. II nicht kräftig genug wirken sollte. Sie ist ein ebenso sicheres als unsenaan Mittel von ganz überraschender Wirkung bei Hautkrankheiten etc., selbst da, wo au« an« Mittel erfolglos bleiben. »Die Krankenheiler Quellsalzseifen sind altbewährte .Kurmiuei^ en ca. 50 Jahren in Gebrauch. 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Die Beerdigung findet nächsten Montag, Nachmittags 2 Uhr statt. 3428 Börsen-Sp^culation mit beschränktem Risico. Prämien-Geschäfte sind die sicherste und solideste Speculation, da der Verlust stets auf den geringen Einsatz beschränkt, der gegen unbegrenzt ist. Prospecte und Börsenberichte sendet auf Verlangen gratis Eduard Perl, Bankgeschäft, Berlin C„ Kaiser Wilhelm Str. 4. — tf erzielt man nur, wenn die Annoncen zweckmäßig abge- ■ OI Hfl und typographisch angemessen ausgeftattet sind, fem-r I die richtrge Wahl der geeigneten Zeitungen . , getroffen wird. Um dies zu erreich-'n, wende man sich UllkM ä ttttrttirPtt an die Annoncen-Expedition Rudolf Messe, Frank- ^tUUUUirll furt a. M., von dieser Firma werden die zur ^rjtelung eines Erfolges erforderlichen Auskünfte kostenfrei ertheilt, sowie Inseraten - Entwürfe zur Ansicht geliefert. Berechnet werden lediglich die OriginalrZeilenpreise der Zeitungen unter Bewilligung höchster Rabatte bet größeren Aufträgen, so daß durch Benutzung dieses Institutes neben den sonstigen großen Vortheilen eine Ersparniß durch Jnsertionskosten erreicht wird. Vertreter in Gießenr Heinrich Wallach, Kaufmann. 128 Wedactum: A. Schetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) m Gießen. Sonntag den 12. April Gietzener Anzeigen. Beilage zu Nr- 84. - 1891. Feuilleton. 1 Ein Scheuerfest und seine Folgen. Bon Alexander von Degen. (Nachdruck verboten.) Major v. Bach, der Commandeur des in L. stehenden Füsilier-Bataillons, war ein stattlicher Herr. Manches holde Mädchenantlitz blickte verstohlen hinter den Gardinen hervor, wenn er die Straßen des Städtchens herunterschritt, manches Frauenauge leuchtete in heimlichem Triumphe, wenn der Major die Besitzerin desselben um einen Tanz bat. Aber die mit dem Eisernen Kreuze I und unzähligen anderen Orden geschmückte Brust des jugendlichen Com- mandeurs — Herr von Bach war erst achtunddreißig Jahre — schien unempfindlich gegen jeden derartigen Blitzblick, der andere Söhne des Mars in helle Gluth versetzt hätte. Im Dienst war Herr v. Bach unnachsichtlich, außer Dienst der liebenswürdigste Kamerad, der es auch nicht verschmähte, im Kreise der jüngsten Offiziere zu verkehren. Er war daher eine sehr beliebte Persönlichkeit in L. Er bewohnte die elegante erste Etage in dem großen Kaufmann Erler'schen Hause am Markt, war „stylvoll eingerichtet", wie die Herren sagten, die bei ihm zum Oestereu zu ausgezeichneten kleinen Herren - Soupers geladen waren, welche sich wegen des ungezwungenen Tones, der exquisiten Weine und Speisen einer gewissen Berühmtheit erfreuten. Seit einem Vierteljahre hatte der Major in seinem Haushalt, der bis jetzt nur aus ihm, seinem Burschen und Reitknecht bestanden hatte, in der Person von Frau Susanne Schill, Feldwebelswittwe, einen Zuwachs erhalten. Einestheils hatte Herrn v. Bach die kümmerliche Lage der alten Soldatenfrau dazu veranlaßt, ihr bei ihm eine