1891 Mittwoch den 8. April Mr. 80 Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger Redaction, ExpedNis» und Druckerei: ZchulßratzeVr.H« Fernsprecher 5L vierteljähriger Avonnementspreiss 2 Mark 20 Pfg. vrÄ Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Dir Gießener ^«»rttenStLIter 'AKbtti dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Der Anzeiser erscheint täglich, bM Ausnahme deS Montags. Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren. ______ । j ii t —ii BSSSB SBSB 3HB BBC uinWRgL "ü«! «vnahme von Anzeigen zu der Nachmittag- b™ I Gratisbeilage: Gießener Kamitienökätter. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr. | c X — ■ M 2lmtlid?€r Therl, Bekanntmachung, Uebertragung amtlicher Functionen auf die practischen Veterinärärzte Löffler zu Hungen und Dr. Köhler zu Langsdorf betreffend. Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß die nach dem -Milzbrandreglement den Thierärzten zugewiesenen Functionen für die Orte Hungen, Langd, Inheiden, Nodheim mit Hof-Graß, Steiuheim und Rabertshausen mit Ringelshaufen, sowie die nach § 8 der Fleischbeschauordnung hem beamteten Thierarzt zukommenden Befugnisse für dieselben Orte und für Villingen dem practischen Veterinärarzt Löffler zu Hungen, sowie daß die beiden bezeichneten Functionen für Obbornhofen dem practischen Veterin'ärarzt Dr. Köhler zu Langsdorf übertragen worden sind. Gießen, den 4. April 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gießen, den 4. April 1891. Berr.: Wie vorher. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen ÄN die Großh Bürgermeistereien Hungen, Langd, Inheiden, Rodhrim, Steinheiw, Rabertshausen, Villingen und Obbornhofen. Unter Bezugnahme aus vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, die für Ihre Gemeinden in Betracht kommende Bestellung in ortsüblicher Weise publiciren zu lassen, v. Gagern. Polizei-Reglement, die polizeiliche Beaufsichtigung der Spinnstuben in der Gemeinde Allen Buseck betreffend. Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wird hiermit nachstehendes Polizei- Reglement für die Gemeinde Alten-Buseck erlassen: 1) Spinnstuben dürfen in Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft. 2) Gegenwärtiges Polizei-Reglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft. Gießen, den 3. April 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Bekanntmachung. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstände der „Ständigen Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar" die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer im Juni und December l. I. zu veranstaltenden Verloosung von Gegenständen der Kunst und des Kunstgewerbes innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben. Nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan dürfen 400 000 Loose zu je 1 Mk. ausgegeben werden und müssen 200 000 Mk. zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden. Gießen, den 3. April 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Reich. Berlin, 6. April. Im Reichsamte des Innern in Berlin wird im Laufe dieses Monats die von der Re ichs- regierung einberusene Conferenz in Sachen der Handwerker frage eröffnet werden. Wie verlautet, soll die Con- ferenz über geeignete Maßnahmen zur Hebung des Handwerkerstandes berathen und gewiß wird dieser Versuch bei jedem aufrichtigen Freunde des Handwerks warme Sympathieen finden. Nur dürfte sich die Conferenz vor künstlichen Mitteln zur Erlangung des gewünschten Zieles zu hüten haben, wie dies z. B. die Wiederbelebung des alten Jnnungswesens wäre, welches sich mit dem Geiste der Neuzeit in keiner Weise mehr verträgt. — Das vollständig im revolutionären Sinne gehaltene Auftreten der deutschen Delegirten auf dem Vergär beiter-Congr eß zu Paris erfährt unter den verständigeren Elementen der deutschen Bergarbeiterschaft entschiedenen Widerspruch. Derselbe kam u. A. auch auf dem am Sonntag in Dortmund abgehaltenen Bergmannstag zum Ausdruck. Die Versammlung nahm in ihrer großen Mehrheit Stellung gegen den Pariser Congreß und gegen die deutschen Delegirten, denen vorgeworfen wurde, daß sie nicht im Namen der deutschen Bergleute gesprochen hätten. — Die Verhandlungen über den deutsch-österreichischen Handelsvertrag sind jetzt in der Hauptsache zum Abschlüsse gelangt. Doch gilt es noch, die notwendigen Förmlichkeiten zu erledigen und daneben ein Einverständniß in einigen untergeordneten Punkten, über welche zwischen beiden Theilen noch Meinungsverschiedenheiten obwalten, zu erzielen. Es steht daher, wie Wiener Privatmeldungen besagen, die Unterzeichnung des getroffenen Abkommens erst in ein paar Wochen zu erwarten,- ob dann das Abkommen gleich zur Veröffentlichung gelangt, erscheint auch fraglich. Wiesbaden, 6. April. Der heute unter Vorsitz des G e- heimraths Lehden aus Berlin eröffnete 10. Congreß für innere Medizin ist von mehr als 200 Aerzten, darunter den berühmtesten