1891 Freitag den 11, December «r. 289 4S tiMten täglich, trta des Monie-s. 3*t Vit-»ner b4®nit«ec itewik Krr»jprechrr 51. Amts- ttttb Anzeigeblatt für den Kwi» öiefeen. Hratisßeilagc: Gießmer Jamiüenökättrr. W a MWWWWWW HNWV ÄB»c^vat rs« Avzei-ek ju der R<4mtttogi für dm fdfiffHlx* K«e erscheinenden Nummer bis Vor». 10 Uhr. ®Be Lmromm-Aureimr des In- und ÄulteaM ti^cote Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgeT«. Amtlicher Theil. Gießen, am 9. December 1891. Betr.: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler in 1892. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen sm die «rotzh. Bürgermeistereien de- «reifes. Wir sehen Ihrem Berichte darüber entgegen, wieviel Scheine Sie voraussichtlich im Jahre 1892 für zur Bedeckung kommende Stuten nöthig haben werden. v. Gagern. Bekanntmachung. Christian Steuerwald von Gießen wurde als Feldschütz für die Gemarkung Gießen ernannt, verpflichtet And heute in seinen Dienst eingewiesen. Gießen, am 9. December 1891. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Gnauth. Lehrer-Conferenz des Conferenz - Bezirks Gießen Mittwoch den 16. December, Borm. IO Uhr in Gießen. Lieder: 138, 216. Gießen, den 9. December 1891. Büchner, Schulrath. Deutsches Reich. Darmstadt, 9. December. Wegen des Ablebens Seiner Majestät des Kaisers Dom Pedro II. von Brasilien ist auf Allerhöchsten Beseht eine Hoftrauer vom Heutigen bis zum 22. l. Mts. einschließlich angeordnet worden. — Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den Möbelsabrikant Ringshausen aus Nidda. nn. Darmstadt, 9. December. Hessischer Landtag. In der heutigen Sitzung zweiter Kammer kommt zunächst eine Interpellation des Abg. Pennrich über die Verlegung der Schulstunden der Fortbildungsschulen zur Kenntniß des Hauses. Hieraus findet die Wahl des Sonderausschusses zur Berichterstattung über die Vorlage der Regierung, Revision der Verwaltungsgesetze, die Kosten der Landarmenpflege, Bildung der Kreisschul-Commissionen in Stadtkreisen rc. statt. In diese Commission werden gewählt die Abgg. Arnold, Haas, Hirsch, Jöckel, Möllinger, Graf Oriola, Weber, Reinhardt und Schade. — Eine Rückäußerung erster Kammer wegen Neuregelung der Gehaltsverhältnisse der Hilssgerichtsschreiber wird zurückgestellt. — Die Vorlage der Großh. Regierung aus widerrufliche Anstellung der Aufseher im Arbeitshause zu Dieburg nach zurückgelegter einjähriger Probezeit ivird einstimmig genehmigt, desgleichen eine solche aus Bewilligung eines Betrags von 1287 Mk. für die Herstellung von Holzpflaster vor dem Regierungsgebäude zu Mainz. — Für die Errichtung einer unter Leitung Großh. Centralstelle für die Gewerbe stehenden Fachschule für Elfenbeinschnitzerei, Holzbitdhauerei und verwandte Gewerbe fordert die Großh. Regierung einen jährlichen Betrag von 8500 Mk. für die Jahre 1892/94. Die Kammer bewilligt einstimmig die geforderte Summe. — Ein Antrag des Abg. Weber auf Erhöhung des Staatszuschusses zu den Kosten der Handelskammer in Offenbach wird vorerst und bis zur Neuaufstellung des Budgets für erledigt erklärt. — Lebhafte Debatten entspinnen fich bei dem Antrag der Abgg. Haas und v. Rabenau auf gesetzliche Regelung des Vieheinstellungswesens in Hessen. Die beiden Antragsteller erläutern in eingehender Weise die Mißstände, wie sie dermalen in Hessen beim Vieheinstellungswesen bestehen und die wucherischen Bestrebungen Einzelner, um den kleinen Bauer geradezu auszuplündern. Nach einer Mittheilung des Großh. Staatsministers sind seitens der Regierung bedeutende Erhebungen nach dieser Richtung hin gemacht worden, allein auf Grund dieser Erhebungen konnten eigentliche Mißstände nicht ermittelt werden. Abg. Ullrich glaubt, daß die Art, wie die Regierung diese Erhebungen angestellt habe, nicht die richtige gewesen sei. Hätte sie bei dem kleinen Bauer selbst statt bei den Kreisämtern diese Erhebungen gemacht, dann hätte sie erfahren, wie es auf dem Lande aussehe und wie der Wucher des Großcapitals seine Blüthen treibe. Staatsminister Finger erklärt, die Regierung werde in möglichst wirksamer Weise und mit größter Sorgfalt diese Sache verfolgen und wenn nöthig, thalkräftig eingreisen, zu bedauern bleibe es aber immerhin, daß gewisse bäuerliche Kreise sich bewuchern ließen aus falschem Stolz vor der Benutzung der Creditkassen. Hiernach wird der Antrag des Ausschusses, Großh. Regierung zu ersuchen, das Vieheinstellungswesen wie in Elsaß-Lothringen zu regeln, einstimmig angenommen. — Das Gesuch der Pfandmeister um Erhöhung der Beitreibungsgebühren sowie derHaupt- steueramtsrendanten um Verwandlung des widerruflichen Gehaltes in definitiven wird für erledigt erklärt. — Eine Vorlage der Großh. Staatsregierung, den Gesetzentwurf auf Ablösung der Wasserfallzinsen sowie auf Aushebung der besonderen Staatsrentenablösungs-Schuldenverwaltung betreffend, wird einstimmig genehmigt. Ebenso wird der Antrag des Abg. Lautz uud Genossen auf Erbauung einer Bahn von Darmstadt nach Roßdorf—Groß-Zimmern—Groß-Umstadt— Aschaffenburg der Großh. Regierung zur Prüfung und Erwägung des Projects anheimgegeben. Desgleichen dasjenige eines Comitös zum Bau einer Bahn durch das untere Mümlingthal Höchst—Landesgrenze. — Der Antrag des Abg. Muth auf Weiterführung der Bahn Nieder-Gemünden—Homberg bis zur Landesgrenze wird