Nr. 153» Erstes Blatt Sonntag den 5. Juli 1891 Ikr täglich, «M NaZnahme bd Montag-. 9He Meßmer ■? 4'.chs«tttch dreimal betgeiegt. Gießmer Anzeiger Henerat-Unzeiger. vierjähriger 2 Mark 20 Pfg. *« Lringerloha. Durch die Post begog«. 2 Mark 50 M Rebaction, flfcgjcbiÄw und Druckerei: Kernkdrecher 5A, Amts- und Anzeigeblatt fite den Urei« Gießen. ch,«s«hm« »o« An,eigen ,u der Nachmittag- für dm | I Elle LtmoAM^Vureaux des I«. »vd «u-lande« nehrm« '^«ndm Lag erscheinenden Nummer bis vor«. 10 Uhr. I ^UWU^HVWUW. | «azeigen für den .Gießener Anzeiger- entgegn KMWMWMK8WW^VWSM^^--MVVAMKMM^WA!WWWBMkÄWMWW>^??M^NM^JSW?SM?«MHMWMWWMWNW^MWW8SWWM^M.MMMU>>iMlIßWWWMNWVW»MMWWWMWMM»M. Anttlicher Thsil. Betreff: Gesuch des Sterbekassen-Vereins in Oels in Schlesien um die Concession zum Geschäftsbetriebe im Großherzogthum Hessen. Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz dem Oelser Sterbekassenverein in Oels die Erlaub- niß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum unter den nachstehenden Bedingungen auf Widerruf ertheilt hat. Die Versicherungs-Anstalt verpflichtet sich: 1. von jeder Veränderung der bei der Zulassung gültigen Statuten bei Verlust der Concession dem Großh. Ministerium des Innern und der Justiz alsbald Anzeige zu machen; 2. über ihre Geschästsverhältnisse jede in Bezug auf die Interessen des Großherzogthums verlangt werdende Auskunft zu geben; 3. einen Hauptagenten für das Großherzogthum Hessen, welcher in diesem Staate seinen Wohnsitz hat, zu bestellen und dem Großh. Ministerium des Innern und der Justiz, namhast zu machen, durch diesen sowie die übrigen Agenten ordnungsmäßige Bücher und Akten führen und solche den betreffenden höheren Polizeibehörden, auf deren Verlangen, jederzeit zur Einsicht vorlegen zu lassen; 4. in allen auf das Versicherungsgeschäft bezüglichen Rechtsstreitigkeiten zwischen der Anstalt und Versicherten aus dem Großherzogthum Hessen als Klägerin nnd Beklagte vor den Großh. Gerichten Recht zu nehmen und zwar, sofern die Anstalt als Beklagte erscheint, je nach der Wahl des Versicherten entweder bei dem Gerichtsstand ihres Hauptagenten für das Großherzogthum oder des Agenten, welcher die Versicherung vermittelt hat. (Diese Verpflichtung hat die Anstalt in jeder für einen Versicherten aus dem Großherzogthum auszustellenden Versicherungspolice ausdrücklich auszusprechen) ; 5. die Namen der Personen, welche sie zur Besorgung ihrer Geschäfte im Großherzogthum Hessen beauftragt, sowie jede Veränderung, welche in diesen Aufträgen eintritt, insbesondere das Erlöschen derselben, binnen 14 Tagen in der Darmstädter Zeitung bekannt zu machen, sowie auch alle wichtigeren Bekanntmachungen, insbesondere den jährlichen Rechnungsabschluß in diese Zeitung einzurücken, und zwar den letzteren so vollständig, daß derselbe jedenfalls aus einer Vermögensübersicht (Verzeichnis^ der Activa und Passiva in der herkömmlichen Form, Generalbilanz) und einer Ueber- sicht über Einnahmen und Ausgaben der Anstalt im abgelausenen Geschäftsjahre nach den üblichen Haupt- rubriken (Gewinn und Verlustconto), sowie einer summarischen Darstellung der im abgelaufenen Geschäfts- jahr im Großherzogthum betriebenen Geschäfte besteht; 3. jährlich den Verwaltungsbericht, den Rechnungsabschluß und die Generalbilanz der Gesellschaft, sowie eine Uebersicht ihres Geschäftsbetriebs im Großherzogthum Hessen an das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz einzusenden. Gießen, den 2. Juli 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gagern. Gießen, den 4. Juli 1891. Betreffend: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises. Wir sehen der Einsendung der Verzeichnisse der von Ihnen ausgestellten Bedeckscheine binnen 8 Tagen entgegen. ___________________v. Gagern.______________ Bekanntmachung. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Frau Anna Elisabeth Wenzel von Harbach zur Ausübung der Hebammenkunst „gut" befähigt ist, als Hebamme verpflichtet wurde und sich in Harbach mederge- 4assen hat. Gießen, den 1. Juli 1891. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gefunden: 1 Kette, 1 Stock, 2 Paar Handschuhe, 1 Armband, 1 Strumpf, 2 Wagenkapseln, 2 Kinderschuhe, 1 Kinderkragen, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Brille mit Futteral, 1 Arbeitstäschchen, 2 Waschzuber und 1 Taschentuch. Zugeflogen: 1 Kanarienvogel. Gießen, den 4. Juli 1891. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. I. V. Schliephake, Reg.-Ass. politische Wochenschau. Gießen, 4. Juli 1891. Von den inneren Angelegenheiten des Reiches, welche in der vergangenen Woche die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben, ist auch diesmal die Frage der Lebensmitteltheuerung in erster Reihe zu nennen. Einen neuen Beitrag zur Klärung der einschlägigen Verhältnisse hat ein Artikel des deutschen Reichsanzeigers gebracht. In demselben werden die Ergebnisse von Untersuchungen, welche im Königreich Preußen angestellt worden sind und sich einmal auf die Zahl der umgepflügten Hec- tare Ackerland und in zweiter Linie auf die diesjährigen Ernteaussichten beziehen, offenbar in Berücksichtigung der im preußischen Abgeordnetenhaufe laut gewordenen Wünsche auf Mittheilung des amtlichen Materials in Betreff der Getreide- zollsrage der Oeffentlichkeit zur Kenntnißnahme übergeben. In Bezug auf die voraussichtlichen Erträge der diesjährigen Ernte erfahren