Mittwoch den 8. Juli 1891 Nr. 155 Gießener Anzeiger Keneral-Wnzeiger »ebaction, LxpeMkr< und Druckerei: Ferxjprecher LL. Wh» fiHegttter W*«b »tat Anzeiger -ockchmttich butnwl tageleftt D«r Wch««tt AnzsbZckr täglich, «tt NuSnahm» d«S Rontsg-. BterttiMriK«: 2 Mark 20 Pig. M Bringerloha. Durch die Psst bcjegefc 2 Mark 50 Pf,. Amts- ttnb Anzrigeblatt für den Itrei» Metzen. Hlü iiibiiimiiii ibii iii—rTUiHj In|eig7a7« für btt i d&ttf&räW C&rnit ft ftf ! •* MS«*«» MnM i** Tag erscheinenden Nummer bi» *orm. 10 Uhr. | ^nUlSWSUllgC. | »«--igen str den .Gießener Anzeiger- «tge,^ Anrtlichev Shell. Bekanntmachung, betreffend die Feldbereinigung in der Gemarkung Staufenberg, hier Wahrnehmung der bestehenden Rechtsverhältnisse. Auf Grund des Art. 19 des Feldbereinigungsgesetzes vom 28. Sept. 1887 fordere ich hierdurch die betheiligten Grundbesitzer auf, die Einträge der Eigenthums- und sonstigen Rechtsverhältnisse in den öffentlichen Büchern, insoweit dieselben den bestehenden Verhältnissen nicht mehr entsprechen, innerhalb einer Frist von 3 Monaten bei dem Großherzogl. Amtsgericht Gießen berichtigen oder ergänzen zu lassen, damit die bestehenden Rechtsverhältnisse beim Bereinigungsverfahren berücksichtigt werden können. Diese Aufforderung ergeht: 1. an Diejenigen, welche Grundstücke im Bereinigungsbezirk erworben, aber ihren Eintrag im Grund- oder Flurbuch, bezw. im Mutationsverzeichniß noch nicht erwirkt haben, um die Errichtung und Jngroffation ihrer Erwerbtitel oder die Berichtigung irriger Einträge zu erwirken; 2. an Diejenigen, welche zwar im Grundbuche stehen, aber weil sie schon vor Einführung des Gesetzes vom 21. Febr. 1852 eingetragen waren, ohne Beifügung des Erwerbstitels, um Letzteren nach Maßgabe des Art. 28 des Gesetzes vom 21. Febr. 1852 eintragen zu lassen, indem sonst, abgesehen von dem Hindernisse bei der Feldbereinigung, demnächst nur eine Bescheinigung des Besitzstandes statt einer Eigenthums- urkunde ausgestellt werden wird; 3. an Diejenigen, welche an ein aus fremden Namen im Grundbuch eingetragenes Grundstück einen Vindications- oder einen unter gewissen Umständen zu realisirenden An- und Rückfallsanspruch wegen eines vor Einführung des Gesetzes vom 21. Febr. 1852 vertragsmäßig gemachten Eigen- thumsvorbehalts oder wegen einer bei der Veräußerung bei- gesügten auflösenden Bedingung, eines Endtermins oder einer Zweckbestimmung zu bilden haben, ohne diesen Anspruch, durch den Vermerk „streitig" oder „beschränkt" im Grundbuch gesichert zu haben, sowie an Diejenigen, welche unter Nachweis der gesetzlichen Voraussetzungen die Vormerkung „gehemmt" wollen eintragen taffen; 4. an die Obereigenthümer und Fideieommißberechtigte, welche ihre Heimfalls- und Suceessionsrechte nicht durch Eintrag der Lehens-, Erb- oder Landfiedel-, Leih- oder Fidei- commiß-Qualität eines Grundstücks im Grundbuch haben wahren lassen, um ihre Rechte, soweit dies nach Artikel 37 und 38 des Gesetzes vom 21. Februar 1852 noch zulässig ist, im Grundbuch eintragen zu lassen; 5. an Diejenigen, welche Pfandrechte, Eigenthumsvorbe- halte, Revocations-, Resolutions- oder Nichtigkeits-, Separa- tions- oder andere Sicherheitsrechte, die weder im Hypotheken- noch im Grundbuch gewahrt sind, an zur Bereinigung bestimmten Grundstücken geltend machen können, um unter Vorlage der betreffenden Urkunden und genauer Bezeichnung der Forderung und derjenigen Grundstücke, welche zur Sicherheit dienen, die Einträge in die öffentlichen Bücher zu erwirken; 6. an Diejenigen, welche Realservituten, die nicht durch die bei der Bereinigung vorzunehmende neue Weg- und Wässerungs-Regulirung erlöschen, sondern noch nach derselben geltend zu machen sind, z. B. Weg- und Wasserleitungs- Gerechtigkeiten zu Gunsten von Grundstücken, die nicht in die Bereinigung fallen, Lehm-, Thon-, Sandgrube- oder Keller- Berechtigungen auf zur Bereinigung gehörigem Gelände an- zusprechen haben, ferner an die, welche solche Grundstücke zur lebenslänglichen Nutznießung, zur Benutzung als Brautgabe bis zur geschwisterlichen Theilung, zur Sicherung einer lebenslänglichen Leibzucht- oder Auszugsberechtigung anzusprechen haben; 7. an Diejenigen, auf deren Grundstücken in den öffentlichen Büchern solche Rechte eingetragen sind, welche sie für erloschen halten, aber noch nicht haben löschen lassen, um diese Löschung unter Vorlage der nöthigen Beweise hierzu zu erwirken. Rechte der unter pos. 1—7 genannten Art, welche nach Ablauf von 3 Monaten weder in den öffentlichen Grund- und Hypothekenbüchern, bezw. den zu den Flurbüchern gehörigen Mutationsverzeichniffen, noch in den in Gemäßheit der Anmeldungen auszustellenden Verzeichnissen gewahrt sind, bleiben bei der stattfindenden Feldbereinigung unberücksichtigt, ebenso werden erloschene, aber in den öffentlichen Büchern noch nicht gelöschte Rechte als sortbestehend behandelt. Gießen, den 6. Juli 1891. Der Vollzugscommissär: Nebel, Amtmann. Deutsches Reich. Berlin, 6. Juli. Aus Windsor wird über den Aufenthalt Kaiser Wilhelms am Sonntag gemeldet, daß der Kaiser früh das zweite Bataillon der schottischen Garde und das zweite Leibgarde-Regiment besichtigte und dann dem Gottesdienste in der heiligen Dreieinigkeits-Kirche beiwohnte. An demselben nahmen auch der Prinz von Wales, die Herzöge von Connaught und Clarenee, sowie zahlreiche Offiziere Theil. Der Geistliche gedachte in seiner Predigt des dahingeschiedenen Moltke, dessen Gottvertrauen hervorhebend. Nach einem um 2 Uhr eingenommenen Gabelfrühstück begab sich der Kaiser nach Cumberland Lodge, der Residenz des Prinzen und der Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein im Parke von Windsor, und wohnte hier dem Empfange einer Deputation des Ulanen-Regiments des Prinzen Christian bei, welche dem prinzlichen Paare anläßlich dessen silbernen Hochzeit die Glückwünsche des Regiments überbrachte. Am Sonntag Abend hörte der Monarch der geistlichen Mufikaufführung in der St. Georgseapelle des Windsorschlosses zu. — Die kaiserlichen Prinzen sind jetzt mit Ausnahme des jüngsten ebenfalls in England eingetroffen, wo sie im Seebade Felixtow Aufenthalt genommen haben. Die Kaiserin wird sich nach Beendigung ihres Besuches am englischen Hofe auch nach Felixtow begeben. Reuefte 2Tadm cbfeti. EolffS telezraphÜchrS Torrespondenz-Burrau. Hannover, 6. Juli. Dem neuen Minister der öffentlichen Arbeiten, Thielen, wurde