Klinikern Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz besucht. Regierungs-Präsident von Tepper- Laski begrüßte den Congreß im Namen der hiesigen Regierung. Vom Cultusministerium war Geheimrath Skrzeczka anwesend. Als Vizepräsidenten wurden berufen: Geheimrath Quincke-Kiel, Professor Demme-Bern, Geheimrath Naunyn- Straßburg. Letzterer und Professor Fürbringer-Berlin sprachen in heutiger Vormittags-Sitzung über Gallensteinkrankheiten. Ausland. Rouen, 5. April. Die feierliche Beisetzung der Leiche Pouyer-Quertiers fand unter zahlreichster Betheiligung statt. Der Erzbischof von Rouen leitete die Feier. Buffet feierte den Verstorbenen als Vertheidiger der siegreichen Politik des Schutzzolles. Die Blätter melden gerüchtweise, unter den Beileidstelegrammen befinde sich auch ein solches vom Fürsten Bismarck. Athen, 5. April. Die Kammer beschloß, die weitere Behandlung der Anklage gegen das Cabinet Trikupis bis zur nächsten Session zu verschieben. Die Session ist heute geschlossen worden. Sofia, 5. April. In die düstere Mordangelegenheit von Sofia ist jetzt zum ersten Male eine leise Lichtspur gefallen. Ein Kawaß des ehemaligen russischen General- consulatS wurde als der Schreiber der dem Fürsten Ferdinand,, seiner Mutter Clementine und dem Minister Greekoff zugegangenen Todesdrohbriefe ermittelt und verhaftet und wird angenommen, daß der Verhaftete auch in das Attentat gegen Stambuloff und Bentscheff verwickelt sei, worüber die Untersuchung wohl bald Näheres ergeben dürfte. Außerdem wird aus der bulgarischen Hauptstadt die Auffindung von Dynamit- patronen und Zündern im Erdboden eines Privatgartens gemeldet, die Entdeckung geschah infolge einer Anzeige der Frau des Besitzers des fraglichen Gartens. Unzweifelhaft sollte der aufgesundene Sprengstoff zu einem neuen verbrecherischen Unternehmen in Bulgariens Hauptstadt dienen, vielleicht gar zu dem angekündigten Mordanschlag auf Fürst Ferdinand, seine Mutter und Minister Grekoff! Alle über das Attentat in Sofia vorliegenden Nachrichten lassen übrigens erkennen, daß dasselbe nur die Einleitung zu einem neuen großen Putsch der bulgarischen Russensreunde bilden sollte, zu welchem alles Erforderliche wohl vorbereitet war. Offenbar ist die weitere Durchführung des Complotts lediglich daran gescheitert, daß Stambuloff den für ihn bestimmten Kugeln der Verschwörer entging. Feuilleton. Die Rappen. Novellette von Z o « von R e u ß. (Nachdruck verboten.) I. „Nun, — wie sind Sie mit Ihrer Schülerin zufrieden?" srüg die junge Dame, auf einer Anhöhe ihr Pferd anhaltend, ihren Cavalier. „Sie haben entschieden bedeutendes Talent zur Amazone, gnädiges Fräulein," lächelte dieser ironisch. „Gnädiges Fräulein? — Sie sind mir doch neulich als Vetter vorgestellt vom Papa? — Allerdings ists wohl ein bischen um die Ecke. Ich hörte noch niemals von einem Vetter Hans von Hochstedt —" „Es ist auch wohl nur Güte, daß Ihr Papa unsere, wenn nicht von Adam, doch mindestens von Vater Noah herstammende Verwandtschaft gelten läßt, vermuthlich um mir eine bessere Stellung im Hause zu geben." „Wie kamen Sie eigentlich in unser Haus?" „Ich war Mitglied eines Vereins für Landwirthschasts- beamte geworden und suchte eine Jnspectorstelle. Ihr Herr Papa aber suchte einen Verwalter seiner Güter. Erst bei der Vorstellung stellte sich die Verwandtschaft heraus." „Papa scheint aber erfreut darüber, er kann nun den ganzen Tag Hasen und Hühner schießen, Fhombre spielen und verreisen, das letztere freilich nur wenn er mich mitnimmt . . . Aber Sie sind mir noch eine Kritik meiner Reitkünste schuldig. Ich will genau wissen, welche Fehler ich mache, es interessirt mich viel mehr als die falschen und aus- gelaffenen Noten, die mir Fräulein Matthias nach den Clavierstunden wie unverzeihliche Sünden an den Fingern herzuzählen weiß . ." „Nun, Jyr Sitz ist gut, wenn auch ein wenig lässig. Die Zügelsührung muß noch gleichmäßiger werden. Dem Füßchen im Steigbügel erlaubte ich mir schon verschiedenemale die richtige Stellung zu geben. Aber Sie haben Muth, Kühnheit, Elan; Almeister Renz hätte eine vortreffliche Acqui- sition an Ihnen gemacht, Cousinchen! Sind Sie nun zu- friedengestellt?" „Glauben Sie, daß ich Ihren Spott nicht heraushöre? Ist es unrecht, eine Amazone zu sein?" „Keineswegs!" „Nun also, mein Herr Vetter! . . . Papa hat mir ein paar reizende Pistolen kommen lassen, süße Dinger, die wir nächstens zusammen probiren können. Es wäre auch zu langweilig auf dem Lande, wenn man seine Freiheit nicht ordentlich benutzen wollte." „Wie mans nehmen will. Mir scheint gerade das Leben eines Landsräuleins das glücklichste von der Welt, nur übertroffen von dem Glücke der treuen, mitschaffenden Gattin," sagte Herr v. Hochstedt gedankenvoll, „reich an Freude und voll Abwechslung, ohne Aufregung." „Soll ich vielleicht die Dorskinder unterrichten?" „Auch dies — doch nur, wenn Sie Beruf dazu haben. Anders würde auch für die Kleinen nicht