abgelehnt, ebenso das Gesuch des mitteldeutschen Bauernvereins wegen Erlasses der Grundsteuer für 1891. — Hiermit ist die Sitzung beendigt. Morgen früh werden die Jagdgesetze berathen. Berlin, 9. December. Der Kaiser beabsichtigt, am kommenden Sonntag sich kurze Zeit in Schwerin aufzuhalten. Der hohe Herr gedenkt daselbst der Großherzogin- Mutter Alexandrine von Mecklenburg, der Schwester weiland Kaiser Wilhelms I., einen Besuch abzustatten und einer Opern-Vorstellung im Hoftheater beizuwohnen/ — Allgemeiner Annahme nach wird die Debatte im Reichstage über die Handelsverträge bis mit Sonnabend währen. Ob sie alsdann an eine besondere Commission verwiesen werden oder ob der Reichstag be- beschließt, die zweite Lesung ebenfalls gleich im Plenum vorzunehmen, ist zur Stunde noch ungewiß, da die Meinungen «feuilUton Aus Umwegen. Novelle von F. Stöckert. (Nachdruck verboten.) In der Familie des Professors Welten herrschte große -Verstimmung. Ilse, die älteste von fünf Geschwistern, sollte sich verloben und wollte nicht. Sie erklärte soeben, und zwar mindestens zum zwanzigsten Male seit vorgestern, an welchem Tage der Brief des von ihr verschmähten Freiers angelangt war, daß sie mit ihren zwanzig Jahren Rechte des Herzens habe, die sie nicht opfern wolle, nur um eine Versorgung zu haben. Ein Mann, der eine derartige Verbindung, wie sie da in dem Briese schwarz aus weiß zu lesen sei, eingehen könne und wolle, sei ihr von vornherein verächtlich. „Aber, liebes Kind," erwiderte die Frau Professor aus diesen letzten Redeerguß ihrer ältesten Tochter. „Erich Rode hat doch nur aus Pietät für seinen verstorbenen Vater den Antrag gemacht und die daraus bezüglichen Papiere geschickt und einen romantischen Hintergrund hätte die Verlobung doch auf jeden Fall, da doch nur die Jngendneigung des alten Majors zu mir die Veranlassung der ganzen Geschichte ist." Die Frau Professor war etwas roth geworden bei diesen letzten Worten. Ihr Gemahl aber unterbrach sie ziemlich barsch: , „Ach was, romantischer Hintergrund oder nicht, das ist meines Erachtens ganz Nebensache! Wir haben drei Töchter, und wenn sich für eine Aussicht aus eine Heirath bietet, so wäre es doch geradezu Tollheit, dieselbe zurückzuweifen einer albernen Mädchenlaune wegen! Zwingen will ich Dich natürlich nicht," wandte er sich jetzt an seine Tochter, „aber ich stelle Dir die Wahl, entweder Du gibst Deine Zusage oder Du nimmst am ersten Juli eine Stelle an als Gesellschafterin, Stütze der Hausfrau, Bonne, oder wie dergleichen angenehme Versorgungen sich sonst nennen mögen. Natürlich wirst Du Dich dann Dein Leben lang in der Welt so herumstoßen lassen, denn einen Heirathsantrag wirst Du schwerlich noch einmal bekommen. Du bist nicht reich, nicht schön, ich wüßte wirklich nicht, warum ein Mann Deine Hand begehren sollte!" Der Professor, ein großer, schlanker Mann mit sehr energischen Gesichtszügen, schaute finsteren Blickes aus seine zierliche, braunäugige Tochter. Diese ließ fich aber durchaus nicht verblüffen. Sie warf den kleinen Kops trotzig zurück. „Gut, dann nehme ich eine Stelle an!" erwiderte sie schnippisch. „Mich heirathen lassen nur aus Pietät für einen tobten alten Mann, der zufällig mein Pathe gewesen und meine Mutter einst geliebt hat, das thue ich nie und nimmer!" „Nun, dann wäre ja die Sache abgemacht!" rief der Professor in Hellem Zorne. „Ich werde heute noch an Erich Rode schreiben und Ihr mögt hier die Tagesblätter stu- diren, der Stelle wegen für unseren liebenswürdigen Trotzkopf !" Mit dröhnenden Schritten verließ er das Zimmer, den beiden Damen ein Packet Zeitungen hinschleudernd. Seine Gattin blickte ihm seufzend nach. „Wenn Du es nur nicht noch einmal bereust, Ilse," sagte sie dann. „Aus Liebe werden jetzt, in unserer materiellen Zeit, die wenigsten Ehen geschloffen, und hier war doch immer noch der romantische Hintergrund." Die gute Frau Professor gefiel sich ungemein in diesem Ausdruck, und daß der verstorbene alte Major ihrer nicht vergessen, blieb doch immer sehr schmeichelhaft für sie. „Was nützt mir der romantische Hintergrund!" rief Ilse, „wenn der Sohn des alten romantischen Herrn so prosaisch und materiell wie möglich ist! Wie unzart von ihm, so gleich mit seinem Antrag ins Haus zu fallen. Konnte die Sache nicht anders eingeleitet werden, daß wir uns vielleicht, ohne uns zu kennen, am dritten Ort erst einmal gesehen hätten?" „Vielleicht könnte ihm der Vater diesen Vorschlag noch machen!" meinte die Frau Professor nachdenklich. „Ob ich einmal mit ihm darüber rede? Freilich, wenn er so zornig ist, dann läßt sich nicht gut mit ihm etwas be- sprechen." „Um Gotteswillen, fang nicht noch einmal zum Vater von der Geschichte an; er war so zornig wie ein Berserker. Sei froh, daß die Sache abgemacht ist; den Absagebrief, den der Vater gewiß in seiner kurzen, bündigen Weise abfaßt, den gönne ich übrigens diesem Freiersmann von ganzem Herzen. Ich für meinen Theil ziehe in die weite Welt und „Wer weiß, wo in der Ferne Das Glück mir auch noch blüht V Die Strophen vor sich hinträllernd, griff Ilse nach den Zeitungen, sich in die verschiedenen Annoncen derselben vertiefend. Die Frau Professor schaute seufzend auf ihr leichtherziges Töchterchen, das so vertrauensvoll in die Zukunft blickte, als wandelten die armen