Unterkunft zu verschaffen, anderntheils aber auch die Aussicht, daß er nun nicht immer, wenn er ein Fest gab, von Köchen oder Kochsrauen abhängig war, denn „Mutter Schill", wie die Burschen die alte Frau nannten, verstand sich auf das Kochen ausgezeichnet. Im Uebrigen sah er seine Haushälterin höchst selten, alle Aufträge gingen durch Friedrich, den wohlgeschulten Burschen, das Factotum des Majors. Letzterer hatte keine Ursache, mit der Vermehrung des Haushalts unzufrieden zu sein. Der Kaffee Morgens war jetzt entschieden schmackhafter als das Gebräu, welches Friedrich früher destillirte, zum zweiten Frühstück, das der Major stets nach dem Dienst zu Hause zu nehmen pflegte, gab es fortan oft angenehme Überraschungen, an die er früher nie gedacht, als höchst schmackhafte kleine Hammelcotelettes, deliciöses Rührei, Ragout fin en Coquilles, ein Brathühnchen u. s. w. Als nun gar der Herr Major einer starken Erkältung wegen gezwungen war, vierzehn Tage das Zimmer zu hüten, lernte er erst die Vorzüge Frau Susannes schätzen. Wie theilnehmend ließ sie durch Friedrich fragen, ob der Herr Major zu diesem oder jenem Gericht Appetit hätten, und wie wundervoll war alles gekocht. Was früher nie geschehen, nach seiner Genesung aß Bach statt wie sonst im Casino die Woche mindestens zweimal bei sich zu Hause, lud auch öfter einen oder mehrere Herren ein, die nicht genug von den saftigen Fasanen, vorzüglichen Krammetsvögeln und anderen Salondelicatessen zu erzählen wußten. So wirthschastete der Herr Major mit Frau Susanne in bestem Einvernehmen bereits ein Vierteljahr hindurch, nicht der leiseste Mißton war in der ersten Etage des Hauses am Marktplatz gefallen. Das Osterfest stand vor der Thür und, was für Bach noch wichtiger war, am Mittwoch vor dem Feste war Bataillonsvorstellung, zu welcher der Herr Oberst, sowie der General aus der Residenz ihr Erscheinen angekündigt hatten. Die Vorstellung des Bataillons ließ den Herrn Major völlig unbesorgt, er wußte, daß er gut abschneiden würde; dagegen machte ihm das kleine Diner, das er zu Ehren der Vorgesetzten in seiner Wohnung geben wollte, nicht geringe Sorge. Es sollte eben etwas extra Exquisites geben. Frau Susanne wurde deßhalb in das Schreibzimmer Bachs befohlen, sie war das erste Frauenzimmer, das diesen geheiligten Junggesellenraum betrat. Wäre der Herr Major nicht so eifrig mit der Zusammensetzung des Menus beschäftigt gewesen, ihm wäre wohl kaum das mißbilligende Kopfschütteln Mutter Schills entgangen, mit welchem dieselbe das Zimmer musterte. Allerdings sehr ordentlich sah es in demselben nicht aus, aber alles war so zur Hand, wie es der Besitzer gebrauchte. Was aber das besondere Mißfallen Frau Susannes erregte, war erstens in der Ecke dort am Fenster ein großes Spinngewebe, in dem unzählige Fliegen hingen, zweitens der braune Hühnerhund Pluto, der ouf den weichen Kissen des Sophas seine schlanken Glieder dehnte und leise knurrte, als die Dame eintrat. Diese Aversion des Hundes, der sonst nie Jemanden belästigte, war verwunderlich,' aber ein kurzes „Kusch Pluto" ließ diesen verstummen. Dennoch verwandte der Hund kein Auge von Frau Schill, da ihm wahrscheinlich die Püffe in den Sinn kamen, die er vor einigen Tagen gelegentlich eines Besuches in