viel dabei herauskommen. Soll ich Ihnen einmal den Tag einer jungen Landedeldame schildern, Cousinchen, so wie ich ihn mir denke?" „Meinetwegen." „Sie füttern zuweilen die Hühner, wie ich gesehen habe?" „Wenn ich es nicht vergesse." „Vergessen Sie es einmal nicht. Indem Sie eine Pflicht übernehmen, gewinnen Sie schon ein Jntereffe. Sie wollen doch die armen Thiere nicht hungern lassen? Ihr schöner- Name Gertrud klingt so hausfraulich, man hört ordentlich das Schlüsselbund der jungen Hausfrau klingeln . ." „Unsinn! Ich bin Trudel, wie mich Papa nennt." „Wenn ich Ihnen rathen soll, so nehmen Sie die Fütterung Ihrer Hühner am Nachmittag vor, gleich den practischen Amerikanern," fuhr Herr v. Hochstedt unbeirrt fort. „Die Thiere werden durch eine Fütterung vor dem Schlafengehen besser zusammengchalten, was auf den amerikanischen Farmen natürlich von Wichtigkeit ist. Auch sind sie ungefüttert tagsüber weit fleißiger im Aussuchen der Jnsecten und Würmer . ." „Was Sie klug find, Vetter Hochstedt, man bekommt ordentlich Respect." „Einmal wöchentlich besuchen Sie die Kranken im Dorfe, und sehen, wo es ihnen fehlt. Manchmal gibts einen Dienst zu leisten, klein und unbedeutend, den die Angehörigen aber doch nicht thun können- eine Krankensuppe kochen, einen Brief schreiben, ein Buch leihen: Sie können ein flügelloser Engel werden." „Sind Sie noch nicht fertig?" srug Trudel ungeduldig, indem sie Kalypso an der Mähne riß. „Eine Kleinkinderbewahranstalt würde ein Segen sein für die Arbeiterfamilien, besonders während der Erntezeit. Die Eltern können dann unbekümmert zur Arbeit gehen. Das neue Schulhaus, das Ihr Papa als Patron bauen läßt, müßte so eingerichtet werden, daß eS auch zur Aufnahme städtischer Feriencolonien benutzt werden könnte . . „Wollen Sie mich als Sprachrohr benutzen Papa gegenüber?" „Warum nicht? Ihr Papa ist gut von Ihnen erzogen, sehr gut, Toiletten, Reitpferd, Pistolen — alles können Sir verlangen! Warum nicht auch einmal etwas für andere?" Neueste Nachrichten. WolffS telegraphisches Torrespondenz-BureLU. Berlin, 6. April. Der Präsident von Chile cr- Aärte aus Grund des chilenischen Zollgesetzes alle Häfen nördlich von Caldera, so lange sie von den Aufständischen gehalten werden, für geschlossen. Bei Zuwiderhandeln wird Confiscation der Schiffe und Ladungen angedroht, außerdem sind Producenten und Exporteure von Salpeter für den Einfuhrzoll verantwortlich. Berlin, 6. April. Wie das „Tageblatt" meldet, trifft der Gouverneur für Ostafrika, Frhr. v. Soden, heute m Tanga ein und begibt sich sofort an Bord der „Schwalbe" nach dem Gouvernementssitz Dar-es-Salaam, um die Re- gierungsgeschäste zu übernehmen. Kiel, 6. April. Der Kaiser, Prinz Heinrich, Moltke, Bötticher und Hollmann begaben sich Morgens halb 9 Uhr nach Rabensau zur Besichtigung der Canalbauten bei Rendsburg. Kiel, 6. April. Seine Majestät der Kaiser begann heute Vormittag mit eigener Hand den Durchstich bei Landwehr, nach welchem die Wassermassen in mächtigen Fällen in das neue Canalbett eindrangen. Das Frühstück wurde in Königssöhrde genommen und dann die Fahrt auf der Werstbarkasse bis Rendsburg fortgesetzt. Kiel, 6. April. Der Kaiser, Prinz Heinrich, Gras Moltke, v. Bötticher, v. d. Goltz und Knorr trafen um 674 Uhr aus dem Hofzug von Rendsburg wieder hier ein. Aachen, 6. April. Die von dem Pariser Vergär beiter-Congresse zurückgekehrten Delegirten Otten, Schröder und Markgras hoben in der gestrigen, von etwa 700 Bergarbeitern besuchten Versammlung zu Röttgen die herzliche Ausnahme in Paris hervor. Schröder forderte xxuf, dem Verbände beizutreren. Markgraf theilte mit, der 'Strike in Belgien werde in den nächsten Tagen beginnen. Die Kohlensendungen dorthin sollten verhindert werden. Von einem Generalstrike sei in Paris keine Rede gewesen. Köln, 6. April. Nach einer Meldung der. „Kölnischen Volkszeitung" hätte eine portugiesische Eisenbahn-Gesellschaft einen großen Posten Stahlschienen in Deutschland bestellt zum Preise von ungefähr 92 Mk. pro englische Tonne frei an Bord Rotterdam. — Wie dasselbe Blatt ferner meldet, hat die Rechtsrheinische Eisenbahndirection aus den 15. d. Mts. eine Submission von 1086 000 Tonnen Locomotiv kohlen für die Eisenbahndirectionen Frankfurt, Elberfeld, Köln linksrheinisch und rechtsrheinisch ausgeschrieben. Köln, 6. April. Die „Köln. Ztg." schreibt: Die Ankäufe amerikanischer Kohle seitens Bremischer und Hamburgischer Rhedereien, welche von Leerverkäufern zu einem Preisdruck benutzt wurden, bieten für den Ruhrkohlenbergbau nichts Beunruhigendes, find vielmehr die naturgemäße Folge des starken Begehrs westfälischer Kohle und der erzielten hohen Preise, aber kein Zeichen von Schwäche des inländischen Kohlenmarktes. Uebrigens hat der Absatz der westfälischen Kohle nach Hamburg im laufenden Jahre bisher zugenommen. So wünschenswerth auch der Absatz nach Hamburg ist, so ist er doch keineswegs ausschlaggebend, da er nur 