Mädchen in dieser Welt alle auf Rosen. * 4- * „Aus den Plänen Ihres verstorbenen Herrn Vaters kann leider nichts werden, sie scheitern an dem Trotzkopfe meiner ältesten Tochter Ilse. Danken Sie Gott, daß Sie besagten Trotzkops nicht zum Weibe bekommen; nicht Jeder ist ein Shakespeare und vermag der Widerspanstigen Zähmung in Scene zu setzen." — So lautete der Absagebrief des Professors Welten, den Erich Rode, indem er langsam seinen Mokka schlürfte, heute an einem köstlichen Junimorgen, halb belustigt, halb ärgerlich, zum wiederholten Male durchstudirte. War es denn glaublich? Er, Erich Rode, der viel begehrte, verwöhnte junge Doctor, erhielt hiermit einen Korb? Und zwar von einem Professorentöchterchen, Namens Ilse! „Wirklich eine köstliche Geschichte!" ries er, indem er den Brief auf den Tisch warf. „Ich kam mir so erhaben vor, ein wahres Muster von Tugenden und Pietät, als ich so den Wünschen meines verstorbenen Vaters nachkam. ES scheint, man ist immer pietätvoller gegen die Todten als gegen die Lebenden. Fräulein Ilse beweist das wenigstens, sie scheint wenig Pietät gegen ihren gestrengen Herrn Vater zu haben. Freilich, ich hätte die Sache auch etwas klüger ansangen und das Terrain erst ein wenig recognosciren können. Aber das sind so die bequemen Junggesellenmanieren, nur um alles in der Welt keine Anstrengnngen, keine Cour- machereien aus Bällen und Landpartien; im Grunde geschieht es mir ganz recht, daß die kleine Widerspänstige mich mit einem Korbe bedacht!" (Fortsetzung folgt.) der Parteien hierüber sehr getheilt sind. Practisch würde eine commissarische Vorberathung der handelspolitischen Vorlagen allerdings ziemlich belanglos sein, denn das Parlament kann ja doch keine Veränderungen an ihrem Inhalte vornehmen, es hat die Verträge, wie sie sind, lediglich entweder abzulehnen oder anzunehmen. Immerhin läßt sich aber für die Commissionsberathung geltend machen, daß das schließliche Ja oder Nein sich aus der Prüfung der Einzelheiten ergebe und daß dieselbe besser in der Commission, als im Plenum stattfinden könne. Im Uebrigen besteht nirgends ein Zweifel, daß der Reichstag die Verträge mit sehr großer Mehrheit genehmigen wird. — Von den Börsenreformanträgen ist es einstweilen wieder still geworden. Dieselben werden höchst wahrscheinlich erst nach Neujahr zur Berathung kommen. — Das in den deutschen Transitlagern gegenwärtig lagernde Getreide wird vom 1. Februar 1892 ab bereits zu den ermäßigten Zollbeträgen versteuert werden. Die Ermäßigung soll aus Getreide aller Art, auch aus russisches und rumänisches, Anwendung finden. Ein besonderes Gesetz steht zu diesem Zwecke in Aussicht. An Differentialzölle wird seitens der Regierung nicht gedacht. 136. Plenarsitzung. Mittwoch, 9. Decemver 1891, 1 Uhr. ßErste Berathung des Antrages Goldschmidt (dfr.) auf Annahme eines Gesetzes, wodurch den Handlungsgehilfen das Recht gegeben wird, bet ihrem Abgänge ein Zeugniß über die Art und Dauer ihrer Beschäftigung -u fordern; dies Zeugniß muß auf Verlangen der Gehllfen auch auf ihre Führung und ihre Leistungen ausgedehnt werben. Diese gesetzliche Bestimmung soll in Form einer Aenderung des Art. 61 des Handelsgesetzbuchs zum Ausdruck gebracht werden. Der Antragsteller Abg. Goldschmidt (dfr.) begründet den Antrag. Für junge HandlungsgehUfev sei Stellenlosigkeit der größte Nothstand, bei dem ihnen oftmals die Gelegenheit verloren geht, ihre Tüchtigkeit nachzuweisen. Nach der heutigen Lage der Gesetzgebung seien auch leider die Principale nicht verpflichtet, den Gehilfen Zeugnisse auszustellen. Diesem Mangel abzuhelfen bezwecke die Vorlage; fie werde es namentlich auch ermöglichen, daß ein junger Mann, der etnen Fehltritt begangen, nicht unter den unmittelbaren Folgen sein ganzes Leben hindurch zu leiden hat, sondern durch gute Führung sich wieder eine gesicherte Stellung erringen kann. Abg. Ublendorff (dfr.) erklärt sich gegen den Antrag; derselbe verfehle vollständig seinen Zweck, namentlich wenn das Zeugniß auf die Führung und Leistung ausgedehnt werden soll. Ein vorsichtiger Principal wird sich auch ohne Zeugniß sehr genau über seinen jungen Mann erkundigen. Abg. Dr. Hartmann (cons.) ist ebenfalls Gegner des Antrages, der in seiner practischen Tragweite nicht bedeutend genug sei, um die Klinke der Gesetzgebung in die Hand zu nehmen und zwar um so weniger, als durch das bürgerliche Gesetzbuch eine Revision des Handelsgesetzbuchs herbeigeführt werden wird. Abg. Spahn (Ctr.) hat gewichtige Bedenken gegen den Antrag, ist aber mit einer Commissionsberathung desselben einverstanden. Abg. Singer (Soc.) glaubt nicht, daß der Antrag den Hauptübelstand im Handelsgewerbe, unter dem die jungen Leute zu leiden haben, treffe; es werde eine Aenderung der gesetzlichen Bestimmungen, namentlich über die Kündigung, im weiteren Umfange nöthtg sein. Redner plaidirt für eine gesetzlich festzulegende vterwöchentliche Kündigungsfrist. Die Hauptmisere der Handlungsgehilfenschaft liege in der kurzen, meist nur eintägigen Kündigungsfrist. Wolle man der Stellenlosigkeit der Handlungsgehilfen entgegenroirfen, so sollte man eine Verkürzung der langen Arbeitszeit anftreben. Abg. Dr. v. Marquardsen (natl.) erklärt sich Namens seiner politischen Freunde für Commissionsberathung. Abg. Samhammer (dfr.) erklärt