wir, daß bei Roggen etwa 83% und bei Weizen ungefähr 75y2% einer Mittelernte zu erwarten sind. Umgepflügt worden sind im Ganzen etwa 421,000 vorher mit Winterroggen bestellte Hectare. Dem gegenüber sind überhaupt nur 58,000 Hectare mit Sommerroggen bebaut worden, so daß selbst bei der Annahme, daß diese sämmt- lichen 58,000 Hectare vorher mit Winterroggen besät gewesen wären, nur ein Siebentel des zu Grunde gegangenen Winterkorns einen Ersatz durch Sommerfrucht finden würde. In Preußen werden die Minister v. Berlepsch und Miquel eine Jnspectionsreise nach Ost- und Westpreußen unternehmen. Die dort herrschenden Zustände geben allerdings zur Besorgniß vollen Anlaß. Während die Bevölkerung in Deutschland insgesammt um 1 °/o zunimmt, hält die Bevölkerungsziffer in Westpreußen in vielen Bezirken mit diesem Fortschreiten keinen gleichen Schritt; ja in Ostpreußen hat sogar seit 1883 eine Abnahme um 1343 Seelen Platz gegriffen. Die Gründe dieser betrübenden Verhältnisse sind aus verschiedenen Seiten unseres wirthschaftlichen Lebens zu suchen. Vor allem fällt die Absperrungspolitik des russischen Nachbars ins Gewicht, durch die eine industrielle Entwicklung der deutschen Grenzgebiete so gut wie ausgeschlossen ist und der oft beklagte Zug nach dem Westen zum großen Theil Hervorgernfen wird. Dazu kommen die gerade seit 1883 in Szene gesetzten Polenausweisungen, die Gebundenheit des ländlichen Besitzes infolge der großen Zahl der Fideicommisse^ und anderes mehr. Auch die Hoffnungen, die man in Bezug auf eine Besserung der agrarischen Verhältnisse an die neue preußische Landgemeindeordnung und die Einrichtungen von Rentengütern und Rentenbanken unter Gewährung von Staats- credit geknüpft hat, werden nicht von Allen getheilt. Ein hocherfreuliches Ereigniß ist auf dem Gebiete der auswärtigen Politik in den letzten Tagen eingetreten: Die Erneuerung des Dreibundes auf sechs Jahre. Wir haben unsere Leser an dieser Stelle gewissenhaft über die Kämpfe orientiert, die dem Vollzug dieser Thatsache namentlich in Italien vorausgegangen sind. Man hatte hier eine kleine Weile ernstlich geglaubt, daß das Ministerium Rudini das unter Mancini im Jahre 1883 zum ersten Mal eingegangene und unter Crispi 1887 erneuerte Offensivbündniß überhaupt nicht oder wenigstens nicht in dem alten Umfang der gegenseitigen Verpflichtungen fortzusetzen gedenke. Auch in Oesterreich sind im Abgeordnetenhause heftige Worte gegen den Dreibund gesprochen worden. Der tschechische Abgeordnete Vasaty war es, der hier ganz offen ein Bündniß Oesterreich- Ungarns mit Rußland als das politisch Richtigere bezeichnete. Indessen ist Vasaty von seiner eigenen Fraction, die den segensreichen Einfluß der Trippelallianz aus die Erhaltung des Weltfriedens rückhaltlos anerkannte, im Stiche gelassen worden. Eine Zusammenkunft der drei Minister Caprivi, Kalnoky und Rudini soll für Juli geplant sein. Sehr be- merkenswerth ist die überaus freundschaftliche Stellungnahme Englands zu der Erneuerung des Dreibundes. — Auf der anderen Seite schließen sich auch Rußland und Frankreich enger zusammen, wenn gleich die Mitthellung eines Reporters des ungarischen „Nemzet", daß nach Aussage des früheren französischen Ministers Flourens „zweifellos ein russisch-französisches Bündniß bestehe", wenig Glauben verdient.— In Schw ed en ist eine Ministercrisis ausgebrochen. Es heißt, daß der gegenwärtige Ministerpräsident Akerhjelm noch vor der am 14. Juli stattfindenden Abreise des Königs zurücktreten werde. Sein Nachfolger werde der seitherige Finanzminister von Essen sein. — Im Uebrigen ist nichts Neues zu berichten. Die Mussifizierungsbestrebungen und Judenaustreibungen in Rußland werden immer noch fortgesetzt, ebenso wie auch die Volksbewegungen auf Haiti und in Chile andauern. Ein Ausstand in Santiago in Argentinien ist zu diesen neu hinzugekommen. Deutsches Reich. Berlin, 3. Juli. Die Commission zur Vorberathung des Entwurfes eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich hat sich am 1. Juli vertagt, um erst am 12. October wieder zusammenzutreten. Bis jetzt ist von der Commission in zweiter Lesung der allgemeine Theil des Entwurfes erledigt worden, mit Ausnahme des einstweilen zurückgestellten Abschnittes über die juristischen Personen. Die Referenten der Commission werden bereits im August ihre Thätigkeit wieder aufnehmen und am 1. September tritt ein besonderer Ausschuß zusammen, um für die weiteren Be- rathungen der Hauptcommission das Material vorzubearbeiten. — Eine neue Telegraphen-Convention ist zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn abgeschlossen worden. Durch dieselbe werden die beiden Länder, wie schon im Briefverkehr mit einander, nun auch im gegenseitigen Depeschenverkehre vollständig gleichgestellt. Künftig wird der Preis eines Wortes einer Depesche aus Deutschland nach Oesterreich-Ungarn 5 Pfennige und für ein Wort einer Depesche aus dem Donaustaate nach dem Reiche 3 Kreuzer betragen, also in beiden Ländern ein völlig gleicher sein. Der Mindestbetrag einer Depesche ist auf 50 Pfennige oder 30 Kreuzer festgesetzt worden. Die neue Uebereinkunft, durch welche der deutsch-österreichische Telegramm-Verkehr zweifellos eine bedeutende Steigerung erfahren wird, tritt am 1. Januar 1892 in Kraft; sie ist in Budapest abgeschlossen und unterzeichnet worden. —Aus dem Schlachtfelde von Königgrätz sand am Freitag