anläßlich seines Scheidens von hier heute Abend von nahezu 4000 Beamten des Eisenbahn- direetionsbezirkes Hannover ein glänzender Fackelzug dargebracht. Der neue Minister dankte und ermahnte zu weiterem einmüthigen Zusammenwirken; er schloß seine Ansprache mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. München, 6. Juli. Der offizielle Saaten st and s- bericht für d*as gesammte Königreich Bayern eonstatirt: Der Verlauf des Monats Juni war sehr günstig. Das Wintergetreide steht dünn, das Sommergetreide durchweg vortrefflich, die Kartoffeln befriedigend, theilweise allerdings naßfaul. Das Wiesenheu ist trocken eingebracht. Klee und Futterrüben sind gut, Reps ist mittelmäßig, Hopfen gut entwickelt. Die Obsternte wird reichlich. In den Weinbergen machen sich die Frostschäden bemerkbar. Der Tabak hat günstig gesetzt. Hülsenfrüchte sind vorzüglich. In ganz Bayern steht eine gute Mittelernte zu erwarten. München, 6. Juli. Eine amtliche Mittheilung des Generaldirectors der bayerischen Staatsbahnen theilt betreffs der Eggolsheimer Entgleisung mit: Die Ursache sei noch nicht genau constatirbar. Die Zusammenhänge mit der am 2. Juli vorgenommenen Verschiebung des Stations-Hauptgeleises, den heftigen Regengüssen, sowie der trotz der gegebenen Signale zum Langsamsahren nicht gehörig gemäßigten Geschwindigkeit des Extrazuges wären noch nicht erkannt. Die Vorspannmaschine blieb auf dem Geleise; wahrscheinlich trat zuerst die zweite Maschine aus dem Geleise. Entgleist sind 2 Gepäckwagen und 13 Personenwagen, sie sind sämmtlich erheblich beschädigt. Todt ist Frau Dupont aus Berlin, verwundet sind drei Männer, zehn Frauen und zwei Knaben, meist nicht gefährlich. Der Streckenbetrieb ist seit gestern frei. Bamberg, 6. Juli. Alle vierzehn, im Krankenhause und im Erlanger Hofe untergebrachten Eggolsheimer Verletzten sind außer Lebensgefahr; eine Dame ist abgereist. Bremen, 6. Juli. Auf dem im Geestemünder Hafen liegenden deutschen Dampfer „Nord" brach gestern Nachmittag Feuer aus und zerstörte die Cajüten, Mannschaftsräume und den Kohlenbunker. Der Schaden ist bedeutend. Die Maschinen, sowie die aus Holz bestehende Ladung sind unbeschädigt. Abends war der Brand gelöscht. Straßburg i. E., 6. Juli. Bei den gestrigen Wahlen zum Gemeinderath wurden unter 36 zu wählenden Mitgliedern 27 der bisherigen Vertreter, unter diesen der Bürgermeister Back, meist mir großer Mehrheit und ohne Gegen- candidaten wiedergewählt. Im dritten (deutschen) Bezirk, in welchem vor fünf Jahren sieben altdeutsche Candidaten glänzend durchdrangen, wurden heute nur fünf sofort gewählt; infolge gänzlicher Uneinigkeit waren die Stimmen aus eine Menge verschiedener Candidaten zersplittert. In diesem Bezirke, wo unter 3700 Wählern mehr als 2000 Altdeutsche sind, ist also Nachwahl erforderlich. Die Socialdemokraten waren in allen Bezirken der Innenstadt ausgetreten und erzielten etwa 1000 Stimmen. Metz, 6. Juli. Bei den Gemeinderathswahlen wurden 6 Altdeutsche und 10 Einheimische gewählt. Sechszehn Stichwahlen sind erforderlich. Der Bürgermeister Halm ist wiedergewählt. Der Wahlkampf war sehr heftig. Wien, 6. Juli. An vielen Punkten Bosniens und der Herzegowina wurde am 4. d. Mts., um llx/2 Uhr des Nachts ein starkes, fünf Secunden anhaltendes und von unterirdischem Rollen begleitetes Erdbeben in der Richtung von Südwest nach Nordost wahrgenommen. Bern, 6. Juli. Das Eisenbahndepartement gibt bekannt, die Zahl der Todten bei dem Mönchen st einer Unglück betrage 73, die Gesammtzahl der Verwundeten 131, elf Personen sind als vermißt angemeldet, wovon nur bezüglich einer Person seststeht, daß sie mit dem Zuge gefahren sein könnte. Bern, 6. Juli. Die Revision der Bundesverfassung, betreffend Einführung der Initiative, wurde in gestriger Volksabstimmung mit 168 308 gegen 116 824 Stimmen angenommen. Olten, 6. Juli. Bei einer Vergnügungsfahrt des Fahrvereins Olten nach Biel aus der Aare schlug bei Wangen ein Schiff um, wobei gegen 12 Personen ertranken. Paris, 6. Juli. Professor Lanelongue theilte in der heutigen Sitzung der Academie der Wissenschaften mit, er habe mittels Chlorzinks eine Transformation tuber- culösen Gewebes in Gelenk- und anderen Körperpartien erzielt; die erhaltenen Resultate seien derartige, daß er seine neue Methode der allgemeinen Prüfung übergeben könne. Lanelongue, welcher morgen weitere Mittheilungen über das Technische der Methode machen wird, gab noch bekannt, er applizire das Chlorzink in der Umgebung des Tuberkelherdes behufs Sclerotifirung des tuberkulösen Gewebes. Diese Umbildung trete bereits am nächsten Tage ein. Marseille, 6. Juli. In der gestern von dem Syndicat der Hafenarbeiter einberusenen Versammlung wurde beschlossen, am Dienstag eine große Versammlung in der Arbeiterbörse zu veranstalten, zu welcher alle (Korporationen eingeladen werden, um gegen das Dockmonopol zu protestiren. London, 6. Juli. Der „Standard" meint, die Anwesenheit des deutschen Kaisers in London würde Gelegenheit zu fruchtbringenden (Konferenzen mit der Königin bieten. Es würden zwar keine Verträge zu unterzeichnen und Verständigungen herbeizuführen sein; indessen wäre es möglich, daß die in Windsor gewechselten Worte einen ebenso bedeutenden Einfluß auf die Geschichte übten, wie die in den Staatscanzleien aufbewahrcen, mit Unterschriften versehenen Schriftstücke. London, 6. Juli. Bei Dover ist ein großer Dampfer gesunken, der Name desselben ist jedoch noch nicht ermittelt. Am User wurde heute ein Stück eines Rettungsboots aufgefunden, welches zum Dampfer gehören dürfte. London, 6. Juli. Im Oberhause erklärte Br owulaw, wenn den Freiwilligen, die an der Revue vor dem deutschen Kaiser am nächsten Samstagtheilnehmen, Löhnung gegeben werde, so würde dieser Umstand den Wenh der Revue zerstören, da es der Zweck der Veranstaltung sei, dem Kaiser eine Anzahl englischer Bürger zu zeigen, die dem Staate unentgeltlich dienen; aber zur Deckung der Reisekosten und Verpflegungskosten wolle die Regierung allerdings den theilnehmenden Corps zwei Schillinge pro Mann vergüten. Windsor, 6. Juli. Der Kaiser und das Prinzenpaar von Wales wurden auf ihrem Wege nach der Capelle überall jubelnd begrüßt. Im Laufe des Nachmittags fielen mehrere starke Regenschauer. Die Königin wurde auf ihrem ganzen Wege enthusiastisch bewillkommt. Der Feier wohnten auch Prinz Eduard von Sachsen Weimar, das