die Bestrebungen des Abg. Singer bezüglich der Handlungsgehllfen für undurchführbar; übrigens hätten die Socialdemokraten bei den Arbeiterschutzgesetzen gegen jede Kündigung gestimmt. Abg. Singer (Soc.): Die Verhältnisse bei den Handlungs- gehllfen liegen eben anders als bei den Arbeitern. Die Debatte wird geschloffen. Nach einem Schlußwort des Mitantragstellers Abg. Schrader (dfr.) lehnt das Haus eine Commissionsberathung ab; die zweite Lesung findet demnächst im Plenum statt. Es folgt der Antrag Auer u. Gen. (Soc.) auf Einsetzung von Reichstags-Commissionen zur Untersuchung von Thatsachen (Enquete- Commissionen). Abg. Bebel (Soc.) begründet diesen Antrag. In jeder Session handelt es sich um die Aufklärung strittiger Thatsachen, wie z. B. über die Wirkung von Gesetzen, Zollmaßnahmen u. dgl. Das einfachste Verfahren, diese Thatsachen aufzuklären, findet sich in Commissionen, welche der Reichstag einzusetzen befugt sein muß, wie diese Befugniß von dem englischen Parlament längst geübt wird; der Antrag bezweckt, die gleiche Befugniß auch dem Reichstage beizulegen. Bereits Anfangs der 70er Jahre sei die gleiche Forderung gestellt und allseitig anerkannt worden; das einzige Bedenken gegen den Antrag, daß man die eben erst in Kraft getretene Verfassung ändern müsse, falle ja heute weg. Abg. Schrader (dfr.) stimmt dem Anträge zu; solche Enqueten seien werthvolle Einrichtungen zur Ermittelung der Wahrbett; sie würden durch die Commtsfionsmitglieder des Reichstages erfahrene Sachverständige erhalten und die Erhebungen würden dadurch besonders an Werth gewinnen. Abg. Dr. Bachem (Ctr.) hält den Antrag nicht für erforderlich, einmal gehe man doch ohne Roth nicht an eine Verfassungsänderung und sodann liege auch für den Antrag kein eigentliches Bedürfniß vor. Die Abgeordneten seien sehr wohl in der Lage, sich über die von der Regierung gemachten Mittheilungen hinaus zu unterrichten über diejenigen Dinge, die hier zur Verhandlung kommen. Jedenfalls könnte man ben Antrag bis zu einer allgemeinen Verfaffungsrevision vertagen. Abg. Frhr. v. Manteuffel (cons.) wird mit seinen Freunben gegen ben Antrag stimmen, ba bieser einen Theil ber Rechte ber verbündeten Regierungen auf ben Reichstag übertragen will. Abg. Dr. v. Marquardsen (natl.) hat gegen den Antrag keinerlei Bedenken und bezweifelt sogar, daß derselbe eine Verfaffungs- Lnderung enthalte. Abg. Schrader (dfr.) polemisirt mit dem Abg. Bachem, nicht jeder Abgeordnete verfüge über so gute Ermittelungen und Erfahrungen, wie Herr Bachem sie zu besitzen glaube. Das Haus beschließt, auch diesen Antrag demnächst in zweiter Lesung ohne Commissionsberathung im Plenum zu berathen. Hierauf vertagt sich das Haus. . Nächste Sitzung Donnerstag 1 Uhr. Tagesordnung: Handelsverträge. Ein Wunsch des Abg. v. M ass ow (cons.), die Handelsverträge morgen nicht auf die Tagesordnung zu setzen, wurde von denAbgg. Rickert (dfr.), Graf Ballestrem (Ctr.)undDr.v.Marquardsen (natl.) bekämpft mit dem Hinweise, daß morgen, nach der Einführung ber Handelsverträge durch eine zu erwartende Rede des Reichskanzlers weiter darüber beschlossen werden könnte, ob dann etwa die Sitzung zu vertagen sei. Schluß 4 Uhr. IZeuefU Nachrichten. Wolffs reiegraphischeL Lorrespon05nz»Bur.Li- Berlin, 9. December. Der „Reichsanzeiger" publicirt eine Verordnung über das Berufungsverfahren beim Reichsgericht in Patentfachen. Bremen, 9. December. Die Tonhalle, Bremens größtes Vergnügungsetabliffement, ist vollständig niedergebrannt. Straßburg, 9. December. Der Statthalter hat 3000 Mk. der durch Feuer schwer heimgesuchten Stadt Schlett st adt überwiesen. Bischof Fritzen spendete 2000 Mk. Bei der Rettungsarbeit leisteten die Mannschaften des 8. Jägerbataillons unter Leitung der Offiziere Außerordentliches, auch die Straßburger Feuerwehr arbeitete ausgezeichnet. Bukarest, 9. December. Das neue Cab in et ist wie folgt zusammengesetzt: Catargiu: Präsidium und Inneres - Mano: Domänen- Alexander Lahovary: Aeußeres- Stir- bey: Finanzen- General I. Lahovary: Krieg- Olanesco: öffentliche Arbeiten-KStourdza Skejano: Justiz- Demeter Ionesco: Cultus. Das Cabinet wurde bereits heute Nachmittag 2 Uhr beeidigt. Newyork, 9. December. Nach einer Meldung aus Louisville ist dortselbst Nachts ein Häusercomplex niedergebrannt, wobei dem Vernehmen nach 16 Personen umgekommen sind. Petersburg, 9. December. Gestern fand im Winterpalais das Georgs-Ritterfest statt. Das sonst übliche Banket für die Ordensritter unterblieb, da die für die Hof- festlichkeiten ausgeworfenen Summen den Nothleidenden der durch die Mißernte heimgesuchten Gegenden zu Gute kommen sollen. Der-Großfürst Georg Alexandrowitsch spendete für die Nothleidenden 5000 Rubel. Depeschen des „Bureau Herold". Berlin, 9. December. Zufolge einer Correspondenz des „Localanzeigers" aus Bukarest stehe es fest, daß der Deutsche Kaiser im März 1892 nebst Prinz Heinrich dort eintreffe. Berlin, 9. December. Der Seniorenconvent des Reichstags kam überein, um die Handelsverträge vor Weihnachten zu erledigen, von der Ueberweisung an eine Commission abzustehen. Berlin, 9. December. Die Freisinnigen haben beschlossen, gegen eine Commissionsberathung der Handelsverträge zu stimmen. Ein Theil der Nationalliberalen ist dafür. Berlin, 9. December. Die „Reichscorresp." bezeichnet