2i/3 °/o ^er Jahresförderung der Ruhrkohlenzechen beträgt. Andererseits muß die gedrückte Lage des Hauptverbrauchers, des Eisengewerbes, berücksichtigt werden, welche allerdings für das laufende Jahr angesichts der zahlreichen Kohlenverfchlüsse kaum eine nachtheilige Bedeutung für die Zechen gewinnen kann. In den Geschäftskreisen wird vielfach eine Preisermäßigung für unvermeidlich gehalten, zumal auch neue Schachtanlagen seitens der bestehenden Gesellschaften erfolgen. Die Förderung nimmt regelmäßig zu: für 1891 ist die Zunahme auf 4 °/0 veranschlagt. München, 6. April. Dem osficiellen Saaten st ands- berichte zufolge ist in ganz Bayern das Wintergetreide in Folge der dünnen Schneedecke ausgefroren oder ausgefault. Die Sommersaat ist sehr knapp, der Stand der Weinberge und Obstculturen sehr ungünstig. „Ich glaube wahrhaftig, Sie sind mit Tante Bertha im Bunde. Von einer alten Tante ists nicht besser zu erwarten, aber von einem jungen Vetter ists unerklärlich, besonders wenn er sonst —" Sie stockte plötzlich. „Nun, Cousinchen?" lauschte Herr v. Hochstedt gespannt. „Nun, wenn er sonst gar nicht so übel wäre," vollendete sie gedrängt. „Danke für das Compliment," lachte Herr v. Hochstedt. „Ich bleibe wie ich bin, einerlei wems gefällt," machte sie trotzig. „Natürlich!" bemerkte Herr von Hochstedt, der nicht aus der Fassung zu bringen war. Dabei glitt aber doch tin Blick zu Trudel hinüber, welcher sagte. Du steckst in Deinen Thorheiten, wie die Schlehdornblüthe in ihren Dornen, kleine Trudel: rein und weiß! Darum möchte ich Dich herausholen, denn Du bist reizend trotz der Stacheln . . . was gilts? Trudel war still und gedankenvoll geworden, bis ihr die Dogge am Parkthor entgegensprang. Voranreitend galoppirte sie plötzlich, von Kadusch laut bellend verfolgt, bis zur Rampe. Trotzdem ihr der Vetter sofort nach- gekommen war und auch schon bereit stand, ließ sie sich diesmal vom Reitknecht aus dem Sattel helfen. Dann die Dogge liebkosend, sprach sie mit trotziger Herausforderung: „Ja, du bist gut, Kadusch, der beste von allen, trotzdem dich die Trudel an den Ohren zaust! Du nimmst sie, wie sie einmal ist." Endlich sich zu ihrem verdutzten Cavalier wendend, setzte sie schnippisch hinzu: „Bei Ihren Grundsätzen, Herr von Hochstedt, darf ich Sie doch nicht zum Pistolenschießen einladen? Ich freue mich nämlich schrecklich daraus, Papas Geschenk nächstens Prokuren." (Fortsetzung folgt.) Wien, 6. April. Die „Polit. Corresp." meldet aus Sofia: Eine Commission der Artillerieoffiziere stellte fest, daß die vor Kurzem auf der Straße gefundene Bombe zur Explosion ungeeignet gewesen sei. Man vermuthet daher, daß nur eine Irreführung der Behörden beabsichtigt fei, um die Aufmerksamkeit von den Nachforschungen nach den Mördern Beltschews abzulenken. Teschen, 6. April. Die trotz dem behördlichen Verbote von etwa 1000 Bergleuten aus Ostrau und unter Teilnahme fremder socialistischer Wanderredner in Bartelsdorf abgehaltene Versammlung wurde aufgelöst. Basel, 6. April. Bei der erstmaligen Wahl der Regierung durch das Volk siegte die conservativ-demokratische Liste. Die Liberalen unterlagen. Paris, 6. April. Die nördliche Panzerdivision begibt sich Mitte Juni nach Schottland, Scandinavien und Dänemark. Von Kopenhagen segelt die Division nach Kronstadt. Paris, 6. April. Graf de Hausfonville erklärte verschiedenen Redacteuren, er werde für die royalistische Sache eine eifrige Thätigkeit entwickeln und die Comites überall reorganiftren, auch gegenüber den übrigen Conservativen, sowie den Bonapartisten sich versöhnlich halten. — Bei den Manövern an der Alpengrenze werden die Alpentruppen und Geniesoldaten kriegsgemäße Baracken aufführen und die Straßen verbessern. Das Alpenfort Oueyras wird durch mehrere Batterien verstärkt. Paris, 6. April. Die Session der Generalräthe ist heute eröffnet. Es ist kein wichtiger politischer und nur sehr wenige die Oeconomie betreffenden Anträge angekündigt. Im Departement Aisne ist ein Antrag gegen die Erneuerung der H a n d e l s v e r t r ä g e eingebracht, im Departement Somme ein solcher zu Gunsten des Zolles auf Leinen, rohen Hanf, gekrämpelten Tüll, in Cher der Antrag zur Abschaffung aller Zölle auf Getreide, in Bouches du Rhone ein Antrag gegen die vorgeschlagenen Zölle. Cannes, 6. April. Großfürst Michael Michaelo- witf ch von Rußland vermählte sich mit der ältesten Tochter des Prinzen Nikolaus von Nassau, der Gräfin Sophie von Merenberg. London, 6. April. Reutermeldung aus Rangun: Eine Abtheilung Mannschaften, welche den englischen poli- ttschen Agenten auf der Reise begleitete, wurde von den Eingeborenen des Districts Haka (Oberbirma) in einen Hinterhalt gelockt und angegriffen. Ein englischer Offizier und fünf Gurkhas wurden getöbtet, elf verwundet. Neue Truppen sind zur Züchtigung des Stammes abgesandt. Rom, 6. April. Der „Tribuna" wird aus Mailand gemeldet: Nicotera empfing eine Abordnung des