Herzogspaar von Teck, Lord und Lady Salisbury 2c. bei. Der Prmz von Wales betrat die Capelle mit der Kaiserin am Arme. Der Kaiser war in Heller Dragoneruniform (vom Regiment „Königin") erschienen; er folgte mit der Prinzessin von Wales. Nach vollzogener Trauung in Windsor sand aus dem Schlosse Empfang statt. Die Neuvermählten reiften Abends nach Cleveden am Thcmse-User, dem Landsitze des Herzogs von Westminster, ab. Windsor, 6. Juli. Der Kaiser begab sich heute Morgen mit dem Herzog von Connaught und zahlreichen Stabs offizieren nach dem Eton College, um die der Freiwilligeu- Abtheiluug angehörenden Schüler zu inspiciren. Nach dem Exercieren hielt er an dieselben eine Ansprache, in welcher er sich lobend über ihr Exercieren aussprach und hinzufügte, falls die Freiwilligen je berufen würden, das Schwert im Ernstfälle zu ziehen, so hoffe er, werde es für eine gute Sache sein und sie würden dann denselben Muth und Eifer zeigen, welcher die britischen Soldaten stets ausgezeichnet habe. Kopenhagen, 6. Juli. An dem vom Könige zu Ehren der Offiziere des sranzösischenGeschwaders gegebenen Diner nahmen die königliche Familie, die höchsten Hofbeamten und höhere Marineoffiziere Theil. Nach einem Toast des Königs aus Carno r spielte die Musik die Marseillaise. Der französische Gesandte toastete auf den König und die Königsfamilie. Hieran schloß sich die dänische Nationalhymne. Später trank der König auf das französische Geschwader- der Geschwaderchef dankte. Der König verlieh dem Vizeadmiral Gervais das Großkreuz des Danebrogordens. Das Geschwader geht Nachts nach Stockholm weiter. Newyork, 6. Juli. Ein furchtbarer Sturm zerstörte heute morgen in Baton Roug e (im Staate Louisiana) mehrere Häuser, darunter das Regierungsgebäude. Die einstürzenden Mauern des Strafgefängnisses tödteten viele Ge- • sangene. Bisher wurden 8 Todte und 25 Verwundete hervorgezogen. Sydney, 6. Juli. Auf dem von den Südsee - Inseln zurückgekehrten englischen Kreuzer „Cordelia" barst während der Schießübungen bei einer 6 Ctm.-Kanone der Verschlußkolben ; das Geschütz ging in tausend Stücke. Zwei Offiziere und vier Matrosen wurden getödtet, zwei Seekadetten und zehn Matrosen verwundet. Die Ursache der Explosion ist nicht bekannt. Teheran, 6. Juli. Die Ernteaussichten sind .in den Südprovinzen Persiens schlecht. Die Ernte ist durch die Heuschrecken zerstört und ein Verbot gegen den Export von Getreide erlassen worden. Die Frauen der Arbeitgeber. Wenn auch schon vielfach auf die Mitarbeit der Frauen der Arbeitgeber bei den großen socialen Werken hingewiesen worden, so erinnert das aus dem Lateinischen stammende Sprichwort: „Wiederholung ist die Mutter der Studien" erneut daran, immer und immer wieder ermahnend aufzutreten. Und ganz besonders kann über die Mitarbeiterthätigkeit der Arbeitgebersrauen am socialen Ausbaue der menschlichen Gesellschaft nicht oft genug gesprochen und geschrieben werden. Und so wollen wir es uns heute nicht verdrießen lassen, jene Wahrheiten, die schon oft ausgesprochen wurden, zu wiederholen, Wahrheiten, die, wenn sie haften bleiben und Wurzel schlagen sollen, tagtäglich eingeprägt werden möchten. Und zu diesen Wahrheiten gehört in erster Linie auch die, daß an der großen und dringenden Aufgabe der Bewahrung und Befestigung socialer Eintracht, der Erziehung und Gesittung der unteren Klassen, der Ueberbrückung der Kluft zwischen Besitzlosen und Besitzenden, die Frauen und insbesondere die Frauen der industriellen Unternehmer, zu einer höchst werthvollen Mitarbeit berufen sind, zu einer Arbeit überdies, die in richtiger Weise nur sie zu leisten vermögen, und ohne welche alle Mühe der Männer ein halbes und ein unvollkommenes Werk bleibt und bleiben wird. Das weiche Gemüth der Frau wird stets das Alltagshasten des Mannes, sobald es in recht weiblicher Anmuth geschieht, ausgleichen. Bei unserer Frage aber besteht die Arbeit der Frauen in der Mitwirkung bei der Fürsorge für alle diejenigen Seiten des Arbeiterlebens, an welchen das weibliche Element be- theiligt ist, also zunächst für dieses selbst. Wir denken hier in erster Linie an die ledigen Arbeiterinnen und an die Anleitung dieser zur Hand- und Hausarbeit, sodann an das häusliche und Familienleben, an Kindererziehung, Kinderhygiene, Kinderbewahranstalten und Kindergärten, an Hilfe und Rath bei Kinderkrankheiten, an die Haus- und Küchen- wirthschaft, an den Hinweis auf praktischen und billigen Einkauf von Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Feuerungsmaterial rc. Welchen reichen Segen hierbei eine einzige Frau stiften kann, die nur ein wenig Geschick in der Behandlung der Menschen und besonders der kleinen Leute hat — und wo in einem Frauenherzen echte Menschenliebe lebendig ist, da wird es in der Regel an diesem Geschicke nicht fehlen —, dafür ließen sich ja manche hellleuchtende Beispiele namhaft machen. Aber leider sind solche Frauen immer noch sehr vereinzelt unter ihren Standes- genossinnen, und die große Mehrzahl hält sich entweder für zu gut und zu hochstehend für solche Arbeit in der Niederung, oder sie haben überhaupt keine Ahnung davon, daß heute, in diesem wichtigen, schweren und bereits Jahre anhaltenden Kampfe für den inneren Frieden und die Zukunft unserer Gesellschaft, auch „die Frau ihren Mann zu stellen" und sonach einen höchst bedeutungsvollen Posten auszufüllen hat. Und doch, wie leicht würde es gerade den Frauen werden, durch Liebenswürdigkeit in jenem Sinne nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu beglücken, ihr eignes, sehr oft recht verfehltes und planloses Leben zu einem innerlich reicheren und befriedigteren zu machen. Dann wird bei allen solchen Frauen innerer Seelenfrieden einziehen, gegen welches hohe Licht alle sonstigen Genüsse und Freude dunkelste Nacht sind. Wohl ist ja manchmal und vielleicht zum weitaus größeren Theile viel Geduld und Nachsicht von nöthen, aber hier heißt es ausharren, hier darf nicht ermüdet werden, und am allerwenigsten dürfen gespendeter Undank und entgegengebrachtes Mißtrauen die Frauen abhalten, weiter zu arbeiten. Auch hier gilt der alte Schwabenspruch: „Es geht nichts übers Nichtnachlassen." Aber nur Geduld, meine verehrten Frauen, einmal muß die gestreute Saat doch aufgehen und wie beseligend ist es dann, sich sagen zu können: „Hier sind Menschen, die durch dein Bemühen um soviel besser, wirth- schaftlich