nach einer Petersburger Mittheilung aus maßgebenden Kreisen das Gerücht eines Eter-Ausfuhrzolls für erfunden. Auch die Nachricht einer Aussuhrerlaubniß von Schwarzhafer wird als unrichtig bezeichnet. Berlin, 9. December. Die „Post" erklärt, Bismarck habe am letzten Freitag erklärt, er komme nicht in den Reichstag zur ersten Lesung der Handelsverträge. Görlitz, 10. December. Der Bankier Adolf Albert ist angeblich wegen Unterschlagung sämmtlicher Depots geflohen - über sein Vermögen wurde der Concurs eröffnet. Der Bruder Alberts wurde verhaftet. Hamburg, 9. December. Den „Hamburger Nachr." zufolge hat Dr. Schweninger Bis marck die Betheiligung an den Reichstags - Verhandlungen für jetzt dringend ab- gerathen. Hamburg, 9. December. Die „Hamb. Nachr." besprechen heute die Handelsverträge und deren Behandlung im Reichstage und kommen zu folgendem Refume: Eine Ueberstürzung der ganzen Angelegenheit fei zu vermeiden Umsomehr, als die Verträge, welche die Bedingungen für das gefammte Erwerbsleben eines Volkes von nahezu fünfzig Millionen erheblich verändern, das Werk einer verhältnißmäßig geringen Anzahl von Männern feien, über deren Befähigung hierzu nur wenig bekannt fei. Es müßte für die Regierungen leicht fein, eine Verlängerung des status quo, vielleicht auf Monate hinaus, herbeizuführen, damit der Reichstag nicht ohne genügende Vorprüfung die Vorlage en bloc anzunehmen braucht. Für die Wichtigkeit der Vorlage spreche der Passus der Denkschrift klar genug, in dem es heißt, daß es sich um ein principielles Verlassen der aus den Schutz der nationalen Arbeit gerichteten, im Jahre 1879 inaugurirten Wirthschasts- politik handle. Steyr, 10. December. Die katholische Geistlichkeit verhinderte die Einweihung des protestantischen Friedhofes und ordnete an, daß dort Selbstmörder begraben würden. Rom, 10. December. Die „Tribuna" schreibt, die Handelsverträge würden den wirthschastlichen Krieg beendigen. Paris, 9. December. Die Leichenfeier Dom Pedros von Brasilien hat heute Mittag in der Madelainekirche stattgefunden. Die brasilianische Gesandtschaft hielt sich fern. Warschau, 9. December. Infolge der auf den russischen Eisenbahnen herrschenden Unordnung wird eine Special- Commission eingesetzt zur Ueberwachung der Getreide- transporte-Beförderung in die Nothdistricte. Warschau, 10. December. In hiesigen Militärkreisen verlautet, verschiedene Truppentheile des Moskauer Militärbezirks würden demnächst an die West grenze verlegt werden. Louisville, 10. December. Bei der hier ausgebrochenen Feuersbrunst kamen fünf Arbeiterinnen und ein Aufseher um. Der Schaden beträgt 400,000 Dollars. Newyork, 9. December. Präsident Harrison versagte die Zustimmung zu dem geplanten deutschen Handelsvertrag. Localer unfc provinzielles. Gießen, 10. December 1891. — Militardieustnachrichteu. Die Assistenz-Aerzte 2. Kl. der Reserve Frank vom Landw. Bezirk Worms, Dr. Nebel und Dr. Mogk vom Landw.-Bezirk I. Darmstadt wurden zu Assistenz-Aerzten 1. Kl., die Unterärzte der Reserve Dr. Göring vom Landw.-BezirkI. Darmstadt,Dr. Claeßen und Dr. Fuhr vom Landw.-Bezirk Gießen zu Assistenz- Aerzten 2. Kl. — befördert - dem Dr. Baur, Assistenz-Arzt 1. Kl. vom 1. Großh. Hess. Dragoner-Regiment (Garde- Drag.-Regt.) Nr. 23, mit Pension der Abschied bewilligt - Laabs, Kasernen-Jnspector in Fritzlar, nach Mainz, Klaußmann, Kasernen-Jnspector in Mainz, nach Glogau — versetzt. — Nach dem Gesetzentwurf, bett, die Stadte-Ordnung für das Großherzogthum Heffen, erhalten alle Gemeinden des Großherzogthums, welche mit Einschluß der activen Militärpersonen eine Bevölkerung von 16,000 und mehr Seelen haben, Städteordnung. Für kleinere Gemeinden von mindestens 3000 Seelen kann die Städteordnung für anwendbar erklärt werden. Sinkt die Einwohnerzahl (mit Einschluß der activen Militärpersonen) unter die Zahl von 3000 Seelen, so hat die Landgemeinde-Ordnung in Wirksamkeit zu treten. Ohne Bewilligung der Staatsregierung kann sich keine Stadtgemeinde bilden, umgestalten oder auflösen. Die Vereinigung zweier Stadgemeinden oder Die Vereinigung einer Landgemeinde mit einer Stadtgemeinde kann auf Beschluß der beiderseitigen Ortsvorstände von der Regierung genehmigt werden. Alle Einwohner eines Stadtbezirks gehören zur Stadtgemeinde im weiteren Sinne. Die Stadtverordneten-Versammlung besteht in Stadtgemeinden von 3000 bis 4000 Seelen aus 12, von 4001 bis 10,000 Seelen aus 15, von 10,001 bis 20,000 Seelen aus 18, von 20,001 bis 30,000 Seelen aus 30, von 30,001 bis 60,000 Seelen aus 36 und über 60,000 Seelen aus 42 Mitgliedern. Die Hälfte der Stadtverordneten muß aus dem höchstbesteuerten Drittheil der Wählbaren gewählt werden, die Wahl der Stadtverordneten erfolgt auf neun Jahre, alle drei Jahre tritt ein Drittheil aus. Die Stadtverordneten dürfen weder unter sich noch mit dem Bürgermeister oder einem Beigeordneten in auf- oder absteigender Linie verwandt fein. Bürgermeister und Beigeordnete sind durch die Stadtverordnetenversammlung zu wählen- die Zahl der Beigeordneten betragt mindestens zwei, doch kann deren Zahl durch Ortsstatut höher bemessen werden - einem oder mehreren Beigeordneten kann der Titel eines zweiten Bürgermeisters oder Bürgermeisters verliehen werden. Bürgermeister und besoldete Beigeordnete werden auf zwölf