der Küche mit dem Borstenbesen erhalten. Nach einer halben Stunde eifrigen Discutirens waren Herr und Dienerin über den gastronomischen Theil des Vorstellungstages einig und Susanne knixte aus dem Zimmer: ,,Der Herr Major werden mit allem zufrieden sein!" In bester Stimmung zog sich Bach an und ging in das Casino. Kaum hatte er das Haus verlassen, als Frau Susanne, mit ihrem geliebten Borstenbesen bewaffnet, die Treppe heraufeilte und das Zimmer des Herrn Majors betrat. Pluto lag im schönsten Schlummer und träumte anscheinend gerade von einer lustigen Jagd, denn er jauchzte mehrere Male. „Das ingfahme Vieh auf den schönen Kissen, nee es is eine Schande!" ries Frau Schill entrüstet, und gleichzeitig berührte der Borstenbesen nicht eben sanft den Rücken des Schlummernden. Dieser fuhr empor, sprang, als er den Borstenbesen drohend über seinem Haupt sah, mit einem Satz unter den Tisch in der Mitte der Stube und fletschte die Zähne. Doch Frau Susanne kannte keine Furcht, wenn sie den Borstenbesen als Waffe in der Hand hatte. Sie öffnete die Thür, stocherte mit dem Besen unter den Tisch und rief: „Hinaus, du Viehzeug, marsch in den Stall, wo du hingehörst!" Pluto folgte dieser freundlichen Einladung, witschte zur Thür hinaus und raste die Treppe hinunter, gerade zwischen die Beine des Hauswirths, des dicken, behäbigen Kaufmanns Erler. Der Anprall kam zu unvermuthet, Herr Erler verlor die Balance und flog sechs Stufen hinunter mit einem Gepolter, als stürzte das Haus ein. Während Frau Susanne als vorsichtige Frau die Thür des Zimmers schloß, eilte unten Frau Erler herbei. „Aber, Mann, was ist denn?" ries sie, „hast Du Dir Schaden gethan?" „Nein, nein, Gott sei Dank, daß es so abgegangen ist, der Hund des Herrn Majors muß toll sein, schnell gib mir einen Cognac, ich habe fürchterliches Herzklopfen." Herr und Frau Erler verschwanden im Laden. Frau Susanne aber handhabte ihre Waffe gar eifrig oben in dem Zimmer des Majors, wischte dann auf dem Schreibtisch umher und verschwand ungesehen, wie sie gekommen. Als der Herr Major aus dem Casino trat, wunderte er sich nicht wenig, Pluto an der Thür desselben zu finden. Der Hund bellte laut vor Freude, da er seiner ansichtig wurde. „Was der Hund nur hat," dachte Bach. „Er ist heute so seltsam, heuu' Mittag schon knurrte er die Alte an, was er sonst nie thu In Begleitung des Hundes gelangte er an sein Haus. Am Ladenfenster stand ein neues Feuerzeug aus. Dies erregte die Kauflust Bachs. Er trat näher. „Guten Tag, Herr Erler, kann ich —“ Er hielt erstaunt inne, denn mit einem Satz sprang sein corpulenter Wirth auf die Ladentafel und dann hinter dieselbe, als er Pluto erblickte, der an den Kisten umherschnupperte. „Ei, ei, Herr Erler, Sie treiben wohl Zimmergymnastik?" lächelte Bach nähertretend, „ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so springen könnten, alle Achtung, würde mich freuen, wenn alle meine Füsiliere es Ihnen gleichthun könnten!" „Ach, Herr Major, der Hund," stammelte der Kaufmann, „ich fürchte mich so, ich glaube, der Hund ist toll!" Bach sah den Sprecher fragend an, aber da derselbe nicht den Eindruck eines Verrückten machte, fuhr er fort: „Aber ich bitte Sie, Herr Erler, wie kommen Sie auf die Vermuthung?" Herr Erler