reifer, zum Kampfe des Lebens geschickter, zufriedener und glücklicher wurden." Dann wird das durch Weisheit der Frauen begonnene Werk in Schönheit erglänzen und die geistige Stärke der Männer wird den Bau vollenden und zieren. — Um nur einen jener Punkte etwas näher zu beleuchten, so bedarf es einen vergleichsweise gar nicht erheblichen Aufwand von Zeit und Mühe und Kosten, die jungen Fabrikarbeiterinnen für ihren späteren Berus als Hausfrau anzuleiten. Für die erste Zeit kann und wird man sich wohl meistens mit der Unterweisung in den gewöhnlichen weiblichen Handarbeiten — Strümpfe stopfen verstehen nicht viele — beschränken, und später sollten dann auch Haus- und Küchenarbeiten hinzukommen. Letzteres setzt freilich in der Regel voraus, daß eine Anzahl Mädchen in einem Kost- und Wohnhause beisammen ist. Wo man sich aber soweit nicht einlassen kann und will, könnten sie der Reihe nach entweder im Hause des Arbeitgebers selbst oder eines Beamten, dessen Frau für die Sache gewonnen ist, als Lehrmädchen beschäftigt werden. Wie sich hierbei wohl von selbst versteht, kann all dies nicht obligatorisch gemacht, sondern es müssen die willigen Mädchen herausgesucht werden, und im Voraus möge gesagt sein, daß einer sachlichen und aus dem Herzen kommenden Ansprache wohl die wenigsten widerstehen werden. Ebenso versteht sich von selbst, daß zu der ganzen Sache das Ein- verständniß des Eheherrn, also des Geschäftsinhabers gehört. Einer Frau aber, der diese Sache rechter Ernst ist, wird es nicht schwer fallen, diese Erlaubniß zu erlangen. Und wenn sie ertheilt ist, dann wird der Mann gar bald sehen und merken, welchen großen Segen die Gattin austheilt, und dann dürfte er der treueste Bundesgenosse am Liebeswerke seiner Gemahlin werden. Natürlich ist das über die Aufgabe der Frau des Arbeitgebers hier Gesagte auf größere Stände nicht immer anwendbar. Hier müssen Frauenvereine eintreten, die, wenn gut geleitet, gleichen Segen verbreiten können, wie die einzelne Frau in isolirten Betrieben. — Egon W. — Locales unö provinzielles, Gieheu, 7. Juli. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 9. Juli 1891, Nachmittags 4 Uhr: 1. Mittheilungen. 2. Gesuch des Andreas Sorgenfrei um Ertheilung der Concession zum Wirthschaftsbetrieb. 3. Desgleichen des Wilhelm Scharf. 4. Die Taubentränke. 5. Stiftung des Metzgers Philipp Schmidt- hier: die erste Instandsetzung dessen Grabes. 6. Gesuch des Peter Gibb um Bauerlaubniß. 7. Verschiedene Herstellungsarbeiten in der Schlachthausanlage. 8. Die Chaussirung des Weges nach dem Hardtberge. 9. Oberhessischer Verein für Localgeschichte, hier: die Ueberlassung einer Gußplatte. 10. Gesuch des L. Huhn um Verlegung eines Entwässerungsgrabens auf der Stephansmark. 11. Gesuche um Ueberlassung des Rathhaussaales. 12. Den Zustand der Einfriedigung an der Hof- raithe des Magnus Becker an der Steinstraße. 13. Desgl. des Philipp Böger an der Weserstraße. 14. Desgl. des Wilhelm Gail an der Nordanlage. 15. Desgl. der Kaspar- Vogel Wittwe an der Nordanlage. 16. Desgl. des Wilhelm Seuling an der Nordanlage. 17. Desgl. der Karl Neuenhagen Wwe. daselbst. 18. Desgl. des Ludwig Georgi daselbst. 19. Die künftige Verwendung der ehemaligen Stallmeisterwohnung. 20. Gesuch der Garnison-Verwaltung um Ueberlassung eines Kohlenlagerplatzes. 21. Die Straße nach der Südanlage, der Löwengasse gegenüber- hier: die Räumung des Meister'schen Hauses. 22. Decretur von Kostenrechnungen. 23. Die Ferien bei der Stadtverordneten-Ver- sammlung. — Hamburger Quartett-Sänger. Mit. Vergnügen vernehmen wir die Nachricht, daß die Herren Landau, Weidmann und Lor ent, dem allgemeinen Wunsche folgend, am 13. Juli in Steins Garten ein zweites Concert geben. — Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 1. Juli dem Schuhmachergesellen Jakob Kemmer in Alsfeld das „Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift für Verdienste" zu verleihen. — Ernennungen und Bestätigungen. Am 9. Juni wurde dem Pfarrer Paul Benemann zu Vilbel die 3. ev. Pfarrstelle zu Worms, am 16. Juni wurde dem Schulverwalter Franz Albrecht zu Bönstadt, Kr. Friedberg, eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Geiß-Nidda, Kr. Büdingen, übertragen- am 17. Juni wurde der von dem Herrn Fürsten zu Isenburg-Büdingen auf die 1. Lehrerstelle an die Gemeindeschule zu Geinsheim, Kr. Gr.-Gerau, präsentirte Schulamtsaspirant Heinrich Herbst aus Nieder-Gemünden, Kr. Alsfeld, für diese Stelle bestätigt - an demselben Tage wurden Johannes Kalt zu Zwingenberg und Ludwig Kauß zu Grünberg zu Gehülfen bei den Steuercommissariaten Zwingenberg, bezw. Grünberg- am 22. Juni wurde dem Schulamtsaspiranten Johann Gg. Storck aus Groß-Bieberau, Kr. Die- bnrg, eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Altenstadt, Kr. Büdingen, übertragen - am 23. Juni wurde der Dammwärteraspirant Peter Schneider III. aus Dienheim zum Dammwärter mit dem Wohnsitz zu Stockstadt a. Rh. ernannt. — Erledigte Lehrerstellen. Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Moos, Kr. Lauterbach, mit einem jährlichen Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. — An der Volksschule zu Mainz 9 Lehrerstellen, von denen 7 mit kath. und 2 mit ev. Lehrern zu besetzen sind, mit einem Anfangsgehalte von je 1300 Mk., und 4 Lehrerinnenstellen, von denen 2 mit kath. und 2 mit ev. Lehrerinnen zu besetzen sind, mit einem Anfangsgehalte von je 1200 Mk. jährlich. — Zwei mit ev. Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Langen, Kr. Offenbach, mit einem jährlichen Gehalte von je 1000 Mk. — Ausübung des Hufbeschlags. Nach Bekanntmachung Großh. Ministeriums haben die nachstehend verzeichneten Personen die Prüfung im Hufbeschlag bestanden und sind für befähigt erklärt worden, den Hufbeschlag gewerbsmäßig und selbständig auszuüben: Johannes Bellinger aus Rixfeld (Kreis Lauterbach), Johannes Diehl aus Hochweisel (Kreis Friedberg), Wilhelm Germer aus Heuchelheim (Kreis Gießen), Georg Giegerich aus Fränkisch-Crumbach (Kreis Dieburg), Heinrich Jacob Göhrig von Babenhausen (Kreis Dieburg), Johann Georg Görich von Langen (Kreis Offenbach), Ludwig Görich von Langen (Kreis Offenbach), Peter Huppert von Sauer-Schwabenheim (Kreis Bingen), Heinrich Hofmann aus Busenborn (Kreis Schotten), Heinrich Lang aus Melbach (Kreis Marburg im Königreich Preußen), Adam Kolb aus Ober-Olm (Kreis Mainz), Martin Komo von Hausen (Kreis Offenbach), Johannes Carl Nanz aus Düdelsheim (Kreis Bingen), Johannes Schneider aus Fauerbach (Kreis Friedberg), Valentin Traub aus Gimbsheim (Kr. Worms), Philipp Weimann aus Hernsheim (Kreis Worms), Heinrich Weitzel aus Eifa (Kreis Alsfeld), Sebastian Windecker aus Mommenheim (Kreis Oppenheim), Johann Peter Windisch aus Mommenheim (Kreis Oppenheim). — Hessischer Städtetag. Der auf dem gestern nach Worms ausgeschriebenen Städtetag zur Berathung .gestellte Antrag des Herrn Beigeordneten Dr. Schmidt zu Worms auf Aufbesserung der Gehalte der städtischen Beamten hat folgenden Wortlaut: „Der Umstand, welcher vom 1. April l. I. ab zu einer allgemeinen Aufbesserung der Gehalte der Staatsbeamten führte, nämlich die gerade in den letzten Jahren eingetretene beträchtliche Preissteigerung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, dürste auch den Städten des Großherzog- thums Veranlassung sein, ihren Beamten diejenige Aufbesserung im Gehalte zu gewähren, welche jene Preissteigerung auswiegt. Die vom Staate gewährte allgemeine Ausbesserung bezieht sich zwar nur auf diejenigen Staatsbeamten und -Bediensteten, welche decretmäßig verliehene pensionsfähige Gehalte bezw. diesen einzurechnende Gebühreneinkommen beziehen, während blos verwendete Beamte nur in einzelnen Fällen durch Aenderung ihrer Gehaltsscala aufgebessert wurden- der Grund, welcher jene allgemeine Aufbesserung veranlaßte, muß aber auch für die Ausbesserung der Gehalte der blos verwendeten Beamten der Städte maßgebend sein. Auszunehmen wären mir diejenigen angestellten und verwendeten Bediensteten der Städte, welchen in der letzten Zeit gerade mit Rücksicht auf die Entwerthung des Geldes schon entsprechende höhere Gehalte zugebilligt wurden." — „Es wird daher vorgeschlagen, den städtischen angestellten und verwendeten Bediensteten in dem vorstehend bezeichneten Umfange eine Aufbesserung ihrer Gehalte und zwar für die Ge- haltstheile bis zu 2000 Mk. eine Aufbesserung von 10 pCt., und für die Gehaltstheile über 2000 Mk. bis zu 5000 Mk. eine solche von 5 pCt. mit Wirksamkeit vom 1. April l. Js. an zu Theil werden zu lassen." — (Für Gießen ist der Antrag insofern ohne Belang, als z. Z. dem Gr. Ministerium die die Gehaltsverhältnisse der städtischen Beamten regelnden Satzungen zur Genehmigung vorliegen). — Ernte-Aussichten im Großherzogthum Hessen. Nach den von dem Großh. Ministerium des Innern und der Justiz veranlaßten Ermittelungen über den Stand der Saaten bezw. über den Flächeninhalt der im Herbst mit Winterfrucht (Weizen und Korn) eingesäten, infolge des Frostes umgepflügten Grundstücke rc. ist, nachdem die Ergebnisse der Ermittelung vorliegen, eine Uebersicht zusammengestellt worden. Wir entnehmen zunächst der Uebersicht das auf die Provinz Oberhessen Bezügliche: Kreis Alsfeld: Von mit Wintergetreide bestellten 7904 ha wurden 1406 umgeackert und von Neuem bestellt 378 ha mit Gerste, 453 ha mit Hafer, 107 ha mit Sommerweizen, 42 ha mit Mischfrucht, 66 ha mit Kartoffeln. Die Aussichten auf die Ernte sind gut. In Winterfrucht wird eine M ttelernte erwartet, Sommergetreide bietet Aussicht auf gute Ernte. — Kreis Büdingen: Umgeackert wurden 4850 ha Korn und Weizen und mit Gerste, Hafer, Kartoffeln und Sommerweizen neu bestellt. In 45 Gemeinden des Kreises waren die Ernteaussichten (im ersten Drittel des Monats Juni) gut, in 8 Gemeinden recht gut, in 9 ist gute Mittelernte, in 6 Mittelernte, in 3 geringe Ernte zu erwarten. Winterfrucht wird kaum 1/2 Normalertrag liefern, das Sommergetreide bietet Aussicht auf eine gute Ernte. — Kreis Friedberg: Von 11 748 ha mit Winterweizen und Winterroggen bestellter Fläche wurden 9085 ha umgepflügt und 1305 ha mit Sommerweizen, 5849 ha mit Hafer und Gerste, 1075 ha mit Kartoffeln, 856 ha mit Zuckerrüben bestellt. Die an die Stelle der ausgeackerten Saaten gekommenen neuen Saaten bieten recht gute Ernteaussichten. Auf Winterfrucht wird nur auf 1/2 bis V3 Ernte zu rechnen sein- das Sommergetreide steht im Durchschnitt recht gut. — Kreis Gießen: Von 9521.1 ha mir Winterfrucht bestellter Fläche sind 3437.29 ha umgepflügt worden. Sämmtliche ausgewinterte Grundstücke sind wieder bestellt worden und zwar vorwiegend (3/l) mit Getreide (Gerste, Hafer, Weizen) und x/4 mit Kartoffeln rc. Die an Stelle der ausgeackerten getretenen neuen Saaten bieten Aussicht auf recht gute Ernte. Die gesammte Ernte an Winterfrucht wird nur Vs derjenigen in sonstigen Jahren betragen, das Sommergetreide bietet durchgängig recht gute Aussichten. — Im Kreise Lauterbach mußten 390 ha mit Winterfrucht bestellter Fläche umstellt werden und zwar mit Gerste, Hafer, Kartoffeln, Sommerweizen und Futterpflanzen, die durchgängig gute Ernteaussichten bieten. In Winterfrucht wird zum Theil geringe, sonst durchgängig Mittelernte erwartet. Sommergetreide durchgängig gut, zum Theil recht günstig. — Im Kreise Schotten wurden 1480 ha Winterfrucht umgepflügt, mit Sommerkorn, Sommerweizen, Gerste, Hafer, Kartoffeln, Erbsen, Linsen und Wurzelgewächsen neu bestellt. Die neuen Saaten bieten durchweg gute, zum Theil recht gute, zum Theil befriedigende Aussicht. In Winterfrucht ist eine schlechte Ernte zu erwarten, in nur 8 Gemeinden wurden die Aussichten als gut bezw. befriedigend bezeichnet. Das Sommergetreide bietet gute, zum Theil recht gute Aussicht für die Ernte. — Was die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen betrifft, so ist dort die Zahl der umgepflügten Hectare bei Weitem nicht so groß wie in Oberhessen. In Oberhessen wurden rd. 21580, in Rheinhessen. 