Jahre, unbesoldete Beigeordnete auf sechs Jahre gewählt. Zum Bürgermeister oder besoldeten Beigeordneten kann jeder Angehörige des deutschen Reiches, sofern er nicht in Folge einer Verurtheilung zur Bekleidung öffentliche Aemter unfähig wurde, gewählt werden- zu unbesoldeten Beigeordneten können nur die hessische Staatsangehörigkeit besitzende und zu Stadtverordneten wählbare Personen gewählt werden. Bürgermeister und besoldete Beigeordnete dürfen keinen anderen Erwerbszweig haben, kein besoldetes Amt bekleiden und nicht Vorstand einer Actiengesellschast sein. — Vermöge der Geburt ist jeder großjährige Hesse berechtigt, Ortsbürger an dem Orte zu werden, wo sein Vater das Ortsbürgerrecht besaß- jeder Großjährige, welcher in Gemäßheit des Reichsgesetzes vom 1. Juni 1870 die Staatsangehörigkeit im Großherzogthum besitzt oder erworben hat, ist berechtigt, die Aufnahme als Ortsbürger zu verlangen- wollen Ausländer das Ortsbürgerrecht erwerben, fo haben sie sich vorerst an die Regierung zu wenden, um die Naturalisation zu erlangen. — Nach § 116,1 der Wehrordnuug ist jeder Reservist zur Theilnahme an zwei Uebungen verpflichtet, welche die Dauer von 8 Wochen nicht überschreiten sollen, und nach § 116,2 kann jeder Landwehrmann des ersten Aufgebots während der Zugehörigkeit zu demselben zweimal zu Uebungen von 8- bis 14-tägiger Dauer eingezogen werden. Diese gesetzlichen Vorschriften wurden von der Regierung bisher nicht in dem vollen Umfange ihrer Befugniß durchgeführt, weil volkswirthschaftliche Rücksichten verschiedener Art eine ziemlich weitgehende Beschränkung zweckmäßig erscheinen ließen. In dem Jahre 1892—93 sollen nach dem Etatsentwurf einberufen werden: 6850 Unteroffiziere und 7000 Gemeine auf 56 Tage, 12 915 Gemeine auf 49 Tage, 300 Unteroffiziere und 1580 Gemeine auf 42 Tage, 70 Unteroffiziere und 1590 Gemeine auf 28 Tage, 200 Unteroffiziere und 1315 Gemeine auf 20 Tage, 442 Unteroffiziere und 3360 Gemeine auf 16 Tage- diese gesammten Klassen gehören der Reserve an, welche gesetzlich bis zu 8 Wochen eingezogen werden kann. In Wirklichkeit schwankt nach der Vorlage dagegen die Dauer zwischen 8 Wochen und 16 Tagen und zwar je nach den Zwecken der Verwendung im Mobilmachungsfalle. Die Reservisten mit längerer Uebungszeit sind solche, welche wegen eigener Interessen bisher von den Uebungen zurückgestellt wurden, die von den gleichen Jahrgängen bereits abgeleistet sind. Der Schwerpunkt der Uebungen beruht in den 14502 Unteroffizieren und 126875 Gemeinen, welche auf 14 Tage einberufen werden sollen und der Landwehr ersten Aufgebots angehören. — Wie groß die Summe derjenigen Postsenbuugeu ist, die in Folge unzulänglicher Adreßangaben, Annahmeverweigerung, Nichtangabe des Absenders u. s. w. unanbringlich bleiben, erhellt aus einer Feststellung dieser Sendungen für das Jahr 1890 im Bereiche unserer Reichspost- und Tele- graphen-Verwaltung. Von den 1071091 unbestellbaren Postsendungen, welche im vorigee Jahr nicht ohne Weiteres an die äußerlich ersichtlichen Absender zurückgegeben werden konnten, sondern behufs Ermittelung der Absender an die bei den Ober-Postdirectionen errichteten „Ausschüsse zur Eröffnung unbestellbarer Postsendungen" eingesandt werden mußten, konnten in Folge der Eröffnung 708 121 Stück den Absendern zurückgestellt werden, während 362 970 Stück defiinitw unbestellbar blieben. Von den letzteren waren 205 795 Briefe, 133,773 Postkarten, 22,854 Drucksachen und Waarenproben, 88 Briefemit Werthangabe, 570Packetsendungen. Mainz, 7. December. Noch in keinem Jahr hatten die Pferdemetzger so viel zu thun, wie Heuer. Beispiels- iveise wurden Donnerstag Vormittag im Schlachthaus nicht weniger als 12 Stück „Schtachtpferde" vom Leben zum Tode befördert. vermischtes. * Weilburg. Ein entsetzliches Drama spielte sich am 3. December Nachmittags in einem Hause m der Schulgasse ab. Als die Kinder der Schneider Aug. Grauff'schen Eheleute aus der Schule nach Hause kamen, waren ihre Eltern nicht anwesend, dagegen sanden sie aus dem Tische einige kurze schriftliche Mittheilungen. Auf einem Zettel wurde ihnen gesagt, der Kaffee stände im Ofen, sie möchten ihn trinken und wenn der Vater und die Mutter am Abend noch nicht zurückgekehrt sein sollten, dürften sie sich nochmals Kaffee kochen und Wurst holen. Die Wäsche war sorgfältig in drei Häufchen geordnet und jedes derselben mit einem Zettel versehen, auf welchen die Namen der drei Kinder mit Blei geschrieben standen. Aengstlich und besorgt geworden eilten die Kinder zu den Nachbarn und als letztere nachsuchten, sanden sie den Mann und Frau auf dem Speicher erhängt. Ein Bries au die Bürgermeisterei theilt die Motive zu dieser That mit. Eine Schuldenlast von 300 Mk. soll so niederdrückend auf die Gemüther des unglücklichen Ehepaares eingewirkt haben, daß sie sich zu dieser entsetzlichen That entschlossen. * Berlin, 9. December. Gestern Abend ist in Folge der Influenza das königliche Seminar für Stadtschulen bis zum 17. December geschloffen worden. Nicht allein sind verschiedene Lehrer erkrankt, auch die Zahl der erkrankten Seminaristen, besonders der sogen. Lehrseminaristen, ist so groß, daß der Unterricht in der Seminarschule nicht mehr von ihnen ertheilt werden kann. * Ein weiblicher Einbrecher in Männerkleidern. Das „B. T." berichtet