anläßlich der 25jährigen Wiederkehr des Tages der weltgeschichtlichen Entscheidungsschlacht von Königgrätz eine große Gedenkfeier statt. An derselben nahmen zahlreiche ehemalige Kämpfer von 1866 aus Oesterreich, Preußen und Sachsen Theil. Den Mittelpunkt der Feierlichkeit bildete das um 10 Uhr Vormittags im Mausoleum zu Chlum abgehaltene Requiem, worauf die Bekränzung der 269 auf dem Schlachtfelde von Königgrätz errichteten Denkmäler erfolgte. Nachdem gestern Abend vor dem Platzcommando eine Serenade mit Zapfenstreich stattgesunden hatte, begann die heutige Hauptfeier mit einem Requiem in der Kathedrale und einem Feldgottesdienst beim Mausoleum. Die Gottesdienste wurden von einem katholischen, einem evangelischen Geistlichen und einem jüdischen Rabbiner abgehalten. Die Ehrenwache bildeten Vertreter des Dragoner-Regiments Nr. 8, des Infanterie- Regiments Nr. 14 und des preußischen Grenadier-Regiments Nr. 10. In den 48 Gemeinden, welche im Umkreise des damaligen Schlachtfeldes liegen, wurden gleichzeitig Messen abgehalten. Hierauf folgte die Einweihung der neu aufgestellten Monumente und die Niederlegung von Kränzen. In Wiener - Neustadt wurde von ehemaligen Angehörigen des Infanterie-Regiments Nr. 49 eine Königgrätzfeier veranstaltet, die einen sehr würdigen Verlauf nahm. An dem Denkmal des damals gefallenen Oberst Binder wurde ein Kranz niedergelegt. Netteste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Äorrespondknz-Bureak. Berlin, 3. Juli. Gegenüber anderweitigen Nachrichten der Blätter kann die „Post" melden, daß die Ernennung Puttkamers zum Oberpräsidenten von Pommern die Erfüllung einer Bitte war, welche die Provinzialvertretung Pommerns an den Kaiser gerichtet hat. Berlin, 3. Juli. Die Berl. „Polit. Nachr." fassen das Jstergebniß des Finanzjahres 1890/91 dahin zusammen, daß neben einem unerheblichen Ueberschuß im Reiche ein Rückgang des Ueberschusses in Preußen von rund 100 Millionen aus 12 Millionen zu verzeichnen sei. Berlin, 3. Juli. Der „Reichsanzeiger" bringt anschließend an die Miltheilnng über Schienenbrüche auf preußischen Bahnen weitere Mittheilungen, wonach aus den deutschen Eisenbahnen von 1885 bis 1891 im Ganzen drei« undzwanzig Entgleisungen in Folge von Schienenbrüchen vorkamen, davon achtzehn auf Stationen, fünf aus freier Bahnstrecke, sechszehn in Winterszeit, sieben in Sommermonaten. Bei allen diesen Entgleisungen wurden Reisende weder ge- tödtet, noch verletzt. Besorgnisse, welche bezüglich der Sicherheit des Betriebes auf deutschen Bahnen aus dem Bochumer Prozeß entstanden, erscheinen daher unbegründet. Berlin, 3. Juli. Der Aus st and der Omnibus- Kutscher ist beendet. Die Direcüon bewilligte den Kutschern eine tägliche Zulage von 50 Psg. Crefeld, 3. Juli. Ueber den Schaden, den die vorgestrigen Wirbelwinde hier und in der Umgegend angerichtet haben, wird weiter gemeldet: Mehrere Personen in der zum Bundesschießen errichteten Festhalle wurden leicht verletzt. Der angerichtete Schaden in S ü ch t e l n an Häusern, Bäumen und Vieh beträgt mindestens 600 000 Mk. Die durch Einsturz eines Ringziegelofens verschütteten Arbeiter wurden sämmtlich lebend hervorgezogen. In Anrath blieb fast kein Haus verschont; 40 wurden ganz zerstört, gegen 100 beschädigt. Rostock, 3. Juli. In Dargen bei Gnoien stürzte die ' Giebelwand eines brennenden Hauses aus die mit dem Löschen der Feuersbrunst beschäftigten Mannschaften der freiwilligen Feuerwehr ein und tödtete vier Mann, darunter den Feuerwehrhauptmann. Fünf andere Feuerwehrleute erhielten lebensgefährliche Brandwunden. Königgrätz, 3. Juli. Sächsische Veteranen sandten folgendes Telegramm an den Kaiser von Oesterreich: „Beim Ueberschreiten der Landesgrenze senden zweihundert sächsische Veteranen Ew. Majestät unterthänigste Grüße und ein donnerndes Hurrah."'Desgleichen wurde dem König von Sachsen ein ehrfurchtsvollster Gruß der Veteranen telegraphisch übermittelt. Luxemburg, 3. Juli. Der Kaufvertrag über die im Großherzogthum gelegenen Privatdomänen des verstorbenen Königs von Holland zum Preise von nahezu drei Millionen Frcs. ist nunmehr perfect. Der Großherzog hat den Besitz derselben am 1. Juli angetreten. Amsterdam, 3. Juli. Vor dem Verlassen der neuen Kirche, worin der Kaiser das Mausoleum des Admirals de Ruyter besichtigte, sagte der Kaiser zu dem ihn führenden Viceadmiral Casembroot und den Herren seines Gefolges: „Es ist ein großes Volk, das so seine großen Männer ehret!" Amsterdam, 3. Juli. Das Kaiserpaar und die Königin-Regentin begaben sich gestern Abend um 9T/4 Uhr aus das D zu dem von der Stadt veranstalteten Feuerwerk; dasselbe bestand aus 303 Nummern und gewährte einen seenhaften Anblick. Die Hauptpiecen stellten eine Seeschlacht zwischen Admiral de Ruyter und der englischen Flotte und das Bild des Kaisers in der Höhe von 20 Meter dar. Eine ungeheuere Menschenmenge war anwesend. Die Herrschaften kehrten um IP/4 Uhr zurück. Amsterdam, 3. Juli. Das Kaiserpaar ist mit der Königin-Regentin heute nach Haag abgereist. Auf der Fahrt nach dem Bahnhofe wurden sie von der dicht gedrängten Volksmenge herzlichst begrüßt. Die Herrschaften verabschiedeten sich auss Huldvollste von den Spitzen der Civil- und Militärbehörden. Aus dem Perron besichtigte der Kaiser die Ehrencompagnie. Um 10 Uhr 10 Min. setzte sich der Zug in Bewegung. Rotterda», 3. Juli. Das Kaiserpaar, die Königin- Regentin und die