berichtete den Vorgang am Mittag. „So — so, hm, hm, na, vielleicht ist der Hund etwas aufgeregt, ich werde ihn einige Tage an die Kette legen." Der Major kaufte das Feuerzeug und begab sich auf sein Zimmer. Er setzte sich an den Schreibtisch, um eine Arbeit zu vollenden. Eine Weile hatte er geschrieben, jetzt griff er nach einem Buche, das stets zur Hand lag; nach langem Suchen fand er das Gewünschte an einer anderen Stelle - ebenso erging es ihm mit seiner Cigarrenspitze, aus der er stets beim Schreiben rauchte, auch sie lag nicht am richtigen Platz. Er klingelte, Friedrich erschien. „Bist Du an meinem Schreibtisch gewesen?" „Nein, Herr Major!" „Es ist gut." „Sonderbar, sollte ich selber diese Unordnung gemacht haben? Möglich, ich war etwas zerstreut, als ich das Menu geschrieben hatte." Da am anderen Tage alles in schönster Ordnung war, so dachte Bach nicht weiter an den Fall. * Die Vorstellung war vorüber, zu allseitiger Zufriedenheit verlaufen. Gütigst hatten der Herr General sowie der i Oberst die Einladung „zu einem Löffel Suppe" angenommen. \ Die Hauptleute und der Adjutant waren auch geladen, ferner der alte verabschiedete Oberst von Lassen, der in L. mit seiner Familie die Pension verzehrte, und in dessen Hause Bach ein oft und gern gesehener Gast war. Viele wollten behaupten, Ernas, der dreiundzwanzigjährigen Tochter des Hauses wegen, das war aber nur müßiges Gerede, denn bereits zwei Jahre war Bach in L. und keine Verlobung publicirt. „Der Löffel Suppe" war ausgezeichnet und dehnte sich bis Abends 8 Uhr aus, um halb neun fuhren die Herren Vorgesetzten nach der Residenz zurück, nicht ohne daß der General zum Abschied sagte: „Na, bester Bach, beim 10. Regiment wird zum 1. August auch die Stabsoffizierstelle frei, ich gratulire bereits zum Oberstlieutenant!" Am nächsten Tage hatte der Major einmal ausnahmsweise im „Löwen" gefrühstückt, da er einen alten Kriegskameraden getroffen. Ein lustiges Liedchen pfeifend, stieg er gegen elf Uhr die Treppe zu seiner Wohnung empor. „Der Teufel!" schrie er plötzlich, eine dicke Staubwolke hüllte ihn ein, es kribbelte in seinen Augen. Heftig rieb er dieselben und griff nach dem Taschentuch, als er ein scht, scht!" vernahm und gleichzeitig über sein Haupt ein Strom Wasser sich ergoß. „Himmel und Hölle, was geht hier vor!" schrie er und sprang die Treppe hinauf. Ein nie gesehener Anblick bot sich seinen Augen. Hochgeschürzt watete Dame Susanne in seinem Zimmer umher, dessen Fenster weit geöffnet waren und im Verein mit den weit ausgesperrten Corridorsenstern einen Zugwind verursachten, der ihm unheimlich durch die ohnehin durchnäßten Glieder fuhr. Frau Susanne wollte augenscheinlich soeben wieder einen Eimer durch die Stube schwippen und dem anderen folgen lassen, dessen Inhalt theils vom Major herab- troff, theils in Bächelchen die Treppe herabrieselte. Doch das Erscheinen des Herrn hielt sie davon ab, statt dessen fuhr sie mit dem Borstbesen eifrig an der Decke des Zimmers hin und her, dicke Staubwolken erzeugend. Starr blickte der Major auf diese Scene. Dort lagen seine Bücher unter einander geworfen auf mehreren Stühlen, hier die Tabakspfeifen in einer Ecke des Corridors, die Teppiche, Nackenkiffen, zarte Andenken, in einem Winkel, und auf