aus Rixdorf bei Berlin folgenden sensationellen Vorfall: In der Steinmetzstraße 12 daselbst bewohnte der in der Fabrik von Ludwig Loewe u. Co. hier arbeitende Schlosser Kliem mit dem Fuhrherrn Stöbe gemeinschaftlich die erste Etage des Vorderhauses. K. erfreute sich allenthalben des besten Leumunds. Er ist seit vier Jahren verheirathet, seine Frau ist 26 Jahre alt- aus der Ehe sind zwei Kinder entsprossen. Donnerstag früh 6 Uhr, als Kliem sich von seiner Frau verabschiedet und sich zur Arbeit begeben hatte, drang Frau Kliem, nachdem sie Männerkleider angelegt und sich mit einem schweren Hammer bewaffnet hatte, durch die nur angelehnte Corridorthür in die Wohnung des Fuhrherrn Stöbe ein. Derselbe hatte sich nämlich auf einen Augenblick nach dem Hofe begeben, um nach den Pferden zu sehen, und die Thüre nicht verschlossen. Als der in die Wohnnng zurückgekehrte Stöbe, dessen kranke Frau im Nebenzimmer schlief, ein Geräusch hörte, wandte er sich um- in diesem Augenblicke stürzte die Kliem aus ihrem Versteck mit dem Rufe hervor: „Dein Geld oder ich schlage Dich tobt!" — und im selben Augenblicke schlug sie auch schon mit dem Hammer auf den 64jährigen Mann ein. Derselbe stürzte zu Boden, wobei die Verbrecherin ebenfalls zu Fall kam- er hielt sie trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr fest und schrie um Hilfe. Als die durch das Geschrei alarmirten Hausbewohner herbeieilten, ergriff Frau K. die Flucht, wurde aber im Hose dingfest gemacht und der Polizei zugeführt. Die polizeilichen Recherchen haben bisher folgenden Anhalt ergeben: Eine Geistesstörung der Frau, wie zuerst angenommen wurde, liegt nicht vor. Sie war beständig in Geldverlegenheiten und versetzte ohne Wissen ihres Mannes allerlei Hausrath- der Ort, wo Stöbe sein Geld verwahrte, war ihr in Folge ihrer häufigen Besuche in dessen Familie bekannt. Der Einbruch war sorgsam geplant, ebenso scheint die Einbrecherin die beste Absicht gehabt zu haben, den schwächlichen Mann todtzuschlagen, falls sie auf Widerstand stoßen würde. Die Schirmmütze des Stöbe hat den Schlag zwar gedämpft, trotzdem ist der Ueberfallene übel genug zugerichter worden, denn sein Gesicht ist ganz -blutig geschlagen. Die Einbrecherin wurde heute dem Königlichen Polizeipräsidium Berlin eingeliefert- ihr Mann, welcher aus polizeiliche Requisition aus der Arbeit zur Vernehmung geholt wurde, ist über die ihm durch seine Frau zugesügte Schande völlig gebrochen. * Dresden, 5. December. Gestern Abend wurde von der Criminalpolizei eine geheime socialdemokratische Druckerei aufgehoben. Der Inhaber, ein bekannter Socialdemokrat, druckte eben an dem socialdemokratischen'Liederbuch, das aus Grund des § 130 des Strafgesetzbuchs verboten ist- es wurden davon etwa 6000 Druckbogen tu Beschlag genommen. Außerdem fand man Tausende von Exemplaren der Schriften „Anti-Syllabus" und „Ceterum censeo“, aus denen als Druckort London angegeben war. Der Drucker wurde verhaftet. * Mannheim, 8. December. Als Eigenthümerin der vor einigen Tagen von einem Dienstmädchen auf der Straße gefundenen zehn Stück Tausendmarkscheine hat sich nunmehr die Firma „Mannheimer Oelsabrik" erwiesen. Dieselbe hat die Ehrlichkeit des Mädchens mit einem der gefundenen Scheine belohnt. (Bravo!) * Newyork, 8. December. Im Staatsgefängniß ist ein Mann Namens Lopph, welcher vor einiger Zeit seine Frau ermordet hatte, mittels Electricität hingerichtet worden. Es heißt, daß der Strom dreimal habe geschlossen werden müssen, um den Mann zu tobten. * Der Verkauf von Menschenfleisch auf dem Markte Soc el guessel in Fez, so schreibt man der „Tägl. Rundschau", nimmt trotz aller Kundgebungen der europäischen Mächte ungestört seinen Fortgang. Es spielen sich dabei entsetzliche Scenen ab. Jüngst wurde auf dem Markte eine ganze Anzahl Sclaveu, männliche und weibliche, von den verschiedensten Altersstufen, zum öffentlichen Verkauf gestellt. Zwei Kinder erzielten Preise von 40 und 50 Düros (160 und 200 Mark). Ein herzzerreißendes Schauspiel war es, als einer Mutter ihr Säugling genommen wurde. Mutter und Kind wurden von ihrem Besitzer verkauft, und zwar an verschiedene Personen. Einige Europäer wollten dem Seelenverkäufer den für die beiden Sclaven geforderten Preis zahlen, um sie dann zu befreien, aber eine Schaar fanatischer Mauren legte sich ins Mittel und erklärte unter gewaltigem Geschrei, daß von einem Geschäfte mit Christen überhaupt nicht die Rede sein könne. Die meisten der zum Verkauf gestellten Sclaven sind geraubte Kabylen. * Das ist etwas anderes. „Deine Aufgaben, Hans, machst Du ja stets recht ordentlich. Deine Censuren aber, die Du heimbringst, sind trotzdem miserabel!" — „Ja, weißt Du, Mama, die macht eben derHerrLehrer!" * Jägerlatein. Gast: „Sie haben zur Beleuchtung nur Ampeln in Ihren Zimmern?" — Oberförster: „Ja, denn alles, was „Lampe" heißt, apportirt mein Pluro." * Nach der Schulprüfung. Vater: „Versetzt?" — Sohn: „Ja, 'ne Ohrfeige!" Schrffsnachrichteir. Hamburg, 8. December. Das Hamburg-Newyorker Post- Dampfschiff „Rbaetia", Capt. Vogelsang, von der Homburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, ist am 8. December, 5 llhr Morgens, wohlbehalten in Newyork angekommen. Literatur und Arrnft. — Bildermappe für Kunstfreunde. Von dieser Sammlung der vorzügttchnen