Königin sind Nachmittags 4 Uhr 45 Min. hier eingetroffen. Aus dem reich geschmückten Bahnhose waren zum Empfange der Bürgermeister und die Spitzen der Behörde erschienen. Nachdem der Kaiser die Front abgeschritten hatte, wurde eine gemeinsame Spazierfahrt durch die Stadt unternommen. Eine zahlreiche Volksmenge begrüßte die Herrschaften mit begeisterten Zurufen. Dre Musik spielte die Nationalhymne. Rotterdam, 3. Juli. Nach der Spazierfahrt durch die Stadt und der Besichtigung des Hauptquais traf das Kaiserpaar gegen 6 Uhr am Landungsplätze der „Hohen- zollern" ein. Die Königin-Regentin und die Königin Wilhelmine geleiteten dasselbe an Bord. Nach herzlichster Verabschiedung, während welcher die Nationalhymnen gespielt wurden, erfolgte die Abfahrt, wobei das Geschwader, welches die kaiserliche Dacht bei der Ankunft empfangen hatte, dieselbe bis ans Meer begleitete. Auf dem ganzen Wege wurde das Kaiserpaar enthusiastisch begrüßt. Scheveningen, 3. Juli. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin und die anderen Allerhöchsten Herrschaften statteten auch dem prachtvoll decorirten hiesigen Seebadeorte einen Besuch ab, fuhren durch den Ort, das Seeufer entlang und kehrten sodann nach dem Haag zurück. Kopenhagen, 3. Juli. Der König beabsichtigt morgen das französische Geschwader zu besuchen. Für Sonntag sind die Offiziere des Geschwaders und die höheren Hos- beamten zur Hostasel geladen. London, 3. Juli. Der Prinz von Wales geht zum Empfange des deutschen Kaiserpaares nach Port Victoria. Lord Salisbury geht in seiner Eigenschaft als erster Staatssecretär der Königin am Samstag zum Empfange nach Windsor. — Aus Jerusalem erfährt das „Jewish Chronicle", daß 200 bis 300 mittellose jüdische Familien dort wöchentlich eintreffen- die Noth sei infolge dessen sehr groß- Typhus und Scharlachfieber seien ausgebrochen und die steigenden Brodpreise vermehrten das Elend. Petersburg, 3. Juli. Die Nachricht, daß die russische Regierung Canets System einer Schnellfeuerkanone adoptirt habe, wird als unbegründet bezeichnet. Newyork, 3. Juli. Aus Valparaiso wird aus englischer Quelle gemeldet, daß der Gouverneur zwei Beamte des englischen Generalconsulats zu sich berufen habe unter dem Vorwande, von ihnen Auskunft zu erhalten. Er habe dieselben dann verhaften lassen, weil sie bei dem Versuche, das Torpedoboot „Giralda" der Congreßpartei in die Hände zu spielen, betheiligt gewesen sein sollen. Einer derselben sei wieder freigelassen, der andere trotz der Einsprache des englischen Gesandten in Santiago gefangen gehalten worden. San Francisco, 3. Juli. Ueber die Unruhen in Nanking wird gemeldet: Am Sonntag vor dem Ausbruche erhielten die Missionäre die behördliche Warnung, daß ihre Häuser würden niedergebrannt werden. Sie schifften sich deßhalb am Tage vor den Unruhen nach Shanghai ein. In Taniang plünderte der Pöbel am 1. Juli das Missionsgebäude und überwältigte einen Mandarin. Die Soldaten gruben christliche Leichname auf dem Friedhose aus, legten die Köpse aus einen Haufen und schleppten den Mandarin nach dem Orte der Unthat. Aehnliche Ausschreitungen haben in anderen Orten stattgefunden. Cleveland (Amerika), 3. Juli. „Bureau Reuter" meldet: Der Personenzug der Erie-Eisenbahn stieß heute früh um drei Uhr mit einem Güterzuge bei Ravenna zusammen. Zwei Schlafwagen und ein anderer Personenwagen fingen Feuer und verbrannten vollständig. Bisher sind neunzehn Leichen unter den Trümmern aufgefunden worden. — Nach weiteren Meldungen wurden viele Passagiere während des Schlafes in den Betten getödter, andere durch ausströmenden Dampf verbrüht, und noch andere von den Flammen des brennenden Zuges ergriffen. Die letzten Berichte geben die Zahl der Todten aus27 an. Unter den Verwundeten befinden sich mehrere mit tödtlichen Verletzungen. Der Zusammenstoß war ein außerordentlich heftigerem Wagen des Personenzuges wurde vollständig zertrümmert, so daß es unmöglich war, mehrere noch lebende Personen aus den brennenden Trümmern zu retten. Der verunglückte Zug wurde hauptsächlich benutzt von Personen, die anläßlich des Nationalfeiertages sich zu Freunden begeben wollten. Bamberg, 4. Juli. Der von Berlin nach München abgegangene Vergnügungszug ist bei Eggolsheim entgleist. Zur Hilfeleistung ist ein Zug mit ärztlichem Personal nach der Unfallstelle abgegangen. Zuverlässige Details sehlen. Locale» and provinzielles. Gieße«, 4. Juli. — Ernennungen. Gerichtsschreiber-Aspirant Katzenbach in Lich ist an Stelle des zum Polizeisecretär in Gießen ernannten Herrn Bischofs zum Revier-Commissär in Offenbach ernannt worden. — Welche Handbetriebe find unfallversicherungspflichtig? Die „Offenb. Ztg." schreibt hierüber: In den letzten Monaten sind an eine Reihe hiesiger Industrieller, insbesondere der Porteseuillebranche, behördliche Aufforderungen zur Anmeldung des Betriebes zur Unfallversicherung gerichtet worden. Diese Aufforderungen, welche wohl sämmtlich aus Anträge der betreffenden Berussgenossenschaften zurückzuführen sind, wurden nicht blos an Fabriken, in welchen Dampfkessel, Gasmotoren 2c. benutzt werden oder welche 10 Arbeiter beschäftigen, gerichtet, sondern auch an zahlreiche kleine Betriebe, welche seither weder von den Geschäftsinhabern selbst noch von der Polizeibehörde als versicherungspflichtig betrachtet wurden. Es fragt sich nun, ob für diese kleinen Betriebe die Unfallversicherungspflicht