Arbeitervereins „Ordnung und Fortschritt" und forderte dieselbe auf, den Arbeitern Mailands mitzutheilen, daß er am 1. Mai Privatversammlungen außerhalb der Stadt erlaube, öffentliche Versammlungen in der Stadt aber verbiete. Er fürchte nicht, seine Popularität zu verlieren, wenn er dem Gesetz Achtung verschaffe. Zur Aufrechthaltung der Ordnung werde er Cavallerie verwenden, um einen Zusammenstoß zwischen der Volksmenge und der bewaffneten Macht zu vermeiden. Rom, 6. April. Der Papst wird im Consiftorium in der ersten Hälfte des Mai Scilla zum Cardinal ernennen. Außerdem steht die Ernennung des Erzbischofs Gruscha und des Nuntius Rotelli zu Cardinälen, Ferratas zum Nuntius in Paris und Jacobinis zum Nuntius in Lissabon bevor. Volpe wird Obersthofmeister. Cocaks utifc provinzielles. Gießen, 7. April. — Se. König!. Hoheit der Gr oßherzog haben Aller- gnädigst geruht, am 4. April den Gerichtsasfeffor Max Schitting'Trygophorus aus Gießen zum Staatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen 511 ernennen. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 9. April 1891, Nachmittags 4 Uhr: 1. Fortsetzung der Steinstraße. 2. Gesuch des L. Becker um Ueberlassung eines Kieslagerplatzes auf dem Friedhöfe. 3. Gesuch des Emil Kalbfleisch um Erlanbniß zur Aufführung eines Werkstättenbaues. 4. Baugesuch des Ernst Blödner, hier Anbringung eines Oberlichtfensters. 5. Gosfenveränderung in der Bahnhofstraße gegenüber der Löwengasse. 6. Aufstellung eines allgemeinen Bauplans, hier die Baufluchtlinien für die Gartenstraßen. 7. Das Begießen der Straßen. 8. Herstellung einer Straße vom Brandplatz nach der Ostanlage. 9. Gesuch der Bewohner an der Südanlage wegen Belassung des Brunnens. — In der neuesten Nummer des „Correspondenz-Blattes der ärztlichen Vereine des Großherzogthums Hessen" ist ein Bericht über einen auch für weitere Kreise interessanten Vortrag enthalten, welchen Herr Geh. Ober-Medizinalrath Dr. Pseiffer im Verein hessischer Aerzte zu Darmstadt am 23. Februar d. I. gehalten hat. Der betreffende Vortrag betrifft statistische Mittheilungen über das ärztliche Personal im Großherzogthum tzesten. Auf Grund der über die Jahre 1873 bis 1891 gemachten Aufstellungen wird die seit dem Jahre 1887 steigende und von da ab stetig und in ganz außerordentlichem Maße zunehmende Zahl der Aerzte des Großherzogthums constatirt. Es wird ferner erläutert, wie diese Zunahme vorzugsweise in den Städten und den diesen benachbarten größeren Orten zum Ausdruck kommt, wobei es allerdings nicht selten bei dem mißglückten Versuche, eine Existenz zu gewinnen, bleibe. Während die Bevölkerung des Großherzogthums innerhalb des gedachten Zeitraums sich um 11 pCt. erhöht hat, beträgt die Zunahme der Aerzte nahezu 50 pCt. Zum Schluß seines Vortrags wies der auf dem Gebiete der Medicinalstatistik als Autorität anerkannte Vortragende daraus hin, daß der Bedarf an Aerzten im Groß- yerzogthum zur Zeit schon nahezu gedeckt sei, und daß es bei dem fortdauernden Zudrang zum medizinischen Studium — wie die große Zahl der in Gießen Medizin studirenden Hessen beweise — als dringlich erscheine, vom Betreten der ärztlichen Laufbahn abzumahnen. Von besonderem Interesse hierbei ist, daß in anderen deutschen Staaten, z. B. Preußen, der Zuwachs der Aerzte keineswegs so bedeutend ist, wie gerade in Hessen- woraus sich ergibt, daß gerade in Heffen )ie Aussichten für die Heranwachsenden Mediciner ganz be- onders ungünstig sind. — Mit Bezug auf unsere gestrige Notiz, betreffend den Festort für das Miltelrheinifche Turnfest in 1892, wird uns mitgetheilt, daß sich zur Uebernahme des Festes außer den genannten Städten (Darmstadt, Mainz und Kreuznach) auch Gießen gemeldet habe. — Ernennungen. Der Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg, Karl Schvdler, wurde zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach, der Gerichtsassessor Georg Olt aus Höchst zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Hom- berg ernannt. Friedberg, 6. April. Am Sonntag hielt Herr Profeffor Dr. K 0 stlin seine Abschiedspredigt. In welch hohem Maße er sich die Liebe und Hochachtung der Gemeinde erworben, zeigte, daß die Stadtkirche ganz gefüllt war. Der Musikverein ließ es sich nicht nehmen, dem eifrigen Förderer der Kirchenmusik bei seiner Abschiedsrede mitzuwirken. Sein Weggang wird schmerzlich empfunden. △ Hungen, 6. April. Aus Anlaß des Ablebens unseres Standesherrn, des Fürsten Georg zu Solms-Braunfels, weht auf hiesigem Schlosse eine Fahne in den solmsischen Landesfarben, gelb und blau, auf Halbmast. Schotten, 6. April. Der Geometer erster Klasse Georg Neufchäffer von hier wurde zum Revisionsgeometer bei dem Katasteramte ernannt. + Schwalheim bei Echzell, 5. April. Ein bei einem hiesigen Oeconorn bediensteter Knecht wurde seit ungefähr 3 Wochen vermißt. Als der Wiesenvorstand der benachbarten Gemeinde Berstadt gestern den üblichen Wiesengang vornahm, wurde man den in