dem Schreibtisch lagen Besen, Bürsten und Wischtücher. Ein Grausen erfaßte ihn. „Aber, Frau Schill, was machen Sie denn nur?" stammelte er endlich. „Große Reinigung, Herr Major, es war die höchste Zeit, nachher kommen die anderen Zimmer daran!" Frau Susanne fegte, ohne den Herrn weiter zu beachten, fort. Seufzend begab sich der Major in sein Ankleidezimmer, nach einer Viertelstunde verließ er das Haus. „Sie hat eigentlich Recht, aber schauderhaft ist es!" murmelte er. Nach dem Essen traf er auf der Promenade mit dem Oberst bou Lassen zusammen. „Kommen Sie heute Abend zu uns, Herr Major!" sagte der alte Herr beim Abschied. Nur widerstrebend kehrte Bach in seine Wohnung zurück. Fast den ganzen Nachmittag mußte er ordnen, bevor sein Schreibtisch wieder die gewohnte Versassung hatte. Noch nie war es ihm so ungemüthlich in seinem Zimmer gewesen. „Und das steht mir nun alle Monate bevor, nein, ich werde der Schill kündigen, das ist nicht zum Aushalten!" überlegte er; „aber bann ade gute Küche!" sprach die Stimme des Gourmands. Er blickte auf die Uhr, in einer halben Stunde war Theezeit bet Lassens; unwillkürlich dachte er, wie nett und gemüthlich er es immer dort fand, wie angenehm und zuvorkommend Erna Lassen sei. Merkwürdig, so hatte er noch nie an Erna gedacht. In Sinnen verloren blieb er eine Weile, dann warf erden Mantel um und saß eine halbe Stunde später am wohl- besetzten Thestisch bei Lassens. Er traf dort Gesellschaft und hatte Gelegenheit, mit Erna allein zu sprechen. „Sagen Sie mal, gnädigstes Fräulein, ist bei Ihnen auch jeden Monat große Reinigung der Zimmer?" Erna lachte. „Welche Frage, Herr Major; natürlich, in jedem Haushalt ist dies der Fall; wie kommen Sie zu solcher Frage?" „Ach so, nur so!" machte Bach etwas verlegen und schnipste mit den Fingern. „Ja, Papa ist das immer sehr unangenehm, er geht dann fort!" „Das glaube ich, und nachher hat er das Vergnügen, alle seine Sachen wieder zusammenzusuchen und Ordnung auf dem Schreibtisch zu machen!" „Richtig, Herr Major, das wäre der Fall, wenn das Mädchen dort hantircn dürfte, das besorgen aber Mama oder ich, da wir wissen, wie es Papa gerne hat!" „So — so!" Bach blickte sein vis-a-vis gedankenvoll an. Auf einer Landpartie, die einige Wochen später stattfand, wußte es Bach so einzurichten, daß er eine Weile mit Erna allein sein konnte. Es war nicht weiter ausgefallen, nur der Adjutant, der ja immer nur seinen Vorgesetzten im Auge behalten soll, hatte es bemerkt. Er war daher auch nicht überrascht, als die staunenden L.-städter eines Morgens in ihrem Blättchen lasen: Meine Verlobung mit Erna von Lassen beehre ich mich ergeben ft anzuzeigen. von Bach Major und Balaillonscommandeur. Als bald nach ihrer Verheirathung Bachs als Oberst- lieutenants nach A. übersiedelten, begleitete sie auch Frau Susanne als wohlbestallte Köchin und machte in A. die Küche des Oberstlieutenant Bach ebenso berühmt, als sie es in L. gewesen war. lieber Unordnung auf seinem Schreibtisch hat sich der Herr Oberstlieutenant nie wieder beklagt, auch nicht nach I der allergrößten Reinigung. — Jede neue Jahreszeit stellt an ben Einzelnen neue Ansprüche, bei denen die Kleiderfrage in erster Reihe steht. 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