Holzschnitte aus der „Gartenlaube" liegen jetzt die Lieferungen 7—10 vor, womit sie »um Abschluß gekommen ist. Auch in diesen Lieferungen erfreut der Wechsel des Dargebotenen, indem Historienbild, Genrebild und stimmungsvolles Landschaftsbild sich ablösen. „Alarich in Rom im Jahre 410" nach dem Oelgemälde von W. Lindenschmitt ist ein großartiges Bild aus der Zett der Völkerwanderung; der noch jugendliche Barbarenanführer zieht in goldener Rüstung, mit dem Diadem geschmückt, in die der Plünderung preisgegebene Hauptstadt ein. Roth, Verzweiflung, Elend, Gewalt- that ringsum. Doch ein Wort des Gewaltigen mahnet zur Schonung. In der Hut einer christlichen Jungsrau hatte man prachtvolle Ktrchen- schätze aus dem St. Petersdom gefunden. Alarich befiehlt sie friedlich dorthin zurückzugeleiten und dem Zuge schlossen sich fromme Christen an, Mann und Weib, Alt und Jung. Der Contrast zwischen den wilden Raubscenen und der heiligen Procession ist von malerischer Wirkung. Ein anderes Geschichtsbild von C. G. Schram zeigt uns Maximilians I. Rückkehr nach Genf, wo seine junge Gattin Marie mit dem Kind auf dem Arm ihn auf der Freitreppe des RathhauseS begrüßt. Er hat die Feinde, welche ihr Land bedrängten, überall zurückgeschlagert. Die Freude der Bürgerschaft spricht sich in allen Zügen der Umstehenden aus, es ist ein Bild voll sonniger Heiterkeit. Desto düsterer ist das Konrad Weigand'sche Bild, „Raubritter Schüttensamen wird gefangen nach Nürnberg gebracht". Der sengende und mordende Raubritter, von den Verwünschungen der Bevölkerung begrüßt, nachdem er von den Neichsstädttschen überwunden und in ihre Hände gefallen ist, geht in der Mitte seiner zum Theil verwundeten Knechte dem Gericht entgegen, das ibn zum Feuertode ver- urtheilt hat: Das Bild von A. Keller „Hexenschlaf" fuhrt uns eine an den Pfahl gebundene und zum Tode verurteilte Jungfrau vor, die aber in den rettenden Hexenschlaf verfallen, der die Bewußtlose unempsindlich macht, wenn die Flammen in die Höhe züngeln. Der Ausdruck ihrer Gesichtszüge spricht hier eine Art von Hypnose, eine innere Verklärung, die sie hem Weh der Erde entrückt. Das Gemälde von E. Becker „Papst Julius besichtigt die ausgegrabene Statue deS Apollo von Belvedere" führt uns nach Rom zur Zeit der Wiedergeburt der Künste; alle Umstehenden zeigen den gleichen Kunstsinn, die gleiche Kunstbegeisterung. Hugo Königs Bild führt uns „Des- demona" vor, die ihre Flucht mit Othello vor ihrem Vater und dem Senat rechtfertigt. Unerbittlich und starr steht der alte Brabantio der Beredsamkeit der holdseligen Tochter gegenüber, die den Bruch des Gehorsams durch den mächtigen Zug des Herzens zum Geliebten rechtfertigt. Das Bild von Franz von Lenbach „Die Römerin" zeigt uns den südlichen Typus in seiner Vollendung, ein schön geschnittenes Profil, weiches dunkles Haar, glänzendes dunkles Auge. „Der Frühling" von E. Kray gibt uns ein sonniges Landschaftsbild, belebt durch stylisirte Gestalten, Kinder, welche blühende Guirlanden schlingen, schöne Frauen, überall der Ruf des Glücks, der Liebe. „Das Winter- marchen" deffelben Malers zeigt uns des Winters Etsesbraut oben auf der Felsklippe im Schnee schlummernd, während unten zwei Mädchen dem Frühling entgegenträumen. Zu den winterlichen Genrebildern gehört „Das Wintervergnügen" von H. Schlittgen und die „lustige Schlittenfahrt" von A. von Kowalski — beide athmen frische Lebenslust in der Mitte der erstarrten Natur. „Das Nordcap" Zeichnung von C. Saltzmann, von zwei Dampfern umsegelt, ist ein naturgetreues, winterliches Ämdschaflsbild aus dem hohen Norden. Zwei hübsche Genrebilder sind „Der theure Wein" nach einer Zeichnung von Vautter, ein Bild, aus welchem der mißvergnügte Gast und der schlaue Wirth am meisten hervortreten und „Das Förster- Heim" von L. Knaus, eine überaus anmuthende Idylle. „Kriegsbeute" von F. Eisenhut zeigt uns ein schönes Weib, das beim Kampf der Stämme von einem derselben erbeutet und vor den Thron des Fürsten geführt wird. Auch diese letzten Lieferungen sprechen für die geschmackvolle Auswahl, mit welcher die vorzüglichsten Bilder der Gartenlaube in dieser Mappe rusammengestellt sind. Sie bildet ein prächtiges Feftgcschenk und ist durch die meisten Buchhandlungen zum 'Preise von 12 Mk. (50 Kunstblätter auf feinstem Cartonpapier in Groß-Folio-Format in eleganter Mappe) zu beziehen. Verkehr, Land- und volkswirthschaft. Friedberg, 8. December. Fruchtpreise. Weizen JL 24.00, bis 24.50, Korn 24.00-00.00, Gerste JC 16.50—17.00, Hafer JL 14.00—14 50. Alle Preise verstehen sich auf 100 Kilo, gleich 200 Zollpfund. Friedberg- 9.Dceember. Buttermarkt. Butter kostete per Pfd. 1.05-1.15, Eier 1 St. 8 H, 2 St. - H Limburg 9. December- Fruchtmarkt. Rotber Weizen JL 20 00, weißer Weizen Korn JL 1825, Gerste Jt 10.80, Hafer, J/. 7.06, Erbsen —, Kartoffeln —. Kirchliche Anzeigen der evangelischen Gemeinde. 2. Adventswochengottesdienft heute Donnerstag den 10. Dec, Abends 8 Uhr in der Stadtkirche. Pfarrer Dingeldey. Kottesdierck der israelitischen Keligionsgesellschast. Freitag Abend 345 Uhr, Samstag Vormittag 880 Uhr, Samstag Nachmittag 3°o Uhr, Samstag Abend 4« Uhr. Buxk in-Aus verkauf ä Mk. 1.75 p. Meter zurückgesetzte aber gute Qualitäten ea. 140 cm breit. 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