wirklich besteht und auf Grund von welcher Gesetzes- Vorschrift. § 1 des Unsallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 erklärt bekanntlich „Fabriken" als versichcrungspflichtig. Nach Absatz 3 des genannten Paragraphen sind Betriebe mit Dampfkesseln rc., sowie solche Geschäfte, in welchen die Bearbeitung von Gegenständen gewerbsmäßig durch mindestens 10 Arbeiter erfolgt, als Fabriken anzusehen. Hiernach wären also kleinere Geschäfte nicht versicherungspflichtig, wenn nicht Absatz 5 desselben Paragraphen den wichtigen Zusatz enthielte: „welche Betriebe außerdem als Fabriken im Sinne dieses Gesetzes anzusehen sind, entscheidet das Reichsversicherungsamt." Das Reichsversicherungsamt hat also die Befugniß, die Unfallversicherungspflicht durch seine Entscheidungen noch weiter auszudehnen und hat hiervon auch ausgiebigen . Gebrauch gemacht. So wurden in wiederholten Entscheidungen insbesondere solche kleine gewerbliche Etablissements verschiedener Branchen für unfallversicherungspflichtige Fabriken erklärt, welche nicht für den Detailverkauf, sondern zum Berkaus en Gros arbeiten, auch wenn keinerlei gefährliche Maschinen im Betrieb gebraucht und nur 2 bis 3 Arbeiter beschäftigt werden. Da sonach der gesetzliche Begriff der „Fabrik" keineswegs feststeht, sondern durch die Entscheidungen des Neichsversicherungsamts im einzelnen Fall bestimmt wird, so kann es den betreffenden Industriellen nur empfohlen werden, sich durch Anmeldung ihrer Betriebe zur Unfallversicherung Gewißheit zu verschaffen, ob der Betrieb als unfallversicherungspflichtig angesehen ist. — Alsfeld, 3. Juli. Ein in der That seltenes Jubiläum feierte hier der brave Bürger Jacob Kemmer, nämlich sein 50jähriges Arbeitsjubiläum in ein und demselben Hause der Familie Diehl. Von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog wurde ihm die silberne Medaille für langjährige, treue Dienste verliehen und von Herrn Kreisrath v. Grolmann überreicht. Der Vorsitzende des Provinzial- Gewerbe-Vereins, Herr Eisenbahnbaumeister Schoberth, übergab ihm Namens des Gewerbevereins 50 Mk. Auch sonst empfing der Jubilar zahlreiche Geschenke. Eine Capelle brachte ein Ständchen, wobei der Dirigent derselben herzliche Worte an den biederen Arbeiter richtete. Fürwahr, solche treue Arbeiter sind eine Seltenheit in unserer Zeit und verdienen der Ehre und Anerkennung umsomehr. Nierstein, 2. Juli. Ein recht bedauernswerther Unglücksfall ereignete sich heute Abend unterhalb Nierstein am Rheine. Der circa 20jährige Wingertsarbeiter Stephan Hebling war damit beschäftigt, aus einem Nachen Säcke, die mit Weizen gefüllt waren, in die dem Weingutsbesitzer Herrn Anton Balbach gehörende Rheinmühle zu tragen. Ob hierbei H. ausrutschte oder infolge der schweren Säcke das Gleichgewicht verlor, ist nicht ermittelt, genug, er stürzte von der Pritsche in den dort sehr tiefen und reißenden Strom und ertrank, ehe Hilfe zur Stelle eilte. Wegen der balv eingetretenen Dunkelheit konnte die Leiche bisher nicht geborgen werden. Vermischtes. * Wetzlar, 3. Juli. Die Lahn hat auch dieses Jahr wieder ihr Opfer gefordert. Heute Morgen gegen 11 Uhr ist der 11jährige Knabe Wilhelm Brühl beim Baden in der Lahn, unterhalb der früheren Schwimmanstalt, ertrunken. Die Leiche ist bis zur Stunde noch nicht geborgen. — Wie der „Wetzl. Anz." aus bester Quelle erfährt, soll bei dem vorstehend erwähnten Ereigniß kein Unfall, sondern — kaum glaublich — em unzweifelhafter Selbstmord vorliegen. Der Knabe soll seinen Kameraden gegenüber schon wiederholt und zuletzt heute Morgen geäußert haben, daß er sich ertränken werde. Auch scheint für eine solche Absicht der Umstand zu sprechen, daß der Junge nach Aussagen der Augenzeugen direct von einer Stange kopsüber in das tiefe Wasser gesprungen ist. Nach dem Sprunge soll er noch einmal aufgetaucht sein und den am Ufer stehenden Buben zugerufen haben, daß er nicht mehr wiederkommen werde. * Frankfurt a. M., 3. Juli. Der Fall Lieske, der mit einer gewissen Regelmäßigkeit um die wärmere Jahreszeit in irgend einer neuen Form wieder austaucht, beschäftigt, wie eine hiesige Localcorrespondeuz zu melden weiß, von Neuem unsere Polizeibehörde. Ein im Norden der Außenstadt wohnhafter Kaufmann, der beim Lieskeproceß Geschworener war, erhielt gestern ein mit drei Kreuzen unterfertigtes Schreiben folgenden Inhalts: „Nehmen Sie sich in Acht beim Nachhausegehen Abends. Man hat noch nicht vergessen, daß Sie s. Z. für den Tod Lieskes gestimmt haben!" Der Kaufmann hat das Schreiben der Polizeibehörde vorgelegt. Hoffentlich gelingt es, den Urheber dieses unpassenden Scherzes- gebührend zur Rechenschaft zu ziehen. * Berlin, 23. Juni. Ein mit sehr lebhafter Phantasie begabter hiesiger Localberichterftatter weiß folgende Neuigkeit zu melden: „Ein ganz eigenartiges Ansinnen ist der türkischen Regierung vor einigen Tagen gestellt worden. Einer unserer Landsleute, ein „Unternehmer" oder „Impresario", der jenseits des Oceans mehrere Tournees mit Erfolg unternommen und den die Lorbeeren des kürzlich verstorbenen Barnum nicht schlafen lassen, will sich verpflichten, der türkischen Regierung 250000 Francs zu zahlen, wenn ihm dieselbe den Räuberhauptmann Athanas, falls derselbe gefaßt wird, für „ein Jahr leihweise" überläßt. Der deutsche Barnum will sich nämlich contractlich verpflichten, Athanas, mit dem er eine Rundreise durch die ganze Welt