6200, in Starkenburg 8600 ha mit Winterfrucht bestellter Fläche umgepflügt. Was die Aussichten für die Ernte hinsichtlich der nicht ausgemachten Wintersaaten in den Provinzen Starkenburg und Rheinhessen betrifft, so weichen dieselben im Großen und Ganzen nicht von denjenigen in Oberheffen ab. Im Kreise Dieburg wird wohl kaum der Bedarf an Saatgut für Winterweizen gedeckt werden. Im Kreise Groß-Gerau sind die Aussichten für die Ernte gering, nur in einzelnen Fällen gut. Im Kreise Bingen ist der Weizen fast durchweg eingegangen. — Was ein Vogelnest werth ist. Lieber Landmann! Dein Knabe nimmt aus Langeweile ein Vogelnest, Grasmücken-, Spatzen-, Rothschwanznest oder ein anderes, sagen wir mit fünf Eiern oder Jungen aus. Jedes dieser Jungen braucht täglich im Durchschnitt 50 Stück Raupen und andere Jnfecten zur Nahrung, die ihm die Alten zutragen- macht täglich 250 Raupen. Die Aetzung dauert durchschnittlich vier bis fünf Wochen, wir wollen sagen 30 Tage, macht für das Nest 7500 Stück. Jede Raupe frißt täglich ihr eigenes Gewicht an Blättern' und Blüthen. Gefetzt, sie braucht, bis sie ausgefreffen hat, auch 30 Tage, und frißt sie täglich nur eine Blüthe, die eine Frucht abgegeben hätte, so frißt sie in 30 Tagen also 30 Obstfrüchte in der Blüthe und die 7500 Raupen zusammen fressen 225 000 Stück solcher Blüthen. Hätte Dein Sohn das Vogelnest in Ruhe gelassen, so hättest Du und Deine Nachbarn um 225 000 Stück Aepfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen 2C. mehr geerntet. Frißt die Raupe aber mehr, als eben veranschlagt, so ist Euer Verlust noch größer. Jetzt wirst Du wissen, daß die Zerstörung eines Vogelnestes keine gleichgültige Sache fei. Schotten, 6. Juli. Der gestrige Gesammtausflug der Zweigvereine des Vogelsberger Höhenclubs auf den Hoherodskopf war von Nah und Fern recht stark besucht. Das Clubhaus und das Zelt vor demselben faßten kaum die Festtheilnehmer - außerdem erfreuten sich die Wirthschaften im Walde lebhaften Zuspruchs. Der Vorsitzende des Ge- sammtvereins, Herr Oberförster Diefenbach, begrüßte und bewillkommnete die Festgäste, er betonte in seiner Rede, daß der Club heute über ein zehnjähriges segensreiches Wirken zurückblicken könne. Der Redner gab dem Wunsch Ausdruck, daß unser Hauptausflug mit dazu beitragen möge, das Interesse am Club zu wecken und wach zu erhalten, und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Se. Kgl. Hoheit den Großherzog, den hohen Protector des Clubs. Der Ausflug war vom besten Wetter begünstigt, der Fernblick jedoch etwas unklar. Die Stimmung war permanent eine sehr animirte und mag wohl Manchem das Scheiden von den schönen Höhen schwer geworden sein. -r Bufenborn, 5. Juli. Der 67 Jahre alte Landwirth St. von hier wurde gestern in der Hofraithe eines seiner Verwandten erhängt aufgefunden. Eine Gerichlsdeputanon aus Schotten nahm untör Zuziehung eines Arztes an Ort und Stelle Ermittelungen vor und wird angenommen, daß St., der lange Zeit kränkelte, freiwillig den Tod gesucht hat. 8. Nonnenroth, 5. Juli. Heute fand dahier das Bezirks fest des Kriegervereinsbezirks Lich, verbunden mit Fahnenweihe des hiesigen Kriegervereins, statt. Von 11 bis 1 Uhr Mittags fand der Empfang der auswärtigen Kameraden, später der Festzug, welchem 22 auswärtige Krieger- wie auch einige benachbarte Gesangvereine sich anschloffen, statt. Der Zug bewegte sich durch die schön geschmückten Straßen des Ortes nach dem Festplaye. Hier sand die Begrüßung der Festgäste, sodann Weiherede und Uebergabe der neuen Fahne statt, worauf die Musik zum Tanzen aufforderte und bald auf den Tanzböden, wie auch in den Festhallen bis zur Abendstunde das fröhlichste Treiben herrscht.'. -a- Altenstadt, 5. Juli. Gestern verunglückte das zehnjährige Mädchen des Landwirths K. zu Höchst a. d. Nidder dadurch, daß es in Abwesenheit der Eltern Petroleum in das bereits erloschene Feuer goß. Die emporschlagenden Flammen ergriffen die Kleider des Kindes und erlitt dasselbe schwere Brandwunden am Körper, namentlich im Gesicht. An seinem Aufkommen zweifelt man. vermischtes. * Marburg, 6. Juli. Eine kühne That vollbrachte dieser Tage der Jäger Simon von der 4. Compagnie des hiesigen Jägerbataillons. Ein Kamerad desselben, der Jäger Bangert, war bei der Militärbadeanstalt am Ufer sitzend ab- gerutscht und in die gerade an jener Stelle hochgehenden Fluthen der Lahn gestürzt. Simon sprang seinem Kameraden sofort nach und es gelang demselben auch, den Verunglückten zu erfassen und trotz der starken Strömung schwimmend ans Land zu bringen; eine Leistung, welche nm so mehr Anerkennung verdient, als an jener Stelle der Fluß gegenwärtig eine durchschnittliche Tiefe von 3—4 Meter aufweist und diejenige Stelle, wo Bangert hineinrutschte, von derjenigen, wo er von Simon erfaßt wurde, 55 Schritte entfernt liegt. * Wetzlar, 6. Juli. In der Lahn unterhalb des Luy- fchen Felfenkellers wurde gestern Nachmittag die Leiche eines etwa 50jährigen Mannes aufgefunden. Der Mann war bekleidet mit blauem Kittel, dunklen Tuchhosen, genagelten Schüben u. s. w. Die Kopfbedeckung des Mannes, der einen rothblonden Bart trug, war verloren gegangen. Die Leiche wurde in die Todtenkammer des Friedhofs verbracht. Bisher ist ihre Herkunft noch nicht genau sestgestellt- man nimmt an, daß der Mann aus Waldgirmes stamme. * Frankfurt a. M., 6. Juli. Der Schriftsetzer Francois Martin, ein geborener Luxemburger, in den Buchdruckerkreisen bekannt als Gründer und früherer Redacteur des in Basel erscheinenden „Internationalen Buchdruckerverbandes", ist von der hiesigen Polizei ausgewiesen worden und mußte heute die Stadt verlassen. Martin hatte, nachdem er vor Kurzem aus Stuttgart ausgewiesen worden war, hier eine Stellung gesunden. — Am Samstag Mittag bemerkten Arbeiter auf dem Felde in der Nähe der Militär-Schwimmanstalt zwei Frauen, welche aus einem Korbe etwas auf die Erde niederlegten und sich dann wieder entfernten. An der betr. Stelle wurde alsdann die schon stark in Verwesung übergegangene Leiche eines Kindes weiblichen Geschlechts aufgefunden. Die Leiche, welche in schwarzes Glanzpapier, eine blau und weiß gestreifte Schürze und ebensolchen Unterrock eingehüllt war, wurde nach dem Sachsenhäuser Friedhof verbracht. Verkehr, Land- unö Volkswirthschaft» Gießen, 7. Juli. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter pr. Pfd. X 1,00—1,20, Hühnereier 1 St. 0, 2 St. 11-13 4, Enteneier 1 St. 7- 4, 2 St. - 4, Käse pr. St. 5—8 4, Käsematte pr. St. 3 4, Erbsen pr. Liter 18 4, Linsen pr. Liter 30 4, Tauben pr. Paar X 0,70—0,90, Hühner pr. Stück X 1,00—1.30, Hahnen pr. St. X 1,00—1,20, Enten pr. Stück X 2,00—2,20, Ochsensteisck vr. Dfd 70—74 4, Kuh- und Rindfleisch 60—64 4, Schweinefleisch 56-64 4, Hammelfleisch 50—76 4, Kalbfleisch 50- 56 4, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 9,00-9 50, Weißkraut vr St.