der Horloff unwest Schwalheims liegenden Körper des Vermißten gewahr. Derselbe ist somit in der Horloff ertrunken, ob freiwillig ober durch Unfall, ist nicht bekannt. Heute befanden sich wegen Aufnahme des Thatbestandes die Gerichtspersonen des Amtsgerichts Hungen hier und in Berstadt. vermischtes. * Darmstadt, 6. April. Durch eine soeben erlassene Verfügung des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wurde ein seit mehreren Monaten in Mainz wohnender Südfranzose Namens Crispi aus Mainz und dem Großherzogthnm Hessen ans gewiesen. * Darmstadt, 2. April. Po st Personal nach richten. Es sind ernannt: der Telegraphenassistent Singhoi in Offenbach (Main) zum Ober-Telegraphenassistent, die Post- assistenten Jochim in Darmstadt, Bauder in Offenbach (Main) und Siegler in Worms zu Ober-Postassistenten. — Angestellt wurden: die Postassistenten Dochnahl und Schneider in Darmstadt, Krumm in Worms undBurt- schell in Mainz. — Die Postassistenten Presser in Mombach und Schneider in Ruppertenrod, sowie der Post- anwärter Völzing in Großbieberau sind zu Postverwaltern ernannt und als solche angestellt worden. — Versetzt wurden: der Postinspector Schönhals von Berlin nach Darmstadt behufs Uebernahme einer Postrathsstelle, der Postinspector Ewerlien von Darmstadt nach Berlin, der Telegraphendirector von Albedyll von Darmstadt nach Dresden,, der Ober-Postdirectionssecretär von derMülbe von Erfurt nach Darmstadt behufs Uebernahme der Vorsteherstelle bei dem Telegraphenamte in Darmstadt, der Postkassirer Wittich von Cassel nach Mainz behufs Uebernahme der Vorsteherstelle bei dem Postamte 3 daselbst, der Postkassirer Beltz von Mainz nach Königsberg (Pr.) und der Postkassirer Alle- weldt von Stettin nach Darmstadt behufs Uebernahme von Postinspectorstellen, die Ober-Postdirectionssecretäre Kuhlmann von Cöln (Rhein) nach Mainz und Meyer von Coln (Rhein) nach Worms behufs Uebernahme von Post- kassirerstellen, die Postsecretäre Herdt von Darmstadt nach Magdeburg, Mäscher von Darmstadt nach Straßburg (Elsaß), Merz von Darmstadt nach Berlin, Schrader von Darmstadt nach Mannheim und Stoll von Mainz nach Darmstadt, der Ober-Postassistent Huhn von Solingen nach Mühlheim (Main), die Postassistenten Lippert von Straßburg (Elsaß) nach Darmstadt, Sartison von Mannheim nach Sprendlingen (Kr. Offenbach) und Scior von Mannheim nach Fürth (Odenwald). * Der Mainzer Schneidermeister-Verein, vertreten durch seinen Vorstand, die Herren Jos. Breckheimer und Christ. Höfer, hat in verschiedenen Fachzeitschriften einen Ausruf zur Gründung eines großen Verbandes aller Schneidermeister in ganz Deutschland erlassen. Zur Erläuterung dieses Schrittes wird n. a. Folgendes bemerkt: „In ganz Deutschland ist laut statistischen amtlichen Erhebungen vom Jahre 1882 die Anzahl von 249,000 selbstständigen Schneidern vorhanden - heute dürste cs nach der neuen Zählung eine viel größere Zahl sein. Von dieser Summe von Schneidern sind laut Bericht vom Februar 1891 des Hauptverbandes der Innungen an 12,000 Schneider Jnnungsmitglieder, es stehen also ungefähr 20mal so viele außerhalb der Innungen, in anderen Schneider - Vereinigungen und vereinzelt. Wir wollen eine große über ganz Deutschland ausgebreitete Vereinigung aller Schneiderinnungen und Schneidermeister-Vereinigungen 2CV mögen sie Namen tragen wie sie wollen, zum Zwecke gemeinsamer Behandlung, gemeinschaftlicher Fragen, welche unserem Handwerk von Nutzen sein können- politische und religiöse Fragen sind ausgeschlossen." Der Schneidermeister-Verein in Mainz hat bis auf Weiteres die Durchführung der Sache übernommen. tt Seßel, 6. April. Drei japanische Offiziere, Oberftlieutenant Harapucki, Hauptmann Nambu und Hauptmann Osaka, sämmtlich aus Tokio, trafen vorgestern hier ein, um sich dem commandirenden General des XI. Armeecorps, von Grolman vorzustellen. Die drei Offiziere sind nämlich in die deutsche Armee eingetreten, um sich nach deutschem Muster militärische Kenntnisie zu erwerben und unsere Organisation kennen zu lernen. Dieselben sind auf Befehl des Kaisers dem hessischen Infanterie-Regiment Nr. 88 in Mainz zugewiesen, weil dessen Commandeur längere Zeit in Japan war und der japanischen Sprache mächtig ist. * Düsseldorf, 4. April. Eine kürzlich erlassene Verfügung der hiesigen Regierung, durch welche die Kreis-Schulinspectoren angewiesen worden sind, darauf hinzuwirken, daß bei den Schulkindern der Sinn für die Pflege der Blumen geweckt werde, hat erfreuliche Erfolge erzielt. In den meisten Schulen, wo nur immer die Lage der Schulzimmer es gestattet, sind Topfpflanzen aufgestellt, bei deren Pflege die Kinder betheiligt werden. Auf manchen Schulhöfen sind Blumenbeete eingerichtet worden, bei deren Anlegung und Unterhaltung die Schulkinder thätig sind. Aus der Oberstufe der Volksschule wird Unterricht über die Anzucht von Tops- und Gartenpflanzen ertheilt. Der Gartenbau-Verein und bte Localabtheilung des landwirthschastlichen Vereins zu Moers haben die erforderlichen Geldmittel gewährt, um 'für 100 Kinder je eine Topfpflanze zu beschaffen. Der Elberfeld-Barmer Gärtner-Verein hat sich erboten, im nächsten Frühjahr einige Tausend junger Pflanzen den dortigen Volksschulen zur Vertheilung an Schüler unentgeltlich zu überlassen. Ganz besonders thätig in der Anregung, die Lust zur Pflege von Blumen bei den Schulkindern zu wecken, ist der Gartenbauverein zu Hüls. Es ist zu hoffen, daß die Beschäftigung der Schulkinder mit der Pflege der Blumen eine veredelnde Einwirkung auf die Kinder ausüben wird. * Rostock, 4. April. In der vergangenen Nacht brach Hierselbst, wie der „Nat.