zu machen, gedenkt, nach einem Jahre wieder an die Pforte zurückzu- liesern und für genügende Bewachung des Räubers Sorge zu tragen, überhaupt durch eine zu hinterlegende hohe Cau- tion jede Sicherheit gegen einen etwaigen Fluchtversuch des Räubers von Tscherkeßköi zu übernehmen. Wie der Herr Impresario am Schluffe seines Bewerbungsschreibens sagt, wäre durch Eingehen der Regierung auf feinen Antrag beiden Theilen geholfen: die Regierung bekäme dadurch ihr an Athanas gezahltes Geld mit reichlichen Zinsen wieder und außerdem nach Ablauf des Jahres ihren Räuberhauptmann, den sie ja dann noch vor Gericht stellen könne!" * Gotha, 30. Juni. Von einem „neuen Sport", einem Wettlaufen in einem Krankenhause, wird berichtet : Der Wettlauf wurde von vier am Beine amputirten Patienten des hiesigen städtischen Krankenhauses unternommen und zwar auf Anregung des Directors, der auch drei Preise, zwei Flaschen Rothwein und 25 Stück Cigarren, zur Verfügung stellte. Den ersten Preis holte sich der 20jährige M., den zweiten der 64jährige S. und den dritten der 36- jährige W. Dieser Sport sollte vorzugsweise dazu dienen, die betreffenden Patienten anzuspornen, ihre fehlenden und durch mechanische Bestandtheile ersetzten Glieder richtig gebrauchen zu lernen. * Der an die Johannisnacht anknüpsende Aberglaube hat diesmal ein Menschenleben gefordert. Von Rummelsburg meldet man darüber: Die bei dem Rentier Sch. bedienstete 18jährige Auguste Z. wurde in der Nacht zum Donnerstag von einem spät nach Hause zurückkehrenden Bewohner bewußtlos im Garten liegend gefunden. Da das Mädchen sich nicht wieder erholte, wurde ein Arzt herbeigerufen, der die Uebersührung der Patientin nach einem Krankenhause anordnete, wo die Z. im Laufe des nächsten Tages verstarb. Die Bedaueruswerthe hatte, einem alten Brauche in der Mark folgend, sich in der Johannisnacht nach dem Garten begeben, um dort von verschiedenen Pflanzen Blätter zu sammeln, die, unter das Kopfkissen gelegt, der Schlafenden im Traum das Bild des Zukünftigen zeigen sollten. So war das Mädchen bis an einen Kreuzpsad des Gartens gekommen, als ihm plötzlich eine Gestalt entgegentrat, bei deren Anblick die Z. so erschrak, daß sie ohnmächtig zu Boden stürzte, während das Gespenst verschwand. Es war ein in demselben Hause dienendes Mädchen gewesen, das ebenso wie die Z. den Brauch in der Johannisnacht hatte probiren wollen. Leider hatte sie die Z. nicht bemerkt und war wieder rasch nach Hause zurück- gekehrt, ohne der Ohnmächtigen Hülse leisten zu können. * Interessante Einblicke in die Geschäftsgeheimnisse der fahrenden Leute, jenes Völkchens, das unsere Volkslocale belebt, bietet der Jnseratentheil des „Phönix", des Haupt- und Centralorgans reisender Schausteller, Artisten und Beruss- genoffen. Es ist eine bekannte Thatsache, daß alle diese Glücksbuden-, Schießhallen-, Carousselbesitzer, Schnellphotographen und dergleichen meist so gute Geschäfte machen, daß sie nach einigen Jahren ruhelosen Wanderns in ein behagliches Privatleben sich zurückziehen können, und in der That, der Verdienst dieser Leute ist ein ganz respektabler. Wer hätte nicht schon einmal zum Würfelbecher gegriffen, wenn man für 10 Psg. „allemal" gewinnt und doch kosten die Sachen, die hier verspielt werden, dem Glücksbudenbesitzer pro Gros nur eine Mark, also pro Stück noch nicht einen Pfennig. 10-Pfg.- Artikel, die mit 2 und 2*/2 Psg. bezahlt werden, sind schon wahre Prachtstücke. Jene „kostbaren" Alabaster-Tischlampen, welche die glücklichen Gewinner mit besonderem Stolz Heimtragen, haben einen Einkaufswerth von 75 Psg. und jene prächtigen „Majolika-Tischlampen mit Tulpen", die als besondere Schaustücke hinter dem Glücksrade prangen, sind schon für 2 Mk. 25 Pfg. käuflich. Die „klugen Frauen", die der neugierigen jungen Welt in wohlverschlossenem Couvert das Bild des oder der „Zukünftigen" geheimnißvoll überreichen, bezahlen 5000 dieser Bilder „wohlassortirt" mit 60 Mk. Verlangt die Wahrsagerin nur „junge" Herren und Damen, so muß sie freilich für das Tausend schon 20 Mk. anlegen, kann dann aber sicher sein, ihre Kunden wahrhaft glücklich zu machen. Schnellphotographen haben pro „Kiste" Ferrotyp- platten 50 Mk. zu zahlen. Jede „Kiste" enthält 200 solcher Platten. Couverts für Schnellphotographien, „domförmig und in schönen Farben", kosten pro 1000 nur 6 Mk. und die eleganten Glasrahmen, die die Schnellphotographen zu ihren Bildern verkaufen, sind schon mit 11 Mk. pro Gros zu haben. Natürlich müssen auch die Schnellphotographen mir der Zeit gehen und das Magnesium-Blitzlicht ist auch aus dem Jahrmarkt keine seltene Erscheinung mehr. Die Sache ist auch nicht unerschwinglich für die Leute, denn eine derartige Blitzlichtlampe, speciell für „Schnellphotographie" eingerichtet, kostet nur 17 Mk. Sehr beliebt für Schaustellungen sind jetzt die Grammophon, die mit 42 Mk. bezahlt werden müssen, sich aber tausendfach verzinsen. Panoramagemälde werden nach laufenden Fuß berechnet, in „bester Ausführung" ist der Fuß mit 5 Mk. zu bezahlen. Für Wachsfiguren- Cabinets bestehen u. A. in München großartig eingerichtete Werkstätten mit „Dampfwachsgießereien", Bossir-Ateliers, Gipssormereien, mechanischen Werkstätten 2C. Kanonen-Billards, für 20 Personen zum Spielen eingerichtet, werden für 500 Mk. ausgeboten. — Ein gutes Geschäft machen auch die Händler mit sogenannten „Zugartikeln", die „fidelen Clowns", jener amüsante und gern gekaufte Scherzartikel zum Aufziehen, kostet pro Gros nur 10 Mk. 20 Pfg. Man sieht daraus, wie „Geld" bei diesem Handel gemacht werden kann. * Abgelenkt. Gattin (im Walde promenirend): „Nein, Hans, mit diesem blauen Kleide gehts nicht länger- sieh, das paßt gar nicht zu dem Frühlingsgrün." — Gatte: ,/Hilft nichts, liebes Kind, ich kann Deines Kleides wegen die Bäume nicht blau an st reichen lassen!" * Moderne Anzeige. „Ein Verzweifelter sucht eine Leidensgefährtin zu gemeinschaftlichem Lebensabschluß. Für den Fall gegenseitigen Gefallens Weiterleben, bezw. Heirathen nicht ausgeschlossen." Landwirthschastiiche Winke und Rathschläge. △ An- Oberhellen, um Johannistag. Ein gutes deutsches Sprichwort sagt: „Mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kommt man aus." Wer soll das noch nicht an sich selbst erfahren haben! Es ist in der Regel so, daß man mit Wenigem, sobald umsichtig und sparsam gewirtschaftet wirb, am Jahresschlüsse gerade so weit gekommen ist, wie mit Vielem, ja, daß man sogar noch etwas mehr übrig hat, als bet Ueberfluß! Das Jahr 1891 bringt uns lebhaft das oben angeführte Sprichwort ins Gedäcktniß, wenn wir auf die in Aussicht stehende Stattet» und Strohernte unser Augenmerk richten. Da viel Roggen in Folge des Auswtnterns umgepflügt werden mußte, so wird es naturgemäß an Streuftroh weniger geben. Es heißt also hier: Wer sich nicht nach der Decke streckt, dem bleiben die Füße unbedeckt. Das Heugras wird, wie die Versteigerungen aus verschiedenen Gegenden beweisen, recht hochpi eisig, denn der Massenzuwachs ist in Folge der nicht günstigen Witterung etwas zurückgeblieben. Die Kleearten: Deutscher, Luzerne, türkischer Klee haben ebenfalls durch Frost gelitten und geben nur in günstigen Lagen eine gute volle Ernte. Daraus ergibt sich ganz von selbst, daß man im Winter -um Futterftroh: Gersten- und Haferstroh, in vielen Fällen auch Weizenstroh greifen wird. Die guten Eigenschaften der genannten landwirthschafllichm Producte ersetzen selbstverständlich vieles an der Masse. Also heißt es: sparsam sein und haushalten, denn Stattet «itt> Stroh werben ein seht gesuchter Artikel sein, und der Bauer kann sich arm daran kaufen, wenn Keller, Speicher und Scheuer zu frühe leer werden. Was ist nun zuvörderst zu thun. Vor Allem sind solche Pflanzungen zu machen, die bei gegenwärtiger Zeit und Witterung vortheilhaft gemacht werden können. Der Bauer wird deshalb im Verhältniß zu seinem Grundbesitz und im Verhältniß zum Ausfall an Halmfutter einige Stücke mit Knollengewächsen: Dickwurzel, Untererdkohlraben u. v. A. anpflanzen. Ganz besonders wird sich dieses Jahr der Anbau von Futtermais, auch Pferdezahnmais genannt, empfehlen. Wir werden auf diese Futterpflanze, die sich durch vortrefflichen Einfluß aut Milch- production der Kühe, durch Leichtverdaulichkeit, günstigen Einfluß auf die Gesundheit der Thiere und große Futtererträge auszeichnet, demnächst einmal eingehender zurückkommen. Das Zukaufen von Futter kostet also voraussichtlich schweres Geld. Daraus ergiebt sich umgekehrt: Derjenige, der Stattet nnb Strenmaterial ersparen und verkaufen kann, mutz dei diesen stattlichen Preisen einen schönen Posten Geld ttnnebmen und es ist sehr wohl darum werth, daß man sparsam fft und sich behilft. So dreißig oder vierzig Eentner Heu oder Stroh sind in einem Winter, selbst in einer kleinen Wirthschaft, wie nichts verplempert, wodurch der Bauer 120 bis 150 Mark zwecklos zum Fenster hinausgeworfen hat, das heißt: Etwa soviel als seine directe Staatssteuern betragen mögen — und was ist das doch für äraerlich Geld. Der Bauer mutz entschieden rechnen lernen! Wir haben das schon des Oefteren hervorgehoben und werden es stets thun, sobald sich irgend eine paffende Gelegenheit hierzu bietet. Diese Gelegenheit wird sich im Laufe des Jahres wohl noch einige Mal zu Nutz und Frommen des freundlichen Lesers ergeben. Wie sehr sich das Rechnen gerade bei Streumaterial empfiehlt, zeigt folgendes practische Beispiel. Die älteren Leser dieser Zeitung erinnern sich noch der tropisch heißen Jahre 1857, 1858 und 1859. In den beiden letztgenannten Jahren mußten Stroh und Futter fast mit Geld ausgewogen werden; massenhaft wurde das Vieh, um Schleuderpreise natürlich, abgeschafft. Ein näherer Bekannter des Schreibers dieser Zeilen wußte sich in die Lage besser als viele Andere zu schicken. Durch Bretter- und Latteneinrichtungen ersparte er das Streustroh für das Rindvieh und wenn dieses auch etwas mehr gereinigt werden mußte, als bei Stroh, so brauchte er es doch nicht zu verschleudern. Jedes Hälmchen Futter an Böschungen und Rainen wurde zu Rathe gehalten; so konnte er noch Stroh und Futter verkaufen und als die nassen 1860er Jahre kamen, hatte sich der intelligente Mann gänzlich schuldenfrei gemacht, hatte sein Vieh beisammen, brauchte kein theueres anzuschaffen und hatte noch ein Stück Geld übrig. Solche Beispiele muß man anführen, um den Leuten zu zeigen, daß man in jeder Lebensfrage anständig durchkommen kann, sobald man nur die Verhältnisse richtig zu benutzen versteht. Man darf die Schlafmütze nicht über die Ohren ziehen, unseren Herrgott einen guten Mann sein lassen und den Mund aufsperren, damit nöthigen- falls eine gebratene Taube hineinfliegen könnte. Nein! Bet' und arbeit'! heißt es. Gebrauche deinen Kopf, deinen Verstand, deine Hände, dazu sind sie dir von deinem Schöpfer gegeben worden, es wird dann schon gut werden. Auszug aus den Stan-esarntsregiftern der Stadt Gießen. _ Aufgebote» Juni: 27. Heinrich Nicklaus, Schuhmacher dahier, mit Christiane Johanna Henriette Salzmann Wtttwe dahier. 