--4, Zwiebeln per Eentner X 13,0—14,0, Milch per Liter 12-18 4, Kirschen per Pfd. 15-20 4 Butzbach, 4. Juli. Wochenmar^kt. Butter kostete per Pfund X 0.95—1.00, Käst per Pfund 46—47 4, Eier zwei Stück 11 4- Krankfrrrt a. M., 6. Juli. Der samstägige Sch w ei ne - markt im städtischen Viehhof war befahren mit 264 fetten Thieren und 42 Zuchtferkeln. Fette Schweine wurden zu den freitägigen erhöhten Preisen umgesetzt: erste Sorte zu 57 bis 59 Pfg., zweite Sorte zu 55 bis 56 Pfg. pro Pfund; wenige Ferkel, 6 bis 7 Wochen alte Thiere, brachten 8 Mk. pro Stück. Univcrfitäts - Nachrichten. — Der Privatdocmt der Zoologie, Dr. Joh. Felix in Leipzig, ist zum außerordentlichen Professor daselbst ernannt worden. — Der berühmte Würzburger Anatom, Prof. A. v. Kölliker, feierte kürzlich den Tag, an welchem er vor 50 Jahren an der Universität Zürich den philosophischen Doctorgrad mit einer Arbeit aus dem Gebiete der Zoologie erlangte. — Der erste Assistent an der psychiatrischen Klinik zu Straßburg, Dr. Alfred Hoche, hat sich als Privatdocent für Psychiatrie habilitirt. — Dr. R. Schmidt, bisher außerordentlicher Professor in Leipzig, ist zum ordentlichen Professor für Civilprozeß, Staats- und Völkerrecht nach Freiburg i. Br. berufen. — Der „Jenaer Zeitung" wird geschrieben, daß die Nachricht, Professor Brückner in Dorpat sei seines Lehramtes entsetzt worden, noch der Bestätigung bedürfe. B. führe allerdings einen deutschen Namen, gehöre aber dem Russenthum an. Es sei wahrscheinlich, daß nicht eine Amtsentsetzung, sondern eine Versetzung an die Universität Kasan erfolgt sei. — Wir sind nicht in der Lage, diese Mtttheilung zu controliren, der Sachverhalt dürste ja bald aufgeklärt werden. — Der Prosector der medicinlschen Facultät zu Paris, Dr. Castex, hat von der französischen Regierung den Auftrag erhalten, an deutschen und österreichischen Universitäten die Unterrichtsanstalten für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten zu studiren. — Privatdocent Dr. Klaußner wurde als Nachfolger des Professors Angerer zum außerordentlichen Professor der Chirurgie und zum Vorstand der chirurgischen Poliklinik an der Universität München ernannt. — Der sehr fühlbar werdende Mangel an Kartoffeln und die empfindliche Preissteigerung für dieses wichtige Lebensmittel hat naturgemäß die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf andere Ernährungsmittel gelenkt, welche geeignet erscheinen, den besten und für die Ernährung werthvollsten Ersatz für die Kartoffeln zu schaffen. Während in den südlicheren Ländern — Oesterreich, Italien und Frankreich — die Kartoffeln kaum bekannt sind und Mehlspeisen, Klöße und Nudeln deren Stelle vertreten, ist in Norddeutschland die Kartoffel das hervorragende Volksnahrungsmittel geblieben, weil sie, wenn auch als Nahrungsmittel geringwerthiger, doch bis jetzt auch erheblich billiger war als Getreidefabrikate. Heute kosten aber Kartoffeln, die sogar während des strengen Winters vielfach beschädigt sind und schlecht schmecken, einen so abnormen Preis, daß Brodftoffe sich billiger stellen. In Oesterreich, Italien und Frankreich bilden Grießklöße, Maccaroni die tägliche Nahrung, und darüber, daß deise Stoffe zur Ernährung den Vorzug vor den Kartoffeln verdienen, besteht nirgends ein Zweifel. Zu Suppen und Klößen eignet sich in hervorragender Weise der erst neuerdings in Deutschland probucirte Hartgries aus kleberhaltigen russischen und orientalischen Weizensorten. Derselbe ist sehr billig, äußerst ergiebig im Gebrauch, besitzt zweifellos einen höheren Nährwerth als die Kartoffel und ist besonders in der Form von Klößen der beste Ersatz für diese, wie das die Erfahrungen in anderen Ländern bewiesen haben. Verkauft wird Hartgries in allen größeren Colonialwaarengeschäften in der Originalverpackung der Wesermühle in Hameln. Temperatur der Lahn und Lust gcmeffen am 7. Juli, Vormittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 15, Lust 16 Grad Reaumur. L. Ehr. Rübsamen Wwe. Submisfion. £ 8chweineschmalz EmiB M©!6i ;6ei [6239] !■£ Avis! MrFuhrmrksbkfitzer. Q ■ Gnauth. 6251 WlMMmkNs. Neue Kartoffeln Wegen Uimug nach der Ludwig- preis aus. [6233 Vv-Flasche zu X 1.60 [3038 Ph. Bauer II., Bahnhofstr., Gießen. können. . [6250. straße 12 verkaufe ich meine sämrnt- lichen Schürzen zum Selbstkosten- 98,06 1045,— 2600,— bauamt zur Einsicht offen, woselbst die bezüglichen Angebote bis zum 13. l. Mts., Vorm. 11 Uhr, einzureichen sind. Gießen, den 7. Juli 1891. Großh. 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P. was wir theilnehmenden Verwandten, Freunden und Bekannten mit der Bitte um stille Theilnahme tiefbetrübt anzeigen. Gießen, 7. Juli 1891. Di- trauerrrden .Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Mittwoch den 8. Juli, Nachmittags Brühl’schenDruckerei Schuistrassa 7. > • Rasche Lieferung aller weniger gebräuchlichen Wässer. O Mineral-Pastillen, Quellsalze, Quellsalzseife. Badesalze, Mutterlaugen, als Nauheimer, Kreuznacher, Seesalz etc., sowie alle sonstigen 4476 Natürliche X/l ineralwässer in stet frischer Füllung Emser, Selters, Fachinger, Salzschlirfer, Friedrichshaller- and Hanyadi-Janos-Bitterwasser etc. Iermieißungen. 6232] Logis von oker Zimmern mit Zubehör, Balkon und Wasserleitung, per 1. September zu virmiethen. Asterweg 48. 6227] Eine Wohnung, 5—7 Zimmer-, billig zu oermietben aus Sept, oder Oct. 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Wasserschli Frankfurter Börse Schlutzcourl- i 3% Reichsanleche 85.55 3i/r°/o do. 98-^ü 3% Preuß. ConsolS 85.40 31/» % do. 99.85 Disconto-Command.--Anch- 175.00 Darmstädter Barck-Act. 135 80 Dresdener Bank-Act- 138 20 Nordd. Lloyd-Act. 107 50 Wiener Bankver.-Act- 97.00 Oest. Credit-Act. 255 25 Oest. Staatsb.sAct. 251.00 4% Mainzer St.-Anl. —1 Gelsenk. Bergw.-Act. 155.701 Reichsbank-DiScont 4 pCt. — F bericht eben, Bankgeschäft. vom 7. Juli 1891. Uhr 15 Min. 4% Ung. Gold-Rente 9 t 40 5% Jtal. Rente 91 90 41/6|% Oest. Silber-Rente 80.20 50/g Rust. Ul. Orient 72 20 Lomb. E.-B.-Aet. .^l0 Buschtherader E.-B.-Act. 417 12 Elbthal-Bahn-Act. 1^6 25 Gotthard-Bahn-Act. 136 00 Schweizer Nordost-B.-Act. ^7.00 Mainzer E.-B.-Act. 114.40 Marienburger E.-B.-Ack 65 30 Ver. Königs-Laurab^Act 110 00 Tendenz: abgeschwächt. rankfurter Bank-Discont 4 pCt. . Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Vrühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Die heutige Nummer umfaßt 6 Seiten. Mittwoch den 8. Juli Giesterrer Anzeiger. Beilage zu Nr. 155. - 1891 ■ III » _______ Feuilleton. Der Tsusendmarkschein. Von Julius Bergen. (Schluß.) Dem Wirthe war es nicht möglich, Fassung zu erlangen. Willenlos legte er seine Rechte in die dargebotene Hand des Gastes, welcher sie kräftig schüttelte und fortsetzte: „So! Ich baue auf Sie, aus Ihre Ehre und Verschwiegenheit, nun hören Sie. Sie sind aus eine Fährte gekommen, deren Weiterverfolgung mir hätte verhängnißvoll werden müssen. Entweder hätte ich sofort Ihr Haus verlassen oder, Ihres Stillschweigens gewiß zu sein, Sie in mein Geheimniß einweihen müssen. Ich erkannte Sie als meinen Mann,- ich nahm mir vor, Sie glücklich zu machen und wählte nach langem Kampfe mit mir selbst das Letztere. Ich bin, was Sie ahnten — ein Falschmünzer." Bei diesen Worten sprang der Wirth erregt aus und brachte nur die wenigen Silben hervor: „Herr Graf — wie können . . Im Augenblicke hatte ihn der Fremde aus das Sopha zurückgezogen und flüsterte: „Ruhe, um Gotteswillen. Wenn wir uns verrathen, sind wir beide verloren!" Der Wirth heftete seine Augen fragend aus den Sprecher. Dieser setzte in geheimnißvoller Sprache fort: „Ich befasse mich nur mit der Herstellung von Papiergeld. Meine Kunst ist einzig, ich habe sie in Warschau redlich erlernt. Kann man meine Zwanzigmarkscheine von den echten unterscheiden? Sie haben die Antwort im Wechselgeschäst vernommen. Nun will ich es mit höheren Geldsorten versuchen- zu diesem Zwecke ging lch in das Bankgeschäft, mir einen Tausendmarkschein einzuwechseln, den ich zum Muster brauche. Leider bekam ich vorderhand keinen. Frisch auf denn, Freund, unser Glück soll blühen." Saß der Wirth bis jetzt stumm neben dem Fremden, so halten die zuletzt gesprochenen Worte doch nicht verfehlt, - seine Lebensgeister zu wecken, und sprach er zuerst nur weniges, so kam er doch bald in Redefluß. Der Gedanke, mit Hilfe des Gastes in Kurzem ein reicher Mann zu werden, löste das Band, das vordem seine Zunge gefesselt hielt. Als er schließlich erfuhr, daß der Fremde all sein nöthtges Werkzeug in den beiden Koffern mit sich führe, konnte er den Tag nimmer erwarten, an dem der erste Tausendmarkschein gemacht werden sollte. Und als ihm der Gast mittheilte, daß er schon heute damit beginnen und ihn bis Abends etwa um 11 oder 12 Uhr fertigstellen könnte, falls er einen echten Kassenschein in dieser Höhe als Muster bekomme und der Wirth ihm seine Mithilfe für den Abend zusage, stand Letzterer begeistert auf. Nach der Thüre schreitend, sagte er: „Nichts leichter als das. Ich gehe sofort in die Hauptbank und besorge einen Tausendmarkschein. Meiner Mithilfe für diesen und^jeden Abend seien Sie gewiß. In wenigen Minuten bin ich zurück." Während der Hotelwirrh nach der Hauptbank gegangen war, legte sich der Fremde im Zimmer Nr. 5 bläuliche Tinte, Papier und eine Zeichenfeder zurecht- mitten auf den Tisch stellte er einen großen, glatten Stein. Er war gerade mit dem Herunterlassen der Fenstervorhänge beschäftigt, als der Wirth freudestrahlenden Gesichtes eintrat. „Hier ist er, er mehre sich, wie der Sand am Ufer des Meeres!" Mit dieser Aeußerung warf er einen Tausendmarkschein auf den Tisch, näherte sich dem Gaste, umarmte ihn und rief: „Glück aus!" Der Fremde setzte sich sofort an den Tisch, um seine Arbeit zu beginnen. Noch bat er den Wirth, ja nicht durch Miene oder Wort sich und ihn zu verrathen und keinen Diener eher hinauf zu senden, als bis er das Signal durch die electrische Glocke gebe. Bis zum Abend wollte er alles so weit fertigstellen, daß der Wirth dann Helsen könne, was ihm ein Leichtes sein werde. Fröhlichen Herzens verließ der Wirth das Zimmer Nr. 5. In wenigen Augenblicken signalisirte der Gast den Kellner und wünschte eine Flasche Sect- hierauf bestellte er das Mittagsbrod, das er heute ausnahmsweise aus seinem Zimmer einnehmen wollte. Seinen Wünschen wurde Folge geleistet. Der Tag war vergangen - es nahte die Stunde, da der Wirth dem Fremden seine Hilfeleistung zugesagt. Er ordnete Verschiedentliches an und meinte, daß er ars^'kurze Zeit den Fremden in Nr. 5 besuchen wolle. Er ging. Als er an der Thür stand, klopfte er leise, wissend, daß sie wohl verschlossen sei. Er klopfte ein-, zwei-, dreimal. Keine Antwort erscholl von drinnen, — die Thür öffnete sich nicht. Mechanisch griff er nach der Klinke- sie gab nach und die Thür ging auf. Im Zimmer aber war es finster. In der Meinung, der Gast sei infolge der angestrengten Arbeit ein- geschlasen, machte er Licht. Aber das Zimmer war leer, Niemand zu sehen. Aus dem Tische nur lag ein Zettel, der folgende Worte enthielt: „Bescheinige, daß ich am heutigen Tage von Gastwirth Herrn .... Tausend Mark in einem Kassenscheine empfangen habe und ihm dafür meine beiden Koffer abtrete. B....., den . . . . 18 . . . Gras Katuscheff, Falschmünzer." Der Wirth war, als er zu Ende gelesen, mit einem Schrei, der bis hinunter in den Parterreraum gehört wurde, in Ohnmacht gefallen. Die Diener eilten die Treppe hinan, fanden die Thür nach dem Zimmer Nr. 5 offen, traten ein und sahen ihren Herrn leblos am Boden liegen. Sie glaubten, es wäre ihm Uebles zugefügt worden und sandten unverzüglich nach, der Polizei. Als sie kam, hatte der Wirth bereits seine Kräfte wiedergewonnen. Er machte am nächsten Tage Anzeige, daß aus seinem Hotel ein Gast mit einem Tausendmarkschein, den er ihm geliehen, verschwunden sei. Auch forschte er aus der Hauptbank nach, welche Nummer der Tausendmarkschein, den er gestern eingewechselt, gehabt habe. Man setzte diese Affaire sofort in die Zeitung, zugleich mit der Nummer des Kassenscheines. Da meldete gleich der Chef des Central-Wechselgeschäfts, daß im Laufe des gestrigen Nachmittags ein Herr, der sich am Morgen des nämlichen Tages als Gras Katuscheff, z. Z. wohnhaft im Hotel „zum goldenen Horn", vorstellte, einen Tausendmarkschein mit der in der Zeitung genannten Nummer in Gold- nnd Silbergeld umgewechselt habe. Vom Grafen Katuscheff hörte der Wirth nichts mehr- die beiden Kisten hatten nur eine Menge schwerer Feldsteine enthalten. Nebenbei hatte er dem Schlosser für Oeffnung der äußerst kunstreichen Schlösser 3 Mk. bezahlen müssen. Waaren-Versteigerung. Mittwoch den 8. und Donnerstag den 9. Juli, Vormittags 9 Uhr und Nachmittags 2 Uhr, werden SelterSwrg 68 die ganzen Vor- räthe des Meyer'fchen Waarenhairfe-, bestehend in HauShaltrrrrgsgegerr- ständen aller Art, als: Blech- nnd Emaille-Kochgeschirr, Gießkannen, Lampen, Kohlenträger, Eimer, Züber, Porzellan, Rauchserviee, Koffer, Körbe, Bürsten, Spiegel, Spielwaaren u. s. w. versteigert. 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