-Ztg." gemeldet wird, in einem Hause der Windmühlenstraße während eines Hochzeitsfestes Feue^r aus. Ein Kind hat in den Flammen den Tod gefunden, eine Frau und ein Knabe sind verletzt, fünf andere Personen, welche durch Gluth und Rauch ihre Besinnung verloren hatten, wurden durch den Muth der Polizeimannschaften und der Feuerwehrleute gerettet. * Kaiserslautern, 31. März. Der hiesige „Kahlkopf- Verein" hielt gestern Abend in der Wirthschaft Luthrings- hausen seine diesjährige Generalversammlung ab. Derselbe wurde im Jahre 1881 von 38 Personen ins Leben gerufen und ist heute auf 116 Mann angewachsen. Es ist dies der einzige Kahlkopf-Verein in Deutschland. * Saaruuion, 3. April. Der „Metzer Zeitung" berichtet man: Dieser Tage wurde einer Wittwe von hier eine große Ueberraschung zuTheil. Ihr schon längst todtgeglaubter Sohn ist auf einmal wieder bei ihr aufgetaucht. Der Sohn, welcher den Krieg von 1870 bei dem französischen Infanterie- Regiment Nr. 56 mitgemacht hat, wurde bei dem Gefecht von Orleans als verschollen erklärt, und es ist auch bereits vor langer Zeit an seine Eltern seitens des französischen Ministeriums ein Todtenschein gelangt, worin erklärt wird, daß ihr Sohn während der Schlacht gefallen sei. Dem war jedoch nicht so. Der junge Soldat hatte den Trubel des Kampfes in jener Schlacht benutzt, um zu desertiren, was ihm auch mit Leichtigkeit gelang. Er ist nachher nach Amerika geflüchtet, wo er sich bis auf den heutigen Tag aufgehalten hat, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. * Bei« Son»tag8-Appell der Landwehr. Der Sonntagsdienst war beendet. Der Landwehr-Compagnieführer salutirte, die Subalternosfiziere erwiderten den Gruß und schritten dem Ausgang der Kaserne zu. Vom Feldwebel begleitet, folgte ihnen der Hauptmann. Nach einigen Minuten kehrte der „Spieß" wieder nach dem Appellplatz zurück und comman- dirte: „Stillgestanden! Daß Ihr Euch rühren könnt, habe ich jesehen, aber das Stillstehen scheint Ihr in Euer Civil- verhältniß jänzlich verlernt zu haben," polterte der Gestrenge los, ließ die „antike Blase" eine Zeit lang auf einem Bein stehen und fuhr dann fort: „So, nu werd't Ihr wohl die nöthige Ruhe zu's Stillstehen haben." Hieraus schlug die provisorische Landwehr-Compagniemutter ihr mächtiges Dienstbuch auf und befahl: „Wer von Euch für heute Urlaub haben will, der trete vor!" Die beiden langen Glieder lichteten sich gewaltig, und nach und nach stand fast die ganze Compagnie vor der Front. „Halt! So jetzt die Schose nich. Kehrt! — Marsch! — Wieder anjetreten! — So! Und nu treten mal fix Diejenigen vor, welche keinen Urlaub wollen." — Nur etwa ein Dutzend Wehrmänner meldeten sich. Der „Spieß" ließ diese Leute abtreten und fragte hierauf die Zurückbleibenden, wie lange sie Urlaub wünschten. „Bis 11 Uhr!" tönte es fast wie aus einem Munde ihm entgegen. „Bis 11 Uhr?" wiederholte der Gestrenge. „Aber ich bitt' Ihnen, meine Herren, das jetzt nich, absolut nich, — weil — weil der Herr Hauptmann, ohne animus Ihrer landwehrmännlichen Bescheidenheit, sämmtliche Urlaubskarten schon bis 12 Uhr Nachts hat ausstellen lassen." Großer Beifall folgte dieser Erklärung. Aber nicht alle Wehrmänner nutzten den bis Mitternacht gewährten Urlaub aus, wie wir zur Beruhigung der vielen in der Provinz Hinterbliebenen Ehehälften hier gleich der Wahrbeit gemäß bescheinigen. * Wunderliche Heilige. Aus Zwickau wird geschrieben: Am vergangenen Montag erschienen abermals und zwar zum sechsten Male Anhänger der neuen Secte „Brüder und Schwestergemeinde" vor dem Außenthor der hiesigen Strafanstalt und begehrten Einlaß, um mit ihren gefangenen Brüdern zu beten. Das Thor öffnete sich natürlich nicht, und die Sectirer entfernten sich nach längerer Zeit mit der Ankündigung, jetzt noch vier Mal zu erscheinen, dann würde das „jüngste Gericht" kommen. * Wie schwer es ist, das große Loos zu gewinnen, hat ein russischer Statistiker dieser Tage herausgerechnet. Nach Professor Janson werden in Rußland alljährlich auf 1,000,000 Menschen im Durchschnitt 30 Männer und 10 Frauen ermordet. Nach statistischen Daten, die darüber in ganz Europa gesammelt wurden, hat von je 33,338 Männern und je 100,000 Frauen alljährlich ein Mann und eine Frau die unangenehme Chance, ermordet