27. Ludwig Müller, Taglohner von Hausen, mit Katharina Nerb dahier. Juli: 1. Friedrich Wilhelm Simon, Friseur dahier, mit Mathilde Luise Pfeffer dahier. 2. vr Eduard Peter Btllhardt, Rechtsanwalt zu Alzey, mit Franziska Therese Katharine Koch von hier. 3. Philipp Berntheusel, Feldwebel dahier, mit Marie Henriette Pauline Dörr zu Griedel. , Eheschließungen. .. «3unr : k^ann Nicolaus Fritsch, Pfarrer zu Ober-Seemen, mit Karoline Wilhelmine Bertling von hier. 3. Hans Louis Paul Alexander Müller, Photograph dahier, mit Luise Sophie Helene Pflüger Hierselbst. Geborene. Juni: 20. Dem Schuhmacher Martin Simon eine Tochter. 24 Dem Kaufmann Friedrich Habenicht ein Sohn. 26. Dem Taglöhner Heinrich Brück ein Sohn, Karl. 29. Dem Etsendreher Heinrich Gebauer ein Sohn. _ , Gestorbene. zh r \ 20' Philipp Velten, 26 Jahre alt, Bahnarbeiter von Großen-Linden. 26. Karl Btebrtcher. 16 Jahre alt, Lithograph dahier. 27. Simon Flörsheim, 63 Jahre alt, Rentner dahier. 29. Wilhelmine Auszug aus den Uircherrbüchesn der Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. _ _ Getraute. Am 1. Juli. Johann Nikolaus Fritsch, Pfarrer zu Ober- Seemen, und Caroline WUhelmine Bertling, Tochter des Steueraufsehers Johannes Bertling zu Gießen. Getaufte. Am 28. Juni. Dem Straßenkehrer Nikolaus Rausch eine Tochter, Caroline Elise Katharine, geb. am 30. Mai. Dens. Dem Lackierer Philipp Martin Ludwig Wagner ein Sohn, Louis Adolf, geb. am 27. Mai. Dens. Dem Gastwirth Carl Kratz ein Sohn, Georg Ernst, geb. am 23. Mai. Dens. Dem Buchhalter Wilhelm Jakob Rau ein Sohn, Georg Wilhelm Theodor Hans, geb. am 4. Juni. Dens. Dem Schuhmacher Philipp Rupp eine Tochter Caroline, geb. am 10. Juni. Dens. Dem Metzger und Wirth Carl Burkhardt ein Sohn, Hans Conrad Fritz Ernst Carl, geb. am 16. April. Dens. Dem Schlosser Christian Sigle eine Tochter, Ottilie Elisabethe Marie, geb. am 14. Mai. Dens. Ein außerehelicher Sohn, Philipp, geb. am 15. Juni. Am 30. Juni. Dem Postasfistenten Wilhelm Kammer eine Tochter, Julie, geb. am 18. Mai. Beerdigte. Am 27. Juni. Bertha Worms, ledige Tochter des verstorbenen Kaufmanns Adolf Worms, alt 48 Jahre, starb am 26. Juni. Am 28. Juni. Carl Biebricher, Lithograph, Sohn des Schmiedemeisters Philipp Biebricher, alt 16 Jahre, starb am 26. Juni. Am 30. Juni. Wilhelmine Wiedmeyer, geb. Plank, Wittwe des Damenschneiders Heinrich Wiedmeyer, alt 75 Jahre, starb am 29. Juni. Am 2. Juli. Ludwig Walter, Baurath, Großh. Kreisbaumeister i. P., alt 67 Jahre, starb am 30. Juni. Dens. Dorothea Keil, ledige Tochter des verstorbenen Lederhändlers Carl Keil, alt 52 Jahre, starb am 30. Juni. Verkehr, Land, und volkswirthschaft. Gießen, 4. Juli. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter pr. Pfd. X 0,85—1,10, Hühnereier 1 St. 0, 2 St. 11-13 H, Enteneier 1 St. 7- 4, 2 St7- 3, Käse pr. St. 5—8 Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 18 Linsen pr. Liter 30 H, Tauben pr. Paar X 0,80—1,00, Hühner pr. Stück X 1,20—1.40, Hahnen pr. St- X 1,50—2,30, Enten pr. Stück 2,00—2,30, Ochsenfleisch pr. Psd 70—74 X Kuh- und Rindfleisch 60—64 Schweinefleisch 56—64 H, Hammelfleisch 50—76 4, Kalbfleisch 50—56 4, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 9,00—0,—, Weißkraut pr. St. 3—7 Zwiebeln per Centner X 12,0—00.0, Milch per Liter 12—18 L, Kirschen per Pfd. 10—20 Frankfurt, 3. Juli. Der gestrige Markt im städtischen Viehhof war befahren mit 70 Ochsen, 3 Bullen, 39 Kühen, Rindern und Stieren und 294 Schweinen. Bet sehr trägem Geschäftsgang wegen geringen Bedarfs der Metzger konnten die Händler nicht die Preise vom Montag erzielen; auch verblieb ein namhafter Rest. Von den 70 Ochsen waren 50 österreichische. Wiedmeyer, aeb. Plank, 75 Jahre alt, Wittwe von Damenschneider Heinrich Wiedmeyer dahier. 30. Thomas Albert Handrich, 11 Monate alt, Sohn von Kaufmann Albert Handrich dahier. 30. Anna Margarethe Walter, 3 Jahre alt, Tochter von Installateur Peter Walter dahier. 30. Baurath Ludwig Walter, 67 Jahre alt, Großh. Kreisbaumeister i. P. dahier. 30. Dorothea Keil, 52 Jahre alt, ledig dahier. Juli: 1. Elise Rosa Bertha Wehrheim, 3 Jahre alt, Tochter von Lehrer Johannes Wehrhetm dahier. 2. Robert Christian Konrad Loth, 4 Jahre alt, Sohn von Wirth Carl Loth dahier. Eingesandt. Gießen, 4. Juli 1891. Könnte das Hochlöbliche Polizeiamt nicht gegen das nächtliche Bellen verschiedener großer und kleiner Hunde in den Neuen Bäuen und dem Neuen Wege etnfdjreiten? Temperatur der Lahn und Lust gemessen am 4. Juli, Vormittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 17, Luft 17 Grad Reaumur. L. Chr. Rübsamen Wwe. Waaren-Versteigerung. Dienstag, den 7. Juki, Nachmittags von 2 Uhr an werden im Saal der Restauration Bieker, Neustadt 5 5, aus dem Lagerbestand der früheren Firma Friedrich Emil Loos nachbenannte Waaren meistbietend versteigert: 6150 Kleiderstoffe, Möbel- und Kleiderkattun, Lama, Druckzeug, Flanell, Bettzeug, Schürzenstoff, Biber, Baumwollenbiber, Kalmuk, fertige Hosen, Westen, Jacken, Handtücher, Shlipse u. s. w. Z. A.: 1-ouis Rothenberger, Auktionator. Lahnkalk-Industrie Äug. 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