zu werden. Am l.Juli 1891 wird in Petersburg das große Loos eine Person von 846,400 Bewerbern gewinnen: im ganzen Jahre also — eine Person von 423,200. Auf diese Weise hat jeder Mann 15mal mehr Chancen und eine Frau 4mal mehr Chancen, ermordet zu werden, als das große Loos zu gewinnen. * Kopenhagen, 4. April. Bei der Zuckerfabrik Nykiöbing (auf Falster) wurde gestern eine Brieftaube des Lübecker Vereins gefangen, die eine Depesche des deutschen Kaisers an Königin Carola von Sachsen mitführte, worin der Kaiser der Königin seine Grüße sandte und ihr mittheilte, daß er bei Langeland die heimkehrende Kreuzercorvette „Carola" in- spicirte. * Offene Stelle« für Milit'äranwärter im Bezirk des 11. Armeecorps: 23 Postschaffner, 27 Packetträger und Stadtpostboten und 7 Landbriefträger bei der Ober-Postdirection in Frankfurt a. M., ad 1 je 900 Mk., ad 2 je 700 Mk., ad 3 je 650 Mk. und den gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuß. Packetträger bei den Postämtern Kirchhain und Treysa (Bezirk Kassel), Rotenburg (Fulda), Wildungen und Witzenhansen, je 700 Mk. Gehalt und den gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuß. Landbriefträger bei den Postämtern Lüdenscheid, Marburg, Mengeringhausen, Neustadt, Oberaula, Orb, Rhoden, Sachsenberg, Schenklengsfeld, Schwarzenborn, Trendelburg, Witzen- hauseu, Wüstensachsen und Zierenberg, je 650 Mk. Gehalt und den gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuß. Postschaffner bei den Postämtern Marburg (Bezirk Kassel) und Weimar, je 900 Mk. Gehalt und den gesetzlichen Wohnungsgeldzuschuß. Postschaffner bezw. Briefträger beim Postamt Marburg (Bezirk Kassel), 900 Mk. Gehalt und 144 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. 12 Aspiranten für den Stations- und Expeditionsdienst beim Eisenbahn-Betriebsamt Altena (Directionsbezirk Elberfeld), beim Eintritt je 1140 Mk. Jahresbesoldung. Im Bezirk der Großh. Hess. (25.) Division: Kanzleigehilfe beim Landgericht Mainz, 650 Mk. Gefangenwärter am Großh. Hess. Landeszuchthaus Marienschloß, eine baare Remuneration von 1000 Mk. jährlich. * Ein „Realgymnafialoberlehrersgattinnenmittwochsnach- mittagskaffeekr'änzchen" existirt in Berlin. Hoffentlich ist die Gesellschaft kurzweiliger als ihr Name. * Für Briefmarkensammler. Die luxemburgische Post- verwaltung hat neue Briefmarken mit dem Bilde des Großherzogs ausgegeben. Marken Nr. 13,18 und 8 derDerrtsch« Jtal. Wein-Jrn- port - Gesellschaft (Eerrtral - Verwaltung Frankfurt a. M.) sind hochfeine Weine, welche der feinsten Tafel zur Zierde gereichen und für festliche Gelegenheiten ganz besonders empfohlen werden. Garantie für absolute Reinheit durch Kgl. ital. Ktaatscontrole. Ale Ner- Kaufsstellen werden durch Annoncen bekannt gegeben. [253 Lacrima Cristi ÄT i:«°o *7 Chianti extra vecchio "‘,1 AaU" Buxkin-Stoff genügend zu einem Anzüge reine Wolle nadelfertig zu Mk. 8.85 Pf. für eine Hofe allein -loS Mk. 2.35 Pf. durch das Buxkln-Fabrlk-Dfcpöt Oettinger & Eo., Frankfurt a. M. — Muster-Auswahl umgehend franco. [1047 Verkehr, Land- rrnd volkswirthschaft. Gie»e«, 7. April. Marktbericht. Auf dem heutige» Wochenmartt kostete: Butter pr. Pfd. X 0,95—1,06, Hühnereier 1 St. 5-6, 2 St. — A, Enteneier 1 St. 7--H, 2 St. — A, Käse pr. St. 5—10A, KLsematte pr. St. 3 A, Erbsen pr. Liter 20 A, Linsen pr. Liter 28 A, Tauben pr. Paar X 0,80—1,00, Hühner pr. Stück X 1,20—1.40, Hahnen pr. St- X 1,50-2,00, Enten pr. Stück X 1,80—2,20, Ochsenfleisch pr. Pfd 70—74 A, Kuh- und Rindfleisch 60—64 Ar Schweinefleisch 60—70 Ar Hammelfleisch 50—70 A, Kalb» fleisch 60-00 A, Kartoffeln pr. 100 Kilo 7,00—7,50, Weißkraut pr. St. 3—7 A, Zwiebeln per Centn er X 7,00—8,00, Milch per Liter 12-18 A, Ganseeier 11-12 A- Herborn (an der Köln-Gießener Eisenbahn), 6. AprU. Auf den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht: 376 Ochsen, Kühe und Rinder, und 663 Schweine. Der nächste Markt ist am 4. Mai l. I. Promeuaden-Concert Mittwoch den 8. April. Programm: 1. Fest-Ouverture von Lortzing. 2. Touristen-Quadrille von Krauße. 3. Jntroduction a. d. Op. „Traviata" von Verdi. 4. Finale a. d. Op. „Lohengrin" von Wagner. 5. Der Coburger Josias-Marsch. 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Die Mitglieder des Kunstvereins mit ihren Familienangehörigen haben gegen Vorzeigung der Mitgliedskarten freien Zutritt zu der Ausstellung. Für Nichtmitglieder beträgt der Eintrittspreis 50 H. Eine Liste zum Einschreiben von Beitrittserklärungen liegt offen. 18 Der Ausschuß- Wohnungsveränderung. Meine Wohnung befindet sich vom 1. April ab im Hause des Herrn Kaufmann Schulze, Seltersweg 1 (Ecke des Kreuzplatzes). Für das mir seither geschenkte Vertrauen bestens dankend, bitte Ich meine werthe Kundschaft, sowie ein hochgeschätztes Publikum, mir dasselbe auch fernerhin bewahren zu wollen. Hochachtungsvoll NeurS Theater. Cafe Leib. Gastspiel der berühmten Liliputaner [3,89 vom 10. bis incl. 12. April.